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Es kann in der Idylle eines apulischen Dorfes oder beim Trekking in Südamerika passieren: Oft genug gibt ein Aufenthalt fern von zu Hause unserem Alltag eine neue Wendung, und manchmal mündet das, was als Kurzreise geplant war, in ein neues Leben. Die Reisejournalistin Katja Büllmann stellt die unterschiedlichsten Lebensläufe vor – Frauen, die sich selbst auf faszinierenden Reisen ganz neu kennenlernten und darin die Kraft fanden für den Aufbruch: aus Begeisterung für eine andere Region der Erde, für einen neuen Beruf oder eine große Liebe.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
»Schön warm hier« war das erste, was mir auffiel. Süditalien im Spätherbst, eine Kurzreise quer durch die saftig grünen Olivenhaine Apuliens, das Land der Trulli und Masserien und unberührten Adriaküste. Ein Schlüssellochblick auf eine Region Europas, die noch weitgehend unbekannt ist, weil die meisten Italienreisenden in der Toskana hängen bleiben oder gleich auf die andere Stiefelseite abbiegen, Richtung Neapel, Capri, Amalfi, und so nie erfahren, wie schön und ursprünglich und irritierend elektrisierend die Gegend zwischen Bari und Gallipoli ist.
Ich fing spontan Feuer, einen Monat später war ich wieder dort, für eine dreitägige Entdeckungstour im hellblauen Cinquecento. Mein pugliesischer Freund Vittorio hatte sich spontan bereit erklärt, mir ein bisschen sein Land zu zeigen, gemeinsam gingen wir auf große Fahrt vom Castel del Monte im Norden bis hinein in die Ebenen des Salento, die auch im tiefsten Winter noch grün sind; an ein und dem-selben Tag mal winterlich kalt, frostig und raureifbedeckt auf den Hügeln des Itria-Tals, dann frühlingshaft mild, wie im Hafen von Trani, wo Anfang Januar alles verrammelt ist und wir nur mit ein bisschen Glück und viel Geduld bei Pedro ein Glas selbstgekelterten Muscadet bekamen. Die Kamera im Anschlag für unzählige Postkartenmotive unterwegs, spazierten wir durch die verwinkelten Altstadtgassen von Otranto, das heute noch mit jedem Tuffstein an die Zeiten der Kreuzzüge erinnert. Aßen in Gallipoli an der Hafenpromenade zu Mittag, von wo aus man das Adriatische förmlich ins Ionische Meer fließen sehen kann. Ein Aperitif in Lecce, danach bis in den Morgen tanzen.
Natürlich und herzlich erlebte ich die Menschen um mich herum, offen und echt und dabei nicht oberflächlich, gelebte Leichtigkeit des Südens. So fing alles an. Ein Jahr später, ein intensives, sinnliches, emotionsgeladenes Jahr. Ein Jahr, für das ich einen Monat nach dieser Entdeckungsreise ein komplettes Leben in München stehenließ, weil es sich einfach richtiger anfühlte, in Apulien zu sein. Ein Jahr zum Atemholen und Schreiben, kein Ort wäre passender, in dem ich nicht viel vermisste, viel zu beschäftigt war ich mit der faszinierend neuen Umgebung, den neuen Lebensumständen und der neuen Sprache, weil man mit Englisch und Französisch schnell an seine Grenzen stößt im wilden Süden, sobald es übers Kaffeebestellen hinausgeht. In dem ich Menschen aus aller Welt kennenlernte, die nach Apulien kamen, um Kraft und Energie zu tanken. Viele von ihnen kommen jeden Sommer, andere sind hier geblieben, wie Maria, die in ihrem alten Leben rastlos um die Welt jettete und heute in den Bergen von Cisternino Handtaschen designt. Tiziana aus Mailand, die mir auf der Gartenbank ihres Ferien-Trullo mit Engelsgeduld Italienischstunden gab. Marina, Reporterin beim italienischen Reise-magazin Dove, die mir für dieses Buch eine unvergessliche Hong Kong-Erinnerung schenkte. Oder Donatella, der ich bei einem Sommerfest am Strand über den Weg lief. Mit einem faszinierenden Mini-Ausschnitt aus ihrem bewegten Leben schließt diese Porträtsammlung.
Schön warm hier. Temperaturen um die 45 Grad im Hochsommer machen es leichter anzudocken. Doch für emotionale Wärme, für Freundlichkeit, Offenheit und Großzügigkeit und für die Bereitschaft, freimütig zu geben, und sei es nur, eine Geschichte zu erzählen und damit einen Teil des eigenen Lebens zu teilen – dafür muss man nicht nach Apulien reisen.
Heike schrieb mir die Geschichte ihres Schweige-Retreats, nachdem man mir – auch das ist Italien – drei Meter von der Basilika Santa Croce entfernt meinen Computer gestohlen hatte und ich noch mal fast von vorne anfangen musste. Christine, fast aus den Augen verloren und sofort zur Stelle, als ich bei ihr anfragte – mit einer Liebesgeschichte, die man umwerfender nicht erfinden könnte. Jenny aus Peking nahm allen Mut zusammen und probierte sich erstmals in Schrift-Deutsch, um die Story ihrer erst Fern-, jetzt Nahbeziehung zu dem Münchner Uli aufzuschreiben.
Die Wärme, die du suchst, kann kein Ort dir geben, die muss aus dir selbst kommen, sagt Kristina, deren persönliche Wärmesuche auf Sizilien endete. Mit einer Reise kann alles anfangen – und das Ankommen im Leben kann überall stattfinden. In jeder Minute, auch wenn man am wenigsten damit rechnet. Ein Lächeln in der U-Bahn, ein freundliches Vorlassen im Supermarkt, kleine, liebevolle Gesten, die den Umgang miteinander herzlicher, lebenswerter machen – vielleicht sind Italiener darin von Natur aus besser, unbekümmerter, authentischer. Nicht immer nur erwarten, einfach mal geben, umso leichter tut man sich, Hilfe anzunehmen, wenn es kniffliger wird im Leben, das ist nur eine der Lehren, die ich aus diesem Jahr zog.
Schön warm hier. Im gleichnamigen Blog, der mit der Apulien-Reise beginnt (http://katjabuellmann.wordpress.com), können Sie nachlesen, wie es weitergeht – und wohin. Denn Rastlosigkeit heilt nicht im Rasten und Zur-Ruhe-Kommen, das wäre wohl auch zu einfach. Unterwegs sein und dabei bei sich selbst bleiben – möglicherweise ist das der Schlüssel. Leben ist das Geheimnis, sich vornüber hineinwerfen in das große Abenteuer, mutig voranschreiten und seinem Herzen folgen – das ist das Glücksrezept. Ich wünsche mir, dass Ihnen die folgenden Begegnungen, Erlebnisse und kleinen Geständnisse, notiert zwischen Amsterdam und Bangkok, ein Stück Inspiration für Ihre Lebensreisen liefern. Viel Spaß beim Reisen und Ankommen im Leben.
Ihre Katja Büllmann
im September 2009
»Wenn ich esse, gibt es nichts
außer dem Geschmack roten Currys
auf meiner Zunge.«
Anette, die Frau mit den vielen Identitäten, lernt bei einem Thailandurlaub, bei dem so ziemlich alles schiefgeht, loszulassen. Die Zeit des Müßiggangs wird für sie ebenso zum Glückssymbol wie ein kleines Fläschchen Öl – und ein ganz besonderes Geschenk, das sie von dort mitbrachte.
Anette hat 101 Persönlichkeitsprofile, auf Facebook, Xing, Flickr und ihrem eigenen Baby, einem Onlinemagazin von Frauen für Frauen. Sie wechselt ihre Moodmitteilungen wie Unterwäsche, pflegt Onlinefotoalben wie andere ein neues Auto, und wenn man sie als Junkie bezeichnet, beobachtungssüchtig, mitteilungswütig, vor allen Dingen jedoch arbeitsversessen und niemals müde, lächelt sie nur.
Anette lebt in Geschichten und für Geschichten – von Kindheit an. Da dachte sie sich bereits ganze Drehbücher für ihr kleines Streichholzschachtel-Püppchen aus, eine Art Alter Ego, das sie ständig in der Tasche mit sich herumtrug. Sitzt man heute mit ihr an einer Bar, trinkt ein Glas Chardonnay und sieht nebenbei den Leuten zu, wie sie ihrem ganz normalen Leben nachgehen, kommt es gern mal zu Dialogen wie folgendem:
»Ich glaube, der Mann dort, der in der grauen Jacke, betrügt seine Frau.«
»Ja, er ist auf dem Weg zu seiner Geliebten, die eine Straße weiter in einer Dachgeschosswohnung lebt.«
»In der Jackentasche hat er eine kleine Schachtel – bestimmt vom Juwelier!«
»Der Arme. Schau, wie er grinst. Er freut sich auf ein paar schöne Stunden, auf entspannten Sex, und weiß noch nicht, was passieren wird.«
»Na ja, er kann ja nicht ahnen, dass seine Ehefrau und seine Geliebte sich zufällig in der Sauna kennengelernt haben und Freundinnen geworden sind …«
Blühende Phantasie. Im Web lebt Anette sie nach Herzenslust aus, begeistert eine ständig wachsende Fangemeinde mit ihren lebensnahen, selbstironischen, authentischen Erzählungen. Was an Emotionen übrig bleibt, verwertet sie in ihren Büchern: Protagonist »Paul«, ihre Erfindung, ist längst eine Kultfigur auf dem Markt der Frauen- und Beziehungsliteratur. Neuerdings haben Anettes Stories noch eine weitere Hauptdarstellerin: Töchterchen Linda ist jetzt auf allen Kanälen Thema Nummer eins.
Wenn sie nun noch reisen könnte – »am liebsten ganz weit weg, nach Asien oder Australien oder die USA« –, würde der passionierten Geschichtenerzählerin nichts mehr fehlen zum Glück. Dank Linda ist bereits ein Wochenende auf der Skihütte ein großes Abenteuer. Was sie auf ihrer letzten großen Reise nach Thailand, im Oktober 2007, erlebte und was sie von dort mitbrachte, erzählt sie hier.
Ich bin in Bangkok, und ich bin unzufrieden. Unsere Reise sollte eigentlich nach Myanmar gehen. Seit Monaten habe ich mich darauf gefreut, Bücher über Birma gelesen, Freunde befragt, die schon dort waren, DVDs ausgeliehen. Wir hatten den Trip so sorgfältig geplant, in wochenlanger Arbeit. Sightseeing in Rangun – ich mag den alten Namen der birmanischen Hauptstadt, er erinnert mich immer an Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt –, eine Dschungeltour auf Elefanten im Norden, Bootsfahrt über den Lake Inle bis hin zum Strandurlaub im Süden. In dieser Gegend zu reisen ist nicht so einfach wie in Thailand, wo man in einen der klimatisierten »V.I.P.«-Busse steigt und so lange thailändische Comedyserien guckt, bis einen das Spaßmobil am Ziel wieder ausspuckt.
Alles umsonst. Die birmanischen Mönche lehnen sich gegen die Militärdiktatur auf. Von Urlaubsreisen in die Region wird daher dringend abgeraten. Deswegen sind wir nun hier, in Bangkok. Eine spontane Alternative, es gab günstige Flüge, wir haben zugeschlagen.
Drei lange Wochen liegen vor uns, und Hals über Kopf, wie wir uns umentschieden haben, gibt es nun überhaupt keinen Plan.
Das stört mich, ich reise gerne vorbereitet. Schließlich möchte ich in der knappen Zeit, die ich außerhalb des Büros verbringe, möglichst viel erleben und nicht am Ende das Interessanteste verpassen. Überraschungen konnte ich noch nie leiden, und Fahrten ins Blaue mag ich nicht mal, wenn es nur das Blau des Tegernsees ist. Das Schlimmste: Ich kann niemanden dafür verantwortlich machen. Da müssen wir jetzt durch.
Suvarnabhumi Airport. Die größte Drehscheibe Asiens, ein Megaflughafen. Meine Laune ist mäßig; meinem Mann zuliebe reiße ich mich zusammen, lenke mich mit den exotischen Destinationen auf der Anzeigentafel ab. Singapore, Kuala Lumpur, Sydney, Phnom Penh, Denpasar, Chiang Mai – die fremdländischen Namen verursachen irgendwie ein Kribbeln im Bauch …
Vielleicht ist es doch nicht so schlecht, nichts vorgebucht zu haben. Allemal eine Abwechslung zum Gewohnten. Auf einmal fühle ich mich frei.
Na ja, nicht ganz so frei. Mist. Als ich meinen Rucksack vom Gepäckband ziehe und mit Schwung schultere, spüre ich es. Meine Tage, ausgerechnet jetzt, das hat gerade noch gefehlt. Eine Woche zu früh! Ich fühle mich ungerecht behandelt. »Ach komm, dann hast du’s hinter dir, wenn wir in einer Woche irgendwo am Strand liegen«, tröstet mich mein Mann. Trotzdem ärgerlich. So war das nicht geplant. Dass ich mich auf die birmanischen Mönche nicht verlassen kann, ist eine Sache. Aber dass jetzt auch noch mein Zyklus spinnt, nervt mich.
Abends gehen wir in Chinatown essen und streiten ein bisschen. Ich bin mir ganz sicher, dass wir das Straßenlokal – eigentlich ist es nur ein fahrbarer Herd mit ein paar winzigen Plastikstühlen und -tischen, an denen die unzähligen pinkfarbenen Taxis mit Zentimeterabstand vorbeirasen – gefunden haben, in dem wir vor vier Jahren aßen, auf unserer Hochzeitsreise. »Kann sein, mein Schatz, es kann aber auch genauso gut ein anderer Essensstand gewesen sein. Ist doch eigentlich auch egal«, findet mein Mann. »Aber ich erkenne genau die Ecke wieder! Dort drüben, die rot blinkende Leuchtreklame, und hier der Shop mit den kopflosen, toten Hühnern und den Barbiepuppen …« So geht das hin und her, wir können beide nicht einlenken, vielleicht ein bisschen Jetlag, es kriselt, bis wir zu müde zum Zanken sind und auf den roten Plastikstühlen ganz einträchtig und friedlich undefinierbar Leckeres essen und chinesisches Tsingtao-Bier dazu trinken.
Ich weiß nicht, ob es der Alkohol ist, die Müdigkeit oder das nie endende Brummen und Summen dieser übervollen Stadt – aber ich fühle mich frei, schon zum zweiten Mal an diesem Tag. Und langsam gewöhne ich mich daran. Ich fühle mich so frei, wie man sich nur fühlen kann, wenn man alles, was man braucht, selbst tragen kann. Drei Wochen liegen vor uns, und ich denke keine Sekunde weiter nach vorne. Langsam werde ich wieder warm mit Thailand. Wird auch Zeit.
Am liebsten würde ich pausenlos reisen. Unterwegs bin ich so anders als zu Hause. Da bin ich, wie ich zu Hause gerne wäre, entspannt und gelassen und sorgenfrei. Was bringt es, sich Gedanken über Dinge zu machen, die in der Zukunft oder in der Vergangenheit liegen? Daheim bin ich eine Meisterin darin. Hier in Asien: Kein hysterischer Anfall, als wir gestern nach hundert Kilometern Busfahrt feststellten, nach Trat unterwegs zu sein statt nach Trang. Trat und Trang – was benachbart klingt, liegt weit auseinander, weiter geht’s fast nicht. Trang ist im Südwesten Thailands, südlich von Krabi, da wollten wir hin. Und Trat … »Wo liegt Trat?«, frage ich die freundliche Thailänderin, die uns aufklärte, wo wir eigentlich hinfuhren, nachdem mein Mann bemerkt hatte, dass irgendwas mit der Himmelsrichtung nicht stimmte. – »Nahe der Grenze zu Kambodscha.« – »Oh.« – »Warum hast du denn nicht aufgepasst? Wie kann man nur so verplant sein!« Mein Mann kennt mich nicht anders, wenn irgendwas schiefläuft. Er hätte sich auch nicht gewundert, wenn ich mit dem Lonely Planet nach ihm geworfen hätte; sein Gleichmut in kleinen und größeren Krisensituationen ist bewundernswert. Doch auf dieser Reise ist alles anders. »Ach was, macht doch nichts, dann fahren wir eben nach Trat. Kann man sich doch mal angucken, vielleicht ist es sehr schön da?«, höre ich mich sagen.
Trat ist toll. Eine kleine, unbedeutende Provinzstadt mit einem riesigen Nachtmarkt, auf dem man für ein paar Baht die leckersten Dinge essen kann. Und Trat hat noch eine Spezialität: Zauberöl, Yellow Oil, Namman Leuang. Es duftet nach Pfefferminz, Eukalyptus und anderen ätherischen Subs-tanzen und wird nach einem Geheimrezept einer längst verstorbenen Einheimischen hergestellt. Überall werden die kleinen Fläschchen mit pinkfarbenem Etikett verkauft. Wir schlagen in einem winzigen Laden in einer Seitengasse zu.
»Wofür ist das gut?« – »Alles Mögliche«, antwortet die alte, runzlige Frau hinter der Kasse und tropft jedem von uns ein bisschen was davon auf die Hand. »Reiben!«, bedeutet sie uns, die Wärme macht den Duft noch intensiver. Dann die Handflächen vors Gesicht halten und tief einatmen: »Spürt Ihr es?« Oh ja. Mir wird angenehm schwindelig, gleichzeitig fühlte ich mich so hellwach wie nach zwei doppelten Espressi, frisch und putzmunter. »Es hilft bei ganz verschiedenen Dingen«, erklärt die Alte und macht eine ausholende Bewegung mit ihrer Hand, »Sonnenbrand, Wundheilung, Kopfweh, Kater, Moskitostiche, Muskelzerrungen … und Babys!« Sie deutet auf meinen Bauch, kichert zahnlos. »Nein, nein, ich bin nicht schwanger«, beeile ich mich zu sagen. »Jetzt noch nicht«, sagt sie.
Im Tuk-Tuk lassen wir uns zum Pier bringen und nehmen die Fähre, um auf die Insel Koh Chang überzusetzen. Wir nähern uns von der Nordostseite her, auf halber Strecke beginnt es leicht zu regnen. Als die Fähre in Ban Dan Kao anlegt, will ich am liebsten wieder umkehren. Der »Ort« ist nicht mehr als ein paar Wellblechhütten und ein Mopedverleih. Dafür wird der Regen stärker. Wir stellen uns unter und verpassen die ersten paar Songthaews, die die Touristen an die Westküste bringen, dahin, wo die Resorts und Bungalowanlagen liegen. Das letzte Sammeltaxi erwischen wir gerade noch, für überteuerte hundert Baht pro Person dürfen wir mitfahren. Platz gibt es nur leider keinen mehr, wir werfen unsere Rucksäcke auf das Dach des Pick-up und fahren auf dem Trittbrett mit, im Stehen. »Ist ja nicht weit. Und irgendwie aufregend …«, spreche ich uns beiden Mut zu. »Halt dich gut fest«, meint mein Mann nur und sieht mich besorgt an. Ich habe keine Angst. Unterwegs bin ich stark. Los geht es, rein in die erste Kurve, diese Küstenstraße ist halsbrecherisch. »Festhalten!«, schreit mein Mann immer wieder, wenn es eng wird oder steil oder beides zusammen, ich höre ihn kaum gegen den Fahrtwind, Motorlärm und Regen ersticken den Rest. Aber innerlich strahle ich, mir passiert schon nichts. Ganz sicher nicht. Am White Sand Beach springen wir von unseren Trittbrettern, fangen die Rucksäcke auf und machen uns auf die Suche nach einer Bleibe. Gut zwei Stunden, vergebens. »Ich versteh das nicht, es ist Oktober, die Hauptsaison beginnt doch erst im November.« Langsam wird mir mulmig. »Keine Ahnung, was hier los ist«, meint mein Mann, gewohnt stoisch. Da muss mehr kommen, um ihn aus der Ruhe zu bringen. »Mach dir keine Sorgen, wir finden schon was.« – »Was soll’s, hast recht, zur Not schlafen wir halt am Strand …«
Argwöhnischer Seitenblick, fragend, herausfordernd. Das kannst du nicht ernst meinen. Doch er sagt nichts, lässt mich gewähren, er macht seine Sache gut. Ich kann mich selbst kaum fassen. Am Strand schlafen, das hielt ich bislang für einen romantischen Traum, der nur so lange Traum ist, wie genügend Kilometer zwischen dir und dem Strand liegen. Bei Kaufhof in der Kassenschlange kurz vor Weihnachten lässt es sich gut davon träumen, unter Sternen und auf Sand zu schlafen. Wenn es keine Alternative gibt, sieht die Sache anders aus. In der Regel.
Weiter Richtung Süden, auch hier: kein Glück. Am frühen Abend landen wir am Lonely Beach. Endstation, heute fährt kein Bus mehr zurück, Sammeltaxis gibt es auch keine mehr. Wir müssen hierbleiben. »Dieser Strand macht seinem Namen keine Ehre und ist leider gar nicht mehr einsam«, mit Reiseführer in der Hand gebe ich die Oberlehrerin. »Hier steht was von Techno am Strand und betrunkenen Engländern.« Die Brit-Pop-Party findet heute woanders statt, ruhig und friedlich ist es hier draußen, man könnte problemlos jetzt und hier und gleich sofort ein Lager aufschlagen. Ermattet lehne ich meinen Rucksack an eine Palme, packe den Reiseführer weg und atme tief durch. Alles, was ich höre, sind die Geräusche des Dschungels, der die hinter der Küstenstraße aufragenden steilen Hügel vollständig bedeckt, Regenwald. Brummend, glucksend, kichernd, zwitschernd, trommelnd, die ganze Gegend ist von diesem Klangteppich erfüllt. Leises Meeresrauschen legt sich darüber wie süße Sahne. »Anana! Anana! Aaaaaanaaaaanaaaaa!« Ganz so lonely ist er dann doch nicht, unser Strand, aber als der Obstverkäufer vorbei ist, herrscht wieder Ruhe. Ein letztes Mal Rucksackschultern für einen letzten Versuch. Wir haben tatsächlich Glück und finden kurz vor Sonnenuntergang eine kleine Bungalowanlage ab vom Schuss, mitten in einem idyllischen, tropischen Hain. Für 200 Baht pro Nacht mieten wir eine Hütte, schlicht, aber sauber, mit einem einzigen Möbelstück darin: einer Matratze mit einem riesigen Moskitonetz darüber.
Anspannung macht Erleichterung Platz, ich bin glücklich, dass wir es so gut getroffen haben, was absolut atypisch für mich ist. Ein Tag wie dieser hätte mich normalerweise an den Rand des Ausrastens getrieben. Hier läuft alles anders als geplant und hat so gar nichts mit dem zu tun, wie ich es mir hier vorstellte, von Luxuswünschen ganz zu schweigen. Andererseits: Herrlich, wie leicht es einem ums Herz wird, wenn es nichts Überflüssiges mehr gibt.
Als wir uns in der Nacht auf der brettharten Matratze lieben, schließe ich die Augen und stelle mir vor, ich wäre im Dschungel. Die dünnen Bambuswände der Hütte lösen sich auf, der Regenwald übernimmt die Regie. Ich ergebe mich wohlig.
Tag vier auf der Insel. Vorletzte Nacht hat es heftig geregnet, die einzige Straße nach Norden ist durch einen Erdrutsch unpassierbar geworden. Halb so wild, meint die Besitzerin unserer kleinen Bungalowanlage seelenruhig, in ein paar Tagen könne man die Straße bestimmt wieder befahren. Vielleicht auch erst in einer oder zwei Wochen. Ob wir es eilig hätten? Nein. Eigentlich nicht. Und das, obwohl ich vorgestern mein letztes Buch fertig gelesen und nun nichts mehr zu tun habe. Mein Mann zieht die Augenbraue hoch. Das kann nicht ihr Ernst sein. »Was ist mit dir los? Du ohne Buch, in einem Kaff, in dem es nicht mal einen Supermarkt gibt, so entspannt?« Hm. Seltsam. Stimmt. Aber solange sich das so gut anfühlt?
Ich kann’s. Im Hier und Jetzt leben. Zu Hause gelingt mir das nicht, obwohl ich mindestens fünf Bücher gelesen habe, die sich mit Buddhismus beschäftigen. Vielleicht liegt es an Asien, an der Wärme hier oder an der Tatsache, dass ich keinerlei Erwartungen an diese planlose Reise hatte. Plötzlich geht es, ich kann loslassen. Wenn ich esse, gibt es nichts außer dem Geschmack des roten Currys auf meiner Zunge. Wenn wir am Strand entlanggehen, spüre ich den Sand unter meinen Füßen, das Wasser, das sie umspült, die Sonne auf meiner Haut und die Hand meines Mannes um meine. Ich gehe am Strand entlang, um am Strand entlangzugehen. Ich bin nicht eifrig auf der Suche nach den besten Fotomotiven für später und denke auch nicht an die vielen anderen Meere, an deren Küsten ich schon entlangspazierte.
Ich glaube nicht, dass sie die Straße nach Norden je wieder freischaufeln. Es ist mir auch egal. Ich war noch nie so taten- und wunschlos glücklich wie hier. Ohne Buch und mittlerweile auch ohne iPod, denn der fiel einer zweiten Regennacht zum Opfer. »Fehlt nur noch ein Stromausfall«, meint mein Mann, als wir uns darüber unterhalten, was alles passiert ist. Die Verwechslung am Busterminal. Das merkwürdige Ausgebuchtsein von White Sand Beach. Der Erdrutsch. Das Ertrinken meines iPod. »Also, das wäre aber zu viel des Guten«, finde ich und drehe mich auf den Bauch. Ich schließe die Augen und spüre den Sand, auf dem ich liege. Jedes einzelne der unzähligen kleinen Körnchen kann ich auf meiner Haut fühlen. Wohlig falle ich in den Schlaf. Erwache mit leichtem Sonnenbrand. Das Zauberöl. Sollte das nicht …? Zurück im Bungalow, drücke ich meinem Mann das Fläschchen mit dem pinkfarbenen Etikett in die Hand, bitte ihn, mir die geröteten Hautstellen damit einzureiben. Wie gut das tut!
Bäuchlings liege ich auf der Matratze und genieße die sanfte Massage, inhaliere den Duft des gelben Öls, scharf und sanft zugleich, süß und herb. Ich atme tief ein und spüre wieder den leichten Schwindel wie in dem kleinen Laden in Trat.
»Ganz schön intensiv.« Er massiert weiter, obwohl das Öl längst eingezogen ist. Dann sagt er nichts mehr. Es ist bereits stockdunkel, als wir eng umschlungen erwachen. »Du bist nackt.« – »Selber nackt.« Zwei, drei Stunden müssen vergangen sein, seit wir in Tiefschlaf fielen. Er greift nach dem Fläschchen mit dem pinkfarbenen Etikett, es liegt neben der Matratze, zugeschraubt und leer.
Seit vier Wochen sind wir aus Thailand zurück. Die Straße auf Koh Chang wurde doch noch repariert, sodass wir in aller Ruhe nach Bangkok reisen und dort planmäßig unseren Flieger nach Deutschland nehmen konnten. Es gibt wenige Fotos von dieser Reise, dafür umso mehr Erinnerungen. Geräusche, Gefühle, Gerüche. Man kann sie nicht fotografieren. Eine Erinnerung wird uns immer begleiten: Kurz nach unserer Rückkehr habe ich einen Schwangerschaftstest gemacht. Er war sofort positiv. Am 27. Juli ist unser Kind zur Welt gekommen. Nicht ungewöhnlich, im Urlaub ein Baby zu zeugen, sollte man meinen, für uns ja. Vier Jahre lang haben wir es erfolglos versucht, unsere Reisen nach meinem Zyklus geplant, in Neuseeland, Australien, Südafrika, Italien, Ecuador, auf Mauritius und im Salzkammergut miteinander geschlafen. Ich sollte nicht schwanger werden.
Als ich das Geschenkband suchte, um eine Schleife um den Test zu machen, mit dem ich meinen Mann abends überraschen wollte, klemmte die Schublade, wo wir solche Dinge aufbewahren. Als ich an ihr ruckelte, rollte mir etwas entgegen, die Ahnung eines wohlbekannten Dufts stieg mir wieder in die Nase. Der Hauch genügte, um eine Bilderflut in meinem Kopf auszulösen. Brennende Schultern, seine kühlen Hände, der Ventilator, der mit trägem Wusch-Wusch die schwülwarme Luft durchpflügt, die nie verstummenden Geräusche des Dschungels, Haut, Hitze, Lust, Schlaf.
Ich nahm das Fläschchen mit dem pinkfarbenen Etikett aus der Schublade. Es war noch fast voll.
»Der Duft von sommerwarmen
Teerosen und Lavendel haftet heute noch an dem Foto.«
Brave Mädchen kommen in den Himmel, freche überallhin. Jutta zimmerte sich ihr Glück ganz allein. Ein kleines Dorf hoch oben im italienischen Apennin ist nicht nur Inbegriff ihres persönlichen Lebenstraums, sondern auch einer späten Aussöhnung mit dem strengen Vater, der die Tochter lange Zeit lieber verheiratet und versorgt gesehen hätte.
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