Verlag: BookRix Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Misteln, Schnee und Winterwunder E-Book

Stina Jensen  

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E-Book-Beschreibung Misteln, Schnee und Winterwunder - Stina Jensen

Stell dir vor, Du wünschst dir etwas so sehr, und übersiehst dabei, was dir wirklich fehlt. Sina wünscht sich sehnlichst ein Kind, allerdings driften sie und ihre Jugendliebe Nils momentan immer weiter auseinander. Nach einem Streit flüchtet sie in die vorübergehend leerstehende Wohnung ihrer Eltern und trifft im Haus auf die kleine Leila. Das marokkanische Mädchen scheint so kurz vor Weihnachten genauso einsam zu sein wie sie. Erst als sie Leilas Vater Elyas kennenlernt, wird Sina klar, dass sie das Mädchen keineswegs bedauern muss. Nach einer unfreiwilligen Schlittenfahrt würde sie selbst am liebsten jede freie Minute mit dem anziehenden jungen Witwer verbringen. Mitten in dieses Gefühlschaos hinein sendet ihr Körper Signale, dass es mit einem Baby von Nils endlich geklappt haben könnte … //Eine herzerwärmende Geschichte für einen Wintertag auf dem Sofa in eine kuschlige Decke gehüllt.//  ******************************************************** Weiterer Lesestoff von der Autorin: "INSELblau" (Bd. 1) "INSELgrün" (Bd. 2) "INSELgelb" (Bd. 3) "INSELpink" (Bd. 4) "INSELgold" (Bd. 5) Schauplätze sind die Inseln Langeoog, Mallorca, Irland, Island und Rügen. Die Romane sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. Es erhöht jedoch das Lesevergnügen, wenn Sie mit Band 1 starten, da Sie in jedem weiteren Roman auf liebgewonnene Bekannte treffen. Die GIPFELfarben-Reihe setzt die INSELfarben-Reihe fort. Der erste Teil "GIPFELblau" spielt in Zermatt. Der zweite Teil "GIPFELgold" spielt in Bad Gastein und ist demnächst vorbestellbar. Außerdem: "Plätzchen, Tee und Winterwünsche" – die Vorgängergeschichte mit Sinas Schwester Milla in der Hauptrolle. Die Romane können unabhängig voneinander gelesen werden. "Sommertraum mit Happy End" "PLAYA DE PALMA: Abgrundtief". Ein beklemmender Krimi vor trügerischer Mallorca-Kulisse. "Kinder, Koks und Limonade"

Meinungen über das E-Book Misteln, Schnee und Winterwunder - Stina Jensen

E-Book-Leseprobe Misteln, Schnee und Winterwunder - Stina Jensen

Misteln, Schnee und Winterwunder

Stina Jensen

Sótano

Inhalt

Das Buch

Drei Jahre zuvor

1

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3

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5

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7

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9

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Heiligabend

Nachwort

Über die Autorin

Plätzchen, Tee und Winterwünsche

Die INSELfarben-Reihe

GIPFELblau

Sommertraum mit Happy End

Ein Krimi: Playa de Palma: Abgrundtief

Frida Luise Sommerkorn

Das Buch

Stell dir vor, Du wünschst dir etwas so sehr, und übersiehst dabei, was dir wirklich fehlt.

Sina wünscht sich sehnlichst ein Kind, allerdings driften sie und ihre Jugendliebe Nils momentan immer weiter auseinander.

Nach einem Streit flüchtet sie in die vorübergehend leerstehende Wohnung ihrer Eltern und trifft im Haus auf die kleine Leila. Das marokkanische Mädchen scheint so kurz vor Weihnachten genauso einsam zu sein wie sie.

Erst als sie Leilas Vater Elyas kennenlernt, wird Sina klar, dass sie das Mädchen keineswegs bedauern muss. Nach einer unfreiwilligen Schlittenfahrt würde sie selbst am liebsten jede freie Minute mit dem anziehenden jungen Witwer verbringen.

Mitten in dieses Gefühlschaos hinein sendet ihr Körper Signale, dass es mit einem Baby von Nils endlich geklappt haben könnte …

Drei Jahre zuvor

In der Mitte der Sahnetorte prangte ein rotes Marzipanherz. Es war von Buchstaben aus Zuckerguss umrahmt. Mit klopfendem Herzen trat ich näher und entzifferte die zierlichen Lettern: Und meine Frau werden? Da vergaß ich zu atmen.

Um mich herum schwebten bunte Luftballons. An ihnen hatte Nils Zettel befestigt und mich auf diese Weise zuvor gefragt, ob ich mit ihm zusammenziehen wollte.

»Du Lump!« Johanna stürzte sich auf Nils und hämmerte auf seine Brust. Lachend fiel sie ihm und gleich danach mir um den Hals. »Er hat mir nichts verraten!«, rief unsere beste Freundin. »Dabei hätte ich es schwören können! Herzlichen Glückwunsch!«

Nils schob Johanna sanft beiseite. »Warten wir doch erst einmal Sinas Antwort ab, was meinst du? Dann kannst du immer noch gratulieren.«

Das Herz schlug mir bis zum Hals. Nach all den Zweifeln der letzten Wochen, in denen ich sogar eine Zeitlang geglaubt hatte, Nils hätte eine andere, kamen dieser Antrag und die Aussicht darauf, dass wir zusammenziehen würden, überraschend. Dabei hatte ich mir das doch sehnlichst gewünscht!

All unsere Freunde, darunter meine Zwillingsschwester Milla und ihr neuer Schwarm Jochen, sahen mich erwartungsvoll an.

Mein Zögern bemerkten sie hoffentlich nicht.

Ich nahm Nils’ Gesicht in meine Hände. »Ja, ich will«, hauchte ich und küsste ihn lang und innig.

1

Es war an einem nebligen Freitagmorgen Mitte November, fast drei Jahre später. Von unserem Fenster im dritten Stock der Oskar-von-Miller-Straße in Frankfurt sah man direkt auf den Main. Die Nebelschwaden lichteten sich langsam. Durch den Dunst zog die Silhouette eines Kahns auf dem Wasser ihre Bahn.

Ich saß an der ›Bar‹, wie Nils und ich die Abtrennung von der Küche zum Wohnzimmer in unserer Dreizimmerwohnung nannten, und trank eine Tasse Kaffee. Morgens checkte ich E-Mails auf dem Smartphone, surfte ein bisschen im Netz und las die neuesten Nachrichten, bis ich mich für die Arbeit fertigmachte.

Aus dem Badezimmer schallte Nils’ Pfeifen unter der Dusche. Ich scrollte übers Display und klickte auf einen Link zu einem Online-Fragebogen zum Thema Beziehungen.

Wie glücklich bist du mit deinem Herzensmenschen? fragte die Überschrift.

Nachdenklich drehte ich meinen Ehering.

Es gab ein paar Dinge, die mich in meiner Ehe störten. Zum Beispiel ließ Nils mich immer wieder auf Feiern der Baufirma, bei der er als Ingenieur angestellt war, allein herumstehen. Er war damit beschäftigt, ›Kontakte zu pflegen‹. So auch wieder gestern Abend auf der Weihnachtsfeier. Aus Langeweile hatte ich mich an der Gänsekeule mit Knödeln und Rotkraut so überfressen, dass mir immer noch der Magen wehtat.

Gedankenverloren wickelte ich eine Haarsträhne um meinen Finger und machte mich daran, die Felder des Fragebogens auszufüllen.

Bist du in einer festen Beziehung?

Ja | Nein

Falls ja: Verheiratet | zusammen lebend | in getrennten Wohnungen lebend?

Falls verheiratet: Seit wie vielen Jahren?

1-3| 4-10 | 10-20 | mehr

Auf einer Skala von 1-10 (1 schlechteste Note, 10 Bestnote):

Wie zufrieden bist du mit deinem Liebesleben?

1 2 34 5 6 7 8 9 10

Weißt du immer, was in deinem Mann vorgeht?

1 2 345 6 7 8 9 10

Weiß dein Mann, was in dir vorgeht?

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Wann habt ihr euch das letzte Mal gesagt, dass ihr euch liebt?

Noch nie | kann mich nicht genau erinnern | vor ein paar Wochen | gestern | heute

Habt ihr gemeinsame Ziele?

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Ich blies die Wangen auf und starrte die Frage an.

In diesem Moment hörte ich das Klappen der Badezimmertür und legte das Handy ab.

Nils’ feuchte Haare standen ihm wie bei einem Igel zu Berge, als er in seinen anthrazitfarbenen Bademantel gehüllt die Küche betrat und in den Raum hinein sagte: »Alexa, wie wird das Wetter heute?«

Das ›Smarthome‹ rasselte die erwarteten Temperaturen und Regenwahrscheinlichkeiten für Frankfurt herunter, und Nils drückte an unserer Kaffeemaschine den Knopf für zwei Espressi. Morgens trank er immer einen Doppelten.

Milla bezeichnete Nils gern als ›Sunnyboy‹. Er hatte dunkelblondes Haar, das er einen Ton aufhellte, sodass es aussah, als sei er gerade aus einem Urlaub im Süden zurückgekommen. Der Farbton harmonierte perfekt mit seinen blau-grauen Augen – und kontrastierte ebenso perfekt zu meinen dunklen Augen und den überschulterlangen braunen Haaren. Wir waren ein schönes Paar, sagten zumindest all unsere Freunde.

Während der Kaffeeautomat brummte, wandte mein Mann sich zu mir um. »Na?«

»Na?«, gab ich zurück und dachte an die Frage aus dem Psychotest: »Habt ihr gemeinsame Ziele?«

Mein Blick ging zu dem dunklen, antiken Wohnzimmerschrank, der einen bezaubernden Gegensatz zu unserer hellen Einrichtung bildete. Die hellgrauen Wände hoben sich edel von der weiß angelegten Decke ab, dazu die Möbel in Weiß und hellem Holz, unser sandfarbenes Sofa. Als Eyecatcher hatte ich auf einem Bord meine Matroschkas aufgereiht. Das waren traditionelle, russische Püppchen, die ich leidenschaftlich sammelte.

In einer Schublade des Wohnzimmerschranks lagerten die Strampler und Stofftiere für das Kind, das Nils und ich einmal haben würden. Der Gedanke an ein Baby begleitete mich nun seit rund zwei Jahren. Endlich ein kleines Wesen mit Haaren so weich wie Mohair und einem Duft nach Himmel in den Armen zu halten, in seinen Augen zu versinken – ich wünschte mir nichts mehr. Besonders dann, wenn der Eisprung nahte. Und danach noch mehr, da ich in mich hineinhorchte und nach Anzeichen suchte, die für eine Schwangerschaft sprechen könnten. Wie heute zum Beispiel.

Es war der erste Tag meines neuen Zyklus’ und in meinem Unterleib machte sich ein Ziehen bemerkbar. Dies konnte zwei Dinge bedeuten: Ein Ei nistete sich ein. Oder die Periode kündigte sich an. Heute schmerzten auch meine Brüste.

Ein weiteres Ziel war das Haus mit Garten, auf das Nils und ich sparten. Das brauchten wir allerdings nur, wenn sich auch ein Kind ankündigte. Meinte Nils.

Der Espresso war fertig, und ich wartete ab, bis mein Mann zu mir an die Küchenbar trat. Er schob die Schale mit meiner Herbstdeko aus kleinen Zierkürbissen und glänzenden Maiskolben beiseite, und stellte seine Tasse ab.

»Und? Wie ist die Lage?«, fragte er wieder.

Mir war klar, worauf er anspielte. Ob oder ob nicht. Nicht, dass mich das unter Druck gesetzt hätte. Haha. Außerdem war da dieses Gefühl. Möglicherweise hoffte Nils, dass es nicht geklappt hatte. Seit unsere Freundin Johanna vor fünf Monaten einen kleinen Jungen bekommen hatte, war Nils’ Begeisterung für ein Kind abgekühlt.

Oskar raubte Johanna und Raul den Schlaf, und unsere einstmals unternehmungslustige Freundin lag abends um halb neun im Bett, um zusammen mit dem Kleinen überhaupt ein paar Stunden Ruhe zu bekommen.

»Es wäre durchaus möglich«, antwortete ich.

»Das hast du schon so oft gedacht.« Nils nippte am Espresso.

»Diesmal ist es anders. Also diese Art von Ziehen. So war es noch nie«, widersprach ich leise.

»Meinst du so ein heftiges Ziehen in der Brust? Oder das im Unterleib, das sich so anfühlt, als ob deine Periode käme, von dem du aber gehört hast, dass eine Schwangerschaft sich ganz genauso ankündigt?«

Ich blinzelte. »Mir ist klar, dass es dich nervt, und mich macht es, wie du weißt, ebenfalls völlig fertig. Aber diesmal«, ich nahm seine Hand und sah ihn eindringlich an, »könnte es wirklich sein.«

Ich sagte ihm lieber nicht, dass ich in diesem Zyklus nicht nur den Mondkalender konsultiert, sondern auch Ovulationsstäbchen benutzt hatte, die den Eisprung exakt bestimmten. Von Zucker auf der Fensterbank, damit es ein Mädchen wurde, hatte ich gerade noch Abstand nehmen können.

Nils tätschelte meine Hand. »Aber bitte keine Tränen, wenn das Ziehen wieder einen anderen Ursprung hat.«

Konnte es sein, dass er mit mir sprach wie ein Vater mit seinem Kind, das noch an den Weihnachtsmann glaubte?

Der ewige Sex nach Plan tat unserer Beziehung keineswegs gut. Manchmal befürchtete ich, Nils könnte mich wegen meines unerfüllten Kinderwunsches verlassen. Nicht, weil er mir die Schuld zusprach, sondern weil es zwischen uns kaum noch ein anderes Thema gab. Angeblich. Meiner Meinung nach stimmte das nicht. Unser Hauptthema war und blieb die Arbeit.

Nils arbeitete als Bauingenieur an Großprojekten, war viel auf Baustellen unterwegs und beschäftigte sich auch fast jedes Wochenende mit Planungen, für die er unter der Woche keine Zeit gefunden hatte.

Und auch mein Job war fordernd. Meine Kundinnen waren russische und ukrainische Oligarchen-Gattinnen, die ihre Männer oft monatelang nicht zu Gesicht bekamen. Diese Typen brachten ihre Frauen und Kinder in Frankfurt, Bad Homburg oder Wiesbaden unter, damit sie in der Nähe der Finanzmetropole ein angenehmes Leben führen konnten. Und das taten sie. Mit meiner Hilfe.

Ich war Einrichtungsberaterin. Mein Chef Popow war ein russischer Bauunternehmer, für den Nils als Projektleiter arbeitete. Seine Baufirma lieh ihn quasi an Oleg Popow aus. Oleg hatte vor knapp drei Jahren einen Laden in der Nähe unserer Wohnung gekauft und mich – wir kannten uns über meinen vorherigen Job – gefragt, ob ich für ihn arbeiten und mich der extravaganten Einrichtungswünsche seiner russischen Kundinnen annehmen würde.

Außerdem bin ich ebenfalls gebürtige Russin. Mein Geburtsname lautet Zinaida Jerschowa. Unaussprechlich für deutsche Zungen, deshalb nennen mich alle Sina. Als Kind kam ich mit meiner Familie nach Offenbach. Meine Großeltern waren sogenannte Russlanddeutsche, und meine Oma hatte meine Eltern zu diesem Schritt überredet. Meine Zwillingsschwester Milla (von Ljudmilla) und ich haben uns im Gegensatz zu unseren Eltern rasch integriert. Als Kinder sprachen wir zu Hause Deutsch und Russisch. Die beste Voraussetzung für Popows Geschäft. Im Laufe der Zeit hatte ich schon etliche von Popows anspruchsvollen Kundinnen mit meinen Ideen für ihre Häuser und Wohnungen glücklich gemacht.

Seit knapp einem Jahr war ich nahezu ausschließlich für Tatjana Zhabenko tätig, eine mit einem Russen verheiratete Ukrainerin, deren Muttersprache zwar ukrainisch war, die aber besser Russisch sprach als ich.

Meiner Zwillingsschwester Milla fielen jedes Mal die Augen aus dem Kopf, wenn ich ihr die Fotos von den Messen zeigte, auf denen ich Einrichtungsgegenstände für meine Kundinnen auswählte: Ohrensessel in Tigermuster mit Blattgold überzogenen Füßen. Goldene Wasserhähne in Schwanen- oder Delfinform. Aufwendig verzierte goldene Bilderrahmen, Spiegel und Deckenleuchten: Hauptsache Gold, Gold, Gold.

Natürlich sparte meine dunkelhaarige Kundin auch bei sich selbst nicht mit teurem Schmuck. Ihr Mann hatte ihr zur Geburt ihrer Tochter Sascha einen Brillantring geschenkt, der bei jeder Handbewegung schimmerte.

Zuerst hatte ich ein Haus im Frankfurter Westend für sie und Sascha eingerichtet, das vor Prunk nur so strotzte. Vor ein paar Monaten kam sie dann mit der Nachricht, dass ihre Schwester spätestens an Weihnachten nach Deutschland kommen würde, und sie kaufte eine Vierzimmerwohnung in Bad Homburg, deren Renovierung ich seither begleitete.

Bei der Einrichtung dieses Objekts hielt sie sich mit Gold und Glimmer etwas zurück. Vermutlich hatte ihre Schwester, die zwei Kinder zu haben schien – ich richtete ein Mädchenzimmer und ein Babyzimmer für einen Jungen ein – nicht so viel Budget zur Verfügung.

Ich hatte mir abgewöhnt, meiner Kundin persönliche Fragen zu stellen. Wenn ich sie etwas fragte, worauf sie nicht antworten wollte, stellte sie sich taub. Tatjanas Mann hatte ich – bis auf ein paar Fotos, die einen untersetzten goldbehangenen Russen zeigten – noch nie zu Gesicht bekommen. Meine und Millas Theorie war, dass es sich bei ihm um einen König der Unterwelt handelte, und die beiden sich nur im Verborgenen trafen.

Doch ich wollte mich nicht beklagen. Natürlich hatte ich unendliches Glück, mein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Allerdings hatte er auch seine Schattenseiten: Oleg und Tatjana beschränkten ihre Wünsche und Anforderungen nämlich nicht auf Montag bis Freitag. Es war üblich, am Wochenende – und sei es nur für ein paar Stunden – zur Verfügung zu stehen. Am Samstagabend konnte ein Anruf von Tatjana kommen, die die Idee hatte, das Flurkonzept mit dem Deckenleuchter von dem Künstler aus Lissabon und den abstrakten Skulpturen aus geriffeltem Blech über den Haufen zu schmeißen und doch auf bewährtes Gold und Glimmer zu setzen. Und zwar sofort. Oder Popow bat mich sonntagmorgens darum, einen Blumenstrauß für seine Frau zu organisieren, um ihr eine Freude zu machen. Das fertige Teil holte er dann höchstpersönlich im Blumenladen ab, ohne auch nur eine Sekunde darauf warten zu müssen.

Und auch Tatjanas Wünsche standen stets über meinen. Sie mochte zwar eine anstrengende Kundin mit all ihren Sonderwünschen sein, so meinte Oleg, doch sie zahlte ihm eben auch jeden Preis, den er für seine Umbaumaßnahmen veranschlagte. Und auch für meine Dienste legte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, zweihundert Euro pro Stunde hin. Von denen ich selbstredend nie etwas zu Gesicht bekam. Immerhin war mein Gehalt hoch genug, dass ich mich nicht traute, mich allzu lautstark zu beschweren. Je schneller Nils und ich eine Anzahlung für ein Haus angespart hatten, umso besser.

Außerdem war die Arbeit für Tatjana auch nicht wirklich anstrengend. Im Gegenteil. Bei den Renovierungsarbeiten im Haus hatte ich überwacht, dass jede einzelne Fliese im rechten Winkel verlegt und kein Kratzer im Putz zu sehen oder ein Lichtschalter einen halben Zentimeter zu hoch oder zu niedrig gesetzt war. Und auch bei der Wohnung konnten wir inzwischen mit dem Einrichten anfangen.

Es war immer in den Phasen der Absprachen, in denen es zwischen meiner Kundin und mir zu kriseln begann. Wobei sie nichts von diesen Krisen ahnte. Die meiste Zeit saß ich auf einem ihrer unbequemen Prunksessel herum und wartete darauf, dass sie aufhörte, zu telefonieren. Dabei wechselte sie vom Ukrainischen mit ihrer Verwandtschaft oder Freunden zum Russischen, wenn sie mit ihrem Mann sprach. Ich durfte ihrem Geschwätz und Liebesgesäusel lauschen, bis sie fertig war. Es drehte sich immer entweder um Geld, Alkohol, Kinder oder Putin und Poroschenko, deren Namen nie genannt wurden. Genauso wenig wie der Name ihres Mannes, den sie stets »Ljubimi« nannte, das so viel wie Liebling heißt. Anscheinend gehörten die beiden Präsidenten sowie ihr Mann zur Liste derer, deren Namen man nicht aussprechen durfte. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich in ihrer Heimat nicht viele Freunde gemacht hatte, indem sie einen Russen heiratete. Eine Rückkehr war für sie als Überläuferin quasi unmöglich.

Ich hielt mir den Bauch und spürte dem Ziehen in meinem Unterleib nach, das nichts Gutes verhieß. Ich hatte gelesen, dass es etwas wehtun konnte, wenn die Bänder sich auf eine Schwangerschaft einstellten. Diese Schmerzen sollten nicht krampfartig sein, sondern wie ein gleichmäßiger Druck. Ich fühlte jedoch etwas anderes. Wahrscheinlich hatte es wieder nicht geklappt.

Diesen Befürchtungen nachhängend rutschte ich von meinem Hocker. Nils räumte unsere leeren Tassen in die Spülmaschine, rückte die Dekoschale mit den Zierkürbissen gerade und verschwand im Schlafzimmer, um sich umzuziehen.

Ich sah zum grauen Himmel hinauf und spürte in diesem Moment, wie sich der erste Tropfen Blut seinen Weg in meine Unterwäsche bahnte. Eine Weile ließ ich den Tränen freien Lauf. Dann ging ich ins Bad und machte leise die Tür zu. Ich wusch mein Gesicht und kramte nach einer Schachtel Tampons. Immer nahm ich mir vor, beim nächsten Mal nicht enttäuscht zu sein. Oder wütend auf Nils. Was, wenn es an ihm lag? Er weigerte sich beharrlich, sich testen zu lassen.

Aus der Diele vernahm ich, wie Nils den Schlüssel vom Bord nahm. »Alexa, mach das Licht im Schlafzimmer aus«, sagte er in die Wohnung hinein. Dann rief er: »Ciao, Süße. Bis heute Abend.«

Kein Abschiedskuss, schon seit langem nicht mehr. Als sollten die Küsse beim Sex alle vier Wochen ausreichen.

Ich tappte aus dem Bad in die Küche, wo noch immer mein Handy auf der Bar lag.

Habt ihr gemeinsame Ziele?, fragte der Psychotest beharrlich.

Nicht mehr, dachte ich und schloss die Anwendung. Ich war des Hoffens müde. Warum dem sinnlosen Wunsch nach einem Kind und einem Haus nachhängen und dafür meine Ehe aufs Spiel setzen? Ich würde wieder mehr für unsere Partnerschaft tun. Mich ändern.

Es war an der Zeit, meine Ehe zu retten.

2

Das Wochenende verbrachten Nils und ich im üblichen Einkaufen-Putzen-Arbeiten-Modus. Es ergab sich keine einzige Gelegenheit für eine Unterhaltung über uns. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mich mit ihm auszusprechen und einen gemeinsamen Neuanfang zu planen.

Stattdessen rief Tatjana am Samstagnachmittag an und zitierte mich zu sich. Sie wollte einen der bereits fertig gestrichenen Räume in der Vierzimmerwohnung umstreichen lassen, weil ihr der gewählte Pink-Ton in Kombination mit Türkis für das eine Kinderzimmer doch nicht gefiel. Geduldig durchforstete ich zum gefühlt hundertsten Mal Farbkarten mit ihr, bis wir uns auf die Änderung von Türkis in Flieder einigten.

Abends, als Zeit für ein Gespräch mit Nils zum Thema Rettung unserer Ehe gewesen wäre, checkte mein Mann E-Mails und hämmerte Antworten an schwierige Bauherren in die Tastatur seines Laptops, bis ich resigniert zur Fernbedienung griff. Ich tröstete mich mit Liebe braucht keine Ferien, einem Film, den ich schon ein dutzend Mal gesehen hatte. Ich mochte es, genau zu wissen, wie diese Story endete.

Natürlich bekam Nils mit, dass meine Periode eingesetzt hatte. Doch außer einem Kuss auf die Stirn und einem »Ach, Schatz« verlor er kein Wort darüber.

Montagmorgens reiste er für eine Woche nach München, um mit Architekten an der Ausschreibung für ein Projekt zu feilen.

Die Woche über beschäftigte ich mich weiter mit Tatjana und der Einrichtung der Bad Homburger Wohnung, besuchte Johanna und Milla und ging früh ins Bett.

Als Nils am Freitagabend von seiner Geschäftsreise zurückkehrte, präsentierte ich ihm einen Plan für die vor uns liegenden Tage. Ich hatte nicht, wie sonst, im Vorfeld meines Eisprungs ›romantische Abende‹ mit elektrischem Kaminfeuer und Kuschelmusik aus Alexas unerschöpflichem Musikfundus auf dem Zettel, sondern für Sonntag eine Stadtführung in der restaurierten Frankfurter Altstadt gebucht. Wozu lange reden? ›Handeln‹ lautete die Devise.

Und siehe da, der erste Teil des Eherettungsplanes gelang halbwegs. Zwar schrieb Nils zwischendurch die eine oder andere E-Mail, dennoch lauschte er unserem Führer im historischen Stadtkern aufmerksam. Anschließend tranken wir noch einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, der gerade erst seine Pforten geöffnet hatte. Das gemeinsame Weihnachtsfest mit meinen Eltern kam mir dabei noch unendlich fern vor.

Am Montagabend, dem Tag, an dem mein Zyklus in die ›heiße Phase‹ für eine erfolgreiche Befruchtung eintrat, führte ich meinen Mann zu einem Japaner, der das Essen vor unseren Augen auf einer heißen Platte zubereitete. Wir saßen nebeneinander mit Papierschürzen um den Hals. Zuvor hatten wir uns an heiß-feuchten Tüchern die Hände gesäubert. Ich genoss die exotische Stimmung und verschwendete keine Gedanken an eventuell aphrodisierende Wirkungen der Speisen.

Vielleicht erwartete Nils, dass ich früher oder später auf ein Baby zu sprechen kommen würde, aber das hatte ich nicht vor. Stattdessen verwickelte ich ihn in ein Gespräch über weitere Besichtigungsziele, weil die Führung in der Altstadt so schön gewesen war. Nils brauchte immer ein Ziel. Nur am Main spazieren zu gehen oder durch die Stadt zu schlendern, war nicht sein Ding. »Kino«, schlug Nils vor – und ich versprach, mich nach den aktuellen Filmen umzuhören. Natürlich hätte ich Alexa fragen können. Aber das war mehr Nils’ Ding.

Als das japanische Matcha-Eis vor uns stand, beugte ich mich zu ihm hinüber und legte meine Hand auf seine. »Nils?« Ich lächelte ihn liebevoll an. »Was hältst du davon, wenn wir zusammen eine Weltreise machen würden?«

Bei diesem Thema hatte ich seine volle Aufmerksamkeit. Als wir uns kennenlernten, hatte er mir von diesem Traum erzählt. Aber in reelle Planungen waren wir nie eingestiegen. Eine Weltreise und ein Baby, das schloss sich gegenseitig aus. Der Gedanke zu dem Vorschlag war mir erst in diesem Moment gekommen.

»Das würdest du wirklich tun?«, fragte er lebhaft und nahm meine Hand. »Ein halbes Jahr um die Welt reisen?«

Ich riss die Augen auf. »So lange?«

»Weniger lohnt sich kaum. Die Welt ist groß.«

Es war ja nicht so, dass ich nicht gern verreiste. Aber wenn ich länger als zwei Wochen weg war, sehnte ich mich nach Daheim. Ich vermisste mein Bett, den Bäcker an der Ecke und Spaziergänge am Main. Selbst das Frankfurter Wetter ging mir nach einiger Zeit ab. Vielleicht war mein Vorschlag doch etwas zu voreilig gewesen. Aber da ich nun einmal damit angefangen hatte … Ich nahm einen Schluck Mineralwasser.

»Wo würdest du denn hinwollen?« Ich konnte mir Fjorde in Norwegen vorstellen, die Toskana, meinetwegen auch einen Robinson-Club in Tunesien.

Mein Mann saß aufrecht am Tisch. Das Dessert war vergessen. Er hatte den Löffel neben das vor sich hinschmelzende Eis gelegt. »Nun, zum Beispiel Afrika. Südamerika. Oder Indien.« Seine Augen leuchteten.

»Ist das nicht zu gefährlich?«, wandte ich ein. »Krankheiten, Überfälle, Monsunregen, Malar–.«

»Das ist lächerlich.« Nils ließ meine Hand los und rückte ein Stück von mir ab. »Es gab schon Reisewarnungen für Deutschland, weil irgendwer in Bayern in einem Zug randaliert und dabei einen Koreaner verletzt hat. Nicht überall auf der Welt herrschen Krieg, Kriminalität und Krankheiten. Die meisten Menschen sind ausgesprochen friedlich, gastfreundlich und sogar gesund. Zur Risikominimierung gibt es Impfungen und sichere Reiserouten. Glaub nicht alles, was in den Medien berichtet wird.«

Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Außerdem wäre unser ganzes Geld weg, das wir vielleicht irgendwann …« Den Rest ließ ich offen. Ich hatte das Thema doch meiden wollen.

Nils sah mich resigniert an. »Ich weiß.« Langsam nahm er den Dessertlöffel auf und stieß ihn in den kläglichen Rest Eis.

Ich war frustriert. Der Abend hatte mir gezeigt, dass es gar nicht so leicht war, sich zu ändern.

Für Dienstagabend suchte ich den Kinofilm Ein ganzes halbes Jahr für uns aus. Ich hatte schon viel Gutes darüber gehört und dachte, es sei ein romantischer Film über zwei Menschen, die gegen jede Chance zueinanderfanden.

Doch leider hatte ich nicht bedacht, wie sehr mich dieser Film, in dem es um einen sterbenskranken Mann ging, berühren würde. Schon bald liefen mir die Tränen über das Gesicht. Selbst bei den lustigen Szenen. Ich steigerte mich so sehr in meinen eigenen zerplatzten Traum hinein, dass ich mitten im Kino einen Heulkrampf bekam.

Es gibt Menschen, die werden fürsorglich, wenn jemand weint. Nils stand meinen Tränen früher hilflos gegenüber. In letzter Zeit war er von meiner monatlich wiederkehrenden Trauer sichtlich genervt. Im Kino wurde er wütend. Vielleicht nahm er mir auch meine Reaktion auf seine Weltreisepläne noch zusätzlich übel?

Jedenfalls drängte er mich aus dem Saal und stürmte zum Auto. Auf der Rückfahrt wartete er nicht einmal ab, bis ich mich angeschnallt hatte. Er raste so schnell durch die Innenstadt, dass ich mich im Sitz festkrallte. Zuhause knallte er mir die Schlafzimmertür vor der Nase zu. Ich hatte nicht das Bedürfnis, ihm zu folgen. Denn in der aufgeladenen Atmosphäre hätte ich eh nicht schlafen können. Und wahrscheinlich hätten wir uns nur gestritten. So legte ich mich aufs Sofa. Einmal meinte ich, dass er telefonierte, aber ich mochte es mir auch nur eingebildet haben.

Mittwochmorgens saß ich niedergeschlagen an der Küchenbar vor meinem Müsli. Der von mir arrangierte Kinobesuch vom Vorabend steckte mir in den Knochen.

Wie sollte das mit Nils und mir noch enden? Meine Eherettungsversuche schienen zum Scheitern verurteilt.

Als Nils aus dem Schlafzimmer kam, hob ich den Kopf und sah ihm verzagt entgegen.

»Morgen«, brummte er.

»Hi«, grüßte ich gedämpft und beobachtete ihn dabei, wie er sich seinen doppelten Espresso zubereitete und sich zu mir setzte.

»Du fragst Alexa ja gar nicht, wie das Wetter heute werden soll«, versuchte ich mich an einem Scherz.

Nils sah nach draußen in den wolkenverhangenen Himmel und zuckte die Schultern. »Das kann ich mir ja auch irgendwie denken.«

Ich rutschte von meinem Hocker und ging um die Bar herum, schlang die Arme um Nils und küsste ihn in den Nacken. »Tut mir leid wegen gestern«, flüsterte ich. »Ich weiß auch nicht, was los war.«

Nach einer Weile löste Nils meine Umarmung und drehte sich zu mir. Er strich mir das vom Schlafen zerzauste Haar aus der Stirn und blickte mir in die Augen. Seine Lippen umspielte ein trauriges Lächeln.

Zärtlich streichelte er über meinen Arm. Nach kurzem Zögern nahm er meine Hand, führte sie nach unten und legte sie auf seinen Schritt.

»Oh.« Verblüfft sah ich ihn an. Es war neu, dass Nils beim Sex den Anfang machte. Ich konnte mich gar nicht daran erinnern, wann das zuletzt passiert war.

Ohne mich aus den Augen zu lassen, rutschte er vom Barhocker und ließ seine Schlafshorts zu Boden fallen.

Ich schluckte. Was war er nur für ein schöner Mann! Kein Gramm Fett zu viel und man sah seinem Körper immer noch an, dass er mal viel Sport getrieben hatte.

Nils Finger berührten die spezielle Stelle hinter meinem Ohr. Er wusste genau, dass ich dort extrem empfindlich war. Ein Schauer lief über meinen Rücken. Seufzend biss ich mir auf die Unterlippe.

Seine Hände glitten über meinen Hals, liebkosten einen Moment die Kuhle am Schlüsselbein, um dann wie absichtslos über meine Brüste zu streichen. Deren Knospen reagierten sofort.

Ich starrte ihn an. Aber er sah mir nicht in die Augen, sondern beobachtete seine Hände auf ihrem Weg nach unten. Sie fuhren die Kurve meiner Taille nach, streichelten sanft über meine Hüften, verweilten am Gummi meines Slips.

Nils war sehr konzentriert, als er mir behutsam aus der Unterwäsche half. Dann schob er meine Beine auseinander und kam noch näher. In einer fließenden Bewegung umfasste er meinen Po, hob mich hoch und drang in mich ein. Ich zog scharf die Luft ein und umschlang ihn mit meinen Beinen, hielt mich an ihm fest. Nils bewegte sich mit geschlossenen Augen in mir. Ich versuchte, in seinen Rhythmus zu finden, doch wir wippten unbeholfen auf und ab, hatten gar keine Erfahrung mit dieser Stellung. Schon spürte ich, wie er in mir erschlaffte.

»Tut mir leid.« Nils glitt aus mir heraus. Mit gesenktem Kopf nahm er seine Hose vom Boden und zog sie wieder an.

Ich legte kurz die Hand auf seine Schulter. »Schon gut.«

Als er ging, verabschiedeten wir uns mit einem kurzen Kuss. Allerdings lag so viel Traurigkeit darin, dass es wirkte wie ein Abschied für immer.

3

Ich saß noch eine Weile an der Bar und aß niedergeschlagen mein Müsli. Immerhin passte das graue Wetter zu meiner Stimmung.

Die Türglocke riss mich aus meinen Gedanken.

Über die Gegensprechanlage vernahm ich das Rauschen des Berufsverkehrs auf der Hanauer Landstraße. »Hallo?«

»Ist Oleg. Kannst du bitte aufmachen?«

In den letzten Jahren hatte sich Popows Deutsch verbessert. Er war mit einer Deutschen verheiratet, Barbara, sie hatten zwei Söhne. Inzwischen sprach er nur noch selten Russisch mit mir.

Ich drückte auf den Öffner und fragte mich, was mein Chef hier wollte. Oleg war selten hier, normalerweise meldete er sich telefonisch oder per SMS. Das wäre auch jetzt besser gewesen, denn ich war noch immer im Schlafshirt. Ich hatte erst gegen elf einen Termin im Laden mit der studentischen Aushilfe, die unsere hochwertigen Dekorationsstücke sowie Lampen, Bilder und andere Einzelstücke verkaufte. Ursprünglich war vereinbart gewesen, dass ich viel öfter im Laden sein sollte. Aber im Laufe der Zeit hatte sich herausgestellt, dass ich meine Arbeit besser bei den Kundinnen vor Ort verrichtete.

Ich eilte ins Schlafzimmer, tauschte die T-Shirts und schlüpfte in eine Jeans.

Schon klopfte es einmal kräftig an der Wohnungstür.

Schnell fuhr ich mir durch die Haare und setzte das strahlende Lächeln auf, das Popow von mir gewohnt war.

»Hi«, flötete ich, als ich ihm öffnete – und stutzte. Sein Gesichtsausdruck erinnerte mich an den meines Vaters, wenn er übellaunig war. Popow hatte die Augenbrauen zusammengezogen und die Lippen fest aufeinandergepresst. Die Mundwinkel zeigten nach unten.

»Darf ich reinkommen oder reden wir in Treppenhaus?«, blaffte er.

»Bitte.« Ich gab den Weg frei, ging vor ihm her ins Wohnzimmer und bot ihm einen Platz auf unserem sandfarbenen Sofa an. »Magst du einen Kaffee?«

Popow ließ sich auf die Couch fallen. »Gibst du dir keine Mühe. Vielleicht ich brauche Wodka.«

Das war ein schlechtes Zeichen. Im Gegensatz zu etlichen meiner Landsleute trank Popow keinen Tropfen Alkohol. Dies hatte er mit Johanna gemeinsam. Mit den beiden zu feiern, war nicht einfach.

»Ist was passiert?« Ich blieb abwartend stehen.

Mein Chef schnalzte mit der Zunge. »Was hast du nur dir bei das gedacht, Sina?«

»Wobei denn?« Hatte Nils etwa gestern mit ihm telefoniert und ihm erzählt, dass ich den falschen Kinofilm ausgewählt hatte? Das konnte doch nicht sein, oder?

»Du hattest versprochen, das kommt nie wieder vor«, antwortete Oleg. »War das Voraussetzung dafür, dass ich dich stelle ein.«

Ich runzelte die Stirn. Spielte er darauf an, weswegen ich meinen Job in der Anwaltskanzlei verloren hatte, bevor er mich vom Fleck weg für seinen Laden engagierte? Tatsächlich stand in meinem Arbeitsvertrag mit Popow, dass ich Zugang zu den privaten Räumlichkeiten meiner Kunden haben würde und unter keinen Umständen etwas ohne Rücksprache mit den Eigentümern entwenden dürfte. In Klammern stand dort sogar: Nicht einmal eine Rolle Toilettenpapier.

Dabei war diese Sache in der Kanzlei damals ein totales Missverständnis gewesen. Jeder im Büro hatte mal hier einen Stift, dort einen Block mitgehen lassen. Aber bei mir war es gleich ein Kündigungsgrund! Als Kind, ja, da war es vielleicht zwanghaft, dass ich die glitzernden Stifte oder Sticker meiner Mitschülerinnen mopste. Aber ich war da irgendwann rausgewachsen. Wirklich.

Popow deutete auf das weiße Bord an der Wand, auf dem ich meine Matroschka-Sammlung aufgereiht hatte.