Mit mir im Reimen - Fritz Eckenga - E-Book

Mit mir im Reimen E-Book

Fritz Eckenga

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Beschreibung

Draußen hängt die Welt in Fetzen, lass uns drinnen Speck ansetzen hieß die erste Sammlung von Fritz Eckengas »Rettungsreimen« (2001), danach ging’s mit der Jahreshauptversammlung meiner Ich-AG und Prima ist der Klimawandel auch für den Gemüsehandel rasant weiter bis zum Fremdenverkehr mit Einheimischen. Mit mir im Reimen ist die erste Gesamtschau dieses beträchtlichen und, da wo es nötig war, in Tagesform gebrachten Reimwerks. Obwohl Fritz Eckenga sich jetzt seit 60 Jahren selbst rettet, beabsichtigt er auch weiterhin nicht, damit aufzuhören. Deswegen dürfen sich die Leser zusätzlich auf eine umfangreiche Portion neuer Gedichte freuen.

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Seitenzahl: 205

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Fritz Eckenga

MIT MIR IM REIMEN

Alle Gedichte und neue

Zeichnungen von Ernst Kahl

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

 

INHALT

Mit mir …

… im Foyer

… bei mir

… an Tisch und Tresen

… durch Jahr und Tag

… bei ihr

… unterwegs

… beim Tier

… in Zumutungen

… auf Sportplätzen

… vor öffentlichen Erscheinungen

… im Reimen

 

Vorläufige Schlussbemerkung

   IM FOYER

Da bissuja, mein roter Bruder,Dadí Dadú Dadí Dadúda!

 

 

JAHRESABSCHLUSSBILANZ

Habe hundert Stück Gedichte –oder waren’s hundertsieben? –fang noch mal zu zählen an,tja, wo sind sie denn geblieben?

Zwanzig, weiß ich, sind auf Reisen,um mal etwas Luft zu schnappen.Zwanzig stürzten in die Nordsee,um sich heimlich zu verklappen.

Fünfunddreißig, frisch vom Reimberg,müssen kühl und dunkel reifen.Brauchen auch noch ein, zwei Jährchen,dann werd’ ich sie wohl begreifen.

Dreizehn schafften es ins Jenseits,schrieben dreizehn Ansichtskarten.Elf von Wolke eins bis sieben,zwei von unten: »Fritz wir warten!«

Zwölf Gedichte fiel’n im Kampfe,ich hör sie noch Treue schwören:»Dir gilt unser kurzes Leben,nicht den dummen Redakteuren.«

Das war’n hundert, fehl’n noch sieben,sechs sind, weiß nicht wo, sind futsch,eins ließ ich bis heute liegen:Das war dieses. Guten Rutsch!

 

 

DAS METHUSALEM-KOMPOTT

Wer wird warten, wenn ich gehe?Wer wird gehen, wenn ich bleib?Wer wird schieben, wenn ich stehe?Wer wird lesen, wenn ich schreib?

Wer wird mich im Knast besuchen,respektiv Seniorenstift?Wer backt mir ’nen Marmorkuchen?Wer hilft mir in’ Treppenlift?

Wer reicht mir die Schnabeltasse?Wer spielt mit mir dressed to kill?Wer schiebt mich auf die Terrasse,wenn ich eine rauchen will?

Wer bringt mir den Stuhl mit Pfanne,hebt mich trotz der Flatulenzsamstags in die Badewanne,für die Fußballkonferenz?

Sechzehn Zeilen letzte Fragen.Och, das ging ja ganz schön flott.Muss noch einen Titel tragen:Das Methusalem-Kompott.

So – jetzt noch die Rechnung schicken:[email protected] dreihundert schlanke Mücken,speichern, senden, weg damit!

Honorar – und niemals Rente!Bis zum letzten Altersreim!Nichts Püriertes! Nur al dente!Kommt mir nicht mit Haferschleim!

 

 

DER WEINWAR EIN GEDICHT

Kartoffeln schälen,Möhren schaben,derweil mich schon am Weißen laben.Fisch beträufelnund gelassenden Roten abseits atmen lassen.

Tomaten vierteln,Schoten waschen,na gut – noch mal vom Weißen naschen.Fischbett machen,Ofen wärmen,vom Bukett des Roten schwärmen.

Fisch ins Bett,Bett ins Rohr,schmeckt der Weiße nach wie vor?Durchaus! Chapeau!War auch nicht billig!Der Rote riecht extrem vanillig.

Geiter Zwang –Quatsch: Zweiter Gang!Weißer, bist ein guter Fang!Wühnchen haschen?Hühnchen waschen!Wird daschu der Rote paschen?

Mussich kosten –Junge Junge,der liegt ewig auf der Zunge!Tut mir lei – Hicks –Tut mir leiter!Dagegen ist der Weiße Zweiter!

Huhn muss raten?Braaaten! Rohr!Fisch vergessen – kommt mal vor!Kann nix machen,muss zum Müll.Der Rote macht mich lall und lüll.

Dummes Huhn,bis morgen dann.Heut leg ich keine Hand mehr anDein Fl – dein Fl –Dein tzartes Fleisch.Wo far denn noch die Wlasche gleisch?

Versteckdichnich!Ich finde dich!Heutkochichnich heuttrinkichdich!Da bissuja,mein roter Bruder,Dadí Dadú Dadí Dadúda!

 

 

IMWUNDERSCHÖNEN MONAT ZWEI

Da draußen ist’s mir zu beblüht,ich hätt’s jetzt lieber kahl,die Triebe treiben arg verfrüht,das wirkt doch alles sehr bemüht.Ich trüg’ jetzt lieber Schal.

Da draußen ist es nicht so grau,wie ich es gerne hätt.Da draußen ist’s zu klar, zu lau,ich hätt’s jetzt lieber ungenauund mollig mau im Bett.

Da draußen vögelt’s mir zu grell,da ist mir zu viel Brut.Ich hätt’s jetzt lieber halb so hell,mit dir und mir im Winterfellvor roter Ofenglut.

So wie noch im letzten Jahr,im sachmalschnell - im Februar,als keine Knospen sprangen,als keine Vögel sangen.Im wunderschönen Monat Zwei,da ist’s doch auch gegangen.

 

 

BAUCH- UND BVB-WEH

Man darf das nicht vergleichen,doch beides tut sehr weh:Du hast PMS,ich hab BVB.

In beiden Köpfen Watte,in beiden Körpern Blei,bei dir ist es der Zyklus,bei mir ein 1:3.

Dir geht’s etwas besser,im Gegensatz zu mir,du schluckst ASS,ich schluck S04.

Ich bin etwas neidisch,du bist bald am Ziel,musst noch durch das Blutbad,ich zum Auswärtsspiel.

Du bist drüber weg,PMS ade!Sag zum Abschied leise:Héja BVB!

 

 

NOVEMBER

November, schwarzer Monat du,kehrst stets wieder, gibst nicht Ruh,schickst uns neue dreißig Tagedunkeldüstergraue Plage.

Bleichst fahle Blässe in die Wangen,machst Gesichter traurig hangen,pflanzt unzählig Depressionen,sorgst für unbespielbar Boden,brichst das Licht mit klebrig Nebel,hebst mit eklig Regen Pegel,lässt die Winde grausig tosenin unseren langen Unterhosen.

Schleichst dich schleimig an uns ran,doch wir wissen deutlich wanndeine Marter übel droht.Spätestens wenn Hundekotwässrig sich mit Baumlaub quetschtunter unsere Gummisohlen.November, kannst uns nicht verkohlen!Zu bestialisch fault dein Odemauf unserem teurem Teppichbodem.

November, alter Leichenschänder!Los! Sag an! Schmeißt du ’ne LageSchnaps auf deine Totentage?Hast so viele wie kein zweiter,Kadaverfürst, vermaledeiter.Wirst hemmungslos uns wieder quälenmit Buß- und Bettag, Allerseelenund heuer, ach, es ist gar greißlig,mit Todestag des starken Schutzwalls,der am Neunten deiner dreißig,vor so langer Jahre Fristviel zu früh verendet ist.

November, Sack, Du sollst verrecken!Am besten mit dem Pack der Jecken,die sich an deinem Elften wecken,mit Humba, Ententanz und Prost –vielleicht bringt ja Dezember Trostund richtet euch mit starkem Frost.

Ich komm zum Schluss mit dem Gedicht:November, bist ein Arschgesicht!

Die Gegendarstellung lesen Sie auf Seite 159

 

 

VIER MAL REIMEN WIR NOCH WAS …

Wenn Ostwind bläst, wenn Lippe reißt,wenn Zahn in kalte Kippe beißt,wenn Spatz aus Wehen Streugut pickt,dann ist der erste Vers geglückt.

Wenn Polenlaster Mastgans bringt,wenn’s in den Fenstern puffrot blinkt,wenn’s in den Klingelbeuteln kracht,dann ist der zweite Vers vollbracht.

Wenn Mutti Mandelplätzchen backt,wenn Fiffi an den Schneemann kackt,wenn Vatis Schlips nach Glühwein schmeckt,dann ist auch Strophe drei perfekt.

Doch wenn der vierte Vers beginnt,bekommt der Franz in Rom ein Kindund kaum ertönt des Papas Schrei,da ist der Scheiß auch schon vorbei.

 

 

EINMALIM LEBEN*

Einmal ein Unternehmen leiten,ach, das täte ich so was von gern,einmal die ganz große Welle reiten,nicht so’ne Klitsche – ’n Riesenkonzern.

Über den Wolken in Vorstandsetageneinsam entscheiden, mit großem Geschick.Verantwortung und gute Anzüge tragen,leiten und leisten, die Täler im Blick.

Nicht klagen, sondern lustvoll entbehren,ein Vorbild für viele, die unter mir sind.Mich für das Große und Ganze verzehren,einer für alle und einsam im Wind.

Einmal das Schicksal mit Händen anfassen,zeigen, wie Gott seine Nerven behält.Einmal zweitausend Menschen entlassen,einmal bedauern, wie schwer mir das fällt.

Einmal sich ordinär abfinden lassen,einmal ein Auftritt vorm Strafgericht.Einmal sich platt mit dem Pöbel befassen,dem Strafrichter sagen: Verpiss dich, du Wicht!

 

 

 

*Ursprünglich geschrieben anl. ordinärer öffentlicher Auftritte zweier Vorstandschefs deutscher Großunternehmen (Deutsche Bank, Mannesmann). Die Herren wurden in der Erstfassung namentlich erwähnt. Auf Dauer zu viel der Ehre.

 

 

WIESCHÖN

Wie schön, dass das damals nichts wurde mit uns,wie gut, dass das damals nicht ging,Du hattest zum Glück diese Null an der Handund kurze Zeit später den Ring.

Wie gut, dass er dir die Kinder machte,wie schön, dass mir das nicht gelang,meine wären zwar hübscher geworden,doch das ist ja nicht von Belang.

Wie schön, dass ihr dann deinen großen Traumvon der Doppelhaushälfte geträumt habt,wie gut, dass ich deine Tränen nicht sah,als ihr die Hütte geräumt habt.

Wie schön, dass ihr dann von euch geschiedenwurdet, und nicht etwa ich von dir,sonst lägst du wohl kaum so anspruchsloshier im Bett neben mir.

 

 

HELD WIRSING

Grün lag der Kopf auf dem Holze.Kein Einschuss zu sehn und kein Blut.Rot unterm Topf schon die Platte.Erdgas entfachte die Glut.

Wirsing, mein Wintergemüse.In dir steckten zwei Kugeln Schrot.Man köpfte dich nicht auf dem Felde.Dich schossen Jägersleut tot.

Zielten sie auf einen Hasen,dem du mit dir Deckung gabst?Rettetest du Lampes Leben,indem du selber verstarbst?

Wirsing, du großer Beschützer,fraßest zwei Kugeln aus Blei.Nimm diesen Becher voll Sahne,sei lecker, mein Held – und verzeih.

 

 

DER TRAINERHERBST(Stand 10/03)

Die Wolken regenschwanger, schwerund aschegrau wie all die Mienen.Die erste Trainerbank schon leer,noch lau vom Po des Ewald Lienen.

Der Wind schon Sturm, das Blatt schon Laubund alle Tage nachtgleich dunkel.Wie bald liegt schon der erste Staubam Trainerplatz von Friedhelm Funkel?

Ein Netz am Pfosten festgezurrt,ein Leder im Gestrüpp,es fliegt kein Ball, nur Jaras Kurt,gefolgt von Stevens Huub.

Und auch ihr andren werdet ziehn,wies Vögelvolk verweht,wie alles, was so golden schien,im Herbste blass vergeht.

Platanen und Kastanien kahlund erste Schneegestöber.Nebel fällt ins Augenthalund in Wolfsburg Röber.

Flieh doch Trainer, troll dich, geh,bald lockt WinterschlafReimanns Willi, Armin Veh,Bremens Thomas Schaaf.

Rangnick, Gerets, Heynckes, Finke,Neururer und ach,kaum kriegt er in Gladbach Pinke,geht auch Holger Fach.

Herbst, du treibst die Trainer weiter,wie der Wind die Jammer,bist der Feind der Übungsleiter,selbst Matthias Sammer

wird nicht bleiben, sondern gehn,und auch Felix Magathkann dem Sturm nicht wiederstehn,wenn er noch so baggert,

muss er selbst wie Hitzfeld weichendem Naturgesetz:Trainer gehn, sogar die reichen,wie der Ball ins Netz.

Die Konten klamm, Vereine plattund alle Kassen leer.Wer jetzt nicht bald ’n Trainer hat,der kauft sich keinen mehr.

 

 

AUSSER HAUS

Gern fahr ich aus freien Stückenfort von mir, und zwar geschwind.Manchmal pfeift in meinem Rückenleise etwas Heimatwind.

Auf der Reise kann ich lüftenund die Fenster runterdrehn,leicht umweht von schweren Düftenderer, die im Vollstau stehn.

Doch die Gummiabriebschwadenkünden von Erlösung bald,gleich entladen sich Blockadenund verheißen Rast und Halt.

Sinnessatte Ruhestätte,draußen brodelt der Verkehr,in dir drin Fritteusenfetteund es odelt Sanifair.

Parfümiert, betankt und munter,voll mit Super und Elan,an der nächsten Ausfahrt runter,von der Aromatenbahn.

Und mit welcher Eindrucksfüllewechseln Landschaft und Gemüt,wenn, wie jetzt, des Landmanns Güllemir durch meinen Zinken zieht.

Hab das Ziel noch nicht vor Augen,als ich’s schon im Munde schmeck.So, als würd’ ich lutschen, saugen,an ’ner alten Schwarte Speck.

Ach, genau, hier war ich schon mal,vor zwei Leben oder so,oben dieser Mehrzweck-Festsaal,Treppe runter dieses Klo.

Gern bin ich aus freien Stückenaußer Haus und außer mir.Gleich hab ich den Wind im Rücken,und der pfeift mich weg von hier.

 

 

ALLEINGEGEN DIE MAFIA

Oben lag der Apennin,unten legte ich mich hin.Mittelmeer lag vor mir rum,gelegentlich Basilikum-Aroma mit der Brise flogund mich ins Mittagsschläfchen zog.

Auf täuschend friedlich fiese Weise,denn kurz darauf war Schluss mit leiseam lurigen Ligurienstrand.Nur hundert Meter rechter Handließ die Mafia Sand abtragenfür kriminelle Bauvorhaben,wo Mitarbeiter Estrich streichenüber frisch erlegte Leichen,um in starken FundamentenCosa-Nostra-Konkurrenten,in der Regel ohne Segen,vertuschungshalber abzulegen.

Oben lag der Apennin,unten stellte ich mich hin.Jäh geweckt durch Dieselgrollen,Halsschlagader schwer geschwollen,schrie wie tausend Furien:»Augen auf, Ligurien!

Stoppt die Mafia, stellt die Killer!Beginnt mit diesem Caterpillar-Fahrer dort am Strand!Er baggert für die schwarze Hand!«

Der Rest war schließlich recht banal.Die Menge nahm es als Fanal,zog den armen Sack vom Bock,betäubte ihn mit Schirm und Stock,schleppte ihn behänd zur Buhne,dort fand sich jemand mit Harpune.

Oben lag der Apennin,unten legte ich mich hin.Mittelmeer lag vor mir rum,gelegentlich Basilikum-Aroma mit der Brise flogund mich ins Mittagsschläfchen zog.

 

 

QUEENOF GREEN

Claudia Roth, du grüne Hoffnung,Powerfrau full voll Betroffnung,Strom, der alle Schleusen bricht,deine Tränen lügen nicht!Du bist Hirn und Emotion,Liebreiz, Duft und Emulsion,weich und wild und warm und klug,alles Lob ist nicht genug,deiner doch gerecht zu werden,Friedensfürstin, Salz der Erden.Mother Nature, Queen of Green,Engel der Afghanerin,löstest sie vom Joch der Burka,Halleluja, grüne Gurka!

 

 

EINFACH

Geht es dir gut?Sowohl als auch?Mit andren Worten:Kopf und Bauch?

Darf es noch mehrvon beidem sein?Mit andren Worten:Sein und Schwein?

Dann ist es gut.Dann sei doch froh.Mit andren Worten:Einfach so.

 

 

DEM SCHÖNENUND GUTEN

Heute wollen wir Schönes bedichten,sangwirmal Weiber, Wohlstand und Wein.Heute wolln wir auf Ödes verzichten,zum Beispiel: Novellierung des Länderfinanzausgleichs.

Deswegen heute nur Liebenswertes,irgendwas, das die Mühe auch lohnt,was schmetterlingsmäßig Unbeschwertes,also auf keinen Fall: Betreuungsgeld.

Heute soll eine Hymne erklingen,was nehm ich mal? Goldenen Spätsommerglanz?Ich könnte auch was über Herbstrosen singen.Aber doch nicht über Ausländer-Maut.

Lanzen für Lyrik will ich heut brechen,mit Leidenschaft, Liebe, mit Lust und Genuss.Mein Dichterdolch soll heute streicheln, nicht stechen.Mit anderen Worten: Ein Thema wie Anpassung derEckwerte des Einkommensteuertarifs an die Preissteigerungsratekommt natürlich auch nicht infrage.

Deswegen will ich nur Gutes bedichten,wie eingangs erwähnt, etwa Weiber und Wein.Will mich ausschließlich dem Schönen verpflichten,äh – ich höre gerade, die Zeit wird knapp, die nachfolgendenWerke drängeln bereits. Ich muss mich alsoetwas ranhalten. Deswegen …

Poesie, heut will ich dich feiern,mit allem, was dir zur Ehre gereicht.Anmut, Leichtigkeit, Braut unter Schleiern,irgendwas in der Art, aber Reform der sozialen Sicherungssystemeoder noch schlimmer: Gemeindefinanzreform– mal abgesehen davon, dass da jeder doch sofortPickel kriegt, wenn die Begriffe nur genannt werden –wer will denn bitteschön über so was Gedichte lesen?Sie vielleicht? Na also.

Ende mit der Reimvernichtung.Ab der nächsten Seite: Dichtung.

 

 

TIERE SUCHENEIN ZUHAUSE

Manches Leck’re, vieles Gutekommt zum Feste aus dem Osten.Auch die Hafermastgans Uteließ sich fern in Polen frosten.

Ute zog im Lastkraftwagenvia Leipzig weiter westlich,wo schon hunderttausend lagen,bunt verpackt und weihnachtsfestlich.

Muss nun steif in Eisesruhejenes Tiefkühlschicksal fristen,Ute in der Tiefpreistruhe,hoffend auf den guten Christen.

Jenen, der sein Herz für Tiereöffnet wie sein Portemonnaie,auf dass Ute nicht mehr friereund alsbald die Lichter säh.

Dass die Umluft sie umschließeund ihr Weihnachtsglocken läuten,dass sich heißes Fett ergießeaus den Weihnachtsgänsehäuten.

Viele mussten emigrierenund verdienen nun Belohnung.Lasst sie nicht in Truhen frieren,bietet Ute eure Wohnung.

Weihnachtsfest, das heißt doch »Geben«,gebt dem Braten einen Namen.Ute ließ für euch ihr Leben –Halleluja, Mahlzeit, Amen.

 

 

Der Mann steht im Ereignispissoir der Autobahnraststätte. Im Hintergrund rieselt Hintergrundmusik, und unten pieselt das Nötige aus ihm heraus. Auf Augenhöhe hat der Werbepartner der Ereignis-Pissoirerie für den Mann eine Literaturbeilage aufgehängt, vor der er die Augen nicht verschließen kann, weil sonst zu viel danebengeht. Er lässt und liest und plötzlich weckt die Werbung Bedürfnisse, von denen er vorher gar nichts ahnte.

REISELITERATURAUF AUGENHÖHE

Wie viel Liedern muss ich lauschen?Wie viel Chören, wie viel Strophen?Wie lang wird es unten rauschen?Brauch ich einen Kachelofen?

Brauch ich einen Kachelofen?Kachelofen? Kachelofen?Kachelofen? Kachelofen?Brauch ich einen Kachelofen?

Wär das Leben nicht so schwer,wäre es wie Sanifair.Leicht und seicht und voll mit Doofen,jeder hätt ’nen Kachelofen.

Kachelofen, Kachelofen,jeder hätt ’nen Kachelofen.Kachelofen, Kachelofen,hätt ich auch ’nen Kachelofen?

Lang noch ließ der Literat,lesend in den Urimat.Ließ und las und ließ und las,bis der Endreim endlich saß:

So viel Wasser, das ich lasse,so viel Seen, so viel Bäche,bring den Bon noch nicht zur Kasse,50 Cent dank Blasenschwäche.

Kachelofen, Kachelofen.Ich spar auf ’nen Kachelofen.Noch zehn Jahre lass ich’s laufen,dann kann ich mir einen kaufen.

 

 

MORGENAPPELL22. 04. 0708:00 GMT

Angetreten!

Alle Vögel sind schon da.

Durchzählen!

Amsel, Drossel, Fink und Hund.

Wirst du wohl! Hierher! Sitz! So ist brav.Hier hat er ein Leckerchen.Noch mal!

Amsel, Drossel, Fink und …

… schmatz …

???

Spatz ist in der Katz.

Weggetreten!

 

 

SMS AN ALLE

hab jetzt suppabillig flätträtkann jetzt sprechen ganzen tachhab auch völlig flätten breitschirmfast zwei meter total flach

is echt günstig kann ich sprechenund kann kucken total breitis total und suppabilligganz egal um welche Zeit

is total egal was kuck ichund wieso und was ich sachis schön breit und alles weißt duweil is alles total flach

 

 

EMMAS WETTERIn memoriam Lothar Emmerich

Ein grauer Regen ließ es Emmas Wetter werden,die Leder wassersatt und alle Böden tief.Die Stollen gruben sich in braune Rote Erden,kein grüner Rasen war, wo seine Bahn verlief.

Die Ränge hofften noch, dass man den Ball ihm gebe,dass es gelänge, wie so oft, dem Siegfried Held,da fand sein Anspiel längst des Lothars linke Klebe,ganz so, als hätte Emma es bei ihm bestellt.

Kein Menschenauge sah die Kirsche jemals fliegen,ein feiner Strich nur war’s und schon war es geschehn.Die Keeper sah man auf den weißen Linien liegen

und Emma in der gelben Freudentraube stehn.Des Lothars Grab in Dortmund-Marten liegt im Grünen,die Rote Erde hinter anderen Tribünen.

Lothar »Emma« Emmerich schoss in 183 Spielen für BorussiaDortmund 115 Tore. Bei der Fußball-WM 1966 in Englanderzielte er im Viertelfinale gegen Spanien mit seiner legendären»linken Klebe« ein »Jahrhundert-Tor« aus unmöglichem Winkel.Der Sohn eines Bergmanns wurde im Dortmunder VorortDorstfeld geboren und im Nachbarort Marten beerdigt.Er wurde nur 61 Jahre alt.

 

 

KAMPF DEM ÜBERGEDICHT!

Schwierig, mit Zeilen so hauszuhalten,dass sich am Ende die Pärchen behalten,dass sie sich kriegen und alles ist gutt,so wie die Schlüsse in Hollywutt,dass sie sich finden und dass sie nichtdie Leser mit maßlosem Übergedichtratloszurücklassen!

 

 

JA BITTE!

1.   Zuletzt hab ich mich mehrfach gefreut:Über den Winter, er war nicht gestreut.

2.   Diese Frau würd’ ich gern in der Sauna treffen:Reiner Calmund, im Tanga von Britta Steffen.

3.   Ein unverzichtbarer Gegenstand:Der Knopf zum Ausschalten in meiner Hand.

4.   Was ich gar nicht oft genug essen kann:Lauwarmer Speck, der setzt nicht so an.

5.   Mein größter Traum ist ungelogen:Ein durchgereimter Fragebogen.

6.   Ein Idol? Tut mir leid, da habe ich keins,außer Bruce Willis in »Stirb langsam eins«.

7.   Mein größter Erfolg, mein wichtigster Sieg:’97 mit Borussia die Champions-League.

8.   Eine gute Droge, sehr zu empfehlen:Im Tiefschnee mit Freunden die Schwünge zählen.

9.   Die beste Musik für Hirn, Herz und Hinternkommt aus Danny Dziuks Küche und heißtÜberwintern.

 

 

NEIN DANKE!

1.   Geärgert hat mich zuletzt (kommt oft vor):Ein durchaus vermeidbares Gegentor.

2.   Nie mehr nackt möcht ich sehen, nicht ums Verrecken:An Jungpflanzen nagende nackichte Schnecken.

3.   Das Essen, von dem mir übel wird?Wurde wahrscheinlich in Altöl frittiert.

4.   Ein Mensch, dem ich wirklich nicht nacheifern mag?Na der, der in »Fargo« im Schredder stak.

4.   Mein größer Albtraum: Glauben Sie’s nicht?Mal reimt es sich und manchmal dann nur so lala.

6.   Was ich an mir gern verändern tät?Dass mir nicht alles so astreim gerät.

7.   Eine Droge, vor der ich nur warnen kann:Zu warmer Speck, der setzt tierisch an.

8.   Musik, bei der sich das Weglaufen lohnt:Der Sicherheits-Rock von Silbermond.

11. Was ich nicht mag? Ist Nichtmögen Pflicht?Jetzt drüber reden – das mag ich nicht.

Der Berliner Tagesspiegel bat mich für seine »Fragebogen«–Rubrik »Ja bitte! Nein danke!« um 20 Antworten.

   BEI MIR

Besser im Schattenhängend ermatten

 

 

PROMINENTEN-FRAGEBOGENHEUTE: FRITZ ECKENGA

Welche Gestalten in der Geschichte,weiblich wie männlich, bewundern Sie?Wernse nicht kennen, die sind bei Lichtebetrachtet noch unbekannter als Sie.

Und welche Gestalt verachten Sie dann?Tja, daaa sprechen Sie natürlich was an.

Vorschlag: Wir stellen die Frage zurückund sprechen jetzt erst mal über das Glück.

Was ist für Sie denn das größte Glück?Ein Achtelchen hiervon und davon zwei Stück.

Wo möchten Sie leben?In Halsbruch am Bein.Das soll’s gar nicht geben!Da hab ich ja Schwein.

Was schätzen Sie denn am meisten bei Freunden?Brandschatzen, huren, besaufen, verleumden.

Ihr Lieblingsheld in der Wirklichkeit?Der kommt noch groß raus. Der braucht noch was Zeit.

Lieblingsbeschäftigung?Nagen am Knochen.

Lieblingsvogel?Bernhard – nee: Jochen!

Lieblingsmusiker?Gewiss doch! Ja, ja!

Lieblingsmaler?Gustav, mit h.

Und jetzt noch mal zur Verachtungspersonin der Geschichte, jetzt sagen Sie schon.Ach Gott, das sind viele, wo fängt man da an?Warn alle bei Schalke, bestimmt hundert Mann.

 

 

GUTER TAG

Später Morgen und noch dämmrig,Kopf in Daunen, mollig – weich.Niemand holt mich aus der Mulde,nein, ich komm nicht! Auch nicht gleich!

Später Mittag, lascher Blitz,das Gewissen will ans Licht:»Du musst! Du sollst! Du hast zu tun!«Ich hab zu ruhn, mehr hab ich nicht!

Früher Abend und schon dämmrig,langsam um die Achse drehn,Augenblick bringt die Gewissheit:Ich mag mich nur von innen sehn.

Später Abend, ganz zufrieden,nicht geleistet, nicht gehandelt,gleich ein Traum, der alles rundet,guter Tag, der so versandelt.

 

 

OHRENAUF REISEN

Ich bin nicht mehr Herr meiner Hörorgane,sie türmten, gingen mir voll von der Fahne.Seitdem null akustischer Außenkontakt,meine Lauscher haben die Koffer gepackt.

Immerhin hinterließen sie einenAbschiedsbrief, einen relativ kleinen.Drei flüchtige Zeilen auf Schmierpapier:Es tut uns sehr weh, sicher mehr noch als Dir,doch Dein Kopf war zu voll, wir nahmen Reißaus,es kam uns zu viel aus uns selber raus.

Meine Ohren sind in der Emigration,ich trauerte erst, doch jetzt glaub ich schon,so wie es ist, ist es an und für sichbesser für sie und auch besser für mich.Ich schrieb ihnen grad eine Zeile zurück:Wenn ich leer bin, kommt wieder, bis dahin viel Glück!

 

 

FIRST CLASS

Heute bin ich hinter Wändenfür das Außenreich nicht da.Ich empfange kein Blabla,Welt muss sich allein versenden.

Heute kann mich gar nichts kriegen,keine Uhr und keine Zeit.Einsam bleib ich lang und breitzwischen weichen Kissen liegen.

Leise schlägt mein Herz Synkopenunter diesem Federbett.Lautlos schwebt mein easy jetmit mir in die Misantropen.

 

 

WARUM JETZT?

Mutter ahnte – nein – sie wusst’ es,eines Tages würd’ es fliehn,um-, in fremde Zimmer ziehn,doch im Herz blieb’s stets ihr Kleines.

Mutter bangte seit Empfängnisdem Verhängnis still entgegen.Wann würd’ sich das Kind verlegenin ein anderes Gefängnis?

Mutter musst’ es heut erfahren,was es heißt, den Schmerz zu tragen.»Warum jetzt?!«, hört man sie klagen.»Jetzt, nach zweiundfünfzig Jahren!«

Mutter weint ins Jugendzimmer.Klaus zog heute aus, für immer.

 

 

WEIHNACHTSWEHKLAGE

Onkel Willis Finas-Wolke,Tante Ernas Nylonfuß,Opa Fritzens Juno-Jacke,Muttis grobes Apfelmus.

Onkel Ottos Asbach-Atem,Oma Tilles Tosca-Schal,Tante Ellens Haarsprayaura,Papas Stück vom Räucheraal.

Tante Lieses Mottenmantel,Onkel Georgs Irish Moos,Tante Paulas Flatulenzen,Muttis Gans mit Pfanni-Kloß.

Weihnacht, ach du kannst mir niewieder diesen Duft entfalten.Gott der Herr gab seinen Jungen,doch er nahm mir meine Alten.

 

 

HAFTUNG

Kinderzeit, so schnell versunken,das Gedächtnis, weggetrunken.Bäume, Wiesen, klare Flüsse,Frösche quälen, erste Küsse.

Mit Panini-Bildern kummelnund im Fahrradkeller fummeln.Pubertät, verblasst und grau,wie sozialer Wohnungsbau.

Dann schon erster Selbstverkehr,Jugend? Nee, die wurd’ nix mehr.Hätte sie sehr gern verlängert,Fehlanzeige, weil geschwängert.

Undsoweiter, undsoleid …so viel zur Vergangenheit.Jetzt heißt’s Zukunft zu verkraften,also: Für die Kinder haften!

 

 

PROTOKOLL DER JAHRESHAUPTVERSAMMLUNGMEINER ICH-AG

Ich hatte gestern einen Termin,in eigener Sache – mit mir,so wichtig, dass ich sehr pünktlich erschien,zu Hause, Schlag Viertel vor vier.

Anwesend war also meine Personund außer mir kam auch noch ich,zu verhandeln waren Gehälter und Lohn,für Aufsichtsrat, Vorstand und mich.

Ergebnis nach flüchtigem Hin und Her,ich Vorstand verzichte auf nichts.Das Personal, wieder ich, fand das fair,ganz ohne Verlust des Gesichts.

Das ist ja der Vorteil des Ich-Aktionärs,