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Jörg Mahncke, Oberstufenschüler des Bramfelder Gymnasiums, verdient sich donnerstags bis sonnabends sein Taschengeld als „Pizza-Kurier“. An diesem Donnerstag beliefert er einige Kunden im so genannten Nuss- und Obstviertel. Zwei Kunden werden prompt beliefert; nur der Kunde Schumann reagiert nicht auf das Läuten. Vermutlich hat niemand etwas gehört, da Deep Purple aus dem Haus dröhnt. So geht Jörg um das Haus, weil er annimmt, dass die Familie auf der rückwärtigen Terrasse sitzt. Doch niemand ist zu sehen. Jörg ruft mehrmals: „Hallo, Pizza-Service“. Schlagartig hört „Fireball“ auf: Stille. Vorsichtig geht Jörg ins Haus und stellt den Isolierkoffer auf den Fußboden der Küche. Als er sich wieder aufrichtet, hört er ein zischendes Geräusch ...
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Donnerstag, 20.15 Uhr
Donnerstag, 20.45 Uhr
Donnerstag, 20.50 Uhr
Donnerstag, 21.30 Uhr
Donnerstag, gegen 23.00 Uhr
Freitag, 8.30 Uhr
Freitag, 11.00 Uhr
Freitag, 14.30 Uhr
Freitag, 15.00 Uhr
Freitag, 15.15 Uhr
Freitag, 17.15 Uhr
Sonnabend, 9.30 Uhr
Sonnabend, 10.50 Uhr
Sonnabend, 11.30 Uhr
Sonnabend, 11.45 Uhr
Sonnabend, 11.45 Uhr
Sonnabend, 17.45 Uhr
Sonntag, 11.00 Uhr (Ortszeit)
Montag, 8.00 Uhr
Montag, 9.00 Uhr
Montag, 9.00 Uhr
Montag, 11.00 Uhr
Montag, 12.00 Uhr
Montag, 15.00 Uhr
Montag, 17.30 Uhr
Montag, 18.00 Uhr
Montag, eine Viertelstunde später
Montag, 19.00 Uhr
Dienstag, 8.30 Uhr
Dienstag, 10.00 Uhr
Dienstag, 13.15 Uhr
Dienstag, 13.45 Uhr
Dienstag, 14.30 Uhr
Nachtrag: einige Wochen später
Seit einem halben Jahr fragte sich Jörg Mahncke, wer wen ausbeutete. Kaum, dass er 18 Jahre alt geworden war, hatte er diesen Job beim Pizza-Kurier „C“ angenommen. Donnertags und freitags fuhr er zwischen 18 Uhr und Mitternacht Pizza und Pasta aus, indem er mit einer dunkelroten Vespa, auf der an den Seiten eine orangefarbene Sonne und der Firmennamen zu sehen war, kalte und heiße Gerichte, Kaltgetränke und sogar Eis in isolierten Gefäßen den Kunden lieferte. Wer Appetit auf italienische Speisen hatte, aber nicht seine Wohnung verlassen wollte, konnte zwischen etwa 20 verschiedenen Pizzen und über 30 Nudel- und Spaghetti-Gerichten wählen und diese per Telefon bestellen. Spätestens eine halbe Stunde später lieferten Jörg oder seine Kollegen alles ins Haus, vorausgesetzt, dass man nicht weiter als etwa 5 km um die Postleitzahl 22179 wohnte. Man konnte natürlich auch auf Termin bestellen; dann kam das Bestellte plus-minus 10 Minuten.
Jörg erhielt etwa acht Euro „cash“ die Stunde, wobei eine durchschnittliche Kilometerzahl Grundlage für die Berechnung war; er hätte ja sonst trödeln können. Außerdem gab es fast immer ein Trinkgeld, indem die Rechnung manchmal auf glatte fünf oder zehn Euro aufgerundet wurde.
Jörg hatte schnell herausgefunden, dass die Köche und seine Kurier-Kollegen nicht gerade üppig entlohnt wurden. Die Herstellungskosten der Speisen waren relativ gering. Sein Chef musste so um die 5000 Euro netto im Monat haben, und das ohne sonderliche Ausbildung, wie Jörg zufällig erfahren hatte.
Jörg sollte nach dem Willen seiner Eltern unbedingt studieren, wusste aber noch nicht, welchen Beruf er überhaupt ergreifen sollte. Während Klassenkameraden, die nach der 10. Klasse eine Ausbildung begonnen hatten und im zumeist bequemen „Hotel Mama“ lebten, inzwischen über drei- bis vierhundert Euro Taschengeld verfügen konnten, musste er sich ständig anhören, wie knapp das Kindergeld war. Seine Eltern wussten von seinem Nebenjob nichts, sondern glaubten, dass er mit seinem Freund Hajo Mathe und Physik übte oder auch freitags mal in die Disco ging. Vielleicht hätte er sonst von den etwa 300 Euro im Monat noch 50 Euro abgeben müssen.
„Ey, du Penner, die Leute wollen die Pizza heiß und nicht lau!“, riss ihn Kalle aus seinen Überlegungen. Kalle hatte die bestellten Speisen und Getränke in die Isolierboxen gepackt, die Rechnungen samt Anschriften der Kunden in einer Sichttasche auf den Tresen gelegt und schob ihm nun acht Kisten über den Tresen.
„Alles zwischen Stühm-Süd und Kiekut; vier Kunden mit nur einer Großbestellung. Da biste in ’ner halben Stunde wieder da und kriegst noch das dicke Trinkgeld.“
Jörg warf einen kurzen Blick auf die Lieferadressen.
„Die im Quittenweg kenn’ ich. Die runden immer auf. Und die Schumanns kommen mir irgendwie bekannt vor. Ich glaub’, der Sohn war bei uns auf’m Gym und hat auch in der Schach-AG mitgemacht. Aber das ist schon ’ne Weile her.“
„Nun quassel nicht so viel, sonst kriegste gar kein Tip!“
Jörg verstaute die Boxen in dem ebenfalls isolierten Koffer der Vespa, schob den Helm auf den Kopf und legte den ersten Gang ein: „Ciao, Kalle!“
Die Anschriften hatte er in der günstigsten Reihenfolge sortiert und auf einem kleinen Clipbrett am Lenker befestigt. Da die Bestellungen alle im Bereich einer halben Stunde lagen und die Fahrstrecke keine sechs Kilometer betrug, konnte er sich den schnellsten Weg aussuchen.
In der Berner Allee war nichts los, die Ampel zum Farenkrön zeigte Grün und zwei Minuten später läutete er bei einem kleinen Einfamilienhaus im Stühm-Süd. Ein stämmiger Mittvierziger öffnete.
„Das nenn’ ich pünktlich. Komm rinn, kannste hier in die Küche bringen!“
Jörg legte die Box auf den Küchentisch.
„Zweimal Capricciosa, zwei Penne mit Schinken, macht 28 Euro.“
„Hier haste dreißig. So junge fleißige Leute muss man doch unterstützen!“
Jörg bedankte sich professionell und wünschte einen guten Appetit. Dann ging’s um die Ecke ins Obst- und Nussviertel, wie einige Menschen das Gelände zwischen Grootmoor und Petzolddamm nannten. Siedlungshäuschen aus den 50er Jahren wechselten sich mir neueren Bauten ab; z. T. hatten die ersten „Siedler“ ihre Grundstücke geteilt, da niemand mehr Gemüse zog oder Erdbeeren anbaute. Hier kannte Jörg einige Familien, da ein paar seiner Mitschüler dort wohnten.
Als nächstes gingen drei Familienpizzen und zwei Spaghettigerichte von Bord und auch hier rundeten die Leute auf, so dass Jörg schon 4,80 Euro Trinkgeld hatte.
Erneut bog Jörg ab. Hier wohnte Familie Schumann. Jörg versuchte sich an den Sohn der Schumanns zu erinnern. Aber das Bild, das sich in seinem Kopf entwickeln sollte, blieb seltsam unscharf. Er war sich nur sicher, dass Simon eine Zeit lang in der ersten Mannschaft der Schach-AG gespielt hatte, als er selbst noch zu den „Beos“, wie die Spieler der fünften und sechsten Klasse genannt wurden, gehörte. Außerdem war da noch irgendetwas gewesen, was aber schon knapp zehn Jahre zurücklag, so dass es nicht verwunderlich war, dass Jörg sich nicht klar erinnern konnte. Plötzlich schoss es Jörg durch den Kopf: Es hatte einen schweren Autounfall gegeben, bei dem Frau Schumann ums Leben gekommen war. Simon war also eine so genannte Halbwaise.
Da nicht alle Häuser eine gut sichtbare Hausnummer hatten, musste er ziemlich langsam fahren, um die Adresse zu finden.
„Das muss noch hinter der Kurve sein“, dachte Jörg. Und richtig, gegenüber der Wiese lag ein relativ altes, aber wie es schien, gepflegtes Haus, dessen Nummer, halb von einem blühenden Strauch verdeckt, kaum zu erkennen war. Allerdings war das Buschwerk wohl schon lange nicht mehr gestutzt worden, weswegen die Hausnummer eben schlecht zu erkennen war.
Jörg bockte die Vespa neben dem Strauch auf und holte die Box mit den zwei Pizzen Vongole heraus. Im Koffer blieb nur noch die Großbestellung mit diversen Pizzen und einer Zwei-Liter-Flasche Chianti-Fusel, gut gekühlt, für die Leute im Kiekut, das parallel zu diesem Weg lag.
Als er direkt vor der Tür stand, hörte er von drinnen etwas, das wie Rock-Musik klang. Da er die Kunden nicht erschrecken wollte, nahm er, bevor er die Klingel drückte, den Helm ab. Kaum hatte er den Helm in der Hand, da konnte er selbst durch die Tür erkennen, dass es sich um ein Stück von Deep Purple handelte.
Auf sein Läuten rührte sich nichts. Er sah auf das Schild an der Klingel. Der Name stimmte. Er klopfte heftig gegen die neumodische Landhaustür, die überhaupt nicht zu dem Stil des Siedlungshauses passen wollte, aber Deep Purple schien direkt im Flur ihre 60000-Watt-Anlage aufgebaut zu haben, so dass sein Klopfen vermutlich nicht wahrgenommen wurde. Es blieb ihm nur eins übrig: Er musste um das Haus herumgehen und versuchen, sich vielleicht von der Rückseite bemerkbar zu machen. Irgendwie war es merkwürdig, dass niemand öffnete, obwohl die Leute doch erst vor etwa einer Stunde zwei Pizzen „zu um 8 Uhr dreißig“ bestellt hatten. Jörg schaute sich um.
Nach links führte ein kleiner Weg aus Waschbetonplatten zu einer verschlossenen Garage. Links neben der Garage führte ein ähnlicher Weg nach hinten. Je weiter Jörg zur rückwärtigen Seite kam, umso lauter vernahm er Deep Purple. Als er um die hintere Ecke nach rechts bog, hämmerte das Stakkato von ‚Fireball’ ihm entgegen.
Jörg kannte inzwischen fast alle Stücke dieser legendären Band. Als er bei einem Tutandentreffen bei seinem Lieblingslehrer gewesen war, hatten einige aus der Gruppe gefragt, ob außer Klassik oder französischen Chansons auch andere Musik im CD-Schrank stehe. Wider Erwarten hatte es keinen Abend füllenden Vortrag über Barock, Klassik und Romantik gegeben. Oberstudienrat Rudolph hatte sich nur schmunzelnd zum CD-Schrank begeben, eine CD herausgenommen und sie aufgelegt.
„Wer die Band errät oder kennt, bekommt eine Portion Eis extra“, meinte er und hob leicht eine Augenbraue, als mache er sich über sich selbst lustig. Dann drehte er den Regler voll auf. Urplötzlich schien ein Fahrstuhl mitten durch den Raum zu donnern, dann setzte ein Atem beraubendes Schlagzeug-Stakkato ein, so dass ihnen der Mund offen blieb. Niemand kannte das Stück, aber einige fanden es „echt krass“, worauf Rudolph den Mund verzog; er konnten sich, wie er sagte, nicht an diese „Proll-Sprache“ gewöhnen.
Sie hatten dann noch härtere Sachen gehört, z. B. Black Sabbath mit dem „Iron Man“.
„Niemand hat nur eine Seite“, schien Rudolph ganz ernst zu meinen, um dann spöttelnd, wie Jörg damals angenommen hatte, fortzufahren: „Auch so’n alter Pauker nicht.“
Einige Tage später hatte Jörg ihn gefragt, ob er sich nicht die CDs von Deep Purple ausleihen könne.
„Aber nicht brennen!“, zwinkerte ihm sein Tutor zu, „das ist verboten.“
„Und was verboten ist, das macht uns gerade scharf“, hatte Jörg ein altes Chanson von Wolf Biermann zitiert, das Rudolph ihnen erst kürzlich im Rahmen einer Unterrichtseinheit „politische Lyrik“ vorgestellt hatte. Rudolph hatte nur andeutungsweise gelächelt und ihm am nächsten Tag vier CDs mitgebracht.
Der Weg nahm kein Ende, führte an großen Johannesbeersträuchern vorbei, die den Blick auf eine Terrasse fast völlig verdeckten. Schließlich knickte der Weg nach rechts ab und über einen sauber gemähten Rasen, der irgendwie im Widerspruch zu den Sträuchern stand, schritt Jörg zur Terrasse, hinter der sich ein hell erleuchtetes Wohnzimmer befand. Niemand war zu sehen.
Er klopfte heftig an die Terrassentür, was umso lauter wirkte, als „Fireball“ gerade in diesem Augenblick zu Ende ging. Nichts rührte sich, auch der CD-Spieler stand still. Jörg hatte ein mulmiges Gefühl. Ob etwas passiert war? Vielleicht war der Kunde auch nur zum Klo gegangen und hatte wegen der lauten Musik sein Ankommen nicht bemerkt. Aber die CD war doch gerade in dem Augenblick zu Ende gewesen, als er an die Terrassentür geklopft hatte. Zumindest hätte sich jemand bemerkbar machen müssen, zumal die Pizzen erwartet wurden. Außerdem hatte er zwei Portionen in der Box. Also müsste doch irgendein Mensch in der Lage sein das Bestellte in Empfang zu nehmen.
Jörg klopfte erneut, noch heftiger als beim ersten Mal. Die Tür bewegte sich ein bisschen, war also offensichtlich nur angelehnt. Etwas ängstlich schob er die Tür ein Stückchen weiter auf.
„Hallo, Pizza-Service!“, rief Jörg halblaut.
Nichts geschah. Schritt für Schritt ging er ins Wohnzimmer. Der CD-Player zeigte „shuffle“ an, weswegen „Fireball“ wohl das letzte Stück gewesen war. Eigentlich war es nämlich die Nummer 1, wie Jörg sich erinnerte.
Jörg rief erneut, jetzt etwas lauter: „Hallo, Pizza-Service!“
Das Licht eines altmodischen Deckenfluters zeigte eine seltsame Mischung von Stilen. Eine Wandseite wurde von einem Bücherregal eingenommen, das dicht mit Hunderten von Büchern vollgestellt war. Das Regal einer bekannten schwedischen Firma bestand aus schlichten beschichteten Spanplatten. Die Bücher wurden von einer am Deckenfluter befindlichen Leselampe angestrahlt. Ein großer Teil des Wohnzimmers wurde von einer schweren Ledergarnitur eingenommen. An der gegenüber liegenden Wandseite befanden sich eine offenkundig teure Musikanlage neuesten Datums und eine TV-Anlage mit Video- und DVD-Player. Die Musikanlage war im Stand-by-Betrieb, was ja auch klar war, da vor wenigen Minuten noch Deep Purple gedröhnt hatte. Nun war nichts mehr zu hören.
Jörg ging langsam weiter; ein merkwürdig mulmiges Gefühl beschlich ihn. Irgend etwas stimmte hier doch nicht.
Die Tür zum Flur stand offen, der Flur selbst war unbeleuchtet; Jörg konnte aber durch den hellen Schein des Fluters ein Telefonschränkchen und einen Garderobenschrank erkennen. Aus irgendeinem Zimmer fiel ein kleiner Lichtstrahl in den Flur.
Langsam schlich Jörg in den Flur und zu dem Raum, aus dem das Licht herausfiel. Ihm wurde immer unheimlicher zu Mute und sein Herz klopfte heftig. Er blickte in den Raum. Es war die Küche. Auf einem kleinen Tisch vor einer Sitzecke lag ein Flaschenöffner. Vorsichtig stellte Jörg erst einmal die Box auf den Fußboden neben der Tür. Er machte einen Schritt rückwärts um wieder in den Flur zu kommen und seinen Auftraggeber zu suchen, als er ein zischendes Geräusch vernahm. Bevor er reagieren konnte, spürte er einen ungeheuren Schmerz.
Er merkte nicht mehr, dass er auf den Boden knallte, und sah auch nicht, dass sich eine dunkel gekleidete Gestalt eilig auf dem Weg entfernte, den er zuvor genommen hatte, um in das Haus zu kommen.
In der Revierwache 36 klingelte das Telefon. Kommissar Jungmann nahm den Hörer nach dem zweiten Klingeln ab.
„Polizeirevier 36, Kommissar Jungmann, guten Abend“, meldete er sich. Es war bereits der 14. Anruf nach dem Schichtwechsel, wie er der Liste entnehmen konnte. Das warme Spätsommerwetter verführte die Leute, im Garten oder auf dem Balkon zu sitzen und den Durst mit zumeist alkoholischen Getränken zu löschen. Viele hatten einen harten Tag hinter sich; außerdem war natürlich arbeiten bei knapp 30° nicht unbedingt jedermanns Sache. Die sich aufstauende Gereiztheit sollte dann mit dem Bier oder dem Longdrink weggespült werden, was aber oft genug nicht funktionierte. Aus nichtigem Anlass kam es deshalb immer wieder zu kleinen Raufereien, die leider auch in richtige Schlägereien ausarteten, so dass die Polizei eingreifen musste. Manchmal beschwerten sich auch gestresste Menschen über die zu laute Musik ihrer Nachbarn, die natürlich auch im Garten nicht auf die gewohnte Dauerberieselung verzichten wollten. Und Techno konnte dabei ebenso auf die Nerven gehen wie André Rieu oder Anton aus Tirol.
„Äh, hier ist Kalle, also ich bin Karl-Heinz Wendeloh vom Pizza-Service ’Sole rosso’. Der Jörg ist überfällig.“
Die Stimme verstummte und Jungmann konnte den nervösen Atem des Anrufers hören.
„Nun sagen Sie mir mal in aller Ruhe, was Sie wollen! Wer ist Jörg?“, fragte Jungmann den Anrufer mit ruhiger Stimme.
„Ja, also der Jörg, der ist bei uns Pizzafahrer. Und eigentlich hätte er gegen halb neun im Kiekut Pizza und Chianti anliefern sollen. Aber er ist nicht angekommen. Der Kunde ist ganz schön sauer und...“
Jungmann unterbrach den Redeschwall.
„Vielleicht hat der Jörg ’ne Panne gehabt. Er ist ja erst seit etwa einer Viertelstunde überfällig. Warten Sie doch noch ein paar Minuten, dann wird sich alles schon von ganz allein aufklären!“
„Da kennen Sie aber den Jörg nicht. Der ist enorm zuverlässig. Er hätte sich sonst über Handy gemeldet, wenn er aus irgendeinem Grund einen Kunden nicht hätte beliefern können.“
Jungmann nickte ergeben, was der Anrufer natürlich nicht sehen konnte.
„Ich schick’ mal ’nen Wagen vorbei. Wie ist denn die Route von dem Jörg? Hat der eigentlich auch einen Nachnamen?“
Ein paar Sekunden hörte Jungmann nur Geraschel, dann meldete sich der Anrufen wieder.
„Also Jörg heißt Mahncke und er sollte zuerst im Stühm-Süd jemanden beliefern, dann zur Quitte, danach zum Haselnuss und zum Schluss zum Kiekut, und da ist er nicht angekommen.“
Jungmann notierte den jeweiligen Namen und die Route und versprach, sofort einen Streifenwagen zu schicken.
„Peter 36 an Peter 5, bitte kommen!“ Es dauerte keine 10 Sekunden, bis Peter 5 sich meldete.
„Peter 5 hört.“
„Ich habe hier eine Art Vermisstenanzeige. Ein Pizzafahrer vom Pizzaservice „Sole rosso“ hat nicht geliefert, und nachdem ein Kunde sich beschwert hat, hat uns ein Mitarbeiter der Firma angerufen und uns gebeten, doch mal die Route abzuklappern.“ Jungmann nannte die genauen Adressen und der Beamte am Hörer bestätigte.
Peter 5 fuhr mit exakt 50 km/h die Berner Allee Richtung Osten. Die Fußgängerampel am Hohnerkamp zeigte Rot, sodass Kommissar Stier abbremsen musste. Sein Kollege Hancke blickte nach rechts zur Bramfelder Laterne, wie das Gemeindehaus der Simeongemeinde heißt. Als er noch „frisch“ in diesem Revier gewesen war, hatte er zuerst „Rote Laterne“ gedacht und auch gesagt, weil er sich unwillkürlich an den sentimentalen Song von Lale Andersen erinnert hatte, mit dem sie in einer grauenvollen Zeit nahezu weltberühmt geworden war. Nicht einmal die Nazis hatten es während des Krieges geschafft, das Lied wegen seines traurig-sentimentalen Inhalts zu verbieten.
Die Ampel wechselte auf Grün und Hancke gab sanft Gas. Seine ruhige Fahrweise hatte ihm vor einigen Monaten ein Extralob eingebracht, weil er den geringsten Durchschnittsverbrauch aller Fahrer gehabt hatte. Kaum zu glauben, dass er bei Fahrten mit Sonderrechten wie ein Rallyefahrer durch Bramfeld „brettern“ konnte, allerdings mit einer Umsicht, dass er in nahezu 20 Jahren noch nicht einen Unfall gebaut hatte. In der S-Kurve am Fahrenkrön ging er leicht vom Gas.
„Fahr mal in den Stühm!“, meinte Stier. Hancke setzte den Blinker und bog vorsichtig ab, ging sogleich auf 30 km/h runter und rollte nahezu lautlos die jetzt fast leere Straße entlang. Hancke hatte inzwischen das Fenster runtergelassen, um besser sehen und hören zu können, was sich auf den Grundstücken am Rande der Straße tat. Bald war die bunte Außenbeleuchtung eines Lokals zu sehen. Beim „Griechen“ waren alle Plätze im Außenbereich besetzt und gedämpfte Sirtakimusik klang bis zum Streifenwagen. Unwillkürlich hatte Hancke ein gewisses Hungergefühl. Links tauchte die Silhouette der Simeonkirche auf. Stier zeigte an, dass er nach rechts abbiegen wollte. Auch im Quittenweg war kein Auto zu sehen. In manchen Gärten waren schon bunte Leuchten angestellt worden, obwohl es gerade erst anfing dunkel zu werden. Über einigen Grundstücken lag eine dünne, graue Wolke, die anzeigte, dass die Lieblingsbeschäftigung vieler Deutscher, das Grillen, auch hier stattfand. Wie hatte ein Kabarettist gesagt?
„Wenn es so richtig sommerlich warm ist, geht der Deutsche nach draußen und zündet ein Feuer an.
„Hast du irgendwo eine Pizza-Vespa gesehen?“, fragte Stein seinen Kollegen. Hancke schüttelte den Kopf, was Stier selbstverständlich nicht sehen konnte. Aber da sie schon seit einigen Jahren gemeinsam fuhren, wusste Stier, dass keine Antwort immer „ja“ hieß.
„Nach der Liste musst du jetzt links abbiegen“, meinte Hancke. Stier setzte wieder den Blinker und bog am „Crashpoint“ langsam nach links ab. Diese Kreuzung hatte ihren Namen vor ein paar Jahren bekommen, weil es immer wieder Autofahrer gab, die diesen Weg als Schleichweg benutzten, um die Kreuzung Petzolddamm – Karlshöhe zu vermeiden, an der sich vor allem morgens oft lange Schlangen bildeten, so dass manchmal drei oder vier Ampelphasen vergingen, bevor die genervten Autofahrer die Kreuzung passieren konnten. Also nutzten sie die schmale Asphaltstraße um diesen Stau zu umfahren. Dabei achteten sie weder auf die Geschwindigkeitsbegrenzung noch auf die Rechts-vor-links-Regel, so dass es ständig zu Zusammenstößen kam, bis die Polizei unregelmäßig, aber häufig Kontrollen machte.
