Mitternachtslust - Elaine Winter - E-Book

Mitternachtslust E-Book

Elaine Winter

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7,99 €

Beschreibung

Wenn es Nacht wird, kommt die Lust

In ihrem neuen Zuhause, einer alter Hamburger Kaufmannsvilla, ziehen geheimnisvolle Geschehnisse und erregende Gefühle Melissa in den Bann. Der charismatische Maler Alexander, der im Gartenhaus wohnt, schenkt ihr prickelnde Erotik, und in ihren Träumen erlebt sie die verzehrende Leidenschaft einer ewigen Liebe, die immer realer wird, bis sie begreift, wer sie Nacht für Nacht zärtlich berührt.

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MOBI

Seitenzahl: 582

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Das Buch

Nachdem sie ihren Mann Richard in flagranti bei einem Seitensprung erwischt hat, zieht Melissa sich enttäuscht nach Hamburg zurück. Bei ihren Streifzügen durch die Stadt entdeckt sie eine alte verwunschene Villa, die es ihr sofort angetan hat. Sie zieht dort ein, um ein Leben in Freiheit zu genießen. Mit ihrem Nachbarn, dem Maler Alexander, kommt es zu prickelnden Begegnungen. Doch am erregendsten sind Melissas Träume, in denen sie immer wieder eine große Leidenschaft durchlebt. Aber wer ist der Fremde, dessen geheimnisvolle Präsenz sie nachts in der Villa spürt, ohne ihn jemals zu sehen?

Die Autorin

Elaine Winter, geboren 1958 in Hannover, machte zunächst eine Ausbildung zur Hotelfachfrau, wonach sie Germanistik und Anglistik studierte. Nach ihrem Studium war sie in verschiedenen Bereichen tätig: in einer Medienagentur, im Kunsthandel, im Verlag und im Marketing. Seit 1992 arbeitet sie hauptberuflich als Autorin.

Elaine Winter

Mitternachtslust

Erotischer Roman

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Überarbeitete Neuausgabe 10/2011

Copyright © 2002 der Originalausgabe mit dem Titel

Die Nacht hat zärtliche HändeCopyright © 2010 by Elaine Winter

Copyright dieser Ausgabe © 2011 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Printed in Germany 2011

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München unter Verwendung eines Fotos von iStock / thinkstock

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-05730-5

www.heyne.de

1. Kapitel

Melissa blieb vor der gläsernen Fassade des modernen Bürogebäudes stehen und überprüfte in den spiegelnden Scheiben ihr Aussehen. Richard konnte es nicht leiden, wenn sie wie ein »gerupftes Huhn«, wie er es verächtlich zu nennen pflegte, in die Firma stürmte.

Der heftige Wind, der ihr in dem Korridor zwischen den hohen Gebäuden auf dem Weg vom Parkplatz zum Haupteingang entgegengeweht war, hatte ihr schulterlanges Haar zerzaust. Mit beiden Händen bemühte sie sich, die kastanienbraunen Wellen zu richten, so dass sie zumindest ansatzweise den kühlen Schönheiten in Richards Büro glich, bei denen sich nie auch nur eine einzige Haarsträhne selbstständig zu machen schien. Dann klappte sie den Kragen ihrer Jacke ordentlich nach unten und zupfte ihren Rock gerade.

Die Glastür öffnete sich selbsttätig, als Melissa sich dem Eingang näherte. Sie betrat die riesige Halle, in der sich die wuchtigen Sessel fast verloren, die in lockeren Grüppchen für Besucher bereitstanden. Um diese Zeit war das Gebäude nahezu leer, da die meisten Angestellten spätestens um achtzehn Uhr Feierabend machten.

Mit klappernden Absätzen ging Melissa über den Marmorboden auf den Empfangstresen am anderen Ende der Halle zu. Als sie Kriener erkannte, einen der beiden Pförtner im Nachtdienst, unterdrückte sie einen Seufzer. Sie mochte es nicht, wie er sie ansah, und fand seine Freundlichkeit übertrieben und unecht.

»Guten Abend, Frau Sander«, rief der Mann in der dunkelblauen Uniform ihr schon von weitem zu und strahlte dabei, als würde er sich tatsächlich über ihren Besuch freuen. Vielleicht langweilte er sich und war froh über jede Abwechslung. Oder er hoffte, dass sie ihn ihrem Mann gegenüber lobend erwähnte.

»Guten Abend, Herr Kriener.« Zurückhaltend erwiderte Melissa sein Lächeln.

»Ihr Mann ist noch oben in seinem Büro.« Die Hand des Pförtners zuckte zum Telefon. »Soll ich ihm sagen, dass Sie hier sind?«

Melissa schüttelte den Kopf. »Nein danke. Ich möchte ihn gern überraschen.«

Kriener runzelte die Stirn. Es war Besuchern nicht erlaubt, sich allein im Gebäude zu bewegen. Normalerweise schickte Richard seine Sekretärin herunter, um sie abzuholen und nach oben zu begleiten. Das wollte Melissa heute vermeiden. Erstens kam sie sich immer wie ein Kindergartenkind vor, wenn Rita Hill sie gönnerhaft in den Fahrstuhl und durch die Gänge führte, und zweitens wusste sie nie, worüber sie mit der Hill reden sollte.

Melissa schenkte Kriener ein weiteres gezwungenes Lächeln. »Vielleicht kann ich meinen Mann überreden, ausnahmsweise etwas früher Feierabend zu machen und mit mir essen zu gehen. Es gibt noch so viel wegen unseres Umzugs nach Hamburg zu besprechen. Ein Überraschungsangriff ist in einer solchen Situation meistens am wirkungsvollsten. Er hat doch nie Zeit und würde sich sonst tausendundeine Ausrede ausdenken, während ich noch auf dem Weg nach oben bin.«

Krieners Nicken drückte väterliches Verständnis aus. Plötzlich hatte er nichts Unterwürfiges mehr an sich, sondern war einfach nur ein freundlicher älterer Herr.

»Ja, ein Umzug bringt immer eine Menge Arbeit und Unruhe mit sich«, stimmte er zu. »Ich habe schon davon gehört, dass Herr Sander demnächst nach Hamburg gehen wird. Man hat ihm die Geschäftsleitung der dortigen Niederlassung angeboten, nicht wahr?« Er schien nicht besonders traurig darüber zu sein, dass Richard fortging.

Melissa nickte. Sie wusste, Richard mochte es nicht, wenn sie mit Angestellten von Silver Electronics über Privates oder, schlimmer noch, Geschäftliches sprach, doch Richards Beförderung vom Verkaufsleiter Süd zum Geschäftsführer der Hamburger Niederlassung war ohnehin schon im ganzen Haus bekannt.

»Es ist sicher nicht schön für Sie, nach so kurzer Zeit schon wieder umziehen zu müssen. Sie sind doch erst vor drei Jahren nach Frankfurt gekommen. Aber alles im Leben hat seinen Preis, auch der Erfolg. So ist das nun mal.« Kriener hatte im Nachtdienst viel Zeit zum Nachdenken.

»Ja, sicher.« Melissa betrachtete das edel gerahmte Werbeplakat füreinige Firmenprodukte, das hinter Krieners Kopf hing. »Dann fahre ich jetzt nach oben.«

Sie ließ sich eines der Plastikkärtchen aushändigen, die Besucher im Gebäude tragen mussten, befestigte es mit dem Metallclip an ihrer Jacke und lief zu den Fahrstühlen.

»Hoffentlich hat Ihr Mann Zeit, mit Ihnen essen zu gehen!«, rief Kriener ihr hinterher.

Sie nickte ihm zu, bevor sie die Kabine betrat. Wie alles im Gebäude von Silver Electronics waren auch die Fahrstühle im höchsten Maße luxuriös und gleichzeitig effizient. Jedes Mal war Melissa aufs Neue überrascht, in wie kurzer Zeit der Aufzug den Weg in den neunten Stock zurücklegte, in dem die Firmenleitung residierte.

Die wenigen Sekunden reichten kaum, um in der verspiegelten Wand noch einmal ihr Äußeres zu überprüfen. Schon glitten die Fahrstuhltüren geräuschlos auseinander, und Melissa trat auf den breiten Gang hinaus, dessen Boden mit einem so dicken Teppich belegt war, dass die Absätze ihrer Pumps fast vollständig darin versanken.

Auch hier oben war schon alles still. Die meisten Abteilungsleiter und Vorstandsmitglieder, deren Büros sich in diesem Stockwerk befanden, schienen ebenfalls bereits nach Hause gegangen zu sein. Hinter einer der Türen klingelte ein Telefon einsam vor sich hin, ohne dass sich jemand seiner erbarmt hätte.

Die Tür zu Richards Vorzimmer, dem Reich von Rita Hill, war nur angelehnt. Melissa klopfte an den Türrahmen und wartete einen Moment. Als niemand antwortete, stieß sie die Tür auf. Die Papiere und Unterlagen auf dem Schreibtisch der Sekretärin waren ordentlich in mehreren Ablagekörbchen verstaut, der Computer auf dem niedrigen Seitentisch ausgeschaltet. Wahrscheinlich war Frau Hill auch schon gegangen, und nur Richard brütete noch über seinen Plänen für die Verbesserung alter und die Einführung neuer Projekte. Kein Wunder, dass er derart schnell Karriere gemacht hatte! Es gab wohl niemanden sonst in der Firma, der so viel Zeit und Energie in seinen Job investierte.

Melissa durchquerte das Vorzimmer, zögerte nur kurz vor der gepolsterten Tür zu Richards Büro und drückte dann vorsichtig die Klinke hinunter. Richard mochte es nicht, wenn man ihn allzu plötzlich aus seinen Gedanken riss.

Die Tür schwang lautlos auf, Melissa machte einen Schritt vorwärts und blieb wie angewurzelt stehen, den Blick ihrer weit aufgerissenen Augen ungläubig auf den Schreibtisch vor dem Fenster gerichtet.

Richard war da, er war sogar an seinem Schreibtisch beschäftigt, aber nicht, wie sie erwartet hatte, mit dem üblichen Stapel von Aktenordnern und Computerausdrucken.

Mit dem Rücken zur Tür stand er über die Schreibtischplatte gebeugt. Seine dunkelblaue Anzughose hing ihm um die Fesseln, sodass sich Melissa der Anblick seiner nackten Hinterbacken darbot, die sich zwischen einem Paar draller gespreizter Schenkeln aufs Heftigste bewegten.

Die Frau, zu der die Schenkel gehörten, war quer über den Schreibtisch drapiert. Auch sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, mehr als ihren schwarzen Seidenslip auszuziehen, den sie, mit voller Absicht oder im Taumel der Leidenschaft, über die teure Lampe mit dem dunkelgrünen Schirm gehängt hatte, die Melissa ihrem Mann im vergangenen Jahr zu seinem fünfunddreißigsten Geburtstag geschenkt hatte. Der enge Rock der Sekretärin war bis zur Hüfte hochgerutscht, sodass Melissa von dort, wo sie stand, die spitzenverzierten Strapse sehen konnte, die sich tiefschwarz von dem weißen Fleisch abhoben, das bei jedem neuerlichen Stoß von Richards Hüften lustvoll schwabbelte.

Eine Frau mit Cellulitis wird durch Strapse auch nicht unbedingt attraktiver. Aber er steht nun mal auf die Gummibänder.

Melissa wusste, wie absurd ihre Gedanken waren, aber sie konnte nichts anderes tun, als bewegungslos dazustehen und sich zu wundern, wieso Richard, der sonst so kritisch war, auf der Schreibtischkante eine Frau mit dicken schwabbeligen Oberschenkeln vögelte.

Sie sah seine Bewegungen, hörte sein immer heftiger werdendes Ächzen, nahm die spitzen Schreie von Rita Hill wahr, mit denen die Sekretärin auf jeden der heftigen Stöße reagierte, konnte sogar das lange blondierte Haar sehen, das sich wie ein Fächer auf der grünen Schreibunterlage ausbreitete.

»Ja, komm, gib es mir! Ja, ja, ja!«

Jetzt ging Rita Hill dazu über, ihren ohnehin schon eifrig bemühten Chef mit hoher atemloser Stimme anzufeuern, während sie die spitzen Absätze ihrer Schuhe hinter seinem ruckenden Hintern verhakte, als wollte sie ihm die Sporen geben.

Melissa presste sich die Hand vor den Mund, weil ihr plötzlich so übel war, dass sie befürchtete, sich auf dem teuren Teppichboden übergeben zu müssen. Dennoch war sie immer noch nicht in der Lage, sich von der Stelle zu rühren.

Richard reagierte auf Ritas Gequietsche mit jenem tiefen Brummen, das seinen baldigen Orgasmus ankündigte, wie Melissa nur zu gut wusste. Er beugte sich noch weiter vor und rammte sich mit so viel Schwung in den vor ihm ausgebreiteten Frauenkörper, dass Rita nach hinten rutschte und ihr Kopf mit dem langen Haar über die Schreibtischkante hing. Ihre Hände suchten nach Halt und fegten nacheinander einen Aktenordner und einen Locher vom Tisch, während ihre Begeisterungsschreie sich zu einem unterdrückten Jaulen steigerten.

Endlich gelang es Melissa, ihren Blick von der Szene loszureißen. Sie rannte aus dem Büro, stürzte den Flur entlang, trat in den wartenden Fahrstuhl und war bereits wieder unten in der Halle, bevor es ihr gelungen war, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.

»Hat Ihr Mann doch keine Zeit? Das tut mir leid.«

Melissa starrte Kriener an, als würde sie einen Geist sehen. Dann nahm sie sich zusammen.

»Nein … Leider … Er ist … beschäftigt.« Sie spürte erst jetzt, wie sehr ihre Knie zitterten, und hätte sich am liebsten in einen der tiefen Besuchersessel gesetzt, aber sie musste so schnell wie möglich von hier fort.

Auf halbem Weg zur Tür machte sie kehrt.

»Ach, Herr Kriener?«

»Ja?« Sein Lächeln wirkte unsicher, vielleicht weil er ihren starren Blick bemerkte.

»Ich habe eine Bitte … Mein Mann war so mit seinen Akten und all den Ausdrucken beschäftigt … deshalb bin ich wieder gegangen, ohne mit ihm zu sprechen. Ich wollte ihn nicht stören, möchte aber auch nicht, dass er ein schlechtes Gewissen bekommt, weil er so selten Zeit für mich hat. Schließlich geht die Arbeit vor. Es wäre nett, wenn Sie ihm gegenüber gar nicht erwähnen würden, dass ich hier gewesen bin.« Sie atmete tief durch, selbst überrascht, wie leicht ihr die Lüge von den Lippen gegangen war.

Kriener sah sie mit großen Augen an. »Sie haben überhaupt nicht mit Ihrem Mann gesprochen? Aber vielleicht wäre er ja doch …«

»Nein, nein. Ich wollte ihn nicht stören. Wirklich, es ist besser so.«

»Natürlich. Dann habe ich Sie nie gesehen, zumindest nicht heute Abend.« Kriener blinzelte ihr verschwörerisch zu und strich sein schütteres Haar zurück. Der Gedanke, mit ihr unter einer Decke zu stecken, schien ihm zu gefallen.

»Danke. Das ist sehr nett von Ihnen.« Melissa rang sich ein Lächeln ab und suchte eilig das Weite.

Den Weg zum Parkplatz legte sie wie in Trance zurück. Als sie endlich hinter dem Steuer saß, starrte sie minutenlang durch die Windschutzscheibe in die Dunkelheit. Was sollte sie jetzt tun? Nach Hause fahren? Und wenn Richard irgendwann ebenfalls in ihr gemeinsames Zuhause zurückkehrte – wie sollte sie sich ihm gegenüber verhalten?

Vor ihrem inneren Auge lief ein Film ab, wieder und wieder. Wie sie ihn zur Rede stellte und er den Kopf in den Nacken legte, lauthals lachte und behauptete, sie müsse unter Visionen leiden. Sie war sich sicher, dass er alles abstreiten würde, obwohl sie es mit eigenen Augen gesehen hatte. Und wahrscheinlich würde sie sich am Ende bei ihm entschuldigen, weil sie ihn mit den Ausgeburten ihrer wilden Fantasie behelligt hatte.

Sie hatte Richard gegenüber immer nachgegeben. Seit dem ersten Tag ihrer Ehe und auch schon davor. Zunächst hatte sie kaum bemerkt, wie er sie manipulierte, weil sie viel zu sehr in ihn und seine entschlossene Art verliebt gewesen war. Und als sie es endlich kapiert hatte, war es schon selbstverständlich gewesen, dass nur seine Sicht der Dinge galt.

Heiße Wut fraß sich in Melissas Magenwände. Doch dann atmete sie tief durch und schob den Schlüssel ins Zündschloss. Sie wollte nichts mehr fühlen. Keinen Zorn, keine Verletztheit, und erst recht keine Liebe mehr. Von nun an würde sie ihr Leben kühl und überlegt planen. Nichts und niemand würde sie mehr manipulieren oder ihr wehtun. Auch und besonders Richard nicht.

Als sie daran dachte, dass der heutige Abend mit großer Wahrscheinlichkeit den Anfang vom Ende ihrer Ehe bildete, verzog ihr Mund sich zu einem bitteren Lächeln. Es gab einiges, was sie erledigen musste, bevor sie tatsächlich ging.

Mit einer ruhigen Bewegung streckte sie ihre Hand aus und drehte den Zündschlüssel um.

Bisher hatte Melissa es immer übertrieben gefunden, dass Banken sich und ihre Dienste am Kunden – beziehungsweise an dessen Geld – so wichtig fanden, dass einige von ihnen einen Rund-um-die-Uhr-Service anboten. An diesem Abend wusste sie diesen Service zum ersten Mal zu schätzen.

Zum Glück hatte sie ihren Ausweis dabei, sodass es kein Problem war, exakt um achtzehn Uhr dreißig ein Konto auf ihren Namen zu eröffnen.

»Wenn Sie möchten, können Sie für das Konto ein Kennwort vereinbaren. Sie haben dann die Möglichkeit, auch telefonisch Überweisungen und anderes zu erledigen.«

Der adrett gekleidete Bankangestellte mit dem ordentlich gescheitelten Haar sah sie abwartend an, während seine Hände über der Computertastatur schwebten.

»Das ist eine gute Idee«, lobte Melissa ihn. »Ich würde dann auch gern für das gemeinsame Konto – also das Konto, das auf meinen Namen und auf den meines Mannes läuft – ein solches Passwort vereinbaren.« Melissa leckte sich über die Lippen, die plötzlich ganz trocken waren.

»Das ist natürlich ebenfalls möglich. In diesem Fall benötigen wir allerdings auch die Unterschrift Ihres Mannes.«

»Die lasse ich Ihnen in den nächsten Tagen zukommen, wenn Sie mir das entsprechende Formular mitgeben. Mein Mann wird begeistert davon sein, dass Geldgeschäfte heute so praktisch organisiert werden können.«

»Und wie sollen die beiden Kennwörter lauten?«

»Als Kennwort für das neue Konto nehme ich …« Melissa dachte mit krauser Stirn nach. »Freiheit«, verkündete sie dann, wobei sie tief ausatmete.

Zwei der etwas zu kurzen, etwas zu dicken Finger tippten eifrig die Buchstaben ein.

Dann fütterte der Bankangestellte seinen Computer mit den Daten für das Konto, das auf ihren und Richards Namen lief. »Ich drucke Ihnen ein Formular aus, auf dem Ihr Mann dann bitte mit seiner Unterschrift bestätigt, dass er ebenfalls über das Kennwort informiert ist. Sobald es registriert ist, wird es schwierig und kompliziert für Sie beide, Ihre Bankgeschäfte zu tätigen, wenn Sie das Kennwort nicht nennen können. Ihr Konto ist aber auf diese Weise auch sicherer.«

»Sehr gut.« Melissa machte ihren Rücken gerade, schlug die Beine übereinander und maß den Mann mit einem hoheitsvollen Blick.

»Welches Kennwort wählen Sie für das gemeinsame Konto?«, erkundigte er sich mit tatendurstig zuckenden Zeigefingern.

»Nehmen wir Gleichheit«, beschloss Melissa. »Und wenn wir noch mal ein drittes Kennwort brauchen, kommt Brüderlichkeit dran.« Richard hatte eine Schwäche für Geschichten rund um die französische Revolution. Wahrscheinlich faszinierte ihn der effiziente Einsatz der Guillotine.

»Sehr originell!«, murmelte der Bankangestellte und begann zu tippen.

Als Melissa zehn Minuten später ihren Wagen in die Garageneinfahrt lenkte, lag der langgestreckte Bungalow dunkel inmitten der ihn umgebenden Rasenflächen. Nur die Außenbeleuchtung brannte helle Punkte in die mondlose Nacht.

Gleich hinter der Haustür streifte sie die neuen, unbequemen Schuhe ab, die sie sich extra wegen des geplanten Restaurantbesuchs angezogen hatte. Auf Strümpfen stieg sie die Treppe zum Schlafzimmer hinauf. Hier holte sie den kleinen Handkoffer aus dem obersten Fach des begehbaren Schranks und warf ihn auf das Bett. Dann riss sie wahllos ein Kleid mitsamt Bügel aus dem Schrank und ließ es auf den Koffer fallen. Unterwäsche und Strümpfe flogen hinterher. Während sie in der Schublade wühlte, in der sie ihre Nachthemden aufbewahrte, hielt sie plötzlich inne, ließ das Seidenhemd fallen, das sie gerade in der Hand hielt, lief zu dem Tischchen neben ihrem Bett und griff nach dem schnurlosen Telefon.

Susanne meldete sich bereits nach dem zweiten Klingeln und sprudelte sofort nach der Begrüßung los: »Hallo, Melissa. Ich bin schrecklich in Eile. Heute Abend ist diese Cocktailparty in der Firma unseres Kunden. Wenn du Lust hast, kannst du mitkommen. Ich finde sowieso, dass du viel zu selten unter Menschen gehst …«

Melissa holte tief Luft und unterbrach Susanne mit energischer Stimme: »Ich habe beschlossen, Richard zu verlassen.«

Am anderen Ende der Leitung blieb es ein paar Sekunden still. »Ein guter Entschluss«, stellte Susanne dann fest. »Woher kommt der plötzliche Anfall von Vernunft?«

»Ich habe gesehen, wie er in seinem Büro seine fette Sekretärin auf dem Schreibtisch gebumst hat.« Melissa klemmte sich den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr und warf ein Nachthemd in den Koffer.

»Habe ich dir nicht schon immer gesagt, dass er ein Mistkerl ist?« Obwohl sie sich offenbar Mühe gab, nicht allzu triumphierend zu klingen, war der zufriedene Unterton in Susannes Stimme nicht zu überhören. Von Anfang an hatte sie Richard nicht leiden können – eine Abneigung, die durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte.

»Oh ja, du hattest Recht«, gab Melissa zu. »Und wie! Im Grunde wusste ich das auch, aber ich wollte es wohl nicht wahrhaben. Ehrlich gesagt, bin ich nicht einmal schockiert oder traurig, sondern einfach nur wütend. Schon allein wenn ich daran denke, dass ich noch letzte Woche für seinen arroganten Chef und die noch arrogantere Frau seines Chefs gekocht und mir den ganzen Abend dieses wichtigtuerische Gerede über die neusten Firmenprojekte angehört habe, könnte ich mich vor Wut sonst wohin beißen.«

Sie stockte, weil ihr plötzlich einfiel, dass sie beschlossen hatte, kühl bis ins Herz zu sein.

»Pack deine Sachen, und komm her!«, befahl Susanne energisch. »Dann gehen wir zusammen auf die Party und sehen uns nach einem neuen Mann für dich um.«

»Männer interessieren mich im Augenblick nicht im Geringsten. Außerdem fahre ich nach Hamburg.« Melissa stopfte einige Seidenhöschen in die Ecken des Koffers. »Und ich muss mich beeilen, weil ich weg sein will, bevor Richard kommt. Seinen Anblick könnte ich jetzt nicht ertragen.«

»Was willst du denn in Hamburg? Kennst du dort jemanden?«, erkundigte Susanne sich irritiert.

»Ich wollte doch sowieso morgen hinfahren, um mich nach einem Haus umzusehen. Das mache ich jetzt eben schon ein bisschen früher.« Lieblos faltete Melissa ein Paar Jeans und eine Bluse zusammen und warf sie ebenfalls in den Koffer.

»Aber wenn du Richard verlässt …«

»Ich verlasse ihn, aber nicht sofort. Das könnte ihm so passen!« Melissa schnaubte wütend in den Hörer.

»Wieso …?« Mehr als das eine Wort brachte Susanne nicht heraus.

»Es gibt da diesen Ehevertrag, den ich unterschrieben habe … Ich muss geistig umnachtet gewesen sein. Nein, eigentlich nicht. Ich dachte, wenn ich nicht unterschreibe, sieht es so aus, als wäre ich hinter seinem Geld her. Schließlich hat Richard kurz vor unserer Hochzeit das Vermögen seiner Eltern geerbt, und schon deshalb riet der Anwalt seiner Familie ihm zu dem Ehevertrag.«

»Und was hast du da unterschrieben?« Susanne klang entsetzt.

»Unter anderem, dass ich keinen Cent vom Zugewinn bekomme, wenn ich diejenige bin, die die Scheidung einreicht.«

»Du bist wahnsinnig!«

»Ich war wahnsinnig. Vielleicht war ich auch nur verliebt«, korrigierte Melissa sie. »Aber das ist jetzt vorbei. Ich werde gehen, aber nicht eher, als bis ich das bekommen habe, was mir zusteht. Mindestens so viel, wie ich brauche, um ein Fotostudio aufzumachen. Immerhin habe ich damals meinen Job aufgegeben, weil Richard wollte, dass ich ihm den Rücken für seine Arbeit freihalte.«

»Aber wie willst du jetzt an das Geld kommen, wenn du unterschrieben hast, dass du auf alles verzichtest? Meinst du, man kann das im Nachhinein einklagen?«

»Keine Ahnung. Das werde ich auch nicht ausprobieren. Ich habe heute ein Konto auf meinen Namen eröffnet, und in den nächsten Monaten werden einige größere und kleinere Summen von unserem gemeinsamen Konto auf dieses Konto überwiesen werden. Wenn ich in Hamburg das neue Haus einrichte, wird Richard sowieso keinen Überblick haben. Er kontrolliert nie die Kontoauszüge. Dazu hat er keine Zeit, und was die täglichen Ausgaben betrifft, vertraut er mir vollkommen. Das konnte er bisher auch.« Sie musste an sich halten, um nicht triumphierend zu lachen.

»Aber wenn du das vorhast, musst du zumindest noch ein paar Monate mit ihm zusammenleben und darfst dir nichts anmerken lassen.« Susanne klang immer irritierter.

»Das ist nicht so schwierig, wie du vielleicht denkst. So oft sehen Richard und ich uns ja gar nicht. Abends kommt er immer erst spät nach Hause. Das wird in Hamburg eher noch zunehmen. Und mindestens drei oder vier Mal im Monat ist er für ein paar Tage auf Geschäftsreise.« Mit Schwung klappte Melissa den Kofferdeckel zu.

»Wenn du meinst …«

»Du glaubst nicht, dass ich das durchziehe, nicht wahr?« Melissa stand vor dem Spiegel und fuhr sich mit einem Kamm durchs Haar. Für mehr war jetzt keine Zeit, obwohl ihr Gesicht blass und fleckig und ihr Lippenstift verschmiert war.

»Es wird nicht einfach sein«, wich Susanne einer klaren Antwort aus.

»Das ist mir klar. Aber ich denke nicht daran, mich wie meine Mutter behandeln zu lassen. Solange ich denken kann, hatten wir nie genug Geld, weil mein Vater sich einfach abgesetzt hat und wir von einem Tag auf den anderen ohne ihn und sein Einkommen zurechtkommen mussten. Meine Mutter hatte ihre Arbeit aufgegeben, weil er fand, sie sollte sich um den Haushalt und um mich kümmern. Wahrscheinlich passte es ihm recht gut in den Kram, dass meine Mutter von ihm abhängig war, solange er mit ihr zusammenlebte. Es ist schlimm genug, dass ich den gleichen Fehler wie meine Mutter gemacht habe, als Richard erklärte, wie viel angenehmer es für uns beide wäre, wenn ich Zeit hätte, es uns zu Hause schön zu machen.«

Mit neu erwachter Wut schob Melissa die teure chinesische Vase, ein Erbstück aus Richards Familie, so heftig zur Seite, dass sie beinahe über den Rand des niedrigen Tischchens gekippt wäre.

»Aber deshalb lasse ich ihn noch lange nicht so davonkommen, wie meine Mutter meinen Vater davonkommen ließ«, fuhr sie fort, nachdem sie die Vase aufgefangen hatte. »Ich werde das bekommen, was mir zusteht – oder wenigstens einen Teil davon. Das tue ich nicht nur für mich, sondern auch für meine Mutter. Sie würde mir Recht geben, wenn sie noch lebte.«

»Das glaube ich auch.« Nun schien Susanne von der unerwarteten Entschlossenheit ihrer Freundin doch beeindruckt. »Allerdings ist Geld nicht alles. Versprich mir, ihn sofort zu verlassen, wenn du das Gefühl hast, die Sache wächst dir über den Kopf!«

»Warum sollte mir irgendetwas über den Kopf wachsen? Ich werde noch ein paar Monate so weiterleben wie bisher, das ist alles.«

»Wirst du auch mit ihm schlafen?«

Melissa öffnete den Mund, um zu antworten, und schloss ihn sofort wieder. Über diesen Punkt hatte sie noch nicht nachgedacht.

»Das wird sich finden«, erklärte sie schließlich in einem Ton, der wesentlich gleichmütiger klang, als sie sich angesichts dieser Frage fühlte. »In letzter Zeit kam das ohnehin nicht mehr allzu häufig vor. Ehrlich gesagt, habe ich es nicht besonders vermisst – eigentlich ist mir bis jetzt nicht mal aufgefallen, wie selten wir nur noch miteinander schlafen. So wahnsinnig viel Spaß hatte ich im Bett ohnehin nie mit ihm. Natürlich hatte diese nachlassende … Frequenz ihren Grund: Richard war eben anderweitig ausgelastet.«

»Aber es kam vor – also wird es auch weiterhin vorkommen, solange du bei ihm bleibst. Wie wirst du dich fühlen, wenn du genau weißt, dass es neben dir noch die eine oder andere Frau gibt, in die er sein Ding steckt?«

»Es wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben, als herauszufinden, wie ich mich dabei fühle. Da bin ich schätzungsweise nicht die erste Ehefrau.«

»Melissa – ich weiß wirklich nicht …«

»Mach dir keine Gedanken! Ich fahre jetzt erst mal nach Hamburg. Morgen oder übermorgen bin ich wieder da. Dann melde ich mich bei dir.«

»Gut. Aber versprich mir, über die ganze Sache noch einmal nachzudenken! Wenn du ein Fotostudio eröffnen willst, kannst du das auch so schaffen, da bin ich ganz sicher.«

»Natürlich kann ich das.« Mit der freien Linken zog Melissa den Koffer vom Bett, während sie mit der rechten Hand immer noch den Hörer ans Ohr hielt. »Ich muss jetzt los. Viel Spaß bei der Party heute Abend!«

Susanne unterdrückte einen Seufzer. »Ich habe gar keine Lust mehr, da hinzugehen.«

»Was willst du sonst tun? In deiner Wohnung herumsitzen und dir Sorgen um mich machen? Ich bin erwachsen und weiß, was ich tue.«

»Du hast Recht. Außerdem wird Stefan da sein. Du weißt schon, unser neuer Artdirector – der mit dem süßen Lächeln. Ich habe das Gefühl, heute Abend könnte sich endlich etwas zwischen uns tun.«

»Dann mach dich jetzt schön, und los geht’s!« Es fiel Melissa nicht einmal besonders schwer, forsch und sorglos zu klingen und das Gespräch auch in diesem Ton zu beenden.

Bevor sie das Schlafzimmer verließ, zögerte sie und kehrte dann noch einmal um, weil sie spontan beschlossen hatte, die chinesische Vase in ihren Koffer zu packen. Das hauchzarte Porzellangefäß war zwar nicht besonders groß, aber dafür umso wertvoller, wie Richard oft genug betont hatte. In Hamburg gab es viele Antiquitätenhändler, und was wollte Richard tun, wenn sie behauptete, die Vase wäre ihr heruntergefallen und in tausend Stücke zerbrochen?

In der Küche schrieb sie Richard einen Zettel, auf dem sie ihm mitteilte, sie hätte von dem Hamburger Makler, mit dem sie sich bereits vorab in Verbindung gesetzt hatte, telefonisch einige interessante Angebote erhalten und wollte sich die betreffenden Häuser so rasch wie möglich ansehen, bevor sich andere Interessenten fänden.

Wahrscheinlich würde er sich wundern, dass sie ihn nicht im Büro angerufen hatte, aber im Moment traute sie sich nicht zu, mit ihm zu reden, ohne sich etwas anmerken zu lassen.

Neben den Zettel legte sie die Bankunterlagen mit dem neuen Passwort für das gemeinsame Konto zur Unterschrift. Wie üblich würde Richard das Formular durch seine Sekretärin an die Bank weiterleiten lassen.

Als sie ihren Wagen aus der Einfahrt fuhr, war es halb acht Uhr abends. Seit sie Richard mit seiner Sekretärin bei den Turnübungen auf seinem Schreibtisch beobachtet hatte, war erst eine gute Stunde vergangen. Dennoch hatte Melissa das Gefühl, ihr ganzes Leben hätte sich innerhalb dieser kurzen Zeit auf den Kopf gestellt.

Vielleicht war es aber auch gar nicht ihr Leben, das sich so rasch und nachhaltig verändert hatte, sondern sie selbst.

2. Kapitel

Melissa erreichte Hamburg gegen dreiundzwanzig Uhr. Ohne es zu bemerken, war sie wesentlich schneller gefahren als gewöhnlich, denn mit jedem Kilometer, den sie zwischen sich und Richard gelegt hatte, war ihr das Atmen ein wenig leichter gefallen.

Aber so rasch sie auch fuhr, sie konnte dem Bild nicht entkommen. Es war in ihre Netzhaut eingebrannt: Die stämmigen Beine, die sich fest um Richards Hüften klammerten; das rosa Fleisch, in das sich die Gummibänder der schwarzen Strapse einschnitten; die Hose, die Richard in den Kniekehlen hing; die harten, ruckartigen Bewegungen seiner Hüften unter dem weißen Hemd.

Die Geräusche, die sie in den wenigen Sekunden gehört hatte, in denen sie wie erstarrt im Türrahmen gestanden hatte, klangen noch immer in ihren Ohren nach und übertönten das Summen des Motors. Das Klatschen von Haut gegen Haut. Richards lautes ungehemmtes Ächzen im Rhythmus seiner Bewegungen. Die kleinen entzückten Jauchzer, die Rita Hill von sich gegeben hatte, wenn ihr Chef sich laut stöhnend mit einem Ruck in ihr vergrub.

Mit dem für diese Stunde erstaunlich lebhaften Verkehr glitt Melissa in ihrem Wagen durch Hamburgs Straßen, bemüht, sich auf die Ampeln und Verkehrsschilder zu konzentrieren, um so die Bilder, die Geräusche und den Geruch nach Sex und Schweiß, vermischt mit dem Duft von Richards teurem Rasierwasser und dem süßlichen Aroma einer ihr unbekannten Parfümmarke, zu verdrängen.

Sie ließ das Seitenfenster herunter und atmete tief die kühle Nachtluft ein. Trotz der Abgase glaubte sie, den leicht brackigen Geruch der Binnenalster wahrzunehmen, an deren Ufer sie entlangfuhr.

Das kleine Hotel, in dem sie ein Zimmer gebucht hatte, wenn auch erst für die kommende Nacht, musste in einer der Nebenstraßen liegen. Sie wusste die genaue Adresse nicht mehr und würde sich durchfragen müssen.

Während sie nach einem ortskundig wirkenden Passanten Ausschau hielt, tauchte direkt neben ihrem Wagen ein Feenpalast auf: goldene Lichter, angeordnet in gegeneinander versetzten Reihen, funkelten und tanzten im sich kräuselnden Wasser.

Sie hob den Blick zu dem Gebäude, das sein Spiegelbild in die Alster warf. Es war eines jener luxuriösen Hotels, in denen Richard gewöhnlich auf seinen Geschäftsreisen übernachtete.

Ob er Rita Hill immer mitnahm? Sie hatte ihn nie danach gefragt, ob seine Sekretärin während seiner auswärtigen Termine im Büro blieb. Bewohnte er mit ihr ein Doppelzimmer? Vielleicht ließ er die Hill ja auch zu Hause, weil er es interessanter fand, sich der Abwechslung halber an Ort und Stelle nach einer Frau umzusehen.

Spontan lenkte Melissa ihren Wagen in die breite Einfahrt und hielt vor dem hell erleuchteten Hoteleingang. Warum sollte sie noch länger durch die Stadt irren? Wenn Richard die Übernachtung seiner Sekretärin in einem Hotel dieser Kategorie bezahlen konnte, konnte er dasselbe auch für seine Ehefrau tun.

Als sie die große, elegant eingerichtete Halle betrat, verlangsamte sie ihre Schritte. Angesichts des Marmorbodens, der teuren Teppiche und des funkelnden Leuchters unter der Decke kam sie sich in ihrem derangierten Zustand, das Kostüm zerknittert, das Make-up fast nicht mehr vorhanden, fehl am Platz vor.

Eine übergewichtige Frau in einem viel zu weit ausgeschnittenen, viel zu engen Abendkleid aus Goldlamé, ging am Arm eines genervt wirkenden kahlköpfigen Mannes dicht an ihr vorbei und ließ dabei ein affektiertes Lachen ertönen, das fatal an das Gackern einer Henne erinnerte. Melissa sah zu, wie sich die beiden durch die Drehtür quetschten, dann warf sie den Kopf in den Nacken und ging entschlossen auf die Rezeption zu.

Ja, sie könne ein Einzelzimmer haben, dessen Fenster nach vorn hinaus gingen. Natürlich, von dort aus habe sie einen wunderschönen Blick auf die Binnenalster. Selbstverständlich werde man sich um ihren Wagen kümmern. Wenn sie bitte dem Pagen folgen wolle, er werde ihr das Zimmer zeigen.

Lautlos glitt der Lift nach oben. Es gab nicht einmal einen Ruck, als er hielt. Mit ihrem kleinen Koffer in der Hand eilte der Page vor ihr her über den dicken Läufer, der alle Geräusche verschluckte.

Nur mit Mühe konnte Melissa Schritt halten, weil sie beim Gehen in ihren Jackentaschen nach Trinkgeld suchte. Sie hatte die Angewohnheit, das Silbergeld lose einzustecken, und fand nie auf Anhieb die passenden Münzen.

Als der Page stehen blieb und mit der kleinen Plastikkarte die Zimmertür für sie öffnete, fischte sie kurzerhand einen Geldschein aus ihrem Portemonnaie.

Richard hatte ihr schon oft erklärt, es sei schlimmer, zu viel als zu wenig Trinkgeld zu geben. »Die Leute werden dann unverschämt«, behauptete er immer. Obwohl ihr diese Logik nie schlüssig erschienen war, hatte sie ein schlechtes Gewissen, als sie dem Pagen das Geld in die Hand drückte.

Auf dem jungenhaften Gesicht – er wirkte höchstens wie sechzehn – zeigte sich erst ein verdutztes, dann ein strahlendes Lächeln, welches die müden Augen für ein oder zwei Sekunden vergnügt aufblitzen ließ. Wahrscheinlich entsprachen die zwanzig Euro in etwa der Summe, für die er sonst drei oder sogar vier Stunden arbeiten musste.

»Vielen Dank!« Seine Vorderzähne waren ein wenig schief, was den Glanz seines Lächelns auf geheimnisvolle Weise zu verstärken schien. »Wenn Sie noch irgendetwas brauchen, melden Sie sich bitte an der Rezeption. Mein Name ist Gerd. Heute habe ich bis Mitternacht Dienst, morgen wieder ab fünfzehn Uhr.«

»Danke, Gerd. Ich werde daran denken.«

Sie ertappte sich dabei, dass sie immer noch breit lächelte, als der Page das Zimmer verlassen hatte. Konnte es sein, dass Richard einfach nur knauserig war?

Nachdem sie die wenigen Sachen aus ihrem kleinen Koffer in den Schrank geräumt hatte, zog sie die schweren Vorhänge zurück und sah aus dem Fenster. Von hier oben erschien das Lichtermeer auf dem dunklen Wasser unendlich groß, wie eine zweite, geheimnisvolle Stadt.

Melissa war leicht zusammengezuckt, als die Angestellte an der Rezeption beiläufig den Zimmerpreis erwähnt hatte, doch nun fand sie, dass allein die Aussicht das Geld wert war.

Obwohl sie seit mittags nichts gegessen hatte, verspürte sie nicht genug Hunger, um im Restaurant ein spätes Abendessen zu sich zu nehmen, wie sie es eigentlich vorgehabt hatte. Stattdessen fischte sie aus der Minibar ein Beutelchen mit Erdnüssen. Auf der breiten Fensterbank sitzend, kaute sie die Nüsse.

Als sich das Bild, vor dem sie hierher geflohen war, langsam, aber unaufhaltsam vor die funkelnden Lichter unten auf dem Wasser schob, stand sie hastig auf, um sich etwas zu trinken zu holen. Die kleinen Flaschen mit Mineralwasser und Säften, die in der Minibar ganz vorn standen, schob sie zur Seite und griff entschlossen nach einem Piccolo. Wenn schon, denn schon! Sie füllte eines der bereitstehenden langstieligen Gläser bis zum Rand.

Der Sekt schmeckte ihr nicht, obwohl er gut gekühlt und sehr trocken war, wie sie es mochte. Dennoch trank sie, mitten im Raum stehend, einen zweiten und einen dritten Schluck. Erst nachdem sie das halbe Glas geleert hatte, fiel ihr ein, dass es keinen Grund gab, allein in ihrem Zimmer zu trinken.

Plötzlich hatte sie es eilig, der Abgeschiedenheit zu entfliehen, vertauschte rasch das zerknitterte Kostüm mit dem schlichten streng geschnittenen Kleid, das sie für ihre Maklerbesuche mitgebracht hatte. Einer von Richards zahlreichen unumstößlichen Grundsätzen lautete, bei geschäftlichen Anlässen stets untadelig und seriös gekleidet aufzutreten.

Aus dem grell beleuchteten Spiegel im Bad starrte ihr eine blasse Frau mit riesigen hellblauen Augen entgegen. Mit ein wenig Teintgrundierung, Puder, Rouge und Lippenstift malte sie sich Farbe ins Gesicht. Den verwundeten Ausdruck ihrer Augen konnte sie nicht übertünchen. In ihrer Handtasche suchte sie nach ein paar Spangen, steckte sich das Haar locker hoch und ließ eine breite Strähne in die Stirn, bis über ihr rechtes Auge fallen.

Auf dem Weg durch das Zimmer griff sie im Vorübergehen nach dem Sektglas, leerte es in einem Zug, ließ es auf dem kleinen Garderobentisch zurück und zog eilig von außen die Tür hinter sich ins Schloss, als könnte sie alle Peinlichkeiten und quälenden Bilder im Zimmer einsperren.

Die Bar war zu dieser späten Stunde nur mäßig besucht. An drei oder vier der im Raum verteilten Tischchen saßen flüsternde Paare, die allesamt nicht besonders verheiratet aussahen. Aber das bildete Melissa sich vielleicht nur ein, weil sie selbst schon seit einer Ewigkeit nicht mehr mit Richard geflüstert hatte. Hatte sie überhaupt jemals mit ihm geflüstert? Flüsterte er Geheimnisse in Rita Hills Ohr?

Abrupt wandte sie sich ab, als einer der Männer, ein gut aussehender Grauhaariger, der eine frappierende Ähnlichkeit mit Richard Gere hatte, sie über den blond gefärbten Kopf seiner Begleiterin hinweg aufmerksam ansah und ihr nach kurzer eingehender Musterung einladend zulächelte.

Während sie auf die Bar zuging, spürte Melissa in ihrem Magen die Wut wie einen Knoten, der mit jedem Schritt größer und fester wurde. Was erlaubten diese Kerle sich eigentlich? Und wieso, verdammt nochmal, hatte sie, immer noch sittsam und scheu, wie man es ihr als kleines Mädchen beigebracht hatte, eben weggeschaut, anstatt ihm zumindest einen tödlichen Blick zuzuwerfen – oder ihm die Zunge herauszustrecken?

Entschlossen drehte sie sich um, doch inzwischen hatte Gere sich wieder seiner Begleiterin zugewandt. Er redete mit jenem selbstzufriedenen Gesichtsausdruck auf sie ein, mit dem Männer über ihre geschäftlichen und privaten Erfolge zu berichten pflegen. Melissa starrte ein oder zwei Sekunden den brav nickenden Hinterkopf seiner Zuhörerin an, bevor sie auf einen der hohen Hocker kletterte.

»Einen trockenen Martini, bitte«, bestellte sie bei dem Mann hinter der Bar, der sich ihr sofort mit der perfekten Imitation eines Lächelns zuwandte.

Im Bezug auf Cocktails war Melissa nicht gerade eine Expertin, und da dies kein Tag war, an dem sie in der Stimmung für Experimente war, hielt sie sich an das wenige, was sie kannte, wenn auch nicht unbedingt mochte.

Halb verborgen hinter ihrer rotbraunen Haarsträhne, sah sie zu, wie der Barkeeper mit geschickten Bewegungen ihren Drink mixte und in das Cocktailglas goss. Sie erwiderte das unverbindliche Nicken, mit dem er ihr das Glas hinschob, und nippte an der eiskalten Flüssigkeit. Zu ihrem Erstaunen schmeckte es ihr besser als der Sekt oben in ihrem Zimmer. Zudem hatte der Martini den Vorteil, dass sie mit der auf einem Stäbchen steckenden Olive, die sie ohnehin niemals aß, herumspielen konnte.

»Ich frage mich auch jedes Mal, warum ich Martini bestelle, wenn ich schon die Olive nicht mag.«

Melissa schreckte hoch, als sie so plötzlich von der Seite angesprochen wurde. Sie hatte nicht bemerkt, dass sich jemand neben sie gesetzt hatte.

Gerade wollte sie eine schnippische Antwort geben, als ihr einfiel, dass es nur zwei Gründe gab, eine Hotelbar zu besuchen: Entweder wollte man sich gern mit jemandem unterhalten – zum Beispiel, um sich von finsteren Gedanken und der eigenen Einsamkeit abzulenken – oder man hatte vor, sich aus demselben Grund zu betrinken. Da sie Letzteres nicht unbedingt als gute Idee ansah, konnte sie genauso gut ein paar Worte mit ihrem Nachbarn wechseln. Wenigstens hatte er keine Begleiterin bei sich, über deren Kopf hinweg er ihr lüsterne Blicke zuwarf.

Beherzt schob sie die Haarsträhne zur Seite und wandte ihren Kopf nach rechts. Natürlich ein Mann mit teurem Haarschnitt, teurer Krawatte und maßgeschneidertem Zweireiher! Andererseits konnte man in der Bar eines Hotels dieser Preisklasse keinen mittellosen Lebenskünstler in ausgewaschenen Jeans erwarten.

»Ich finde das mit den Oliven ganz praktisch«, behauptete Melissa kühl. »Man verliert nie den Überblick, wie viel man getrunken hat.«

Sie nahm sich eine der kleinen Servietten und legte das Stäbchen mit der Olive darauf. »Nummer eins.«

Das glucksende Lachen, mit dem ihr Nachbar auf ihre Demonstration reagierte, erinnerte eher an einen ausgelassenen Fünfjährigen als an einen abgebrühten Geschäftsmann. Noch einmal schielte sie unter ihren Haaren hervor und erspähte in seinen Wangen Andeutungen von Grübchen. Vielleicht war er gar nicht so cool, wie sein Outfit glauben machen wollte. Oder er hatte bereits ziemlich viele Martinis intus.

»Wie viele Drinks hatte ich schon?«, erkundigte er sich beim Barkeeper, nachdem er fertig gegluckst hatte.

»Drei, der Herr«, erwiderte der Mann hinter der Bar mit ausdruckslosem Gesicht.

»Dann hätte ich gern einen vierten – und drei Oliven extra, bitte.« Die grauen Augen, die in der schummerigen Barbeleuchtung fast schwarz wirkten, zwinkerten Melissa vertraulich zu.

»Und für die Dame auch noch einen – mit nur einer Olive, sonst verlieren wir den Überblick«, fügte er hinzu.

Melissa öffnete den Mund, um zu protestieren, ließ es dann aber sein. Sie war nicht in der Laune für Grundsatzdebatten, und ihrer Erfahrung nach würde ihre Ablehnung seiner Einladung in genau einer solchen enden.

Sie würde begründen müssen, warum sie sich nicht von fremden Männern einladen ließ. Er würde beteuern, dass mit dieser Einladung selbstverständlich keinerlei Hintergedanken verbunden wären. Sie würde entgegnen, dass sie dergleichen auch niemals angenommen habe, aber schließlich kenne sie ihn nicht, und Alkoholkonsum mit Fremden sei nicht ihr Stil, worauf er ihr natürlich mitteilen würde, dass man sich ja nicht fremd bleiben müsse.

»Worauf trinken wir?« Nachdem sie die Olive sorgfältig neben der ersten auf der Serviette abgelegt hatte, hob sie das frische Glas.

Mit krauser Stirn suchte er nach einer Antwort. Er hatte sie nicht einfach so parat. Nicht wie Richard, der in geselliger Runde je nach Zusammensetzung der Anwesenden sein Glas auf geschäftlichen Erfolg oder ein glückliches Leben zu erheben pflegte.

»Auf die nächste Olivenernte«, schlug er schließlich vor, nachdem er beim Grübeln seine hellbraunen Haare völlig durcheinandergebracht hatte. Nun sah sein Haarschnitt nicht mehr so entsetzlich teuer und exakt aus.

»Okay. Auf eine gute Olivenernte!« Sie lächelte ihn an und ließ ihr Glas gegen seines klingen. »Ich heiße übrigens Melissa.«

»Freut mich, Melissa. Ich bin Christian.« Er zeigte sekundenlang seine Grübchen, bevor er einen großen Schluck von seinem Martini nahm.

Melissa trank in einem Zug die Hälfte ihres Drinks leer und senkte den Kopf, um interessiert die marmorierte Oberfläche der Bar zu betrachten. Sie hatte keine Ahnung, wie man gemeinhin diese Art von Unterhaltung fortsetzte. Als seine langen schmalen Finger die Haarsträhne berührten, die ihr tief in die Stirn gefallen war, und sie vorsichtig hinter ihr Ohr schob, fuhr sie hoch.

»Du solltest deine Augen nicht verstecken«, bemerkte er leise. »Sie sind wunderschön. Blaue Augen und dunkles Haar sind eine seltene Zusammenstellung.«

Weil sie nie wusste, was sie auf Komplimente antworten sollte, nickte sie nur verlegen und verschlang ihre zuckenden Finger ineinander, um sie daran zu hindern, die schützenden Haare in ihr Gesicht zurückzuziehen.

»Hast du Lust, zu tanzen?« erkundigte ihre Barbekanntschaft sich nach einer weiteren Pause, während der sie beide ihre Gläser auf der polierten Oberfläche der Bar hin und her gerückt hatten.

Dies war der Zeitpunkt, zu dem Melissa sich höflich hätte verabschieden und in ihr Zimmer hinaufgehen sollen. Sie tat es nicht, sondern rutschte schweigend von ihrem Hocker und sah ihn abwartend an.

Er lächelte und legte seine kühlen Finger um ihr Handgelenk. Oh Gott, natürlich würde er spüren, wie heftig ihr Puls schlug! Sie konnte ihr Herz bis in die Kniekehlen fühlen und kam sich absolut lächerlich vor. Aber was sollte sie dagegen tun, dass eine Situation wie diese ihr ganz und gar nicht vertraut war?

Er führte sie zu der kleinen Tanzfläche aus schwarzem poliertem Marmor, neben der ein weiß befrackter Pianist mit verzücktem Gesicht einen Flügel bearbeitete.

Fast gewichtlos legte sich Christians Hand auf Melissas Schulter. Er hielt sie so locker umschlungen, dass sie zwar seine Wärme spürte, ihre Körper sich aber nicht berührten.

»Bist du öfter in Hamburg?«, begann er eine unverbindliche Unterhaltung, während er sich langsam auf der Stelle drehte und seine Hand sanft über ihre Schulter gleiten ließ. Seine Fingerspitzen streiften ihren nackten Hals, folgten dem Schwung ihres Schlüsselbeins unter dem dünnen Stoff ihres Kleides und waren schon wieder fort, strichen über ihre Schulterblätter, an ihrem Rückgrat und ihrem Nacken entlang.

Das tut er nicht zum ersten Mal. Wahrscheinlich reißt er jeden Abend in einer Hotelbar eine andere auf.

»Nein, ich komme selten hierher.« Sie bemühte sich um einen unverbindlichen Ton. Es ging ihn nichts an, dass sie bald in Hamburg leben würde. Und er musste erst recht nicht wissen, was für ein beunruhigendes Prickeln der Spaziergang seiner Hand auf ihrer Haut auslöste.

»Ich bin zum ersten Mal hier. Sehr oft komme ich nicht aus München heraus.« Erst als er seinen Heimatort erwähnte, bemerkte sie seinen leichten süddeutschen Dialekt.

»Strangers in the night, exchanging glances …« Der Mann am Flügel begann leise zu singen. Er hatte eine erstaunlich volle, tiefe Stimme, die nicht im Geringsten zu seinem schmalschultrigen Äußeren passte.

Melissa legte ihren Kopf in den Nacken und blinzelte in die dunkelgrauen Augen des Fremden, mit dem sie tanzte. Das Funkeln der kleinen Glitzerkugel über der Tanzfläche blendete sie, aber sie sah nicht weg. »Komisch. Du siehst aus wie jemand, der schon ziemlich herumgekommen ist.« Ihr war bewusst, dass diese Bemerkung vielleicht zweideutig klang, aber das war ihr egal.

»Versuchen wir nicht alle, etwas vorzugeben, was wir nicht sind?« Sein Blick war ernst, aber sie meinte, ein leichtes Zucken seiner Mundwinkel wahrgenommen zu haben.

Je länger sie sich drehte und in die Augen über sich starrte, umso deutlicher spürte sie den Sekt und die beiden Martini in ihrem Kopf. Schließlich hatte sie außer ein paar Nüssen seit vielen Stunden nichts gegessen.

Als er sie mit einem Ruck fester an sich zog, wehrte sie sich nicht. Es war angenehm, endlich seinen muskulösen Körper zu spüren. Fasziniert und ein wenig erschrocken konnte sie jetzt fühlen, dass sein Interesse an ihr deutlich über einen Tanz hinausging.

»Und was gibst du vor, zu sein, Melissa?«, fragte er dicht an ihrem Ohr.

Sie zuckte die Achseln, soweit ihr das in seiner engen Umarmung möglich war. »Unverwundbar vielleicht?«, überlegte sie laut. »Glücklich? Zufrieden?«

»Trifft es dich sehr, wenn ich dir verrate, dass du nicht besonders überzeugend bist?« Sein Atem streichelte die empfindliche Haut hinter ihrem Ohr.

Sie antwortete nicht, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt war, die merkwürdigen Gefühle zu analysieren, die während der letzten Minuten rasend schnell ihren Körper durchlaufen hatten.

War es möglich, dass sie diesen Mann begehrte? Dass sie mit ihm schlafen wollte? Mit einem völlig Fremden?

»Du machst das öfter, nicht wahr?«, hörte sie sich durch die rosigen Nebelschwaden hindurch fragen, die sie plötzlich umgaben.

»Was mache ich öfter? Tanzen?« Obwohl sie den Blick gesenkt hatte, wusste sie, dass er lächelte.

»In Bars Frauen ansprechen und sie verführen.« In dem Moment, in dem sie die Worte aussprach, wollte sie sie schon zurücknehmen.

»Möchtest du verführt werden?«

»Ich weiß es nicht.«

Was redete sie da eigentlich? Was war, verdammt nochmal, in diesen Drinks gewesen?

»Wir könnten versuchen, es gemeinsam herauszufinden.«

»Was herausfinden?« Sie kam sich wirklich dumm vor, wenn sie sich dumm stellte, aber irgendetwas musste sie schließlich sagen.

»Ob du verführt werden möchtest. Und ob ich die Absicht habe, dich zu verführen.« Sein leises, fast zärtliches Lachen kullerte von ihrem Ohr aus durch ihren ganzen Körper und nistete sich schließlich in der Magengegend ein, wo es pochte und flatterte.

Sie beschloss, dass ein Schweigen die sicherste Antwort war. Eine Weile tanzten sie stumm.

Mit einem furiosen Nachspiel beendete der Mann am Flügel seine Gesangsdarbietung und leitete zu einem neuen Stück über, das Melissa nicht kannte.

»Da du mich gefragt hast, sollst du es auch erfahren«, erklärte der Fremde schließlich, während er seine Schritte geschmeidig dem neuen Rhythmus anpasste. Es war so einfach, mit ihm zu tanzen!

»Es gehört mitnichten zu meinen Gewohnheiten, Frauen in Hotelbars anzusprechen oder gar zu verführen. Ehrlich gesagt, hatte ich seit drei Jahren keinen Sex.«

»Das ist nicht wahr!«

Seine Eröffnung kam so überraschend, dass Melissa ruckartig stehen blieb. Im letzten Moment gelang es ihrem Tanzpartner, seinen Fuß an ihrem Körper vorbeizuschieben und auf diese Weise sein Gleichgewicht zu halten. Jetzt klemmten ihre Schenkel zwischen seinen, und sie konnte nur zu deutlich fühlen, dass er sie in äußerst eindeutiger Weise begehrte. Hastig rückte sie von ihm ab.

»Warum erstaunt dich das so sehr?«, erkundigte er sich, während er sie sanft an sich zog und sich dann weiterdrehte.

»Du bist nicht der Typ, der jahrelang ohne Sex lebt.« Sie sprach mit seiner Schulter, die sich vor ihren Augen im Takt des Klavierspiels hob und senkte.

»Und wenn ich dir sage, dass ich verheiratet bin und zwischen mir und meiner Frau … Es steht nicht gerade zum Besten zwischen uns, sie will nicht mehr mit mir schlafen, und ich weiß nicht so recht, ob ich meinerseits noch Sex mit ihr will. Da wir also beide relativ unentschlossen sind, lassen wir es eben einfach sein.«

»Seit drei Jahren?« Richard würde es sicher nicht einmal drei Wochen ohne Sex aushalten, wenn auch wahrscheinlich ohne Sex mit ihr.

»Seit knapp drei Jahren.«

»Aber mit anderen Frauen …« Bei einer raschen Drehung spürte sie deutlich die Ausbuchtung in seiner Hose.

»Vielleicht fehlte mir die Gelegenheit. Oder die Entschlossenheit. Womöglich beides.«

Und nun meinte er, beides gefunden zu haben?

Melissa war versucht, wenigstens so weit von ihm abzurücken, dass seine Hüften sich nicht mehr an ihren rieben und sie den Druck seines Geschlechts nicht mehr unter ihrem Bauchnabel spürte. Aber sie tat es nicht. Vielleicht weil sie im Flirren der bunten Lichter für einen winzigen Moment Richard mit der Hose in den Kniekehlen vor sich sah, vielleicht aber auch, weil sie sich zu ihrem eigenen Erstaunen in dieser engen, intimen Umarmung eines Fremden wohlfühlte.

»Sollen wir uns noch eine Olive für unsere Sammlung besorgen?«, schlug er vor.

Erschrocken schüttelte sie den Kopf. Wenn sie noch etwas trank, würde sie zu einem willenlosen Opfer ihrer Triebe werden, so viel war gewiss.

»Ich sollte hinauf in mein Zimmer gehen«, erklärte sie nicht sehr überzeugend.

»Ich auch, morgen früh um neun habe ich eine wichtige Besprechung.« Sie spürte seinen fragenden Blick auf ihrem Gesicht und seine Hände auf ihrem Körper. Noch immer drehten sie sich langsam im Takt der Musik.

»Wir könnten in meinem Zimmer noch etwas zusammen trinken«, hörte sie sich unvermittelt sagen.

Offensichtlich hatte sie einen wichtigen Teil ihrer wohltemperierten Vernunft verloren, denn fünf Minuten später fand sie sich an der Seite des Fremden namens Christian vor der Aufzugtür wieder.

»Gute Nacht, Frau Sander, gute Nacht, der Herr«, wünschte der Page Gerd, der nur wenige Schritte entfernt stand und dessen Freundlichkeit sie sich mit einem Geldschein erkauft hatte.

Nur nahm er sicher an, dass sie eine Frau war, die regelmäßig in Hotelbars Männer aufriss und in ihr Zimmer mitnahm. Natürlich konnte es ihr gleichgültig sein, was ein Hotelpage von ihr dachte – und im Grunde war es das auch.

»Gute Nacht, Gerd!«, rief sie ihm fröhlich zu und trat in die Kabine. Christian folgte ihr und blieb sehr dicht hinter ihr stehen, nachdem sie den Knopf für die vierte Etage gedrückt hatte.

Sie widerstand der Versuchung, sich rückwärts an ihn zu lehnen, als er sie von hinten umschlang und seine Hände auf ihren Bauch legte.

»Drei Jahre sind eine lange Zeit. Schätzungsweise habe ich nicht mehr viel Routine.«

Eigentlich wollte sie ihm sagen, dass eine Einladung in ihr Zimmer nicht gleichbedeutend mit einer Einladung zum Sex war, aber das wäre albern gewesen.

»Mach dir keine Sorgen. Wir können es uns ja jederzeit anders überlegen, wenn wir nicht weiterwissen.« Ihr eigenes Lächeln, das sie in der verspiegelten Wand des Aufzugs sehen konnte, wirkte etwas verzagt. Sie tat, als würde sie nicht bemerken, wie seine Hände langsam höherglitten, bis sie auf ihrem Busen lagen. Ihre Brüste schienen unter seinen Fingern anzuschwellen.

»Wahrscheinlich bin ich auf diesem Gebiet ohnehin nicht besonders anspruchsvoll«, flüsterte sie seinem Gesicht im Spiegel zu. »Mein Mann hält nicht viel von Trödelei im Bett.«

Er schob den Ausschnitt ihres Kleides ein wenig zur Seite und presste von hinten seinen Mund in die kleine Kuhle über ihrem Schlüsselbein. »Wir werden uns viel Zeit lassen.«

Als sich die Fahrstuhltüren öffneten, fuhren sie vor den tadelnden Blicken eines älteren Ehepaars schuldbewusst auseinander und verließen stumm die Kabine.

»Hast du ein schlechtes Gewissen?«, erkundigte Christian sich auf dem Flur.

Melissa schüttelte ungeduldig den Kopf. Soeben war ihr etwas eingefallen, das ihr wichtiger erschien als die Erforschung ihres Gewissens. Wenn sie wirklich das tun wollten, worauf diese ganze Geschichte unweigerlich hinauszulaufen schien, brauchten sie Kondome! Sie hatte natürlich keine bei sich, und wenn es tatsächlich stimmte, dass er seit drei Jahren keine Frau angefasst hatte, würde auch er keine mit sich herumtragen.

»Hast du …«, setzte sie an, biss sich aber sofort auf die Unterlippe, die mittlerweile schon ganz wund war. Vielleicht hätte sie doch lieber noch einen Martini trinken sollen. Es schien gar nicht so einfach zu sein, vom Pfad der Tugend abzuweichen.

»Nein. Ich denke, ich habe lange genug gewartet.« Natürlich dachte er, sie würde sich nun ihrerseits nach seinem Gewissen erkundigen.

Sanft nahm er ihr die kleine Plastikkarte aus der Hand, schob sie in den dafür vorgesehenen Schlitz und stieß die Zimmertür auf.

»Möchtest du ein Glas Sekt oder lieber einen Cognac? Ich fürchte, Martini kann ich dir nicht anbieten. Es gibt ohnehin keine Oliven.« Melissa hatte sich eilig zur Minibar geflüchtet, wo sie hektisch die kleinen Fläschchen hin und her schob.

Er beugte sich zur ihr herunter, fing ihre Hände ein und zog sie hoch, sodass sie auf Augenhöhe mit ihm war. »Ehrlich gesagt, möchte ich im Augenblick nur dich. Sag mir, wie du es am liebsten magst. Was macht dich richtig an?«

Seine direkte Frage verschlug Melissa den Atem. Richard hatte sich in all den Jahren nicht ein einziges Mal erkundigt, was sie gern hatte.

»Ich weiß nicht«, stieß sie unsicher hervor und kam sich entsetzlich dumm vor. »Ich glaube, als Erstes sollten wir uns um … die Sicherheit kümmern.«

Es dauerte eine Weile, bis er begriff, was sie meinte. »Oh, natürlich, ich …« Er sah sie hilflos an. Vielleicht entsprach es tatsächlich der Wahrheit, dass er seit drei Jahren mit keiner Frau geschlafen hatte. Dieser Gedanke verursachte ein leichtes Kribbeln zwischen Melissas Schenkeln.

Nicht sehr erfolgreich probierte sie ein Lächeln. »Ich habe auch keine bei mir.«

Mein Gott, in was für eine Situation war sie da geraten! Für so etwas war sie ganz offensichtlich nicht geschaffen.

»Unten in der Halle gibt es eine Drogerie. Ich glaube, vorhin war dort noch geöffnet.« Er machte einen unentschlossenen Schritt in Richtung Tür.

»Okay«, wisperte sie, räusperte sich und wiederholte mit lauter klarer Stimme: »In Ordnung.«

Anstatt sich endgültig der Tür zuzuwenden, kam er langsam zu ihr zurück, legte seine Hände auf ihre Schultern, beugte sich über sie und presste seinen Mund fest auf ihren.

Der Kuss kam so unerwartet, dass Melissa erstarrte. Die Zunge, die sachte über ihre Unterlippe glitt und sich dann zielstrebig in ihren Mund schob, war heiß und feucht. So heiß, dass Melissa nach wenigen Sekunden das Gefühl hatte, diese Hitze würde wie eine Welle durch ihren ganzen Körper schwappen und die Eisschicht schmelzen, von der sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierte.

Ohne ihr Zutun drang ein lauter Seufzer aus ihrer Kehle. Sie klammerte sich an seine Schultern und legte ihre Zunge auf seine, als wollte sie sie festhalten, um das Gefühl der Nähe und Wärme noch einen Augenblick länger zu genießen.

Offensichtlich hatte er auch gar nicht vor, diesen Kuss so rasch zu beenden. Zärtlich ließ er seine Zungenspitze um ihre kreisen, streifte ihren sensiblen Gaumen, fuhr über die glatte Rückseite ihrer Zähne, glitt sachte zurück, um sanft an ihrer Unterlippe zu saugen, und stieß ihr gleich darauf seine Zunge so energisch in den Mund, dass sie vielleicht erschrocken wäre, hätte sie sich nicht danach gesehnt, ihn wieder tief in ihrem Mund zu spüren.

Dann, ebenso plötzlich, wie er seinen Kuss erneuert hatte, zog er sich zurück. Schwer atmend starrte Melissa ihn an. Sie hatte nicht erwartet, dass es so sein würde, ihm nahezukommen. Immerhin war er ein Fremder – und sie war nicht einmal in ihn verliebt.

»Warte auf mich! Ich bin gleich wieder da.« Seine Stimme klang dunkler als zuvor, sicherer und selbstbewusster. Er wusste, wie sehr er sie mit seinem Kuss berührt hatte, und dieses Wissen schien ihm zu gefallen.

»Beeil dich!« Ein wenig schüchtern noch, aber doch entschlossen, streckte Melissa ihren Arm aus und legte einen Lidschlag lang die Fingerspitzen dorthin, wo seine Hose sich ausbeulte. Dann zog sie ihre Hand so rasch zurück, als hätte sie sich verbrannt, und lief rasch zum Fenster, von wo aus sie zusah, wie der Fremde, mit dem sie in wenigen Minuten Sex haben würde, eiligen Schrittes zur Tür ging.

Sie atmete tief durch. »Christian?«

»Ja?« Die Hand schon auf der Klinke, wandte er sich ihr zu. Sein Blick schweifte unruhig über ihr Gesicht und saugte sich an ihren Brüsten fest, die sich im Rhythmus ihrer schnellen Atemzüge gegen den dünnen Stoff ihres Kleides pressten.

»Ich wollte dir nur sagen, dies ist das erste Mal, dass ich meinen Mann betrüge – obwohl er es schon lange verdient gehabt hätte.«

»Du tust es nur seinetwegen?« Seine Hand glitt über den Türrahmen, als suchte er Halt.

»Oh nein!« Sie legte ihren Kopf in den Nacken und stieß ein heiseres Lachen aus, obwohl ihr nicht nach Lachen zumute war. »Ich mache es, weil ich denke, dass es mir vielleicht guttut. Und weil ich Lust dazu habe.«

»Dann ist es gut.« Sein Lächeln wanderte von seinen Lippen zu seinen Augen hinauf, dann drehte er sich um und ging.

In dem Moment, in dem die Tür hinter ihm zufiel, kehrte ihre Unsicherheit zurück. Sie wanderte unruhig durch das Zimmer, zog die Vorhänge zu, knipste die Deckenbeleuchtung aus und die kleine Lampe neben dem Bett an. Dann überlegte sie es sich anders, öffnete die schweren Gardinen wieder und löschte alle Lampen. Als sie das leise Geräusch der sich öffnenden Tür hörte, fuhr sie herum.

»Melissa?« Er verharrte einen Moment im Türrahmen und musste sich offenbar erst an die Dunkelheit im Zimmer gewöhnen, die nur von den Lichtern der Stadt, die durch das Fenster hereinfielen, gemildert wurde.

»Ich bin hier.« Sie ging auf ihn zu und umschlang ihn fest und entschlossen.

Es war nicht einfach, in dieser hintersten, dunkelsten Ecke des Zimmers seinen Mund zu finden, aber sie wollte, dass er sie jetzt sofort noch einmal küsste. Sie wollte sein Verlangen spüren und das sanfte Feuer, das er mit der Berührung seiner Lippen und den hungrigen Bewegungen seiner Zunge in ihr entzünden konnte.

Ihr Mund landete neben seinem Ohr. Als er ihren heißen Atem spürte, entfuhr ihm ein heiseres Stöhnen. Sein Körper drängte sich gegen ihren. Er drückte sie gegen die Wand und presste sich an sie, während seine Hände ruhelos, auf der Suche nach ihrer Haut, über ihr Kleid wanderten.

Entschlossen griff Melissa nach seinem Kopf, hielt ihn fest und holte sich ihren Kuss.

Die Hitze seiner fast schon vertrauten Mundhöhle breitete sich rasend schnell in ihrem Körper aus, als würde er mit den heftigen Stößen, mit denen seine Zunge zwischen ihre Lippen fuhr, glühende Pfeile in ihr Blut schießen.

Sie konnte spüren, wie seine Erregung sich gleichzeitig mit ihrer steigerte, fühlte es an den unkontrollierten Bewegungen seiner Hüften und hörte es an der Beschleunigung seines Atems. Es war ein wunderbares Gefühl, zu wissen, dass er drei Jahre auf diesen Moment gewartet hatte.

Nicht auf sie, aber auf diesen Moment – und das war mehr, als sie sich jemals für eine Begegnung wie diese erhofft hätte, hätte sie vor diesem Abend auch nur in Erwägung gezogen, eine Nacht mit einem Fremden zu verbringen. Mit einem entschlossenen Ruck schob sie das Jackett von seinen Schultern, sodass es an seinem Körper abwärts zu Boden rutschte.

Seine tastenden Finger mühten sich im Dunkeln vergeblich mit dem Reißverschluss an ihrem Rücken ab. Ungeduldig glitten seine Hände nach unten, zum Saum ihres Kleides. Es gelang ihm, den Rock, der knapp ihre Knie bedeckte, über ihre Hüften hochzuziehen. Als sie seine Fingerspitzen durch den zarten Stoff ihrer Strumpfhose spürte, sog sie heftig die Luft ein.

Einen winzigen Moment lang wünschte sie sich, sie hätte die halterlosen Strümpfe angezogen, die Richard am liebsten an ihr sah, wenn sie sich schon hartnäckig weigerte, Strapse zu tragen.

Dann hörte sie jedoch das hilflose Japsen, das Christian ausstieß, als er die Innenseite ihres Schenkels berührte, und wusste, dass er durchaus glücklich mit dem war, was er vorfand.

Mit geschlossenen Augen spürte sie dem leichten Zittern seiner Fingerspitzen nach, die zögernd an ihrem Schenkel nach oben wanderten, wie zufällig ihren Schritt streiften und am anderen Bein wieder abwärtsglitten, während seine Zunge sachte die ihre streichelte.

»Komm!« Sie nahm sein Handgelenk und zog ihn zum Bett, dessen helle Bezüge im diffusen Licht zu leuchten schienen.

Um die Sache voranzubringen, öffnete sie am Bettrand stehend den Reißverschluss ihres Kleides und wollte es sich rasch über den Kopf ziehen. Prompt verhedderte sie sich in dem engen Etuikleid. Während ihr linker Arm schon frei war, steckten der rechte und der Kopf fest.

»Lass mich das machen.«

Durch den Stoff hörte sie seine Stimme nur gedämpft. Seine suchenden Hände glitten über ihren umhüllten Kopf, schienen halbherzig nach dem Halsausschnitt zu tasten, landeten aber ziemlich rasch auf ihren nackten Schultern.

Melissa stand vollkommen still da, umgeben vom leisen Rascheln des Kleiderstoffs, und konzentrierte sich auf seine Fingerspitzen, die mit leichtem Druck die Linie ihres Schlüsselbeins nachzeichneten und langsam nach unten zu ihren Brüsten glitten, die nur noch von der dünnen Seide ihres BHs bedeckt waren.

Er legte seine Hände so vorsichtig um ihre schwellenden Rundungen, als hätte er Angst, Melissa mit einer festeren Berührung zu erschrecken.

Der sanfte Druck wurde nur dann ein wenig stärker, wenn sich beim Einatmen ihre Brüste fester in seine Handflächen schmiegten. Bei jedem Atemzug rieben sich ihre empfindlichen Brustwarzen durch die Seide hindurch an seiner Hand und prickelten bei dieser Berührung auf eine Weise, wie Melissa es noch nie zuvor erlebt hatte.

Warum tat er nicht endlich etwas, machte nicht endlich weiter?