Verlag: Books on Demand Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Mitnal - Jessica van Houven

Eine alte Magie. Sie will nichts Gutes. Sie will die Dunkelheit. Ein ungewöhnlich starkes Erdbeben erschüttert die Akademie de Bacabs für magisch begabte Jugendliche. Als die Natur weiterhin verrücktspielt und sich einige Mitschüler verändern, ist Karicia die Einzige, die mehr hinter den Geschehnissen vermutet und zu recherchieren beginnt. Sie gesteht ihrer Cousine, dass sie Stimmen hört, die sie vor etwas warnen. Doch vor was? Gemeinsam kommen sie dem uralten Geheimnis näher, das im Dschungel Mexikos lauert und werden selbst immer tiefer in die dunkle Magie hineingezogen.

Meinungen über das E-Book Mitnal - Jessica van Houven

E-Book-Leseprobe Mitnal - Jessica van Houven

FÜR CHRIS

Ohne dich wäre an der Akademie

in Mexiko nichts so, wie es ist.

Inhaltsverzeichnis

Leonardo

Diandro

Kapitel 1

Vitória

Karicia

Vitória

Giuliana

Karicia

Kapitel 2

Vitória

Leonardo

Karicia

Diandro

Vitória

Karicia

Giuliana

Karicia

Kapitel 3

Leonardo

Vitória

Karicia

Diandro

Kapitel 4

Karicia

Vitória

Giuliana

Leonardo

Karicia

Kapitel 5

Vitória

Leonardo

Karicia

Diandro

Vitória

Giuliana

Karicia

Vitória

Kapitel 6

Karicia

Leonardo

Vitória

Diandro

Giuliana

Karicia

Diandro

Vitória

Karicia

Nachwort

Leonardo

Er blinzelte gegen die hoch stehende Sonne an und schob sich die verspiegelte Sonnenbrille auf die Nase. Sofort wurde es angenehmer und seine Augen dankten es ihm. Die Luft flirrte in der Hitze und verbreitete diesen ganz besonderen Duft nach Sommer und Freiheit. Die Sonne brachte den Asphalt zum Brennen, aber dennoch beschleunigte Leo seine Schritte nicht. Gemächlich schlenderte er die Einkaufspassage seines Heimatortes entlang. Diese war mit Palmen und Hibiskussträuchern gesäumt. Die weißen, pink und lila Blüten strahlten trotz der Mittagshitze um die Wette und verströmten einen betörenden Geruch.

Zahlreiche Touristen tummelten sich in der Straße, wuselten von Laden zu Laden und deckten sich mit Hüten und Tüchern ein, um sich gegen die sengende Hitze zu schützen. Ob sie sich vor ihrer Reise nicht über das Wetter informiert hatten? Vermutlich hatten sie es unterschätzt und geglaubt, sie könnten der Witterung trotzen. Leonardo schmunzelte, hielt sich an diesem Gedanken jedoch nicht weiter auf. Er wollte noch eine Runde drehen, die ihn bereits am Strand vorbei geführt hatte. In aller Ruhe genoss er den Spaziergang durch sein Viertel, ehe er nach Hause zurückkehren würde. Dort warteten sein kleiner Bruder und Halbbruder auf ihn, eventuell auch schon seine Eltern, damit sie später zusammen das Barbecue machen konnten. Ein letzter gemeinsamer Abend, denn morgen würde es zurück zur Akademie gehen.

Leo wurde von einer Gruppe Jugendlicher abgelenkt, die lachend und scherzend an ihm vorbeizog. Sie kamen vermutlich direkt vom Strand und wollten sich noch eine Abkühlung genehmigen, sich für eine Weile aus der Sonne zurückziehen.

In den letzten Wochen war auch er fast permanent am Strand gewesen, war im Meer geschwommen oder hatte Beachvolleyball gespielt. Irgendeine Aktivität fand er immer, zumal Herumsitzen überhaupt nichts für ihn war. Sein Halbbruder Javi war in den vergangenen zwei Wochen ebenfalls mit von der Partie gewesen, sodass es nicht langweilig geworden war. Da sie im gleichen Alter waren, traf es sich gut, dass sie miteinander auskamen und sich verstanden. Während Leo der aktivere Part war und ständig irgendeine Sportart ausprobierte, war sein Halbbruder viel ausgeglichener und ruhiger. Er schlug wohl nicht nach dem gemeinsamen Vater, aber das war nicht weiter tragisch. Sie ergänzten sich gut. Was sie im Charakter unterschied, glich das Aussehen wieder aus. Beide hatten sie dunkelbraune Haare, ebensolche dunkle Augen und ein markantes Gesicht. Selbst in der Größe und dem sportlichen Körperbau waren sie fast identisch. Javi wirkte allerdings etwas südländischer als Leonardo. Als sie vor einigen Jahren erfahren hatten, dass sie einen Halbbruder hatten, hatte die Welt zunächst Kopf gestanden. Doch beide Familien nahmen es mittlerweile entspannter hin und so hatte sich eine vernetzte Großfamilie entwickeln können. Durch die gemeinsamen Erlebnisse waren die heute Neunzehnjährigen zusammengewachsen und konnten sich aufeinander verlassen. Blut war eben dicker als Wasser.

Nachdem er nun aus der Passage mit den Restaurants und Läden getreten war, reihten sich kleinere Verkaufsstände am Straßenrand auf, die frisches Obst feilboten. Als Leonardo an einem Stand mit grünen Kokosnüssen vorbei ging, hielt er an, um zwei Stück zu kaufen. Er bedankte sich herzlich und zog anschließend weiter. Die Kokosnüsse konnten er und Javi später aufschlagen und das erfrischende Kokosnusswasser trinken.

Seelenruhig spazierte Leo weiter und erreichte nach einigen Minuten die Straße, in der er wohnte. Momentan sah man nicht viele Nachbarn auf der Straße, da sie sich alle ins Innere zurückgezogen hatten oder aber in ihren Gärten saßen. Die Einheimischen waren schlauer als die Touristen, schonten sich am Nachmittag und mieden die Sonne. Daher konnte man zunächst denken, dass bei ihm niemand zu Hause war, so verlassen lag das Haus vor ihm. Leo zückte die Schlüssel und verschaffte sich Zutritt zum Flur.

»Leooo!« Sein kleiner Bruder Héctor hatte ihn kommen gehört. Schon bog er um die Ecke und grinste ihm frech entgegen. Sogleich fiel sein Blick auf die Kokosnüsse. »Sind die für heute? Können wir die schon machen?«

»Bring sie lieber noch zum Kühlen in die Küche und dann schlagen wir sie nachher auf«, bestätigte er die Fragen seines Bruders.

Héctor war einige Jahre jünger, gerade Elf, und wollte bei den beiden größeren Brüdern entsprechend aufgenommen und eingebunden werden. Aus diesem Grund schnappte sich der Jüngere ergeben die beiden Kokosnüsse, um sie kühl zu lagern. Währenddessen durchquerte Leo den Flur und das Wohnzimmer, um nach draußen auf die Terrasse zu treten. Hier spendeten große Bäume angenehmen Schatten.

»Du bist ja doch schon wieder zurück. Ich habe gedacht, du wärst noch eine Weile unterwegs«, kam es von Javi, der es sich hier gemütlich gemacht hatte.

»Ich habe mir zwar Zeit gelassen, aber irgendwie war ich dann doch schneller unterwegs als gedacht. Wenn Mum heimkommt, wollte ich ihr direkt mit dem Barbecue helfen.« Ächzend ließ er sich auf dem Gartenstuhl nieder, den er sich weiter in den Schatten gezogen hatte.

»Und morgen fängt der Ernst des Lebens wieder an.« Javi blickte zu ihm rüber, weshalb Leo zu nicken begann.

»Irgendwann geht es halt wieder weiter. Hast du noch was von den anderen gehört?«

»Nur von Luíz bisher. Er hat mir geschrieben, aber davon habe ich dir ja schon erzählt. Valeria hat mit ihm Schluss gemacht. Ich bin mal gespannt, was er uns noch so dazu sagt und vor allem, wie sie das überhaupt begründet hat.«

Leonardo schnaufte laut und verdrehte die Augen. Da er die Sonnenbrille abgesetzt hatte, konnte sein Halbbruder die Mimik genau beobachten. Luíz war Javis bester Kumpel und scheinbar waren die Ferien zwischen ihm und seiner Freundin nicht besonders harmonisch verlaufen. Allerdings handelte es hier um Valeria, die nicht gerade eine Traumfreundin war. »Die waren doch sowieso noch nicht lange zusammen. Der soll froh sein, dass er sie wieder los ist. An der schreit alles nach Tussi und darauf kann Luíz locker verzichten.«

Javi konnte da nicht so leicht zustimmen und zuckte unschlüssig mit den Schultern. Als Javi vor zwei Wochen hergekommen war, um die restlichen Ferien hier zu verbringen, hatten sie sich schon einmal darüber unterhalten. Javi wollte Luíz beistehen, aber man konnte nicht von der Hand weisen, dass Valeria eine fiese Schlange war und man besser ganz viel Abstand zu ihr hielt. Sie war oberflächlich, naiv und eingebildet.

»Valeria ist schon nicht unkompliziert, aber ich konnte mich ein paar Mal mit ihr unterhalten und da wirkte sie sehr freundlich auf mich«, sagte Javi, wie immer sehr diplomatisch.

Leo machte eine wegwerfende Handbewegung. Blieb noch abzuwarten, was Luíz wegen der Trennung zu berichten hatte, weshalb es über die Ferien zerbrochen war und wie es ihm damit ging. Aus Leos Sicht gab es da nichts zu betrauern, aber das musste jeder selbst wissen. Jedenfalls hatte er keine große Lust in der Gerüchteküche der Akademie herumzumischen.

Einige Minuten saßen die Halbbrüder schweigend nebeneinander und genossen das warme Sommerwetter.

»Ich bin gespannt, welche Aktionen sich Santiago wieder ausdenken wird«, trieb Javi das Gespräch wieder an.

Dieses Mal ging es um Leonardos Kumpel und augenblicklich begann Leo zu grinsen. Santiago war immer für einen Spaß gut, haute oft unbedachte Kommentare heraus, mit denen er seine Gesellschaft zum Lachen brachte. Leo und er waren ein super Team. Sie waren diejenigen, die fast nie die Füße stillhielten und immer etwas unternahmen. Santiago war manchmal etwas unbedarft, weil er sich nicht so riesige Gedanken um alles machte, wie manch anderer. Die Konsequenzen irgendeiner Handlung bedachte er allerhöchstens im Nachhinein.

»Da können wir uns auf so einige Sachen einstellen!« Leo ging fest davon aus, dass wieder zahlreiche lustige Momente dabei sein würden. Santiago meinte es nie böse, wobei seine Scherze auch schon einmal fies verlaufen konnten, ohne, dass er es so beabsichtigt hatte. »Ich weiß noch, als er den Inhalt der ganz scharfen Tabascosoße in die Ketchupflasche umgefüllt hat und diese dann ganz scheinheilig an die Mädels weitergereicht hat. Ich sehe jetzt noch, wie alle hektisch nach Wasser und Brot gegriffen haben.«

Beide Brüder begannen zu lachen, als die Erinnerung wieder auftauchte als wäre es eben erst geschehen.

»Das war wirklich typisch Santiago. Die werden vermutlich nie wieder etwas annehmen, das er ihnen beim Essen reicht«, feixte Javi. Dadurch wieder an einige Geschichten erinnert, tauschten sie sich über diese aus und sprachen noch ein wenig darüber, was ihre Freunde in den Ferien getrieben hatten. Die restlichen Details würden sie dann ohnehin ab morgen erfahren.

Es dauerte nicht lange, da kam Leos Mutter nach Hause und sie begannen gemeinsam mit den Vorbereitungen für das Barbecue. Héctor durfte sich am Öffnen einer Kokosnuss versuchen und hielt sich an die Anweisungen seiner großen Brüder. Für ihn waren die Ferien wieder etwas Besonderes gewesen, da er sonst mit den Eltern alleine war und seine Freizeit mit Freunden verbrachte. Héctor versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie traurig er war und dass er am liebsten mit den beiden Brüdern zur Akademie aufbrechen würde. Dabei hatten Leo und Javi dort nur noch zwei Jahre vor sich, ehe sie sich auf den Arbeitsmarkt werfen würden, wie jeder andere Jugendliche auch. Es würden wunderbare zwei Jahre werden. Leonardo mochte es dort jedenfalls sehr. An der Akademie.

Nachdem Leonardo die ersten Jahre auf eine ganz normale Schule gegangen war, hatte er als Jugendlicher dorthin gewechselt, da es eine weiterführende Einrichtung war. Die Akademie de Bacabs hatte ihren Einzugsbereich im südlichen Nordamerika und dem nördlichen Südamerika – also großräumig rund um Mexiko. Magisch begabte junge Leute schrieben sich an dieser Schule ein, um neben den üblichen Fächern wie Politik, Biologie und Sprachen einen besseren Umgang der Magie zu erlernen.

Was Leo an der Akademie herausstechend fand, war, wie sie angelegt war. Es handelte sich nicht um ein blockartiges, unschönes Gebäude, in dem alle zusammen gepfercht lebten und unterrichtet wurden. Stattdessen verteilten sich einzelne bungalowartige Gebäude auf dem Gelände. Man konnte sich zurückziehen, wenn man das wollte und fühlte sich nicht so erdrückt. Die Gartenanlage war aufwendig angelegt, sodass die zahlreichen Schüler ihre Freizeit entweder irgendwo im Park verbringen oder aber hinunter zu einer kleinen Bucht, die zur Akademie gehörte, gehen konnten. Hätte man nebenbei nicht Leistung zu erbringen, hätte man ebenso gut, rein von der Natur her, in einem Urlaubsressort sein können.

Die Akademie lag im Dschungel Mexikos. Niemand sollte zufällig vorbeikommen, denn magisch Begabte hielten sich in der Öffentlichkeit üblicherweise sehr zurück. Es war kein Geheimnis, dass es Menschen mit magischen Fähigkeiten gab, dennoch sollte die Tatsache nicht zu sehr in der Öffentlichkeit breitgetreten werden. Es konnte zu Unsicherheit und Neidern führen. Manche Leute waren von der Magie fasziniert und wollten mehr darüber erfahren, manche wollten die Magie für sich nutzen und die eigene Macht ausbauen und manche hatten einfach nur Angst vor der Magie, weil sie sich dieses Phänomen nicht erklären konnten. Eine weiterführende Schule wie die Akademie zu besuchen war keine Pflicht für magisch Begabte. Es war eine Option, um den Umgang mit den Elementen zu verbessern und lernen zu können, Magie nicht aus Versehen anzuwenden.

Die jungen Leute sollten verstehen, wie sie Magie in ihrem späteren Leben und Arbeitsalltag sinnvoll einsetzen konnten. Viele Krankenhäuser waren froh, magisch Begabte unter ihren Angestellten zu haben, da diese leichter Entzündungen im menschlichen Körper finden konnten, die durch einen höheren Feueranteil im Körper angedeutet wurden. Unter den Architekten und Bauleitern gab es einige Personen, die durch die Nähe zum Element Erde bestens voraussagen konnten, ob ein Bauplatz für die Art des geplanten Gebäudes sinnvoll war. So zogen sich die Fähigkeiten durch die Berufe hindurch. Je besser man seine Fähigkeiten im Griff hatte, desto besser konnte man sich im beruflichen Leben einbringen und ungefährlicher leben. Magie barg stets Risiken. Das war der Grund für die Abgeschiedenheit der Akademie.

Was, wenn ein Zauber schief ging? Was, wenn jemand die Elemente nicht im Griff hatte? Hier konnte man seine Kraft austesten, ohne andere Menschen in Gefahr zu bringen. Leonardo stammte aus einer Familie mit magischer Begabung und auch Javi hatte die Gene durch den gemeinsamen Vater geerbt. Doch selbst wenn man das Gen besaß, war es fraglich, ob es sich aktiveren würde. Dies glich eher einem großen Zufall. Leo und Javi aber konnten Einfluss auf die vier Elemente nehmen und somit zaubern.

In den letzten zwei Schuljahren würde es im Unterrichtsstoff noch einmal richtig anziehen und komplizierter werden. Die Zeit der Verwendung von nur einem Element war längst vorbei. Nun musste man die Kräfte kombinieren und aufeinander abstimmen. Leo hatte zwar nicht sonderlich Lust auf die vielen Aufgaben, die Anstrengungen und den Druck, aber er hatte großen Spaß daran, seine Fähigkeiten auszuweiten. Wer wollte nicht gern ein wenig mit Wasser oder der Luft herumspielen können?! Doch am meisten freute er sich auf seine Freunde, mit denen er wieder jeden Tag zusammen sein würde.

Diandro

Vor gut einer halben Stunde war er angekommen und es schien sich rein gar nichts verändert zu haben. Nicht, dass er das wirklich erwartet hatte. Hier schien die Zeit immer für ein paar Wochen stehen zu bleiben. Sanft bewegten sich die Blätter der Bäume im Wind, sodass man sich mit geschlossenen Augen wahrhaftig mitten im Dschungel wähnte. Wären da nicht die vielen kleinen Gebäude, sobald man die Augen wieder aufschlug. Oder die zahlreichen Wege.

Diandro war bereits diese ausgetretenen, weich federnden Wege entlang marschiert und hatte seine Sachen in seine Unterkunft gebracht. Gemeinsam mit zwei weiteren jungen Männern bewohnte er den kleinen Bungalow, in dem sie alles hatten, was sie brauchten: Ein Badezimmer, Schreibtische, Schränke, eine Sitzecke und ihre Betten.

Lange hatte es Diandro jedoch nicht drinnen ausgehalten. Überall wuselten die Mitschüler umher, wie emsige Ameisen in ihrem Heim. Die Luft war nicht länger nur von einem sachten Wind erfüllt, sondern ebenso von Gesprächsfetzen, heiterem Lachen und freudigen Rufen. Die jüngeren Schüler fielen sich in die Arme, als hätten sie sich jahrelang nicht gesehen und begannen augenblicklich zu plappern wie ein Wasserfall. Da mussten immerhin so einige Wochen Ferien aufgeholt werden! Mit einem Schmunzeln betrachtete er ein paar solcher Szenen während er zurück zum großen Brunnen nahe des Hauptgebäudes ging.

»Da kann unser Urlaub doch direkt weitergehen!«

Diandro wandte sich der Stimme zu, die in seiner Nähe ertönte. »Auf jeden Fall«, stimmte er seinem besten Freund zu, der sich soeben zu ihm gesellte und zu einer der Bänke am Brunnen deutete.

Diandro warf Adrián einen amüsierten Seitenblick zu. Diesen Sommer hatten die beiden Kumpels einen gemeinsamen Urlaub an der Westküste der USA gemacht. Sie hatten die Seele baumeln lassen, abends die Straßen unsicher gemacht und das Leben genossen. Zwei Wochen süßes Nichtstun. Nach dem anstrengenden vergangenen Jahr hatten sie sich das mehr als verdient, zumal man bedenken musste, dass dieses Jahr ihr letztes an der Akademie sein würde.

»Ich hätte noch ein paar Wochen dort bleiben können. Hat mir echt gut gefallen und wir hatten alles Nötige direkt in der Nähe des Hotels. Aber ich will mich nicht beschweren, der Rest war auch gut. Wie war denn eure Familienfeier noch so?«, hakte Diandro nach.

Adrián war ein großer Familienmensch und gegen Ende der Ferien hatte es eine kleine Feier in dessen Familie gegeben, was so ganz nach dem Geschmack des Braunhaarigen war. »Es war ja der Geburtstag meiner Großmutter und es war wirklich klasse. Ich muss mich da zwar nicht den ganzen Tag hinsetzen oder ein Wochenende lang, aber so ein Nachmittag ist schon in Ordnung. Mal den alten Geschichten lauschen und sich mit der restlichen Sippe austauschen. Bei uns ist das glücklicherweise sehr locker. Ein paar Cousins, Cousinen und meine Schwester waren dabei, was dann für uns erst recht nicht langweilig war.«

Diandro wusste, dass Adrián die Familie hoch schätzte. Doch selbst er musste mit den Verwandten nicht permanent aufeinander hängen und regelmäßige Sippentreffen organisieren. Alles in Maßen. Diandro hatte hingegen einige Tage mit seinen Eltern und seiner Schwester Caterina verbracht, die viel von ihrem Volontariat bei einer Zeitschrift erzählt hatte. Seine Eltern hatten es sich nicht nehmen lassen, noch eine schicke Gartenparty mit einigen guten Freunden zu feiern, solange Diandro zu Hause war und noch nicht zur Akademie zurückkehren musste. Das waren die Nachmittage, die sich in die Länge zogen. Einerseits machte es Spaß, war jedoch bei weitem nicht so locker und lässig wie der Urlaub mit Adrián.

Nur noch ein Jahr lang würden sie diese tolle Anlage genießen können. Schon in den Ferien hatten sie sich geschworen, dass sie das Jahr voll und ganz auskosten würden. Adrián und er waren hier ohnehin in den vergangenen Jahren zu den Organisatoren von etwaigen Partys geworden, sodass sie sich nach niemandem richten mussten und die letzten Monate definitiv zu etwas Besonderem machen würden.

Adrián war Vertreter der Schülerschaft, unterstützte sie in ihren Anliegen und Interessen gegenüber der Akademieleitung. Gleichzeitig war er mit seinen etwas längeren, braunen Haaren, dem sympathischen Grinsen und den strahlend blauen Augen einer der beliebtesten Schüler. Er war ein paar Zentimeter kleiner als Diandro, hatte eine sportlich, schlanke Figur.

Diandro trug seine blonden Haare hingegen kürzer und leicht verstrubbelt. Dass seine Eltern gut betucht waren und ihren Sohn eher konservativ erzogen hatten, merkte man ihm nicht an. Zwar hatte er ausgesprochen gute Manieren, ließ sie aber nicht immer durchscheinen. Ein weiterer Unterschied zwischen den Zwanzigjährigen war, dass Adrián aufgeschlossener als Diandro war. Der hielt sich manchmal lieber zurück, wollte nicht jedem direkt alles von sich preisgeben und von seiner guten Herkunft erzählen. Da sie den Bungalow hier an der Akademie gemeinsam bewohnten, hatten sie sich früh kennengelernt und waren über Diandros zögerliche Auskunftsfreudigkeit hinweg.

»Manche sind schon wieder ganz in ihrem Element und kommen aus dem Quatschen gar nicht mehr heraus. Die haben sich kein Stück verändert. Oder das krasse Gegenteil zu den Quasselnden: die liebe Karicia. Hast du sie eben gesehen, als sie ins Hauptgebäude hinein wollte?!« Diandro warf Adrián einen fragenden Blick zu, bis dieser bestätigend mit dem Kopf nickte.

»Ihre Blicke hätten mal wieder töten können. Die ist über den Sommer auch nicht entspannter geworden. Was macht so eine wie die eigentlich in den Ferien? Ich kann mir sie nicht unbedingt lachend am Strand vorstellen.«

Adrián spielte auf die Szene an, als eine Mitschülerin aus ihrem Jahrgang ein paar jüngere Schüler zur Seite geschoben und mit bösen Blicken bedacht hatte. Vermutlich waren zusätzlich fiese Kommentare gefallen, aber die hatte man auf die Distanz nicht hören können.

Karicia war so ein Fall für sich. Die Blonde mit dem ausdrucksstarken Gesicht schien niemals zu lächeln. Ständig blickte sie mürrisch drein. Da half es nicht, dass sie an sich ganz hübsch war. Grüne Augen, eine kleine Nase, lange blonde Haare, eine sehr schlanke, fast zierliche Figur. Wenn da eben nicht diese grimmige Mimik und ihre ruppige Art wären. Stand ihr jemand im Weg, wandte sie ungeniert Magie an, um sich Platz zu schaffen. Karicia war jemand, den man besser mied. Trotz der gemeinsamen Akademiejahre kannten Adrián und Diandro sie im Grunde nicht.

»Ach, Karicia. Die ist doch nicht ganz normal! Die erfreut sich bestimmt nicht so an Urlaub und Strand wie wir. Eher hockt sie im dunklen Keller und nimmt ihre Cousine direkt mit«, äußerte sich Diandro nicht sonderlich begeistert. Es gab Mitschüler, die man nicht vermisste und es gab Dinge, die sich hier nicht verändern würden. Unweigerlich würden Gerüchte aufkommen, Tratsch und Klatsch würden schneller verbreitet werden, als der Wind sie tragen könnte. Der ganz normale Wahnsinn, dem man nicht entrinnen konnte.

»Ich kann sie ja mal fragen, wie ihre Ferien so waren. Aber du musst mich dann bitte mit einem Wasser- oder Feuerschild vor Angriffen schützen«, feixte Diandro und grinste breit. Das kam wirklich nicht in Frage, aber allein der Gedanke war schon ganz amüsant.

»Oder sie taut erst auf, wenn man von sich aus die Initiative ergreift, sich mit ihr auseinander zu setzen«, überlegte Adrián laut.

Nach einer Sekunde des Nachdenkens kamen sie zu dem Schluss, dass dem bestimmt nicht so war.

»Ja klar! Gerade die! Die ist eigentlich die sympathischste Person an der ganzen Akademie, total herzlich und lustig. Wir haben das nur noch nicht entdeckt. Pass nur auf, sonst zieht sie dich noch in ihren Bann«, scherzte Diandro daraufhin und begann schallend zu lachen. Allein die Vorstellung war herrlich. Die Freunde sahen sich an und beschlossen einstimmig, sich nicht weiter darüber den Kopf zu zerbrechen. Es standen doch noch genug andere Dinge an. Wie zum Beispiel die erste Feier in diesem Jahr.

»Fakt ist jedenfalls, dass es ab jetzt rund geht. Die ganzen Erzählungen aus den Ferien, die Gerüchte, da wird viel aufkommen«, sagte Adrián. Sie kannten das Spiel bereits. Richtig beruhigen würde es sich über das gesamte Jahr nicht, wobei das nun einmal dazu gehörte. »Sorgen wir lieber für neuen Gesprächsstoff an der Akademie. Geben wir den Wölfen etwas anderes zum Reden. Eine Kick-Off-Party um sich wieder einzufinden. Das würde den Start direkt auflockern. Heute oder morgen kriegen wir das nicht hin, Montag gehen direkt die Kurse los. Also wäre der Freitag doch optimal.«

Sie kamen sofort auf die Planung zu sprechen und waren in ihrem Element. Viel Organisation benötigten sie dabei nicht mehr. Gemeinsam hatten sie schon zahlreiche Feiern geplant, sodass sie mittlerweile die Erfahrung besaßen, wie viele Getränke man kalkulieren musste und was ansonsten benötigt wurde. Musik, Knabbereien, ein bisschen Dekoration. Das würden sie mit ein paar Helfern schnell auf die Beine gestellt haben.

»Wäre nicht schlecht, wenn wir dieses Jahr mal mit einem Motto arbeiten würden. Es macht immer Spaß wenn alle mitziehen und sich an das Motto halten.«

»Für die erste Feier könnten wir die Bucht als Location nutzen und machen eine Beach-Party daraus. Der Ort liegt nahe, wenn wir so etwas schon vor der Nase haben. Da muss man nicht direkt ein Motto verkünden, aber jeder kann sich passend anziehen. Ein Motto können wir bei den anderen Feiern dann immer noch aufgreifen«, kommentierte Diandro und lieferte direkt einen Vorschlag, wie sie den Start des neuen Akademiejahres feiern konnten.

»Gute Idee. Gefällt mir. Könnte abends zwar ein bisschen kühl werden, aber dann suche ich mir eine nette Dame, die mich wärmt.« Diandro grinste aufgrund von Adriáns Worten und schüttelte belustigt den Kopf. »Übrigens war ich eben schon kurz bei Señor Zavala. Er wollte mir einen groben Überblick geben, was ansteht und ich habe mir die neuesten Informationen eingeholt«, verriet Adrián und begann damit ein neues Thema.

Gabriel Zavala war der Leiter der Akademie de Bacabs, die ihren Namen den vier Maya-Göttern Cauac, Ix, Kan und Mulac verdankte, die laut Legende den Himmel aufrecht erhielten. Sie standen für die vier Himmelsrichtungen und wurden unter dem Namen Bacabs zusammengefasst. An der Akademie verkörperten die vier Götter zudem die vier Elemente der Magie.

Zu Beginn eines jeden Akademiejahres war es sinnvoll, dass sich Adrián mit dem Schulleiter zusammensetzte, um sich über anstehende Veranstaltungen und neue Kursangebote auszutauschen. In seiner Funktion als Schülervertreter würde Adrián die Informationen an die Mitschüler tragen und ein Auge auf die neuen Schüler haben. So konnte er den Fünfzehn- und Sechzehnjährigen, die den neuen Jahrgang üblicherweise stellten, beim Einleben helfen und auf das Freizeitangebot hinweisen, das den Kontakt zusätzlich erleichtern sollte.

»Wir haben außer den üblichen neuen Mitschülern wieder ein paar Frischlinge dabei. Martinho, Serena und Geschwister namens Shane und Shania.«

Diandro stutzte und begann dann zu lachen. »Im Ernst? Die heißen fast gleich? Die Armen! Sind das Zwillinge?«

»Nein, Shane ist etwas älter. Er ist in unserem Jahrgang. Die Hintergründe über den Wechsel erzählt mir Zavala natürlich nicht. Ich soll bloß wie immer ein Auge auf alle Neuen haben, damit sie sich hier zurechtfinden und jemanden haben, an den sie sich wenden können. Alles andere müssen wir selbst herausfinden.« Neue Schüler waren eine spannende Sache, da durch sie frischer Wind in die Akademie gebracht wurde. Es begann stets ein neuer Jahrgang, doch Zugänge durch Schulwechsel blieben nicht aus.

»Na, dann bin ich mal gespannt, wie die so drauf sind. Ich schätze, dass die Party nächste Woche perfekt geeignet ist, um in angenehmer Atmosphäre Kontakte knüpfen zu können. Wie uneigennützig unsere Planungen doch sind«, kommentierte Diandro grinsend. In erster Linie würde er sich auf seine bisherigen Freunde und Bekannte konzentrieren. Wenn ihn jedoch jemand der neuen Schüler ansprach, würde er selbstverständlich helfen und einer Unterhaltung nicht aus dem Weg gehen.

»Da bin ich ganz deiner Meinung. Mit Sangria und passender Musik bricht man jedes Eis.« Man konnte Adrián ansehen, wie er im Kopf bereits die Planung zur Party durchging und sich einige Ideen zurechtlegte. Da war er immer Feuer und Flamme, hatte aber auch ziemlich guten Input, den er weitergeben konnte und wodurch die Feiern stets zu einem besonderen Abend wurden.

Die Überlegungen der Freunde wurden jäh unterbrochen, als nicht allzu weit entfernt eine Traube Schülerinnen unter der Pergola entlang marschierte. Allen voran Vitória und knapp hinter ihr Valeria. Aha. Ging das auch wieder los. Lautes Geschnatter umgab die Mädels. Obwohl die beiden Jungs das Schauspiel bereits kannten, war es jedes Mal interessant zu beobachten.

Vitória die Bienenkönigin, mit ihren langen brauen Haaren, wie immer perfekt frisiert, in den neuesten und teuersten Klamotten, umgeben von den Mädchen, die ihr aus der Hand fraßen. Mädchen, die so sein wollten wie sie und sich einen Platz in ihrem Gefolge erkämpft hatten. Sie war wunderschön, hatte ein ebenmäßiges Gesicht, perfekte volle Lippen, der Traum aller Männer – aber leider war sie auch unfassbar eingebildet, extrem arrogant und zickig. Sie konnte einen auf die Palme bringen mit ihrem Gezeter. Denn wer nicht nach ihrer Pfeife tanzte, konnte was erleben.

Valeria, ihre beste Freundin, war nur geringfügig harmloser. Die kleine Blondine war ebenfalls sehr hübsch, konnte aber mit dem edlen Geschmack von Vitória und deren langen Beinen nicht mithalten. Sie stimmte Vitória in allem zu, folgte ihr blind und bot sich deshalb vermutlich als beste Freundin an.

Diandro fragte sich nicht zum ersten Mal, ob man das überhaupt als Freundschaft bezeichnen konnte. Ganz durchblickte er diese Konstellation jedenfalls nicht. Es war ohnehin sehr spannend zu sehen, welche Persönlichkeiten sich hier an der Akademie tummelten und in welchen Cliquen sie sich zusammen gefunden hatten.

Er seufzte. »Wirklich vermisst habe ich sie nicht. Ich freue mich schon auf die erste Begegnung, wenn sie mich anherrscht, weil ich Unwürdiger ihr im Weg stehe… « Sein Mundwinkel zuckte belustigt. Vitória sah alle anderen als niedere Wesen an, außer, sie brauchte etwas von diesen Wesen, dann konnte sie zuckersüß sein.

»Sie ist nun einmal unsere Königin. Solange sie für uns wieder fleißig die Werbetrommel rührt was Partys angeht, ist mir das ziemlich egal.«

Da konnte Diandro lediglich bestätigend nicken. Die rassige Braunhaarige war verwöhnt und führte sich entsprechend auf, aber sie hatte in den letzten Jahren oft genug geholfen, viele Schüler zu den Partys zu locken. Ihre Kontakte waren ausgezeichnet und wenn sie Werbung machte, kam das entsprechend an sehr vielen Stellen an.

»Gönnen wir ihr mal das Scheinwerferlicht. Soll ihr Gefolge sie anschmachte und sich an den Geschichten aus ihren Ferien ergötzen. Ich würde jetzt aber viel lieber mal dem Essen huldigen. Vielleicht sind ja die anderen schon in der Cafeteria. Sofia, Giuliana, Leo, Santiago - ich habe noch gar keinen von ihnen gesehen.« Diandro erhob sich von der Bank, streckte sich genüsslich und setzte sich dann an der Seite seines Kumpels in Bewegung. Es würde noch einige Tage dauern, bis man sich mit allen ausgetauscht hatte und wusste, wie die Ferien jedes Einzelnen gewesen waren.

1

Er schlug die Augen zum ersten Mal auf und nahm den ersten tiefen Atemzug. Es fühlte sich anders an. Merkwürdig. Sein Blick war trüb und er fühlte sich desorientiert. Er wusste lediglich, weshalb er hier war. Zumindest ungefähr. Es wartete viel Arbeit auf ihn und seine Kraft war noch nicht gänzlich zurückgekehrt. Er würde sich einen guten Plan zurechtlegen und seine Umgebung genau beobachten. Jedes Detail, jede Information war von nun an wichtig für ihn. So konnte er effizient arbeiten und Fehler vermeiden.

Langsam kamen weitere Erinnerungsfetzen zurück. Seine Haut fühlte sich glühend unter den Sonnestrahlen an und er machte einen schnellen Schritt in den Schatten einer großen Palme. Um die Mittagszeit war es besonders heiß und er hatte keine Ahnung, wie lange er hier schon stand. Niemand war in seiner Nähe, was ihm genügend Zeit gab, um sich umzuschauen. Er musste sich mit dem Gelände vertraut machen, zumal sich hier alles verändert hatte. Die Gebäude sahen anders aus, als er es gewohnt war und selbst der frische Duft des Meeres kam ihm mit einem Mal unbekannt vor. Vielleicht war es bloß zu lange her. Das Grün der Palmen stach schon fast in seinen Augen.

Langsam kniete er sich hin und legte eine Hand auf die aufgewärmte Erde. »Es ist wirklich lange her…«, murmelte er. Aufmerksam schaute er sich noch einmal um. Er nahm sich Zeit, um jede Kleinigkeit in sich aufzunehmen. Nach einigen Momenten erhob er sich wieder. Ein Lachen formte sich in seiner Kehle und wanderte hinauf, brach schließlich mit großer Erleichterung aus ihm heraus.

Er war wieder hier. Und nun würde sich alles ändern.

Das Ziel lag klar vor ihm, doch es würde einige Punkte geben, die er zunächst in Angriff nehmen musste. Er musste sich von der beschwerlichen Reise noch etwas mehr erholen. Währenddessen konnte er jedoch die ersten Pläne schmieden. Er musste die anderen finden und sich mit ihnen besprechen.

Wenn er sich korrekt an die Informationen erinnerte, die er erhalten hatte, hatte gerade eine neue Kursphase an der Akademie begonnen. Das lieferte ihm eine perfekte Möglichkeit, sich umzuschauen und sich unter die Schüler zu mischen. Voller Vorfreude rieb er sich die Hände, seine Augen blitzten auf. Schon bald würde er eine Nachricht an die anderen schicken.

Sehr bald…

Vitória

Sie war wieder in ihrem kleinen Königreich. Okay, in dem anderen, das ihr gehörte. Denn zu Hause war sie das kleine Prinzesschen, dem Daddy jeden Wunsch erfüllte. Vitória war es gewohnt Aufmerksamkeit zu bekommen und das sollte in diesem Jahr nicht anders werden.

Sobald sie ihre Taschen zu ihrem Bungalow hatte bringen lassen, denn das erledigte sie selbstverständlich nicht selbst, hatte sie sich gnädig zu ihren Mädels gesellt. Besonders die Zweitklässlerinnen, die seit dem vergangenen Jahr zu ihrem Junggefolge gehörten, galt es im Auge zu behalten. Jedes der Mädchen wollte unbedingt von den Ferien erzählen, aber noch erpichter waren sie auf Vitórias Erzählungen. Großzügig hatte sie von dem teuren Urlaub erzählt, den ihr Vater spendiert hatte und hatte die Komplimente über ihre tolle Bräune nur zu gerne entgegengenommen. Sie hatte es aber auch verdient! Immerhin hatte sie die Bräune gepflegt und sich stets gut eingecremt, um nun nichts der Farbe einbüßen zu müssen. Sie wusste eben, worauf es ankam.

Obwohl sie ihr Gefolge durchaus mochte und die Aufmerksamkeit genoss, war Vitória froh, als sie am späten Nachmittag etwas Ruhe fand. Sie lächelte den Mädels halbherzig zu und zog ihre Freundin Valeria mit sich zu ihrem gemeinsamen Bungalow, den sie noch mit Sara, der Giftspritze, teilten. Der Hauptraum war groß und hell. Die Wände waren eierschalenfarben gestrichen, die dunklen Holzmöbel durch die Generationen von Schülern schon etwas abgenutzt. Über Saras Bett hing irgendein hässliches Poster einer naturgewaltigen Landschaftsszene. In Vitórias Bereich war es deutlich stilvoller mit einem modern abstrakten Bild in kräftigen Farben. Die Fächer ihres Regals waren spärlich mit Büchern gefüllt, dafür war mehr Platz für Kosmetik und Fotos vorhanden. Zu Beginn ihrer Schulzeit hatten Valeria und Vitória die Möbel ein wenig umgestellt, sodass Sara auf der Raumseite mit der Sitzecke nächtigte, während die Freundinnen die Bereiche nebeneinander hatten. Die Distanz zu Sara wurde folglich durch die Aufteilung des Bungalows unterstrichen.

»Na endlich! Die sind teilweise so unsagbar anstrengend. Findest du nicht auch? Ich habe jetzt wirklich keine Zeit mir Joanas Kleiderschrank anzuschauen und ihr zu sagen, welche der Sachen sie überhaupt noch tragen kann und welche von vor zwei Saisons sind«, schnaufte Vitória ungalant und verdrehte die Augen. »Ein Glück haben wir beide davon deutlich mehr Ahnung und können uns selbst darum kümmern. Mal sehen, vielleicht habe ich die nächsten Tage die Nerven dafür ihr zu helfen.« Ob sie das überhaupt machen würde, stand noch im Raum. Andererseits wollte Vitória keine Augenschmerzen bekommen, wenn eine ihrer Freundinnen in abscheulichen Klamotten auftauchte.

»Wenigstens haben wir beide etwas Ruhe. Sara ist wohl noch mit ihrer liebsten Freundin unterwegs. Dubioses Gespann!« Valeria war bisher still gewesen und hatte sich lediglich auf die weichen Polster des roten Sofas in der Sitzecke sinken lassen. Noch immer folgte sie Vitórias Worten wie gebannt.

»Du wirst es nicht glauben! Vorhin musste mir ausgerechnet Miles, dieser unbeliebte Schleimer, unbedingt von seinem unspektakulären Urlaub bis ins Detail erzählen und wollte mich damit beeindrucken. Dabei versteht er einfach nicht, dass ein Urlaub in Texas nicht berauschend ist und nicht einmal zur Verbesserung des Kulturverständnisses beiträgt. Jedenfalls hat er den Weg versperrt und ich musste das Gequassel über mich ergehen lassen. Wie schrecklich ist das bitteschön?! Aber jetzt erzähl mal, was es sonst so Neues bei dir gibt. Aus deiner Nachricht bin ich nicht ganz schlau geworden. Der Empfang war nicht so gut«, forderte sie und warf ihre langen braunen Haare über die Schulter.

Aufmerksam hatte Valeria jedes Wort verfolgt, so wie es sich gehörte, bis Vitória ihr nun das Wort übergab. Ehrlich gesagt hatte Vitória gar nicht so viel aufs Handy geschaut und teilweise keine Lust auf das Beantworten der Nachrichten gehabt. Irgendetwas war bei Valeria mit Luíz abgegangen, diesem Hohlschädel.

»Die unangenehme Begegnung mit Miles hast du ja gut überstanden. Widme ihm da gar keine Minute deiner kostbaren Gedanken mehr. Das ist der nicht wert. Da erzähle ich dir lieber mal genauer, was bei mir so los war.« Die Blondine seufzte und für einen Augenblick blitzte Traurigkeit in ihren hellgrünen Augen auf. »Die Ferien haben recht schön begonnen. Bis Luíz und ich Schluss gemacht haben. Das heißt… ich habe das getan. Er hat sich überhaupt nicht gemeldet in den Ferien. Ich weiß nicht, ob er mich vergessen hat oder bewusst keinen Kontakt aufgenommen hat, keine Ahnung. Selbst als ich das angesprochen habe, kam nichts von ihm. Als mir das zu viel wurde, habe ich dann gesagt, dass ich mich trenne, da er wohl keine Lust auf mich hat. Das war es dann und alles ist nur über Handy gelaufen.« Valeria verzog den Mund und blickte Vitória mit großen Augen an.

Was war denn das bitte für ein Kerl, wenn er nicht einmal den Mumm besaß, auf solche Nachrichten zu antworten?! Vitória hatte diese Beziehung von Anfang an nicht gerade begeistert aufgenommen. Luíz war ein Idiot. Ein totaler Hitzkopf. In der Gegenwart seiner Freunde musste er besonders cool auftreten und wusste ein Mädel wie Valeria gar nicht zu würdigen. Die Aktion bewies das einmal mehr. Okay, die beiden waren nicht wirklich lange zusammen gewesen. Knapp zwei Monate insgesamt, aber dennoch war es eine blöde Sache, dass er nicht einmal auf die Nachrichten reagiert hatte. Für Vitória war so etwas überhaupt nicht in Ordnung und sie hätte den Typen schon lange abgeschossen.

»Hauptsache du hast das in die Hand genommen. Das kommt besser an. Wir gehören zu einer Spezies, meine Liebe, die sich nicht abservieren lässt. Mir ist zwar bekannt, dass die Kerle schreibfaul sind, aber das funktioniert so nicht. Entweder wir sind ihnen das wert oder nicht. Dann brauchen sie über einen Schlussstrich nicht allzu verwundert zu sein. Ich bitte dich, Valeria. Du hast doch einen Traumtypen verdient, der sich von sich aus meldet. Jemand, dem du den Kopf so verdrehst, dass er dich gar nicht vergessen kann und dich auf Händen trägt. Das war echt unterirdisch von Luíz«, kommentierte sie und schüttelte den Kopf. »Hat er denn überhaupt was zu der Trennung gesagt? Kam da irgendeine Reaktion? Ich finde jedenfalls, dass du es vollkommen richtig gemacht hast. Wichtig ist jetzt, dass du dir diesen Fehler nicht anheftest. Wenn er das nicht auf die Reihe bekommt und keine Beziehung führen kann, dann ist das sein Problem.«

Vitória lehnte sich vor und strich tröstend über Valerias Unterarm. So sollten die Ferien wahrlich nicht verlaufen, aber leider konnte man das nicht mehr ändern. Valeria musste nach vorne schauen, sollte sich nicht runterziehen lassen. Obwohl die Blondine sich tapfer gab und keine Tränen sehen ließ, erkannte Vitória sehr wohl, wie viel es ihr tatsächlich ausmachte. Valeria hatte sich ordentlich in den Schwarzhaarigen verknallt und war nicht davon ausgegangen, dass es so schnell zu Ende gehen würde. Jetzt musste man sich jeden Tag in den Kursen begegnen, da sie im gleichen Jahrgang waren.

»Ach, er hat ganz blöd reagiert. Es kam nur eine Nachricht, dass er mich gar nicht ignoriert hat, aber wenn ich die Trennung will, dann ist das so. Das alles machte nicht den Eindruck, als würde ihm die Trennung viel ausmachen. Ich weiß nicht, wie es wird, wenn wir uns jetzt über den Weg laufen. Bisher bin ich drum herum gekommen.«

Vitória stieß ein theatralisches Seufzen aus. »Ihr wart gerade frisch zusammen, da muss man ganz hin und weg voneinander sein. Da will man sich in den Ferien sehen und schreiben. Er hätte ganz einfach anrufen können. Wenn ich mir das vorstelle, kriege ich direkt wieder Migräne. Der Typ hat es echt vergeigt. Er hätte dir die Welt zu Füßen legen sollen, Darling. Du hast das verdient. Du bist so herzlich und wunderschön. Der hätte sich glücklich schätzen sollen, dass du dich überhaupt mit ihm abgibst. Aber vielleicht habe ich da etwas, das dich aufmuntert. Vorhin bin ich nämlich kurz Adrián über den Weg gelaufen und der hat mir verraten, dass er und Diandro für nächstes Wochenende eine erste Feier planen. Eine Art Jahreseröffnungsparty sozusagen. Da machen wir uns dann einen tollen Abend, ja?« Aufmunternd schaute sie ihre Freundin an. Im Gegensatz zu dem Bild, das Vitória nach außen abgab, war sie tatsächlich um das Wohlergehen ihrer Freundin bemüht. Sie wollte vermeiden, dass Valeria in ein tiefes Loch fiel, sich nachher richtig schlecht fühlte.

»Oh super! Die planen also schon wieder etwas. Das ist wirklich ein Lichtblick! Ich will nämlich noch gar nicht daran denken, wie es wird, wenn ich Luíz sehe.«

»Wahlweise suchen wir uns einen schicken Kerl für dich, mit dem du Luíz eifersüchtig machst und ihm somit einen Denkzettel verpasst. Damit kannst du ihm zeigen, dass du Jeden haben könntest und ihm nicht hinterher trauerst. Nur bitte nicht Riccardo. Der schleppt dich am Ende noch ab«, warnte sie vor dem Schürzenjäger der Akademie, der nun im letzten Jahr war.

»Ja, mal gucken. Ich weiß nicht, ob ich etwas wegen Luíz unternehmen möchte. Lassen wir das mal noch ruhen. Das hat Zeit bis nächste Woche. Was gab es denn bei dir sonst so in den Ferien?«

Vitória hatte schon einige Storys erzählt, aber eher etwas allgemeiner, denn manche Aspekte gingen ihr Gefolge nichts an.

»Anfangs habe ich meinen Bruder besucht. Er ist schrecklich beschäftigt, weil er doch gerade an seinen Hotels bauen lässt und ständig herumreist. Die Anlagen sehen schon traumhaft aus und ich denke, dass er ein ziemlich guter Hotelier werden wird. Er hat es echt drauf, sonst wäre er nicht schon so weit gekommen in der kurzen Zeit.« Vitória prahlte gern mit ihrem älteren Bruder, aber er hatte wirklich hart gearbeitet, um das alles zu erreichen. Da konnte man entsprechend stolz sein. »Dann war ich eine Woche zu Hause, ehe es ins Luxusresort in die Karibik ging. Zwei meiner Cousinen waren dabei. Es war wundervoll dort. Der Service war perfekt, die Anlage, das Meer. Und selbst Amaro hat mir geschrieben.« Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Amaro war ein Schüler aus dem letzten Jahr, mit dem sie derzeit ein wenig anbandelte. Da lief es besser als bei Valeria, aber das wollte Vitória nicht so deutlich sagen.

»Also geht es bei euch in die richtige Richtung. Das freut mich!!« Valeria klatschte begeistert in die Hände und brachte Vitória somit zum Lachen. »So einen Urlaub in der Karibik hätte ich auch gebrauchen können. Das war garantiert super.«

Die Braunhaarige nickte dazu noch einmal bestätigend. Sie konnte sich nicht beschweren, denn sie hatte keinen Finger krumm machen müssen.

»Tja, ob es mit Amaro in die richtige Richtung läuft, weiß ich nicht. Also es läuft gut, aber ich weiß noch nicht, ob da was laufen soll. Ich rechne es ihm hoch an, dass wir geschrieben haben und das zeigt sein Interesse an mir. Ich lasse das noch auf mich zukommen.« Das Gefühl umschwärmt zu werden, war wunderbar. Sie liebte es. Egal, ob die Mädels zu ihr aufsahen oder die Jungs Interesse an ihr hatten. Ihre vorherige Beziehung war nun schon lange genug vorbei, dass sie sich getrost jemand anderen anlachen konnte, aber ob sie das wollte und ob das Amaro sein sollte, war noch nicht klar.

*

Im Laufe der ersten Woche beschäftigte sie sich nicht allzu detailliert mit diesen Fragen. Für Vitória galt es zunächst, den Alltag wieder zu beherrschen. Sehen und gesehen werden war ihre Devise. Mit einem aufmerksamen Blick ging sie über das Gelände, sodass ihr nichts entgehen konnte. Sie wusste gern über alles Bescheid. Über neue Mitschüler, über Geschehnisse in den Ferien, neue Freundschaften, einfach alles. Bei so vielen Leuten lohnte es sich, den Überblick zu behalten.

Wobei es natürlich ein paar Mitschüler gab, die etwas bekannter waren und um die sich meist die Neuigkeiten drehten. Da konnte sie sich zum Beispiel ihren eigenen Jahrgang anschauen. Es gab sie und Valeria, sowie Sara, die ebenfalls in dem Zimmer der Freundinnen wohnte. Leider! Denn Sara war ungenießbar, unfreundlich und hatte keine Manieren. Sie war ganz einfach schrecklich. Dann gab es Mia-Luciana und Letícia. Letztere war die beste Freundin von Sara. Vitória fragte sich immer, wie sich die beiden gefunden hatten, denn Letícia war viel zu nett und herzlich für die kratzbürstige Sara.

Bei den Jungs standen vor allem die Sportskanone Leonardo mit seinem Halbbruder Javier „Javi“, und deren Kumpels Santiago und Luíz im Mittelpunkt. Mia-Luciana war sehr eng mit Luíz und Javi befreundet, was Valeria in den wenigen Wochen der Beziehung zu Luíz schon in den Wahnsinn getrieben hatte. Generell überschnitten sich die Kontakte sehr viel und scheinbar mochten alle Santiago unglaublich gern. Dabei war er so ein Pausenclown, den man überhaupt nicht ernst nehmen konnte.

Auch im Jahrgang über ihnen, im letzten Jahr, gab es einige Leute, die sich mit der Clique um Leonardo und Santiago gut verstanden und äußerst beliebt waren. Adrián und Diandro waren die Organisatoren jeglicher Feiern. Adrián war vor einigen Monaten noch mit Mia-Luciana zusammen gewesen. Da herrschte hier wohl ebenso viel Durcheinander wie man es aus Telenovelas kannte.

Wer da auch gern mitmischte, jedoch nicht im Hinblick auf Beziehungen, war Riccardo. Er war Letícias Bruder, der ganz aus der Art schlug, und Schürzenjäger Nummer Eins. Unfassbar, dass immer wieder Mädels auf seine schleimige Art hereinfielen.

Giuliana und Sofia waren beste Freundinnen, fast nie ohne einander anzutreffen, ein eingespieltes Team und gute Freunde der beiden Partyplaner. Leider konnte man Karicia, die abgedrehte Cousine von Sara, nicht aus der Aufzählung herauslassen. Die Blonde hatte eine Schraube locker, murmelte oft irgendein komisches Zeug vor sich hin und blaffte in ihren klaren Momenten die Mitschüler an. Bei den beiden Mädels erkannte man die Familienzugehörigkeit auf den ersten Blick.

Es war also verständlich, dass man bei diesen ganzen Schülern irgendwie den Überblick behalten musste. Denn bei ihnen handelte es sich um die beiden größten Cliquen an der Akademie, die sich dann auch noch häufig vermischten und etwas gemeinsam unternahmen.

Folglich war es nachvollziehbar, dass sich Vitória erst wieder über alles und jeden informieren wollte, damit sie am Freitag bei der Beach-Party, die nun offiziell von Adrián und Diandro verkündet worden war, bestens im Bilde war. Viele Details wurden ihr von ihrem Gefolge zugetragen, das immer die Ohren für Vitória spitzte.

Ein ausgezeichneter Ort für Vitórias Vorhaben war die Cafeteria. Der Bungalow, in dem die Schüler gemeinsam aßen und der in der Freizeit ein beliebter Anlaufpunkt war. Durch die bodentiefen Fenster kam viel Licht ins Innere des großen Raumes. Links des Eingangs war die breite Theke zur Küche, an der man sich zur Mittagszeit sein Essen holen konnte. Zahlreiche Behälter boten die verschiedenen Gerichte an und am Nachmittag gab es diverse Kuchen oder Muffins. Frisches Obst und Getränke waren den ganzen Tag erhältlich. Ein paar Bilder an den Wände und Blumenkübel machten den weitläufigen Raum gemütlicher und ließen ihn nicht wie eine sterile Kantine wirken. An der rechten Wand, direkt neben dem Eingang, gab es eine schwarze Pinnwand, an der Neuigkeiten ausgehangen wurden. Die weit nach unten hängenden Lampen tauchten die Cafeteria in ein angenehmes Licht sobald es draußen dunkler wurde. Es war einer der Lebensmittelpunkte der Akademie. Welcher Ort wäre folglich besser geeignet, um sich auf den aktuellsten Stand zu bringen?!

Gerade beobachtete Vitória, wie sich Mia-Luciana zu Adrián und Diandro setzte. Ihr Blick glitt ein wenig weiter zu Amaro, der am übernächsten Tisch saß und ihr zuzwinkerte. Dann schob sich das Gesicht von Sara dazwischen. Vitória stöhnte genervt auf.

»Oh, störe ich da gerade einen Flirt zwischen dir und Amaro? Ich habe ja schon fast die Funken sprühen sehen bei euren heißen Blicken.«

Vitória schaute zu Valeria, die ebenfalls mit an dem runden Tisch saß, an dem bis zu fünf oder sechs Leute sitzen konnten. Sie hatten beide ihre Schwierigkeiten mit Sara und es kam regelmäßig zu Provokationen untereinander.

»Hast du keinen anderen Platz oder andere Personen, denen du auf den Nerv gehen kannst? Deine einzige Freundin ist wohl gerade zu beschäftigt für dich und deine Cousine suhlt sich wieder in ihrer Geisteskrankheit. Hartes Schicksal. Mehr Freunde hast du dann ja auch nicht«, schoss Vitória prompt zurück. Sie ließ sich die Art und Weise von Sara nicht gefallen. Um zu unterstreichen, dass sie von deren Auftauchen nicht begeistert war, zog sie ihr Näschen kraus. Durch irgendeinen Kommentar wurde Saras aggressive Ader sogleich wieder angestachelt.

»Hey, pass bloß auf! Nenn hier noch einmal jemanden geisteskrank und ich verschiebe dein künstliches Näschen um ein paar Zentimeter.« Sara wirkte sehr gereizt und ihre Augen blitzten auf, sie wischte sich sogar ein paar braune Haarsträhnen aus dem Gesicht, ehe sie noch zur Untermalung ihrer Worte mit der Faust wedelte.

Drei, zwei, eins… da war auch schon die erste Drohung in diesem Schuljahr.

»Ach, süß, Sara. Süß. Du brauchst nicht direkt scharf zu schießen, bloß weil es sonst niemand mit dir aushält. Mal im Ernst. Hör auf auszuteilen, dann musst du nicht einstecken. Meinst du wirklich, dass du mit deiner aggressiven Art für irgendeinen Typen ansprechend bist? Fahr doch mal ein bisschen runter. Damit tust du dir nur selbst einen Gefallen. Du sprichst ja schon wie Riccardo. Alter, dann verschieb ich dir deine Nase um ein paar Zentimeter. Zu deiner Information, meine Liebe, meine Nase ist glücklicherweise so perfekt gewachsen. Nicht jeder kann damit gesegnet sein.«

Das hier war noch eine harmlose Runde. Im Zimmer hatte es schon richtige Streitigkeiten gegeben. Flippte Sara aus, flippte Vitória aus. Sie schenkten sich in solchen Momenten nichts und Vitória gab gern heftige Provokationen zurück. Nicht selten begann sie selbst mit ein paar Kommentaren, die Sara in Rage brachten. Die beiden würden niemals Freundinnen werden.

»Als wenn es immer nur um Typen geht. Das ist echt arm, Vitória. Hast du jetzt mehr mit Riccardo zu tun oder woher weißt du, wie er seine Drohungen ausspricht? Wusste ich gar nicht, dass ihr euch so gut versteht«, ätzte Sara weiter. Das Spiel hatte gerade erst begonnen und konnte noch eine ganze Weile andauern.

»Kannst du jetzt bitte wieder zu Letícia abziehen?« Die Frage kam von Valeria, die den Schlagabtausch verfolgt und ebenfalls keine Lust auf Sara hatte. Diese war doch sowieso nur hergekommen, um die Freundinnen zu ärgern. Einen anderen Grund gab es nicht.

»Sieh an. Dein Schoßhündchen kann ja doch sprechen. Ich hatte schon befürchtet, sie hätte über die Ferien das Sprechen verlernt. Sie muss ja immer warten, bis du ihr großzügig das Wort überlässt und mal eine Sekunde die Luft anhältst und nicht weiter über dich sprichst. Ich dachte immer, das kommt nur nachts vor, wenn du schläfst. Oder aber unsere liebe Valeria hier hat einfach noch dermaßen an der Trennung von Luíz zu knabbern, dass sie sich zurückhält.«

Nun war es Vitória, die wütend wurde und das nicht so im Raum stehen lassen wollte. Sara und sie lieferten sich ein Blickduell, das ein paar Sekunden andauerte. »Es ist die eine Sache gegen mich zu wettern, weil du mit deinem Leben unzufrieden bist, Sara. Es ist mir vollkommen egal, was du mir an den Kopf wirfst. Gegen Valeria unter die Gürtellinie zu gehen ist allerdings ein absolutes Tabu. Du brauchst dich wirklich nicht zu wundern, wenn dich keiner leiden kann. Du siehst die Grenze einfach nicht und überschreitest sie jedes Mal aufs Neue. Provozieren und ärgern ist die eine Sache, Valerias Trennung auszunutzen ist unterste Schublade und unfair. Verzieh dich zu Letícia oder deiner dämlichen Cousine, aber lass uns in Ruhe.« Auffordernd sah sie Sara an. Da war die Illusion, dass es in diesem Jahr eine Art Waffenstillstand geben könnte, wieder einmal zu hoch gegriffen gewesen. Sara blickte die Freundinnen herablassend an, erhob sich dann allerdings.

»Ach Vitória. Du meinst, du bist hier die Beste und hast alles im Griff, aber das ist nicht so. Dir muss das nur mal jemand klar machen. Wir sehen uns später, ihr Süßen.« Die Worte Saras zum Abschied trieften nur so vor Sarkasmus. Dass Vitória mit diesem Biest auch noch ausgerechnet im Bungalow gestraft war!

»Ich weiß wirklich nicht, was bei der schief gelaufen ist! Wobei ihre Cousine genauso schräg drauf ist.«

»Eigentlich ist Karicia noch merkwürdiger als sie. Sara ist wenigstens nur auf Ärger aus, während ihre Cousine nicht alle Tassen im Schrank hat. Wenn ich ihr draußen irgendwo begegne, sehe ich immer zu, dass ich einen großen Bogen um sie mache. Ich traue der zu, dass sie mir mal rein aus Spaß einen Zauber in den Rücken schleudert«, sagte Valeria und sie schüttelte sich kurz bei dem Gedanken an die mürrische Blondine.

»Mach dir keine Gedanken, Darling. Das gibt nur Falten auf der Stirn. Lass uns fertig essen und dann noch ein wenig nach draußen gehen, ehe wir zum nächsten Kurs müssen.«

So leicht konnte sie den Groll über Sara jedoch selbst nicht abschütteln. Es war zum verrückt werden, dass es Sara stets gelang, mit ihrem Kommentaren zu treffen. Vitória verstand nicht, wieso es ihrer unliebsamen Mitbewohnerin so viel Spaß bereitete. Wenn sie sich aus dem Weg gehen und zurückhalten würden, wenn sie einander begegneten, dann wäre es deutlich angenehmer.

Einige Minuten später hatten sich die Freundinnen von ihren Plätzen erhoben und waren hinaus geschlendert. Während Valeria noch kurz zu den Toiletten abbog, ging Vitória schon nach draußen in die Sonne. Sie nutzte die Gelegenheit, um ein paar Nachrichten auf ihrem Handy zu beantworten, ehe ihre Aufmerksamkeit gleich wieder Valeria gelten würde. Sie wartete unter der hölzernen Überdachung vor der Cafeteria, die von Kletterpflanzen überwachsen war und somit Schutz vor der Sonne oder wahlweise sogar dem Regen bot. Als sich eine Person in den Blickbereich ihrer Augenwinkel schob, vermutete sie Valerias Rückkehr. »Sehr gut, da bist du ja schon.«

»Wenn ich geahnt hätte, dass du schon so sehnsüchtig auf mich wartest, wäre ich doch viel früher gekommen. Einen schönen guten Nachmittag«, ertönte es mit männlicher Stimme neben ihr.

Hatte sich heute die Welt gegen sie verschworen? Musste sie wirklich vom Regen in die Traufe geraten?! Vitória blickte vom Handydisplay auf und direkt in Riccardos amüsiert grinsendes Gesicht.

»Der war schön, bis du aufgetaucht bist, Chávez. Geh weiter, lass mich in Ruhe und flirte mit irgendwelchen neuen Schülerinnen, die deine Masche noch nicht kennen. Ich hatte gerade schon eine Dosis Sara und das reicht mir für heute.« Auf diesen schleimigen Kerl hatte sie nun wahrlich keine Lust.

»So leicht reizbar heute, liebe Vitória. Was ist denn da los? Hast du zu wenige neue Handtaschen gekauft? Oder hat Amaro dir heute noch nicht den Hof gemacht? Wobei ich mich schon frage, was du dir von einem Kerl wie ihm versprichst. Ich hätte eher gedacht, dass eine Frau von deinem Format andere Anforderungen besitzt.«

Es gab leider Mitmenschen, mit denen war man gestraft und die wurde man nicht so leicht los. Vitória wusste nicht, weshalb ausgerechnet sie mit solchen Leuten bedacht worden war. Normalerweise hatte sie ihre Ruhe vor Riccardo, der alle Mädels anbaggerte, die bei drei nicht auf den Palmen waren. Leider war sein Ego derart aufgeplustert, dass sie nicht immer drum herum kam und dann, wie jetzt, seine dummen Sprüche ertragen musste. Er hätte sich bestimmt hervorragend mit Sara verstanden, wenn er so etwas wie Freunde besessen hätte.

»Hoppla, Chávez. Ich bin davon ausgegangen, dass die weibliche Fraktion dein Steckenpferd ist und du dazu deutlich mehr sagen kannst als zu deinen männlichen Artgenossen. Da verwundert es mich selbstverständlich, dass du Amaro einschätzen kannst«, kam es hochnäsig von Vitória. Sie zog leicht eine Augenbraue in die Höhe und schaute ihn an, als würde er auf der sozialen Leiter meilenweit unter ihr stehen – so, wie es ja im Grunde sogar war.

»Das eine schließt das andere nicht aus, Vitória. Ich kann sehr wohl wissen, wie Amaro tickt und daher kann ich dir sagen, dass er dir nicht gewachsen ist. Wie wäre es stattdessen, wenn ich dir einen Cocktail an der Party am Wochenende ausgebe?«

Er fand sich unwiderstehlich! Vitória konnte darüber nur den Kopf schütteln. Riccardos hellblaue Augen blitzten ihr herausfordernd entgegen. Die jüngeren Mädels fielen reihenweise auf seine charmante Art herein, ließen sich Honig ums Maul schmieren, aber Vitória ließ sich von seinem attraktiven Äußeren nicht blenden. Ja, seine kurzen hellbraunen Haare, die meerblauen Augen und die äußerst sportliche Statur hatten einen gewissen Reiz. Seine Worte waren jedoch reines Kalkül, er war ein Einzelgänger der extremen Art und nebenbei an zahlreichen Prügeleien beteiligt.

»Mach dir lieber Gedanken um dich selbst und nicht darum, welcher Mann meine Kragenweite ist. Das kann ich sehr gut selbst einschätzen. Und dann die wichtige Frage: wieso sollte ich mich von dir auf einen Drink einladen lassen? Zumal die Cocktails kostenlos sein werden. Ich bin alt und groß genug, um mir selbst etwas zu Trinken organisieren zu können. Das wirft noch eine weitere Frage auf. Nämlich, ob es überhaupt etwas gibt, das du mir bieten könntest«, feuerte sie sichtlich genervt zurück.

Wo blieb Valeria denn so lange? Würde Vitória nicht auf ihre Freundin warten müssen, wäre sie schon lange verschwunden, um Riccardo stehen zu lassen.

»Warum ich dich auf einen Drink einladen sollte? Gegenfrage: warum denn nicht? Ich weiß, dass die Drinks kostenlos sind und lade dich ja nicht ein, um die Rechnung zu übernehmen. Aber wer weiß, vielleicht entpuppe ich mich als äußerst angenehme Gesellschaft«, gab er zu bedenken und grinste weiterhin überheblich in ihre Richtung.

»Spar dir die Sprüche für die Mädels, die sich von dir um den Finger wickeln lassen. Deine vermeintlichen Ratschläge brauche ich nicht und die Beach-Party wird mir ohne dich deutlich besser gefallen.«

Endlich tauchte Valeria wieder auf. Deren Augen weiteten sich überrascht, als sie Vitória und Riccardo im Gespräch sah. Mit wenigen Schritten schloss sie zu Vitória auf und verkündete, dass sie nun weiterziehen konnten.

»Du hörst es, Chávez. Meine vorzügliche Gesellschaft wird von weitaus würdigeren Personen benötigt. Dein Vorschlag war zu großzügig. Meine Knie sind ganz weich geworden«, sagte sie in ironischem Tonfall und musterte ihn erneut von oben herab, selbst wenn sie dafür ein Stückchen hoch schauen musste.

Schließlich setzte sie sich gemeinsam mit Valeria in Bewegung, um von dieser Unterhaltung zu flüchten. »Mehr davon ertrage ich heute nicht mehr, Valeria. Was denken die sich eigentlich alle, mich so blöd von der Seite anquatschen zu können?! Es ist unfassbar! Kein Respekt mehr vor den entsprechenden Personen.« Vitória zeterte nicht gerade leise und sie ging davon aus, dass Riccardo ihre Worte mitbekam.

»Was wollte er denn?«

»Ein Stück unserer Beliebtheit. Der hat doch keine Freunde und hockt ständig alleine herum, wenn er nicht gerade die Mädels verarscht.« Sie winkte ab, denn dazu gab es nichts mehr zu sagen. Sie wollte die restliche Pause gern ungestört von diesen Idioten verbringen.

Da war es sinnvoller, wenn sich die Freundinnen schon ein paar Gedanken zu der Party machten. Das steigerte die Vorfreude und außerdem galt es noch die passenden Outfits herauszusuchen. Unvorbereitet würden sie dort nicht auftauchen, so viel stand fest. Vitória hoffte weiterhin, dass sie Valeria ein bisschen von Luíz ablenken können würde. Derzeit sah es noch nicht so aus, als wenn die Blondine tatsächlich aus sich herauskommen würde. Dafür machte ihr die Trennung zu viel aus und Vitória würde noch alle Hände voll zu tun haben.

Karicia

Wie sie bereits ihrer Cousine Sara zugesagt hatte, wollte sie sich die Party am Strand nicht entgehen lassen. So hatte sie sich an das indirekte Motto gehalten und ein knielanges Strandkleid angezogen. Gemächlich war sie dann mit ihren Freunden Larissa und Juan zur Bucht hinunter geschlendert. Die beiden anderen führten das Gespräch, während sich Karicia nur ab und zu einklinkte, um einen einsilbigen Kommentar einzuwerfen. Glücklicherweise reichte das ihren Freunden immer aus. Sie kannten es nicht anders von Karicia.

Je näher man dem Strand an diesem lauen Freitagabend kam, desto mehr Geräusche hörte man von dort. Die ersten musikalischen Klänge, viele Stimmen und Gelächter. Zwischen den Palmen konnte man einen Lichtschein erhaschen, der von einem großen Lagerfeuer stammte. Fast alle älteren Schüler waren bereits anwesend, manche tanzten schon im feinen Sand. Santiago wirbelte mit einer Blumenkette um den Hals herum und scherzte sehr viel mit allen Anwesenden.

Karicia sog die Eindrücke aufmerksam ein, auf ihrem Gesicht zeigte sich jedoch keine Regung. Das nervige, laute und unangenehme Geplapper war überall um sie herum. Wie konnte man das nur aushalten? Wieso teilten alle Mitschüler ihre super uninteressanten Feriengeschichten? Die Wenigsten hatten wirklich etwas zu berichten und trotzdem quatschte jeder daher, als hätte er oder sie den Mount Everest bestiegen und als hätten die Ferien drei Jahre gedauert.

Karicia fühlte sich davon genervt, weil sie ahnte, dass viele Mitschüler nur heuchelten. Man wollte sich bestmöglich präsentieren, cool darstellen und angeben. Für sie war das absolut nichts. Mal abgesehen davon, dass sie dafür einfach nicht der Typ Mensch war, hatte sie Wichtigeres im Leben zu tun.

Auch jetzt rauschte es wieder laut in ihren Ohren und ließ sie nicht ganz klar denken. Außer ihren Eltern wusste niemand davon. Seit dieses Rauschen vor ein paar Jahren angefangen hatte, hatten sie nicht herausfinden können, weshalb es begonnen hatte. Jedenfalls war dies unter anderem der Grund, weshalb sie sich lieber von anderen fernhielt und sich in großen Menschenmassen unwohl fühlte.

Diese ständigen Stimmen… und zwar nicht die der Mitschüler, sondern… von irgendjemandem, der nicht wirklich da war.

Karicia hatte gelernt, diese so gut sie konnte auszublenden. Sonst würde sie wohl gänzlich verrückt werden. Wenn sie so über das Rauschen nachdachte, fragte sie sich, ob sie Sara irgendwann davon erzählen sollte. Was, wenn die Stimmen noch stärker werden würden? Was, wenn sie mehr Aussetzer hätte? Dann wäre es nicht ganz so dumm, wenn jemand hier Bescheid wüsste und Sara stand ihr nahe genug, dass sie ihr mit dieser Sache vertrauen konnte. Es musste nicht unmittelbar in der nächsten Zeit sein, aber sie sollte sich definitiv darüber Gedanken machen.

Karicia ließ Larissa und Juan alleine und würde später wieder dazu stoßen. Mit dem ersten Cocktail in der Hand, stand sie nun etwas abseits. Ihr Blick wurde von den sachten Wellen gefangen genommen, blickte eine Weile nur auf das offene Meer hinaus. Sie schmeckte das Salz des Meeres auf den Lippen und spürte die sanften Windböen, die mit ihren Haaren spielten.

Obwohl sie innerlich etwas erschrak, als sie angesprochen wurde, bewegte sie ihren Kopf langsam in die besagte Richtung und sah Adrián höchstpersönlich vor sich stehen. Schweigend schaute sie ihn einen Augenblick an und fragte sich, weshalb er sie so unerwartet ansprach.