Mit Schuh, Charme und Biss - Tanya Carpenter - E-Book

Mit Schuh, Charme und Biss E-Book

Tanya Carpenter

4,8
3,99 €

Beschreibung

"Die Geschichte ist witzig, spritzig und originell. Tanya Carpenter hat einfach einen ganz unvergleichlichen Erzählstil." (lizzynet.de) Als die charmante Schuhverkäuferin Rebekka von einem Vampir gebissen wird, ist dies eigentlich schon die Krönung ihrer aktuellen Pechsträhne mit Männern. Doch es kommt schlimmer. Sie erhält keinen Einlass in den Himmel, sondern wird zu einem Ermittlerteam der Himmel, Hölle & Co. GmbH zwangsverpflichtet. Sie soll in einem Kloster nachforschen, in dem sich angeblich ein Bösewicht eingenistet hat ... und das führt zu einer Reihe von Verschwörungen, Verwicklungen und Schwierigkeiten, die es in sich haben ... Zeitgenössisch, satirisch, witzig und humorvoll. Die günstige eBook-Ausgabe enthält keine Illustrationen.

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Seitenzahl: 303

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Tanya Carpenter

MIT SCHUH, CHARME UND BISS

SEVEN FANCY

Band 5

fabEbooks

Zeitgenössisch, satirisch, witzig und humorvoll.

Für alle Leserinnen und Leser von Mary Janice Davidson und Kimberley Raye!

Umschlagbild: Crossvalley Smith

Reihe Seven Fancy herausgegeben von Alisha Bionda

© der Print-Ausgabe 2012 by Fabylon Verlag 

© des eBooks 2012 by fabEbooks

ISBN: 978-3-943570-11-3

Hinweis: Die Printausgabe (ISBN 978-3-927071-66-7) enthält Illustrationen von Crossvalley Smith.

Originalausgabe. Alle Rechte vorbehalten.

www.fabylon-verlag.de

Tanya Carpenter

www.tanyacarpenter.de

wuchs auf dem mittelhessischen Land auf, wo sie auch heute noch mit ihrer Mutter, ihrem Hund und ihren beiden Pferden lebt. Sie hasst Stillstand oder Untätigkeit und ist ein Workaholic, was ihr beim Spagat zwischen ihrem 40-Stunden-Bürojob und ihrer Berufung als Autorin zugute kommt. Um Aufzutanken genießt sie aber auch gerne die Ruhe in freier Natur zusammen mit ihren Tieren. 

Über sich selbst sagt Tanya Carpenter, dass sie kein Mensch für Menschen sei. Ihr liegen mehr die kleinen Kreise und die Zurückgezogenheit. 

Neben ihrer Liebe zum Schreiben ist sie begeisterte Hobby-Fotografin und hat eine Leidenschaft für die britischen Inseln, insbesondere die schottischen Highlands. 

Sie liebt Musik und Kunst, interessiert sich für Mythen, Legenden und Magie.

All das fließt in ihre Geschichten mit ein und inspiriert sie ständig neu. 

Neben der sechsbändigen „Ruf des Blutes“-Serie um die Vampirin Melissa und ihre Gefährten hat Tanya Carpenter auch durch eine Vielzahl von Anthologien auf sich aufmerksam gemacht, in denen sie ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellt.

Nach „Mit Schuh, Charme und Biss“ sind bereits mehrere neue Roman-Projekte unterschiedlicher Genres in Vorbereitung.

Nebenbei rezensiert Tanya Carpenter regelmäßig für das „Wolf Magazin“ von Elli H. Radinger und gehört zum Team des Literaturportals LITERRA, auf dem sie inzwischen neben vielen Kurzgeschichten auch drei Online-Serien (mit)bestreitet. 

Die Autorin wird vertreten von der „Agentur Ashera“. 

Inhalt

1. Begegnung bei Nacht

2. Bewerbung auf Bewährung 

3. Je kleiner der Mann, desto größer das Ego

4. Auf zu neuen Ufern

5. Ein Schreck zu später Stund, ist denkbar ungesund 

6. Teamwork

7. Visite

8. Die Pflicht ruft

9. Im Wein liegt Wahrheit, im Bier die Rettung

10. Pinguin Couture 

11. Moonshine-Feelings

12. Klosterfrau Revoltengeist

13. Wahrheit oder Pflicht

14. Dem Täter auf der Spur

15. Rache ist süßer als Wein 

16. Der Apfel der Erkenntnis

17. Rettung in letzter Sekunde

18. Wahre Worte

19. Frisch auf zu neuen Taten

1.

Begegnung bei Nacht

Schuhe sind für eine Frau einfach das beste Trostpflaster, in jeder Lebenslage. Sie gehen mit einem durch dick und dünn, durch Sonne und Regen. Sie sind treu und halten, was sie versprechen. Tragen einen zwar nicht auf Händen, aber dafür überall hin, wo man will.

Diese Erkenntnis besaß Rebekka nicht erst seit Herbert, ihrem letzten Versuch einer Beziehung mit einem Angehörigen des männlichen Geschlechts. Diese treulose Tomate. Sollte er doch glücklich werden mit seiner Bademeisterin. Die hatte sowieso keine Ahnung von gutem Schuhwerk und passte somit zu ihm. Seine Birkenstocks waren Rebekka vom ersten Tag an ein Dorn im Auge gewesen. Schon da hätte ihr klar sein müssen, dass es mit ihm und ihr kein gutes Ende nehmen konnte. Jemand, der ausschließlich in formlosen, braunen Gesundheitssandalen herumlief, als wäre er Jesus in der Wüste, passte einfach nicht zu einer Schuhverkäuferin von Welt. Ihrer Beziehung den Rest gegeben hatte aber erst die Dauerkarte im Südbad, die mitnichten dem Sport und der Gesundheit gewidmet gewesen war, sondern der brünetten Bademeisterin. 

Bei ihrem Glück mit Männern hatte Rebekka nun kurzerhand beschlossen, beim nächsten Anflug von Schmetterlingen im Bauch, lieber gleich Insektengift gegen die Viecher zu trinken. Alles andere brachte ja doch nur Enttäuschungen.

Wenn sie ehrlich war, hatte sie auch gar keine Zeit mehr für eine feste Beziehung. Sie war jetzt eine vielbeschäftigte Geschäftsfrau. Innerhalb weniger Wochen hatte sich ihr kleiner Traum vom eigenen Laden zum gefragtesten Schuh-Shop der City entwickelt. Münchens High Society kaufte bei ihr ein, und seit heute konnte sie den Damen auch den Schuh der großen weiten Welt präsentieren. 

Mit glückseligem Lächeln auf den Lippen bewunderte Rebekka die Schaufenster-Deko und seufzte ergriffen. Ein absoluter Traum in Rot und Gold, der jedes Frauenherz höher, ihres sogar Purzelbäume schlagen ließ. Verpackt in eine samtene Schachtel, geschützt durch edles Seidenpapier. Sie musste die Hand auf ihre Brust legen, weil das Pochen darin unerträglich wurde. Dennoch konnte sie den Blick nicht abwenden. Sie saugte sich an dem Schwung der goldenen Linien fest, versank im satten Samtrot des Leders. Wie lange hatte sie auf diesen Moment gewartet? Die Krönung ihrer exquisiten Boutique, entworfen und gefertigt von der Hand des Meisters höchstpersönlich. Louis Vuitton! Was für ein Schuh! Wer brauchte schon Juwelen?

Ein Schatten fiel auf das Objekt ihrer Begierde und Rebekka runzelte verärgert die Stirn. Wer störte ihr Idyll, ihr Zwiegespräch mit dem Werk Vuittons, das sie erst heute Morgen aus Paris geliefert bekommen hatte? Rebekka drehte sich um und stand einem Mann gegenüber, der sie um gut einen Kopf überragte. Bartstoppeln warfen einen dunklen Schatten auf sein Kinn, konnten jedoch nicht von den Augenringen und dem trüben Blick ablenken, der auch ohne die Alkoholfahne, die ihr entgegenschlug, keiner weiteren Erklärung bedurfte. Was wollte dieser Penner vor ihrem Schuhgeschäft?

Ihr erster Impuls war, die Hände in die Hüften zu stemmen und ihn davonzujagen. Dann besann sie sich, dass er vielleicht Hilfe brauchte. Oder – so undenkbar es auch erscheinen mochte – ein möglicher Kunde war.

„Kann ich Ihnen helfen?“ In ihrer Ausbildung hatte Rebekka gelernt, dass man zu jedem potenziellen Käufer freundlich sein musste, egal wie schrecklich man ihn fand. Diesem Individuum war der Wert guten Schuhwerks sicher völlig fremd, dennoch stand er vor ihrem Laden. Also wollte sie mal nicht so sein und ein gutes Werk tun, indem sie zumindest seine Füße in annehmbare Garderobe kleidete. Ein Blick nach unten offenbarte das Schlimmste. Unter dem Trenchcoat, bei dem sie gar nicht wissen wollte, woher die Farbmuster in grau, grün und braun herrührten, lugte ein Paar mitleiderregender Halbschuhe hervor, das gewiss seit Jahren schon nach einem Tropfen Lederpflege lechzte. Oder wenigstens einer Bürste, um den gröbsten Schmutz loszuwerden. Wie konnte man nur so nachlässig sein? Auch wenn dies garantiert nicht Haute Couture war, man sollte sein Schuhwerk pflegen. Unter diesen Umständen fiel es ihr schwer, ihm ein neues Paar anzubieten. Sie litt schon beim bloßen Gedanken mit dem Leder und der Sohle. Aber ein Versuch war es wert. Womöglich ließ er sich ja auf den rechten Weg führen. Rebekka setzte ihr charmantestes Lächeln auf und deutete nach unten.

„Soll ich Ihnen etwas Creme aus dem Laden holen? Welche Farbe ist das denn? Ich tippe auf ... äh ... schlammbraun?“

Er starrte sie nur weiter an, als habe er sie gar nicht gehört. Rebekka räusperte sich und wedelte mit ihrer Hand vor seinem Gesicht. Der Mann schwankte leicht nach vorn und wieder zurück. Hoffentlich fiel er nicht um, sie konnte nicht dafür garantieren, dass sie ihren Ekel überwinden und ihn auffangen würde.

„Blaue Augen“, sagte er unvermittelt. Es überraschte Rebekka, wie klar seine Stimme trotz der augenscheinlichen Trunkenheit klang. Und darüber hinaus auch noch sehr warm und angenehm. Seltsamer Typ.

„Wie bitte?“

„Ihre Augen. Die sind ... puppenblau.“

Ihr wurde schwindlig, weil man schon vom Alkoholgehalt der Luft, die er ausatmete, einen Rausch bekam. Die Welt drehte sich, sie sah ihn in doppelter Ausführung, beide machten einen Schritt auf sie zu. Instinktiv wich Rebekka zurück. Neben der Tatsache, dass sie Alkohol nicht ausstehen konnte, wusste man nie, welcher Wolf da im Schafspelz vor einem stand. Die Zeitungen waren derzeit voll von Vermisstenmeldungen. Und auch wenn bisher vor allem Teenager verschwanden, bestand ja immer die Möglichkeit, dass der oder die Täter ihren Geschmack änderten. Vorsicht war die Mutter des Absatzschuhs! Und dieser Kerl eindeutig suspekt.

„Stop!“, sagte Rebekka entschieden. Resolutes Auftreten konnte nicht schaden. Davon abgesehen waren die Absätze ihrer Overknees entschieden zu hoch für eine Flucht, egal, wie betrunken der Typ war. Sie blickte sich um, aber um kurz vor eins tendierte die Zahl an Menschen in dieser Ladenstraße gen Null. Warum war sie auch auf die blöde Idee gekommen, das Schaufenster unbedingt noch heute Abend dekorieren zu wollen? Morgen früh hätte es auch getan. Aber hätte-wenn-und-aber nutzten jetzt nichts. 

„Kommen Sie keinen Schritt näher, oder ich schreie“, warnte sie und hoffte, dabei überzeugend zu klingen, obwohl ihr gerade das Herz in die Hose rutschte und ihre Knie zitterten. Die Drohung wirkte nicht, er kam dennoch näher. „Ich rufe die Polizei.“ Dumm nur, dass ihr Handy in der Handtasche lag und die auf ihrem Stuhl im Hinterzimmer des Schuh-Salons.

Etwas rutschte aus seiner Hand und fiel mit einem Klirren zu Boden. Honigfarbener Whiskey ergoss sich über das Pflaster, hüllte sie beide in eine Wolke aus Malz und Rauch. Als sich seine Finger um ihr Handgelenk schlossen, zuckte sie vor Schreck zusammen. Der Kerl war eiskalt. Kein Wunder, bestimmt stand er schon am Rande der Alkoholvergiftung. Sie versuchte sich loszureißen, lag im nächsten Moment aber in seinen Armen. Ihr Magen rebellierte. Jeder Gedanke an einen Hilfeschrei wurde im Keim erstickt, weil sie gar nicht genug Luft dafür bekam. Der Alkoholdunst aus seinem Rachen schickte sie fast ins Koma, sog alle Kraft aus ihren Gliedern.

„Puppenblaue Augen und Haar wie reifer Weizen“, hauchte er. Sein Blick zeigte soviel Hunger, als wäre er leibhaftig ein Wolf und sie ein Lamm – ein Opferlamm. Für jemanden mit mindestens vier Promille im Blut besaß er erstaunlich viel Kraft. Sein zweiter Arm lag wie ein Schraubstock um ihre Taille, sein Blick flackerte, schweifte an ihrem Gesicht entlang zu ihrer Kehle. Rebekka war wie gelähmt. Gleich würde er sicher ein Messer ziehen und dann ...

Stattdessen kam sein Mund immer näher, bis er schließlich seine Lippen auf ihre Kehle presste. Ein Vergewaltiger, schoss es ihr durch den Kopf, ehe ein beißender Schmerz jeden bewussten Gedanken auslöschte, einen letzten verzweifelten Schrei, der sich nun doch gewaltsam hervorrollen wollte, erstickte. Dann siegte endgültig die Bewusstlosigkeit.

Grinsend sprang Saskia von der Friedhofsmauer. Wenn das ihre Mutter wüsste, würde sie einen Herzinfarkt bekommen. Das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, war großartig und schickte einen prickelnden Adrenalinstoß durch ihre Venen. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, sich zwischen den Gräbern zu orientieren. Nachts sah irgendwie alles gleich aus. Bizarre Schatten bewegten sich und überall knackte es. Wie Knochen im Sarg. Ein wenig mulmig wurde ihr schon zumute.

„Ach Quatsch. Die sind doch alle tot. Und heute ist nicht mal Halloween“, versuchte sie sich selbst laut Mut zu machen. Waren bestimmt nur Waschbären und Füchse, die hier auf Futtersuche gingen. Dennoch beschlich sie das Gefühl, dass es keine gute Idee gewesen war, sich auf diese Mutprobe einzulassen. Immerhin waren allein im letzten Monat hier in der Gegend acht Teenager verschwunden, und die Wochen davor auch schon immer wieder mal ein paar.

„Aber wohl kaum auf dem Friedhof. So krank kann ja niemand sein, dass er sich hier auf die Lauer legt. Wer treibt sich schon nachts zwischen Gräbern rum?“

Andererseits tat sie das auch gerade. Und eine Menge Grufties liebten die Atmosphäre hier. Doch in den Zeitungen stand nichts davon, dass es Anhänger der schwarzen Szene gewesen waren, die vermisst wurden. Auch nicht, ob sie auf dem Friedhof verschwunden waren. Das vermuteten sie alle nur. Darum war diese Mutprobe ja auch so besonders.

„Bestimmt sind die alle bloß abgehauen, weil sie’s zu Hause nicht mehr ausgehalten haben.“ Leichen hatte man schließlich keine gefunden. 

Saskia zog sich ihre Jacke fester um die Schultern und stapfte los. In der Mitte des Friedhofs gab es ein Mausoleum. Da hatte die Clique heute Nachmittag etwas hinterlegt, das sie jetzt holen sollte, um zu beweisen, dass sie kein Feigling war. Konnte doch nicht so schwer sein.

Bereits nach wenigen Schritten merkte Saskia, dass es doch schwieriger war als angenommen. Sie zuckte bei jedem Geräusch zusammen und als sie zwei Augen in der Dunkelheit glühen sah, sprang sie mit einem spitzen Schrei hinter einen Grabstein. 

Ängstlich lugte sie über dessen Rand und erntete einen vorwurfsvollen Blick von etwas, das wie ein Fuchs aussah. Zumindest war es für einen Werwolf zu klein. Aber was um alles in der Welt klopfte hier? Sie kaute an den Fingernägeln, während sie verzweifelt versuchte, die Ursache auszumachen. Kam das aus einem Grab? Klopfte da jemand seine Sargnägel wieder raus? Wurden die Dinger heutzutage überhaupt noch zugenagelt?

Durch den Nebel ihrer Panik schlängelte sich die Erkenntnis, dass das Pochen nah war. Sehr nah. Praktisch unter ihr.

„Uff! Jetzt hab ich schon vor meinem eigenen Herzschlag Angst. Vampiren kann so was nicht passieren.“

Erleichtert aber auch verärgert über sich selbst lehnte sie die Stirn gegen den kühlen Stein. Dabei sprang sie der Schriftzug praktisch an. 

Nebenjob gesucht. Spuke immer und überall. Guck nicht so, die Hölle ist teuer.

Saskia unterdrückte ein Lachen. Da hatte jemand echt schrägen Humor. 

Gerade als sie sich wieder auf den Weg machen wollte, vernahm sie ein heiseres Keuchen und das Knirschen schwerer Schritte auf dem Friedhofskies. Das kam zweifellos nicht von ihr.

„Hallo?“ Ihre Stimme klang piepsig wie die einer Maus, und gern wäre Saskia als solche in einem Loch verschwunden. Sie hätte es sogar mit ein paar bleichen Gebeinen geteilt. Die waren wenigstens tot und ungefährlich. Das, was da im Dunkeln auf sie zukam, war hingegen lebendig und damit deutlich bedrohlicher.

Ihr war eiskalt vor Angst, während sie lauschte. Etwas klapperte, als würden Knochen gegeneinander schlagen. Sie kam sich vor wie im Tanz der Toten. bis sie merkte, dass es ihre eigenen Zähne waren. Wer brauchte Horrorgestalten. Sie reichte sich völlig allein zum Fürchten. 

Rückwärts, den Kopf in alle Richtungen drehend, wich sie wieder Richtung Mauer. Sollten die anderen sie ruhig für einen Feigling halten. Lieber ein lebender Feigling, als ein toter Held. 

„Hab ich dich!“ 

Ein leichenblasses Gesicht mit dunklen Ringen unter den Augen und blutverschmierten Lippen sprang sie an. Saskia konnte es deswegen so gut erkennen, weil es von einer Taschenlampe angestrahlt wurde, was zusätzlich noch ein bizarres Licht- und Schattenspiel auf die Fratze malte. Alle Selbstbeherrschung vergessend schrie sie wie am Spieß, was ihr Gegenüber in schallendes Gelächter ausbrechen ließ. Dieses kam ihr jedoch äußerst bekannt vor.

„Moment mal!“, rief sie und vergaß schlagartig ihre Angst. „Tom?“

Das Monster konnte nicht antworten, weil es sich den Bauch vor Lachen hielt. „Tom! Das ist nicht komisch.“ Sie boxte ihrem vermeintlichen Angreifer gegen die Schulter.

Ihr Freund grinste sie voller Schadenfreude an. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen“, japste er und schlug sich auf die Schenkel.

Wenn sie nicht so erleichtert gewesen wäre, hätte sie ihm am liebsten eine Standpauke gehalten. Aber im Augenblick war sie einfach froh, nicht mehr allein zu sein und nicht von einem geisteskranken Killer verfolgt zu werden. 

Tom hatte sich schon gedacht, dass ihr doch noch mulmig zumute werden würde. Also wollte er sie begleiten. Nur den kleinen Schreck, den hatte er ihr nicht ersparen können. Ein bisschen Spaß musste sein. Zur Versöhnung gab er ihr einen zärtlichen Kuss, der Saskia gleich wieder milde stimmte.

„Und jetzt komm. Wir holen schnell die Beute und gehen dann zu den anderen zurück. Die warten schon und versuchen sich gegenseitig mit Schauergeschichten über den Teenagermörder zu erschrecken.“

Na, bei ihr hätten sie damit heute Nacht zweifellos Erfolg.

Hand in Hand suchten sie sich ihren Weg zum Mausoleum. Mit der Taschenlampe wirkte der Friedhof bei Weitem nicht mehr so unheimlich. Da hätte sie auch selbst drauf kommen können. Der Beweis für ihren Mut war eine Pfauenfeder, die am Eingang der Grabkammer steckte. Saskia wollte schon danach greifen, als Tom sie davon abhielt. Fragend blickte sie ihm in die Augen. Auf seinem Gesicht breitete sich ein schelmisches Grinsen aus.

„Na, was meinst du. Wär das nicht ein total cooles Erlebnis, hier zwischen all den Gräbern?“

„Du spinnst ja“, flüsterte sie und knuffte ihn in die Seite. Auch wenn sie kaum noch Angst hatte, Lust auf ein Schäferstündchen verspürte sie keineswegs. Außerdem gehörte sich so was einfach nicht.

„Ach komm schon, sei nicht spießig. Denkst du, die interessiert das noch? Sind doch eh alle tot und steif.“ Er zog sie fest an sich. „Das färbt glaub ich ab, bei mir fängt’s auch schon an.“

Was er lustig zu finden schien, jagte Saskia einen Schauder durch den Leib. Schwarzer Humor war nicht ihr Ding.

„Lass den Scheiß, Tom. Bitte, ich will so schnell wie möglich wieder hier weg.“

Seufzend gab er sich geschlagen. „Na gut. Dann nimm dein Pfand und wir hauen ab.“

Saskia griff nach der Pfauenfeder und wollte sie aus dem Spalt in der Tür ziehen, da öffnete sich diese mit einem leisen Knarren. Schreiend machte sie einen Satz zurück in Toms Arme.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“, zischte er.

„Die Gruft. Sie geht auf.“

„Aber klar! Die Mondscheinnacht lädt ja auch praktisch zum Mitternachtspicknick ein. Familie Gespenst hat bestimmt ein lauschiges Plätzchen im Sinn.“

„Das ist nicht witzig.“

„Saskia, die sind tot. Die öffnen keine Türen mehr.“

„Ach nein? Dann leuchte mal da rüber. Irgendwas hat sich auf jeden Fall bewegt.“

„Bestimmt nur ein lockerer Stein.“

Trotzdem knipste Tom die Taschenlampe wieder an und leuchtete zum Eingang des Mausoleums. Die Tür stand tatsächlich einen breiten Spalt auf. Viel erschreckender als diese Tatsache war jedoch der Kerl, der mit dämonischem Grinsen davor verharrte. Ein blitzendes Messer in der Hand, das sich wie eine kriechende Schlange wellte. 

„Holla, ihr beiden Hübschen. Darf ich euch zum Essen einladen? Ihr seid ganz nach meinem Geschmack.“

Aus seinem Mund ragten zwei Reißzähne hervor. Wenn das ein weiterer Scherz der Clique war, ging der Saskia definitiv zu weit. Aber diesmal schien es ernst, denn Tom schrie mit ihr im Chor, ließ vor Schreck die Lampe fallen und zerrte seine Freundin mit sich. 

Saskia blickte über ihre Schulter zurück, während sie hinter Tom durch die Grabreihen stolperte. Der Strahl der davonrollenden Lampe glitt über die Schreckgestalt hinweg und erweckte den Eindruck, dass sie aus mehreren Richtungen gleichzeitig hinter ihnen hersetzte.

„Lauf, Saskia!“ Tom keuchte, zog sie an sich vorbei und stieß sie vorwärts. Im einen Moment hielt er noch ihre Hand, im nächsten glitten ihre Finger auseinander. 

„Tom!“

„Lauf!“, erklang seine Stimme aus dem Dunkel hinter ihr. Danach folgte ein gurgelnder Schrei. Ihr schossen Tränen in die Augen. In blinder Panik rannte sie in die Richtung, in der sie die Begrenzungsmauer vermutete. Hinter ihr knackte und raschelte es, etwas traf sie am Kopf. Ob es ein Ast, ein Kiesel oder eine Fledermaus mit Sonarausfall war, konnte sie nicht sagen. Sie sah absolut nichts mehr. Ihre Beine waren wie Gummi. Sie verlor völlig die Orientierung, bog zwischen Gräberreihen ein und versank mit ihrem Fuß so tief in einem frischen Grab, dass sie strauchelte. Als sie sich wieder befreit hatte, umfingen sie zwei Arme und brachten sie endgültig zu Fall. Der Schrei blieb ihr in der Kehle stecken, als sie Toms bemaltes Gesicht im schwachen Licht des Mondes erkannte. 

„Gott sei dank! Du hast ihn abgehängt.“

Aber ihr Freund antwortete nicht. Seine Augen blickten starr durch sie hindurch und wirkten milchig wie die eines Zombies. In dem Moment wo sie realisierte, dass er tot war, fiel ein überdimensionaler Schatten auf sie, gefolgt von einer scharfen Klinge.

2.

Bewerbung auf Bewährung

Als sie wieder Herrin ihrer Sinne war, stand Rebekka auf einem hölzernen Podest in einem beinah leeren Raum. Nur ein großer Granittisch vor ihr, mit allerhand Akten darauf, erfüllte den Zweck eines Mobiliars. Sie wünschte sich inständig, dass man ihr wenigstens einen Stuhl gegeben hätte. Allmählich bekam sie Krampfadern vom langen Stehen. Wie lange stand sie überhaupt schon hier? Dabei war sie es in ihrem Job gewohnt, dauerhaft auf den Beinen zu sein. Immerhin gehörte die Boutique „Beckys Schuh“, vor der sie gestanden hatte, ehe der Filmriss einsetzte, ihr, und darauf war sie sehr stolz. Gänzlich selbst finanziert, renoviert und dekoriert. Die Krönung war gestern schließlich die Lieferung der Louis Vuitton-Schuhe gewesen. 

Glücklich und zufrieden hatte sie abends nach Ladenschluss vor ihrem Schaufenster gestanden und sich an der Deko der gerade gelieferten Pumps für 629 Euro das Paar erfreut. Sie wusste noch genau, welch erhebendes Gefühl es gewesen war, diese Juwelen der Schuhwelt zu bewundern, die vom Meister der Haute Couture mit Liebe und Perfektion entworfen worden waren. Ihr entfuhr ein seliges Seufzen, das mit einem scharfen: „Ruhe im Saal!“ kommentiert wurde.

Rebekka verließ ihre Erinnerung und konzentrierte sich stattdessen auf die rätselhafte Situation, in der sie sich aktuell befand, und die ihr gänzlich schleierhaft erschien.

Der Mann vor ihr – oder besser: hinter dem Granittisch – mit den stechenden blauen Augen und dem langen schwarzen Haar strahlte Autorität und Strenge aus, was immerhin zu dem Amt passte, das er hier auszuüben schien. Auch wenn Rebekka zumindest ein Pferdeschwanz angemessener erschienen wäre angesichts der Umstände. Denn wenn sie die Statue der Justitia richtig deutete, befand sie sich in einem Gerichtssaal. Aber trugen Richter nicht für gemeinhin schwarze Talare statt weiße Designeranzüge? Überhaupt, wo war denn ihr Verteidiger, wenn sie schon vor Gericht stand? Und warum stand sie vor Gericht? Sie hatte doch nichts getan. Jedenfalls nicht in letzter Zeit, soweit sie wusste. Und etwas Schlimmes sowieso nicht. Höchstens mal vergessen, das Treppenhaus zu putzen. Oder das von ihrer Nachbarin geliehene Päckchen Butter nicht zurückgebracht. Gut, als Teenager hatte sie mal einen Joint geraucht, aber dazu war sie von Erwin schließlich angestiftet worden. Und die paar Rosen, die sie im Englischen Garten für ihren Wohnzimmertisch gepflückt hatte, waren doch wohl wirklich kein Drama.

„Das gibt es einfach nicht. Es muss doch zu finden sein“, unterbrach der ungewöhnliche Richter ihre Überlegungen. Sie versuchte, sich auf ihn zu konzentrieren, doch ihre Gedanken schweiften bald wieder ab. Rebekka konnte sich absolut nicht erinnern, wie sie in diesen Gerichtssaal gekommen war. Noch weniger, wann das passiert sein sollte. Das Letzte, was sie wusste, war, dass sie die Vuitton-Pumps bewunderte und auf einmal dieser betrunkene Kerl vor ihrer Boutique auftauchte und sie aus blutunterlaufenen Augen anstarrte, als sähe er zum ersten Mal in seinem Leben eine Frau. Er atmete mit offenem Mund, was sie an sich schon ungehörig fand, aber umso mehr, weil er eine Fahne hatte, dass sie beinah ins Koma gefallen wäre. Trotzdem war sie doch höflich geblieben, oder nicht? Sie hatte ihn gefragt, ob sie ihm vielleicht helfen könne. Immerhin besaß sie ja eine gute Erziehung. Doch er hatte sie nur weiter angestarrt, kein Wort gesagt, außer irgendeinem Schwachsinn von Puppenaugen. Ja, so langsam lichtete sich der Nebel in ihrem Kopf. Dieser Typ war ins Schwanken geraten, was bei dem Promillegehalt seines Atems nicht verwunderte. Aber dann war er plötzlich auf sie losgegangen, um sie an der Kehle zu packen. Ihr war nicht mal genug Luft zum Schreien geblieben. Hatte er sie wirklich an die Kehle gefasst? Sie war sich nicht sicher, aber ihr Hals tat immer noch weh, also musste es wohl so sein.

Sein speckiger Trenchcoat hätte dringend eine Wäsche benötigt. Er selbst auch. Von der Rasur ganz zu schweigen, die sicher seit drei Wochen überfällig war. Rebekka hatte – wenn auch schweren Herzens – gerade die Überlegung gestartet, ihre Overknees von Gucci zu opfern, um ihm ordentlich vors Scheinbein zu treten, da riss er sie an sich und ... Filmriss!

Die Erinnerung ließ sie jetzt noch schaudern, führte aber zumindest die Überlegung herbei, dass sie vielleicht gar keine Angeklagte war, sondern Zeugin? Oder Opfer? Aber dann müsste es ja ein Verbrechen geben und sie wusste von keinem. Tot konnte sie schlecht sein, dann stünde sie nicht hier. Und der Kerl im Trenchcoat war eh nirgendwo zu sehen. 

Hatte ihr die Konkurrenz aus Neid und Missgunst vielleicht einen Killer auf den Hals gehetzt, dessen Attentat im letzten Moment durch das beherzte Eingreifen eines heldenhaften Passanten vereitelt worden war? Oder waren ihr irgendwelche Drogen verabreicht worden, damit sie sich an nichts erinnern konnte, halluzinierte und so als unzurechnungsfähig abgestempelt wurde?

Vielleicht war sie aber auch Mittäterin geworden. Komplizin? Von diesem Kerl? Nein, niemals. Höchstens gezwungenermaßen. Mit Leuten, die ihre Halbschuhe aus echtem Leder so schlecht putzten wie dieser Trunkenbold, ließ sie sich nicht ein. Und davon abgesehen, wobei sollte sie so jemandem auch helfen? Außer vielleicht bei der Schuhpflege, und die stand ja wohl nicht unter Strafe.

Da der Richter noch immer in seine Lektüre vertieft war und all ihre Überlegungen kein zufriedenstellendes Ergebnis brachten, schaute sich Rebekka gelangweilt um. Die dunkle Holzvertäfelung erzeugte eine erdrückende Atmosphäre, sie fühlte sich beinah schon im Gefängnis. Hier hätte dringend mal neu gestrichen werden müssen. Ein paar Dekoartikel würden auch nicht schaden. Aber worüber dachte sie hier eigentlich nach? Sie stand vor Gericht und war nicht als Stilberaterin eingeladen worden. Trotzdem, in dieser Umgebung konnte man sich nicht wohlfühlen. Ihr wurde immer unbehaglicher zumute. Das alles konnte nur ein böser Albtraum sein. Sicher würde gleich ihr Wecker klingeln und sie retten.

Unsicher blickte sie auf ihre Armbanduhr. Wenn die richtig ging, dauerte es noch mindestens fünf Stunden, bis sie aufstehen musste. Eine endlose Zeit, in der man sie womöglich zum Tode verurteilte. Oder zu einer lebenslangen Haftstrafe. Sie durfte gar nicht daran denken. Dort gab es bestimmt keine bequemen Ballerinas, von modischen Pumps ganz zu schweigen. Das konnte man ihr nicht antun. Kein Vergehen rechtfertigte solch eine Strafe. 

Aber wie lautete eigentlich die Anklage? Ihr wurde just in diesem Moment bewusst, dass die noch gar nicht verlesen worden war. Wie lange stand sie jetzt schon vor dem Richterstuhl? Wo war die Staatsanwaltschaft? Ihre Vorstellung von einem Gerichtssaal war jedenfalls eine völlig andere als diese Kulisse hier. Und dieser dubiose Richter – ständig warf er ihr scharfe Blicke zu, während er Seite um Seite in einem komischen alten Wälzer umblätterte und die Stirn runzelte, als suche er etwas. Das war doch im Leben kein Papier. Sah eher wie sehr dünnes Leder aus. Zu dünn für gutes Schuhwerk. Von welchem Tier das wohl stammte.

„Es ist Menschenhaut“, erklärte er beiläufig. „Zu irgendwas müssen die Verurteilten schließlich nütze sein.“

Rebekka verzog angewidert das Gesicht. Sie waren doch nicht mehr im Mittelalter. Wer arbeitete denn heutzutage noch mit solchen Materialien? Vor Schreck wunderte sie sich nicht einmal, dass er ihre Gedanken lesen konnte.

Sein Finger mit dem überlangen Nagel fuhr Zeile für Zeile entlang und verursachte ein Kratzen, das ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Den würde sie auch mal gern zur Maniküre schicken. So was gehörte sich in diesem Amt einfach nicht. Rebekka räusperte sich und hob den Arm, wie sie es aus ihrer Schulzeit kannte. Albern sicherlich, aber die Szenerie schüchterte sie derart ein, dass sie sich wie eine Erstklässlerin vorkam.

„Nicht jetzt!“, brummte der Richter und strich sich nachdenklich über den schmalen Bart. Immerhin war dieser gut gepflegt, das musste sie zugeben.

Entmutigt ließ Rebekka die Hand wieder sinken. 

„Ich kann es nicht finden. Wie war noch mal der Name?“

Wenigstens sprach er sie endlich direkt an. Vielleicht konnte sie ihm ja einfach erklären, dass hier wohl ein Fehler vorlag und sie gar nicht wusste, was sie hier sollte, wenn sie sich erstmal vorgestellt hatte.

„Franz. Rebekka Franz, Herr Richter.“

„Wir sind hier nicht bei 007, Fräulein.“

„Natürlich nicht. Entschuldigen Sie. Aber Fräulein ist abgeschafft.“ Durfte man einen Richter überhaupt belehren? War das strafbar?

Er warf ihr einen ebenso verständnislosen wie strafenden Blick zu. „Was soll das denn heißen?“

„Na, dass es veraltet ist. Man sagt das nicht mehr so. Lesen Sie denn keinen Knigge? Oder wo das sonst so drin steht.“

Wortlos hob er in Zeitlupe seine Augenbrauen. Sie fühlte sich genötigt, sich zu rechtfertigen. „Na ich sag zu Ihnen doch auch nicht Männlein, bloß weil Sie keinen Ehering tragen.“

Seine Gesichtszüge entgleisten ähnlich einem Intercity, der die Bodenhaftung verlor, begleitet von einem ebensolchen Quietschen, wie es der Zug wohl im letzten verzweifelten Versuch einer Notbremsung von sich geben würde. Bei dem Richter entsprang es den Fingernägeln auf der Granittischplatte, als er krampfhaft die Hände zur Faust ballte. Augenscheinlich, um sich nicht vor Entrüstung an ihr zu vergehen. Justizmissbrauch war schließlich strafbar, wie sie wusste. Die Erkenntnis, dass er ihr also nichts zuleide tun konnte, erfüllte Rebekka mit Genugtuung, was man ihrem Gesicht auch sogleich ansah. Herausfordernd reckte sie ihr Kinn vor, was ihm ein enerviertes Stöhnen entlockte.

„Kommen wir einfach zum Thema zurück. Ich habe schließlich nicht den ganzen Tag Zeit. Also, Vor- oder Nachname?“

„Wie bitte?“ Rebekka konnte nicht mehr folgen. Vor lauter Freude über ihren kleinen moralischen Sieg, hatte sie den roten Faden verloren. Sofern es denn überhaupt bisher einen gab.

Der Richter rollte mit den Augen. „Heißen Sie Franz mit Vornamen oder Rebekka? Was von beidem ist denn Ihr Nachname?“

Das hatte gesessen. Sicher eine Retourkutsche für ihr unverschämtes Korrigieren einer Amtsperson. Das hatte sie nun davon. 

Verstohlen rückte sich Rebekka ihren Busen zurecht. Sie wusste ja, dass sie nicht gerade mit üppigen Rundungen ausgestattet war. Bei Weitem nicht das Dekolleté von Dolly Buster, aber dafür war bei ihr alles echt. Zählte das denn gar nicht? Sie sollte doch wieder Push-Ups benutzen.

„Nun nehmen Sie das mal nicht persönlich“, wies der Richter sie zurecht. „Ich versuche gerade, den Fehler zu finden. Was sich allein schon recht schwierig gestaltet, wenn ich das mal anfügen darf. Und heutzutage sind äußerliche Attribute ja nun wirklich nicht mehr immer zuverlässig und aussagefähig.“

Damit hatte er zweifellos recht. Ihre Haltung straffte sich – entschlossen, diese Angelegenheit mit Würde hinter sich zu bringen. Dem Richter ging das alles jedoch nicht schnell genug. 

„Was ist denn nun?“, erinnerte er sie übellaunig, woraufhin sie ertappt zusammenzuckte.

„Rebekka, Herr Richter. Und Franz.“

„Was? Wollen Sie sich über mich lustig machen? Das gibt eine Verwarnung.“

Sie konnte diesem Kerl offenbar gar nichts recht machen. Egal, was sie tat. Zerknirscht knüllte Rebekka ihr Taschentuch zusammen, das sie in der Hand hielt. Das durfte alles nicht wahr sein.

„Nein, ich mache mich nicht lustig. Ich habe nur versucht, beide Fragen zu beantworten. Die erste war, wie ich mit Vornamen heiße. Rebekka. Die zweite bezog sich auf den Nachnamen. Der ist Franz. Also Rebekka Franz.“

Erneut ein strenger Blick, dann blätterte er wieder einige Seiten zurück.

„Nichts!“, schimpfte er schließlich, und dann lauter: „Verdammt noch mal, weder unter R noch unter F. Schlamperei. Dafür kommt mir jemand ins Fegefeuer.“

Sie schluckte. Das war hoffentlich nur eine Wortspielerei, aber ihr wurde augenblicklich unangenehm warm. Die Halbärmelbluse wäre wohl doch die bessere Wahl für diesen Tag gewesen. „Wenn ich irgendwie helfen kann.“

Mit einem Donner wurde das Buch zugeschlagen und der Anzugträger erhob sich. Eine imposante Gestalt, nicht unattraktiv, die hinter dem Richtertisch aufragte und einen dunklen Schatten auf Rebekka warf, die sich augenblicklich in die Lage einer Maus versetzt fühlte, der die Katze gegenüberstand. 

„Ob Sie helfen können, Fräulein Franz? Aber sicher, indem Sie gestehen.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust, was ihn noch drohender wirken ließ, und durchbohrte sie mit seinen Blicken. 

Ob man ihr eine gepflegte Ohnmacht abnehmen würde?

Hinter sich hörte sie ein lautes Ticken, wagte aber nicht, sich umzudrehen, um nachzusehen, wie viel Uhr es tatsächlich war. Im nächsten Moment schalt sie sich eine dumme Gans, denn wenn das hier ein Traum war, würde die Uhr im Gerichtssaal genauso falsch gehen, wie ihre eigene. 

„Auch das noch!“, stöhnte der Richter.

„Was?“

„Schweigen Sie, oder gestehen Sie! Die Sache ist ohnehin schon kompliziert genug.“

„Welche Sache denn?“

„Ich stelle hier die Fragen.“

Der Gedanke an die Ohnmacht wurde verlockend.

Er verließ seinen Platz hinter dem Richterpult und kam auf sie zu. Nun wirkte er zwar nicht mehr ganz so groß wie zuvor, aber dennoch nicht minder imposant und einschüchternd. Da half auch sein mildes Lächeln nicht. Das war sowieso bestimmt nur gespielt, um sie in Sicherheit zu wiegen. Im den Krimi-Serien im Fernsehen machten die Verhörpolizisten das auch immer so. 

„Also! Da die Aufzeichnungen mal wieder zu wünschen übrig lassen, erwarte ich ein umfassendes Geständnis.“

„Geständnis?!“ Was um alles in der Welt sollte sie gestehen, wenn sie nicht einmal wusste, wie die Anklage lautete? Auch wenn sie beinah schon aller Mut verlassen hatte, rang sie sich zu dieser Frage durch und erntete völlige Fassungslosigkeit bei ihrem Gegenüber.

„Was glauben Sie eigentlich, wo Sie hier sind, Fräulein Franz?“

„Wenn ich das wüsste“, entfuhr es ihr. Im nächsten Moment ertönte ein Donnergrollen und sie zog den Kopf ein, obwohl sie hier im Gerichtssaal wohl kaum vom Blitz getroffen werden würde, aber im Traum wusste man ja nie.

„Sie stehen hier vor Gericht!“

Rebekka schaute nach links und rechts und wieder zum Richter.

„Ich will nicht unverschämt klingen, aber gehören zu einem ordentlichen Gericht nicht Staatsanwaltschaft, Verteidiger, eventuell auch Schöffen, Zeugen und so weiter?“

Die Augenbrauen ihres Gegenübers verschwanden beinah im Haaransatz. „Dies ist der höllische Gerichtshof. Hier braucht es keine Anwälte, Verteidiger und solchen Firlefanz. Wer hierherkommt ist schuldig, da gibt es gar keine Zweifel. Uns unterlaufen keine Fehler.“

Nun war es an Rebekka große Augen zu machen. Hölle? Sie war in der Hölle? Sie wusste ja nicht mal, dass sie tot war. Geschweige denn, durch welche Sünden sie es verdient hatte, hier zu landen.

„Also?“

„Kann ich bitte ein Glas Wasser haben?“, fragte sie tonlos, denn diese Offenbarung war gerade etwas zu viel für ihre angespannten Nerven. Ihre Lippen fühlten sich taub an, was mitunter einen Kreislaufkollaps ankündigte. Vielleicht auch ein Weg, sich hier herauszustehlen. Beim nächsten Augenaufschlag lag sie dann sicher in ihrem Bett.

Der Richter seufzte tief, reichte ihr aber das Getränk. 

„Eine Aspirin haben Sie nicht zufällig hier unten, oder?“

Er stand sichtlich kurz davor, die Fassung – und damit einhergehend die Geduld mit ihr – zu verlieren. „Überspannen Sie den Bogen nicht, Fräulein Franz. Sie sind eine Sünderin und sollen hier eine angemessene Strafe zugewiesen bekommen. Leider muss ich gestehen, dass meine Adjutanten wohl nicht sehr gründlich bei der Dokumentation Ihrer Vergehensliste waren. Genau genommen haben sie diese anscheinend völlig verschlampt, denn im großen Buch der Sünden kann ich keinen Eintrag unter Rebekka Franz finden.“

„Dann habe ich vielleicht gar keine Sünde begangen“, mutmaßte sie hoffnungsvoll.

Jetzt musste er lachen, aber es klang humorlos. „Jeder Delinquent beging zu Lebzeiten Sünden, sonst würde er ja nicht hier landen. Und wie gesagt: Wir irren uns nie!“

Rebekka reichte ihm das leere Glas zurück und holte tief Luft. Ob Traum oder nicht, es gab wohl nur einen Weg, hier weiterzukommen.

„Also gut, ich beichte.“

Ihm fiel das Glas aus der Hand und es zersprang auf dem Boden. „Liebe Zeit, Kindchen, dafür ist es zu spät. Das tut man zu Lebzeiten. Bei einem Priester. Sie sollen hier nicht beichten, sondern gestehen. Sie sind vielleicht begriffsstutzig.“

„Und Sie kleinlich.“ Schmollend schob sie die Unterlippe vor. Allmählich verlor sie jeden Zweifel, dass dies ein Traum war, so bescheuert konnte die Realität gar nicht sein. Auch nicht nach dem Tod.

Er öffnete den Mund zu einer Erwiderung, schloss ihn dann aber wieder und wandte sich ab, um zu seinem Richterstuhl zurückzukehren. 

„Unglaublich, was man sich heutzutage alles sagen lassen muss. Und das in meiner Position.“

„Also gut“, lenkte Rebekka ein. „Dann gestehe ich eben.“

Sie holte tief Luft, um angefangen bei dem Schokoriegel, den sie ihrer Klassenkameradin aus der Schultüte gemopst hatte, über die erste heimlich gerauchte Zigarette in der Garage bis zum nicht bezahlten Strafzettel für falsches Parken letzte Woche alle ihre Vergehen aufzuzählen, als es an der eisenbeschlagenen Eichentür klopfte. Sowohl Rebekka als auch ihr Richter blickten dem Ankömmling entgegen. Sie überrascht, er sichtlich am Rande seiner Geduld.

„Äh, Luzifer“, begann der Eintretende zögernd.

„Nicht jetzt, Jesus. Sie will gerade gestehen.“

Luzifer? Jesus? Rebekka wurde schwindlig, so hektisch schaute sie zwischen dem Dressman in Weiß und dem Naturburschen im Holzfällerhemd hin und her, der zugegeben eine echte Augenweide war, mit seiner leicht verstrubbelten Löwenmähne.

„Okay, ihr Strategen“, begann sie und kniff die Augen zusammen. „Jetzt ist mir alles klar. Wo ist die versteckte Kamera?“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und wartete auf eine Erklärung, erntete aber nur verständnislose Blicke. 

Luzifer winkte ab. „Sie hat es immer noch nicht verstanden. Ist jetzt auch egal. Also was gibt’s, Bruderherz?“

Sie war im falschen Film. Eindeutig. Der knackige Kerl mit dem zerzausten Blondschopf und den rehbraunen Augen lächelte sie entschuldigend an und winkte ihr kurz zu, während er zu seinem Bruder hinter den Richtertisch trat und ihm etwas ins Ohr flüsterte. 

„Nein!“, entfuhr es diesem. „Nicht doch. Das ist nicht dein Ernst.“

„Ich fürchte doch.“ Jesus zuckte entschuldigend die Achseln. „Ich glaub, du musst noch mal ein ernstes Wort mit ihm reden.“

„Das scheint mir auch so. Gerade jetzt. Als hätten wir mit dieser Teenager-Meute nicht genug Ärger am Hals.“ Seufzend schlug er die Hände über dem Kopf zusammen, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder Rebekka zuwandte. „Und was mache ich jetzt mit ihr?“