Mission SOL 2020 / 3: Zielpunkt Nebelzone - Olaf Brill - E-Book

Mission SOL 2020 / 3: Zielpunkt Nebelzone E-Book

Olaf Brill

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Beschreibung

SOL – dieser Name hat einen ganz besonderen Klang in der 3000-jährigen Geschichte der terranischen Raumfahrt. Das hantelförmige Raumschiff spielt immer wieder eine entscheidende Rolle im schicksalhaften Konflikt zwischen den kosmischen Mächten der Ordnung und des Chaos. Häufig steht seine Besatzung an entscheidender Stelle, wenn große Entwicklungen anstehen. Im Jahr 1552 Neuer Galaktischer Zeitrechnung ist die SOL mitsamt ihrer Besatzung in die ferne Galaxis Yahouna versetzt worden. Dort sollen die Menschen an Bord eine Aufgabe erfüllen, zu der sie von einem Boten der Kosmokraten gezwungen worden sind. Sie müssen herausfinden, ob die Ritter von BARIL – so heißt offenbar eine Superintelligenz – immer noch der Ordnung verpflichtet sind, oder ob sie bereits den Mächten des Chaos dienen. Perry Rhodan, der die Menschheit von Beginn an ins All begleitet hat, setzt auf seinen moralischen Kompass. Spontan führt er die SOL in ein Gefecht, um die Angehörigen eines Sternenvolkes zu beschützen. Damit aber mischt er sich in die Konflikte der Galaxis Yahouna ein. Er wird vor Gericht gestellt, während Roboter die SOL besetzen. Doch Menschen sind trickreich. Sie geben sich nicht so schnell geschlagen. Einer der trickreichsten Menschen ist Roi Danton. Perry Rhodans Sohn hat genügend Erfahrung, um einen wagemutigen Plan zu entwickeln. Er bricht auf zum ZIELPUNKT NEBELZONE ...

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Nr. 3

Zielpunkt Nebelzone

Mit Roi Danton im Einsatz – die CALAMAR auf der Spur des Chaos

Olaf Brill

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. SOL, im Diulusystem

2. CALAMAR

3. CALAMAR, im Mauritiussystem

4. Doppelringstation S-5

5. Space-Jet

6. S-1, Dunkelzentrum

7. Quartier an Bord der S-1

8. Korridore und Schächte

9. Skapalm-Bark

10. Im Gen-Kabinett

11. Hauptzentrale der Skapalm-Bark

12. Showdown

13. Zielpunkt Nebelzone

Impressum

SOL – dieser Name hat einen ganz besonderen Klang in der 3000-jährigen Geschichte der terranischen Raumfahrt. Das hantelförmige Raumschiff spielt immer wieder eine entscheidende Rolle im schicksalhaften Konflikt zwischen den kosmischen Mächten der Ordnung und des Chaos. Häufig steht seine Besatzung an entscheidender Stelle, wenn große Entwicklungen anstehen.

Im Jahr 1552 Neuer Galaktischer Zeitrechnung ist die SOL mitsamt ihrer Besatzung in die ferne Galaxis Yahouna versetzt worden. Dort sollen die Menschen an Bord eine Aufgabe erfüllen, zu der sie von einem Boten der Kosmokraten gezwungen worden sind. Sie müssen herausfinden, ob die Ritter von BARIL – so heißt offenbar eine Superintelligenz – immer noch der Ordnung verpflichtet sind, oder ob sie bereits den Mächten des Chaos dienen.

Perry Rhodan, der die Menschheit von Beginn an ins All begleitet hat, setzt auf seinen moralischen Kompass. Spontan führt er die SOL in ein Gefecht, um die Angehörigen eines Sternenvolkes zu beschützen. Damit aber mischt er sich in die Konflikte der Galaxis Yahouna ein. Er wird vor Gericht gestellt, während Roboter die SOL besetzen.

Doch Menschen sind trickreich. Sie geben sich nicht so schnell geschlagen. Einer der trickreichsten Menschen ist Roi Danton. Perry Rhodans Sohn hat genügend Erfahrung, um einen wagemutigen Plan zu entwickeln. Er bricht auf zum ZIELPUNKT NEBELZONE ...

Die Hauptpersonen des Romans

Ennyas Anchi – Der Neu-Solaner geht auf eine Mission mit der CALAMAR.

Roi Danton – Perry Rhodans Sohn trifft unverhofft auf alte Feinde.

Peet Matabiau – Der Einsatzspezialist muss sich mit einem Neuling herumschlagen.

Minon Crompton – Die Positronikspezialistin stammt vom Planeten Fuego.

Haldukass und Krefferk

1.

SOL, im Diulusystem

Nach dem Kampf gegen A-Kuatond

Der Junge drehte ständig den Kopf nach hinten und sah sich mit flackernden Lidern um. Er war nervös.

Ennyas Anchi konnte es ihm nicht verdenken nach allem, was allein an diesem Tag geschehen war. Im Gegensatz zu Nadarr versuchte er aber, den Anschein maximaler Gelassenheit zu erwecken.

Überall auf der SOL hatten feindliche Roboter an strategischen Punkten Position bezogen. Sie gehörten einer fremden Macht an, mit der sich Perry Rhodan im Diulusystem ein heißes Gefecht geliefert hatte. Das war geschehen, nachdem die SOL durch den blau leuchtenden Transfertunnel gekommen war, der sie in eine andere Galaxis versetzt hatte, viele Millionen Lichtjahre von Tare-Scharm entfernt.

Anchi schüttelte in Gedanken den Kopf, wenn er die vielen Begriffe zu sortieren versuchte.

Die meisten Solaner litten noch an den Nachwirkungen des Transferschocks. Aber Anchi und Nadarr waren Neu-Solaner. Sie hatten den Übergang in die ferne Galaxis besser weggesteckt als die angestammte Besatzung.

Rhodan hatte die Korvetten der SOL in den Kampf geschickt, allesamt besetzt mit Alt-Solanern. Das waren Soldaten, die für solche Einsätze ausgebildet waren, keine Frischlinge, die zum ersten Mal in einem Raumschiff saßen.

Das war auch schon so ungefähr alles, was sie wussten, Neuankömmlinge wie Anchi. Es gab auf der SOL für sie eigentlich nichts zu tun. Die meisten alltäglichen Aufgaben wurden von Robotern oder Spezialisten erledigt, die damit schon jahrelange Erfahrung hatten. Es gab wenig Bedarf für ehemalige Bauern und Schuster wie Anchi und Nadarr.

Nun stand an jeder Ecke ein Roboter mit gefährlich wirkenden Sehschlitzen – dort, wo bei Menschen die Augen saßen. Die Roboter standen still und wurden einstweilen nicht aktiv. Doch allein die pure Anwesenheit stellte eine Drohung dar. Das musste wohl bedeuten, dass Rhodan den Kampf verloren hatte und die SOL besetzt worden war.

Da es an Bord keine Kampfhandlungen gab, saßen Anchi und Nadarr in einer Kantine im zylinderförmigen Mittelteil des Hantelschiffs. Servoroboter trugen eine Mahlzeit auf, die man auf der SOL als Pasta bezeichnete.

»Du musst ruhiger werden!«, ermahnte Anchi den Jungen mit den Sommersprossen und den roten Haaren.

Er nannte ihn Junge, obwohl Nadarr mit seinen zwanzig Jahren gerade mal zwei Jahre jünger war als er. Nadarr war schon immer so etwas wie ein kleiner Bruder für ihn gewesen. Einer, der zu ihm aufsah und dem er zeigte, wie die Dinge so liefen.

»Ich habe etwas über die Geschichte der SOL gelesen«, dozierte Anchi. »Weißt du, wie oft dieses Raumschiff schon von einer feindlichen Macht besetzt war? Das Leben ist stets weitergegangen, und am Ende haben die Solaner das Schiff immer wieder zurückerobert. Die Gabel! Du musst die Gabel nehmen!«

»Ach so!« Nadarr, der halbherzig versucht hatte, die Nudeln um seinen Löffel zu wickeln, konzentrierte sich ganz auf seine neue Aufgabe. Er nahm die breiten Nudelstreifen, die in eine köstliche Sauce getunkt waren, mit der Gabel auf und beförderte sie in seinen breiten Mund, mit beträchtlichem Erfolg.

»Hast du denn schon von Danton gehört?«, fragte er, während er zufrieden kaute.

Anchi zögerte. »Ich denke, der Expeditionsleiter hat heute anderes im Sinn, als sich um eingehende Bewerbungen zu kümmern.« Auch er schob sich gekonnt einen Happen Nudeln in den Mund. »Weißt du, vielleicht will ich gar nicht in Dantons Nachwuchsakademie. Wir sind in einer völlig unbekannten Galaxis herausgekommen. Vielleicht hält sie noch ganz andere Abenteuer für mich bereit!«

»Das ist es ja gerade!«, schwärmte Nadarr. »Wenn du in die SOL-Nachwuchsakademie aufgenommen wirst, bekommst du eine Ausbildung fürs Abenteuer! Man hört, Danton macht da ein richtiges Agententraining: Bodenlandungen auf feindlichen Planeten, Risikoeinsätze im Weltraum! Wenn Danton genug Leute hat, könnt ihr auch diesen Wachrobotern in den Blecharsch treten!«

Erschrocken über die eigene Courage, drehte Nadarr sich um. Aber in der Kantine waren keine feindlichen Roboter postiert, denen die freche Bemerkung missfallen konnte. In ihrer Nähe saßen nur einige Solaner, die verkatert aussahen, aber insgesamt den Eindruck erweckten, als wäre dies für sie ein Tag wie jeder andere. Die SOL geriet nun einmal ab und zu in kosmische Transfertunnel und Raumgefechte oder wurde von fremden Mächten besetzt. Kein Grund, auf Pasta zu verzichten.

Eifrig wandte Nadarr sich wieder an Anchi. »Sinya, Freddie, Jachlan und ich hätten uns nie getraut, uns überhaupt bei Danton vorzustellen. Wie ist er denn so? Ich meine, wenn man ihn persönlich trifft?«

Anchi winkte ab. »Anders, als man denkt. Du kennst ihn doch auch.«

»Ja, aber nur von Weitem. Ich habe noch nie mit ihm gesprochen. Es heißt, er ist schon uralt. Dabei sieht er nur so alt aus wie mein Vater.«

»Sagst du nicht immer, dein Vater sei uralt?« Anchi lachte den Jungen an.

Nadarr zeigte ein schiefes Grinsen. »Das stimmt!« Doch sofort starrte er wieder missmutig ins Essen. »Aber ich komm bestimmt nie in die Akademie. Was soll aus uns Gestrandeten denn schon werden? Wir sind keine Dantons oder Raumsoldaten.«

Die Grübelei des Jungen traf Anchi härter, als er zeigen mochte. Tatsächlich waren die Neu-Solaner einfache Leute, jedenfalls im Vergleich zu der alten Besatzung, die die hochtechnisierte Umgebung eines Fernraumschiffs gewöhnt war. Sie waren als Dörfler in einem abgelegenen Tal des Riesenplaneten Evolux aufgewachsen, neben den im Sand vergrabenen SOL-Zellen, ohne zu wissen, worum es sich dabei gehandelt hatte. Sie hatten nichts von der Geschichte der SOL und den Wundern des Kosmos gewusst.

Erst nachdem Perry Rhodan bei ihnen aufgetaucht war, hatten sie erfahren, dass Evolux eine künstliche Welt war, geschaffen von Lebewesen, die weit über der Entwicklungsstufe der Menschen standen. Die Gestrandeten hatten ihr Leben am Rande von Ereignissen geführt, die sie sich in ihren einfachen Köpfen niemals hatten vorstellen können.

Und dann war Evolux kollabiert und sie wurden mithilfe einer unbegreiflichen Technik versetzt. Sie saßen in einer fremden Galaxis in einer Kantine der SOL und wickelten Nudeln um eine Gabel.

»Wir sind hier!« Anchi klopfte mit dem Besteckstück auf den Tisch. »Und wir gehören hierher! Wir sind vielleicht eine Minderheit und erst seit wenigen Wochen an Bord. Aber wir sind Nachfahren der Kinder der SOL. Wir waren es, die Danton und die zehntausend anderen aus der Chaoszone rausgehauen haben. Nicht die haben uns gerettet, sondern wir haben erst einmal die gerettet! Schau, wir haben sogar den Transfer in diese neue Galaxis besser überstanden als die!«

Er wies mit der Gabel um sich herum und hoffte, dass ihn keiner der Essenden hörte, sofern es sich um Alt-Solaner handelte. Verschwörerisch beugte er sich zu Nadarr vor. »Vielleicht wird eines Tages ja einer von uns Kommandant der SOL!«

Nadarr machte große Augen. »Das kannst nur du schaffen!« Mit neuer Begeisterung und erheblicher Geschicklichkeit stopfte er einen Bissen nach dem anderen in den Mund. »Und wenn Danton sich bei dir meldet, sagst du sofort Bescheid, ja? Und erzählst mir alles darüber!«

Gönnerhaft lehnte Anchi sich zurück. »Ganz bestimmt!«, versprach er.

*

Ennyas Anchi pfefferte seine Bordjacke aufs Bett und warf einen düsteren Blick auf die spärliche Einrichtung seines Quartiers, in dem alles untergebracht war, was er besaß. Das meiste davon waren Kleidungsstücke, die an Bord der SOL hergestellt worden waren. Sie lagen überall verstreut herum. Er hatte anderes zu tun, als Hemden zusammenzulegen.

Außerdem gab es dafür Roboter. Nur, dass er den Servoroboter abgeschaltet hatte, weil er seine Ruhe haben wollte. Für einen Moment flackerte der irrwitzige Gedanke in ihm auf, dass er das getan hatte, als die SOL in einer anderen Galaxis materialisiert war.

Ein Permanentholo zeigte die Außenumgebung der SOL: die Sternbilder der Galaxis Yahouna. Fünfhunderttausend Kilometer entfernt, aber dennoch deutlich zu erkennen, schwebte ein schillerndes rundes Objekt.

Anchi wusste, dass es ein Planet war, obwohl er so fremdartig aussah: blau mit weißen Wolkenbändern und zwei bräunlich-grünen Kontinenten in der südlichen Hemisphäre. Ihn umgaben keine Kunstsonnen, die jede Stelle seiner Oberfläche beleuchteten. Er wurde nur von einer einzigen Riesensonne bestrahlt, die im Holo weit weg als kleiner, blau leuchtender Ball angezeigt wurde. Sie hieß wie der Planet selber Diulu. Die Planetenseite, die der Sonne gegenüberlag, verschwand in der Dunkelheit des Weltalls. Was mochten die Planetenbewohner fühlen, wenn es um sie herum dunkel wurde, weil Diulu sich von der Sonne wegdrehte?

Anchi schüttelte sich. Würde er jemals auf so einem Planeten leben können?

Er sah auf die herumliegende Kleidung und dachte kurz darüber nach, den Servoroboter wieder zu aktivieren. Seine Privaträume in der SOL-Zelle 2 boten mehr Luxus, als er sich sein Leben lang hatte vorstellen können. Und dennoch ...

»Servo, Nachrichten!«, forderte er laut.

»Keine neuen Nachrichten!«, antwortete wie aus dem Nichts die sanft modulierte Stimme des Kabinenservos.

Ein Holo flammte auf und listete die bereits eingegangenen und als gelesen markierten Nachrichten auf. Darunter war auch die eine, die er erhalten hatte, während sich die SOL noch in Tare-Scharm aufgehalten hatte. Diese Nachricht hatte ihm mehr zu schaffen gemacht als die Pararealitäten, die damals über die SOL hereingebrochen waren und das goldene Schiff an den Rand der Zerstörung gebracht hatten.

Grimmig tippte Anchi auf die betreffende Zeile, öffnete damit den kurzen Text.

Er bestand nur aus wenigen Sätzen. Lieber Ennyas, lautete der erste, und dann: schlechte Nachricht!

Wenigstens kam dieser Roi Danton gleich zur Sache. Das machte es nicht besser.

Verärgert wischte Anchi die Nachricht weg.

Verärgert über sich selbst, dass er sie überhaupt noch einmal geöffnet hatte.

Während die anderen Gestrandeten damit beschäftigt gewesen waren, die Erlebnisse der letzten Wochen zu verarbeiten, die immerhin in der Zerstörung ihrer Heimat geendet hatten, hatte er sofort die Chance ergriffen, die sich ihm bot. Er hatte sich direkt nach seiner Ankunft an Bord der SOL bei Dantons Nachwuchsschmiede beworben.

Und dann diese schnöde Antwort bekommen: ... haben diesmal leider keinen Platz für dich in unserem Team ... das bedeutet nicht, dass du keine andere tolle Aufgabe an Bord der SOL finden könntest ... vielleicht im nächsten Jahr noch mal bewerben ... Mit besten Wünschen für die Zukunft, ad astra, Roi Danton.

Dabei hatte er nie persönlich mit Danton gesprochen. Einige seiner Spezialisten hatten Anchi verhört, wie er es bei sich nannte. Und ihn für nicht tauglich befunden.

»Servo, erzähl mir etwas über Roi Danton!«

»Roi Danton ist der Expeditionsleiter der SOL. Ihm obliegt die ...«

»Das weiß ich«, unterbrach Anchi unwirsch. »Ich will mehr über ihn persönlich wissen, seine Vorlieben, seine Philosophie!«

»Soll ich eine Direktverbindung zu Roi Danton herstellen?«

Anchi wurde heiß. »Um Gottes willen, nein!«

Er konnte schlecht einfach den Expeditionsleiter der SOL anrufen, um ihn über seine privaten Gedankengänge auszuhorchen. Er wollte zuerst etwas finden, das ihn mit Danton verband.

Anchi seufzte. »Was kannst du mir über sein Leben erzählen?«

Er wusste, dass im Bordspeicher der SOL unzählige Informationen abgelegt waren; viele davon waren öffentlich freigegeben, und die konnte er auf vielfältige Art abrufen. Sogar eine Einpflanzung der Daten per Hypnoschulung in sein Gehirn war möglich. Alle Neu-Solaner waren auf diese Weise in die Bordfunktionen der SOL eingewiesen worden. Danach konnten sie quasi im eigenen Gehirn nachlesen, wie Antigravschächte und Kabinenservos funktionierten. Manche, wie Rytanaia, hatten auf diesem Weg sogar eine Pilotenausbildung erhalten.

Dennoch war das Verfahren eine Methode der Wissensaneignung, der die meisten Neu-Solaner zutiefst misstrauten. Schließlich hatten die Bescheidenen Diener Senns, die im Tal der Gestrandeten den Ton angegeben hatten, die sogenannten Indoktrinatoren auf abscheuliche Weise missbraucht, um ihre Macht zu erhalten. Sie hatten damit das Gedächtnis der Kinder gelöscht, die sie in ihren Klan aufnahmen. Ohne jeden Skrupel hatten sie aus ihnen gehorsame, gefühllose Kreaturen gemacht.

Unter anderem deswegen bevorzugte Anchi die Methode des Gesprächs, statt sich Informationen ins Gehirn pflanzen zu lassen. Auch wenn es nur das Gespräch mit einem Servo war.

»Roi Danton wurde geboren am 16. August 2405 alter Zeitrechnung«, begann die Stimme des Servos.

Anchi wurde flau im Magen. Zu einem Kunststück immerhin befähigte ihn der Crashkurs, den er per Hypnoschulung erhalten hatte: Er war in der Lage, sofort die sogenannte alte Zeitrechnung in die Bordzeit der SOL umrechnen. Auf der SOL schrieben sie den 7. November 1552 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Das entsprach dem Jahr 5139 alter Zeit. Roi Danton war demnach über zweitausendsiebenhundert Jahre alt.

Anchi hatte gewusst, dass der Sohn Perry Rhodans alt war. Aber das, was er in diesem Moment erfuhr, war geradezu unvorstellbar. Diese Information war bisher an ihm vorübergegangen, sie war komplett neu.

»Er ist der Sohn von Perry Rhodan und Mory Rhodan-Abro«, fuhr der Servo fort. »Sein Geburtsname ist nicht Roi Danton, sondern Michael Reginald Rhodan.«

Anchi hatte schon einmal gehört, dass Rhodan seinen Sohn Mike nannte. Das war also der Grund! Konnte er diese Information nutzen, Mike näherzukommen? Es wurde Zeit, dass er alle Details über Danton erfuhr. Es ärgerte ihn, dass er sich bislang dafür nicht interessiert hatte. Vielleicht hätte er das wissen sollen, bevor er sich zur Akademie gemeldet hatte.

Der Automat plapperte weiter. »Seine Zwillingsschwester ...«

»Moment!«, unterbrach Anchi. »Wie kam er zu dem Namen Roi Danton?«

»Schon als kleines Kind entwickelte Michael Rhodan eine Affinität zu den Helden der Französischen Revolution. Das war eine regionale Entwicklung auf dem Planeten Erde, auf dem Michael geboren wurde. Sie hatte große historische Bedeutung: Rebellen gegen den König forderten Freiheit und Unabhängigkeit. Später, als Michael Rhodan sich von seinem Vater lossagte und auf eine große Reise ging, nannte er sich als ›König der Freihändler‹ Roi Danton. Er kleidete sich ...«

Während der Servo weiterredete, überlegte Anchi, was er mit diesen Informationen anfangen konnte. Sollte er sich als Bruder im Geiste zeigen, der in den Kleidern eines terranischen Edelmanns durch die SOL stolzierte? Unsinn, so etwas würde jeder sofort als Anbiederung erkennen! Dann hätte er es nicht anders verdient, wenn Roi Danton ihm nie wieder eine Chance gäbe, in die SOL-Akademie aufgenommen zu werden. Er musste subtiler vorgehen. Er musste Danton zeigen, dass er, Ennyas Anchi, ein Mann nach Dantons Herz war.

Der Servo plapperte und plapperte, und Anchi hörte gar nicht mehr genau hin. So viel war klar, Roi Danton hatte ein abenteuerliches Leben geführt. Ein Leben voller Husarenstücke und großer Reisen. Danton hatte sich vom Vater gelöst und sein Leben auf eigene Füße gestellt. Manchmal falsche Entscheidungen getroffen und düstere Zeiten erlebt.

Aber immer war er zurückgekommen, stärker als zuvor, und immer war er dorthin gegangen, wo die wirklich großen Dinge geschahen. Er war an Bord der SOL gewesen, als diese gebaut wurde, und immer wieder zu ihr zurückgekehrt. Zur SOL, die nun auch Ennyas Anchis Heimat war.

Anchi trat an die permanente Holoprojektion, die den Blick ins All zeigte. Welche Abenteuer würden ihnen in Yahouna noch bevorstehen? Und welchen Anteil würde er daran haben?

Wie es im Moment aussah: keinen!

Er überlegte, was er Nadarr erzählen würde, wenn er ihn wiedertraf. Er mochte es, wie der Junge ihn vergötterte, genau so wie Sinya und Freddie und die anderen es taten. Sogar Rytanaia hatte er mit seinen Geschichten schon in den Bann ziehen können, obwohl sie bereits in der Zentrale der SOL gearbeitet und Danton und Rhodan persönlich kennengelernt hatte.

Inzwischen hatten dort die Alt-Solaner wieder das Ruder übernommen, jene Raumfahrer, die ihr Handwerk nicht nur aus der Hypnoschulung kannten, sondern von richtigen Fahrten durch den Weltraum.

Anchi spürte, dass er müde wurde, trotz der aufregenden Ereignisse des Tages. Mit einem Zuruf an den Servo dimmte er das Licht in der Kabine.

Er ruckte empört hoch, als ihn ein Summton aus leichtem Schlummer riss. Für einen Moment war Anchi verwirrt. Wie spät war es denn?

Er sprang auf, zupfte sein Hemd gerade und ging die paar Schritte zur Kabinentür.

Die Bedeutung des Summtons war ihm vertraut: Jemand benachrichtigte ihn, dass er direkt vor Anchis Quartier stand! Rytanaia?