Mission Munroe. Die Spezialistin - Taylor Stevens - E-Book

Mission Munroe. Die Spezialistin E-Book

Taylor Stevens

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Beschreibung

Vanessa Michael Munroe hat sich nach Dschibuti, Afrika, zurückgezogen und arbeitet bei einer kleinen Sicherheitsfirma. Es ist ein ruhiges Leben, bis sie beauftragt wird, ein Schiff Richtung Kenia zu begleiten. Mitten auf See entdeckt sie, dass sich eine illegale Waffenlieferung an Bord befindet. Nur Stunden später wird das Schiff von somalischen Piraten angegriffen, und Munroe gelingt es in letzter Sekunde, mit dem schwer verletzten Kapitän ans somalische Festland zu fliehen. Doch schon bald muss sie herausfinden, dass die Piraten nicht auf die Ladung des Schiffes aus waren, sondern auf dessen Kapitän ...

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Seitenzahl: 601

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Buch

Vanessa Michael Munroe hat sich nach Dschibuti, Afrika, zurückgezogen und arbeitet inkognito als unbedarfter junger Mann getarnt bei einer kleinen Sicherheitsfirma. Es ist ein ruhiges Leben, denn niemand ahnt, was in Wahrheit in ihr steckt. Bis sie beauftragt wird, ein Schiff Richtung Kenia zu begleiten. Mitten auf See entdeckt sie, dass sich eine illegale Waffenlieferung an Bord befindet. Nur Stunden später wird das Schiff von somalischen Piraten angegriffen, und Munroe gelingt es in letzter Sekunde, mit dem schwer verletzten Kapitän ans somalische Festland zu fliehen, ohne enttarnt zu werden. Schon bald muss sie aber herausfinden, dass die Piraten nicht auf die Ladung des Schiffes aus waren, sondern auf dessen Kapitän. Es wird Zeit, ihr ruhiges Leben hinter sich zu lassen und die Fähigkeiten zu nutzen, die sie zu einem gefährlicheren Feind machen, als ihre Widersacher jemals ahnen könnten …

Weitere Informationen zu Taylor Stevens

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

TAYLOR STEVENS

Mission Munroe

Die Spezialistin

Thriller

Übersetzt

von Leo Strohm

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel

»The Catch« bei Crown Publishers,

an imprint of the Crown Publishing Group,

a division of Random House Inc., New York

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung September 2015

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Taylor Stevens

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic®, München

Redaktion: Alexander Behrmann

MR · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-15441-7

www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz:

Für meine Leserinnen und Leser.

Mit Eurer Begeisterung für die ersten Bücher dieser Reihe habt ihr es möglich gemacht, dass Munroe noch einmal in den Sattel steigt.

Darum ist dieses Abenteuer Euch gewidmet.

Vielen Dank.

Kapitel 1

Dschibuti, Dschibuti

Sie saß auf dem Dach und wartete, folgte mit den Augen dem Verlauf der Straße, ein Bein über der Dachkante hängend, das andere angezogen, sodass sie das Kinn auf das Knie stützen konnte, und lauschte den leisen, stetig näher kommenden Geräuschen des Kletterers.

Hier, vier Stockwerke über der Straße, war der Gestank nach fauligem Müll etwas weniger durchdringend, war die Luft ein wenig kühler, und wenn sie aufstand und sich streckte, dann konnte sie hinter einer baumbestandenen Fläche und ein paar staubigen, flachen Häusern sogar den Hafen sehen, der sich wie ein kaum sichtbarer Farbfleck vom dahinter liegenden Ozean abhob. Das war Dschibuti. Schmutzig. Ruhig. Korrupt. Eine eigene Welt, weit weg von den Regenwäldern und der Feuchtigkeit und der Vertrautheit Äquatorialafrikas, dem Ort ihrer Geburt, und doch ganz ähnlich. Ein stecknadelkopfgroßer Fleck auf der Landkarte zwischen Somalia und Äthiopien, ein Wüstenstaat am Nadelöhr zwischen dem Roten Meer und dem Golf von Aden mit weniger als einer Million Einwohnern. Und die Hälfte davon lebte hier, in der Hauptstadt.

Von unten drang Geplapper nach oben. Ein paar Frauen in knöchellangen Gewändern, die Köpfe mit bunten Tüchern verhüllt und mit großen Bündeln bepackt, gingen vorbei. Sie nahm ein scharrendes Geräusch in ihrem Rücken wahr. Der Kletterer hatte sich über die Dachkante gezogen, war aufgestanden und hatte sich die staubigen Hände an der Hose abgeklopft. Jetzt kam er langsam, fast bedächtig, auf sie zu.

Vanessa Michael Munroe drehte sich nicht um. Machte keine Anstalten, seine Anwesenheit zur Kenntnis zu nehmen, als er neben ihr stehen blieb und auf die Straße hinunterblickte. Ignorierte ihn auch dann noch, als er sich ein, zwei Meter neben ihr auf das Dach setzte und, begleitet von einem zufriedenen Seufzer, die Beine über die Seite schwang, sich zurücklehnte und die Umgebung betrachtete.

Es waren hauptsächlich ein- bis zweistöckige Gebäude, überwiegend Wohnhäuser, die sich in beide Richtungen dicht an dicht die Straße entlangzogen, manche mit ummauerten Innenhöfen, die mit Müll übersät waren, und manche nicht.

»Schöne Aussicht«, sagte Leo. »Und die Luft ist auch besser. Es stinkt nicht so.«

Sie gab keine Antwort und ignorierte ihn weiterhin. Er hätte sich die mühsame Kletterei sparen können und ihr das zähe Geplauder nicht aufdrängen müssen, wenn er einfach nur ihre Rückkehr abgewartet hätte. Aber er war zu ihr gekommen. Indem er ihr demonstrierte, dass er ihre Gewohnheiten kannte und jederzeit in der Lage war, sie zu durchbrechen, markierte er sein Territorium. Sie unternahm nichts, um diese Illusion zu zerstören, genau wie sie ihn in dem Glauben ließ, dass er wusste, wer sie war, woher sie gekommen war und weshalb sie hier war.

Schweigend saßen sie auf dem Dach. Die Sonne ging langsam unter, und die abendliche Brise sorgte für Abkühlung, trotzdem rann ihr der Schweiß den Rücken hinab. Ihr T-Shirt war klatschnass. Die Hitze machte ihr weniger aus als ihm, darum wartete sie so lange, bis er die Situation und die ausgedehnte Stille nicht mehr länger ertrug und sagte: »Wir gehen heute Nacht um zwei Uhr an Bord.«

Sein Englisch hatte einen harten Akzent, aber dass er sie in ihrer Sprache angesprochen hatte und nicht, wie sonst üblich auf Französisch, war wieder nur eine seiner sinnlosen Provokationen.

Sie erwiderte: »Ich bin immer noch nicht interessiert.«

Er nickte, als hätte ihre Weigerung ihn nachdenklich gemacht, stellte sich dann an die Dachkante, sodass die Zehen überragten, und blickte nach unten. Wischte sich erneut die Hände an der Hose ab und trat einen Schritt zurück. »Es ist deine Entscheidung«, sagte er. »Aber wenn du nicht mitkommst, dann will ich, dass du noch heute Abend verschwindest.«

Das Kinn immer noch auf das Knie gestützt, den Blick auf die schmutzigen Gassen und die Dächer mit den Wäscheleinen und die im Wind flatternden Wäschestücke gerichtet, erwiderte sie: »Aber wieso? Ich bin doch nur im Weg, wenn ich mitkomme.«

»Mag sein«, meinte er. »Trotzdem. Entweder du kommst mit, oder du verschwindest.«

Sie hob den Kopf und sah ihn zum ersten Mal an. »Und wer wird dann dein Mittelsmann?«

Er trat noch einen Schritt zurück. »Ich bin vorher ohne dich zurechtgekommen, und ich komme auch zurecht, wenn du wieder weg bist.« Bei diesen Worten entfernte er sich bereits von ihr.

Sie richtete sich auf und sah ihm nach. »Aber um dich geht es doch gar nicht. Du bist ja nicht derjenige, der ohne mich zurechtkommen muss«, sagte sie. »Deshalb dürfte die Entscheidung auch nicht bei dir liegen.«

Leo hielt kurz inne, ohne sich jedoch umzudrehen.

Sie beobachtete ihn genau, zählte die Sekunden, machte sich bereit, schnell zu reagieren, falls er auf ihre Provokation einging und versuchte, sie vom Dach zu stoßen.

»Es wäre klüger gewesen, am Nachmittag an Bord zu gehen«, sagte sie. »Wenn die Khat-Laster kommen.«

Seine zu Fäusten geballten Hände lockerten sich wieder ein wenig. Er wandte sich zu ihr um, und sie starrte ihn an, bis er ihr in die Augen schaute. Dann wandte sie sich ab, erschrocken, ertappt.

Das gehörte zu ihrer Rolle. Hier war sie die Zögerliche, die jeder Konfrontation aus dem Weg ging. Dadurch nahmen die Männer sie nicht ernst und unterschätzten sie, beachteten sie kaum. Wobei sich nicht genau sagen ließ, wie lange das noch so bleiben würde. Genau wie die anderen hatte auch Leo mehr Lebenserfahrung, als seine knapp vierzig Lebensjahre vermuten ließen. Er war nicht dumm, aber er war oft unterwegs. Wenn er jedoch da war, ging sie ihm so gut wie möglich aus dem Weg, um seiner Neugier möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.

Während er ihren Rücken mit Blicken durchbohrte, sagte Munroe: »Wem willst du eigentlich aus dem Weg gehen, dadurch dass du so früh an Bord gehst? Dem Schiffsagenten?«

»Ja.«

»Der wird so oder so Wind davon bekommen. Aber wenn ihr an Bord geht, während die Khat-Laster ankommen, sind alle Leute im Hafen nur noch damit beschäftigt, sich ihren Anteil zu sichern. Dann interessiert sich kein Mensch für euch.«

»Uns.«

»Vielleicht.«

»Du kommst mit, Michael.«

Keine Bitte, keine Frage, sondern ein Befehl.

»Vielleicht«, sagte sie.

Leo wandte sich wieder ab und ging zu der Stelle, an der sie beide heraufgeklettert waren. Dort war der Dachüberhang nicht ganz so groß, und man konnte relativ gefahrlos vom Rand auf den nächsten Balkon und dann auf die angrenzende Mauer springen. Etwas lauter fügte Munroe noch hinzu: »Ohne mich würdet ihr heute Nacht nicht einmal in den Hafen kommen.«

Leo gab keine Antwort. Er winkte nur ab und ging weiter. Dann verschwand er über den Rand. Irgendwann auf dem Weg nach unten ächzte er einmal laut. Munroe stand auf. Ein dumpfer Aufprall zeigte an, dass er von der Mauer auf das Nachbargrundstück gesprungen war. Sie drehte sich um und ging an der Kante entlang bis zur entgegengesetzten Dachecke. Von dort konnte sie die bunten Containerstapel, immer vier oder fünf übereinander, im Hafen stehen sehen.

Irgendwo dort würde demnächst der Frachter Favorita festmachen, wenn es nicht bereits geschehen war, und Leo wollte, dass Munroe mit an Bord ging. Er zwang sie, sich zwischen Pest und Cholera zu entscheiden: Entweder sie schloss sich ihm und seiner Mannschaft von bewaffneten Söldnern an und setzte auf offener See ihr Leben aufs Spiel, falls das Schiff, mit dessen Schutz Leo beauftragt worden war, von Piraten attackiert wurde, oder aber sie kehrte dem Team endgültig den Rücken. Der Grund dafür war nicht schwer zu erraten. Ganz egal, welche Wahl sie traf, sie musste aus seinem Haus und damit auch aus der Nähe seiner Frau verschwinden.

Munroe kam jetzt zu der Stelle, wo Leo abgestiegen war, ging in die Hocke und sprang von der Dachkante auf den schmalen Balkon. Hinter der Glastür stand ein fünfjähriges Mädchen und winkte ihr zu. Munroe winkte zurück. Das Mädchen lachte und schlug die Hände vors Gesicht. Munroe grinste.

Seit Monaten kam sie hierher, wurde bemerkt und angelächelt, hatte in unzähligen Nächten mit dem Schlaf Katz und Maus gespielt, hatte die verblassenden Sterne und die aufgehende Sonne betrachtet, ohne ein einziges Mal von den Hausbewohnern angesprochen zu werden. Mit der Zeit hatte sie ihre Tagesabläufe kennengelernt und gelegentlich ein paar Nüsse oder etwas Obst auf die Balkone gelegt, wenn nur die Kinder zu Hause waren. Ab und zu hatten sie ihr im Gegenzug etwas Selbstgemachtes hingestellt, aber heute nicht. Sehr passend zu einem Abschied. Das Mädchen spähte wieder zwischen seinen Fingern hindurch, und Munroe lächelte ihm zu. Dann kletterte sie über das Geländer und machte sich bereit zum Sprung auf den nächsten Balkon, vielleicht zum allerletzten Mal.

Sechs Monate lang hatte Dschibuti ihr das tröstliche Chaos geboten, das nur die Dritte Welt zu bieten hat. Im Lauf dieser sechs Monate war sie gezwungen gewesen, sich in einer von Vetternwirtschaft geprägten politischen Landschaft, einer Kultur der Bestechung und des Verfolgungswahns, dem Gestank und den Geräuschen und dem Gewirr einer tief in die Khat-Abhängigkeit verstrickten Gesellschaft zurechtzufinden. Nur dadurch war es ihr gelungen, die Schlangen, die in ihrem Kopf hausten, zu besänftigen.

Sie war wieder auf den afrikanischen Kontinent zurückgekehrt, dorthin, wo alles angefangen hatte. Hatte sich wieder einer Söldnertruppe angeschlossen, wie schon vor einem Jahrzehnt. Und genau wie damals war sie auch jetzt in Leos kleiner Schiffsbewachungsarmee kein vollwertiges Mitglied, sondern gab den Übersetzer und den Mittelsmann. Mit den Waffen und der ganzen Männerbündelei hatte sie nichts zu tun haben wollen. Obwohl sie durchaus die Fähigkeiten besaß, ein ganzer Kerl zu sein, hatte sie sich als Botenjunge verdingt. Das war ihre Vergangenheit, und sie hatte eine tröstliche Wirkung, vielleicht vergleichbar mit einem Zuhause, falls sie überhaupt so etwas wie ein Zuhause haben konnte. Ihre Eltern seien Englischlehrer gewesen, das hatte sie sich als Legende ausgedacht, und es hatte funktioniert. Leo und Amber Marie hatten keinen Anlass gehabt, daran zu zweifeln. Sie erledigte, was zu erledigen war, und nahm die Schürfwunden, die diese Arbeit mit sich brachte, in Kauf. In Dschibuti hatte sie eine gewisse Vertrautheit und Routine gefunden, das, was für einen Fabrikarbeiter die Stechuhr war. Hier waren die Stimmen in ihrem Inneren zur Ruhe gekommen, hier hatte sie etwas zu tun, ohne sich mit existenziellen Entscheidungen herumplagen zu müssen oder Verantwortung für das Leben anderer Menschen zu tragen. Leos Job war wichtig für sie, nicht wegen des Geldes, sondern um ihrer geistigen Gesundheit willen. Sicher, sie konnte sich wahrscheinlich auch einen anderen Auftraggeber suchen, aber das wollte sie nicht. Hier war sie tot, und genau das gefiel ihr. Sie war noch nicht wieder bereit, ins Reich der Lebenden zurückzukehren.

Munroe hangelte sich auf den zweiten Balkon hinab und weiter auf die Mauer. Von dort sprang sie in den Innenhof mit den beiden Flachbauten, die Leo als Operationsbasis dienten. Sie ging über die festgetrampelte, harte Erde unter dem großen Baum hindurch zum hinteren der beiden Häuser. Es hatte drei kleine Zimmer und ein paar Gemeinschaftsräume, die sie sich mit zwei anderen Teammitgliedern teilte.

Natan lag ausgestreckt auf dem Wohnzimmersofa. Den Fuß mit dem verbundenen Knöchel hatte er auf die hölzerne Armlehne gelegt. Anstatt sie, wie sonst, einfach zu ignorieren, beobachtete er sie. Als sie mitten im Zimmer angelangt war, sagte er: »Leo sucht dich.«

»Er hat mich gefunden«, erwiderte sie und blieb stehen. Kehrte um und stellte sich vor seinen Fuß. »Wie schlimm ist es eigentlich wirklich?«

Natan zuckte die Schultern.

»Habe ich mir gedacht«, meinte sie, und seine Miene verriet, was seine Worte verschwiegen: Er wusste genauso gut wie sie, warum Leo diesen Tausch vorgenommen hatte. Und wie sehr Natan auch bedauern mochte, dass er wegen einer kleinen Verletzung zu Hause bleiben musste, die Tatsache, dass er Leos überschäumende Eifersucht mit ansehen durfte, war vermutlich eine ausreichende Entschädigung dafür.

Munroe ging den gekachelten Flur entlang und betrat ihr Zimmer.

Sie hatte sich nie selbst als Mann ausgegeben, weder Leo noch Amber Marie noch einem anderen Teammitglied gegenüber. Obwohl sie im Lauf der Jahre, bedingt durch ihre Arbeit, ihre Umgebung oft in die Irre geführt hatte, war es dieses Mal nicht bewusst geschehen, sondern hatte sich einfach ergeben. In Ländern, wo man als allein reisende Frau Gefahr lief, in endlose Komplikationen verstrickt zu werden, kleidete sie sich generell anders. Bei ihrer Körpergröße und ihrer schlanken, androgynen Figur fiel ihr die Verwandlung nicht weiter schwer. Zumal die Rolle des jungen Mannes ihr allmählich zu einer zweiten Haut geworden war, fast selbstverständlicher als ihre eigentliche Identität.

Sie war unangemeldet in Leos Büro aufgetaucht und hatte nach Arbeit gefragt. Er hatte ihr eine zweiwöchige Probezeit angeboten. Mit ihren Fähigkeiten und ihrer Erfahrung war es nicht weiter schwierig gewesen, sich einen festen Platz in einem Unternehmen zu sichern, das zwar in puncto Waffen und Sicherheit hervorragend ausgestattet war, das aber nicht genügend Fingerspitzengefühl besaß, um die Zahnräder der Bürokratie regelmäßig, aber unauffällig zu schmieren. Dass sie als Mann zum Team gestoßen war, hatte etliche erfreuliche Nebenwirkungen gehabt: Sie musste keine sexistischen Sprüche ertragen, niemand baggerte sie an, und Leos Männer respektierten ihr Bedürfnis nach ein wenig Privatsphäre.

Nur leider hatte sie ihren Job zu gut gemacht, und die Ehefrau des Chefs hatte ihren Namen einmal zu oft erwähnt. Da Munroe zu Anfang keine Notwendigkeit gesehen hatte klarzustellen, dass sie eine Frau war, und es jetzt zu spät dafür war, sah es nach außen hin so aus, als sei sie der einzige Kerl, mit dem die Ehefrau sich während der langen Tage und Wochen, in denen die anderen unterwegs waren, die Zeit vertrieb und regelmäßig redete. Vielleicht war sie ja blind gewesen, aber dass ihr ein eifersüchtiger Ehemann Schwierigkeiten einbringen könnte, damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet.

Munroe blieb vor ihrer Zimmertür stehen und lauschte in die Richtung von Victors Zimmer.

Falls der Spanier da war, war nichts von ihm zu hören. Sie machte die Tür auf und stand in einem kahlen Raum: ein Bett, in dem sie nur selten schlief, ein leerer Schreibtisch, den sie neben das Bett geschoben hatte, sowie ein schmaler Schrank mit einigen wenigen Kleidungsstücken zum Wechseln. Die Möbel waren alle aus unterschiedlichen Epochen, kein Stück passte zum anderen. Keine Bilder an den Wänden. Keine persönlichen Gegenstände. Nichts, was darauf hindeutete, dass sie hierhergehörte.

Munroe setzte sich auf das Bett und zog einen Rucksack darunter hervor, der sie jetzt fast zehn Jahre lang und durch doppelt so viele Länder begleitet hatte. Sie hielt ihn fest und starrte ihn an, ohne ihn zu sehen, während ihr die Wahlmöglichkeiten, die Leo ihr gelassen hatte, durch den Kopf rasten: mit an Bord kommen oder das Team verlassen.

Wenn Leo keine Schwierigkeiten mit seiner Frau bekommen wollte, musste er es so aussehen lassen, als sei sie aus freien Stücken gegangen. Es gab zwar keine Bindungen, die ihr den Abschied irgendwie hätten schwer machen können, aber sein ungeschickter, unsensibler, tollpatschiger Versuch, sie in die Enge zu treiben, machte sie wütend. Die Versuchung war groß, selbst das eine oder andere klarzustellen. Es hatte nur einer kleinen Manipulation, einer kleinen Hinterhältigkeit bedurft, und schon war der Kampf in ihrem Inneren wieder voll entflammt.

Munroe seufzte. Vielleicht war sie doch nicht so tot, wie sie gedacht hatte. Sie stand auf. Zog den Reißverschluss des Rucksacks auf und warf die paar Klamotten aus dem Schrank hinein. Wider besseres Wissen würde sie heute Abend dieses Schiff besteigen, somalische Piraten hin oder her. Wenn sie dann zurückkamen, wenn sie dazu bereit war, würde sie Leo und Dschibuti verlassen, zu ihren eigenen Bedingungen.

Vor ihrer Tür raschelte es, und dann klopfte jemand an, sodass sie aus ihren Gedanken gerissen wurde. Amber Marie, die zweite Hälfte des Unternehmens, eigentlich sogar der Kopf des Ganzen, stand im Türrahmen. Sie hatte die blonden Haare zu einem strengen Knoten gebändigt und versteckte ihre wohlproportionierten Kurven und ihr Alter – sie war mindestens zehn Jahre jünger als Leo – unter viel zu weiten Kleidern. In Wahrheit arbeitete Munroe für Amber. Für sie löste sie Probleme in einer Welt, in der jeden Tag neue entstanden.

»Leo behauptet, dass du mitfährst«, sagte Amber.

»Kann sein.«

»Viel Zeit bleibt dir nicht mehr, um dich zu entscheiden«, sagte Amber und hielt kurz inne. »Aber ich schätze, du verlässt uns heute Abend, so oder so?«

Munroe nickte. »Sieht ganz danach aus.«

Amber lächelte. War ihr klar, dass Natans Verletzung für Leo lediglich ein billiger Vorwand war, um Munroe seinen Willen aufzuzwingen? Es ließ sich nicht sagen. Jedenfalls sagte sie: »Ich schätze, wenn du erst einmal auf den Geschmack gekommen bist, nimmt Leo dich mir ganz weg. Dann hast du gar keine Lust mehr, mein Vertrauter zu sein.« Ein weiteres mühsames Lächeln. »Jedenfalls wollte ich mich von dir verabschieden und mich bedanken, für alles.«

Munroe erwiderte ihr zaghaftes Lächeln. »Es war eine schöne Zeit«, sagte sie. Amber veränderte ihre Haltung. Ihre Körpersprache signalisierte Angst. Wäre Natan nicht im Wohnzimmer gewesen, wäre sie jetzt ins Zimmer gekommen, hätte sich aufs Bett gesetzt, und Munroe hätte ganz ruhig und vernünftig mit ihr geredet, wie schon viele Male zuvor, hätte ihr versichert, dass jede Wahrscheinlichkeit dafür sprach, dass Leo bald wieder nach Hause kam, und dass es sinnlos war, sich schon vorher verrückt zu machen. Oder sie hätten zusammengesessen und über die Unzulänglichkeit der lokalen Gegebenheiten gelacht und einander Geschichten aus ihrem Leben erzählt, in denen durchaus gewisse Parallelen zu erkennen waren. Sie waren beide in der Heimat zu Fremden geworden, waren Bewohner eines Planeten, auf den sie im Grunde genommen gar nicht gehörten, ganz egal, wohin sie gingen. Aber da die Dinge nun einmal so lagen, wie sie lagen, blieb Amber mit verschränkten Armen am Türpfosten gelehnt stehen und versuchte, tapfer zu wirken.

»Wir sehen uns also, wenn ihr wiederkommt«, sagte sie.

Munroe stopfte die letzten Kleider in den Rucksack und gab ihr dieselbe Antwort, die sie Leo gegeben hatte. Vielleicht.

Amber Marie nickte, tippte sich zum Zeichen des Abschieds mit dem Zeigefinger an die Schläfe und ging ins Wohnzimmer. Die wenigen Worte, die sie mit Natan wechselte, drangen als unverständliches Gemurmel bis nach hinten, dann schloss sich die Haustür, und es war still. Munroe starrte durch die leere Türöffnung.

Ambers Eltern waren keine Missionare, sondern Englischlehrer gewesen, aber die Auswirkungen waren dieselben. Genau wie Munroe fühlte auch Amber sich keinem Ort, keiner Kultur, keiner Nation in irgendeiner Weise zugehörig. Ihre wenigen Bindungen waren ausschließlich auf Menschen bezogen. Wenn man im Ausland geboren und aufgewachsen ist, immer unterwegs, aus Angst, irgendwo zu lange zu verweilen, gefangen zwischen den Kulturen, ohne jede Bindung an das Land, das für die Ausstellung des Reisepasses zuständig ist, dann ist die einfachste Antwort auf die Frage Wo kommst du her? eine Lüge.

Munroe schwang sich den Rucksack über die Schulter und klappte den Schrank entschlossen zu. Natan lag immer noch mit hochgelegtem Knöchel auf der Wohnzimmercouch. »Wo willst du denn hin?«, fragte er, als sie an ihm vorbeiging. Sie ignorierte ihn, genau wie sie Leo ignoriert hatte.

Kapitel 2

Die beiden verbeulten Firmenwagen standen auf dem kleinen Stück vertrockneter Erde zwischen den beiden Häusern. Das bedeutete, dass alle da waren. Wie alles andere waren auch die Autos Leos Eigentum. Munroe durfte sie für die Arbeit benutzen, vorausgesetzt, keines der anderen Teammitglieder brauchte sie. Vor dem Land Cruiser blieb sie kurz stehen. Er wäre die einfachste Möglichkeit zur Flucht gewesen. Die Schlüssel lagen unter dem Fahrersitz. Doch sie verließ das Grundstück im Licht der untergehenden Sonne durch das Fußgängertor.

Die letzten Sonnenstrahlen wiesen ihr den Weg, unterstützt von dem künstlichen Licht, das aus den Häusern nach draußen fiel. Sie ging am Straßenrand entlang, über harte, getrocknete Erde und Sand und einzelne Gräser, auf eine mehrere hundert Meter entfernte Kreuzung zu, wo sie sich ein Taxi nehmen konnte.

Immer wieder waren zwischen den länger werdenden Schatten Stimmen und Gesprächsfetzen zu hören, wurden lauter und wieder leiser. Auf Türschwellen oder in Hauseingängen sammelten sich kleine Grüppchen. Die Kühle des Abends lockte das Leben zurück auf die Straße und vertrieb allmählich die Trägheit des Tages. Ihre weiße Hautfarbe wirkte wie ein Leuchtsignal. Ständig wurde sie angesprochen, und wenn sie dann in der Sprache der Einheimischen antwortete, folgte verblüfftes Gelächter. Die Sprache, diese Fähigkeit, zu verstehen und zu kommunizieren, was ihr aufgrund ihres Aussehens zunächst niemand zutraute, das war der schützende Mantel, der ihr all die Jahre geholfen, der sie beschützt hatte.

Munroe erreichte die Kreuzung und die stärker befahrene Durchgangsstraße, wo die Straßenlaternen die Sterne verblassen ließen. An den Straßenrändern waren zahlreiche Fußgänger unterwegs, während teils schrottreife, teils nagelneu glänzende Autos in einem durchaus geordneten Chaos um die Vorfahrt rangelten. Bereits besetzte Taxis wurden langsamer und wollten auch sie noch einsammeln – geteilte Fahrt ist billigere Fahrt –, aber sie winkte ab und wartete lieber, bis ein freies Fahrzeug anhielt. Sie stritt sich mit dem Fahrer um den Preis und stieg schließlich ein, obwohl sie sah, dass er unterwegs Khat kaute. Doch das Risiko und sein rücksichtsloser Fahrstil ließen sie kalt. Es war zwar lebensgefährlich, aber in einem Land wie diesem gleichzeitig auch vollkommen selbstverständlich.

Nach wenigen Minuten hatten sie das Zentrum von Dschibuti erreicht. Neues Geld hatte nicht nur die Hauptverkehrsstraßen des Landes möglich gemacht, sondern auch im Stadtzentrum für frischen Asphalt gesorgt. Hier gab es kaum noch Schlaglöcher, wenn überhaupt. Sie hatte einmal gehört, wie jemand Dschibuti als das französische Hongkong des Roten Meeres bezeichnet hatte. Allerdings war derjenige garantiert noch nie in den Stadtteilen gewesen, in denen sie sich normalerweise aufhielt. Dort waren die Straßen immer noch löchrig wie Schweizer Käse, wurden die Hütten aus allen möglichen, zufällig verfügbaren Materialien zusammengezimmert und bildeten Kamele und Ziegen die Kulisse für die stetig näher rückende Wüste.

Das Taxi hielt eine Querstraße von ihrem Ziel entfernt an. Munroe bezahlte und trat in die Dunkelheit hinaus. Noch drangen die Geräusche des frühen Abends nur gedämpft aus dem nahegelegenen Bar-Restaurant, das überwiegend von ausländischen Militärs, Exilanten und den wenigen Touristen besucht wurde, die diesen Laden am äußersten Ende des Stadtplans gerade noch entdeckt hatten.

Sie drückte eine schmale Tür unter einem Säulenvorbau auf und ging im trüben Licht der einzelnen Glühbirne eine ebenso schmale, wackelige Holztreppe hinauf. Oben angekommen klopfte sie an die Tür. Als niemand reagierte, klopfte sie erneut, und als sich dann immer noch nichts rührte, schloss sie selbst auf.

Das Apartment war klein und Teil einer ursprünglich größeren, jetzt aufgeteilten Wohnung. So etwas passierte mittlerweile überall in dieser Stadt, in der die Bevölkerung schneller wuchs, als gebaut wurde. Aus dem kleinen Flur drang Licht herein, und Munroe knipste noch einen Lichtschalter an, sodass der Gemeinschaftsraum voll erleuchtet war. Irgendjemand hatte geputzt und aufgeräumt, und die bunten Sitzkissen waren ordentlich arrangiert, auch wenn die beiden offenen 7-Up-Dosen und die Khat-Reste auf dem Tisch darauf hindeuteten, dass sie die Wohnungsbesitzer nur knapp verpasst hatte.

Munroe bog nach rechts in die Küche, wo es nach verbranntem Öl, Kumin und Kardamom roch. Umrundete den Gasherd mit den zwei Flammen und die Theke und gelangte zu einer Tür. Sie sah nach, ob die Fäden, die sie wie zufällig rund um den Türrahmen angebracht hatte, noch da waren, und schloss dann auf.

Das Zimmer war etwa halb so groß wie das, das sie bei Leo bewohnte, vermutlich eine ehemalige Dienstmädchenunterkunft. Es war staubig und muffig, und die heiße Luft machte ihr das Atmen schwer. Vor der längsten Wand des Zimmers stand ein roh gezimmerter Rahmen mit einer nackten Matratze und daneben eine verschlossene Truhe mit den Scharnieren nach außen. Sie zog an einer ausgefransten Schnur, und eine Glühbirne – noch trüber als die im Treppenhaus – erwachte zum Leben. Anschließend öffnete sie das Fenster, um etwas Luft hereinzulassen. Es war einen Monat her, seit sie das letzte Mal hier gewesen war.

Munroe kniete sich vor die Truhe und drehte sie um. Schloss auf und hob den Deckel. Abgesehen von der Ducati, die sie bei einem Freund in Dallas untergestellt hatte, und den wenigen Dingen, die sie bei dem Motorrad gelassen hatte, befand sich ihr gesamter Besitz hier in diesem Zimmer, wobei es sich eigentlich eher um Notwendigkeiten für den Notfall als um echten Besitz handelte.

Sie brauchte nichts und wollte auch nichts, keine Dinge, die sie irgendwie festhielten, keine Sachen, auf die sie aufpassen oder um die sie sich Sorgen machen musste, die vor Diebstahl oder Zerstörung geschützt werden mussten. Selbst das, was in der Truhe lag, empfand sie als Last, aber die Vernunft hatte ihr geraten, sie nicht wegzuwerfen, und im Augenblick kam ihr das wie eine sehr weise Entscheidung vor.

Munroe wühlte sich durch die Kleider und suchte nach dem Geldscheinbündel, das irgendwo darin versteckt sein musste. Als sie es entdeckt hatte, teilte sie es in Dollar und Euro auf und machte sich ein Dutzend kleiner Rollen, die sie auf Taschen und Schuhe und Unterwäsche verteilte. Die zweite Hälfte des Geldes ließ sie in den Rucksack fallen, holte eine Kampfweste aus der Truhe, betrachtete sie einen Augenblick und griff dann, nach einem langen Seufzer, in eine Tasche, um eines der Messer herauszuholen. Wog es in der Hand und befühlte den Griff. Wartete auf eine Reaktion, auf das Drängen, das innere Verlangen, und als es ausblieb, stieß sie langsam und stetig den Atem aus.

Sie steckte das Messer zurück in die Weste, ohne es aus der Scheide zu ziehen, wagte nicht auszuprobieren, wie weit ihre neu gefundene, innere Ruhe reichte, schob das ganze Ding in den Rucksack und ließ noch eine Schachtel mit Munition sowie eine Pistole folgen, die sie aus Europa mitgebracht hatte.

Die Messer, die sie als lautlose Verlängerungen ihres Körpers empfand, waren ihr persönlich zwar lieber, doch angesichts dessen, was ihr womöglich bevorstand – ganz egal, ob es zu einem bewaffneten Überfall kommen würde oder nicht, Leo würde jedenfalls keine Träne vergießen, wenn ihr etwas zustieße –, war die Schusswaffe ein notwendiges Übel.

Sie holte einen kleinen, feuerfesten Tresor aus der Truhe und balancierte ihn auf dem Knie, um ihn zu öffnen. Darin lagen ihre restlichen Papiere und Fotos, alle in wiederverschließbaren Plastikbeuteln. Es waren die einzigen Erinnerungsstücke, die sie sich gestattete, persönliche Dinge aus ihrem früheren Leben, die sie auf keinen Fall in Leos Haus bringen würde, nur damit irgendjemand ihre Sachen durchwühlte und Antworten auf Fragen fand, die sie ganz bewusst offenlassen wollte.

Sie fügte der wachsenden Sammlung in ihrem Rucksack also die Papiere und ein paar Kleidungsstücke hinzu und warf noch eine Rolle Paketband hinterher, unübertroffen als Waffe und als Werkzeug, das einzige, was sie wirklich niemals vergaß. Dann legte sie die Sachen, die sie zurücklassen würde, wieder in die Truhe. Bei den Fotos hielt sie inne. Zog eines aus der Schutzhülle und besah sich die Gesichter, die sie all die Monate über nicht gewagt hatte zu betrachten. Die Freundlichkeit, die sie einst gespürt, den Frieden, den sie für kurze Zeit empfunden hatte. Mit den Bildern kam auch das Gefühl des Verlustes zurück und dann der Schmerz, ein Messerstich ins Herz, den sie ausgeblendet, unterdrückt und vergraben hatte.

Sie drehte das Foto um, streichelte mit dem Daumen die Rückseite, schob es wieder zu den anderen und steckte es ebenfalls in den Rucksack. Klappte die Truhe zu und schloss sie ab. Mehr Abschied würde es nicht geben, und wenn sie nie mehr zurückkehrte, würden ihre Gastgeber irgendwann annehmen, dass sie verschwunden war, würden sich ihre Habseligkeiten aneignen und das Zimmer anderweitig vermieten. Falls sie nie wieder zurückkehrte, hatte sie jetzt alles dabei, was sie unter keinen Umständen verlieren durfte.

Munroe machte die Tür auf und wäre beinahe mit dem Teenagermädchen zusammengestoßen, das in der Küche herumwerkelte. Das Mädchen senkte den Blick und trat beiseite, um ihr Platz zu machen.

»Wo ist dein Bruder?«, wollte Munroe wissen, und das Mädchen zeigte zur Wohnungstür. Munroe legte eine kleine Rolle mit Geldscheinen auf den Tresen. »Sag ihm, dass ich da war. Sag ihm, er soll mir das Zimmer noch einen Monat lassen.«

Das Mädchen nickte, und Munroe, die nicht wollte, dass es sich noch unwohler fühlte – schließlich glaubte es, mit einem jungen Mann allein zu sein –, ging hinaus, zog die Tür hinter sich ins Schloss und blickte, während sie die Treppe hinunterging, auf ihre Armbanduhr.

Sie hatte Leo zwar geraten, erst morgen zur Khat-Stunde an Bord zu gehen, aber Leo würde nicht auf sie hören. Er würde, wie geplant, mitten in der Nacht das Schiff besteigen. Sie hatte noch Zeit. Nicht viel, aber genug, um zu Fuß zurückzugehen, und so machte sie sich mit langen Schritten auf den Weg, während ihr Gehirn ununterbrochen arbeitete und alles, was sie über diesen Auftrag wusste, von allen Seiten beleuchtete. Was hatte Leo ihr alles verschwiegen?

Sie war vierzig Minuten zu früh da und wartete auf der Straße, an einer Stelle, von wo sie das Tor im Auge hatte und sehen konnte, was dahinter vor sich ging. Sie wartete ab, bis die Autos beladen und die Männer eingestiegen waren. Leo legte, während Amber schon auf dem Beifahrersitz saß, die Hand auf das Dach des Mitsubishi und sah sich noch einmal um. Er suchte nach ihr, wartete auf sie, war so überzeugt von ihrer Bindung an Amber Marie, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass sie sich für die zweite Alternative entschieden hatte und einfach verschwunden war. Obwohl Natan ihm gesagt haben musste, dass sie weggegangen war.

Munroe machte ein paar Schritte auf das Tor zu und trat in den Lichtkegel der Scheinwerfer. Als Leo sie sah, nickte er. »Du bist spät dran«, sagte er.

Sie blieb stehen und blickte ihm direkt in die Augen. Das hatte sie bis dahin noch nie gemacht. Ließ ein verschlagenes, kleines Grinsen sehen, um sein Bild von ihr ein wenig zu erschüttern, und steuerte den Land Cruiser an. Natan mit dem Aua-Knöchel saß am Steuer und betrachtete neugierig ihren Rucksack, der jetzt eindeutig voller war als zuvor.

Sie grinste auch ihn an, während sie ihren Rucksack zu den anderen auf die Ladefläche des Wagens warf. Dann setzte sie sich auf die Rückbank neben Victor. Er begrüßte sie mit einem Kopfnicken, das ihr deutlich machte, dass er – wie vermutlich auch alle anderen Teammitglieder – den unausgesprochenen Grund kannte, weshalb sie zum Mitkommen verdonnert worden war.

Sie erwiderte sein Nicken.

Victor war nüchterner und älter als die anderen, und vielleicht war er der Einzige, der hinter ihre Fassade der Jugend und der Unerfahrenheit blicken konnte. Für die anderen war sie ein Außenseiter, ein notwendiges Übel, das zwar nützlich war, dem man aber nicht vertrauen konnte. Gerade deshalb hatte Victor sie unter seine Fittiche genommen und war so etwas wie ihr Mentor geworden. Sie hatte es zugelassen. Sie freute sich über seine Fürsorge, trotz ihrer inneren Abgestumpftheit. Wahrscheinlich war Victor der Einzige, dessen Verstand unter den gegebenen Umständen halbwegs normal arbeitete, weil er nicht komplett von blinder Loyalität gegenüber dem Anführer vernebelt wurde.

Munroe knallte die Tür ins Schloss, und Leo, der sie die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen hatte, drehte sich um und setzte sich ans Steuer des Führungsfahrzeugs.

Kapitel 3

Sie fuhren im Konvoi los, gelangten von dunklen Gassen auf besser beleuchtete Straßen und steuerten dann den nördlichen Stadtrand an. Hier befand sich der älteste Teil des Hafens. Im Gegensatz zu den modernen Anlagen auf der anderen Seite der Bucht mit ihren riesigen Brückenkränen, die wie mächtige Fesseln über gewaltige Containerschiffe geschoben wurden, machte an diesen Anlegern eine sehr viel bescheidenere Mischung aus den Segelbooten der Einheimischen und altertümlichen Stückgutfrachtern fest, um stapelweise Kisten und Ballen zu entladen oder aufzunehmen.

Leo reichte dem Posten am Tor die Papiere, die zur Durchfahrt notwendig waren, Papiere, die Munroe unter erheblichem Aufwand beschafft hatte. Sie stellten sicher, dass niemand kontrollierte, was sie alles mit auf das Hafengelände brachten. In der Vergangenheit war sie von ihren Kunden für diese Art von Arbeit hervorragend bezahlt worden. Hier hingegen regelte sie das alles für ein winziges Entgelt und ohne auch nur annähernd dafür gewürdigt zu werden. Leo hatte keine Ahnung, welches Geschick für diese Aufgabe notwendig war. In seinen Augen war sie nichts weiter als ein Lakai, ein austauschbarer Handlanger, ganz anders als die großen Jungs mit den schweren Gewehren. Aber das machte ihr nicht das Geringste aus.

Der Wachposten winkte sie durch, und das Führungsfahrzeug fuhr durch ein Spalier aus Schiffscontainern, jeweils vier oder fünf übereinander, um schließlich zum Stückgutterminal und dem Frachter, auf dem sie angeheuert hatten, zu gelangen.

Vier Schiffe lagen am Anleger, wo ein paar Arbeiter immer noch damit beschäftigt waren, die Überreste irgendeiner Ladung wegzufegen. Ansonsten war es überwiegend ruhig. Die Schiffsagenten waren längst zu Hause, und genau deswegen hatte Leo beschlossen, um diese Uhrzeit an Bord zu gehen.

Auf einem festgemachten Schiff geschieht nichts ohne Wissen oder Zustimmung des Schiffsagenten. Er ist so etwas wie der verlängerte Arm, die Augen und die Ohren des Schiffseigners oder des Charterers, und eigentlich hätte er auch die Abfahrt überwachen müssen. Dass sie ihn mit dieser Aktion hintergingen, bedeutete, dass sie den Eigner hintergingen. Sie schmuggelten Waffen in den Hafen, ohne Genehmigung.

Dabei war, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, der Transport von Waffen in Dschibuti grundsätzlich erlaubt. Es gab sogar ein eigenes Transportsystem für Schiffsbegleiter, die den Transfer vom Flughafen zum Seehafen bewältigen mussten. Das war einer der Gründe, weshalb Leo Dschibuti als Operationsbasis gewählt hatte – die Gesetze hier ersparten ihm den logistischen Dauerstress und die zusätzlichen Kosten durch ein Waffenarsenal irgendwo in internationalen Gewässern. Außerdem musste er die Gespräche mit potenziellen Kunden so nicht auf irgendwelchen Schiffen führen. Sicherlich musste er trotzdem Abgaben bezahlen und Papierkram erledigen, musste Zeit und Geld opfern, aber das war bisher nicht der Rede wert gewesen. Heute Nacht jedoch unternahm Leo alles, um irgendwelche Berührungspunkte mit den Behörden zu vermeiden. Was automatisch zu der Frage führte: Wenn weder der Schiffseigner noch die für die Fracht verantwortliche Spedition diese bewaffnete Eskorte bezahlten, wer tat es dann? Und warum? Schließlich waren Leo und seine Leute zwar nicht ganz so teuer wie etliche der größeren, bekannteren Schiffsbegleitungsagenturen, aber immer noch alles andere als billig.

Das Führungsfahrzeug fuhr bis zum Ende des Anlegers und hielt ungefähr auf Höhe der Mitte des letzten Schiffes an. Natan stellte den Land Cruiser direkt daneben ab. Der Frachter war größer, als Munroe erwartet hatte. Liberianische Flagge, sechs-, vielleicht auch siebentausend Tonnen, rund hundertfünfzig Meter lang, mit drei Frachträumen und zwei Deckkränen. Er lag tief im Wasser, die Freibordmarke höchstens fünf Meter über dem Wasserspiegel, und war auf den ersten Blick entweder alt oder nicht gut instand gehalten.

Munroe stieg aus dem Wagen und schnappte sich zusammen mit den anderen das Gepäck. Der Kapitän kam die Gangway herab, beobachtet von etlichen Besatzungsmitgliedern, die an der Reling lehnten. Er war klein und stämmig und ziemlich wohlgenährt. Das gleißende Licht der Hafenscheinwerfer fiel auf sein wettergegerbtes Gesicht und die spärlichen Haare und verlieh ihm das Aussehen eines Sechzigjährigen, doch seine Körperhaltung und, mehr noch, die Art und Weise, wie er sich bewegte, ließen ihn wie Anfang fünfzig wirken. Außerdem war Munroe sich ziemlich sicher, dass er irgendwann auch eine militärische Ausbildung genossen hatte.

Leo ging auf ihn zu, und sie schüttelten einander die Hand und wechselten ein paar Worte in schlechtem Englisch. Munroe ging in die Knie, um die Riemen ihres Rucksacks fester zu zurren, weit genug entfernt, um unauffällig zu wirken, aber dicht genug, um mitzubekommen, wie der Kapitän joviale Sprüche klopfte. Sein freundschaftliches Gehabe war so überschwänglich, dass es unmöglich echt sein konnte. Und dann, ein, zwei Augenblicke später, als hätte ihn das Ganze sehr erschöpft, wies er mit einer großen Armbewegung auf die Gangway und sagte: »Wir haben es eilig. Bitte. Deine Männer sollen sich beeilen, damit wir schnell wegkommen.«

Leo drehte sich zu Victor um und wies mit einem Kopfnicken auf das Schiff. Der Spanier schnappte sich seine Sachen, setzte sich in Bewegung, und die drei anderen folgten ihm. Munroe ließ sie an sich vorbeigehen, in der Hoffnung, dass sie die letzten Worte des Gesprächs zwischen Leo und dem Kapitän noch aufschnappen konnte, aber sie sagten nichts, während die Männer an Bord gingen. Als ihr Zögern langsam auffällig wurde, erhob sie sich, ging den anderen widerwillig nach und ließ die Chefs mit ihren Chefsachen allein.

An Deck spürte sie bereits das Vibrieren der Ölpumpen. Das erklärte auch, weshalb die Besatzung geschlossen an Deck war: Sie wollten die Leinen lösen und warteten nur auf das Kommando zum Ablegen. Die Männer sahen sie an, machten aber keine Anstalten, ihr die Hand zu geben oder sie anzusprechen. Sie trugen nicht die falsche Freundlichkeit ihres Kapitäns zur Schau, wenngleich die Neugier auf ihren Gesichtern den Schluss nahelegte, dass diese Crew – wenn nicht sogar dieses Schiff – zum ersten Mal von einer bewaffneten Eskorte begleitet wurde.

Munroe blieb neben der Gangway stehen, ließ den Rucksack von der Schulter gleiten und stellte ihn neben sich ab. Victor und die anderen gingen weiter Richtung Achterdeck. Dort erhob sich ein fünfstöckiger Turm mit den Arbeits- und Mannschaftsquartieren. Das Deck war lang und breit genug, um zusätzliche Fracht aufzunehmen, falls die Ladeschächte voll waren. Im Moment war das Deck jedoch leer. Die Fracht – Reissäcke, wie Leo gesagt hatte, humanitäre Hilfe für den Südsudan, die über Mombasa, Kenia, geliefert werden sollte – passte also komplett in die Frachträume. Munroe sah sich nach den nächstgelegenen Einstiegsluken um und fragte sich, ob er wirklich so dämlich war oder nur sie für so dämlich hielt.

Der Kapitän kam an Bord, während Leo noch auf dem Anleger stand. Er hatte den Arm um Amber gelegt. Im Gegensatz zur Besatzung, die lieber für sich blieb, kam der Kapitän auf Munroe zu und streckte ihr die Hand entgegen. Sie schlug ein, und er schüttelte kräftig, um ihr deutlich zu machen, wer hier das Sagen hatte.

»Sprichst du Englisch?«, fragte er.

Sie nickte.

»Gut. Sehr gut«, meinte er und hieß sie dann mit einem weiteren Schwall übertrieben freundlicher Worte an Bord willkommen: Eine Minute Smalltalk, vielleicht auch zwei, dann hatte er seine Pflicht erfüllt. Er drehte sich zu einem seiner Männer um und rief ihm einen Befehl zu. Dann ging er durch die Tür, durch die auch der Rest des Teams verschwunden war, und Munroe wandte sich zurück zum Anleger, um zu sehen, ob dort vielleicht jemand stand, der ungewöhnliches Interesse an der Ankunft und Abfahrt der bewaffneten Schiffsbegleiter zeigte.

Doch angesichts der Lichtverhältnisse und der Entfernung war nicht allzu viel zu erkennen, und so lehnte sie sich, nachdem sie nichts Verdächtiges bemerkt hatte, über die Reling, um nach Leo zu sehen und unverhohlen seinen Abschied von Amber zu beobachten. Es war kindisch, ihn so zu piesacken, aber angesichts der besonderen Umstände machte es das lediglich noch reizvoller. Er fing ihren Blick auf, gab seiner Frau einen letzten Kuss, dann drehte Amber sich um und setzte sich ans Steuer des Mitsubishi.

Munroe konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber da sie das Ganze mittlerweile acht Mal mitgemacht hatte, wusste sie, dass Ambers Fassade, sobald sie allein in dem Wagen saß, erste Risse bekommen würde. All ihr Schmerz, all ihre Bedürftigkeit, die sie draußen auf dem Anleger noch zurückgehalten hatte, würden nach außen brechen, und die Tränen würden fließen.

Die Autos wendeten, und als Leo das Deck erreicht hatte, war Amber schon nicht mehr zu sehen. Er blieb kurz bei Munroe stehen und grinste sie an, um ihr zu demonstrieren, dass ihr Verhalten ihn nicht gestört hatte. Sie nahm ihren Rucksack und ging ihm nach.

»Warst du schon mal auf einem Schiff?«, wollte er wissen.

»Das ist nicht meine erste Reise.«

Er runzelte die Stirn, als hätte er gehofft, dass sie bereits in der ersten Nacht seekrank werden würde, und als sei er jetzt enttäuscht, dass es vielleicht nicht so sein würde. Dann kletterte er die Leiter – Landratten hätten »Treppe« gesagt – zur Brücke hinauf, während sie durch die gleiche Tür ging wie der Rest des Teams.

Der Bootsmann schickte sie ein Stockwerk höher zu den Rudergängern und den Mechanikern. Ihre Koje befand sich ganz am Ende des Gangs – eine Unterkunft für eine Person, die aber von zweien benutzt werden würde, weil Leos Wachen immer abwechselnd zum Dienst eingeteilt waren.

Als sie die Kammer betrat, war Victor bereits da. Das war ihr recht, und sie hatte den leisen Verdacht, dass er diese kleine Wohngemeinschaft absichtlich arrangiert hatte. Munroe ließ ihre Sachen auf den Boden fallen, und Victor sagte, ohne den Blick von den vielen Ausrüstungsgegenständen zu nehmen, die er bereits auf der Koje ausgebreitet hatte: »Leo hat gesagt, dass du die erste Wache hast.«

»Er auch?«

Victor nickte. »Kennst du dich aus mit Schiffen?«

Es war dieselbe Frage, die Leo ihr auch gestellt hatte, allerdings eher von einer gewissen Anteilnahme motiviert als von dem Wunsch, sie rückwärts essen zu sehen.

»Ich bin schon ein paarmal auf einem gefahren«, meinte sie.

Victor wackelte grinsend mit dem Zeigefinger. »Du hast deine Geheimnisse«, sagte er, und als sie sah, wie sein grau melierter Vollbart zuckte, musste sie selbst lächeln. Er hatte bereits seine halbe Tasche ausgepackt und auf dem Bett ausgebreitet: tragbare UKW-Funkgeräte, Schutzkleidung und zur zusätzlichen Absicherung noch einmal Ersatz für seine Ersatzutensilien. Jetzt gerade beschäftigte er sich mit seiner AK-47. Leos gesamtes Team war mit dieser Maschinenpistole ausgerüstet, weil passende Ersatzteile und Munition in diesem Teil der Welt weit verbreitet waren und das Stakkato der Schüsse nicht vom Feuer der Feinde zu unterscheiden war.

Doch dank Leo würde sie völlig unbewaffnet Wache halten. Sie war nichts als ein willenloses Objekt, das seine Befehle zu befolgen hatte. Victor reichte ihr ein Funkgerät und einen Ohrstöpsel, dann nickte er in Richtung seines kugelsicheren Helms. »Kannst du benutzen, wenn du willst«, sagte er. »Wir tauschen, wenn wir uns ablösen.«

»Du willst also nicht, dass ich sterbe, so wie Leo?«, sagte sie.

Er kicherte, und als er sah, wie sie seine Waffe anstarrte, fragte er: »Hast du so was schon mal benutzt?«

»So etwas Ähnliches«, gab Munroe zurück. Dieses Mal brach er in lautes Gelächter aus, als hätte sie ihm einen Witz erzählt, den nur sie und er verstehen konnten. Erneut drohte er ihr mit dem Zeigefinger. Es war so etwas wie seine typische Handbewegung. »Du kennst dich mit Schiffen aus und du benutzt Waffen.« Er streichelte seine MP, dann hielt er inne und schüttelte den Kopf. »Du denkst dir Sachen aus.«

Sie zuckte lächelnd mit den Schultern. Vermutlich hatte sie schon mehr Zeit auf den Weltmeeren zugebracht als er, überwiegend auf Zigarettenschmugglerbooten und den umgebauten Fischkuttern, die die kleineren Boote auf den längeren Strecken durch die Bucht von Biafra geschleppt hatten. Das alles war Teil des Waffenschmuggler-Unternehmens gewesen, vor dem sie im Alter von siebzehn Jahren geflüchtet war. Auf Schiffen hatte sie gelacht und geliebt und getötet, auf einem Schiff hatte sie ein Leben verlassen, um ein anderes zu beginnen. Nur um jetzt, über zehn Jahre später, wieder genau am selben Punkt angelangt zu sein.

Victor gab ihr die Waffe, zeigte ihr die beweglichen Teile, und sie hörte zu, ließ sich alles erklären, was er für erklärenswert hielt, und als er schließlich überzeugt war, dass sie alles verstanden hatte, nahm er das Gewehr an sich und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

Das Schiff zitterte unter ihren Füßen. Das bedeutete, dass die Leinen los waren und die Reise begann. Munroe verließ die Kabine und ging zum Hauptdeck, wo Leo sie bereits erwartete. Leo, der keine Ahnung hatte, wie viel Überredungskunst und beschwörende Worte sie gebraucht hatte, um dafür zu sorgen, dass der Schlepper und der Lotse um diese Zeit einsatzbereit waren. Ein solches Arrangement hatte er noch nie zuvor benötigt und würde er höchstwahrscheinlich nie wieder benötigen. Es war eine Aufgabe, die er niemals auf ihren Schultern hätte abladen dürfen, aber er hatte es getan. Alles nur, weil der Schiffsagent von ihrer Anwesenheit an Bord nichts wissen durfte.

Kapitel 4

Munroe stand an Deck der Favorita. Das Nachtsichtglas baumelte an ihrem Handgelenk, und sie starrte über das Wasser hinweg auf die stecknadelkopfgroßen Lichtpunkte, die die allumfassende Dunkelheit durchbohrten, während sich das Schiff in stetigem, sanftem Auf und Ab seinen Weg durch die Wellen des Ozeans bahnte.

Die Geschwindigkeit betrug zwölf, vielleicht auch dreizehn Knoten, in Landratten-Terminologie also etwa zweiundzwanzig bis vierundzwanzig Stundenkilometer. In Hochrisiko-Terminologie ein langsames und leicht zu treffendes Ziel. Leo hatte ihr vor einer Stunde diesen Platz zugeteilt, verbunden mit der Anweisung, Wache zu halten. Seither hatte sie nichts anderes gemacht, als exakt an dieser Stelle zu stehen. Sie wusste genau, dass er sich darüber ärgern würde. Sie trug keine Verantwortung für das Schiff und seine Besatzung, und deshalb gab es auch keinen Grund, so zu tun, als ob sie sich irgendwie verantwortlich fühlte.

Noch zwei Stunden bis zur Morgendämmerung. Wenn alles so lief, wie sie es sich vorgestellt hatte, würde seine Wut auf sie und ihre Gleichgültigkeit im Lauf der Zeit immer größer werden, bis er sie irgendwann in Ruhe ließ und sich nur noch wünschte, er hätte sie in Dschibuti zurückgelassen.

Munroe blickte nach achtern und entdeckte seine schemenhafte Gestalt beim Patrouillengang auf der Backbordseite der Brücke, gut fünfzehn Meter über dem Hauptdeck, aufgedonnert mit Kampfweste und Helm, die Automatik fest in beiden Armen. Welch ein Kontrast zu der Taschenlampe und der Trillerpfeife, die er ihr in die Hand gedrückt hatte. Sie hatte beides in die Taschen ihrer Kampfweste gesteckt, weil sie nicht die Absicht hatte, die Dinger zu benutzen.

Als er sie zum ersten Mal mit der Weste gesehen hatte, hatte er sie ausgelacht, als hätte er ein kleines Kind vor sich, das Verkleiden spielt. Hatte sie gefragt, wo sie das Ding herhatte und was alles in den Taschen war. Sie hatte die Antwort verweigert, woraufhin er wütend davongestapft war. Während sie ihm hinterhergeblickt hatte, hatte sie krampfhaft überlegt, was Amber Marie bloß an ihm finden mochte. Amber war klug und unabhängig, sah über seinen Napoleon-Komplex hinweg und fügte sich in ein Leben ein, das sie gründlich verabscheute. Alles für einen Mann, der öfter weg war als zu Hause. Was immer Leo ihr gab, was immer Munroe nicht sehen konnte, Amber liebte ihn so sehr, dass sie alles andere dafür ertrug.

Munroe wandte den Blick wieder hinaus aufs Wasser, auf die unsichtbare Gefahr, die dort auf sie lauerte. Oder auch nicht. Der Kapitän hatte nordöstlichen Kurs eingeschlagen, vermutlich um den für den internationalen Durchgangsverkehr empfohlenen Transitkorridor anzusteuern, eine zwischen Jemen und Somalia verlaufende, nicht gekennzeichnete Seestraße. Hier, entlang der meistbefahrenen Schifffahrtsroute der Welt, patrouillierten auf einer Strecke von rund tausend Kilometern Kriegsschiffe aus zwei Dutzend verschiedenen Nationen.

Für die somalischen Piraten hatte sich das Blatt in den letzten Jahren gewendet. Die Zahl der versuchten Überfälle war stark zurückgegangen und nicht mehr vergleichbar mit der Zeit, als dramatische Schiffsentführungen und Multimillionen-Dollar-Lösegelder die internationalen Schlagzeilen erobert hatten. Doch die Bedrohung war immer noch existent. Es wurden immer noch Schiffe entführt, nur eben weniger als zuvor. Die Fahrt durch den Golf von Aden war ein kalkuliertes Risiko: Das Meer war zu riesig, als dass die Kriegsschiffe auf jeden Notruf reagieren konnten, aber bei zweiundzwanzigtausend Schiffen pro Jahr standen die Chancen durchzukommen eigentlich ziemlich gut. Und eine bewaffnete Eskorte an Bord war fast so etwas wie eine Garantie. Noch nie war ein bewaffnetes Schiff entführt worden, trotz mehrfacher Versuche.

Die Wachen, die eine bewegliche Festung zu verteidigen hatten, waren im Vorteil, weil sie sich über den Angreifern befanden. Außerdem waren sie besser ausgebildet und ausgerüstet, sodass drei oder vier Wachen effektiver waren als zwanzig Piraten auf ihren kleinen Booten. Trotzdem waren die meisten Handelsschiffe ohne Bewachung unterwegs. Bewaffnete Schutztrupps waren teuer, nicht unumstritten und – je nachdem, unter welcher Flagge das Schiff fuhr – vielfach sogar illegal.

Leo ging jetzt auf die andere Seite der Brücke und verschwand aus Munroes Blickfeld, also setzte sie sich auf das Deck, den Rücken an die Reling gelehnt. Ihr gegenüber, nur schemenhaft hinter dem Kran überhaupt zu sehen, hielt David Wache, und zwar so, wie man eigentlich Wache halten sollte. Er war mit Leo seit ihrer gemeinsamen Zeit in der französischen Fremdenlegion befreundet: zwei Männer, die bereits als Team zusammengearbeitet hatten und die sich jetzt als Schiffsbegleiter verdingten, um mit ihrer gefühlten Nutzlosigkeit irgendwie fertigzuwerden. Genau so würde es von nun an ablaufen, bis sie in Mombasa anlegten – vier Stunden Wache, vier Stunden frei. Der Dienstplan zerhackte die Tage und Nächte in Acht-Stunden-Segmente, sodass sie mehrere Schichten abwarten musste, bis ihre Freistunden so lagen, dass die meisten anderen an Bord schliefen und sie unbeobachtet und ungehindert auf Entdeckungstour gehen konnte.

Munroe stand wieder auf, und fast wie auf Kommando ertönte Leos Stimme in ihrem Ohrstöpsel. Sie fummelte absichtlich ungeschickt mit dem Mikrofon herum und redete dann viel zu laut, weswegen er sie mit Flüsterstimme anherrschte. Sie musste grinsen. Er gab ihr Anweisung, auf der Backbordseite auf und ab zu gehen und aufmerksam zu bleiben. Also setzte sie sich in Bewegung, schlenderte gemächlich vom Bug zum Heck und wieder zurück, während der Wind ihr die Gischt ins Gesicht wehte. Dabei überlegte sie gründlich, wog immer wieder Wahrscheinlichkeiten und Fakten gegeneinander ab. Denn auch wenn ihr das Schicksal des Schiffes gleichgültig war, ihr eigenes Schicksal war es nicht. Ganz egal, was Leo behauptet hatte, das hier war keine normale Fahrt, kein normaler Auftrag, und sie war wild entschlossen, irgendwann wieder an Land zu gehen, ganz egal, wie viel Mist die anderen bauen mochten.

Die Sonne ging auf, und Victor kam zusammen mit den anderen zur Ablösung nach draußen. »Alles gut?«, erkundigte er sich.

Sie zog die Taschenlampe aus ihrer Tasche und übergab sie ihm. »Deine Waffe«, sagte sie. »Nur für den Fall.« Sein Bart zuckte, und er drohte ihr wieder mit dem Zeigefinger, also gab sie ihm auch noch die Trillerpfeife.

Er lachte laut, und sie machte sich grinsend auf den Weg Richtung Kombüse, wo sie sich etwas zu essen besorgen und versuchen wollte, ihren Schiffskameraden die eine oder andere interessante Einzelheit zu entlocken. Die Hierarchien in Leos Team waren viel zu flach, als dass sie in das übliche Schema – hier die Offiziere, dort die Mannschaft – gepasst hätten. Daher hatten sie sich angewöhnt, sich auf See ihren Gastgebern anzupassen. Auf der Favorita bedeutete dies, dass Leo und David in der Offiziersmesse aßen, sich bei den Offizieren aufhielten und auch auf dem Offiziersdeck schliefen, während der Rest des Teams der Schiffsbesatzung zugerechnet wurde.

Genau so war es Munroe auch am liebsten, weil dadurch genügend Abstand zwischen Leo und ihr lag. Ihr Interesse galt ohnehin in erster Linie der Crew. Sie aß schweigend und hörte zu, wie der Smutje und der Mechaniker sich in der auf den Philippinen am weitesten verbreiteten Sprache, dem Tagalog, unterhielten, ohne dass sie ein einziges Wort verstand. Aber sie konnte die Körpersprache deuten und bekam außerdem mit, dass der Kapitän mehrfach erwähnt wurde.

Nach allem, was sie bisher beobachtet und gehört und dem Smutje noch kurz vor dem Ablegen entlockt hatte, hatte das Schiff drei Offiziere und dreizehn Crewmitglieder. Der Kapitän war Russe, der Erste und Zweite Offizier sowie der Mechaniker stammten aus Polen. Die Mannschaft bestand überwiegend aus Filipinos, dazu noch drei Ägypter. Sie wusste nicht, wie lange der Kapitän schon auf der Favorita fuhr, jedenfalls länger als der Smutje, und der war seit vier Jahren an Bord.

Der Mechaniker verließ die Kombüse, und der Smutje widmete sich wieder seiner Arbeit, während Munroe sich in ihre Koje legte. Doch statt einzuschlafen, führte sie einen Kampf gegen die erwachenden Erinnerungen, die manchmal leichter und manchmal schwerer zu verdrängen waren. Unruhig warf sie sich von einer Seite auf die andere, aber als ihr klar wurde, dass es sowieso keinen Zweck hatte, zog sie das Päckchen aus ihrer Westentasche und strich mit den Fingern über die Rückseite des Fotos. Hielt es lange fest und dachte an Miles Bradford, ihren Geliebten, ihren Lebensretter, ihren Gefährten und Freund, stellte so die einzig mögliche Verbindung zu ihm her.

Im Verlauf der vergangenen elf Monate hatte sie ihn ein einziges Mal kontaktiert, hatte ihm einen Zeitungsausschnitt mit dem Foto einer ausgebrannten Jacht zugeschickt, die das Ende einer Bestie in Menschengestalt bedeutet hatte. Dieser Mann hatte mit jungen Mädchen gehandelt, und um Haaresbreite hätte er sowohl ihr als auch Bradfords Leben ausgelöscht. Durch den Zeitungsausschnitt hatte sie ihm mitgeteilt, dass sie gesiegt hatte und noch am Leben war. Und sie hatte mit Hilfe von Einträgen im Blog seiner Firma aus der Distanz verfolgt, wie es ihm ging. Er legte dort immer wieder Brotkrumen für sie aus, weil ihm klar sein musste, dass sie irgendwo untergetaucht war und ihn aus dem Schatten heraus beobachtete. Allerdings waren die Brotkrumen in letzter Zeit seltener geworden, und die Versuchung zurückzukehren stärker.

Die Trennung schmerzte sie, aber das war immer noch besser als der Tod, der sie verfolgte und der unausweichlich immer diejenigen traf, die sie am meisten liebte. Vielleicht war das ja der richtige Weg, damit sie beide am Leben bleiben konnten.

Munroe erwachte vom Drehgeräusch des Türgriffs, wurde aus dem Schlaf gerissen, obwohl sie sich nicht daran erinnern konnte, eingeschlafen zu sein. Und noch bevor die Tür ganz aufgeschwungen war, war sie aufgesprungen, um sich gegen den vermeintlichen Eindringling zur Wehr zu setzen.

Victor stand wie angewurzelt in der Tür, einen Fuß auf der Schwelle, das Gewehr ungefähr in ihre Richtung gerichtet. Die Verwirrung war ihm überdeutlich ins wettergegerbte Gesicht geschrieben.

Munroe hob entschuldigend die Hände. »Hab schlecht geträumt«, sagte sie und wich bis an die Kojenkante zurück. »Ich bin eingeschlafen. Wollte ich eigentlich gar nicht. Tut mir leid, dass ich verschlafen habe.«

Victor ließ den Lauf der Waffe sinken, schob sich an ihr vorbei und zwängte sich in die Koje. Er schälte sich aus seiner Kampfmontur. Munroe bückte sich, um das Päckchen mit den Fotos vom Boden aufzuheben, griff nach ihrer Weste und ging mit gesenktem Kopf und ohne Victor anzuschauen nach draußen. Es war ihr peinlich, dass er Zeuge ihrer emotionalen Entgleisung geworden war.

Leo quittierte ihre Verspätung mit wütenden Blicken. Sie drehte ihm den Rücken zu und starrte aufs Wasser hinaus, damit die Monotonie sie von der Last befreite, die der Schlaf ihr nicht nehmen konnte. Aus Zeit wurde Eintönigkeit, sie passte sich dem gleichmäßigen Rhythmus der Wogen des Meeres an und verschmolz mit den Umdrehungen der Uhrzeiger.

Nach ihrer dritten Schicht, als sie nicht einmal mehr so tat, als würde ihre Aufgabe sie auch nur ansatzweise interessieren, gab Leo auf. Von da an verschwand sie endgültig von der Bildfläche und achtete sorgfältig darauf, nicht mehr gesehen zu werden. Sie umrundeten das Horn von Afrika und wandten sich dann nach Süden, parallel zur somalischen Küste, vermutlich mit großem Abstand zum üblichen Kurs, um das Risiko einer Piratenbegegnung möglichst gering zu halten. Bei Nacht wurden sämtliche Positionslichter gelöscht, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen.

Tagsüber schlief sie oder unterhielt sich mit der Besatzung. Sie mied ihre Koje, ihre Kabine, und versuchte, jedes Risiko einer Enttarnung, umgeben von lauter Menschen, denen sie misstraute, zu vermeiden. Wenn sie schlief, dann immer an Deck, zwischen irgendwelchen Ersatzteilen oder in verborgenen Nischen, die sie auf ihren Streifzügen entdeckt hatte. In den Nächten und den frühen Morgenstunden schlüpfte sie dann durch die Einstiegsluken in die Frachträume hinab.

Irgendetwas auf diesem Schiff machte die Besatzung nervös: Gespräche im Flüsterton, misstrauische Seitenblicke, angespannte Körperhaltung, nervöse Handzeichen. Sie suchte mit Hilfe von Leos Taschenlampe nach Ungereimtheiten in der Ladung, in der Art und Weise, wie die Reissäcke gestapelt waren, aber es dauerte über zwei Tage, bis sie bei einer ihrer Expeditionen in den Schiffsbauch die erste Transportkiste gefunden hatte. Sie lag unter zwei Schichten Reis, genau unterhalb der Ladeluke von Frachtraum eins.

Ein Holzsplitter brachte sie dann auf die Spur der nächsten Kisten. Sie suchte weiter, so lange, bis es keinen Zweifel geben konnte, dass sie auf ein umfangreiches Waffenlager gestoßen war, bestehend aus Handfeuerwaffen, russischen Sturmgewehren sowie Panzerabwehr- und Flugabwehrraketen. Gut möglich, dass noch mehr von diesem Zeug, vielleicht auch noch größere Kaliber, irgendwo tiefer unten oder in den anderen Frachträumen lagerte, aber das hier reichte völlig aus, um ihren Verdacht zu bestätigen und ihre offenen Fragen zu beantworten. Wenn diese Waffen auf legalem Weg ausgeführt und in Mombasa ausgeladen werden sollten, dann müssten sie nicht so versteckt transportiert werden. Das bedeutete, dass dieser Teil der Fracht noch vor der Ankunft in Kenia gelöscht werden sollte, und dafür gab es nur eine einzige Möglichkeit: Somalia.

Munroe deckte die Kiste wieder ab und machte sich auf den Weg zur Leiter, hangelte sich Stück für Stück nach oben Richtung Deck. Mit jeder Sprosse wuchs ihre Wut auf Leo. Er war gar nicht zum Schutz dieses Schiffes engagiert worden. Das war alt und transportierte keine wertvolle Fracht. Er war auch nicht zum Schutz der Besatzung engagiert worden. Denn anstatt einen Umweg von etlichen hundert Seemeilen zu machen, um der Gefahrenzone möglichst weiträumig auszuweichen, würden sie mitten hineinfahren. Er war engagiert worden, um für einen reibungslosen Ablauf der Waffenlieferung zu sorgen.

Am oberen Ende der Leiter angekommen, wurde sie angesichts einer solchen Unverfrorenheit richtiggehend vom Ekel geschüttelt. Die Tatsache, dass Waffen geschmuggelt wurden, ließ sie einigermaßen kalt – was das anging, brauchte sie sich bei ihrer persönlichen Geschichte nicht als Heuchlerin aufzuspielen. Aber Leo hatte mit ihrem Leben gespielt, hatte ihr absichtlich Informationen vorenthalten und ihr dadurch die Entscheidungsgewalt genommen. Das war vor allem deshalb so verwerflich, weil sie in seinen Augen lediglich ein unerfahrener junger Mann war. Wenn also irgendetwas schiefgehen sollte, hatte er damit ganz bewusst ihr Todesurteil unterschrieben.

Munroe kletterte ins Freie, kauerte sich zusammen, schloss die Luke, huschte geduckt in den Zwischenraum zwischen zwei Ladeschächten und wartete dann im Schatten der Lukeneinfassung, des sogenannten Lukensülls, bis Victor auf einem seiner Patrouillengänge an ihr vorbeikam. Sie entwarf in Windeseile unterschiedliche Strategien, je nach dem weiteren Verlauf, baute auf dem imaginären Schachbrett vor ihrem inneren Auge verschiedene Konstellationen auf, während kalte Berechnung die Oberhand über die glühende Wut gewann.

Selbst den Dummkopf zu spielen und bewusst zuzulassen, dass sie von anderen für deren Zwecke benutzt wurde, war eine Sache. Aber wie ein Dummkopf benutzt und behandelt zu werden, das war etwas vollkommen anderes.

Mit Sicherheit wusste auch Victor, was da zu ihren Füßen lagerte. Aber er hatte ihr den besorgten, mitfühlenden Kollegen vorgegaukelt. Dieser Verrat schmerzte sie viel mehr, als wenn alles nur von Leo ausgegangen wäre. Und Amber Marie? Was war mit ihr?

Munroe holte tief Luft und ließ die Wut dann langsam entweichen, damit die Vernunft ihren Platz einnehmen konnte. Eine gewisse Abgeklärtheit war jetzt in jedem Fall das Beste.

Dank ihrer Instinkte, geschärft in den Jahren als Jägerin und Gejagte in der Dunkelheit, spürte sie Victors Nähe, noch bevor sie ihn sah. Sie wartete, bis er an ihr vorbeigegangen war, erhob sich und schlich sich von hinten an, lautlos, unhörbar im Geräusch des Windes.

Victor zuckte zusammen, als er sie spürte. »Mein Gott«, stieß er hervor und wirbelte herum. »Bist du verrückt geworden?« Er wollte seinen Schrecken hinter einem bärtigen Grinsen verstecken und sagte: »Was hast du jetzt wieder für neue Geheimnisse?«

Sie blieb an seiner Seite, passte ihre Schritte seinen an. »Ich glaube eher, dass du es bist, der vor mir Geheimnisse hat.«