Mit dir am Meer - Ann Kidd Taylor - E-Book
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Mit dir am Meer E-Book

Ann Kidd Taylor

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Beschreibung

Die Tochter der großen Bestsellerautorin Sue Monk Kidd bringt den Sommer in die Herzen

Das Meer ist Maeves große Leidenschaft. Mit ihrem Job als Meeresbiologin und Haiforscherin hat sie sich einen Traum verwirklicht, doch ein anderer wird für immer unerfüllt bleiben: Mit ihrer großen Liebe Daniel eine Familie zu gründen. Je weiter ihr Beruf sie von ihrer Heimatinsel Calusa an der Küste Floridas fortführt, umso besser gelingt es Maeve, die Erinnerungen an die schönsten Momente ihres Lebens fernzuhalten. Aber auch daran, wie Daniel ihr Herz brach. Doch als Maeve an ihrem dreißigsten Geburtstag nach Calusa kommt und ihm wiederbegegnet, wird ihr klar, dass sie nicht ewig vor der Vergangenheit fliehen kann. Und dass die große Liebe manchmal eine zweite Chance verdient …

Der Roman ist 2018 unter dem Titel »Shark Club« im Penguin Verlag erschienen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 489




Die Autorin:

ANN KIDD TAYLOR lebt mit ihrer Familie in Florida. Ihre Leidenschaft für Geschichten teilt sie mit ihrer Mutter, der großen Bestsellerautorin Sue Monk Kidd. Mit Mit dir am Meer trifft sie ihre begeisterten Leserinnen mitten ins Herz und verwirklicht ihren großen Traum, einen Roman über ihre Heimat und über das Meer, das sie so sehr liebt, zu schreiben.

Besuchen Sie und auf www.penguin-verlag.de und Facebook.

Ann Kidd Taylor

MITDIR AMMEER

Roman

Aus dem Amerikanischen von Ivana Marinovic

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Die amerikanische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Shark Club« bei Viking, New York. Die deutschsprachige Ausgabe war zuvor unter dem Titel »Shark Club – Eine Liebe so ewig wie das Meer« im Penguin Verlag lieferbar.

PENGUINund das Penguin Logo sind Markenzeichen

von Penguin Books Limited und werden

hier unter Lizenz benutzt.

Copyright © 2017 by Ann Kidd Taylor

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Penguin Verlag,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlag: © Favoritbuero

Umschlagmotiv: © Shutterstock/fotomak; Shutterstock/Anna Paff; Shutterstock/ecco; Shutterstock/Maridav (2); Shutterstock/Daria Heaney; Shutterstock/Phatthanit

Das Zitat wird zitiert nach Herman Melville, Moby-Dick, übersetzt aus dem Englischen von Matthias Jendis, herausgegeben von Daniel Göske © Carl Hanser Verlag München 2001.

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-26647-9 V001

www.penguin-verlag.de

Für meine Eltern, Sue und Sanford, die auch meine Freunde sind – in Liebe und Dankbarkeit

Das Meer, dessen sanfte, furchtgebietende Wogen von einer darunter verborgenen Seele künden, birgt ein Geheimnis – aber welches?

Herman Melville

Eins

Ich schob eine lange Haarsträhne beiseite, die vor meiner Tauchermaske schwebte, und glitt durch die bläulich-grüne Unterwasserwelt von Bimini. Es war der letzte Tag meines Forschungssemesters, und ich hielt Ausschau nach Sylvia, einem anderthalb Meter langen, vier Jahre alten Zitronenhai-Weibchen, das ich nach der Ozeanografin Sylvia Earle benannt hatte. Die Strahlen hellen Sonnenlichts, die vorhin noch das Meer durchschnitten hatten, begannen sich aufzulösen und hinterließen Schatten, die dunkel über die Oberfläche strichen. Ich blickte nervös zu Nicholas, meinem Tauchpartner, dann prüfte ich die Uhrzeit. Wir hätten sie mittlerweile sehen müssen. Sylvia war noch kaum den Jugendjahren entwachsen und hatte sich schon aus der schützenden Kinderstube des Mangrovenwäldchens gewagt, in dessen seichtem Gewässer sie zur Welt gekommen war – eine Gewohnheit, die mir Sorgen bereitete, die ich aber auch bewunderte.

Auf der kleinen Insel südwestlich von Florida, auf der ich lebte und als Meeresbiologin arbeitete, nannten sie mich Maeve, die Haiflüsterin. Aus irgendeinem Grund konnte ich diesen gefürchteten Raubtieren nahe kommen und sie sogar zähmen – was für die meisten Leute natürlich einer tödlichen Form des Irrsinns gleichkam. Mein Spitzname hatte sich selbst hier durchgesetzt, im Marine Field Laboratory auf Bimini, wo ich die letzten sechs Monate damit verbracht hatte, Zitronenhaien Mikrochips zu implantieren, Passive Integrated Transponder, um danach ihre Spur zu verfolgen, ihre DNA zu sammeln, sie zu fotografieren und zu katalogisieren – morgens, mittags und abends. Ich hatte beinahe hundert dieser Haie beobachtet und überwacht, aber Sylvia war mir ans Herz gewachsen.

Sie hatte die lustige Angewohnheit, die kleinen Überreste der Fische aufzusammeln, nachdem sie zugebissen und sie heruntergeschlungen hatte, als dürfe nicht einmal das kleinste Stück verschwendet werden. Ihre sparsame Art amüsierte mich nicht nur, sie brachte ihr auch meine Zuneigung ein. Ich mochte es, wie sie immer noch eine Weile unten auf dem Meeresgrund blieb, nachdem die anderen Zitronenhaie davongeschwommen waren, um ein wenig auszuruhen. Faules Mädchen. Normalerweise konnte ich sie identifizieren, noch bevor ich die Narbe auf ihrer zweiten Rückenflosse erblickte, die die Form eines umgedrehten Häkchens hatte. Sie war oft näher an mich herangeschwommen, als mir angenehm war, auch wenn ich wusste, dass Zitronenhaie im Allgemeinen nicht aggressiv waren; doch es war wohl eher meine Einbildungskraft, weniger meine wissenschaftliche Ader, die mir das seltsame Gefühl vermittelte, dass sie mich ebenfalls erkannte.

»Ihr beide seid eben auf derselben Wellenlänge«, hatte Nicholas einmal angemerkt. Und das meinte er nur halb im Scherz.

Es war der 12. Juni2006, mein dreißigster Geburtstag. Ich hätte längst wieder in meinem kleinen Zimmer sein und packen sollen oder in der Gemeinschaftsküche eine dieser fürchterlichen Kuchenfertigmischungen backen, um sie meinen Team-Kollegen nach dem Abendessen zu servieren und den Anlass wenigstens ein bisschen zu würdigen; aber ich hatte Bimini – diese kleine Inselgruppe der Bahamas – nicht ohne einen letzten Abschiedstauchgang verlassen wollen. Schon morgen früh würden Nicholas und ich uns auf einem kurzen Charterflug nach Miami befinden. Von dort aus würde er nach Sarasota an der Südwestküste Floridas weiterreisen, um dort wieder an seinen Stachelrochen zu forschen. Nicholas stammte ursprünglich aus Twickenham in England und war vor fünfzehn Jahren als Student in die USA gekommen, wo er nach einem kurzen Arbeitsaufenthalt in London schließlich eine Stelle im renommierten Southwest Florida Aquarium erhielt. Erst kürzlich war er dort mit fünfunddreißig Jahren zum jüngsten Leiter der Abteilung für Rochenforschung ernannt worden. Er war für ein zehnmonatiges Forschungsfreisemester hier im Field Laboratory gewesen – länger als irgendwer sonst aus unserem Team –, und im Aquarium wartete man sicher schon sehnsüchtig auf seine Rückkehr. Ich selbst würde auf meine kleine Heimatinsel Calusa zurückkehren, um am Gulf Marine Conservancy zu arbeiten, einem renommierten Forschungsinstitut zum Schutz der Meere, und in das Hotel meiner Großmutter Perri, das direkt am Golf von Mexiko lag.

Das Hotel der Musen, in dem ich aufgewachsen war, war kein typisches Hotel, wie man es von Calusa kannte. Während die anderen sich bei der Ausstattung eher am Meer orientierten – Meereslandschaften über den Betten, Schiffssteuerräder in den Restaurants, Aquarien im Empfangsbereich –, quoll das Hotel meiner Großmutter vor Büchern über. In der Lobby fanden Lesungen und Buchdiskussionen statt, außerdem verfügte das Hotel über ein eigenes Leihbibliothekssystem mit einem Bücherregal auf Rädern, das gemeinsam mit dem Zimmerservicewagen von Raum zu Raum gerollt wurde. Jedes der zweiundachtzig Zimmer war einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin gewidmet, deren Arbeiten Perri schätzte – Charlotte Brontë, Jane Austen, Octavio Paz, Henry D. Thoreau … Die Tampa Bay Times hatte es einmal »den wahren verborgenen Schatz der Golfküste, ein Bücherhotel auf Ecstasy« genannt. Dort würde ich den Sommer verbringen, ehe ich mich wieder aufmachte, um diesmal in Mosambik Walhaie zu erforschen.

Wenn einer meiner Forschungsaufenthalte endete, kehrte unvermeidlich all das wieder, was ich verdrängt und ignoriert hatte, insbesondere Daniel. Alles rauschte dann heran wie eine Flutwelle. Ich konnte bereits spüren, wie die Vergangenheit angespült wurde: das letzte hartnäckige Bild von Daniel am Tag unseres Abschieds, sein Rücken vor dem Fenster, umrahmt von den glühenden Strahlen der Sonne von Miami, dann die Stille, die darauf folgte. Dieses Mal fühlte es sich an als holte mich die Erinnerung noch unbarmherziger ein als sonst. Dreißig. Was hatte es nur mit diesem Alter auf sich? Alle Uhren schienen plötzlich lauter zu ticken.

Während wir uns weiter vom kobaltblauen Bauch unseres Bootes entfernten, trafen Nicholas und ich auf einen Schwarm winziger Fische, die wie Silbermünzen glitzerten, als sie durchs Wasser schossen. Zuvor hatte ein Rotmaul-Zackenbarsch sein Interesse an Nicholas und mir bekundet; fasziniert von den Bläschen, die aus unseren Flaschen stiegen, kam er uns so nahe, dass ich das orange glühende Innere seines Mauls sehen konnte. Unter den Fischen schien es, ebenso wie unter den Menschen, nur zwei wesentliche Arten zu geben: die Wagemutigen und die Zaghaften.

Nicholas deutete auf zwei Amerikanische Stechrochen, die vorüberglitten wie in einer Szene aus dem Schwanensee. Das Vibrieren ihrer flachen, eleganten Körper rauschte mir entgegen und hallte nach wie alle Klänge unter Wasser – verschwommen und gedämpft, ein merkwürdig träges Schlagen wie in Zeitlupe. Nicholas liebte Rochen in dem Maß, wie mir Haie am Herzen lagen – vor allem den Gefleckten Adlerrochen und den Riesenmanta –, und er schoss noch schnell ein Foto, bevor sie verschwanden.

Er hielt die Handfläche hoch, um mir zu bedeuten innezuhalten, und ich dachte einen Moment, er habe Zitronenhaie erblickt, doch er schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern, als Zeichen für: Die Haie kommen nicht, uns geht die Luft aus. Nach sechs Monaten gemeinsamer Arbeit waren wir mit den Körpersignalen des anderen vertraut. Ich legte den Kopf schräg und hielt fünf Finger hoch. Noch fünf Minuten?

Er reckte den Daumen und zeigte auf ein Feld Seefächerkorallen am Meeresgrund. Okay, aber lass uns da unten warten.

Ich nickte. Ich würde ihn vermissen, und dieser Gedanke überraschte mich. Es verwunderte mich immer, wenn ich jemand anderen vermisste als Daniel.

Während ich mich über den wogenden Garten aus rosaroten und violetten Korallen treiben ließ, beobachtete ich eine Grüne Muräne, die ihren schlangenförmigen Körper ein Stück aus ihrem felsigen Heim schob, während eine emsige kleine Putzergarnele auf ihrem Kopf ihre Wunder wirkte. Die Muräne sah sehr alt aus, faltig und narbig, und wirkte seltsam gelassen. Sie sperrte das Maul auf, dann schloss sie es … immer wieder. Ein »Om«, das nur die Bewohner des Meeres hören konnten. Es war gut möglich, dass wir beide gleich alt waren.

Wenn ich mir früher mein Leben mit dreißig ausmalte, sah ich immer genau das vor mir, was ich gerade tat: Haie beobachten. Aber ich sah mich auch als Mutter, die ihrem Kind das Schwimmen im Meer beibrachte. Bis zum Kinn in eine Schwimmweste gepackt, würde mein kleiner Junge wie ein Frosch durch das klare pfefferminzgrüne Wasser des Golfs von Mexiko strampeln. Manchmal war das Kind auch ein Mädchen, mit dunklen, nassen Haarsträhnen, die ihm an den Wangen klebten. Nach dem Schwimmen, so stellte ich mir vor, würden wir zu einem kleinen Haus mit einem Orangenbäumchen davor zurückschlendern, dessen Zweige sich unter den prallen, reifen Früchten bogen. Ich würde die Zweige schütteln und dann den Daumen in die Oberseite der Orangen bohren, wie mein Dad es früher für mich getan hatte. Manchmal schnitt er mit einem Taschenmesser einen Deckel heraus und schnitzte ein M für Maeve in die Seite. Ich dachte immer, ich würde für meine kleine Tochter dasselbe tun. Dann könnte sie aus der Orange trinken wie aus einer Tasse. Daniel würde in der Küche auf uns warten und eine Pfanne mit Steinpilzen auf dem Herd schwenken.

Bisher war diese erträumte Zukunft nicht eingetroffen. Vielleicht würde sie das noch … es war ja nicht so, als ob mein dreißigster Geburtstag mich in Sachen Mutterschaft aus dem Rennen warf. Aber irgendwann einmal, falls es immer noch nur mich und die Haie gäbe – gottlob gab es die Haie! –, würde ich die ganze Familiensache womöglich begraben müssen. Ich könnte dann immer noch Tante Maeve werden für die Kinder, die mein Zwillingsbruder Robin eines Tages vielleicht haben würde, und ich würde mich mit dem Meer vermählen. Ein Haufen Leute, Robin eingeschlossen, würde behaupten, dass ich das schon längst getan hatte.

Falls Sylvia sich irgendwo in der Nähe herumtrieb, wusste sie bereits, dass Nicholas und ich hier waren. In dem dämmrigen Licht wurden ihre Augen schärfer, und ihr Geruchssinn war zehntausendmal feiner als meiner. Spezielle Sinneszellen, die sich seitlich in Reihen an ihrem Körper entlangzogen, hätten bereits eine Veränderung im Wasserdruck festgestellt und die Information an ihr Gehirn weitergegeben. Während sie sich näherte, würde sie mit den Rezeptoren an ihrem Kopf und an ihrer Schnauze die elektrischen Felder auffangen, die von meinem Herzschlag und meiner Hirnaktivität ausgesendet wurden – eine Art GPS, die es Haien ermöglichte, die Ozeane zu durchqueren, indem sie sich am Magnetfeld der Erde orientierten. Während Nicholas und ich uns auf unsere Handzeichen und Druckluftflaschen beschränken mussten, war Sylvia von der Natur perfekt ausgestattet.

Plötzlich schnellte die Muräne in ihren Schlupfwinkel zurück wie ein geplatztes Gummiband. Alarmiert von den Fischen, die hektisch nach oben schossen, spannte sich mein Körper an. Ich drehte mich mit einer langsamen pirouettenartigen Bewegung um, in dem Bewusstsein, wie winzig wir in der ungeheuren Weite des Atlantiks wirkten, und bemerkte, wie Nicholas dasselbe tat. Ich nahm ein paar maßvolle Atemzüge, lauschte dem Knacken in meinem Atemregler und starrte in die Ferne, wo das Wasser sich zu drei Farbtönen verdichtete wie in einem Gemälde von Rothko – Indigo, Violett und, unterhalb der Oberfläche, ein blasses Grün.

Der Hai tauchte aus den Farbschwaden auf, und die Bewegungen seiner Schwanzflosse wirkten wie das hypnotische Schwingen einer Taschenuhr an ihrer Kette. Ich legte die flache Hand auf meinen Kopf – unser Zeichen für Hai –, während Nicholas es mir im beinahe selben Moment gleichtat.

Als das Tier näher kam, erblickte ich die Narbe auf der zweiten Rückenflosse und die zerschrammte Schnauze. Sylvia.

Sie kam nicht allein. Ein zweiter, dann ein dritter Hai tauchten hinter ihr auf – Captain und Jaques, zwei weitere Haie aus meinem Forschungsprojekt.

Nicholas und ich betrachteten sie, ohne uns zu rühren. Wie viele Male hatte ich schon genauso unter Wasser geschwebt, als ein Hai sich heranpirschte? Und doch fühlte es sich immer wie das erste Mal an. Sylvia schwamm auf mich zu – halb Ballerina, halb Tarngeschoss. Mein Adrenalinpegel schnellte in die Höhe, und ich hielt unwillkürlich den Atem an. Nur für eine Sekunde, aber selbst Anfänger wussten, dass das Abweichen vom gleichmäßigen Atemrhythmus keine gute Idee war und beim Aufsteigen eine gefährliche Ausdehnung des Luftdrucks in den Lungen zur Folge haben konnte. Ich löste den Knoten in meiner Kehle, atmete langsam aus und begann, ihren langen, eleganten Körper zu fotografieren, ihre sandpapierfarbene Haut. Als sie an mir vorbeiglitt, ließ ich meine Hand, mit der ich die Kamera hielt, sinken, und ich tat etwas, was ich noch nie zuvor getan hatte: Ich schwamm mit ihr.

Während ich Sylvia in respektvollem Abstand neben ihren Brustflossen folgte, konnte ich ihre schiere Kraft im Wasser spüren. Das Geräusch, das von ihren Bewegungen ausging, war wie ein entferntes Donnergrollen, und doch fühlte ich das Beben an meinem gesamten Körper. Ich schwamm instinktiv, ohne nachzudenken, schwebte an einem halb geträumten Ort, doch dann kam mir ein Zitat in den Sinn, das in Zimmer 202 des Hotels meiner Großmutter an die Wand gemalt war, dem John-Keats-Zimmer: »Die Liebe ist meine Religion – ich könnte dafür sterben.«

Das Meer, seine Lebewesen, seine Haie – sie waren meine Religion. Für sie könnte ich sterben.

Sylvia drehte sich um und schien mich interessiert zu beobachten, doch ihre plötzliche Aufmerksamkeit war wie ein Erwachen. Obwohl ich mich ihr verbunden fühlte, durfte ich nicht eine Sekunde vergessen, dass sie zu aggressivem Verhalten provoziert werden könnte. Ich stieg auf, ließ sie davonschwimmen und legte eine flache Hand auf mein Brustbein, während sie von der blaugrauen Düsternis verschluckt wurde.

Wie elektrisiert stieß ich mit meinen Flossen durchs Wasser.

Als ich mich zu Nicholas umdrehte, umklammerte er die Griffe seiner Kamera, und sein Gesichtsausdruck war derselbe wie meiner. Seine Lippen, die sich um den Atemregler zu einem Lächeln verzogen, reflektierten meine eigene überschwängliche Freude.

Zwei

Wenn man mich fragt, warum ich Haie so liebe, antworte ich, weil ich mit zwölf von einem gebissen wurde. Rein statistisch betrachtet, hätten die Kokospalmen, die um das Hotel meiner Großmutter herum wuchsen, eine größere Gefahr für mich darstellen müssen als die Haie, die durch das Meer davor zogen. Die Kokosnüsse fielen dort regelmäßig wie Torpedos zu Boden, also war es mehr als sonderbar, dass ich mir keine Gehirnerschütterung zuzog, sondern stattdessen von einem Hai gebissen wurde – einer Spezies, die über vierhundert Millionen Jahre alt war, älter als Menschen, Dinosaurier oder Bäume. Es war ein Kleiner Schwarzspitzenhai gewesen, Carcharhinus limbatus, die Art, die aus dem Wasser springt und sich im Flug dreht, um Fische nahe der Oberfläche zu erbeuten. Der Biss hatte eine dreiunddreißig Zentimeter lange Narbe, ebenso viele Stiche und eine bewundernde Obsession für Haie zur Folge.

Robin reagierte wie ein echter Zwilling und wurde zum Gegenpol meiner morbiden Faszination. Er entwickelte eine tief sitzende Angst vor Haien, die geradezu an Abscheu grenzte. Ich nahm es Perri damals nicht übel, dass sie mich wieder zu Dr. Marlowe, einem Kinderpsychologen in Naples, schickte – auch heute nicht –, aber ich fragte mich dennoch, warum Robins Hass auf Haie als vollkommen normal betrachtet wurde, wohingegen man meine Liebe für sie als schädlich einstufte.

Wenn dich ein Auto überfahren hätte, würdest du dann Mechanikerin werden?, fragte Robin mich früher oft. Wenn dir ein Felsbrocken auf den Schädel gefallen wäre, würdest du da etwa Geologin werden? Oder wenn du vom Dach gestürzt wärst? Würde dich das zu einer Dachdeckerin machen? Wenn ein Pferd über dich hinweggetrampelt wäre, würdest du dann Jockey werden wollen? Seine Liste von Katastrophen und Berufsbildern wurde zu einem dieser Dauerwitze, die überhaupt nicht witzig waren. Er war nie darüber hinweggekommen, dass er mich beinahe verloren hätte, und nach dem, was mit unseren Eltern passiert war, konnte ich es ihm nicht verübeln.

Früher malte ich mir immer aus, dass Mom und Dad Perris und Robins Sorgen bezüglich meiner zunehmenden Besessenheit von Haien bestimmt zerstreut hätten, wären sie noch am Leben gewesen.

Mein Vater, ein Englischprofessor und Perris Sohn durch und durch, hatte Bücher noch mehr geliebt als Perri – falls das überhaupt möglich war –, und zwei schmale Bändchen mit seinen Gedichten waren sogar veröffentlicht worden. Er war das Gegenteil unserer himmelsverrückten Ingenieurs-Mutter gewesen, deren Kopf fest in den Wolken verankert war, während er selbst permanent die Nase in den Büchern von Keats, Shelley und Byron vergraben hatte.

Mom war zwei Jahre im Besitz ihrer Privatpilotenlizenz gewesen, als sich das Unglück ereignete. Sie hatte Dad zum Geburtstag mit einem Wochenende in Key West überraschen wollen, hatte eine 1980er-Piper gechartert, einen Flugplan eingereicht und mit Perri vereinbart, den sechsjährigen Robin und mich bei uns zu Hause in Jupiter, Florida, abzuholen. Ihr Flieger war in den Everglades abgestürzt, bevor wir überhaupt im Hotel angekommen waren; bevor wir durch die Lobby und die Treppe hoch gestürmt waren, uns streitend, wer das Bett am Fenster bekommen würde; bevor wir unsere Badesachen angezogen hatten und runter zum Strand gerannt waren, völlig aus dem Häuschen über die unzähligen Florida-Fechterschnecken, die über Nacht an Land gespült worden waren, jedes Mal laut quietschend, wenn ein schleimiger roter Zipfel der Meeresschnecken unsere Handflächen berührte.

Die Rettungskräfte mussten mit einem Sumpfboot zu ihnen vordringen. Die Nationale Behörde für Transportsicherheit erklärte uns, dass Mom in eine gewitterbedingte Windscherung geraten war. Eine Zeit lang reichte der Anblick eines kleinen Flugzeugs, das über mich hinwegdröhnte, sogar die Erwähnung eines Sumpfbootes, um das Bild meiner verunglückten Eltern vor mir heraufzubeschwören – wie sie tot an ihren Sitzen festgeschnallt waren und bei den Alligatoren im trüben Schlamm feststeckten. Nach und nach hörte das Bild auf mich zu verfolgen. Heute kann ich sie mir wieder so vorstellen, wie sie vor dem Unfall gewesen waren: Dad, der uns am Küchentisch Gedichte vorlas, die für uns Kinder viel zu anspruchsvoll waren. Und Mom, die uns in sternenklaren Nächten regelmäßig nach draußen schleifte, in dem wenig erfolgreichen Versuch, uns die Sternbilder beizubringen, wobei sie neben uns auf der Terrasse am Pool lag und begeistert die Namen von Großem und Kleinem Wagen sowie dem Oriongürtel ausrief.

Nach der Beerdigung verkaufte Perri unser Haus in Jupiter – samt der Terrasse, auf der wir Moms Sternen Namen gegeben hatten, und dem Küchentisch, an dem wir Dads Gedichten gelauscht hatten – und brachte uns nach Calusa, um mit ihr im Hotel der Musen zu leben. Perri beschlagnahmte vier der Hotelzimmer, ließ die Wände herausreißen und zu einer Wohnung für uns drei umbauen. »Das wird ein Abenteuer! Wie die Familie im Schweizerischen Robinson«, hatte sie gesagt und zwei kleinen, traurigen Kindern zuliebe ihr Leben auf den Kopf gestellt. Nacht für Nacht krochen wir in ihr Bett, wo sie uns die Geschichte von Johann David Wyss vorlas, gefolgt von Peter Pan, Alice im Wunderland, Der geheime Garten und einer ganzen Fundgrube anderer Klassiker.

Der Verlust unserer Eltern war für uns beide verheerend gewesen, doch wir reagierten sehr unterschiedlich. Robins Trauer war leise, sie fand im Verborgenen statt und suchte sich lediglich unbewusst im Schlaf einen schreienden Ausweg, während meine offen und voller Emotionen war. Da ihr alles über den Kopf wuchs und sie uns verzweifelt helfen wollte, gab Perri uns schließlich in die fähigen Hände von Dr. Marlowe. Das war meine erste Therapierunde gewesen; Jahre später, als ich mich nach dem Haibiss abermals in seiner Praxis wiederfand, kannte ich das Prozedere bereits.

Mein Bruder und ich verbrachten Stunden damit, nebeneinander auf Dr. Marlowes grünem Sofa zu sitzen – Robin schweigend und sich weigernd, die Bilder zu malen, die uns dabei helfen sollten, unsere Gefühle auszudrücken. Doch je mehr er sich zurückzog, desto mehr redete ich von den Alligatoren, die das Flugzeug unserer Eltern umkreisten, von ihren fest verschlossen Särgen. Und desto ausführlicher wurden meine Zeichnungen. Manchmal schien es, als hätten Robins spätere Probleme mit diesen Bildern angefangen. Ganz besonders eines, das sich seinen Weg aus einem dunklen Winkel meines Inneren bahnte. Unter Robins aufmerksamem Blick hatte ich mir ein paar Wachsmalstifte aus der Kiste genommen und damit begonnen, dasselbe Horrorszenario wie üblich zu erschaffen: ein dichtes Gewirr grüner Dschungelpflanzen, einen schwarzen Himmel, schlammig-braunes, von roten Schlieren durchzogenes Wasser, ein halb versunkenes graues Flugzeug … und unter dem Wasser zwei zerbrochene Strichmännchen.

»Bist du sicher, dass du nicht auch was malen willst?«, fragte Dr. Marlowe und hielt Robin einen blauen Stift hin. »Alles, was du willst. Wie wäre es mit deinem Zimmer? Wie sieht es aus?«

Robin funkelte ihn an, die Arme vor der sechsjährigen Brust verschränkt, dann nahm er den Stift. Womöglich hätte er an diesem Tag wirklich etwas gemalt – den Plüschfrosch auf seinem Bett, sein Poster von Das Imperium schlägt zurück, die Baseballkarten an seiner Pinnwand –, aber er wurde durch meine unerwartete Ergänzung eines dritten, winzigen Strichmännchens abgelenkt, das ich neben die anderen zwei zeichnete.

»Wer ist das?«, wollte er wissen.

Ich malte einen roten Fleck auf den kleinen Körper.

»Wer ist das?«, wiederholte Robin, und ich hörte die Verzweiflung in seiner Stimme, doch ich antwortete nicht.

»Willst du es uns nicht sagen?«, fragte Dr. Marlowe mich. »Du musst nicht, aber dein Bruder … er würde es gern wissen.«

»Das bin ich«, sagte ich, während das Bild hinter meinen Tränen verschwamm. »Ich will nicht hier sein, ohne sie.«

»Du willst auch tot sein?« Robins Stimme klang leise und weit weg, und dann begann er zu weinen – schreckliche, schwere Schluchzer, die ersten Tränen, die er seit dem Tod unserer Eltern vergossen hatte. Sein gesamter Körper wurde von Krämpfen geschüttelt, und als ich sah, was ich angerichtet hatte, weinte ich mit ihm. Selbst damals wusste ich, dass ich es nicht so meinte, wie ich es gesagt hatte. Ich wünschte mir nicht wirklich, mit meinen Eltern in dem Flugzeug gesessen zu haben. Aber den Wunsch auszusprechen, schien mir der einzige Weg, die Wucht meines Kummers und meiner Verzweiflung wiederzugeben, zu vermitteln, wie sehr ich Mom und Dad vermisste.

Dr. Marlowe sagte uns, es sei in Ordnung zu weinen, doch Robins Tränen wollten kein Ende nehmen. Schließlich rief Dr. Marlowe unsere Großmutter aus dem Wartezimmer. Sie quetschte sich zwischen uns auf das Sofa und drückte uns an sich. Als der Anfall endlich vorüber war, versuchte Dr. Marlowe, Robin verständlich zu machen, was ich gemeint hatte, aber ich glaube nicht, dass mein Bruder es je verstand. Mein Geständnis wirkte auf ihn wie ein Verrat, wie eine brutale Zurückweisung. Danach besuchten wir Dr. Marlowe nur noch getrennt. Ich erfuhr nie, was in Robins Sitzungen geschah. Aber als ich an jenem Tag meinen grauenhaften Wunsch offenbarte, war das der Beginn meiner Heilung. Mein Kummer verwandelte sich von einer quälenden Traurigkeit in eine Art Resignation und schließlich in Frieden. Perri wurde mein größter Trost und meine engste Vertraute. Doch die abstürzenden Flugzeuge, die Robin in seinen Albträumen heimsuchten, verschwanden nicht, auch wenn es nicht mehr unsere Eltern waren, die darin saßen – jetzt war da nur noch ich. Immer wieder schreckte er aus dem Schlaf, meinen Namen kreischend, einmal so laut, dass einer der Hotelgäste an der Rezeption anrief. Verängstigt von seinen Schreien, kroch ich dann zu ihm ins Bett und umklammerte seine Hand unter der Decke. »Ich dachte, du bist auch gestorben«, wimmerte er.

Im darauffolgenden Jahr hörten seine nächtlichen Angstattacken auf; stattdessen verschlechterte sich sein Benehmen rapide. Er biss und schubste die Klassenkameraden an der neuen Grundschule, gab den Lehrern Widerworte und schlug sogar einmal nach Perri, als sie ihn anwies, sein Zimmer aufzuräumen, wobei er schrie: »Sag mir nicht, was ich tun soll! Du bist nicht meine Mutter!«

Im Laufe der Zeit kehrte er schließlich zu einer Art Normalität zurück. Ich erinnere mich noch, wie Robin, nachdem er den Film Rocky gesehen hatte, vor den Hotelgästen seine urkomische Sylvester-Stallone-Imitation zum Besten gab – nur eine Kostprobe seines aufkeimenden Charismas –, aber er schien seine Trauer nie bewältigen zu können. Er fühlte sich immer unbehaglich dabei, über Mom und Dad zu reden, als könnte seine Seele es nicht verkraften, diesen Ort in seinem Innersten zu betreten.

Ärger zu bereiten, blieb Robins verlässlichste Methode, um seinem Kummer Ausdruck zu verleihen, und ich glaube, das Schreiben muss ebenfalls ein Ventil gewesen sein. Er machte beides, abwechselnd und mit großem Talent.

Ich hatte bis heute ein schlechtes Gewissen wegen jener Zeichnung, fühlte mich immer noch verantwortlich.

Perri sagte gerne, dass andere Kinder nur Schaukeln in ihrem Garten hätten, wir hingegen den Golf von Mexiko. Die Insel und jedes einzelne Lebewesen, das im Meer herumschwamm, wurden mein persönliches Paradies. Zusammen mit Daniel.

Daniels Mutter Vanessa, die wir nur Tante Van nannten, arbeitete an der Hotelrezeption, wenn sie nicht gerade Ballett unterrichtete, und so hing Daniel nach der Schule ständig im Hotel herum, schleifte sein Skateboard hinter sich her und rollte damit über die Marmorböden der Lobby. Er war fast ein Jahr älter als Robin und ich und wurde unser erster Freund auf Calusa. Es dauerte nicht lange, bis wir drei unzertrennlich wurden und gemeinsam den Strand und das Hotel unsicher machten. Sein Vater war damals Baseballtrainer an der Highschool und allem Anschein nach ein halbwegs ordentlicher Vater. Bis er eines Tages seine Sachen packte und einfach aus Daniels Leben verschwand, eine traumatisierende Erfahrung, über die er kaum je sprach. Robin, Daniel und ich teilten unsere Vaterlosigkeit – ob nun abgehauen oder verstorben –, sie war wie eine Art tragischer Klebstoff, der uns auf eine Weise zusammenkittete, die keiner von uns wirklich verstand. Daniel hatte das gleiche wuschelige, dunkle Haar wie wir, das von der Sonne zu einem Goldbraun gebleicht wurde, und die Leute dachten ständig, er wäre unser Bruder. Robin fand das toll, ich jedoch wollte nie Daniels Schwester sein.

Der Hai griff am 30. Juli 1988 am frühen Morgen an. Über dem Wasser lag ein feuchter Dunstschleier, und das Ufer war menschenleer. Daniel und ich waren an den Strand gegangen, um einen angeschwemmten Pfeilschwanzkrebs zu inspizieren, als ich eine beinahe dreißig Zentimeter lange, braun-weiß gestreifte Fischadlerfeder entdeckte, die in ungefähr zehn Metern Entfernung auf den Wellen trieb. Vielleicht wollte ich Daniel damit beeindrucken, wie kühn und unbefangen ich sein konnte; vielleicht wollte ich auch nur diese prächtige Feder haben. Auf jeden Fall watete ich in Shorts und T-Shirt ins Meer hinaus, bis mir das Wasser in einem kühlen Ring um den Bauch schwappte.

»Was tust du da?«, fragte Daniel und sah mir mit offenem Mund vom Strand aus zu.

»Hast du etwa Angst, dass deine Shorts nass werden?«, zog ich ihn auf, nahm die Feder von der Wasseroberfläche und hob sie hoch, um ihn hereinzuwinken.

Grinsend watete er bis zu mir, wobei er die Arme und nackten Schultern in die Höhe reckte, um den Moment hinauszuzögern, in dem ihn die Kühle umfangen würde. Er zupfte die Feder aus meiner Hand und steckte sie in das Haargummi, das meinen Pferdeschwanz zusammenhielt. »Da«, sagte er.

Ich griff nach hinten, um sie zu befühlen, und mir war bewusst, wie nahe Daniel bei mir stand – seine Schultern waren voller Sommersprossen, seine Haut war braun wie Karamell, seine Augen von einem tiefen, satten Blau, wie das eines Paletten-Doktorfischs. Aus einem Impuls heraus streckte ich mich empor und küsste ihn. Und erschrak, als er meinen Kuss erwiderte, als ich das Salz auf seinen Lippen schmeckte. Für einen Moment fühlte ich mich ganz benommen, als wäre die Welt, in der ich aufgewacht war, von mir abgefallen, und ich wäre jemand anderes. Das Gefühl ließ mich vor Aufregung schaudern, und gleichzeitig machte es mir Angst.

»Ich glaube, ich werde dich immer lieben«, hörte ich mich sagen. Daniel warf einen Blick zum Ufer zurück, wo Robin und Perri gerade die Liegestühle unter den palmengedeckten Chiki-Pfahlhütten aufbauten, die den Sandstrand vor dem Hotel sprenkelten, bevor er erwiderte: »Ich dich auch.«

Doch plötzlich machte er einen Satz nach vorne, als hätte er einen Schlag in die Kniekehlen bekommen. »Was war denn das?«, rief er. Ich dachte, er wolle mir einen Schreck einjagen, aber was auch immer gegen Daniel geprallt war, stieß nun gegen mich. Ich verlor das Gleichgewicht und wurde unter Wasser gezogen, als eine unvorstellbare Kraft sich an mein Bein heftete. Ich hielt die Luft an und schlug hektisch mit den Armen, versuchte aus dem Wasser emporzufliegen wie einer dieser tauchenden Seevögel, die ich oft dabei beobachtete, wenn sie in einer Wasserfontäne in die Luft schossen. Ich konnte ihn ganz deutlich sehen – die Oberseite des grauen Haikopfs, seine Zähne, die sich in meinem Bein verhakt hatten, die schwarze Flossenspitze, den Schwanz, der hin und her ruderte.

Es war laut unter Wasser, die Geräusche und Vibrationen prallten von unseren Körpern ab. Das Blut strömte aus meiner Wunde wie Tränengas, das klebrig aus einer Dose sickerte. Ich dachte rein gar nichts – da war einzig und allein der wilde, ursprüngliche Instinkt zu leben.

Ich streckte meinen Hals Richtung Oberfläche und erhaschte einen Blick auf ein Auge des Hais – eine kleine, schwarze, leblose Nacht. Ich war überzeugt, dass der Hai es schon bereute, seine Zähne in mich vergraben zu haben, oder kam mir der Gedanke erst später? Sein Auge verschwand hinter einem Lid, das sich von unten her schloss, und dann, so plötzlich, wie der Aufruhr begonnen hatte, hörte alles auf.

Der Hai ließ von meinem Bein ab und schwamm davon. Ich hatte keine Ahnung, warum. Heute weiß ich, dass er ein klassisches überfallartiges Verhaltensmuster an den Tag legte: ein Vorstoß, ein einziger Biss und dann der Rückzug, sobald klar war, dass es sich bei der Beute um kein Futter handelte, sondern um eine Verwechslung.

Zu Beginn war der Biss seltsam schmerzlos gewesen, doch dann schoss ein heißes Brennen durch mein Bein. Ich brauchte Luft. Mit einem Keuchen brach ich durch die Wasseroberfläche und versuchte zu stehen, doch mein rechtes Bein war vollkommen nutzlos. Ich ließ mich auf dem Rücken treiben und benutzte meinen linken Fuß, um mich vom Meeresboden abzustoßen.

Ich schnappte verzweifelt nach Luft und brachte keinen Laut heraus. Das Wasser verstopfte mir die Ohren. Ich glaubte, jemanden meinen Namen rufen zu hören: »Maeve! Maeve!« Daniel packte mich unter den Achseln und zerrte mich rückwärts rennend zum Ufer.

»Ein Hai hat mich gebissen und ist weggeschwommen«, sagte ich so ruhig, als hätte mich eine Qualle erwischt.

Daniel schrie nach Perri, seine Stimme war vor Schreck ganz heiser. Wasser drang mir mit einem salzigen Brennen in die Nase, und ich hustete und spuckte, doch der Schmerz in meinem Bein war zu einer seltsamen Hitze abgeklungen, die sich von meiner Hüfte bis in die Zehenspitzen erstreckte.

Daniel legte mich auf den Sand. Ich sah ihn an, wie er vornübergebeugt neben mir hockte, die Hände auf den Knien, seine Augen von einem Tränenfilm überzogen. »Ein Hai hat mich gebissen und ist weggeschwommen«, wiederholte ich.

Ich stützte mich mühsam auf meine Ellbogen und starrte mein Bein an. Die Hinterseite meiner Wade war aufgerissen und zerfetzt und blutete wie ein Sezierprojekt im Biologieunterricht, das schrecklich schiefgelaufen war. Sobald Perri bei uns war, ließ ich mich wieder in den Sand fallen, während sie sich in eine dieser legendären Frauen verwandelte – Frauen, die superheldenstark werden und in Krisenzeiten einen entschlossenen, kühlen Kopf bewahren, Autos von Kindern hieven und Befehle herumbellen wie General Patton höchstpersönlich. »Robin, lauf zum Hotel! Ruf den Notarzt – 911! Daniel, bring Handtücher!«

Ein dünner Saum aus Dunkelheit schien sich um alles herumzulegen. Ich schloss die Augen, um ihn zu vertreiben. Perri schob ein Netz verworrener Haare aus meinem Gesicht. »Maeve, Liebes, öffne die Augen.«

Ich konzentrierte mich auf einen V-förmigen Schwarm Pelikane, der über die hohe blaue Himmelskuppel hinwegglitt – die Flügel reglos gespreizt, allesamt bereit, gleichzeitig umzuschwenken, sobald der Leitvogel den Kurs änderte.

Daniel ließ einen Stapel Handtücher in den Sand fallen, und Perri nahm eines, zwirbelte es zu einem Strang und knotete es fest um meinen Schenkel. Ihr kinnlanges Haar schwang wie ein verschwommener weißer Vorhang vor ihrem Gesicht. »Wir müssen die Blutung stoppen«, sagte sie angespannt.

Als Perri Druck auf die Wunde ausübte, entlud sich das dumpfe Brennen in meinem Bein in einem flammenden, heftigen Schmerz. Ich ließ den Kopf zur Seite rollen, und ein schrecklicher klagender Laut entwich meiner Kehle. Ich begann wie wild um mich zu schlagen.

Robin ließ sich neben mir auf die Knie fallen, sein Gesicht bleich und voller Panik. »Alles wird gut«, sagte er immer wieder in mein Ohr.

Perri kauerte über mir und schirmte die Sonne ab. Sie brüllte die Menge an, die sich um uns versammelte. »Ich brauche einen Gürtel!« Nachdem man ihr einen gegeben hatte, schlang sie ihn um mein Knie. »Dir wird es gleich besser gehen«, sagte sie. »Atme tief ein. Los.« Sie nickte mir zu, und ich sog die Luft ein, als wäre ich am Ertrinken. »Sehr gut. Langsam. So ist’s gut.«

Perri legte ihre Hand auf meine Brust, und etwas in mir löste sich. Ich fühlte mich sicher.

»Wir müssen sie warm halten«, sagte sie, und augenblicklich entfaltete sich ein korallenroter Baldachin über mir, und das Emblem des Hotels – eine dunkelblaue, gestickte Auster mit einem wie eine Perle anmutenden Buch in ihrem Inneren – senkte sich über mich.

Ich drückte meine Wange in den Sand, um nach Daniel zu suchen, und sah ihn ein paar Schritte entfernt. »Der Hai hat sie unter Wasser gezogen«, sagte er zu Perri. »Ich habe versucht, zu ihr zu gelangen. Es ging alles so schnell. Ich … ich habe es nicht zu ihr geschafft.«

»Wie lange war sie unter Wasser?«, fragte Perri.

»Ich weiß nicht. Fünf Sekunden? Zehn?«

Es hatte sich so viel länger angefühlt.

Erst eine ganze Weile später unterhielten Daniel und ich uns darüber, wie jener Tag für ihn gewesen war – dass der Golf sich nie so tief und endlos angefühlt hatte wie in den Sekunden, als ich in ihm verschwunden war; wie er unter Wasser nach mir gesucht hatte, voller Angst, was er in dem trüben Sturm aus Blut und aufgewirbeltem Sand vorfinden könnte.

Kurz bevor ich das Bewusstsein verlor, drehte er sich zu mir, und ich sah, dass er die Fischadlerfeder in der Hand hielt, die sich aus meinem Haar gelöst hatte.

Ich glaube, Perri befürchtete damals, ich könnte dem betörenden Charme meines Angreifers – des Kleinen Schwarzspitzenhais – erlegen sein, aber Dr. Marlowe versicherte ihr, dass das, was ich durchmachte, zwar ungewöhnlich, so doch harmloser Natur sei. Eines Tages saß ich neben ihr in seiner Praxis, den Blick auf meinen Schoß gerichtet, und als ich den Kopf hob, merkte ich, wie sie mich mitfühlend betrachtete. Es war der Moment, in dem Perri beschloss, sich keine Sorgen mehr zu machen wegen der mit Meerwasser gefüllten Marmeladengläser, die ich unter meinem Bett hortete, der Plastikbecher, die ich mit am Strand gefundenen Haizähnen füllte, der Bilder von Haiaugen, die ich zeichnete und an meine Zimmerwände klebte. Am selben Abend hörte ich, wie sie Robin erklärte, dass der Doktor sich keine Sorgen um mich machte und er es folglich ebenso wenig tun müsse. Er gab sich Mühe und wagte sich irgendwann sogar mit mir in den Golf, doch er ließ sich ständig Ausreden einfallen, warum wir diese Ausflüge schnell wieder abbrechen mussten. Er verlor nie die Angst, dass etwas im Wasser ihm das wegnehmen könnte, was ihm von seiner Familie geblieben war.

Perri schickte mich weiterhin zu Dr. Marlowe. Mit zwölf Jahren schwirrten mir genug andere mehr oder weniger wirre Gedanken durch den Kopf: Flashbacks vom abgestürzten Flugzeug meiner Eltern; zwiespältige Gefühle, weil Robin und ich in einem Hotel wohnten und die anderen Kinder das schräg fanden – wie sehr ich mir manchmal doch wünschte, in einem ganz normalen Haus zu leben! Ich vertraute ihm an, dass ich die Narbe hasste, die sich zickzackförmig über meine Wade zog; aber ich vergab dem Hai, der einfach nur ein Hai war. Ich erzählte ihm von Daniel, der mich gerettet hatte. Daniel, den ich liebte.

Ich war vierzehn, als ich Dr. Marlowe das letzte Mal besuchte. Draußen tobte einer dieser Tropenstürme, die in der Gegend um Calusa im August schnell aufkommen. Der Regen peitschte gegen die Fenster der Praxis, und in der Ferne leuchteten Blitze am Himmel auf. Als ich beim plötzlichen Krachen eines Donners zusammenzuckte, fragte er, ob ich Angst vor Gewittern hätte.

»Nein, vor Gewittern nicht«, antwortete ich.

Er legte seinen Stift auf dem Schreibblock ab. »Vor was dann?«

»Es denken so schon alle, dass ich durchgeknallt bin. Ich will nicht, dass Sie mich auch für verrückt halten.«

»Das werde ich nicht, Maeve. Ich habe dich noch nie für verrückt gehalten.«

Die Sekunden verstrichen, während ich stumm blieb, voller Angst, es auszusprechen. Die Worte brannten ein Loch in meinen Hals, und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass es schlimmer wäre, sie zu unterdrücken als sie herauszulassen. »Na ja«, begann ich. »Ich … ich will alles über Haie wissen. Wenn ich erwachsen bin, will ich sie erforschen, um sie zu verstehen. Um zu wissen, wie sie wirklich sind. Ich lese die ganze Zeit Bücher über Jacques Cousteau und was man als Meeresbiologe macht. Das ist es, was ich tun will, aber ich habe Angst, dass meine Großmutter es mir nicht erlauben wird. Ich habe Angst, dass es Robin und mich entfremden könnte. Dass Daniel und meine Freunde denken werden … na ja, Sie wissen schon, dass ich irgendwie komisch im Kopf bin oder so.«

Ich hielt inne, da ich das Gefühl hatte, sonst losheulen zu müssen. Ich saß dort, lauschte dem Regen und wartete, dass Dr. Marlowe etwas sagte, doch er wartete ebenfalls.

»Ich bin nicht dumm«, sagte ich. »Ich weiß, was der Hai mir damals hätte antun können, aber er hat es nicht getan. Er hat mich gehen lassen. Er hätte mich in Stücke reißen können, aber er hat mich freigelassen. Dieses Jahr habe ich bei einem Theaterstück in der Schule mitgespielt, und unsere Klasse hat einen Ausflug ins Edison-Museum gemacht, und ich habe Anne Franks Tagebuch gelesen – alles Dinge, die mir gefallen haben –, aber es ist nie das gleiche Gefühl, das ich bei Haien habe.«

»Und was für ein Gefühl hast du bei Haien?«

Meine Sehnsucht, diese Frage zu beantworten, das Verlangen, die Worte laut auszusprechen, war so intensiv, dass ich von einer Flut von Emotionen überwältigt wurde und die Tränen nun doch hervorströmten.

»Ich weiß, dass es schräg ist«, sagte ich und wischte sie unwirsch von meinen Wangen. »Aber ich fühle mich glücklich. Wenn ich an Haie denke, fühle ich mich glücklich.«

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und lächelte. »Nun, Jacques Cousteau scheint mir ein glücklicher Kerl gewesen zu sein. Und ich wette, Eugenie Clark ist ebenfalls glücklich. Hast du schon mal von Eugenie Clark gehört, oben in Sarasota?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Man nennt sie die Shark Lady, wegen ihrer Arbeit mit den Haien. Sie hat sie erforscht und trainiert. Hat es sogar geschafft, sie dazu zu bringen, eine Glocke zu läuten. Ist das zu glauben? Und dann gibt es da noch Sylvia Earle – sie ist auch in Florida aufgewachsen. Hast du je von ihr gehört?«

»Nein.«

»Ganz zufällig ist sie der einzige Mensch, der je allein auf dem Meeresgrund entlanggegangen ist. In beinahe vierhundert Meter Tiefe. Deswegen ist sie auch als Ihre Tiefheit bekannt. Du solltest dich mal nach ihnen erkundigen.«

»Das werde ich«, sagte ich, und etwas schien sich in meiner Brust zu öffnen. Eine Muschelschale.

»Ich weiß nicht viel über Meereskundler, aber eines weiß ich sicher: Was auch immer dir das Gefühl gibt, lebendig zu sein, solltest du nicht unterdrücken. Wenn es dich glücklich macht, solltest du es weiterverfolgen.«

Drei

Nicholas und ich tauchten gleichzeitig auf. Die Sonne stand tiefer, als ich gedacht hatte, und der Wind hatte aufgefrischt. Unser sechs Meter langes Twin-Vee-Boot schaukelte auf den Wogen, und kleine Wellen schlugen gegen den Rumpf. Als wir durch das sich kräuselnde Wasser schwammen, hörte ich einen Song von Midnight Oil, der aus dem Bordradio ertönte. Wir kletterten ins Boot, streiften unsere Ausrüstung ab und teilten eine spontane, feierliche Umarmung – nasser Tauchanzug an nassem Tauchanzug.

Simon, der ortsansässige Kapitän, der unser Boot die letzten sechs Monate gesteuert hatte, lächelte unter seinem überdimensionierten Strohhut, dessen Kordeln eng unter seinem Kinn verschnürt waren. »Deine Zitronenhaie sind wohl aufgetaucht, was?«

»Sylvia, Captain und Jacques«, erwiderte ich stolz.

Er nickte, kurbelte den Motor an und schwenkte das Boot in Richtung unseres Forschungslabors. Nicholas und ich standen im Heck und versuchten, uns aus unseren Anzügen zu schälen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, während Simon Gas gab und das Dröhnen des Motors alles andere übertönte.

Ich schlang ein Strandtuch um meinen schwarzen Badeanzug, setzte mich auf eine Kühlbox und wrang das Wasser aus meinem Haar, dann schüttelte ich es um meine Schultern aus. Als ich die Weite des Ozeans hinter uns betrachtete, überkam mich ein kleiner Anflug von Wehmut. Ich hasste es, wenn Dinge zu Ende gingen.

Ich blickte auf. Nicholas beobachtete mich.

»Alles Gute zum Geburtstag«, formte er mit dem Mund.

»Danke«, gab ich ebenso stumm zurück. Ich erwartete, dass er den Blick abwenden würde, aber das tat er nicht. Erst als Simon ihn bat, das Steuer zu übernehmen, wandte er seine Aufmerksamkeit ab.

Die Trauer über Daniels Verlust war allgegenwärtig. Die Erinnerungen an ihn zogen sich für längere Zeit zurück, nur um irgendwann heimtückisch und mit voller Wucht wiederzukehren wie von einer netten, erquicklichen Ruhepause. Er hatte mir am Weihnachtsabend des Jahres 1998 auf dem Steg hinter dem Haus seiner Kindheit in Calusa einen Heiratsantrag gemacht. »Let It Snow« ertönte von der Veranda eines Nachbarn, ein völlig unpassendes Lied bei den zwanzig Grad, die draußen herrschten. Ich sagte Ja. Natürlich sagte ich Ja. Zurück in Miami, wo ich Doktorandin an der Uni war und Daniel die Kochschule besuchte, mieteten wir ein kleines Haus, das in einem fürchterlichen Türkiston gestrichen war, und begannen mit unserer Planung einer Strandhochzeit. Sie sollte am 5. Juni 1999 in Perris Hotel stattfinden.

Unser gemeinsames Leben schien perfekt und unangreifbar. Doch schon wenige Wochen nach der Verlobung begannen sich die ersten Risse zu zeigen. Als ich eines Tages im Januar von einem Seminar heimkam, fand ich Daniel in der Küche vor, wo er mürrisch und fahrig das grüne Fleisch aus einem halben Dutzend Avocados schabte.

»Was ist los?«, wollte ich wissen.

Er winkte ab. Es ist nichts. Aber das war es wohl kaum – er hatte das Angebot zu einem achtwöchigen Lehrgang in Italien im Frühjahr ausgeschlagen. Er erklärte, dass er nicht so lange wegbleiben wollte, zumal er erst unmittelbar vor der Hochzeit zurückkehren würde.

»Aber das ist Italien«, erwiderte ich. »Du solltest das unbedingt machen. Ich komme schon allein mit den Hochzeitsvorbereitungen klar. Perri wird mir helfen.«

»Nein, im Ernst, die Sache ist gegessen. Schon okay.« Er lächelte mich an, aber ich konnte förmlich spüren, wie die Enttäuschung von ihm abstrahlte und mich mitten ins Gesicht traf.

Wir vermieden beide das Wort Italien – erst einige Wochen später, als ich, dank einer zutiefst ironischen Wendung des Schicksals, als eine von zwei Doktoranden für ein zehnwöchiges akademisches Programm im renommierten Shark-Behavior-and-Conservation-Reservat auf Fidschi angenommen wurde. Das Programm ging vom 18. Mai bis zum 27. Juli und würde mir meine Dissertation sichern. Geblendet von Euphorie kam ich an jenem Abend nach Hause und war überzeugt, dass er es verstehen würde.

Er saß auf dem abgewetzten Ledersofa, das wir bei einem Garagenflohmarkt gekauft hatten, und seine Hände hingen schlaff zwischen seinen Knien, während ich mir die größte Mühe gab, das Ganze zu erklären und zu rechtfertigen. Irgendwann kniete ich mich vor ihn hin. »Wir werden die Hochzeit auf August verschieben müssen. Nur zwei Monate, Daniel. Das ist doch nicht so schlimm.«

Er blickte mich beinahe ausdruckslos an, dann stand er auf, ging in die Mitte des Zimmers und ließ mich dort auf dem Boden kauern.

»Ich habe Italien abgesagt«, sagte er. Seine Worte trieften vor Schmerz und Ungläubigkeit.

Ich ging zu ihm und wollte meine Arme um seine Taille legen, aber er wich mir aus.

»Mir hätte eine Gelegenheit wie Italien auch gefallen, aber ich habe sie ausgeschlagen, wegen …«

»Wegen was, Daniel? Willst du damit sagen, du hast Italien wegen mir abgesagt?«

»Nicht wegen dir. Wegen uns.«

»Ich habe dir doch gesagt, du sollst gehen«, erwiderte ich.

Sein Gesicht loderte vor Zorn. »Herrgott noch mal, Maeve, du willst unsere Hochzeit verschieben, damit du für zehn Wochen nach Fidschi fliegen kannst! Ich habe unsere Beziehung an erster Stelle gesetzt. Unsere Hochzeit. Wäre es denn so schwer für dich, dasselbe zu tun?«

»Du tust gerade so, als würde ich Urlaub machen wollen. Dabei geht es um meine Dissertation. Das ist eine einmalige Gelegenheit in meinem Leben.«

»Na klar.«

Er stürmte zur Haustür.

»Ich möchte dich in deinem Leben von nichts abhalten, Daniel«, rief ich ihm hinterher. »Bitte tu es dann auch nicht bei mir.«

Letzten Endes lenkte Daniel ein, und wir verschoben die Hochzeit auf August, doch nach diesem Abend schien sich eine seltsame Kluft zwischen uns aufgetan zu haben, eine vage Distanz, die immer dann aufkam, wenn all die Geschäftigkeit und die Pflichten des Alltags von uns abfielen und da nur noch wir beide waren. In der Woche, bevor ich nach Fidschi flog, blieb er länger in der Schule. Ich sagte mir, dass er sich nur vor dem Schmerz meiner Abreise schützen wollte. Ich weiß, wie gekränkt er gewesen sein musste. Dass er glaubte, er wäre mir nicht so wichtig wie die Haie in Fidschi oder meine Doktorarbeit. Vielleicht hatte er auch das Gefühl, ich würde ihn verlassen, so wie sein Vater es getan hatte. Aber meine Abreise konnte niemals entschuldigen, was er während meiner Abwesenheit tat.

Ich kehrte Ende Juli von dieser für mich zentralen Studienreise zurück – zehn Tage, bevor Daniel und ich heiraten sollten. Am Flughafen schloss er mich in seine Arme und hielt mich so lange fest, dass ich schließlich lachen musste und sagte: »Du hast mich wohl sehr vermisst, was?« Er ließ mich mit einem matten Lächeln los. Auf der Fahrt nach Hause blieb er merkwürdig still.

Er setzte Kaffee auf, während ich in der Küche herumging und all die Dinge bemerkte, die er auf den Arbeitsflächen umgestellt hatte. Ich war noch ganz benommen von dem Jetlag, von der Freude, ihn wiederzusehen. Wir nahmen unsere Tassen mit hinaus auf die kleine Glasveranda, wo ich mich auf seinen Schoß fallen ließ.

»Gott, ich habe dich so vermisst«, sagte ich.

Er tippte mir auf den Schenkel, um mir zu bedeuten aufzustehen. Ich gehorchte und verfolgte, wie er seinen Kaffee abstellte, sich ein paar Schritte entfernte und sich in den Türbogen stellte, sein Gesicht immer noch ruhig und ernst. Ich spürte, wie mir flau im Magen wurde.

»Als du weg warst …«, begann er. »Als du weg warst, habe ich einen Fehler gemacht.«

Mir kamen geplatzte Mietschecks in den Sinn. Eine vergessene Anzahlung für den Floristen. Vielleicht wollte er doch noch nach Italien gehen, und wir müssten die Hochzeit auf Dezember verlegen.

»Was für einen Fehler?«, fragte ich. Er wandte den Blick ab Richtung Fenster, zu den dichten, grauen Wolken am Himmel. »Daniel, was ist los?«

»Es tut mir leid«, erwiderte er. »Es fällt mir nicht leicht, dir das zu sagen.« Seine Augen glänzten feucht und füllten sich mit Tränen. »Ich werde Vater.«

Ich stand reglos und verwirrt da.

»Sie ist auch an der Kochschule«, fuhr er fort. »Es war nicht geplant. Nichts davon. Ich habe es erst vor zwei Tagen erfahren.«

Daniel. Vater. Mit einer anderen Frau.

Für einen langen, entsetzlichen Moment spürte ich gar nichts, dann überfiel mich ein erdrückendes Gefühl, als würde ich keine Luft mehr bekommen. Er trat auf mich zu, aber ich hob die Hand. Nein.

»Es tut mir leid, Maeve. Gott, es tut mir so schrecklich leid.«

Wie betäubt ließ ich mich auf einen Stuhl fallen. Daniel redete auf mich ein, flehte mich an, ihm zu vergeben, aber ich konnte kaum hören, was er sagte.

Ich spürte keinen Zorn – der kam später –, nur einen tiefen, quälenden Schmerz und das Gefühl, als würde der Boden unter mir wegbrechen. Ich versuchte, mich zu fassen, indem ich ruhige, rationale Fragen stellte.

»Bist du dir sicher wegen des Babys?«, fragte ich. »Ich meine, ist es deins?«

Er nickte. »Es ist meins.«

»Wie heißt sie?«

»Das spielt keine Rolle«, erwiderte er.

»Für mich schon.«

»Holly.«

Holly.

»Wie viele Male?«, fragte ich.

»Maeve …«

»Wie viele Male?«, wiederholte ich. »Warst du die ganze Zeit mit ihr zusammen, während ich fort war?«

»Nein«, entgegnete er und kam wieder auf mich zu.

Ich griff nach seiner Tasse und schleuderte sie gegen die Wand. Der Geruch von Kaffee stieg auf und hüllte uns ein. »Nur lange genug, um sie zu schwängern«, sagte ich. »Gut gemacht.«

Ich ging zur Haustür, wo noch meine gepackten Taschen standen. Ich nahm meinen Autoschlüssel aus der hölzernen Schale auf dem Beistelltisch und ließ meinen Verlobungsring hineinfallen.

Betrogen werden ist so schrecklich banal – bis es einem selbst passiert und man das Gefühl hat, man sei der erste Mensch, der so verraten wird.

In derselben Woche, in der er mir die Nachricht überbrachte, schickte ich eine Karte an jeden geladenen Gast, um sie voller Bedauern darüber in Kenntnis zu setzen, dass es keine Hochzeit geben würde. Ich holte mir die Kaution von der kleinen Band ab, die wir für den Empfang gebucht hatten, ein afro-karibisches Calypsotrio. Ich gab die Hotelzimmer frei, die Perri für unsere anreisenden Gäste reserviert hatte, informierte den Pfarrer und bestellte den Hochzeitstisch mit unseren Geschenken ab. Dann tauchte ich ab, und das in mehr als einer Hinsicht.

Daniel flüchtete nach Norditalien, und trotz der Tatsache, dass er am Leben und wohlauf war, Techniken des Pflaumen- und Spargelgrillens übte, Parmesanpolenta kostete und Fleisch pökelte, durchlebte ich seinen Verlust wie einen tatsächlichen Todesfall. An einem Tag existierte er noch. Am nächsten Tag nicht mehr.

Zusammen mit Daniel gab ich alles auf, was wir gemeinsam geplant hatten. Wir würden nicht unter dem Palmendach einer Chiki-Hütte am Hotelstrand heiraten. Wir würden kein Kind haben, das seinen flachen Nasenrücken erben würde. Wir würden keinen kleinen Welpen stubenrein erziehen oder über meine Arbeit mit Haien oder seine Arbeit mit Risotto reden.

Ich stürzte mich kopfüber in die Fertigstellung meiner Dissertation, fand einen Job bei der Gulf Marine Conservancy, der mich endlich zu den Haien ins Wasser brachte, und die Haie retteten mir das Leben. Tagsüber war ich zu beschäftigt, um zu trauern – es waren die Nächte, die mich quälten. Ich stellte mir eine Zeit in der Zukunft vor, in der Daniel eine Wiege zusammenbauen oder sich ein Ultraschallbild anschauen würde. Er würde Schwangerschaft und Geburt: Alles, was Sie wissen müssen lesen und Sachen sagen wie: »Spürst du es schon strampeln? Das passiert doch um den fünften Monat herum, oder?« Die schlimmste Tortur jedoch war nicht, dass Daniel ein Kind mit einer anderen Frau haben würde, sondern die Erkenntnis, dass ich dem Menschen, den ich seit frühester Kindheit gekannt und geliebt hatte, nicht trauen konnte.

Auch wenn es gut und nobel klang, als Keats es sagte, aber vielleicht war es möglich, für die Liebe zu sterben; womöglich wäre sie wirklich mein Tod.

Es dauerte über zwei Jahre, aber ich war fest entschlossen, ein Leben zu retten – mein Leben. Deshalb machte ich weiter, so gut ich konnte. Es gibt Stellen im Meer, die tiefer sind, als der Mount Everest hoch ist; Stellen, bis zu denen das Licht nicht dringt. Dort bettete ich Daniel zur Ruhe.

Nachdem Simon das Boot vertäut und Nicholas und ich die Tauchmontur, die Kühlboxen und die Kameras in den Ausrüstungsschuppen auf der Station gebracht hatten, standen wir Seite an Seite am großen Außenwaschbecken und spülten unsere Masken mit frischem Wasser aus. Vermutlich für den nächsten Trupp Taucher, die beim Anblick des einen oder anderen prachtvollen Geschöpfs – einer Languste oder eines Seepferdchens, das den Schwanz um einen Federgrashalm ringelte – zweifelsohne genauso verzückt grinsen würden wie wir.

Wir hängten die Tauchanzüge zum Trocknen auf, dann zog ich mir eine Shorts über den Badeanzug und schlüpfte in die Flipflops. Nicholas ging barfuß, wie immer – ich war mir nicht sicher, ob ich ihn je mit Schuhen gesehen hatte. Er hob einen großen weißen Eimer auf, in dem ein schlammiges Netz steckte, das er und Simon im seichten Gewässer um die Mangroven ausgeworfen hatten. In der Wasserentsalzungshütte sprang mit einem leisen Brummen die Pumpe an, während er das Netz auf dem Boden ausbreitete, wobei die kleinen Bleigewichte auf dem Beton klirrten. »Wir dürfen keine Spuren hinterlassen. Und erst recht kein dreckiges Wurfnetz«, bemerkte er, drehte den Wasserschlauch auf und spritzte es ab.

Ich stand neben ihm und sah zu, wie der Schlamm weggespült wurde. Als das Netz sauber war, stieß Nicholas mich mit der Hüfte an.

»Du sahst etwas deprimiert aus draußen auf dem Boot«, sagte er. »Komm schon, freu dich ein bisschen! Es ist immerhin dein Geburtstag.«

»Mir geht’s gut. Ich werde Sylvia vermissen. Eigentlich die ganze Bande. Das ist alles.«

»Dann geht es also nach Afrika?«, fragte er. Seine Nase war von der Sonne gerötet, und in seinem kurzen dunklen Haar glitzerten Sandkörner und die ersten Spuren von Silber. Die Haut über seinem rechten Knie war immer noch gerötet von einer Begegnung mit einer Qualle vor einigen Tagen.

»Ja, Mosambik via Calusa«, erwiderte ich. »Aber erst muss ich noch einmal zum Institut und versuchen, aus all den Daten, die ich hier gesammelt habe, etwas Publizierbares zusammenzustellen. Was ist mit dir?«, fragte ich. »Ich wette, du wirst froh sein, deine Rochen-Kumpel wiederzusehen.«

Nicholas lachte. »Ja. Ich habe fest vor, ihnen ein paar neue Tricks beizubringen: Sitzen, Stillhalten, Herumrollen.«

Ein Regenbogen leuchtete auf, wo die Sonnenstrahlen auf den Sprühnebel trafen, und verflüchtigte sich abrupt, als Nicholas das Wasser abdrehte und sich hinkniete, um das Netz aus der Nähe zu betrachten. »Schau dir das an. Eine junge Steinkrabbe. Sie lebt noch.«

Ich bückte mich neben ihm. »Wo?«

»Da«, sagte Nicholas und zeigte mit dem Finger auf die Stelle.

»Oh mein Gott, die ist ja …«

»… unfassbar klein.« Sie war nicht größer als ein Pflaumenkern, ihre winzigen Scheren in den Nylonfäden verhakt.

»Und lila«, fügte ich hinzu.

Er zog sich ein graues T-Shirt über. »Lass sie uns zum Strand bringen und freilassen.«

Er raffte behutsam das Netz zusammen und legte es wieder in den Eimer zurück. Wir schulterten unsere Taschen, wie wir es die letzten sechs Monate jede Woche getan hatten, und gingen den Pfad entlang Richtung Strand, an unseren Unterkünften und dem Labor vorbei. Nicholas trug den Eimer mit der winzigen Steinkrabbe darin. Die Solarlampen links und rechts des Weges waren bereits angegangen und leuchteten gelb um unsere Knöchel herum, während Winkerkrabben und winzige Geckos vor uns davonhuschten.

Draußen über dem Meer war der Himmel zu einem verwaschenen Blau verblasst. Die Sonne schwebte knapp über dem Horizont, prall und rund und bereit, ihre Farben zu vergießen. Nicholas holte das Netz aus dem Eimer und breitete es auf dem Sand aus. Wir kauerten uns auf Händen und Knien darüber und suchten nach der winzig kleinen Krabbe, wobei unsere Finger behutsam über die Maschen strichen, als hätten wir eine angeschwemmte Harfe entdeckt.

Nach ein paar Minuten erblickte ich ihren purpurfarbenen Panzer mit den weißen Sprenkeln. »Da bist du ja.«

Nicholas befreite sie sanft und hielt sie zwischen Zeigefinger und Daumen hoch.

»Unsere kleine Prinzessin«, sagte er, und ich musste lächeln. Seine Augen waren eine lustige Mischung aus Hellbraun und Tiefgrün. Seitlich am Hals, unter seinem Kiefer, prangte ein Streifen Schlamm, den ich vorhin am Waschbecken nicht bemerkt hatte. Sein Haar war vom Wind zerzaust.

Die gesamten sechs Monate lang hatten wir unser Verhältnis professionell gehalten. Freundschaftlich, vielleicht ein bisschen flirtend, aber absolut professionell. Nicholas war mein Tauchpartner, und es gab klare Verhaltensregeln zwischen den Wissenschaftlern auf der Station, daher hatte ich es mir nicht gestattet, mehr in Betracht zu ziehen. Er lebte von seiner Frau getrennt und würde bald geschieden sein. Keine Kinder. Das alles hatte er mir eines Tages erzählt, nicht lange, nachdem wir angefangen hatten, miteinander zu arbeiten. Beiläufig hatte er es erwähnt, während wir gerade Köder klein schnitten. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie das Gespräch diese persönliche Wendung nahm, nur, dass er das Thema von sich aus angesprochen hatte. Ich hatte das Gefühl, dass er wollte, dass ich es weiß. Es hatte nur einen Augenblick kurz nach meiner Ankunft gegeben – am Silvesterabend, in einem Nebel aus Champagner –, als wir die Regel beinahe gebrochen hätten.

»Du solltest die Kleine gehen lassen, bevor sie ausflippt und eine Schere abwirft«, bemerkte ich.

»Das ist mir mal auf Curaçao passiert«, erwiderte er. »Ich habe am Strand einen Einsiedlerkrebs aufgehoben, und er hat sich in meiner Hand die Schere selbst amputiert. Echt krass.« Er trat ins Wasser, dann drehte er sich noch einmal um. »Oder möchtest du?«

»Nein, die Ehre gebührt dir.«

Als er die Krabbe ins Wasser entließ, kam mir plötzlich Daniel in den Sinn. Sofort ärgerte ich mich, dass ich zugelassen hatte, dass er den Moment störte. Diesen Moment. Eine ganze Weile nach unserer Trennung war Robin so wütend auf ihn gewesen, dass ich fürchtete, er würde den nächsten Flieger nach Italien nehmen und Daniel windelweich prügeln. Irgendwann hatten sie ihre Freundschaft wieder geflickt, aber Daniel und ich hatten seit dem Tag, als ich die Verlobung auflöste, nicht mehr miteinander gesprochen. Hier und da ließen Robin und Perri eine paar Neuigkeiten durchsickern. Die Mutter seines Kindes lebte irgendwo in Florida. Daniel besuchte sie zwar regelmäßig, aber sie waren der Meinung, dass Daniel nie eine ernsthafte Liebesbeziehung mit ihr beabsichtigt hatte. Er war Chefkoch eines Restaurants in Miami, dessen Namen ich am liebsten nie erfahren hätte. Bevor ich nach Bimini abgereist war, hatte ich Robin und Perri gebeten, mit diesen Updates aufzuhören. Daniel aus meinem Kopf fernzuhalten, war eine andere Sache.

Nachdem er eine Weile die Stelle beobachtet hatte, an der die Krabbe verschwunden war, kam Nicholas aus dem Wasser und geradewegs auf mich zu. Ohne etwas zu sagen, musterte er mich so forschend, wie ich die Krabbe betrachtet hatte.

Ich wandte den Blick zu den pfirsichfarbenen Schlieren, die die Sonne am Himmel hinterlassen hatte. »Wir haben den Sonnenuntergang verpasst.«

»Setzen wir uns«, sagte Nicholas, und wir ließen uns im Sand nieder, wo die Brandung knapp vor unseren Füßen haltmachte und kleine weiße Schiffchen aus zartem Meerschaum ablegte.

»Erinnerst du dich noch, wie wir uns kennengelernt haben?«, fragte er.

»Natürlich. Das war im Flur in den Unterkünften, am Tag meiner Ankunft. Du hast gesagt: ›Du bist also die Haiflüsterin‹, und dann hast du meine Narbe in Augenschein genommen. Als eine Art Skala, um die Kraft des Haibisses abzuschätzen, nehme ich an.«