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Arnon Grünberg

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Beschreibung

Major Anthonys Frau wünscht sich ein Kind, aber es klappt nicht. Ließe sich beim Kampf gegen die Guerilleros nicht ein Kind beschaffen? In einem gottverlassenen Ort irgendwo in Südamerika macht Major Anthony seiner Frau das Mädchen Lina zum Geschenk. Doch Liebe auf Kommando, so funktioniert das nicht.

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Seitenzahl: 786

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Arnon Grünberg

Mitgenommen

Roman Aus dem Niederländischen

Titel der 2008 bei Lebowski, Amsterdam, erschienenen Originalausgabe: ›Onze Oom‹

Copyright © 2008 by Arnon Grünberg

Die deutsche Erstausgabe erschien 2010 im Diogenes Verlag

Covermotiv: Illustration von Marjorie Weiss, ›The Trip‹, 1999

Copyright © Private Collection/Bridgeman Images

Für Mayu

Alle deutschen Rechte vorbehalten

Copyright © 2012

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 24173 0

ISBN E-Book 978 3 257 60147 3

[7] I

Verführung

[9] 1

Der Mörder von Lina Siñani Huancas Eltern konnte selbst keine Kinder zeugen, darum beschloss er, Lina Siñani Huanca zu adoptieren. Er brauchte nicht lange darüber nachzudenken, das Kind stand da im Halbdunkel und sah ihn an, als hätte es unwillkürlich erraten, dass er der Leiter dieser Operation war, als wisse es, dass die Entscheidung, was jetzt zu geschehen hatte, allein von ihm abhing. Noch bevor er irgendetwas gesagt hatte, musste die Kleine begriffen haben, dass ihrer beider Schicksal von heute an eines war. Auf immer miteinander verbunden, eine Verbindung, stärker als jede Blutsverwandtschaft.

Sie stand neben einem Holztisch mit den Resten der letzten Mahlzeit. Schmutzige Teller, Besteck, Kerzen, eine Zeitung und eine tiefe Pfanne. Die angebrannten Reste eines Eintopfs? Reis mit etwas Fleisch?

Er war aus dem Schlafzimmer heruntergekommen, um einem Geräusch nachzugehen – eine überflüssige Frage im Grunde, was konnte so ein Geräusch schon bedeuten? –, und hatte ihre Anwesenheit physisch gespürt. Obwohl sie noch einige Meter von ihm entfernt stand, nahm er sie körperlich wahr. Noch bevor er sie gesehen hatte, bevor das Licht der Taschenlampe auf ihr Gesicht fiel, fühlte er sich von ihr abgetastet wie von einer Blinden.

Er hatte seine Karriere als Späher begonnen. Er roch den [10] anderen, bevor er ihn sah. Und obwohl er diese Fähigkeit verloren geglaubt hatte – sie hatte ihn verlassen wie eine Geliebte –, war sie heute Nacht mit einem Mal wieder da. Stärker als jemals zuvor. Die alte Gewissheit, dass allein absolute Konzentration, mit der man seine Umgebung belauerte, das eigene Überleben sicherte.

Er richtete den Lichtkegel auf sie, sah ihre Zöpfe, nicht lange, doch lange genug, um zu wissen, dass er mehr Licht brauchte.

Sie hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Hinter ihr eine Tür, die wohl in ihr Zimmer führte. Er hielt den Blick auf sie gerichtet, während seine Männer im Obergeschoss schweigend umherliefen und er die Taschenlampe auf den Boden richtete, um die Kleine nicht zu blenden. Für einen Augenblick hatte er sich gefragt, ob sie wusste, was im Schlafzimmer ihrer Eltern geschehen war, doch dann hatte er wieder fasziniert auf ihre Zöpfe gestarrt, die längsten, die er jemals gesehen hatte.

Seine Männer durchkämmten das Haus, suchten Beweismaterial, alles, was irgendwie als »belastend« eingestuft werden konnte, obwohl sich das eigentlich erübrigt hatte. Es war eine Formalität, doch gerade darum so wichtig. Formalitäten trennten den Menschen vom Chaos. Immer wieder schärfte er seinen Männern ein, dass eine Hausdurchsuchung kein Grund zum Vandalismus sei. Es ging nicht darum, so viel wie möglich zu verwüsten oder mitgehen zu lassen, es ging um belastendes Material. Manchmal waren seine Männer in einem Rausch. Kein Rausch von Alkohol oder Drogen, sondern berauscht vom Leben im ursprünglichsten Sinn: dem Rausch der Vernichtung.

[11] Das Mädchen hielt sich mit der linken Hand an einem Tischbein fest. Sie trug einen gelben Pyjama. Ihre Zöpfe waren lang und prächtig, und ihr Haar war so schwarz, dass es fast blau wirkte. Er versuchte vergeblich, ihr Alter zu schätzen. Neffen oder Nichten hatte er nicht, und seine wenigen Bekannten traf er stets ohne Kinder. Wie sollte er da das Alter eines Kindes einschätzen lernen? Er konnte andere Dinge.

Sein Vater war anglophil, ohne jemals in England gewesen zu sein. Mühsam ergatterte er ab und zu ein paar scones und etwas, das entfernt clotted cream ähnelte, und zu Weihnachten musste seine Frau sich mit einem christmas pudding abplagen. Der Vater des Majors sprach nur mäßiges Englisch, trotzdem war diese Sprache seiner felsenfesten Überzeugung nach die Sprache der Kultur schlechthin. Übermäßig gesprächig war er nie gewesen, und doch konnte er aus heiterem Himmel ein lautes »Indeed« von sich geben. Der Sohn durfte daher auch nicht Antonio heißen – wie der Vater des Vaters –, sondern musste als Anthony durchs Leben gehen.

In der Schule war er der einzige Anthony gewesen, genauso bei der Armee. Er hatte sich damit abgefunden. Höchstens hatte er sich vorgenommen, dass seine eigenen Kinder, wenn er je welche hätte, gewöhnliche Namen bekämen, solche, die man überall aussprechen konnte.

Der Major wischte sich den Schweiß von der Stirn, ohne das Mädchen aus den Augen zu lassen. Nur ein einziges Wort kam ihm in den Sinn: »Indeed.« Er stand mit dem Rücken zur Wand und horchte auf die Schritte seiner Männer. Wie oft hatte er ihnen eingebleut: »Unsere Aufgabe erfordert Diskretion.«

[12] Er war in dieser Provinzstadt geboren worden und zur Armee gegangen, um etwas von der Welt zu sehen, etwas zu lernen, ohne dazu ein Stipendium zu benötigen oder reiche Eltern. Er wollte weg aus der Provinz, die er schon hasste, als er noch jung war, und die er immer noch hasste. Der Hass war im Laufe der Zeit nicht kleiner geworden, nur stiller. Er hatte etwas Vertrautes bekommen. Man lernte, mit ihm zu leben. Er jedenfalls hatte es gelernt. Die Männer seiner zwei älteren Schwestern hatten zwar studiert, doch einer von ihnen war arbeitslos, und der andere verdiente kaum seine Miete. Nein, er hatte sich die Universität rechtzeitig aus dem Kopf geschlagen, noch bevor er einen Fuß über ihre Schwelle gesetzt hatte, und es nie bereut. Die Armee war vielleicht nicht das, was er sich ursprünglich von ihr erträumt hatte, man hatte ihm andere Dinge versprochen, ein anderes Leben, damals in der Ausbildung, aber immer noch besser, als an einer Dorfschule als Lehrer dahinzuvegetieren. Er hatte ein ordentliches Einkommen und hatte Karriere gemacht. Selbst die Männer, die ihn ständig verhöhnten und nicht einmal damit aufhörten, wenn er in Hörweite war, mussten das zugeben, sonst hätten sie gar keinen Grund, so beleidigend über ihn zu reden.

Die Armee hatte ihm einen Ausweg geboten. Er hatte die Möglichkeit mit beiden Händen ergriffen, auch wenn die anfängliche Hoffnung sich später zerschlagen sollte. »Intelligent, aber nicht brillant«, hatte der Pater, der Anthony auf der Schule in Mathematik unterrichtete, ihm ins Zeugnis geschrieben. Diese Beschreibung stimmte noch immer, musste er zugeben, obwohl er inzwischen hinzufügen konnte: »Zeigt hohen Einsatz und viel Disziplin, verbunden mit [13] besonderer Teamfähigkeit.« Letzteres bedeutete für ihn, dass er mehr als andere Offiziere bereit war, persönliche Animositäten ruhen zu lassen. Eine Armee, in der jeder sein eigenes Süppchen kochte, war zum Tode verurteilt. Ein Soldat diente einem höheren Ziel. Zu Beginn seiner Laufbahn hatte er die Gabe unfehlbarer Sinneswahrnehmung gehabt, die Gabe, den anderen zu riechen, lange bevor der ihn sah. Das hatten die anderen anzuerkennen, daran hielt er sich fest.

Er beleuchtete einen Schrank in der Zimmerecke und sah Porzellanteller, Fotos, ein kleines gerahmtes Landschaftsgemälde. Dann richtete er seine Taschenlampe nach unten, Licht fiel auf seine Stiefel. Schmutzige Stiefel, fiel ihm auf, Stiefel, die dringend geputzt werden mussten. Doch alles war voller Schlamm, voller Dreck, vor allem in Vierteln wie diesem, besonders zur Regenzeit.

Der Major hustete. Langsam sah er auf, während er die Taschenlampe noch einen Moment auf den Boden gerichtet hielt. Vorsichtig schwenkte er den Strahl, das Licht traf nun den Oberkörper des Mädchens, den gelben Pyjama. Er sah dem Kind, für das er ab jetzt die Verantwortung trug, in die Augen. »Ich bin Major Anthony«, sagte er. »Ich leite diese Operation. Und wie heißt du?«

Sie bewegte sich nicht. Ihre Zöpfe hingen reglos an ihrem Körper herunter, ihre herrlichen Zöpfe.

Er redete nicht gern, und wenn er redete – vor allem mit Fremden –, klang es gezwungen. Die Armee war kein Diskussionsclub. Seiner Meinung nach wurde in der Armee sowieso schon zu viel geredet, zu viel über andere getratscht. Reden war ein Symptom der Zersetzung.

Die Kleine sah zu ihm auf. Sie starrte ihn an, ihr Gesicht [14] verriet nicht die geringste Regung, als sei sie bei lebendigem Leibe mumifiziert.

Vor circa neun Stunden hatte er zu hören bekommen, dass er den Einsatz persönlich leiten solle. In einem Nebensatz hatte man es ihm mitgeteilt und ihm dann ein Papier mit den wichtigsten Informationen in die Hand gedrückt. Bei den Wörtern »Einsatz« und »leiten« musste er jedes Mal wieder lächeln – eigentlich war er ja nicht zur Armee gegangen, um Polizist zu spielen.

Ein junger Korporal, den er noch nicht kannte, war ihm zugeteilt worden. Ein feucht glänzendes Gesicht auf einem langen mageren Körper.

»Woher kommst du?«, hatte der Major gefragt, bevor sie in den Jeep stiegen.

»Aus den Bergen«, antwortete der Korporal.

»Aus den Bergen«, wiederholte der Major. »Aha.«

Um halb zwei in der Nacht hatten sie die Kaserne verlassen, Major Anthony, der Korporal und zwei Soldaten, mit denen er schon früher zusammengearbeitet hatte. Sein Bataillon hatte die Aufgabe, verdächtige Individuen festzunehmen. Dass er als Major immer noch selbst auf Einsatz geschickt wurde, hatte vermutlich damit zu tun, dass er nicht besonders beliebt war. Nicht, dass er verhasst gewesen wäre wie gewisse andere Offiziere, die langsam von ihren Untergebenen fertiggemacht wurden. Major Anthony hatte diese Offiziere gekannt, war dabei gewesen, wie sie, um ihre Ehre zu retten, nach Abschluss einer Übung den Abzug gedrückt hatten.

Bei manchen war der Major sogar beliebt – das war [15] zumindest sein Eindruck –, nur nicht bei denen, auf die es ankam. Nicht beliebt genug, um ein komfortables Leben zu führen wie andere Offiziere, oft jünger als er. Darum musste er mitten in der Nacht ausrücken und Dinge erledigen, für die andere Offiziere seines Ranges sich längst zu schade waren.

Doch er tat es nicht ungern. Praxiserfahrung war wichtig, gerade für einen Offizier. Er hatte immer mehr sein wollen als einer von diesen Schreibtischtätern. Wer mit dem Aufspüren und der Festnahme von Verdächtigen betraut war, musste ihnen ab und zu gegenüberstehen, sonst wurde die Arbeit hoffnungslos abstrakt. Man musste das verdächtige Individuum sehen, es riechen, um zu wissen, worin der Sinn dieser Arbeit bestand.

Er war in erster Linie loyal: loyal seinem Vater gegenüber, obwohl der mehr anglophil als Vater gewesen war, loyal seinem Arbeitgeber, obwohl der oft mehr von ihm verlangte, als man von einem Arbeitnehmer verlangen durfte, vor allem jedoch loyal gegenüber dem Staat. Ein Bürger hat dem Staat gegenüber loyal zu sein, sonst ist er kein Bürger mehr, und für einen Militär galt diese Loyalität doppelt, war seine feste Überzeugung. Der Staat war für ihn so etwas wie ein geliebter Verwandter, ein Onkel.

»Aber diese Loyalität, ist das nicht die eines Gefangenen in seiner Zelle?«, hatte sein Vater einmal gefragt. Für Major Anthony war die Armee eine Falle, obwohl er das anderen gegenüber so niemals zugegeben hätte.

Das Viertel, in dem die verdächtigen Individuen wohnten, war gerade ohne Strom. Das kam öfter vor. Niemand wusste, woran es lag, einige meinten, dass die [16] Elektrizitätsgesellschaft manche Viertel zu bestimmten Zeiten nicht mehr belieferte, andere, dass der Staat den Strom abstellte, um gewisse Bevölkerungsgruppen kollektiv zu bestrafen. Wieder andere sprachen von Sabotage.

Sie saßen im Jeep und warteten am Anfang der Straße, in der die verdächtigen Individuen wohnten. Die zwei Soldaten kauten Kaugummi, einer von ihnen machte Blasen, ohne sie platzen zu lassen. Der Korporal hatte ein paarmal gehustet, bis Major Anthony leise befahl: »Korporal, hören Sie auf mit dem Husten.« Sie warteten, weil die Order lautete, die verdächtigen Individuen um drei Uhr morgens festzunehmen. Pünktlichkeit war der halbe Erfolg. Bevor sie die Kaserne verließen, hatte er es seinen Männern noch einmal eingeschärft: »Bei der Festnahme von Verdächtigen muss man abwarten und dann im richtigen Moment zuschlagen. Ihr steht da nicht nur für euch, nicht nur für mein Bataillon, ihr kommt im Namen des Staates, und so habt ihr euch auch zu verhalten.«

Worauf der Korporal gemeint hatte: »In dieser Armee hab ich nie was andres gemacht als immer nur warten.«

Es war ruhig auf der Straße, niemand verletzte die Ausgangssperre. Weil der Major Kritik geäußert, seine Vorgesetzten auf gewisse Missstände hingewiesen hatte, musste er jetzt Operationen leiten, für die sich ein Leutnant zu gut war. Doch so sagten seine Vorgesetzten es nicht. Sie sagten: »Du bist begabt im taktischen Einsatz.«

Ja, ihm lag der Einsatz vor Ort.

Vom Jeep aus hatte er das Haus beobachtet, in dem die Verdächtigen sich angeblich aufhielten. Von außen war dem Haus nichts anzumerken. Von außen sah man nie etwas.

[17] Noch einmal hatte der Korporal gehustet, und Major Anthony hatte geflüstert: »Korporal, jetzt hören Sie endlich auf! Wir sind hier nicht auf der Krankenstation.«

Zum sechsten Mal hatte er auf die Uhr gesehen.

»Was erwartet uns da drin?«, hatte der eine Soldat gefragt. »Sind sie bewaffnet?«

»Von Waffen habe ich nichts gehört«, sagte der Major. »Aber bleibt bei der Sache. Seid auf der Hut. Bleibt konzentriert. Ich werde vorgehen.«

In seiner Brusttasche steckte der Zettel mit den Namen der Verdächtigen, versehen mit Stempel und Unterschrift. Er holte ihn hervor, doch es war zu dunkel, um ihn zu lesen. Er steckte ihn sorgfältig wieder ein. Von der Regenzeit hatte er eine leichte Migräne. Die Melodie eines bekannten Lieds ging ihm nicht aus dem Kopf, nur an den Text konnte er sich nicht mehr erinnern. Er versuchte, sich die Worte ins Gedächtnis zu rufen, doch ohne Erfolg.

Um exakt drei Uhr morgens waren sie in das Haus eingedrungen. Die Haustür war nicht abgeschlossen, in Vierteln wie diesem nichts Ungewöhnliches. Irgendwo schlug ein Hund an, doch da waren sie schon drin. Mitten im großen Zimmer. Einer der Soldaten hatte auf eine Art Leiter gezeigt, die zu einem nachträglich gebauten Oberstock, wohl dem Elternschlafzimmer, führte. Wie angekündigt, ging Major Anthony voran, die Dienstwaffe im Anschlag, obwohl er keine Probleme erwartete.

Wie vermutet, fand er die Verdächtigen im Bett vor. Der beste Moment, jemanden festzunehmen, war, wenn der sich im Schlaf oder Halbschlaf befand, gerade erst wach geworden von irgendeinem Geräusch. Darum kamen sie immer [18] nachts, damit die Operation für alle Beteiligten so problemlos wie möglich verlief. Diskretion war das Entscheidende. Neugierige Zuschauer hätten gestört.

Ein Ehepaar, hatte er von seinen Vorgesetzten erfahren. Er hatte die Waffe sinken lassen und mit der Taschenlampe aufs Bett geleuchtet. »Sind Sie…«, hatte er begonnen. Doch weiter war er nicht gekommen.

»Sind Sie Señor und Señora Siñani?«, hatte er fragen wollen. So lautete die Vorschrift. Manchen Offizieren zufolge vollkommen überflüssig, seiner Meinung nach nicht. Eine Armee lebt von Vorschriften und Formalitäten.

Er hatte seine Frage – welche Antwort auch immer gekommen wäre, die Festnahme hätte stattgefunden, doch es war seine Pflicht, diese Frage zu stellen – nicht zu Ende gebracht, weil eines der verdächtigen Individuen, der Mann, plötzlich nach etwas auf dem Nachttisch gegriffen hatte, vermutlich nach einer Waffe.

In dem Moment begann der Korporal zu schießen.

Er schoss wie ein Anfänger. Er schien gar nicht mehr aufhören zu wollen.

Der Major hatte nicht gesehen, dass der Korporal seinen Finger am Abzug hielt. Immer wieder sagte er seinen Männern: »Legt euren Finger erst an den Abzug, wenn es so weit ist. Nicht eine Sekunde früher.«

Zu früh schießen war genauso gefährlich wie zu spät.

»Stopp!«, hatte der Major gebrüllt. »Stopp! Idiot!«

Endlich hatte der Korporal den Finger vom Abzug genommen. Er hatte die Maschinenpistole sinken lassen und den Major mit hängenden Schultern angesehen. Major Anthony hatte dem Korporal mit der Taschenlampe ins [19] Gesicht geleuchtet, und ihm war aufgefallen, wie deprimiert und kraftlos der Korporal aussah. Unterernährt, das war das Wort. Er bemerkte es erst jetzt. Sie hatten ihm einen unterernährten Korporal geschickt.

»Die Armee schikaniert uns«, sagten die Leute manchmal zu ihm, wenn sie von seinem Beruf erfuhren. Doch was die meisten nicht wussten, war, dass die Armee vor allem ihre eigenen Leute schikanierte. Ihm hatten sie einen unterernährten Korporal aufgedrückt.

Dann hatte er den Lichtkegel auf das Bett gerichtet, und er und die Männer sahen, dass der Verdächtige nicht nach einer Waffe, sondern nach seiner Brille gegriffen hatte. Wozu brauchte der ausgerechnet in dem Moment eine Brille? Wer setzt seine Brille auf, wenn er festgenommen wird?

»Dieses Arschloch«, murmelte der Major, er wusste nicht, ob er den Korporal oder den Verdächtigen meinte.

»Dieses Arschloch«, wiederholte er, leiser jetzt, zögernd. Er war sich seiner Sache gar nicht mehr sicher. Wer war hier das Arschloch? Er steckte seine Dienstwaffe ins Halfter, als sei die Operation schon beendet.

»Herr Major«, sagte einer der Soldaten und zeigte auf das andere verdächtige Individuum. Die Frau war ebenfalls verwundet, aber sie lebte noch. Sie blutete und wand sich wie eine Schlange. »Das sieht nicht gut aus, Herr Major«, sagte der Soldat. »Gar nicht gut. Sie wird es nicht schaffen.«

»Die Nase«, so nannte man diesen Soldaten, weil er ein großes Muttermal auf der Nase hatte. Alle kannten ihn nur als »die Nase«. Auch der Major, der schon öfter mit ihm gearbeitet hatte, hatte keine Ahnung, wie der Soldat wirklich hieß. Er müsste in seiner Akte nachsehen.

[20] »Was sollte das?«, fragte der Major den Korporal. »Macht ihr das so bei euch in den Bergen? Wo hast du deine Ausbildung gemacht? Hast du überhaupt eine?«

Der Korporal hustete, und Major Anthony fühlte sich alt und schwach. Alle Hoffnung verließ ihn, ja, er wusste nicht einmal mehr, ob er in den letzten Jahren überhaupt etwas gehofft hatte. Alles Leben wich aus ihm, sein eigenes, doch auch das der Verdächtigen, die er hätte festnehmen sollen. Es war, als verlasse der Mann auf dem Bett die Welt durch den Leib des Majors. Der Major war die letzte Station des verdächtigen Individuums vor seinem Aufbruch in eine andere, bessere Welt.

Die verwundete Frau lag immer noch neben dem Mann. Sie waren beide verdächtig gewesen. Der Staat ging keine unnötigen Risiken ein. Mit wem man verheiratet ist, ist kein Zufall. Liebe ist oft nur ein Vorwand für subversive Aktivitäten.

»Herr Major, ich dachte, er hätte eine Waffe«, flüsterte der junge Korporal. »Er hatte auch eine, Sie haben es selbst gesehen. Es sah aus wie eine Waffe.«

Als Major Anthony den Jungen näher ansah, fiel ihm erneut auf, wie krank der Korporal wirkte. »Das war eine Brille. Hast du keine Augen im Kopf?« Er starrte auf das Bett, auf den Toten, die Brille, die Laken, die Decke, die verwundete Frau und roch den ekelerregenden Geruch nach Blut.

»Ich dachte…«, flüsterte der Korporal.

»Du hast gedacht!«, rief der Major. »Du sollst hier nicht denken. Tu nichts, was du nicht kannst. Niemand soll machen, was er nicht kann.«

[21] Er fluchte ein paarmal. Übel wurde ihm von diesem Geruch. Dieses Süßlich-Benebelnde. Der Soldat, der »die Nase« hieß, kaute rhythmisch auf seinem Kaugummi, der andere machte eine Blase. Der mit der Blase war neunzehn und im Grunde ein Analphabet. Er konnte seinen Namen schreiben, aber das war’s auch schon. Bevor er zur Armee gegangen war, hatte er die meiste Zeit Klebstoff geschnüffelt. Trotzdem war er ein guter Junge. Bei einer Aktion vor ein paar Wochen hatte der Major sich mit ihm unterhalten. Der Junge war ehrlich, aber hatte kein Rückgrat. Wie sollte er auch, nach sechs Jahren Leben auf der Straße? So, wie die Armee zerfiel, zerfiel das gesamte Land, der ganze Krieg, der kein Krieg war und den man offiziell nicht so nennen durfte, und so zerfiel auch der Major. Was ihn noch zusammenhielt, war seine Uniform.

»Herr Major, es sind Arschlöcher!«, rief der Korporal. »Nichts als Arschlöcher, wissen Sie, was die mit uns gemacht hätten? Sie wissen, was die gemacht hätten.« Seine Stimme überschlug sich. Immer weiter rief er »Arschlöcher, Herr Major«, bis der Major sagte: »Jetzt halt endlich die Klappe.«

Diese Provinzstadt, in der er geboren war, hatte er niemals verlassen. Acht Kilometer von ihr entfernt lag die Kaserne, wo er fünf Tage pro Woche frühmorgens hinfuhr. Meist fuhr er am Abend wieder nach Hause, zu seiner Frau, die er bei einer Übung in den Bergen kennengelernt hatte, in einer Kneipe.

Andere Offiziere machten immer viel Lärm. Er nicht, Major Anthony war nie laut. Darum hatte sie ein Gespräch mit ihm angefangen. Sie hieß Paloma. Ihr Vater besaß eine [22] Tankstelle, die sein ganzer Stolz war, sein Schatz. Sie hatten schnell geheiratet, in diesen Dingen sollte man nicht zu lange warten, hatten Paloma und ihre Eltern gefunden. Und er hatte sie mitgenommen, aus den Bergen in die Provinzstadt.

Der Major sah auf das Bett und dachte an sein Zuhause, den kleinen Swimmingpool im Garten, er hatte ihn erst seit zwei Jahren. Als sich herausstellte, dass sie keine Kinder bekommen konnten – alles Mögliche hatten sie versucht, jahrelang –, hatte er einen Swimmingpool anlegen lassen. Doch bloß damit war seine Frau nicht zufrieden gewesen. Sie sagte: »Ein Swimmingpool ist kein Kind.« Darauf hatte der Major nichts mehr gesagt, sondern sich demonstrativ in den Pool fallen lassen. Er wollte beweisen, dass ein eigener Pool besser war als ein Kind.

»Sie schafft’s nicht«, sagte die Nase, »sie kommt nicht durch, Herr Major. Was sollen wir mit ihr machen?«

Er klang wie ein Schüler, der sich aus einer Prüfung herausreden will, für die er nicht genug gelernt hat. Kinder waren sie, diese Soldaten.

Der Major trat einen Schritt auf das Bett zu. Soweit er sah, könnte die Frau es sehr wohl schaffen. Mit einiger Mühe, doch schaffen könnte sie es. Doch wem nutzte das? Er würde trotzdem Ärger bekommen. Er hatte keine Freunde in höheren Chargen. Ihm würde man nichts verzeihen. Kein Auge zudrücken. Es würde Komplikationen geben, er musste hierfür geradestehen. Man schoss nicht einfach drauflos bei einer Festnahme. Man schoss nicht, weil ein verdächtiges Individuum nach seiner Brille griff.

Die Frau auf dem Bett öffnete den Mund, schien etwas [23] sagen zu wollen, doch heraus kam nur Blut. Ein kleiner, diskreter Schwall. Sie sah ihn an. Sie hatte langes braunes Haar.

So weit ist es also mit der Armee gekommen, dachte er, und mit mir. Er hörte die Nase sagen: »So eine Scheiße.«

Wieder dachte er an seinen Swimmingpool und an die Bauarbeiten. Zuerst hatte noch ein Wasserspeier in Form einer Meerjungfrau dazukommen sollen, doch das hätte das Budget endgültig gesprengt, und so war es bei einem einfachen Wasserstrahl geblieben, ohne Brunnenfigur.

Jetzt wusste er wieder, worauf er die letzten zwei Jahre gehofft hatte: auf seine Meerjungfrau.

»Bring es zu Ende«, befahl Major Anthony dem Korporal.

Der Junge begann, nervös zu lachen. Und wieder zu husten.

Der Blick des Majors blieb auf den Korporal gerichtet, um die Frau nicht ansehen zu müssen, die ihn vom Bett aus noch immer anstarrte, wie er wusste. Er spürte es. Der Späher in ihm war noch immer lebendig.

Sobald sie die Augen schlösse, könnte er sie wieder ansehen. Und das würde er tun, konzentriert. Nicht lang, doch lange genug, um sie nie mehr zu vergessen.

»Was soll ich?«, fragte der Korporal. »Nein, Herr Major, das geht nicht, das geht nicht, nein… Nicht ich…«

Der Major machte zwei Schritte auf den Korporal zu. Mit der einen Hand packte er ihn an der Kehle, während er ihm mit der Taschenlampe in sein ungesundes Gesicht leuchtete. »Was geht hier nicht? Was kannst du nicht? Du hast uns den ganzen Schlamassel eingebrockt. Geht das irgendwie in deinen Schädel? Kommt da überhaupt mal was an?«

Er drückte dem Korporal die Kehle zu, mit aller Kraft. So [24] war er sonst nicht. Er war außer sich, nicht er selbst. Das hier verstieß gegen sein Credo, ja seine Ethik. Und immer mehr verstieß er dagegen, immer fester drückte er zu.

Der Korporal hustete, der Korporal röchelte.

Wieder sah der Major seinen Pool, mit dem Springbrunnen ohne Meerjungfrau.

Endlich ließ er den Korporal los.

Das Gesicht des Jungen sah noch elender aus als zuvor. Seine Wangen waren dreckverschmiert, seine Stirn schweißbedeckt, und für einen Moment fragte sich der Major, ob der Korporal noch ganz bei Sinnen war.

»Jetzt!«, befahl er.

Der Korporal sah dem Major ins Gesicht, genau in die Augen, und der Major spürte den Hass. Kein Zweifel möglich, auch nicht daran, dass der andere, wenn er die Möglichkeit hätte, die Waffe auf ihn richten und bis zur letzten Patrone leer schießen würde. Und doch war der Hass ihm egal. Mit welchem Recht hasste der Korporal ihn? Hatte der Major sie in diese Lage gebracht? War er verantwortlich für die Unruhe im Land, für die Mittel, mit denen man sie unterdrücken musste? Hatte er diese Operation befohlen? War es seine Idee gewesen, einen unerfahrenen Korporal aus den Bergen auf diesen Einsatz zu schicken?

Der Junge legte an, das Gesicht mit der Farbe verregneter Pappe, und er schoss, wie zuvor schon. Man sah sofort, dass er wenig geübt war. Ungenau schoss er, zielte nicht, er schoss wahllos, wie mit der Gießkanne. Wie ein anderer seinen Garten sprengt. Endlich ließ der Korporal die Waffe sinken. »Jetzt alles in Ordnung, Major?«, fragte er. »Sind wir fertig? Sind Sie jetzt zufrieden?«

[25] Der Korporal sackte mit dem Rücken die Wand entlang zu Boden. Er hustete schrecklich.

Der Major schluckte. An den Schusslärm, diesen alles durchdringenden Krach, hatte er sich seltsamerweise nie ganz gewöhnt. Wie auch an die Spritzen und an die Blutproben, die man alle sechs Monate zum Gesundheitscheck von ihnen verlangte. Auch an die hatte er sich niemals gewöhnt.

Die kranke Armee wollte gesunde Männer und Frauen. Für die vorübergehende Taubheit, die auf das Schießen meist folgte, das Sausen im Ohr, das oft minutenlang anhielt, dafür interessierte sich niemand. Nur wenn man Angst, Todesangst hatte, wenn man dachte, sterben zu müssen, trat es nicht auf.

Der Major hatte keine Angst vor dem Sterben, nicht hier jedenfalls, und nicht jetzt.

Der Korporal hustete noch lauter.

Major Anthony sah weder zu ihm noch auf das Bett. Er sah zu dem Soldaten mit den Kaugummiblasen. Er zischte: »Du Arschloch aus den Bergen.«

Erst dann wagte er, den Blick wieder auf das Bett zu richten.

Dort lagen sie, die verdächtigen Individuen. Das Blut und die Einschusslöcher machten sie noch verdächtiger als zuvor schon im Halbschlaf. Ihr gewaltsamer Tod war Urteil und Schuldbekenntnis zugleich. Wer so starb, musste schuldig sein.

»Sie haben Widerstand geleistet«, sagte der Major leise. »Ich werd in meinem Bericht schreiben: ›Bei der Festnahme leisteten die Verdächtigen Widerstand.‹«

[26] Er strich sich übers Gesicht wie nach dem Rasieren, wie seine Frau nach dem Rasieren der Beine. Wenn sie sich vergewissern wollte, dass sie keine Stelle vergessen hatte.

»Was für Widerstand?«, fragte der Soldat mit den Kaugummiblasen. »Was soll ich mir darunter vorstellen?«

Major Anthony stellte sich vor den Soldaten. »Widerstand eben. Du brauchst dir nichts darunter vorzustellen. Du hast dir nichts vorzustellen, du hast zu gehorchen.«

Fast hätte er wieder »du Arschloch« gesagt, aber so war er nicht. Er war kein Offizier, der seine Autorität durch Beleidigung von Untergebenen zu sichern versuchte. Er hatte Autorität, weil er immer gut zu seinen Männern war und ihnen beigebracht hatte, dass Integrität bei der Armee das A und O bedeuteten. Und Integrität war Vertrauen. Zuallererst Vertrauen untereinander. Blindes Vertrauen. Doch auch zu ihm, dem Major, der die Operation leitete. Darum fluchte er im Prinzip nie. Ein integrer Major fühlte sich für seine Männer verantwortlich und sorgte dafür, dass sie lebend in die Kaserne zurückkehrten und nicht im Leichensack. Auch außerhalb der Arbeit, selbst wenn er im Bett lag, lastete diese Verantwortung auf ihm und machte ihn zu dem, der er war. Er ließ niemanden im Stich. Und er beleidigte im Prinzip nie.

»Verzeihung, Herr Major«, sagte der Soldat leise.

Am Boden hörte man noch immer den Korporal husten. Das Husten ging über in Geröchel. Der Major betrachtete den Jungen, wie er da saß, zusammengekauert, die MP neben sich, und sah Tränen über die Wangen des Jungen laufen. Da wurde ihm klar, dass es kein Geröchel gewesen war. Der Korporal weinte.

[27] Major Anthony nahm seinen Block und notierte das Wort »Widerstand«. Er spürte Verachtung dem Korporal gegenüber, eine Verachtung, die an Ekel grenzte. Er nahm sich diese Verachtung übel, doch er konnte nicht anders. Er hasste den Korporal, so wie der Korporal ihn.

Gefühle waren ein Zeichen für einen Mangel an Professionalität. Wer unter Gefühlen litt, konnte nicht funktionieren. So jemand musste Fehler machen.

Das war nicht er. So kannte er sich nicht. Das war jemand anders. Er hatte seinem Land nie Schande bereitet, und umgekehrt hatte sein Land ihn niemals verraten.

Der Korporal hörte nicht auf zu weinen. Major Anthony hatte keine Wahl. Er stieß ihn mit dem Stiefel an und sagte: »Nehmen Sie sich zusammen, Korporal. Nehmen Sie sich zusammen, oder soll ich hierüber rapportieren?«

Da hörten sie es – alle zugleich; er sah es an ihren Blicken und daran, dass einer der Soldaten sein Kaugummikauen kurz unterbrach.

Es war ein Schluchzen, ein schrecklich lautes Schluchzen, doch vom Korporal stammte es nicht. Dessen Geschluchze klang wie Geröchel.

Irgendwo im Haus heulte ein Kind.

»Verdammt«, sagte der Soldat, der die ganze Zeit Blasen machte.

Keiner sagte etwas, selbst der Korporal gab keinen Laut von sich. Sie horchten. Seit der nächtlichen Ausgangssperre war die Stadt nach acht Uhr abends so still, dass das Schluchzen eines Kindes jedem durch Mark und Bein ging. Es schwoll langsam an wie eine Sirene, in langen Tönen, dazwischen manchmal eine kleine Pause.

[28] »Ich gehe nachsehen«, sagte der Major schließlich. »Durchsucht alle Räume, nehmt belastendes Material mit.«

»Was genau ist denn ›belastend‹?«, fragte die Nase.

Wieder stellte der Major sich direkt vor ihn. Auch das tat er sonst nicht. Er brauchte niemanden einzuschüchtern. Man hörte auf ihn, weil seine Befehle vernünftig waren. »Wenn du denkst, dass etwas belastend sein könnte«, sagte er, »nimmst du es mit und zeigst es mir, dann entscheide ich, ob es belastend ist oder nur so aussieht. Und benehmt euch ein bisschen. Wir sind hier zu Gast, vergesst das nicht. Verhalten wir uns entsprechend.«

Für einen Moment fühlte er sich genauso verloren wie der Korporal. Er rieb sich mit dem Arm übers Gesicht. Es fühlte sich feucht an.

Plötzlich hörte das Gegrein auf. Es brach einfach ab.

Der Major und der Korporal sahen einander an: ohne Hass, nur noch erschöpft. Dann ging der Major hinunter ins große Zimmer. Er zückte seine Pistole, steckte sie jedoch sofort wieder in den Halfter zurück.

Die Taschenlampe würde seine Waffe sein.

Weil keine Antwort auf seine Frage gekommen war und das Kind auch keine Anstalten machte zu reden, wiederholte er: »Ich bin Major Anthony. Ich leite diese Operation. Und wie heißt du?«

Was sollte mit ihr geschehen? Wo sollte das Kind hin? Herr im Himmel, jetzt hatten sie auch noch ein Kind am Hals. Mit der Taschenlampe leuchtete er durch den Raum und richtete das Licht schließlich erneut auf das Kind mit den prächtigen Zöpfen.

[29] Er war in Trance, alles, was er auf der Militärakademie gelernt hatte, schien vergessen. Der Major ging zum Esstisch, neben einem schmutzigen Teller lag eine Streichholzschachtel. Er zündete die Kerzen an, als wohne er hier. Er hatte die Taschenlampe dazu auf den Tisch legen müssen.

Er dachte an seinen Swimmingpool. Und plötzlich sah er es vor sich, wie ein alter Plan, eine Idee, die er seit Jahren hegte, aber aus unerfindlichen Gründen nie ausgeführt hatte: Ich nehme sie mit, dachte er. Ich gebe ihr ein Zuhause, ich gebe ihr eine Mutter. Paloma wird eine gute Mutter sein. Sie wird sie lieben. Ich gebe ihr einen Swimmingpool.

Er nahm die Lampe vom Tisch und steckte sie in eine seiner Taschen. Er stellte sich mit dem Rücken zur Wand. Der Major betrachtete das Mädchen, und sie betrachtete ihn. Die Kerzen begannen zu flackern.

So verging eine Minute. Der Major gewann seine Ruhe zurück, wurde wieder zu dem, als den er sich seit seinem achtzehnten Lebensjahr kannte: ein Militär, der sich trotz aller Hürden und Hindernisse in der Armee wohl fühlte, weil sie ihm bot, was der Rest der Welt ihm verwehrte: eine klare Linie, Struktur.

Er zeigte auf sich, und während die Kerzen flackerten wie bei einem romantischen Diner, das sich langsam dem Ende zuneigt, sagte er: »Ich bin Major Anthony. Ich leite diese Operation. Aber du kannst Anthony zu mir sagen.«

So stellte er sich dem Kind zum dritten Mal vor, dem Kind, das er seiner Frau mitbringen würde. Mehr als alles auf der Welt hatte sie sich ein Kind gewünscht, doch es wollte einfach nicht klappen. Nicht, dass er keine Erektionen bekam, Erektionen waren nicht das Problem. Samen hatte er auch [30] genug. Doch der Samen war nicht lebendig. Nachträglich betrachtet, überraschte ihn das nicht: verdorbene Politik, verdorbene Armee, verdorbener Samen. Eins führte zum anderen. Doch seine liebe Frau hatte sich damit nicht abfinden wollen. Sie siechte dahin, verfiel mehr und mehr.

Das Mädchen blieb regungslos wie ein Standbild.

Aus dem oberen Stockwerk kamen die vertrauten Geräusche einer Hausdurchsuchung. Möbel wurden beiseitegerückt, Kissen aufgeschlitzt, sicherheitshalber, wie auch die Matratzen. Er kannte die Vorschriften. Es ging nicht anders.

Etwas lauter sagte er jetzt: »Ich wüsste so gern, wie du heißt. Ich bin Major Anthony.«

Keinerlei Reaktion.

Sie forderte ihn heraus. Das Kind machte ihn lächerlich.

Er trat auf sie zu. Er ging in die Knie. So verharrte er eine Weile, und es klang fast flehend, als er noch einmal sagte: »Ich wüsste so gern, wie du heißt.«

Der Major streckte ihr seine Hand entgegen, und jetzt, wo er sich auf gleicher Höhe mit ihr befand, sah er, wie sehr sie ihrer Mutter ähnelte.

Er betrachtete ihre Zöpfe, sah, wie kunstvoll sie geflochten waren, frühmorgens im Hinterhof wohl oder vor dem Haus, in der Kälte. Und plötzlich hatte er wieder den kleinen Schwall Blut vor Augen, der aus dem Mund ihrer Mutter gekommen war.

Es war besser so. Die Verdächtigen wären nur in einem der vielen Gefängnisse gelandet. Wer kam da je wieder heraus? Er hatte den Eltern dieses Kindes eine Menge erspart. So hatten sie keine Zeit gehabt, zu denken, zu trauern, sich Sorgen zu machen. Sie lagen im Bett, und plötzlich war alles vorbei. [31] Ein Akt der Barmherzigkeit, wenn man’s genau nahm. Eine humanitäre Aktion, unter schwierigen Bedingungen.

Doch jetzt war da ein Kind. Niemand hatte etwas davon gesagt, niemand etwas gemeldet. Jetzt musste er die Verantwortung übernehmen, sonst müsste der Staat sich um sie kümmern.

Der Staat war ein guter Onkel, doch nicht jeder Onkel eignet sich als Erzieher. Schreckliche Geschichten machten die Runde über Kinder von Verdächtigen, die nach der Festnahme der Eltern vom Staat erzogen wurden.

Der Staat streckte seinen Arm so weit aus wie möglich, als liege in der geöffneten Hand eine Süßigkeit oder ein Spielzeug. Doch er reichte seine Hand nur zum Ansporn, bot eher Freundschaft als Rettung.

Er strich ihr kurz über den linken Zopf, und noch mehr als zuvor wurde ihm klar, dass nur er sie noch retten konnte. Jetzt war es an ihm. Und nicht nur das Mädchen, auch die eigene Ehe würde er retten.

Heute Nacht würde er zwei, nein: drei Menschen retten.

Das Schicksal hatte ihm die Kleine anvertraut. Er konnte sie nicht mehr wegschicken. Wenn er sie jetzt gehen ließ, war sie für immer verloren, wie seine Frau, wie er selbst.

Er kannte die Erziehungsmethoden des Staates, er würde andere Methoden benutzen.

»Jetzt sag mir doch, wie du heißt«, flehte er. »Es ist etwas Dummes passiert, aber darunter sollst du nicht leiden. Ich nehme dich mit. Hier kannst du nicht bleiben. Es ist nicht sicher. Du kommst mit mir. Darum muss ich wissen, wie du heißt.«

Je länger er das Kind ansah, desto deutlicher sah er die [32] Frau auf dem Bett vor sich. Er spürte den Schweiß auf seiner Stirn und den Armen und auch, wie der Schweiß ihm den Rücken hinunterlief. Er kniff die Augen zusammen und sah den Korporal, wie der seine Maschinenpistole auf die Verdächtigen richtete und schoss, ohne aufzuhören.

»Ich heiße Lina«, sagte das Mädchen. »Lina Siñani Huanca.«

Der Major öffnete die Augen. Er fühlte sich erleichtert, wie nach einer schwierigen Operation, wenn er all seine Männer wieder unversehrt in die Kaserne zurückbrachte. Er versuchte, sie beruhigend anzusehen. Sein Blick sollte sagen: Alles ist gut, ich bin ja da, ich bin gekommen, um dich zu retten.

»Ah«, sagte er, »Lina.«

Er stützte sich mit der linken Hand auf den Boden.

»Ich werde dich Lina nennen, und du kannst Anthony zu mir sagen.« Er sprach, als erzähle er ihr ein Geheimnis, das sie mit niemandem teilen dürfe. »Nicht Major oder Major Anthony, einfach Anthony.«

Die Nase kam die Leiter herunter. Schon von oben hatte der Soldat gerufen: »Herr Major, wir haben nichts gefunden. Ein paar Bücher. Wollen Sie die sehen?«

Der Major stand auf. Obwohl es keinen Grund gab, fühlte er sich ertappt. So schnell stand er auf, dass ihm schwindlig wurde. Langsam schüttelte er den Kopf und sagte: »Nein, brauche ich nicht.«

Der Soldat sah das Kind und stieß einen Fluch aus. Dann räusperte er sich, er schien den Fluch zu bereuen, und fragte: »Und was machen wir mit ihr?«

»Nichts.«

[33] Der Major betrachtete die Kerzen, die er in einem wirren Moment, einer spontanen Anwandlung angezündet hatte.

»Wie meinen Sie das: Nichts?«

Die Haut des Soldaten war von der Sonne gebräunt und doch pickelnarbig. Schlechte Nahrung, schlechte Haut.

»Wie ich es sage«, antwortete der Major. »Nichts. Wir werden nichts mit ihr machen.«

»Lassen wir sie hier?«

Der Soldat trug seine MP auf dem Rücken. Er war nicht groß. Er war zu klein für seine MP.

»Ich nehme sie mit«, sagte der Major. Eigentlich hatte er sagen wollen: Ich nehme Lina mit. Sie hatte einen Namen, es gab keinen Weg mehr zurück. Das hier war seine Operation, und er würde sie auf seine Weise beenden.

»Wir könnten so tun, als hätten wir sie nicht gesehen«, sagte der Soldat. »Wir gehen einfach. Wir haben nichts gesehen und nichts gehört.«

»Ich nehme sie mit«, sagte der Major. Er sah Panik in den Augen des anderen. »Ab jetzt fällt sie unter meine Verantwortung.«

Der Soldat rieb sich die Nase. »Ist das nicht gegen die Vorschriften?«, fragte er. »Ich meine…«

Der Soldat hatte seine Frage noch nicht ganz ausgesprochen, da begriff der Major, dass seine Autorität zu bröckeln begann. Unter normalen Umständen hätte ein Soldat solch eine Frage niemals zu stellen gewagt. Schon die Andeutung illegaler Handlungen war genug, die bestehende Macht zu untergraben.

»Das hier ist meine Operation«, sagte der Major. »Hier gelten meine Vorschriften.«

[34] Der Soldat zuckte mit den Schultern. Er sah sich um, zum Tisch, dem Mädchen, dem Major. »Oben sind wir fertig«, sagte er. »Sollen wir noch irgendwas machen?«

Er zeigte auf das Schlafzimmer, wo der Major sich kurz zuvor so alt und schwach gefühlt hatte. Das Schlafzimmer, wo er einem Ehepaar ungewollt ein schreckliches Schicksal erspart hatte.

In Zeiten wie diesen musste man über Leben und Tod entscheiden, um Schlimmeres zu verhüten. Die Götter hatten ihre Chance gehabt. Sie hatten versagt.

»Hol eine Waffe aus dem Jeep«, sagte der Major in dem sanften, freundlichen Ton, den er normalerweise benutzte, wenn er Befehle gab.

Liquidieren auf eigene Initiative war der Armee verboten, doch Selbstverteidigung war etwas anderes. Niemand würde hier Fingerabdrücke nehmen. Es herrschte Ausnahmezustand. Aus seinem Bericht würde hervorgehen, dass auch das Kind Widerstand geleistet hatte. Das war nicht außergewöhnlich. Kinder leisteten oft sinnlosen Widerstand. Kinder wissen nicht, was sie tun.

Die Nase ging nach draußen zum Wagen. Major Anthony sah sich noch einmal um, ob er auch nichts vergessen hatte.

Wieselflink schoss das Kind plötzlich an ihm vorbei Richtung Leiter, zum Elternschlafzimmer. Überraschend schnell war sie, für so ein kleines Ding.

Wie ein Tiger stürzte der Major ihr hinterher. Er rannte hinauf, packte Lina am Arm und zog sie zurück, Richtung Esstisch.

»Nicht nach oben gehen«, sagte er. »Das geht jetzt nicht.«

[35] »Aber meine Mama?«, piepste das Kind verängstigt. »Schläft meine Mama?«

Der Major hatte einen trockenen Mund. »Mama ist krank«, sagte er und hielt sie weiter am Oberarm fest.

Er sagte es in einem Ton, als glaube er es selbst nicht.

Der Soldat kam mit einer Waffe zurück, er würdigte den Major und das Kind keines Blickes. Mit dem Gewehr auf dem Rücken ging er nach oben. Er würde die Waffe auf das Bett werfen, so, wie man einem Freund eine Orange zuwirft. So hatten sie das schon öfter gemacht.

»Mama ist sehr krank, Lina«, sagte der Major, ohne sie loszulassen, und dachte: Das hier ist meine Operation, das ist mein Leben. Dazu bin ich geschaffen.

Seine Männer kamen die Treppe herunter. Der Korporal trug einen Stapel Bücher.

»Eindeutig Rebellen, Herr Major«, sagte er. »Schauen Sie nur: diese Bücher. Terroristen. Wollen Sie sie mitnehmen?«

»Wen?«, fragte Major Anthony geistesabwesend.

»Die Bücher.«

»Lass sie hier.«

Er richtete sich auf, Lina fest an der Hand. Eine kleine, trockene Hand. Im Vergleich zu ihrer war seine glitschig und klebrig.

»Hört zu«, sagte er, den Blick auf die Männer gerichtet, die man kaum Männer nennen konnte. Kinder. Kranke. Patienten. Aber nicht Männer.

»Hört zu«, sagte er noch einmal, »was hier passiert ist, ist…«

Ihm fehlten die Worte.

[36] Der Korporal hustete. Diesmal maßregelte der Major ihn nicht.

»Pech«, sagte Major Anthony schließlich. Es war das beste Wort, das ihm einfiel. »Was hier passiert ist, war Pech. Solche Dinge geschehen. Es gefällt uns allen nicht. Aber ich trage die Verantwortung für diese Aktion, ihr habt nichts zu befürchten. Ich schreibe einen Bericht, morgen früh. Meine Aufgabe…«

Er spürte, wie er sentimental wurde. Schon als Kind war es ihm schwergefallen, andere leiden zu sehen. Ein sterbender Schmetterling bereitete ihm Alpträume. Doch gerade wer gegen Leiden war, konnte aus dem Töten seinen Beruf machen. Die Armee war dazu da, unnötiges Leiden zu verhindern.

»Meine Aufgabe besteht darin«, fuhr er fort, »euch wieder lebend nach Hause zu bringen. Darum geht es primär. Der Rest ist Nebensache. Und diese Aufgabe werde ich auch diesmal erfüllen. Verstanden?«

Vorsichtig wurde genickt.

»Und das Kind?«, fragte der Korporal.

»Das bringe ich auch lebend nach Hause.« Die Stimme des Majors klang anders als sonst. Schärfer. Eine Routineaufgabe, schon zigmal ausgeführt, war persönlich geworden. Wie viele Verdächtige hatte er nicht schon festgenommen? Hunderte, vielleicht Tausende. Und er war gut darin. Besser als die anderen. Professionell. Rücksichtsvoll. Jeder Verdächtige hatte ein Recht auf Respekt. Auch heute Nacht war er trotz allem taktvoll geblieben. Und doch war diese Operation anders als sonst verlaufen. Heute Nacht hatte er nicht nur die Verantwortung für seine Männer übernommen, sondern auch für das Kind und damit für seine Ehe.

[37] »Herr Major, dafür gibt es doch Vorschriften«, sagte der Korporal. »Elternlose Kinder müssen…«

Seine Stimme ärgerte den Major. Nicht einmal, was er sagte, das beachtete er kaum, vielmehr, wie er es sagte, der Klang dieser Stimme, dieses Nölige.

»Ich weiß nicht, wo du herkommst«, sagte der Major, »und wo du dich die vergangenen zwei Jahre rumgetrieben hast, aber jetzt bist du hier. Und hier machen wir die Vorschriften. Wir sind die Vorschriften. Das ist das Wesen des Ausnahmezustands. Die Vorschriften werden den jeweiligen Zuständen angepasst, verstehst du? Und solange ich diese Operation leite, entscheide ich über die Auslegung dieser Vorschriften. Und diese Vorschriften sagen jetzt, dass das Kind nirgendwohin geht, wo ich es nicht schützen kann. Verstanden? Haben Sie das kapiert, Korporal?«

Keine Antwort. Mindestens eine halbe Minute lang blieb es still. Da standen sie, in einem fremden Zuhause, das sie vermutlich nie wiedersehen würden. Die Kerzen flackerten, und der Major hatte vergessen, worauf er noch wartete. Er wusste nur, dass er Lina mitnehmen, mit ihr dieses Haus verlassen würde. Mit ihr oder gar nicht.

»Ein Freund von mir, Herr Major«, sagte der Korporal, »hat eine Brandbombe an den Kopf bekommen. Sein halbes Gesicht ist weg. Hätte er nur früher geschossen.«

Mit dem Mädchen an der Hand ging der Major aus dem Haus. Er zerrte sie fast. Er rannte mehr, als dass er ging.

Die Männer folgten den beiden in einigem Abstand. Irgendwo flogen Kampfhubschrauber.

»Hätte er nur früher geschossen«, wiederholte der Korporal quengelnd, wie ein Kind, das recht behalten will.

[38] »Da«, sagte die Nase. Er zeigte auf die Helikopter. Niemand reagierte.

Jetzt waren sie bei ihrem Jeep. Der Korporal öffnete die Tür und setzte sich ans Steuer, der Major saß auf dem Beifahrersitz, das Kind auf dem Schoß.

»Schläft meine Mama?«, fragte das Kind.

»Mama schläft«, sagte der Major. »Sie ist ein bisschen krank.«

»Und mein Papa schläft auch?«, fragte das Kind.

»Papa schläft auch«, bestätigte der Major.

Der Korporal nahm ein Taschentuch aus seiner Hose und wischte sich die Hände ab. »Es war beim Checkpoint«, sagte er. »Das Auto verlangsamte, dann warfen sie eine Brandbombe. Haben Sie schon mal an einem Checkpoint gestanden, Herr Major?«

Der Major schwieg. Er mochte das Wort Checkpoint nicht, er sprach lieber von Kontrollpunkten.

»Können wir fahren?«, fauchte er.

Der Jeep fuhr los. Major Anthony hielt Lina an den Oberarmen fest. Er dachte an seine Frau. Was da jetzt auf seinem Schoß saß, war das schönste Geschenk, das es je für sie geben konnte.

Das würde sie von niemandem bekommen, nur von ihm.

Auf dem Rücksitz sagte die Nase: »Nur noch vier Monate, vier Monate Sold fehlen mir noch.«

»Wozu?«, fragte der andere Soldat.

»Um mir das Muttermal wegmachen zu lassen. Ich bin beim Arzt gewesen. In vier Monaten hab ich das Geld zusammen. Dann ist das Muttermal weg. Ihr werdet mich nicht wiedererkennen.«

[39] 2

Um Viertel vor fünf am Morgen, es war noch dunkel, kam Major Anthony mit Lina nach Hause. Er öffnete die Haustür und ging direkt in die Küche, wo er für sich und das Kind ein Glas kalten Kräutertee einschenkte. In einer Schublade suchte er nach Kopfschmerztabletten. Als er keine fand, hielt er den Kopf unter den Wasserhahn. Er bibberte. Mit einem Geschirrtuch trocknete er sich ab.

»Das ist die Küche«, sagte er. »Unsere Küche.«

Der Major hielt sich an der Anrichte fest und zeigte nach draußen. »Und da ist der Swimmingpool«, sagte er. »Einen Meter tief, tauchen geht leider nicht, aber schwimmen kann man hervorragend.«

Einen Moment spürte er wieder die Zufriedenheit, die er öfter empfand, wenn er den Pool betrachtete. Er war der Einzige in der ganzen Gegend mit einem eigenen Swimmingpool.

»Den Kräutertee mache ich jeden Tag frisch«, sagte er. »Das Rezept habe ich mir selbst ausgedacht.« Er drückte Lina das Glas in die Hand und half ihr, es an den Mund zu führen.

Sie nahm zwei Schlucke.

Der Major atmete schwer. Er wusste nicht, was ihn so sehr mitnahm. Das Schwerste lag hinter ihm.

»Wo ist meine Mama?«, fragte Lina.

[40] »Mama, ja, Mama«, stammelte der Major. Er versuchte zu lächeln.

»Wo ist meine Mama?«, wiederholte das Mädchen.

Für einen Augenblick kam ihm zu Bewusstsein, was er getan hatte, was er hier machte, größer als alles, was er je unternommen hatte. Doch er konzentrierte sich auf Linas Zöpfe, und die Gedanken verschwanden.

»Ich werde dich meiner Frau vorstellen«, sagte er.

Er nahm sie bei der Hand und ging mit ihr die Treppe hinauf. Neben seinem und Palomas Schlafzimmer lag noch ein anderes, leeres Zimmer, für das Kind, das nie gekommen war. Sie hatten vorsorglich eine Kommode hineingestellt, und die stand immer noch da, ein Zeichen enttäuschter Hoffnung. Sie hätten ein Arbeitszimmer daraus machen können oder ein Gästezimmer, doch der Raum blieb, was er ursprünglich war und hatte sein sollen: das Kinderzimmer.

Er machte das große Licht an und blieb in der Türöffnung stehen.

Paloma schlief nackt. Sie liebte frische Luft, keine Klimaanlage. Neben dem Bett lag ihr Slip. Paloma war halb vom Laken verdeckt. Sie drehte sich um. Die Bettwäsche war teuer gewesen. Paloma kaufte gern teure Sachen.

»Das ist meine Frau«, sagte der Major leise zu Lina, die nicht reagierte. Sie starrte auf das Bett, so, wie der Major auf das Bett der verdächtigen Individuen gestarrt hatte: mit einer Mischung aus Misstrauen und Ekel.

Wieder drehte die Frau des Majors sich um, doch sie wurde nicht wach. Sie wühlte in ihren Kissen, murmelte etwas. Sie redete im Schlaf. Das geschah öfter. Nur selten wachte der Major davon auf.

[41] »Meine Frau schläft tief«, sagte er zu der Kleinen.

Er ging auf seine Seite des Betts und schaltete die Leselampe an. »Paloma«, sagte er. »Paloma, ich bin wieder da.« Er rüttelte sanft an ihrer Schulter.

Für einen Moment öffnete sie die Augen,           schloss sie aber gleich wieder. »Lass mich doch schlafen«, flüsterte sie, »es ist noch früh.«

Bis vor kurzem hatte sie in einem Reisebüro gearbeitet. Das Reisebüro musste schließen. Fast niemand reiste mehr. Die Leute, die reisen konnten, hatten das Land verlassen, und diejenigen, die noch da waren, hatten kein Geld mehr zum Reisen.

»Nein«, sagte der Major, »aufwachen, Schatz. Ich hab dir was mitgebracht. Eine große Überraschung.« Er zwinkerte Lina zu, um sie zur Verschworenen zu machen, um ihr zu zeigen, dass niemand anders als sie die Überraschung war.

Fremdgehen war eines der Dinge, die er niemals getan hatte. Nicht, dass er nie die Versuchung verspürt hatte, jeder kannte die. Doch wer an Integrität glaubte, durfte sich nicht kompromittieren. Selbst als es so ausgesehen hatte, als würde ihre Ehe nicht halten, wegen des ausbleibenden Kindes, hatte er sich nicht zu ehrlosen Handlungen hinreißen lassen. Er hatte einen arbeitslosen Bauarbeiter engagiert, und der hatte im Garten zu graben begonnen.

Der Swimmingpool hatte seine Ehe gerettet. Jeden Morgen, bevor er zur Arbeit fuhr, fischte er Blätter und Ungeziefer heraus. Wenn er fremdgegangen war, dann mit dem Swimmingpool, und das zählte nicht.

Manchmal, wenn sein Blick über die Veränderungen im Garten schweifte, hatte er sich schon gefragt, ob er seine Frau [42] noch liebte, doch war er zuletzt zu dem Schluss gekommen, dass solche Fragen sinnlos waren. Er liebte sie, weil er sich nicht vorstellen konnte, sie nicht mehr zu lieben, und die Ehe musste fortgesetzt werden, wie man eine schwierige Militäroperation fortsetzt. Es gab einen Schlachtplan, und den musste man einhalten. Darum schenkte er ihr jetzt, was sie schon gedacht hatte, nie mehr zu bekommen. Er folgte einem Befehl. Mehr war es eigentlich nicht.

»Was ist es denn?«, fragte die Frau des Majors. »Kann es nicht bis morgen warten?«

»Nein«, sagte er. »Nicht bis morgen. Jetzt. Schau.« Seine Stimme überschlug sich vor Erregung. Der Major hob Lina hoch. Er setzte sie auf die Bettkante. »Schau«, sagte er noch einmal. Er fasste einen von ihren Zöpfen.

Halb schlafend streckte Paloma die Hand aus und berührte das Bein des Kindes. Sie öffnete die Augen.

Für einen Moment war es still, und ein paar Sekunden blickte Major Anthony sie erwartungsvoll an, er war davon überzeugt, ein großes Lächeln zu ernten, reines Glück, reiner und tiefer als alle Zuckungen des Orgasmus, die eigentlich nicht viel mit Glück zu tun hatten, außer man meinte damit das Glück des Todes.

Doch die Frau, die er hatte überraschen wollen, brach in ein Kreischen aus, als krieche ihr eine große Spinne über den Bauch, Richtung Schamhaar.

Großer Gott, wie sie kreischte!

Lina rannte in die hinterste Zimmerecke, wo sie sich mit dem Gesicht zur Wand stellte.

»Lina!«, rief der Major. Eben hatte er ihr noch über den Zopf gestreichelt, eben noch war alles gut. Jetzt presste sie [43] das Gesicht an die Wand, während seine Frau nicht aufhörte zu kreischen.

Wie viele Menschen kann man zur gleichen Zeit beruhigen? Der Major hatte Übungen in crowd control absolviert, doch das hier war keine Menschenmenge, das war eine Familie. Jedenfalls sollte es eine werden.

So ruhig wie möglich sagte er: »Sei still, Paloma. Du erschreckst sie. Sei still, Schatz. Es gibt keinen Grund, so zu schreien.«

Endlich hörte sie auf. Es wurde still, ganz still, wie es im Schlafzimmer von Linas Eltern gewesen war, als der Korporal endlich seinen Befehl ausgeführt hatte: Linas Mutter von ihrem Leiden erlösen. Eine friedliche Stille hatte das Zimmer erfüllt, nur ab und zu unterbrochen vom Husten des Korporals.

»Wer ist das?«, fragte Paloma. »Wer ist dieses Kind?« Sie zeigte auf Lina, die ihren Kopf an die Wand presste.

Paloma kreischte öfter. Es war nicht das erste Mal, doch dieses Mal war es anders. Lauter, schriller.

»Das ist Lina«, sagte der Major.

Das Mädchen stand da im gelben Pyjama, und es war, als hätte es sich am liebsten in der Wand verkrochen. Heiß wurde dem Major von dem Anblick. Er schwitzte.

»Was macht sie hier?«, fragte Paloma. Sie saß jetzt aufrecht im Bett, gab sich keine Mühe, ihre Brust zu bedecken. Vor wem auch? Der Major kannte ihre Brüste, sie waren schön, aber er hatte sie wirklich genug gesehen. Und vor einem Mädchen wie Lina brauchte sie sich nicht zu genieren.

»Sie hat kein Zuhause«, sagte der Major und dachte an das Zimmer, wo er sie gefunden, wo sie ihn angesehen hatte, wie [44] Kinder den Weihnachtsmann ansehen, mit Ehrfurcht und ein klein wenig Angst. Er dachte an die Kerzen, die Pfanne auf dem Tisch.

»Na und? Was habe ich damit zu tun?« Paloma schien wieder losschreien zu wollen und zu kreischen.

»Ich habe sie mitgenommen«, sagte der Major. »Ich weiß, wie sehr du dir ein Kind wünschst. Ich dachte, du fändest es eine gute Idee. Du würdest dich freuen.«

»Eine gute Idee? Mich freuen? Worüber? Du weckst mich mitten in der Nacht und setzt mir ein Kind auf die Bettkante…«

Der Major seufzte. Er schaute zu Lina, doch die rührte sich nicht. »Sie kann nirgendwohin«, sagte er leise, aber mit Nachdruck. »Sie wird hier wohnen. Sie gehört jetzt zu uns.«

»Zu uns?«

»Das Kind gehört zu uns. Entschuldige, wenn ich dich damit überfalle, aber ich dachte, das hier hättest du dir gewünscht.«

»Gewünscht? Wie kommst du auf die Idee? Wovon redest du?«

Der Major ging zu Lina und legte ihr die Hand auf den Kopf. Er glühte. Und während er ihre Haare spürte, dachte er an ihre Mutter. Er sah wieder, wie sie den Mund aufgemacht hatte, als wollte sie etwas sagen, und wie nur noch etwas Blut herausgekommen war.

Er musste die Mutter vergessen. Von nun an war seine Frau Linas Mutter: Paloma. Endlich wurde sie, was sie immer gewollt hatte. Alles in der Natur dreht sich um Fortpflanzung, und er und Paloma hatten sich eben so fortgepflanzt, was machte das schon? Es herrschte [45] Ausnahmezustand, und da liefen die Dinge ein wenig anders. In einem Ausnahmezustand konnte man auch das hier Fortpflanzung nennen.

»Ich habe es so entschieden«, sagte er. »Es ist mein Entschluss.«

»Und warum?«

»Warum was?«

»Warum hast du das so entschieden? Was ist in dich gefahren? Herr im Himmel, wie kommst du auf so eine Idee?«

»Auf so eine Idee?« Die Stimme des Majors zitterte.

Seine Hand ruhte auf Linas Kopf. Er spürte die Nähe des Mädchens und wie sehr er sich schon an sie gewöhnt hatte. So schnell ging das also. Doch unlogisch war es nicht, er war verantwortlich für den Ausfall ihrer Eltern – je mehr er über deren Tod nachdachte, desto mehr kam er zu dem Schluss, dass es so für alle das Beste war, unter den gegebenen Umständen vermutlich die humanste Lösung: Die Leute wären nie mehr aus dem Gefängnis gekommen, vielleicht hätte man sie gefoltert, vergewaltigt, was auch immer, und wenn sie daran nicht gestorben wären, wären sie nach einiger Zeit womöglich doch noch verschwunden – es waren merkwürdige Zeiten. Darum übernahm er jetzt die Verantwortung für ihre Tochter, die zu jung war, an etwas schuldig zu sein. Er hatte die Operation geleitet, hatte eine Entscheidung getroffen, er würde die Folgen tragen. Der Rest waren Erklärungen, blumige Details. Nachträgliches Geschwafel.

»Du wolltest ein Kind!«, rief er. »Hier ist es. Jetzt freu dich! Es ist da. Lina gehört jetzt zu uns.« Er drehte das Mädchen ein wenig, so dass sie Paloma das Gesicht zuwandte. »Für dich habe ich das hier beschlossen. Für dich! Weil du [46] dahinsiechst, wie du selbst dauernd sagst. Dein Leben war leer ohne Kind, ziel- und nutzlos. Ohne Kind wolltest du nicht mehr leben. Darum habe ich die Entscheidung getroffen. Endlich hast du etwas, wofür du leben kannst.«

Er schob Lina einen halben Meter auf das Bett zu, das er für sich und Paloma zur Hochzeit gekauft hatte.

Und noch ein Stück weiter, bis sie direkt vor Paloma stand.

Die Frau des Majors kreischte wieder. Sie sagte kein Wort, kreischte nur, laut und schrill.

»Ein Alptraum ist das!«, rief sie, als sie sich ausgekreischt hatte. »Ich bin in einen Alptraum geraten.« Sie stieg aus dem Bett, riss eine Schranktür auf und zog sich ihren Bademantel an. Den Bademantel hatte sie aus dem Hotel mitgenommen, wo sie und der Major ihre Hochzeitsreise verbracht hatten.

Der Major dachte an die Reise. Er hatte lange dafür gespart, doch er hatte sie kaum genießen können. Das Hotel war eine Enttäuschung gewesen, genau wie das Essen, und Paloma klagte andauernd. Nur der Bademantel hatte Gnade vor ihr gefunden. Seither hatte der Major sich an ihre Klagen gewöhnt, hatte gelernt, sie zu lieben. Solange sie sich bei ihm beklagte, zeigte sie ihm, dass sie ihn brauchte.

»Nein, Schatz«, sagte der Major, »das ist kein Alptraum. Das ist ein Geschenk. Mein Geschenk an dich. Hast du nicht davon geträumt? Das war doch immer dein größter Wunsch!«

Er hob Lina hoch, bis sie sich auf Augenhöhe mit Paloma befand.

»Hier ist sie!«, rief er. »Das ist unsere Tochter.«

Er bebte, übermannt von seinen Gefühlen, es lag am [47] Gekreisch seiner Frau, der Empfindung, ein Kind in Händen zu halten, das ihm gehörte, an der Erschöpfung nach der nächtlichen Operation.

So blieb er stehen, das Kind vor sich haltend. Alle drei schwiegen. Paloma schaute das Kind an, doch das Kind sah durch Paloma hindurch. Es starrte in eine unergründliche Ferne.

Jetzt beginnt mein Leben, dachte der Major. Diese Operation hatte alle anderen Operationen überflüssig gemacht. Hierfür trug allein er die Verantwortung. Er und niemand sonst hatte das hier beschlossen.

»Wo hast du sie gefunden?«, fragte Paloma. Sie fuhr sich durchs Haar. Die blondierten Strähnen reichten ihr bis zu den Schultern. Sie war eine schöne Brünette gewesen, hatte sich aber blondieren lassen, weil alle Offiziersfrauen blond waren. Ihr Gesicht behandelte sie mit einer Creme, die ihre Haut aufhellen sollte. »Werd ich schon heller?«, fragte sie ab und zu, doch der Major sah keinen Unterschied.

»In der Stadt«, sagte er, »nicht weit von hier. Aber ich habe sie nicht gefunden.« Er stellte Lina vorsichtig wieder auf den Boden und wischte sich die Hände an der Uniform ab.

Paloma verschränkte die Arme vor der Brust. Sie schien vergessen zu haben, dass der Major ihr Mann war, selbst dass sie schon neun Jahre in diesem Haus wohnte, seit ihrer Hochzeit. Nur noch, dass sie in einen Alptraum geraten war, schien sie zu wissen. Da war sie sich sicher, und verglichen damit verblassten alle anderen Sicherheiten zu bloßen Vermutungen. Das war es, was ihr Gesicht ausdrückte. Sie hatte einen Teil ihres Alptraums gesehen, und dieses bisschen war ihr genug.

[48] »Bring sie zurück«, sagte sie und zog den Bademantel fest um sich. »Es ist nett von dir, dass du an mich gedacht hast, sehr aufmerksam, aber ich will es nicht.«

»Was willst du nicht?«

»Das da.« Sie zeigte auf das Kind wie auf ein Insekt, das zwar grässlich und beängstigend ist, jedoch viel zu groß, um es einfach zu töten.

»Das geht nicht. Dazu ist es zu spät.« Der Major redete leise und merkte, wie Enttäuschung ihn übermannte, tiefer und intensiver als damals, als der Doktor zu ihm gesagt hatte, dass es an ihm lag, dass sein Samen nichts taugte, dass es seine Schuld war. »Haben Sie vielleicht einen Bruder, der Ihre Frau befruchten könnte? Das wäre eventuell eine Lösung«, hatte der Doktor hinzugefügt.

»Ich will’s einfach nicht!«, rief Paloma. »Anthony, hörst du? Nicht für eine Million.«

Was seine Frau sagte, war schrecklich und unerträglich. Der Major hielt dem Kind die Ohren zu, so, wie er sich selbst die Ohren zuhielt, wenn Artilleriegeschütze gezündet wurden. Das war die Reihenfolge: »Ohren zu! Feuer!«

Nicht nur, dass Paloma anders reagierte, als er gehofft hatte, damit konnte man leben, doch wie sie reagierte, gehörte sich einfach nicht: So empfing man kein Kind, das gerade beide Eltern verloren hatte.

Der Major nahm seine Hände von Linas Ohren. Dann sagte er, als spreche er zu den Rekruten bei ihrer Aufnahme in die Kaserne: »Lina, das hier ist dein Zuhause. Ab heute ist das hier dein Stützpunkt. Du stehst unter meinem Schutz.«

Leichte Panik ergriff ihn. Jetzt kam es darauf an, die Situation unter Kontrolle zu halten. Wenn er das bei einem [49] Bataillon schaffte, musste ihm das bei seiner Frau auch gelingen.

Paloma setzte sich vor den Spiegel. Sie begann, sich zu schminken, gehetzt und chaotisch, laut atmend, mit feuchten Augen. Dann sagte sie: »Anthony, es ist lieb von dir, unheimlich lieb, aber das hier ist für mich keine Lösung. Ich kann das nicht.«

Je beherrschter Paloma sprach, desto unruhiger wurde Major Anthony. Die Ablehnung des Mädchens bedeutete eine Ablehnung seiner eigenen Person. Das hier war schlimmer als Meuterei, das war ein Todesurteil. Wer Lina nicht wollte, wollte auch ihn nicht.

»Du verstehst nicht«, sagte er. »Du hast es immer noch nicht richtig begriffen. Das hier ist meine Tochter. Von heute an ist das meine Tochter. Und darum auch deine. Ich habe ihr das Leben geschenkt. Es ist unsere Tochter. Fang an, sie zu lieben. Das wolltest du doch? Ein Kind, das du liebhaben kannst? Worauf wartest du noch? Warum liebst du sie nicht?«

Er redete immer lauter. Er erschrak vor sich selbst. »Hör nicht hin auf das, was ich sage«, sagte er zu dem Kind, dessen Blick immer noch geistesabwesend in die Ferne gerichtet schien. »Es hat nichts mit dir zu tun.«

Dann ging er zu seiner Frau und flüsterte ihr ins Ohr: »Offiziell gibt es sie nicht mehr, aber ich werde ihr neue Papiere besorgen, eine neue Identität. Wir geben ihr ein neues Leben. Ich garantiere für alles. Vertrau mir. Alles wird gut.«

Hastig, fast keuchend hatte er es geflüstert. Er, der Mann des Gesetzes, diente jetzt seinem eigenen Gesetz. Er musste sich an die neue Situation noch gewöhnen, doch wenigstens [50] stand er nicht im Morast der Illegalität, auch nicht mit einem Bein, vielmehr handelte es sich bei ihm um legitime Illegalität. Eigentlich tat er nichts, was das Tageslicht scheuen musste.

Paloma sprang auf und rannte die Treppe hinunter.

Der Major zögerte nicht. Er rannte hinterher, das Kind, das gerade seine Tochter geworden war, in den Armen. Jetzt ging es darum, die Kontrolle nicht zu verlieren. Die Reihen mussten geschlossen bleiben.

»Wohin willst du?«, fragte er im Flur vor dem Spiegel. Er stellte das Kind auf den Boden.

»Zu meinen Eltern«, sagte sie. Ruhig, ganz ruhig eigentlich.

»Es ist Ausgangssperre. Niemand darf auf die Straße.«

»Das ist mir egal.«

»Du bist halb nackt.«

»Ich will weg hier. Mein Gott, lass mich gehen.« Jetzt klang sie nicht mehr ruhig, hatte alle Selbstbeherrschung verloren.

Sie machte ein paar Schritte zur Haustür. Der Major folgte ihr, zog das Kind hinter sich her. Er war bereit einzugreifen. Intervenieren war seine zweite Natur.

Auf der Fußmatte ließ die Frau des Majors sich zu Boden sinken. Sie brach in Tränen aus. Sie kniete wie in der Kirche.

Mit der Linken hielt der Major das Mädchen fest. Mit der Rechten griff er nach seiner Pistole, einer kleinen Dienstwaffe, die er selten bis niemals benutzte. Seine Frau, wie sie da heulend auf der Fußmatte kniete, war das Schlimmste, was er seit langem gesehen hatte, schlimmer als die sterblichen Überreste beim jüngsten Einsatz, schlimmer als die [51] Soldaten, die er nach diversen Militäraktionen verstümmelt in die Kaserne hatte zurückbringen müssen, Verstümmelungen, die ein eigenes Leben zu führen begannen, wenn er sie zu Hause am Swimmingpool plötzlich gestochen scharf vor sich sah. Sie sprachen zu ihm, die Verstümmelten. Oder nein, die Verstümmelungen selbst führten das Wort. Wenn er es am wenigsten erwartete, hörte der Major Monologe abgerissener Gliedmaßen.

»Willst du deine Beruhigungspillen?«, fragte er seine Frau.

Zwischen zwei Schluchzern entgegnete sie: »Wo sind ihre Eltern?«

»Die sind nicht mehr da«, sagte der Major leise. »Sie hat nur noch uns. Steh jetzt auf. Komm, bitte, steh auf. Sie hat nur noch uns. Lass uns in aller Ruhe darüber reden.«

Er hielt Paloma die Hand hin, doch sie schlug sie weg. »Nein!«, rief sie. »Nein!«

Sie zog sich an der Türklinke hoch und versuchte, die Haustür zu öffnen.

Jetzt begriff er: In ihrem überreizten Zustand wollte Paloma auf die Straße. Ihr frisches Make-up war teils schon wieder verschmiert.

»Bleib hier«, sagte der Major. In Momenten wie diesen war er die Ruhe selbst. Die Ruhe eines Mannes vor der Aktion. Nicht, dass er keine Angst hatte, er fürchtete sich jetzt mehr als vor einem Heckenschützen auf dem Dach, mehr als vor einem Anschlag auf eine Patrouille, mehr als vor Verletzungen oder gar dem Tod. Doch Angst und Ruhe flossen für ihn zusammen. Angst war eine besondere Art der Konzentration.

[52] »Ich kann nicht mehr«, sagte sie. »Ich will nach Hause. Mein Gott, ich will nach Hause.«

Paloma öffnete die Haustür. Da draußen lag die Provinzstadt – oder deren bessere Gegend, wo sie mit ihrem Mann, dem Major, lebte. Regen erwartete sie. Sonst nichts. Sie heulte, aber anders, als Lina geheult hatte, und auch wieder ganz anders als der Korporal, als er auf dem Boden zusammengesunken war.

»Aber du bist zu Hause!«, sagte der Major. »Du hast gerade ein Kind bekommen, darum bist du so durcheinander. Das kommt öfter vor bei Frauen, die eben ein Kind bekommen haben, sie sind verwirrt, traurig, depressiv, aber das geht vorbei. Glaub mir, es geht vorbei. Du wirst dich an sie gewöhnen, du wirst sie lieben.«

Paloma machte ein paar Schritte vors Haus. Sie fiel auf in ihrem weißen Bademantel in der einsamen Nacht. Ein Gespenst mit nackten Füßen.

In der Türöffnung stand der Major mit Lina, dem Mädchen, das er vor dem staatlichen Waisenhaus gerettet hatte. Er hatte sein Bestes getan, er zweifelte keine Sekunde daran. Weil Machtlosigkeit und Verzweiflung im Grunde das Gleiche sind, nahm er seine Waffe, obwohl er wusste, er würde sie nicht benutzen, doch er nahm sie, weil er nichts anderes hatte, während er weiter das Kind festhielt, und zielte auf die Frau, für die er einen Swimmingpool gebaut hatte, für die er die Vorschriften gebrochen, für die er ein Kind gerettet und Lina mit nach Hause gebracht hatte, und rief: »Das hier ist meine Operation, Paloma, und ich sage dir: Du bleibst hier, und du wirst dieses Kind lieben! Du wirst dieses Kind lieben!«

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