Mitgehangen, mitgefangen - Nicola Doherty - E-Book

Mitgehangen, mitgefangen E-Book

Nicola Doherty

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7,99 €

Beschreibung

Von den Abgründen, die hinter der Bürotür einer Lektorin lauern

Die 26-jährige Alice fühlt sich wie im freien Fall. Nicht nur, dass seit vier Jahren ihre Verlagskarriere stagniert, obendrein ist sie auch noch per SMS von ihrem Freund abserviert worden. Da bietet sich ihr plötzlich eine einmalige Chance: Sie soll dem sexy Schauspieler Luther Carson bei seiner Biografie helfen. Also fliegt Alice nach Sizilien und begibt sich auf die Reise ihres Lebens. Sie entdeckt die große Liebe, wo sie sie nie vermutet hätte …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 497




Nicola Doherty

Mitgehangen, mitgefangen

Buch

Das Leben der 26-jährigen Alice Roberts entwickelt sich im Moment nicht gerade zu ihrem Vorteil. Sie fühlt sich von ihrer Chefin Olivia eingeschüchtert, ihre Karrierepläne bewegen sich keinen Zentimeter nach vorne, und ihr Freund hat sie eben verlassen – per SMS.

Da zeichnet sich ein Hoffnungsschimmer am Horizont ab: Als sich Olivia unerwartet einer Operation unterziehen muss, schickt sie Alice an ihrer Stelle nach Sizilien, um mit dem Hollywoodbeau Luther Carson an seiner Biografie zu arbeiten. Alice ist hingerissen und macht sich frohen Mutes auf den Weg nach Italien. Die prächtige Villa mit Blick aufs Meer könnte die perfekte Kulisse für eine gelungene Zusammenarbeit sein … Wenn sich Alice nicht einige Schwierigkeiten in den Weg stellen würden. Nicht nur, dass ihr Gepäck ein anderes Reiseziel als sie angesteuert hat, auch Luthers arroganter Agent Sam ist nicht gerade freundlich zu ihr. Und Luther selbst ist zwar charmant und verführerisch – leider aber völlig schreibunwillig. Das Ziel, mit Luther erfolgreich an dem Projekt zu arbeiten und in ihrem geborgten neonfarbenen Badeanzug dabei auch noch gut auszusehen, rückt in immer weitere Ferne. Und schafft Alice es nicht, steckt sie in großen Schwierigkeiten …

Autorin

Nicola Doherty ist in Dublin aufgewachsen, ihre Ausbildung erhielt sie am Trinity College in Dublin und in Oxford. Sie war zehn Jahre lang im Verlagswesen tätig, erst als Assistentin eines Literaturagenten, dann als Lektorin und zuletzt als Werbetexterin.

Mitgehangen, mitgefangen ist ihr Debüt als Romanautorin.

Nicola Doherty

Mitgehangen,

mitgefangen

Roman

Aus dem Englischen

von Elfriede Peschel

Die englische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

»The Out of Office Girl« bei Headline Review, an imprint of Headline Publishing Group, London.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2012 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © 2011 by Nicola Doherty

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012

by Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: © bürosüd°, München

Redaktion: Anita Hirtreiter

DF · Herstellung: sam

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-07279-7

www.blanvalet.de

1

Ich liege in meinem Bett und sehe zu, wie Luther sich auszieht. Fasziniert verfolge ich jede seiner Bewegungen, obwohl ich ihn schon oft dabei beobachtet habe. Als Erstes streift er das T-Shirt ab, das sich von seiner gebräunten Haut weiß abhebt. Dadurch verwuschelt sein ohnehin schon zerzaustes dunkles Haar noch mehr. Der Ausdruck seiner hellbraunen Augen lässt sich schwer deuten – er wirkt leidenschaftlich, angestrengt und verletzlich. Seine Hände fallen nach unten zu seiner Jeans. Langsam löst er den Gürtel …

Mein Telefon läutet. Zögernd gehe ich dran, ohne meinen Blick vom Bildschirm zu lösen.

»Hi, Alice!« Es ist Erica. »Ich weiß, dass ich sehr kurzfristig anrufe, aber wir treffen uns mit ein paar Leuten im Dove. Willst du mitkommen? Oder bist du irgendwo unterwegs? Ich höre Stimmen.«

»Nein, nein.« Mein Blick fällt auf die Fernbedienung, und ich drücke auf Pause. »Würde ich wirklich gern, aber ich arbeite.« Diese Worte bereue ich sofort, denn ich weiß, was Erica erwidern wird.

»Ach komm schon. Ständig nimmst du Arbeit mit nach Hause. Du solltest dich mehr durchsetzen. Und für die richtige Work-Life-Balance sorgen.«

O Gott. Ich liebe meine Schwester, aber heute Abend kann ich mich nicht auf sie einlassen.

»Das werde ich auch. Hör zu, es geht jetzt wirklich nicht, was mir auch leidtut, aber das nächste Mal komme ich bestimmt mit!«

»Solltest du auch. Du willst doch nicht immer nur zu Hause sitzen und Trübsal blasen«, lauten ihre Abschiedsworte.

Aber da täuscht sie sich. Zu Hause sitzen und Trübsal blasen ist im Moment genau das Richtige für mich, dazu Rumhängen vor Luther-Carson-Filmen (was als Arbeit zählt), Pringles essen und Weißwein trinken und auf gar keinen Fall darüber nachdenken, dass ich Simon nach den zwei Monaten, die wir jetzt zusammen sind, nicht mal so viel bedeute, dass er offiziell mit mir Schluss macht.

Ich weiß, so was macht man natürlich nicht, doch ich habe sämtliche Textnachrichten von ihm gespeichert. Und sie lesen sich wie eine Kurzgeschichte unserer achtwöchigen Beziehung. Da wäre die erste, die er je geschickt hat – »Hi, Alice! Toll, dass ich dich gestern kennengelernt habe. Gehen wir nächste Woche was trinken? Simon x«. Zu dieser Zeit mochte er mich noch, und die Erinnerung daran ist für mich sehr kostbar. Eine Weile geht es ganz nett weiter – »Danke für den tollen Abend. Bis bald, S xx«. Im Laufe der folgenden Wochen verschwanden allerdings die »x«, und die Texte wurden gleichgültiger und seltener, und es standen Dinge wie »Hab’s eilig, tut mir leid« oder »Weiß nicht. Lass es dich nächste Woche wissen« darin.

»Es ist eine konstruktive Ablehnung«, meinte Erica, als ich ihr zum ersten Mal davon erzählte. »Er hat dir noch nicht wirklich den Laufpass gegeben, aber er hat die Arbeitsbedingungen geändert, sodass dein früherer Job – die Beziehung – nicht mehr länger existiert.«

Wie gut, wenn man eine Schwester hat, die Anwältin für Arbeitsrecht ist, aber manchmal sieht Erica die Dinge für meinen Geschmack zu nüchtern und geschäftsmäßig. Die allerletzte Nachricht von Simon lautet: »Sorry, Mittwoch schaff ich nicht. Wir telefonieren später und suchen nach einem anderen Termin.«

Das war vor über einer Woche. Anfangs beruhigte ich mich damit, dass er im Job viel zu tun hatte (er war gerade befördert worden). Aber im Grunde meines Herzens wusste ich, dass er das Interesse an mir verlor. Gestern schluckte ich meinen Stolz hinunter und schickte ihm eine kurze nette SMS, um ihm eine letzte Chance zu geben. Das war – ich sah auf meinem Telefon nach – vor achtundzwanzig Stunden gewesen, und er hatte nicht geantwortet. Ich kann es noch immer nicht fassen. Wie kann man jemanden einfach so abservieren, mit dem man zwei Monate lang zusammen war, und das nicht per Telefon oder SMS oder E-Mail, sondern durch Schweigen?

Offenbar ist mein Mitbewohner Martin zurück, denn ich höre eine Fußballübertragung im Zimmer nebenan. Martin widmet sich zwei Freizeitbeschäftigungen mit großer Hingabe: Er verfolgt sämtliche Spiele der Champions League, für die er den Fernseher voll aufdreht – er nimmt sie sogar auf und schaut sich seine Lieblingsspiele immer und immer wieder an –, und kocht verrückte Gerichte, wie etwa Nudelauflauf mit Salami und Avocado, die nicht nur äußerst zeitaufwendig sind, sondern für die er auch die ganze Küche in Beschlag nimmt. Er treibt mich regelrecht in den Wahnsinn, aber dafür habe ich meine andere Mitbewohnerin Ciara sehr gern. Mit ihr ist gut auszukommen, sie hat immer eine Flasche Wein im Kühlschrank und sagte auch nichts, als ich alle mit dem Rauchmelder aufweckte, weil ich mir Toast machte. Bei meinem Einzug hatte sie sich gerade erst von ihrem Freund getrennt, weshalb sie ein wenig depressiv war, inzwischen scheint es ihr aber besser zu gehen.

Jemand muss ein Tor geschossen haben; ich höre Gebrüll und Jubel. Mein Zimmer war ursprünglich das Esszimmer, und die Wand, die dieses vom Wohnzimmer trennt, ist eigentlich nur eine Doppeltür mit rechteckigen Glasscheiben. Demzufolge hört man alles, was sich nebenan abspielt, und vice versa. Gleich nach meinem Einzug kaufte ich dickes weißes Prägepapier von Paperchase und brachte ein paar Kartons von der Arbeit mit, um sämtliche Glasquadrate mit Strukturkarton zu füllen. Das nahm ein ganzes Wochenende in Anspruch. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, selbst wenn ELLE Decoration nicht Pate dafür stand. Simon fand es unmöglich – billig und studentisch, lautete sein abfälliger Kommentar. War das der Grund, warum er sich von mir abgewandt hat? Hält er mich etwa für zu niveaulos, um als Freundin für ihn infrage zu kommen? Eigentlich hat er mich ja auch nie als seine Freundin bezeichnet, obwohl ich ihn das letzte Mal, als wir einige meiner Freunde trafen, als meinen Freund vorgestellt habe …

Okay, Schluss damit. Ich werde aufhören, mich zu quälen, und versuchen, nicht mehr an all die Dinge zu denken, die ich möglicherweise bei Simon falsch gemacht habe. Ich kuschele mich wieder in meine Zudecke und schenke mir noch ein Glas Wein ein. Meine Chefin hat es mir erst in letzter Minute aufs Auge gedrückt, aber ich schaue mir Fever wirklich gern noch mal an. Ich finde, dass es durchaus mit Footloose und Dirty Dancing mithalten kann, obwohl manche es für ein schamloses Neunzigerjahre-Plagiat von beiden halten. Wir bringen Luthers Autobiografie heraus, und Olivia möchte, dass ich eine Standaufnahme von Fever heraussuche, die wir in die Fotoreihe im Buch aufnehmen können. Was nun wirklich nicht schwer ist. Ich notiere die Zeitangabe auf dem LCD-Bildschirm, schreibe »L mit freiem Oberkörper« daneben und male ein Sternchen dazu.

Und dann ist die viel zu kurze Schlafzimmerszene auch schon vorbei. Darauf folgt die Szene mit Jimmy und Donnas Familie, wo sie ihm klarmachen, wie verhasst er ihnen ist. Der Schulleiter von Ferris macht blau spielt den Vater. Jetzt versucht Jimmy Donna dazu zu überreden, ihren verklemmten Harvard-Verlobten zu verlassen und mit ihm nach New York durchzubrennen. Während sie miteinander tanzen, schweigen sie, doch als der Tanz zu Ende ist, sagt sie ihm, dass sie mit ihm kommen wird.

Diese Szene liebe ich. So verrückt sich das auch anhört, aber jedes Mal, wenn ich sie mir ansehe, habe ich nicht das Gefühl, dass Luther sie spielt – viel eher, dass er sie lebt und ernst meint. Er möchte sie wirklich überzeugen und ihr Vertrauen gewinnen, damit sie bei ihm bleibt, und das nicht, indem er sie überredet, sondern indem er ihr zeigt, was sie einander bedeuten. Das ist unglaublich romantisch. Wie schade, dass das Leben kein Teenie-Tanzfilm ist und echte Männer so etwas nicht tun. Stattdessen servieren sie dich via Schweigefolter ab.

Vielleicht sollte ich mir an diesem Wochenende mit einem therapeutischen DVD-Marathon was Gutes tun. Ich besitze etwa dreißig DVDs, vorwiegend Liebesfilme in Schwarz-Weiß oder Tanz- oder Teeniefilme. Die Klassiker habe ich alle: Der Frühstücksclub, Footloose, Dirty Dancing selbstverständlich; Mit Lippenstift und Eiscreme … dann habe ich noch ein paar, die mir zufällig in die Hände gefallen sind: Coyote Ugly, Lethal Attraction, Gefährliche Brandung (Patrick Swayze und Keanu Reeves in Neoprenanzügen); The Last Legionnaire (kein Film nach meinem Geschmack, aber Luther spielt brillant) und meinen Lieblingsfilm Die Waffen der Frauen. Ich besitze auch Alles über Eva, Haben oder Nichthaben (Ich liebe, liebe, liebe Lauren Bacall), Ich kämpfe um dich und Begegnung (obwohl mich dieser Film in meinem momentanen Zustand um den Verstand brächte). Dann ist da noch die DVD mit den Audrey-Hepburn-Filmen, die Erica mir geschenkt hat: Mein liebster davon ist Ein Herz und eine Krone. Alle meine Freunde machen sich über meine Begeisterung für diese Klassiker lustig. Aber kann man es mir verdenken, so wie es um das echte Leben und echte Beziehungen bestellt ist?

Ich höre trotz der Musik meinen Klingelton. Ich drücke auf Pause und taste auf meiner Decke und auf meinem Nachttisch herum, bis ich mein Telefon endlich unter dem Bett finde. Noch immer hege ich die leise Hoffnung, dass es Simon mit einer Erklärung ist – Todesfall in der Familie, Zweifel an unserer Beziehung, selbst ein totes Haustier würde mir reichen –, aber natürlich nichts dergleichen. Verpasster Anruf: Olivia. O Gott. Warum ruft meine Chefin mich an einem Mittwochabend um neun Uhr an?

Angst habe ich nicht gerade vor Olivia. Doch sie ist so unberechenbar. Meistens ist sie super, gelegentlich dreht sie allerdings völlig unerwartet wegen irgendeiner Sache durch. Ich rufe sie sofort zurück, aber sie geht nicht dran – also hinterlasse ich eine Nachricht. Ich will nur hoffen, dass es sich um keine Katastrophe bei der Arbeit handelt oder ich – wieder mal – irgendwas verbockt habe.

Auf meinem Bildschirm hält Jimmy Donna in ewiger Umarmung und sieht sie dabei an, als würde er sie nie mehr loslassen wollen. Donna wird von Jennifer Kramer gespielt, die damals ein richtig großer Star war, von der man seitdem aber nichts mehr gehört hat. O Luther, sage ich mir, wie gern wäre ich jetzt mit dir auf der Tanzfläche, weit weg von meinem Leben. Doch das steht nicht zur Debatte, also schaue ich mir den Film auch nicht mehr weiter an, schreibe meine Notizen für Olivia auf und gehe dann schlafen.

2

Als ich am nächsten Tag in der ratternden U-Bahn sitze und zur Arbeit fahre, geht mir die Simon-Geschichte noch immer durch den Kopf, und ich versuche den Punkt zu finden, ab dem alles schiefgelaufen ist. Am Anfang schien er voller Begeisterung zu sein, ließ sich an dem Abend, an dem wir uns kennenlernten, meine Nummer geben und schrieb mir sofort am nächsten Tag eine SMS. Ich konnte es kaum glauben, dass er mich immer wieder anrief – insgeheim fand ich, er wäre ein paar Nummern zu groß für mich. Sein Leben läuft nämlich ziemlich hektisch ab: Er ist Marketingmanager für eine große Getränkefirma, die jede Menge Events sponsert, und arbeitet nebenbei noch als freischaffender Journalist. Außerdem sah er, sieht er, umwerfend aus – sehr groß, endlich mal ein Mann, der größer ist als ich, mit dunklen Locken und dunkelblauen Augen. Und er ist klug, und man fühlt sich wohl in seiner Gesellschaft, und wir waren um Gesprächsthemen nie verlegen – er liest jede Menge interessanter Bücher, und wir haben über seine Artikel diskutiert und all die hochrangigen Events, die er organisiert. Was also hat sich verändert? Was habe ich gemacht?

Sicher, ein wenig zerstreut war er in letzter Zeit, und unsere letzte Verabredung war eine Katastrophe. Wir besuchten eine Ausstellung, auf die er von Berufs wegen musste und wo er jede Menge Leute kannte. Anstatt jedoch an ihm dranzukleben, lief ich, so gut es ging, allein herum, aber da ich nicht genügend Leute kannte, trieb es mich immer wieder in seine Richtung. Anschließend liefen wir eine Ewigkeit durch Chelsea, um noch was Essbares aufzutreiben: doch entweder war geschlossen oder das Essen überteuert, sodass wir am Ende im Pizza Express landeten, was keine gute Wahl war, weil Simon Kettenrestaurants hasst. Ich hätte gar nicht erst vorschlagen dürfen, essen zu gehen. Er war nämlich erkältet und wirkte etwas benommen, und wahrscheinlich redete ich zu viel über ein Problem, das ich bei der Arbeit hatte. Dass er anschließend nicht mit zu mir nach Hause kommen wollte, begründete er mit einem zeitigen Meeting am nächsten Tag. Tatsächlich jedoch … kam er auch bei unserem letzten Treffen nicht mit zu mir. Und beim vorletzten Mal kam er zwar mit, aber …

Iiiih. Ich werde nicht mehr darüber nachdenken: Es ist zu deprimierend. Ich greife nach der Metro, die hinter dem Mann eingeklemmt ist, der mir gegenübersitzt, lächele ihn entschuldigend an, und blättere direkt zu Guilty Pleasures, der Klatschspalte. Und stoße dabei auf Luther, den man in Rom auf seinem Weg zum Flughafen abgelichtet hat, wo er ein Remake von Ein Herz und eine Krone gedreht hat. Zufällig weiß ich, dass er nach Sizilien fliegt, um dort sein Buch zu Ende zu schreiben. Er ist jetzt älter als in Fever – dreiunddreißig –, aber ich finde, dass er heute sogar noch besser aussieht mit seinen grüblerischen hellbraunen Augen und den dunklen Haaren. In grauen Jeans und schwarzen Cowboystiefeln, in denen jeder andere Mann lächerlich geschmacklos ausgesehen hätte, strahlt er eine zwanglose Eleganz aus. Die Presseabteilung wird den Artikel sicherlich archivieren, doch für alle Fälle stecke ich ihn mir in die Tasche.

Was mich an der Simon-Geschichte so fertigmacht, ist die Tatsache, dass mir immer wieder das Gleiche zu passieren scheint. Ich gehe mit jemandem aus, der am Anfang großes Interesse an den Tag legt, aber nach zwei Monaten werde ich abserviert. Ich wüsste zu gern, was ich falsch mache, allerdings ist der einzige Mensch, der mir das vielleicht sagen könnte, Simon, und den werde ich nicht fragen. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn man am Ende einer Beziehung ein Bewertungsformular ausfüllen müsste. Ich würde Simon in allen Punkten hoch bewerten, bis auf seine Art, die Beziehung zu beenden. Selbst wenn er sich aus irgendwelchen komplizierten Gründen, die mit mir nichts zu tun haben, von mir getrennt hätte, und obwohl wir nur zwei Monate zusammen waren, habe ich doch mehr verdient als dieses Schweigen. Ich spiele bereits mit dem Gedanken, ihm noch eine SMS zu schicken, in der ich ihm mitteile, dass er sich nicht mehr zu melden braucht – weil es zwischen uns aus ist. Aber dafür ist es jetzt wohl ein wenig zu spät.

Es ist früh, als ich ins Büro komme, und außer Poppy ist noch keiner da. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch, hält einen Handspiegel hoch und platziert mit halb geöffnetem Mund äußerst vorsichtig etwas auf ihrem Auge. Würde es sich um jemand anderen handeln, würde ich auf Kontaktlinsen oder dergleichen tippen, doch ich weiß, dass Poppy sich ihre falschen Wimpern anklebt. Offenbar hat sie heute was Besonderes vor, denn normalerweise trägt sie diese nicht im Büro.

»Guten Morgen, meine Liebe«, sagt sie aus dem Mundwinkel und winkt mir mit einem gekrümmten Finger zu.

Bevor ich sie kennenlernte, hätte ich nie gedacht, dass Leute wie Poppy existieren, geschweige denn in Büros auf Leute losgelassen wurden. Sie trägt hauptsächlich secondhand oder maßgeschneiderte Kleidung oder beides: Manchmal sieht es eher nach einer Kostümierung aus. Das heutige Outfit, ein gehäkeltes weißes Minikleid, das zu ihrem dunklen Afro und den langen Beinen richtig süß aussieht, ist gemessen an ihren üblichen Standards recht dezent. Unter ihrem Schreibtisch verwahrt sie eine regelrechte Kostümierungskiste, und jeden Freitag besteht sie darauf, dass wir uns Punkt vier Uhr zu Tee und Kuchen an der Stechuhr abmelden. Anfangs wusste ich nicht, wo ich Poppy einordnen sollte – sie schüchterte mich mit ihrer beeindruckenden Persönlichkeit ein. Doch trotz ihres überkandidelten Äußeren ist sie sehr bodenständig und inzwischen eine richtige Freundin. Im Unterschied zu Claudine, meinem bête noir – was sehr passend ist, denn sie ist, wie sie zu betonen nie müde wird, Französin.

»Du siehst hübsch aus«, sage ich, während ich meine Jacke aufhänge. »Ist das Kleid neu?«

»Danke!«, erwidert sie erfreut. »Das ist aus dem Secondhandladen in St John’s Wood. Da gibt es lauter abgelegte Nobelklamotten, außerdem kommt es einem wohltätigen Zwecke zugute, wenn man dort was kauft. Wir sollten mal zusammen dort hingehen.« Poppy findet immer umwerfende Sachen in solchen Secondhandläden, eine sehr nützliche Fähigkeit bei unserem Gehalt. Sie legt ihren Spiegel ab und wendet sich mir zu.

»Wie geht es dir? Was gehört von Mr Dempsey?«

»Nein«, antworte ich. »Ich glaube, den kann ich mir abschminken.« Ich bin froh, dass noch keiner da ist und ich mit ihr unter vier Augen sprechen kann. Denn die Demütigung ist genauso schlimm, wenn nicht schlimmer, als der mir fehlende Simon.

»Oh, was für ein Mist«, bemerkt Poppy mitfühlend. »Ich kann nicht begreifen, dass er dich nicht mal angerufen hat, so ein Scheiß –, wie schade. Es tut mir so leid.« Nett, dass sie das sagt, denn ich glaube nicht, dass sie Simon wirklich gemocht hat.

»Besteht keine Chance, dass ihm irgendwas zugestoßen ist oder dergleichen?«, fragt sie. »Unter irgendwas Schwerem begraben liegt? Ohne Bewusstsein?«

»Schön wär’s. Das dachte ich anfangs auch, aber das ist nie der Fall, oder?«

»Nein. Sie sind nie tot, sie rufen nur einfach nicht an.«

Poppy bringt mich immer zum Lachen, selbst wenn mir gar nicht danach zumute ist. Während ich meinen Computer hochfahre, streife ich meine Ballerinas ab und ziehe die Schuhe mit den etwas höheren Absätzen an, die ich in der Arbeit trage. Als Poppy mich beim ersten Mal dabei beobachtete, hätte sie sich fast totgelacht. Verglichen mit ihrem Schreibtisch ist meiner ziemlich langweilig, nur endlose Stapel von Korrekturfahnen und Zeitungen. Mein einziger Schmuck ist ein Riesenposter von Luther, das sie und die anderen Mädchen mir schenkten, als wir den Zuschlag für das Buch bekamen. Sie meinten es scherzhaft, doch ich habe es gern um mich – zu Inspirationszwecken.

»Hast du heute Zeit, mit mir zu Mittag zu essen?«, frage ich. Mich gelüstet plötzlich nach Kohlehydraten und Fett.

»Würde ich gern, aber ich treffe mich mit einem Agenten zum Lunch«, erwidert Poppy. »Wie wär’s mit morgen?«

Poppy ist im letzten Monat zur Lektorin aufgestiegen und musste demzufolge öfter zu ernsthafteren Geschäftsessen. Zugegeben, anfangs war ich neidisch. Wir fingen in etwa zur selben Zeit an – sie wurde sogar einen Monat nach mir eingestellt. Aber sie verdient es: Sie ist unglaublich klug und arbeitet sehr hart. Sie hat einen brillanten Erstlingsroman an Land gezogen, von dem alle begeistert sind. Ich kann nur hoffen, dass ich, wenn ich mich richtig reinknie und fleißig bin, irgendwann im nächsten Jahr auch zur Lektorin aufsteige. Lang genug hier bin ich nämlich: Entweder man schafft es in vier Jahren, oder es ist aus und vorbei. Ich möchte noch vor meinem siebenundzwanzigsten Geburtstag zur Lektorin befördert werden, also bleiben mir etwa sechs Monate.

Meine E-Mails werden hochgeladen. Ich spüre die wachsende Anspannung in meiner Brust, als ich die vielen neuen Nachrichten sehe. Olivia neigt dazu, mir Kopien ihrer zahlreich verfassten E-Mails zu schicken, woraufhin die Leute, die darauf antworten, auch mir wiederum Kopien zukommen lassen, und das summiert sich. Ich bin Lektoratsassistentin, und dies bedeutet, dass ich viele von Olivias Büchern redigiere und somit im Grunde ihre persönliche Assistentin bin, was ein ziemlicher Balanceakt ist. Aber eine gute Erfahrung. Hoffe ich jedenfalls.

»Wie wär’s mit etwas Koffein zur Motivation?«, fragt Poppy und wedelt mit ihrer Kaffeetasse.

»Ja, bitte.« Dabei fällt mir ein, wo ist Olivia überhaupt? Normalerweise müsste sie längst da sein. Und was sollte der Anruf von gestern Abend? Im Lauf der Jahre war ich zwar an der einen oder anderen Katastrophe nicht ganz unschuldig, doch ich dachte, in letzter Zeit meine Arbeit ganz gut hingekriegt zu haben. Keine der E-Mails sieht nach einer Hiobsbotschaft aus – da beklagt sich ein Agent über einen Umschlag, ein Autor regt sich über sein Ranking bei Amazon auf, aber nichts wirklich Tragisches.

Offenbar hatte es was mit Luthers Buch zu tun. Hier herrscht Alarmstufe Rot: Wir sind bereits über der Zeit, und Panik greift um sich. Wir haben erst vor Kurzem den ersten Entwurf bekommen, und der ist schrecklich. Alle interessanten Details lässt er aus – wie die Beziehung zu seinem Vater, die Drogen und den Entzug, seine überstürzte Hochzeit und die Scheidung, das eine Jahr, in dem er von der Bildfläche verschwunden war … Ich glaube, Olivia war ziemlich überrascht, wie viel ich über Luther Carson weiß. Das heißt nicht, dass ich richtig in ihn verknallt bin … na gut, ich bin’s natürlich. Wer ist das nicht? Aber ich finde auch, dass er ein faszinierender Typ ist. Ich war nämlich diejenige, auf deren Vorschlag hin seine Autobiografie in unserem Verlag erscheinen wird.

Ich beschließe, Olivia noch mal anzurufen. Wieder keine Antwort: Das ist seltsam. Doch gleich, nachdem ich aufgelegt habe, läutet mein Telefon. Ich frage mich, ob sie zurückruft, aber das Display zeigt an, dass es sich um Daphne Totnall handelt, die Assistentin unseres Geschäftsführers.

»Was die wohl möchte?«, frage ich laut.

»Wer?«, will Poppy wissen, die aus der Küche zurückkommt.

»Hallo«, sagt Daphne, »Alasdair möchte Sie sehen. Können Sie bitte hochkommen?«

»Natürlich.« Ich lege auf. Was zum Teufel ist heute Morgen los?

Poppy bringt mir meinen Kaffee. »Worum geht’s?«, erkundigt sie sich neugierig.

»Der Geschäftsführer will mich sehen«, sage ich, als ich bereits unterwegs zum Aufzug bin. Inzwischen sind mehr Leute eingetrudelt, darunter auch die schreckliche Claudine, die heute mit ihrer hautengen marineblauen Hose und perlenbehängt einen auf Audrey Hepburn macht. Sie hören alle, wie Poppy mir hinterherruft: »Viel Glück! Keine Panik!«

Während ich mit dem Lift hoch zu Alasdairs Büro fahre, wische ich mir meine klammen Handflächen an meinem Rock ab und werfe einen prüfenden Blick auf die Spiegelwand. Was hat mich geritten, dass ich ausgerechnet heute einen schwarzen Rock zu einer weißen Bluse angezogen habe? Wie eine Kellnerin. Ansonsten sehe ich aus wie immer: lange glatte blonde Haare, die Wangen peinlicherweise gerötet, dazu ein ängstlicher Gesichtsausdruck. Daphne sieht kaum auf von ihren Tabellen und winkt mich gleich durch.

Hier war ich noch nie. Das Büro ist riesig, die Fenster mit Panoramablick über die Themse reichen vom Fußboden bis an die Decke. Alasdairs Spaniel schläft in einem Körbchen vor dem Fenster. Und dann ist da Alasdair selbst, der sich von seinem Schreibtisch erhebt.

»Danke, dass Sie hochgekommen sind, Alice«, sagt er mit ruhiger Stimme und schüttelt mir die Hand, bevor er mir einen Platz anbietet, als wäre ich einer seiner einflussreichen Geschäftsfreunde. Er ist etwa so alt wie mein Dad, mit grauen Haaren wie ein Dachs, funkelnden dunklen Augen und tiefer Bräune aufgrund seiner häufigen Segel- und Jagdurlaube.

»Ich habe leider schlechte Nachrichten für Sie«, meint er.

Welche schlechten Nachrichten? Bin ich gefeuert? Aber wenn das der Fall wäre, sollte jemand von der Personalabteilung hier sein. Und gibt es da nicht auch ein paar Vorwarnungen? Ich werde Erica anrufen müssen …

»Olivia muss sich einer Notfalloperation unterziehen«, fährt Alasdair fort, »wegen eines doppelten Leistenbruchs. Sie liegt im Krankenhaus und wird morgen zum frühestmöglichen Zeitpunkt operiert. Sie wird für mindestens zwei Wochen außer Gefecht gesetzt sein, wenn nicht länger.«

Ich lege meine Hand auf den Mund. »O Gott«, sage ich. »Das ist ja schrecklich.« Arme Olivia. Das hört sich grauenhaft an. Obwohl ich meine Erleichterung zugeben muss, dass ich nicht gefeuert werde. Wie konnte das geschehen? Gestern war doch noch alles in Ordnung mit ihr.

»Wir haben gerade miteinander telefoniert und sind ihre diversen Projekte durchgegangen«, ergänzt er.

»Natürlich.« Ich kenne Olivias Zeitplanung auswendig, dabei kann ich ihm also behilflich sein. Es wird jede Menge zusätzlicher Arbeit auf mich zukommen. Ich rechne damit, dass ich an den Büchern weiterarbeiten werde, die ich bereits betreue, und auch noch die meisten anderen übernehmen werde – vielleicht können wir auch ein paar außer Haus geben …

Plötzlich merke ich, dass Alasdair redet, ohne dass ich ihm zugehört habe.

»… Luther Carson. Wie ich höre, ist das Manuskript in keinem guten Zustand?«

»Oh! Ja …« Jetzt erst merke ich, dass ich meine Arme verschränkt, meine Beine überkreuzt und zudem wie eine Brezel um die Stuhlbeine gewickelt habe. »Nein, ist es nicht. Es ist noch zu unpersönlich. Alles Interessante wird ausgespart. Brian ist sehr gut, und ich bin mir sicher, dass er sein Bestes gegeben hat«, füge ich rasch hinzu. Brian ist der Ghostwriter. »Wie es aussieht, hat er von Luther bisher einfach nicht die richtigen Informationen bekommen.«

»Nun, das müssen wir hinkriegen«, entgegnet Alasdair. »Ich erwarte kein The Moon’s a Balloon. Aber lesbar sollte es sein. Und es braucht Spannung und auch ein wenig Gejammer – nicht zu viel, aber wir brauchen die Tiefen genauso wie die Höhen. Das weiß er. Es steht im Vertrag. Wir haben eine besondere Klausel eingefügt, die festlegt, dass seine Kindheit, die Drogen, die Scheidung und die Zeit, als er für ein Jahr untergetaucht war, einen beträchtlichen Anteil einnehmen müssen.«

Ich nicke. Dass er diese Klausel erwähnt, macht mich ein wenig nervös – wenngleich ich den Grund dafür noch nicht benennen könnte.

»Wie Sie wissen, benötigen wir ein satzfertiges Manuskript in …?« Er sieht mich erwartungsvoll an. Sag das Richtige.

»Vier Wochen.«

»In spätestens vier Wochen, also rechtzeitig, damit wir den Erscheinungstermin Anfang September halten können. Wir müssen zusehen, dass wir mit diesem Buch im Weihnachtsgeschäft über eine Million Pfund umsetzen, sonst machen wir keinen Gewinn.«

Das weiß ich alles, aber aus Alasdairs Mund klingt es besonders beängstigend.

»Wie Ihnen bekannt sein dürfte, haben wir dafür gesorgt, dass Luther eine schöne Bleibe auf Sizilien bekommt – ein wirklich hübsches Plätzchen in der Nähe von Taormina, wo er auf unsere Kosten das Buch fertigstellen soll. Der Ghostwriter ist dort bei ihm. Bevor Olivia krank wurde, sprachen sie und ich darüber, dass sie selbst hinfahren sollte, um ihm dabei zu helfen, vor allem um Druck auszuüben und das Manuskript auch gleich zu redigieren. Ich denke, jetzt sollten Sie fahren.«

Wie bitte? Ich, nach Sizilien? Ist er verrückt geworden?

»Ja gut, wenn Sie das für das Beste halten«, höre ich mich antworten. »Um dort mit Brian zu arbeiten?«

»Nein, mit Luther. Sie weichen ihm nicht von der Seite, bis er sich zum Schreiben hinsetzt. Sie machen Ihren Einfluss geltend und sorgen dafür, dass er sein Buch zu Ende schreibt.«

Ich schrecke vor dem Bild zurück, das er gerade heraufbeschworen hat – und das aus mehreren Gründen. Ist das sein Ernst? Wie um Himmels willen soll ich meinen Einfluss auf Luther Carson geltend machen? Ich habe überhaupt keinen Einfluss.

»Wir haben das ernsthaft diskutiert, Alice, und ich halte es für die beste Lösung. Normalerweise würden wir lieber jemanden mit mehr Erfahrung hinschicken, aber Sie sind diejenige, die mit dem Projekt am besten vertraut ist. Wie Olivia mir berichtet hat, wissen Sie alles, was es über ihn zu wissen gibt. Und ich höre auch, dass Sie hervorragende Lektoratsarbeit leisten. Sie war höchst beeindruckt von Ihrer Arbeit an der Kurzbiografie über eine Tierschützerin.«

Die Biografie einer Tierschützerin: was für ein Albtraum. Drei Pferde, zwanzig Katzen, zwölf Hunde und dazu noch jede Menge Vögel und Reptilien, dazu eine Autorin, die die Tiere so sehr liebte, wie sie die Menschen hasste. Eine bekloppte Tierschützerin ist allerdings noch lange nicht dasselbe wie ein Filmstar der A-Klasse. Und das will ich gerade in etwas taktvolleren Worten vorbringen, doch Alasdair redet bereits weiter:

»Ich schlage vor, Sie bleiben noch einen Tag hier, um Klarschiff zu machen, und sobald Sie können, buchen Sie sich ein Ticket mit offenem Rückkehrdatum nach Sizilien. Daphne wird Ihnen dabei zur Hand gehen, was die Flüge und so weiter betrifft. Sprechen Sie unten mit Ellen und dem Team, um Ihre anderen Arbeiten umzuverteilen, aber das hat oberste Priorität.«

Das geht mir alles viel zu schnell. Noch vor einer Stunde war ich Olivias Assistentin, und nun liegt sie im Krankenhaus und ich bin auf dem Weg, um – um mit Luther Carson zu arbeiten. Um mich um ein Buch zu kümmern, das wichtiger ist als alles, womit ich mich bisher befasst habe, mit einem Autor, der, so umwerfend er auch sein mag, vermutlich ein äußerst schwieriger Typ ist. Das kann ich nicht. Dazu reichen weder meine Position noch meine Erfahrung. Ich muss ihm sagen, dass ich Zeit brauche, um es mir zu überlegen.

Alasdair blickt auf und sagt: »Ist noch etwas?«

Ich öffne meinen Mund und will schon ja sagen, doch etwas hält mich davon ab.

Mir ist gerade noch rechtzeitig ein Licht aufgegangen: So beängstigend dieser Auftrag auch sein mag, er bietet mir eine unglaubliche Chance, mein Können unter Beweis zu stellen und Lektorin zu werden. Wie komme ich dazu, zu zweifeln und meine Entscheidung in die Länge zu ziehen? Ich sollte mich geschmeichelt fühlen, dass man mich überhaupt fragt. Ich darf jetzt nicht kneifen, ich muss den Schritt wagen.

»Nein«, antworte ich, so entschlossen wie möglich. »Alles klar. Ich kriege das schon hin.«

Alasdair lächelt und erhebt sich, um mir die Hand zu schütteln.

»Ausgezeichnet«, sagt er. »Sie berichten an mich und lassen es mich wissen, falls Sie irgendwas benötigen.«

Ich bin schon halbwegs an der Tür, als er mich zurückruft.

»Sie arbeiten derzeit als Lektoratsassistentin, nicht wahr?«

»Ja«, entgegne ich und drehe mich um. Überlegt er es sich vielleicht noch mal, weil er mich für zu unerfahren hält? Lass dich nicht irremachen, sage ich mir entschlossen. Ich möchte fahren! Ich schaff das!

»Also, dann müssen wir zusehen, ob wir das nicht ändern, wenn Sie mit dem Buch in der Tasche zurückkommen«, meint er. »Sie werden Lektorin oder sogar Cheflektorin.«

Ich habe Mühe, keinen lauten Freudenschrei auszustoßen. »Das klingt – gut«, sage ich in angemessenem Ton. »Danke.«

Völlig benommen gehe ich aus dem Zimmer. Ich vergesse, mich bei Daphne zu verabschieden, und laufe auf dem Weg zum Lift direkt in eine große Kübelpflanze. Meine Wangen sind gerötet, und mir ist gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen zumute. Mein großer Durchbruch. Dieser Gedanke läuft als Endlosschleife in meinem Kopf, aber gleichzeitig meldet sich da ein anderer, der sogar noch hartnäckiger ist: Ich werde Luther Carson kennenlernen.

3

»Hat er tatsächlich gesagt, dass du ihm nicht von der Seite weichen sollst, bis er sein Buch geschrieben hat?«, fragt Ruth und lacht dabei, bis ihr die Tränen kommen.

»Ja, hat er gesagt«, erwidere ich fröhlich. Wir sitzen an einem Tischchen vor dem Cow an der Westbourne Park Road, ganz in der Nähe von Ruths Wohnung. Für mich nicht gerade der praktischste Ort für ein Treffen, doch Ruth, die ich sehr mag, gehört zu den Freundinnen, zu denen man hinfährt, wenn man sie sehen will, weil es andersherum nicht funktioniert. Hier wimmelt es nur so von schönen Menschen, aber Ruth war zum Glück so zeitig gekommen, dass sie uns einen Platz im Freien sichern konnte. Eigentlich war dieses Treffen gedacht gewesen, um über Simon zu jammern, doch jetzt wurde eine Feier daraus. Es ist ein wunderbarer Juliabend, endlich Sommer. Das Leben ist schön. Das Leben ist sogar wunderbar.

»Also, ich krieg mich gar nicht mehr ein«, sagt Ruth, wobei ich nicht weiß, ob ich mich geschmeichelt fühlen soll. »Nicht, dass du es nicht verdient hättest«, ergänzt sie rasch. »Es ist einfach so unwirklich. Meine beste Freundin aus Schulzeiten macht Urlaub mit Luther Carson. Was kommt als Nächstes? Wird Mike bald mit Leonardo DiCaprio Basketball spielen?«

Mike ist Ruths derzeitiger Freund – ein irischer Banker, den sie über die Arbeit kennengelernt hat. Der Vorgänger von Mike hieß Jonny, und der vor Jonny – war das James oder Chris? Ich weiß es nicht mehr. Ruth gehört zu den Menschen, die mühelos von einem Mann zum nächsten wechseln. Die Lücken dazwischen sind nie länger als ein paar Wochen, und manchmal gibt es sogar Überschneidungen. Ich weiß nicht, wie sie das macht. Sicher, sie ist sehr hübsch, hat große braune Augen und ist ein jungenhafter Typ, außerdem ist sie für die Öffentlichkeitsarbeit im Finanzwesen zuständig, wo der Vorrat an Männern offenbar größer ist als im Verlagswesen. Im Unterschied zu ihr war ich vor Simon neun Monate lang Single – bis auf ein paar komische Dates absolute Dürre. Aber wen interessiert schon Simon, wenn ich Luther Carson haben kann?

»Ich mache keinen Urlaub mit ihm«, korrigiere ich sie. »Ich werde mit ihm arbeiten und habe einen Riesenbammel davor. Noch nie hatte ich mit einem so bedeutenden Autor zu tun. Hör auf zu lachen!«

Endlich beruhigt Ruth sich wieder. »Das wird schon werden«, meint sie und wischt sich die Augen trocken. »Du wirst da hinkommen und ihm seine sämtlichen Geheimnisse aus der Nase ziehen, und er wird sich an deiner Schulter ausheulen und sich unsterblich in dich verlieben.«

»Meinst du?« Ich lache, weil diese Vorstellung so unglaublich lächerlich ist, aber insgeheim gefällt sie mir – natürlich nur als Fantasie.

»Absolut! Nach all dem Hollywoodmist wird er deinen bodenständigen englischen Charme höchsterfrischend finden. Er wird sagen: ›Alice, ich bin dieser Botox-Dummchen so überdrüssig. Sie wollen doch alle nur in meinen Armen fotografiert werden. Ich brauche dich.‹«

»Ha.« Ich wünschte, ich hätte Ruths Zuversicht. »Eine schöne Vorstellung. Aber dazu wird es nicht kommen.«

»Wieso nicht?«

Ich schaue sie an, um zu sehen, ob sie es ernst meint. »Weil er ein großer Star ist. Er arbeitet täglich mit den schönsten Frauen der Welt zusammen. Er war mit Dominique Rice verheiratet. Jemanden wie mich nimmt er doch überhaupt nicht wahr.«

»Das weiß man nie«, sagt Ruth.

»Ich weiß es aber. Aber selbst wenn er sich ein wenig für mich interessieren würde – was nicht der Fall sein wird –, käme eine Affäre zwischen uns niemals infrage.«

»Wieso denn nicht?«

»Weil das Buch viel zu wichtig ist. Wenn ich die Arbeit daran nicht gut mache, wird das für den Verlag eine Katastrophe. Wir haben einen Großteil unseres Budgets darauf gesetzt.«

»Warum kannst du dann kein Techtelmechtel mit ihm haben und ein gutes Buch abliefern?«, hakt Ruth nach. »Das ist doch wohl nicht schwer.«

»Ich denke nicht«, antworte ich und zähle die Gründe dafür an den Fingern ab. »Erstens: Ich muss ihm sagen können, was er zu tun hat, und das kann ich nicht, wenn ich – du weißt schon. Zweitens: Es wäre absolut unprofessionell. Und drittens würde ich gefeuert werden und meine Karriere wäre im Eimer.«

»Aber wenn du erst mal mit Luther Carson verheiratet bist, brauchst du keine Karriere mehr zu machen. Ist ein Scherz! Ich mache nur Spaß, Alice! Du solltest nicht alles so ernst nehmen.« Sie tätschelt meinen Arm. »Höchste Zeit, dass Olivia dir mal was gibt, was Spaß macht. Du hast genug Albtraumbücher für sie redigiert. Ich bin froh, dass sie endlich deine Fähigkeiten erkennt.«

Ich will gerade erwidern, dass ich noch gar keine Gelegenheit gehabt hatte, mit Olivia darüber zu sprechen, doch Ruth nimmt einen Anruf entgegen.

»Hi, Schätzchen! Ja, gut … ich sitze hier mit Alice im Cow. Tatsächlich? Warum kommst du nicht vorbei?« Sie sieht mich mit einem fragenden »Ist das okay?« an, und ich signalisiere ihr: »Natürlich.« Sie plaudert weiter – offensichtlich ist es Mike –, und ich nehme mir mein eigenes Telefon vor. Zwei Textnachrichten. Eine von einer Freundin, die wissen möchte, ob es was Neues von Simon gibt. O mein Gott, hätte ich bloß nicht so vielen Leuten von meinen Problemen mit ihm erzählt. Und eine von Ciara, meiner Mitbewohnerin: »Tolle Neuigkeiten! Feierst du? Wobidu?«, und ich schreibe zurück: »Im Cow, Westbourne Park Road. Komm!«

Ruth hat aufgelegt. »Das war Mike«, sagt sie selig, obwohl das ja klar war. »Er wird jede Minute hier sein.«

»Toll«, antworte ich und schlucke meine Enttäuschung hinunter. Mike ist nett. Es ist nur, ich habe Ruth seit einer Ewigkeit nicht mehr allein gesehen … und das war als unser Vom-Jammern-zum-Feiern-Drink gedacht gewesen … na gut.

»Egal.« Sie füllt mein Glas nach. »Hör zu, Alice. Du wirst das ganz großartig machen. Du kannst mit diesem Typen umgehen. Du darfst nur nichts von vornherein ausschließen. Eine Affäre mit ihm könnte genau das Richtige sein, damit du nach Simon dein Selbstvertrauen zurückgewinnst.«

Ich möchte sie noch fragen, ob das noch immer scherzhaft gemeint ist, aber da kommt schon Mike. Er fährt in einem schwarzen Taxi vor, und das sagt mir, dass er a) fast umkommt vor Verlangen, Ruth zu sehen, und b) ziemlich reich ist. Wobei ich a) gut finde und mir b) ziemlich egal ist. Ich stand noch nie auf reiche City-Typen. Ich bevorzuge kreative Leute, was, wie Ruth meint, Teil meines Problems ist.

Mike gibt Ruth einen kurzen, aber leidenschaftlichen Kuss und nickt mir freundlich zu. Sie geben ein hübsches Paar ab. Sie ist klein und dunkel, und er ist ebenfalls klein, allerdings mit dem Körperbau eines Rugbyspielers, dazu kommen sandfarbenes Haar und Sommersprossen. Sobald er mit seinem Bierglas von der Bar zurückkommt, weiht Ruth ihn diskret ein.

»STELL DIR VOR! Alice macht Urlaub mit LUTHER CARSON!!!«

»Mit wem?«, fragt Mike. Ich versuche, sie mit heftigen Psts dazu zu bewegen, leiser zu sprechen – denn selbst hier, wo alle so cool drauf sind, haben sich ein oder zwei Leute neugierig zu uns umgedreht.

»Dem Schauspieler. Er hat in The Last Legionnaire mitgespielt, weißt du, und in Stars on the Water, wo’s um diesen Mann geht, dessen Frau stirbt …«

»O, ganz dein Typ. Und er war doch auch noch in diesem anderen Film zu sehen, oder, der mit den beiden Cowboys?«, überrascht uns Mike. »Das war ein guter Film.«

»Brokeback Mountain. Hm, das war Jake Gyllenhaal«, werfe ich taktvoll ein.

»Ich wusste gar nicht, dass du diesen Film magst.« Ruth starrt Mike verwundert an, als hätte er gerade ein Kind vor dem Ertrinken gerettet oder ein Heilmittel gegen Krebs erfunden.

»Ich gehe nicht nur in Multiplexkinos«, rechtfertigt sich Mike. »Wie kommt’s denn, dass du mit Carson Urlaub machst?«

Ich erkläre es ihm. Mike nickt gedankenverloren und sagt dann: »Ist er nicht noch ein wenig jung, um seine Autobiografie zu schreiben?«

»Na ja, das ist er schon«, entgegne ich. »Aber er hat schon was zu erzählen. Mit vierundzwanzig war er bereits ein Star, als er Fever drehte …«

»Danach war er unglaublich erfolgreich, ist dann aber auf die schiefe Bahn geraten und für ein Jahr von der Bildfläche verschwunden«, ergänzt Ruth. »Keiner weiß, wo er war.«

»Und dann feierte er ein großartiges Comeback mit The Last Legionnaire. Und er hatte auch eine verrückte Kindheit. Seine Familie und er waren eine Weile obdachlos.«

»Und, und er war mit Dominique Rice verheiratet – du musst dafür sorgen, dass er sich dazu äußert«, sagt Ruth zu mir. »Also ehrlich, wieso weißt du das alles nicht?«, fragt sie und wendet sich dabei an Mike.

»Okay, ihr habt ja recht«, lenkt Mike ein und hält abwehrend die Hände hoch. »Ihr beide seid gut informiert. Es ist dein Job, Alice, aber wie kommt es, dass du so viel über diesen Typen weißt?«, will er von Ruth wissen.

»Na ja«, meint sie. »Das ist doch Allgemeinwissen.«

»Verstehe«, sagt Mike mit hochgezogenen Augenbrauen. »Und was hat er zum Beispiel, was ich nicht habe?«

Ruth und ich schauen uns an.

»Was macht ihn abgesehen davon, dass er Millionen verdient und ein attraktiver Filmstar ist, so interessant?«, wirft Mike ein.

»Ich vermute … es ist sein Image als böser Junge«, entgegne ich schüchtern.

»Absolut. Er macht ständig einen drauf und bringt sich in Schwierigkeiten …«

»Jetzt aber nicht mehr so oft, das war vor ein paar Jahren«, korrigiere ich Ruth.

»Aber man spürt einfach, dass es an seinen schmerzhaften Erfahrungen in seiner Vergangenheit liegt … seiner verrückten Kindheit … der Scheidung … und er ist so talentiert …«, erklärt Ruth träumerisch, während Mike skeptisch bleibt.

»Du wirst mit ihm alle Hände voll zu tun haben, Alice«, warnt mich Mike.

»Ich hätte gern meine Hände voll …«

»Gewiss doch«, werfe ich rasch ein, ehe Ruth sich noch weiter in die Bredouille bringt. »Er mag ja schwierig sein, aber ich werde einfach mein Bestes geben müssen.«

»Weißt du, ich wollte dir keine Angst machen«, erwidert Mike. »Er ist sicherlich ein ganz reizender Mensch. Kipp dir mit ihm einfach ein paar hinter die Binde, dann läuft das schon.«

»Was?« Das hört sich gar nicht gut an.

»Er will damit sagen, du sollst einfach mit ihm was trinken gehen, und schon kommst du mit ihm klar. Stimmt das so?«, erkundigt Ruth sich bei Mike. »Er bringt mir irischen Slang bei«, erklärt sie mir.

»Zu hundert Prozent«, bestätigt Mike und hebt sein Glas, um mir zuzuprosten. Ich lächele und stoße mit ihm an. Mike ist nett. Ich hoffe, er bleibt.

»O sieh mal, da ist Ciara«, ruft Ruth. »Ciara! Hier sind wir!«

Ich sollte keine Vergleiche anstellen, aber anders als Ruth hat es Ciara offenbar nichts ausgemacht, den weiten Weg von ihrem Arbeitsplatz in Bermondsey, wo sie für eine Wohltätigkeitseinrichtung arbeitet, auf sich zu nehmen, um zu uns in die Westbourne Park Road zu kommen. Und das, obwohl sie mich zu Hause in Hammersmith ohnehin gesehen hätte.

Wir stellen ihr Mike vor, und da sie beide aus Dublin sind, tauschen sie sich über gemeinsame Bekannte aus. Doch bevor sie zu tief einsteigen, geht Ciara zur Bar, um Champagner zu bestellen, und Mike folgt ihr, um sich mit ihr darüber zu streiten, wer ihn bezahlt. Ich hoffe, er gewinnt, denn Ciara verdient nicht viel. Als sie zurückkommen, muss Ciara sich nun von uns dreien alles über Luther anhören. Sie freut sich sehr für mich, vor allem, als ich erwähne, dass Alasdair mir eine Beförderung in Aussicht gestellt hat.

»Aber was ist jetzt mit Simon?«, fragt sie irgendwann. Ich habe sie ein paar Tage lang nicht richtig zu Gesicht bekommen, deshalb ist sie nicht auf dem neuesten Stand. Ich weiß ihre Besorgnis zu schätzen, bin es allerdings langsam leid, es jedem zu erzählen, es ist fast wie bei einer geplatzten Verlobung. Vielleicht sollte ich eine Anzeige mit folgender Information schalten: Achtung, Achtung! An alle, die’s interessiert: Simon hat Alice den Laufpass gegeben. Ein Glück, dass ich meinen Beziehungsstatus bei Facebook nie geändert habe.

»Ach – er hat sich nicht gemeldet. Macht auch nichts«, antworte ich.

Ich möchte vor Mike nicht weiter ins Detail gehen – denn es gibt nichts Schlimmeres, als ein Versagen in Liebesangelegenheiten vor dem neuen Freund deiner Freundin aufzuwärmen. Aber Mike besteht darauf, die ganze Geschichte zu erfahren. Anschließend sagt er nicht: »Und warum rufst du ihn nicht an?« oder bietet Entschuldigungen an. Stattdessen meint er, Simon scheine ein Volltrottel zu sein, den ich möglichst schnell vergessen sollte. Und langsam glaube ich, dass er damit absolut recht hat. Es ist ein lustiger Abend, und alle sind in Höchstform. Ich liebe meine Freunde, ich liebe London. Ich werde mit Luther Carson zurechtkommen.

Kurz nach elf werfen sie uns raus. Wir überlegen kurz, noch irgendwohin zu gehen – vielleicht in einen der Clubs in Notting Hill –, aber schließlich müssen wir morgen alle wieder arbeiten und verabschieden uns deshalb. Ciara und ich steuern die Harrow Road an, um uns Pommes zu holen, und schlendern dann zurück zur Haltestelle Westbourne Park. Und auf dem Weg dorthin bekomme ich eine SMS. Sie ist von Simon und lautet: »Tut mir leid, Alice, habe viel zu tun und kann dich leider nicht mehr sehen. Ich wünsch dir was.«

4

Ich wünsch dir was. Ich wünsch dir was? Ich wünsch dir was?

Unfassbar, da macht er Schluss mit mir und verwendet dabei die Phrase: »Ich wünsch dir was.« Simon versteht sich immerhin als Journalist. Sollte er da nicht mit Worten umgehen können? Hätte ihm nicht etwas Angemesseneres einfallen können? Was soll das überhaupt bedeuten? Was wünscht er mir? Ein schönes Leben? Ist das eine Umschreibung für den Korb, den er mir gegeben hat? »Kann dich leider nicht mehr sehen.« Das klingt, als wäre er ins Gefängnis gesteckt worden oder so. Sollte er auch, weil er die Beziehungsregeln verletzt und gegen den allgemeinen Anstand verstoßen hat.

»Vielleicht will er damit zum Ausdruck bringen … geh in Frieden«, meinte Ciara zögerlich, als ich ihr die Textnachricht zeigte. »Du weißt schon? Im Sinne von, wir hatten eine schöne Zeit miteinander, doch du gehst deinen Weg und ich geh meinen …« Sie las die Nachricht noch mal. »Nein, wie man’s auch dreht und wendet, es kommt nichts Gutes dabei rum.«

»Ich wünsch dir was«, wiederholte ich. Am liebsten hätte ich ihm geschrieben, was ich von ihm hielt, aber Ciara meinte, das sollte ich lieber bleiben lassen. Zwei Tage später, im Flugzeug, kocht es noch immer in mir hoch. Da wäre mir Schweigen lieber gewesen als ein derart schrecklicher, herzloser und feiger Text wie dieser. Ich hatte keine Ahnung, dass er so ein Schwein sein konnte. Aber genauso wütend, wie ich auf Simon war, war ich auch auf mich. Wie hatte ich ihn so falsch einschätzen können? Nach all meinen anderen katastrophalen Beziehungen hatte ich so sehr darauf gebaut, dass diese funktionieren würde, doch das war nur wieder ein Trugbild.

Wenigstens hat mich die Hetzerei, rechtzeitig fertig zu werden, ein wenig abgelenkt. Nachdem ich mir den Kopf zerbrochen habe, was ich einpacken soll, habe ich diese Herausforderung, wie ich glaube, ganz gut gemeistert: ein paar leichte Blusen, Shorts, Sandalen, ein kleines Schwarzes, für den Fall, dass wir zum Essen ausgehen, um über das Buch zu reden. Dazu meinen Badeanzug, weil die Villa über einen Pool verfügt. Ich habe vor, jeden Morgen ein paar Bahnen zu schwimmen, bevor wir mit der Arbeit loslegen. Ruth wollte mich dazu überreden, vorher ins Münzmallorca zu gehen, aber ich bin nicht mutig genug für Sonnenstudiobräune. Außerdem war es dazu ohnehin viel zu hektisch. In den letzten paar Tagen war ich immer bis acht Uhr im Büro gewesen, um alles zu regeln.

Erst am letzten Abend schaffte ich es, mit meinen Eltern zu telefonieren. Ich war froh, ihnen die gute Nachricht von meiner Geschäftsreise und meiner möglichen Beförderung überbringen zu können, denn das lenkte sie ein wenig von der Hiobsbotschaft einer weiteren gescheiterten Beziehung ab. Mein Dad wollte mich von einer Reiseversicherung überzeugen, und meine Mum wollte wissen, ob Sizilien »sicher« sei, eine Frage, auf die ich, wie ich ihr sagte, gar nicht eingehen würde. Sie machen sich beide große Sorgen – um mich. Mit sechsundzwanzig war Erica bereits Partner ihrer Anwaltskanzlei, kaufte sich ihre erste Wohnung und war mit Raj verlobt. Dagegen habe ich manchmal das Gefühl, noch gar nicht aus den Startlöchern gekommen zu sein.

Ich habe auch mit Olivia gesprochen. Sie hat mich aus dem Krankenhaus angerufen, gleich, als sie nach der Operation aufwachte, um mir zu sagen, dass es nicht ihre Idee war, mich nach Sizilien zu schicken.

»Ich sagte Alasdair … er solle Ellen schicken … doch er hat darauf bestanden«, keuchte sie, die Stimme noch rau von den überstandenen Strapazen. »Er möchte jemand Jungen … der auf Luthers Wellenlänge ist.«

Gut möglich, dass sie noch von der Narkose im Delirium war, aber eigentlich hörte sie sich ziemlich klar an. Doch mir nahm sie damit jede Zuversicht und impfte mich mit Schuldgefühlen. Sie klang so schwach: als hätte mir eine sterbende Tante auf ihrem Totenbett anvertraut, dass sie es bereut, mir ihre liebste Gemmenbrosche vermacht zu haben. Aber das ist meine große Chance, und ich bin entschlossen, sie zu nutzen und allen zu zeigen, was ich kann.

Hoffnung macht mir dabei die außergewöhnliche Geschichte, die Luther zu erzählen hat. Ich weiß natürlich, dass einige Leute ihn als eine Art hübschen jugendlichen Actionstar sehen, doch ich halte das nicht für zutreffend. Ich habe ein paar interessante und scharfsinnige Dinge gelesen, die er in Interviews geäußert hat, und bin von seinem Talent wirklich überzeugt. Die von mir so heiß geliebte Szene in Fever, wo sie schweigend tanzen, war offenbar seine Idee. Auf jeden Fall macht man eine Karriere, wie er sie hingelegt hat, nur, wenn man auch schlau ist.

Aber warum um Himmels willen schreibt Luther überhaupt dieses Buch? Für einen so großen Star wie ihn ist das ein sehr ungewöhnlicher Schritt. Denn das Geld hat er nicht nötig. Ich glaube, da steckt mehr dahinter. Vielleicht hat es mit seinem einjährigen Verschwinden aus der Öffentlichkeit zu tun, vielleicht ist es jedoch auch was anderes, einen Grund dafür muss es allerdings geben.

Jedes Mal, wenn ich daran denke, bekomme ich einen kleinen Schock: Ich werde ihn tatsächlich treffen. Und ihn nicht nur treffen: Wenn alles gut geht, werde ich ihn sogar auf eine Weise kennenlernen, wie sie intimer nicht vorstellbar ist – na gut, auf sehr intime Weise. Ich werde mit ihm über Dinge sprechen, die er womöglich noch nie jemandem anvertraut hat. Bei allem, was er durchgemacht hat, überrascht es nicht, dass er zurückblicken, reflektieren und darüber reden möchte. Und diese Person könnte ich sein.

Und sollte das der Fall sein … ich würde sterben, wenn jemand wüsste, dass ich überhaupt an so etwas denke, dann könnte vielleicht, nur vielleicht … mehr daraus werden. Schließlich verlieben sich Künstler doch ständig in ihre persönlichen Assistenten oder ihre Maskenbildnerinnen, weil dies die Menschen sind, die ihnen am nächsten stehen. Warum nicht auch in ihre Lektorin? Ich gönne mir den Tagtraum, wie wir beide nach einem harten Arbeitstag am Buch gemeinsam ein romantisches Abendessen genießen und Luther mir sein ganzes Leben offenlegt: »Ich habe darüber noch nie mit jemandem sprechen können …« Natürlich müsste ich zurück nach London, aber wir könnten am Anfang eine Fernbeziehung führen. Dann würde ich nach L. A. ziehen, und wir würden in einem kleinen Haus in Malibu wohnen – wo immer das ist … Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in L. A. Literaturagenturen gibt, für die ich arbeiten könnte … Und dann sehe ich Simon vor mir, der eine Zeitschrift aufschlägt und von meiner Promiromanze lesen muss, oder ein Foto von Luther und mir sieht und sich wünscht, er könnte mich zurückbekommen … Aber Schluss damit. Ich habe es nicht einmal geschafft, Simons Interesse für länger als acht Wochen zu wecken, und werde mit Sicherheit nicht Luther Carson erobern.

Ding-dong! Eine weitere zweisprachige Ansage. Wir sind im Landeanflug. Ich kann Sizilien sehen: die Küste mit ihren Lichtern und das dunkle Meer und weitere Dunkelheit im Landesinneren. Ich komme zum ersten Mal nach Italien und bin aufgeregt. Wie alle anderen wohl auch – spontanes Klatschen, als wir landen. Die junge italienische Frau neben mir steckt ihr Buch weg, und wir kommen ins Plaudern. Sie hat in London gearbeitet – natürlich in Camden –, aber sie ist außer sich vor Freude, wieder zu Hause zu sein, sie berührt sogar, als wir endlich das Flugzeug über eine Treppe verlassen, mit ihren Fingern das Rollfeld und küsst diese dann fröhlich. Das habe ich in Gatwick noch niemanden tun sehen.

Es ist zehn Uhr abends und dunkel, doch die Luft ist noch immer lau. Beim Betreten des Flughafengebäudes überrascht es mich, wie viele nach Militär aussehende Typen hier in hellblauen Uniformen herumstolzieren und mit ansehnlichen Waffen herumfuchteln. Bis unsere Koffer kommen, dauert es eine Ewigkeit, und wie immer habe ich Angst, dass meiner verloren gegangen sein könnte, obwohl es mir noch nie passiert ist.

Zwanzig Minuten später ist es allerdings so weit. Für mich ist tatsächlich kein Koffer dabei. Eine italienische Familie vermisst ihren Buggy, und ich zockele mit ihnen zur Auskunft. Der Vater schimpft und wütet, aber wir bekommen nur ein langes Formular zum Ausfüllen in die Hand gedrückt. Während die Auseinandersetzung zum Crescendo anschwillt (der Vater deutet auf mich, vermutlich um zu verdeutlichen, dass hilflose Ausländer vom Fontanarossa-Flughafen im Stich gelassen werden), beschließe ich, meinen Nervenzusammenbruch zu verschieben. Ich werde klarkommen. Das einzig Wichtige ist mein Handgepäck, in dem sich Luthers Manuskript und ein Glas Marmite befinden, worum der Ghostwriter Brian gebeten hatte. Und wenigstens ist die Schlange vor der Passkontrolle inzwischen kürzer geworden. Mein Pass wird jedoch sehr gründlich überprüft, und die Augen des Passbeamten huschen zwischen mir und meinem schrecklichen Passfoto hin und her.

»Inglese?«, fragt er.

Ich errate die Bedeutung seiner Worte. »Engländerin, ja«, erwidere ich. Er zuckt daraufhin mit den Schultern, als wollte er sagen: »Da kann man auch nicht helfen«, und gibt mir meinen Pass zurück.

»Grazie«, antworte ich.

Als ich in die Ankunftshalle komme, fühle ich mich wie eine Riesin – weit und breit die größte und zugleich auch blasseste Person. Überall kleine, flott gekleidete Männer und hinreißend aussehende Frauen, die sich um Kopf und Kragen quasseln. Jede Menge Klunker, weiße Jeans, Designer T-Shirts und kaum ein Schuh mit flachem Absatz.

Ich halte Ausschau nach jemandem mit einem Schild – ich habe einen Fahrer organisiert. Natürlich hätte ich auch ein Auto mieten können, aber das ist teuer, und außerdem ist die Idee, in Sizilien selbst zu fahren, vielleicht auch gar nicht so gut. Ich sehe allerdings niemanden, der nach Fahrer aussieht. Als ich mich frage, ob er womöglich schon wieder weg ist, tritt ein großer Mann mit braunen Haaren, Brille und einem verblichenen grauen T-Shirt, auf dem UCLA steht, aus der Menge hervor.

»Olivia?«, erkundigt er sich zweifelnd.

»Nein, ich bin Alice Roberts«, stelle ich mich vor. »Ich arbeite mit Olivia zusammen. Äh, sind Sie von Italcar?«

Er zieht die Augenbrauen hoch. »Nein. Ich bin Sam Newland.«

Du meine Güte. Es ist Luthers Monster-Mega-Agent. Ich habe ein paar äußerst furchterregende E-Mails von ihm zu Gesicht bekommen. Eigentlich hatte ich mir ihn in den Vierzigern vorgestellt, aber er dürfte nicht viel älter sein als ich. Was macht er hier? Er sollte doch in L. A. sein.

»O sorry. Ich hatte keine Ahnung, dass Sie hier sind.«

»Klar«, sagt Sam. »Ich habe auch nicht mit Ihnen gerechnet.«

»Nun, Olivia geht es nicht gut, deshalb bin ich gekommen.« Wieso weiß er das nicht? Ich hatte ihn doch informiert oder jedenfalls jemanden von der Entourage.

Sam glotzt mich an, als hätte er ein Lendensteak bestellt und stattdessen ein Steak Tartar vorgesetzt bekommen. Offensichtlich mache ich einen viel zu jungen Eindruck, als dass man mir zutraut, mit Luther umgehen zu können. Aber er ist schließlich auch noch nicht im Rentenalter. Sam sieht auf typisch amerikanische Weise ziemlich gut aus: Er ist groß, gut gebaut und gebräunt, hat schöne Zähne und ein kräftiges Kinn. Nur seine schräg stehenden grauen Augen, die ein wenig blutunterlaufen sind, fallen aus dem Rahmen. Und er wirkt auch nicht wie ein Hollywoodagent, sondern eher wie ein adretter Collegejunge oder ein junger Banker, der am Wochenende raus darf, um Fußball zu spielen. Ruth würde sich vermutlich sofort in ihn verlieben, mein Typ ist er definitiv nicht.

Sam wippt mit dem Fuß, er scheint es eilig zu haben. »Können wir los? Wo ist Ihr Gepäck?«, fragt er mich.

Ich erkläre es, und ehe ich ihn aufhalten kann, ist er schon losgezogen, um einen Flughafenangestellten in offenbar fließendem Italienisch anzusprechen. Aber er kommt nicht weiter als ich, wie ich erleichtert feststelle. Ich finde es schlimm genug, dass mein Gepäck verloren gegangen ist und ich erfahren muss, dass er ausgerechnet jetzt hier ist, und es hätte mich überfordert, wenn er auch noch auf Anhieb mein Reisefiasko geklärt hätte.

»Ich hatte einen Wagen organisiert«, sage ich, als wir auf den Ausgang zusteuern.

»Ja, ich habe das storniert.« Sam ist die weitaus größte Gestalt im Flughafen, und ich habe Mühe, mit ihm Schritt zu halten. »Ich dachte mir, es schadet nicht, wenn wir ein wenig plaudern und ein paar Dinge klären, bevor Sie ankommen.«

Das klingt verhängnisvoll. Wir bleiben vor einem staubigen kleinen gemieteten Fiat – wieso kein Porsche? – stehen, und Sam hält mir die Wagentür auf, ehe er zur Fahrerseite herumgeht. Was er sicherlich aus Gewohnheit macht, und nicht, um mir zu gefallen. Als wir einsteigen, nimmt er seine Brille ab und reibt sich die Augen.

»Ich habe übrigens nichts getrunken«, sagt er. »Meine Augen sind gerötet, weil ich heute im Pool schwimmen war.«

Es ist ja nett zu erfahren, dass er sich beim Baden vergnügt hat, aber ich würde viel lieber wissen, was er hier macht: nicht nur am Flughafen, sondern auch in der Villa. Und worüber will er mit mir sprechen? Ich war davon ausgegangen, mich während der Fahrt auf alles vorzubereiten, stattdessen werde ich jetzt gleich ins kalte Wasser geworfen. Außerdem merke ich bei wiederholten Blicken in den Spiegel, dass ich ziemlich ramponiert aussehe: Da ich während des Flugs gedöst habe, sind meine Haare verwuschelt, und mit meinen kleinen Augen sehe ich müde aus.

Es dauert nicht lang, bis wir auf die Autobahn auffahren. Sam hat die Klimaanlage ganz aufgedreht, und ich bin froh, dass ich wenigstens noch meine Stola habe. Vielleicht kann ich diese morgen als eine Art Sarong tragen. Oder vielleicht gibt es in der Villa ja auch ein paar Vorhänge, die sich zu Kleidern umgestalten lassen, wie in Vom Winde verweht. Dabei fallen mir die wichtigeren Dinge in meinem Koffer ein – wie etwa mein Arzneitäschchen, der Badeanzug, das Ladegerät für mein Mobiltelefon und, o nein, meine große Flasche Sonnenlotion mit Faktor 45, der Grund dafür, weshalb ich das Gepäck überhaupt aufgegeben habe. Wie Miley Cyrus bin ich im ganz wörtlichen Sinn mit einem Traum und einer Strickjacke aus dem Flugzeug gestiegen, nur dass es in meinem Fall ein Traum und eine Stola sind.

»Ist die Villa denn schön?«, frage ich, um ein wenig Konversation zu machen.

»Aber ja«, entgegnet Sam. »Luther wollte nach den Dreharbeiten in Rom etwas Ruhiges und bat mich, irgendwo was für ihn zu suchen. Er dachte dabei an Sardinien, das ist allerdings viel zu sehr Partyinsel – hier sind wir mehr unter uns.«

Er ist zwar nicht gerade ein Charmeur, aber offensichtlich hat er großen Einfluss auf Luther. Ich sollte mich darum bemühen, ihn auf meiner Seite zu haben.

»Wo haben Sie so gut Italienisch sprechen gelernt?«

»Ich habe mal eine Zeit lang hier gelebt«, erwidert er in einem Ton, der keine weiteren Fragen duldet. Ich bereite mich darauf vor, ein paar unaufdringlichere Punkte anzusprechen, aber er kommt mir zuvor und setzt zu einer Befragung an.

»Also … was sagten Sie noch mal hat Olivia daran gehindert, selbst zu kommen?«

Ich erzähle ihm von dem doppelten Leistenbruch.

»Aha«, meint er abschätzig und legt damit nahe, dass sie sich doch hätte zusammenreißen, ein paar Aspirin einwerfen und sich ins Flugzeug setzen können. »Warum hat sie mich nicht darüber informiert, dass Sie an ihrer Stelle kommen?«

»Hat Brian das nicht erwähnt?«

»Nein, er sagte nur, dass Luthers Lektorin kommen wird. Ich ging davon aus, dass das Olivia ist.« Es folgt eine angespannte Pause. »Dann sind Sie also das Abwesenheitsnotiz-Mädchen?«, ergänzt er abrupt.

»Wie bitte?«

»Ich meine damit, dass Sie diejenige sind, die in Olivias Abwesenheitsnotiz als Vertretung genannt wird.«