Mister Fantastic & Miss World - Band 1 - Bernd Schreiber - E-Book

Mister Fantastic & Miss World - Band 1 E-Book

Bernd Schreiber

0,0
3,99 €

Beschreibung

Wie können Menschen nur so gemein sein und zwei Liebenden vorschreiben, wie und mit wem sie ihre wertvolle Freizeit zu verbringen haben? Ich hasse die Nordsee. Ich hasse Ebbe und Flut. Ich hasse Papa und Mama, die nicht begreifen wollen, dass ich jetzt und nicht erst in einem halben Jahrhundert bei dir sein möchte! Warum müssen Eltern immer alles unnötig kompliziert machen? Es ist doch ganz einfach: Jenny liebt Finn und Finn liebt Jenny. Dass auf ihrer rosaroten Wolke kein Platz für den Rest der Familien bleibt, müsste doch eigentlich jedem klar sein, oder? Und tatsächlich: Die Eltern hören auf, Jenny und Finn Stress zu machen. Sie erlauben den beiden Teenagern sogar, Hochzeit zu spielen und gemeinsam ins Gartenhaus zu ziehen. Ein Traum wird wahr! Jedenfalls im ersten Moment. Dann merken Jenny und Finn, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen Verliebtsein und Zusammensein … Ein kluges und humorvolles Buch über große Gefühle und alles, was dazu gehört: „Keine Bange, Schreiber löst die Katastrophe in Gelächter auf. Wer wollte jetzt nicht wissen, wie die Lovestory ausgegangen ist?“ www.zeit.de Jetzt als eBook: „Mister Fantastic & Miss World“ von Bernd Schreiber. Wer liest, hat mehr vom Leben: jumpbooks – der eBook-Verlag für junge Leser.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 200

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Über dieses Buch:

Warum müssen Eltern immer alles unnötig kompliziert machen? Es ist doch ganz einfach: Jenny liebt Finn und Finn liebt Jenny. Dass auf ihrer rosaroten Wolke kein Platz für den Rest der Familien bleibt, müsste doch eigentlich jedem klar sein, oder? Und tatsächlich: Die Eltern hören auf, Jenny und Finn Stress zu machen. Sie erlauben den beiden Teenagern sogar, Hochzeit zu spielen und gemeinsam ins Gartenhaus zu ziehen. Ein Traum wird wahr! Jedenfalls im ersten Moment. Dann merken Jenny und Finn, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen Verliebtsein und Zusammensein …

Ein kluges und humorvolles Buch über große Gefühle und alles, was dazu gehört: »Keine Bange, Schreiber löst die Katastrophe in Gelächter auf. Wer wollte jetzt nicht wissen, wie die Lovestory ausgegangen ist?« www.zeit.de

Über den Autor:

Bernd Schreiber, geboren 1952 in der Pfalz, studierte Deutsch, Religionspädagogik und Erziehungswissenschaften. Er liebt den Humor in der angelsächsischen Literatur und das Leben in der Provinz. Genauer gesagt: in Worpswede, wo er heute lebt.

Bernd Schreibers Romanserie rund um Jenny und Finn beginnt mit Mister Fantastic & Miss World, geht weiter mit Mister Fantastic & Miss World: Turbulente Zeiten und endet mit Mister Fantastic & Miss World: Flitterwochen.

Der Autor im Internet: www.berndschreiber.de

***

eBook-Neuausgabe 2016

Copyright © der Originalausgabe © 2000 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Weichs

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-096-1

***

Damit der Lesespaß sofort weitergeht, empfehlen wir dir gern weitere Bücher aus unserem Programm. Schick einfach eine eMail mit dem Stichwort Mister Fantastic und Miss World an: [email protected]

Gerne informieren wir dich über unsere aktuellen Neuerscheinungen – melde dich einfach für unseren Newsletter an: www.jumpbooks.de/newsletter.html

Besuch uns im Internet:

www.jumpbooks.de

www.facebook.com/jumpbooks

www.twitter.com/jumpbooksverlag

www.youtube.de/jumpbooks

Bernd Schreiber

Mister Fantastic und Miss World

jumpbooks

SehnSucht

JENNY

Da ging ich nun mit dem süßesten Jungen des Erdballs und konnte nicht bei ihm sein. O Finn, was hätte das für ein wunderschöner Tag werden können. Nur du und ich, Hand in Hand auf einer schattigen Bank im Park. Kein kleiner Bruder, der ständig nervt. Keine Eltern, die einem alle paar Sekunden ein künstliches Lächeln abverlangen, und das, obwohl die Sonne irrsinnig blendet und ich fast vor Sehnsucht nach dir sterbe. Finn, wie können Menschen nur so gemein sein und zwei Liebenden vorschreiben, wie und mit wem sie ihre wertvolle Freizeit zu verbringen haben? Ich hasse die Nordsee. Ich hasse das Wattenmeer. Ich hasse Priele. Ich hasse Ebbe und Flut. Ich hasse den Wind. Ich hasse Strandkörbe. Ich hasse meinen kleinen Bruder Julian. Ich hasse Papa und Mama, die nicht begreifen wollen, dass ich jetzt und nicht erst in einem halben Jahrhundert bei dir sein möchte.

***

FINN

»Wer von euch hat die Stinkbombe geworfen?« Opa starrte uns grimmig an, mich, meine Cousine Lisa-Marie und meine Cousins Daniel und Bastian.

Im Haus stank es wie in einem Güllefass, so dass sich Opas Gäste notgedrungen draußen aufhielten. Es war seine Geburtstagsfeier und trotzdem tat es mir nicht leid. Eine höhere Macht hatte mich zu dieser spontanen Aktion getrieben. Die Macht der Liebe!

Opa vernahm uns beim Geräteschuppen. Ich konnte nur hoffen, dass meine Verwandtschaft dichthielt. Erwachsene können nämlich furchtbar nachtragend sein, und wenn es um das Bestrafen von Kindern geht, ist es ihnen meist völlig egal, ob sie dabei gegen die elementarsten Menschenrechte verstoßen oder nicht. Ganz besonders Mama. Ich kann ein Lied davon singen.

Opa hatte Daniel in der Mangel. »Selbst wenn du es nicht gewesen bist, ich aber rauskriege, dass du wusstest, wer es war, und es mir nicht verraten wolltest, werde ich dich zum Rasendienst verdonnern, und zwar für den ganzen Sommer! Und glaube ja nicht, du darfst den Elektrorasenmäher benutzen. Grashalm für Grashalm wirst du dir vornehmen. Mit der Heckenschere! Auf den Knien! Stunden! Tage!«

Eine grauenhafte Vorstellung. Und ein eklatanter Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention. Hoffentlich war sich Daniel dessen bewusst und ließ sich von Opa nicht einschüchtern.

»Und kein Grashalm länger als drei Millimeter!«, unterstrich Opa seine Drohung.

Halt die Klappe, Daniel! Halt bloß die Klappe! Das ist lediglich ein billiger Einschüchterungsversuch! Der älteste Trick der Welt!

»Finn war’s!«, heulte Daniel.

Verräterschwein! Der Blitz soll dich beim Nasepopeln treffen!

Opa strich Daniel über den Kopf und ließ ihn, Lisa- Marie und Bastian laufen.

»Warum?«, fragte mich Opa. Einfach nur warum.

Ich hätte es ihm sagen können. Wegen Jenny, dem schärfsten Mädchen, das mir jemals begegnet war. Weil ich sie wie Sauerstoff zum Atmen brauchte und ich ohne sie kurz vorm Ersticken war. Weil ich unter einem schrecklichen Entzug litt. Weil ich lieber bei ihr gewesen wäre als auf dieser blöden Geburtstagsfeier. Weil Lisa-Marie absolut uncool war, Daniel ein Verräterschwein und Bastian immer gleich plärrte, wenn ich bei ihm einen Judogriff ausprobierte. Und weil Mama auf einmal zum Abendbrot bleiben wollte, obwohl sie mir versprochen hatte, dass wir bis dahin längst wieder zu Hause sein würden. Und weil das Betrug ist und es dafür lebenslänglich geben müsste. Ich wäre dann allein – mal abgesehen von meiner kleinen, bescheuerten Schwester Leonie – und keiner könnte mich mehr daran hindern, Jenny zu treffen, wann immer mir danach wäre. All das sagte ich ihm nicht.

»Du bist es doch gewesen, nicht wahr?«

Ich zog es vor, zu schweigen.

»Sei ein Mann und gib es wenigstens zu!«, meinte Opa.

»Komisch!«, sagte ich. »Wenn es für mich zum Nachteil ist, darf ich plötzlich ein Mann sein!«

Opa guckte mich überrascht an und brach plötzlich

in schallendes Gelächter aus. »Eins zu null für dich!«, sagte er und zückte seinen Geldbeutel. »Hier hast du einen Zehner für die Stinkbombe! Ich kann Geburtstagsfeiern nicht leiden und schon gar nicht die eigene. Alle reden sie von Krankheiten und gescheiterten Ehen. Deine Bombe hat für ein bisschen Abwechslung gesorgt. Und wie ich sehe, machen sich schon ein paar der schlimmsten Langweiler auf den Weg. Einen größeren Gefallen hättest du mir nicht tun können!«

Ich griff zögerlich nach dem Schein. »Danke!«, sagte ich, damit rechnend, dass er in letzter Sekunde noch die Arschkarte zog.

»Damit wir uns nicht missverstehen«, sagte Opa. »Dies war die erste und letzte Stinkbombe in meinem Haus. Okay?«

»Okay!«

»Steck das Geld weg! Dahinten kommt deine Mutter. Sie bringt es fertig und denkt noch, ich hätte dich zu dem Anschlag angestiftet, wenn sie das Geld sieht.«

Ich steckte den Schein schnell in die Hosentasche. Mama kam mit einer Entschlossenheit auf uns zu, dass selbst Batman Schiss gekriegt hätte.

»Und noch ein Tipp«, sagte Opa.

Ich guckte ihn erwartungsvoll an.

»Rechne nicht mit meiner Hilfe!«

Mama packte mich am Arm und beugte sich zu mir herunter. Sie kochte! Und wie! »Jetzt hast du den Bogen endgültig überspannt!«, fauchte sie, durchbohrte mich mit einem vernichtenden Blick und zerrte mich zum Auto, wo ich auf dem Beifahrersitz Platz nehmen musste.

»Da bleibst du!«, befahl Mama. »Und rühr dich nicht von der Stelle!«

Es war nicht schwer zu erraten, wem ich die unwürdige Behandlung zu verdanken hatte: Daniel und Co. Bestimmt hatten sie überall herumposaunt, dass ich hinter der Stinkerei steckte. Und so etwas nennt sich Verwandtschaft.

Mama ließ sich ganz schön viel Zeit, so dass ich schon befürchtete, ich müsste den ganzen Abend im Auto verbringen, während sie und Leonie sich über das kalte Büffet hermachten, falls es überhaupt noch zu genießen war.

Die Stinkbombe zeigte noch immer Wirkung. Die Zahl der Onkel, Tanten, Cousinen, Cousins und sonstigen Gäste, die Opas Geburtstagsfeier vorzeitig verließen, nahm merklich zu. Von allen Seiten trafen mich böse Blicke. Ich kam mir vor wie ein Bombenleger, dem der Prozess gemacht wurde und der zu seiner eigenen Sicherheit in einem Käfig aus Panzerglas saß, mit dem kleinen Unterschied, dass die Scheiben des Wagens nicht aus Panzerglas waren, sondern bloß aus Sicherheitsglas. Ein Stein aus den Reihen der empörten Menge und das Fenster wäre geborsten. Den Rest wollte ich mir lieber nicht ausmalen, rutschte immer tiefer den Sitz hinunter und dachte an Jenny.

Jenny! Jenny, bitte, hilf mir! Hol mich hier raus! Sie wollen mich auf den elektrischen Stuhl schicken! Schreib ein Gnadengesuch an den Bundespräsidenten! Schreib an die UNO! An das Kinderhilfswerk UNICEF! Ich wollte nicht, dass jemand getötet wird! Ich habe es doch nur für dich getan! Für uns! Damit ich dich früher sehen kann! Jenny! Hilfe! Ich will nicht sterben!

Plötzlich wurde die Fahrertür aufgerissen. Leonie! Und ich dachte schon, sie wären gekommen, um mich zu lynchen. Ich hätte Leonie an die Gurgel springen können.

»Lisa-Marie hat erzählt, du hättest die Stinkbombe geworfen!«, hielt Leonie mir vor.

Wusste ich es doch! »Lass mich in Ruhe!«, sagte ich. So weit kam es noch, dass ich mich vor meiner kleinen Schwester rechtfertigte.

»Iiih, hier stinkt’s!«, sagte sie auf einmal und hielt sich die Nase zu, wobei ich mir nicht sicher war, ob sie es ernst meinte oder sie einen ihrer üblichen Kindergartenscherze machte.

»Weil du in die Hose gemacht hast!«, entgegnete ich und lachte.

»Gar nicht!«, sagte sie empört.

»Na klar!«, sagte ich. »Das war gar keine Stinkbombe! Das bist du gewesen!« O Mann, wenn das nicht der Witz des Jahrhunderts war. Ich konnte mich vor Lachen nicht mehr einkriegen.

»Das sag ich Mama!«, heulte Leonie und lief davon.

Sie kam dann tatsächlich mit Mama zurück. Endlich! Ich wollte weg. Nach Hause.

Mama ließ Leonie auf den Rücksitz und sagte keinen Ton. Ihr Schweigen hätte mir eigentlich eine Warnung sein müssen, aber wenn man verliebt ist, übersieht man schon mal das ein oder andere Gefahrenzeichen.

»Kann ich nachher zu Jenny?«, fragte ich, kaum dass Mama eingestiegen war.

Na schön, vielleicht hätte ich die Frage zu einem späteren Zeitpunkt stellen sollen oder auch gar nicht, jedenfalls war plötzlich ganz schön was los.

»Also, jetzt hört doch alles auf!«, brüllte Mama. »Jenny! Jenny! Jenny! Immer nur Jenny! Ich kann’s nicht mehr hören! Verdirbt Opa die Geburtstagsfeier und besitzt noch die Unverfrorenheit zu fragen, ob er zu Jenny darf! Ich fasse es nicht!«

Dass ich Opa eine Freude bereitet hatte, konnte ich ihr ja schlecht verklickern. Ich schielte kurz aus dem Fenster. Es wäre mir unangenehm gewesen, wenn sie jemand hätte brüllen hören. Zum Glück war niemand in der Nähe.

Mama startete den Motor. »Es würde mich nicht wundern, wenn du das Ganze inszeniert hättest, damit du früher zu deiner Jenny kannst!«

Einerseits fand ich ihre Kombinationsgabe fast schon genial, andererseits zeugte es nicht gerade von großem Vertrauen, dass sie hinter der Stinkbombe nicht bloß einen harmlosen Streich, sondern eiskalte Berechnung vermutete.

»Aber da hast du die Rechnung ohne mich gemacht!«, brüllte Mama. »Es hat sich ausgejennyt!«

Ausgejennyt? Mein Blutdruck schoss in die Höhe. Ausgejennyt? Was zum Henker meinte sie mit ausgejennyt?

»Es sei denn, du wirst wieder normal!«

***

JENNY

Auch das noch! Draußen sitzen! Wo einem jeder auf den Teller glotzen kann! Wie ich das hasse! Dabei habe ich überhaupt keinen Hunger! Und schon gar nicht auf Fisch. Ich hasse Fisch.

»Ich darf dich daran erinnern, dass du dich letztes Jahr in Dänemark ausschließlich von Fish und Chips ernähren wolltest!«, sagte Mama. »Und vor vierzehn Tagen warst du ganz sauer, weil ich keine Fischstäbchen eingekauft hatte!«

»Wenn’s die wenigstens in dem blöden Restaurant gäbe!«, stänkerte ich.

»Wir können ja versuchen, ob wir noch irgendwo eine Packung Fischstäbchen auftreiben können«, meinte Papa, »und den Koch höflich fragen, ob er sie für dich in der Pfanne zubereitet. Weil du so ein bezauberndes Lächeln auf deinen Lippen hast.«

»Ha, ha!«, entgegnete ich. Erwachsene können ja so wahnsinnig witzig sein.

Julian konnte sich mal wieder nicht entscheiden, was er essen wollte. Typisch! Alles, was Mama ihm vorschlug, lehnte er ab.

»Nun mach schon!«, fuhr ich ihn an.

»Nur weil deine Schwester so ein Theater um das Essen macht, musst du nicht den gleichen Zirkus veranstalten!«, sagte Mama zu ihm.

Jetzt fing Julian auch noch an zu maulen. Na toll!

»Er hat keinen Hunger!«, entschied ich.

»Du hältst dich da raus!«, meinte Papa.

»Manno, ich habe nicht den ganzen Abend Zeit!«, entgegnete ich. »Ich will nach Hause!«

»Wann es nach Hause geht, bestimmen immer noch wir!«, meinte Papa.

Wie in einer Diktatur! Und da wundern sich die Erwachsenen, wenn man keine Lust verspürt, die kostbarsten Stunden seines Teenagerlebens mit ihnen an der Nordsee zu verbringen.

»Aber ich habe Finn versprochen, dass ich noch bei ihm vorbeikomme!«

Papa schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Ich kann den Namen nicht mehr hören!«, jammerte er. »Wenn du es ohne ihn nicht aushältst, zieh doch mit ihm zusammen! Dann hast du ihn von morgens bis abends in deiner Nähe!«

»Au ja!«, rief ich entzückt. »Dann gibst du uns also die Erlaubnis?«

»Das hättet ihr wohl gern!«, meinte Papa und lachte gequält.

»Finn und ich könnten doch in das Ferienhaus ziehen!«, schlug ich vor und war geistig schon mitten im Umzug.

Das Ferienhaus befand sich hinter unserem Haus. Papa und Mama hatten beschlossen das Ferienhaus zu verkaufen, aber noch keinen Käufer gefunden.

»Ach, und wie wollt ihr das Ganze finanzieren?«, erkundigte sich Papa herablassend. »Hast du vielleicht im Lotto gewonnen und es vor uns verheimlicht?«

Da bestand nun die Möglichkeit, dass sich mein Schicksal von einem Tag auf den anderen dramatisch veränderte, indem ich dem bequemen, schmarotzerischen Dasein goodbye sagte und den ersten Schritt in die Selbstständigkeit wagte, und er dachte nur ans Geld. Väter können so fantasielos sein.

»Ich kann doch als Babysitter anfangen!«, antwortete ich. »Oder als Hundesitter! Und Finn könnte einmal die Woche euern Rasen mähen!«

»Nun ist aber genug!«, mischte sich Mama ein.

»Merkst du nicht, was für einen Unsinn du redest?«

»Und warum hat dann Papa damit angefangen?«,

hätte ich gern von ihr gewusst.

»Es war ein Scherz!«, sagte Papa. »Und das weißt du auch!«

»Manno!«, protestierte ich. Erst machen sie einem Hoffnung und dann kneifen sie. Typisch Eltern.

Julian schien das lustig zu finden.

»Lach nicht so blöd!«, fuhr ich ihn an und schlug ihm mit der Faust auf den Unterarm.

Julian fing sofort an zu heulen. Muttersöhnchen!

»Reiß dich am Riemen!«, fauchte Mama mich an.

Die Tische waren alle besetzt und die beiden Kellnerinnen wuselten hin und her. Keine ließ sich an unserem Tisch blicken. Wir hätten ja vielleicht etwas bestellen können. Und Papa und Mama taten auch nicht gerade so, als hätten sie es besonders eilig, nach Hause zu kommen. Ich war dem Wahnsinn nahe. Begriff denn niemand, dass mich jede Sekunde, die ich nicht bei Finn sein konnte, innerlich zerfraß? Zählten meine Bedürfnisse gar nichts? War mein Bedürfnis nach Finn weniger wert als Papas und Mamas Bedürfnis nach Gambas und überbackenen Tintenfischringen? Endlich bequemte sich eine der Kellnerinnen herbei und nahm die Bestellung auf.

Bis das Essen auf dem Tisch stand, verging noch einmal so viel Zeit. Der Backfisch, den ich widerwillig bestellt hatte, schmeckte ekelig. Die Pommes gingen gerade so.

»Tauschen wir?«, fragte ich Julian. »Du kriegst meinen Backfisch und ich kriege deine Fischfrikadelle.«

Doch Julian wollte nicht tauschen.

»Blödmann!«, sagte ich.

»Sei nicht immer so fies zu deinem Bruder!«, meinte Mama.

Es hätte mich gewundert, wenn sie mal nicht Partei für ihn ergriffen hätte. »Guck mal, da hinten!«, sagte ich zu Julian. »Ein riesengroßes Schiff!« Das Schiff existierte natürlich nur in meiner Fantasie.

Julian drehte sich tatsächlich um. Ich stach blitzschnell mit meiner Gabel in seine Frikadelle und legte sie auf meinen Teller.

»Wo denn?«, fragte er.

»Na da!«, sagte ich. Ich hatte sogar noch Zeit, ihm meinen Fisch unterzujubeln.

Julian machte ein ziemlich dämliches Gesicht, als er auf seinen Teller blickte. »Gib mir meine Frikadelle wieder!«, jammerte er und hieb seine Gabel in die Frikadelle, die mal seine gewesen war. Ich verteidigte meine eben erst erkämpfte Beute, die bald in unappetitlichen Stücken vor mir lag.

»Gib ihm sofort die Frikadelle wieder!«, befahl Mama.

»Da, du Blödmann!«, sagte ich und schob die Stücke mit der Gabel auf seinen Teller, wobei gut die Hälfte davon auf dem Tisch landete.

»Spinnst du!?«, schimpfte Mama.

Julian starrte auf den Teller, als würde gerade ein Mistkäfer darüber krabbeln. »Das will ich nicht mehr!«, heulte er los.

Weil ich angeblich so ekelig zu Julian gewesen war, durfte er meinen gebackenen Fisch verdrücken. Triumphierend grinste er mich an.

»Hoffentlich erstickst du dran!«, wünschte ich ihm.

»Noch einen fiesen Ton von dir«, sagte Mama, »und ich werde dafür sorgen, dass du deinen Finn nie wiedersiehst!«

Das kannst du gar nicht!, wollte ich erst erwidern, ließ es aber in allerletzter Sekunde sein. Erwachsene haben eine hypermäßige Macht und das Schreckliche daran ist, dass sie nicht die geringsten Skrupel haben, diese Macht zu missbrauchen. Wann immer wir versuchen an ihrer Autorität zu kratzen.

Mir war der Appetit restlos vergangen, nicht so meine Sehnsucht nach meinem geliebten Finn. Ich malte mir aus, wie fantastisch es sein müsste, mit Finn in das Ferienhaus zu ziehen. Wir beide ganz allein! Wir würden uns bestimmt großartig verstehen und alle Arbeiten im Haus gerecht verteilen. Finn ist ja so verständnisvoll. Der verständnisvollste Junge, den sich ein Mädchen nur vorstellen kann. Selbst nach dreißig Jahren Ehe wären wir noch frisch verliebt. Wenn wir zur Arbeit müssten, würden wir mit einem Abschiedskuss auseinandergehen, uns abends mit einem Begrüßungskuss in die Arme fallen und uns vorm Einschlafen immer einen Gutenachtkuss geben. Und zwischendurch würden wir ganz viel miteinander telefonieren und uns dabei ganz viel erzählen und, bevor wir auflegten, Dutzende klangvoller Küsse durch die Leitung schicken.

»Du, Papa«, unterbrach ich meine Gedanken, »wann hast du Mama eigentlich das letzte Mal geküsst?«

Papa hatte sich gerade ein Stück panierten Tintenfischring in den Mund geschoben. »Lass mal überlegen«, sagte er kauend. »Wann haben wir noch einmal geheiratet?« Er schaute Mama kurz an. »Ich glaube, so vor zehn, fünfzehn Jahren. Kann das sein?«

Mama guckte zurück, als hätte gleich Papas letztes Stündlein geschlagen.

»Na, ist ja auch egal«, meinte Papa. »Jedenfalls so drei, vier Jahre vor unserer Hochzeit, um diese Zeit etwa, habe ich deiner Mutter zum letzten Mal einen Kuss verabreicht.«

»Ha ha!«, sagte ich. »Ganz ehrlich!« Ich hätte mein schönstes Richie-Poster verwettet, dass er die Geschichte nur deswegen erfunden hatte, weil er sich an seinen letzten Kuss nicht mehr erinnern konnte. Finn würde so etwas nie passieren, weil zwischen unseren Küssen niemals so viel Zeit verstreichen würde, dass er krampfhaft sein Gedächtnis bemühen müsste.

»Sekunde!«, sagte Papa, wischte sich mit der Serviette den Mund ab und gab Mama einen Kuss auf die Wange. »Jetzt! Zufrieden?«

O Mann, war mir das vielleicht peinlich! Und das vor all diesen Leuten!

Julian fand das natürlich umwerfend komisch. »Noch mal!«, verlangte er von Papa.

Papa wollte Mama einen zweiten Kuss verpassen, doch diesmal zog Mama den Kopf beiseite. »Sei nicht so albern!«, sagte sie.

Wenigstens einer, der so etwas wie Verstand besaß. Das machte mir Mama fast schon wieder sympathisch. Papa widmete seine Aufmerksamkeit dem letzten Tintenfischring.

»Ich habe gesehen, wie Jenny und Finn sich geküsst haben!«, behauptete Julian auf einmal und fing an zu kichern.

»Daher also weht der Wind!«, meinte Papa grinsend.

»Du Lügner«, sagte ich und feuerte eine Reihe tödlicher Blicke auf Julian ab. Er musste einen ungeheuer tüchtigen Schutzengel haben, denn er fiel kein einziges Mal um.

»Stimmt aber!«, sagte Julian. »Ihr wart im Garten! Hinter der dicken Eiche!«

»Halt deine blöde Klappe!« Ich war außer mir vor Wut. Dass Finn und ich uns geküsst hatten, ging nur uns beide etwas an. Es sollte ein Geheimnis bleiben. Ewig würde ich daran denken müssen, dass Julian uns dabei beobachtet hatte. Finn und ich hatten den ganzen Tag viel Spaß miteinander und waren auch ein bisschen aufgedreht, als es plötzlich passierte. Hätte mir das noch fünf Minuten vorher jemand prophezeit, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Wir standen bei der Eiche und blickten uns länger an als sonst. Dann war es um uns geschehen. Als ginge von unserem Mund eine geheimnisvolle Anziehungskraft aus, gegen die jeglicher Widerstand sinnlos gewesen wäre, bewegten sich unsere Lippen aufeinander zu. Das Aufeinandertreffen war wie die Landung eines Schmetterlings auf einer Butterblume. Etwas kurz vielleicht, aber doch lange genug, dass ich noch daran denken werde, wenn ich längst Rentnerin bin. Jetzt hatte Julian die Erinnerung für immer besudelt. Er hatte alles kaputtgemacht. Am liebsten hätte ich den Blödmann in der Nordsee versenkt.

»Es gibt keinen Grund, sich so aufzuregen!«, meinte Mama. »Das nächste Mal müsst ihr euch etwas geschickter anstellen, wenn euch keiner sehen soll.«

Sehr witzig! Ich trat Julian gegen das Schienbein.

»Mama, Jenny hat mich getreten!«, jammerte er.

»Petze!« Und schon folgte der nächste Tritt und noch einer und noch einer.

Julian wurde richtig jähzornig. Cool! Meine Stimmung stieg. Ich lachte. Jetzt verlor er völlig die Beherrschung. Er wollte mich hauen, stieß dabei aber sein Glas um. Der ganze Apfelsaft lief über den Tisch und Mama auf das Kleid. Ich hatte schon lange nicht mehr so gelacht.

»So, Fräulein, jetzt ist endgültig Schluss!«, platzte Papa der Kragen und er knallte die Serviette auf den Teller.

»Zahlen!«

Zur Einsamkeit verdammt

FINN

»Mama?« Wo steckte sie bloß? Ich hatte schon die ganze Wohnung nach ihr durchforstet. Vielleicht war sie ja bei Leonie und las ihr eine Gutenachtgeschichte vor oder sie tauschten wieder Heimlichkeiten aus. Wenn Mama mit mir im Clinch lag, waren die beiden immer ein Herz und eine Seele. Aber wenn Mama meinte, sie könnte mich auf diese Weise kleinkriegen, hatte sie sich geschnitten. Das müsste sie nach all den Jahren eigentlich längst gemerkt haben. Das Problem ist nur, dass Erwachsene so etwas nicht merken. Weil sie es gar nicht merken wollen. Weil sie lieber bei ihren Gewohnheiten bleiben statt umzudenken. Und dann wundern sie sich, wenn ihre eigenen Kinder sie durchschauen.

Ich warf einen Blick in Leonies Zimmer, doch Mama war nicht da. Leonie schlief tief und fest. Neben ihrem Kopf lag Sid, ihr Kuschelfaultier. Es war mal mein Kuscheltier gewesen. O Mann, kaum vorstellbar, dass ich mal mit Stofftieren eingeschlafen bin. Als wäre es in einem anderen Leben gewesen. Grausam! Dass Erwachsene einen vor so etwas nicht schützen!

Ich hatte vor mich bei Mama zu entschuldigen. Und jetzt war sie unauffindbar. Nicht dass ich plötzlich meine Meinung geändert hätte und Mama im Recht gewesen wäre. Erwachsene sind nie im Recht! Sie denken es bloß. Ohne sich darüber im Klaren zu sein, wie schädlich eine solche Einstellung für die seelische Entwicklung eines Heranwachsenden sein kann! Trotzdem oder gerade deswegen musste ich Mama um Verzeihung bitten. Andernfalls drohte mir Freiheitsentzug auf unbestimmte Zeit. Damit würde sie zwar zum wiederholten Male gegen internationales Menschenrecht verstoßen, aber in meinem Alter kann man sich nun mal keinen vernünftigen Anwalt leisten. Früher hätte mir so ein Freiheitsentzug auch nichts ausgemacht, selbst eine zweijährige Verbannung in die innerste Innere Mongolei hätte ich hingenommen, wäre da nicht Jenny gewesen. Ein halber Tag ohne ihr zauberhaftes Lächeln und mein Herz war wie ein vergilbtes Poster von Bayern München. Wie hätte ich da auch nur mehr als einen Tag ohne sie aushalten sollen? Geschweige denn normal werden! Normal werden! Wie soll einer normal werden, wenn er verliebt ist? Begriff Mama denn nicht, dass sich Liebe und Normalsein widersprachen? Das ist wie duschen ohne nass zu werden. Oder wie ein Rockkonzert ohne auszuflippen.

Wo trieb Mama sich nur rum? Ich fand, sie hätte ruhig einen Ton sagen können, dass sie das Haus verlässt. Da hatte ich mich zu einer Entschuldigung durchgerungen und nun stand ich frustriert herum wie ein Dortmundfan ohne Eintrittskarte. Vielleicht war sie ja drüben bei Jennys Eltern. Mama war oft auf ein Glas Wein bei Carmen und Lars.

Ich durfte zwar nicht mehr raus, aber von Telefonverbot hatte Mama nichts gesagt. Eine telefonische Entschuldigung bei ihr hatte den Vorteil, dass ich ihr nicht in die Augen zu blicken brauchte. Der Schwachpunkt beim Lügen sind immer die Augen. Jedenfalls bei mir. Handy hatte ich noch keins, zum Glück aber hatten wir Festnetz. Ich rief bei Jennys Eltern an.

»Schenk!«, meldete sich Carmen.

»Hier ist Finn«, sagte ich. »Ist Silke bei euch?« War sie. Wie ich mir gedacht hatte. »Kann ich sie mal sprechen?«