Mitternachtsschwimmer - Roisin Maguire - E-Book + Hörbuch

Mitternachtsschwimmer Hörbuch

Roisin Maguire

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Beschreibung

Ballybrady, ein pittoreskes irisches Dorf zwischen grünen Hügeln und atemberaubender Küste. Hier lebt Grace allein und zurückgezogen und verbringt ihre Tage mit Schwimmen, Quilten und ihrem Hund. Grace ist eine Naturgewalt; ruppig und scharfzüngig, aber mit Zartgefühl kennt sie die Gefahren der stürmischen See ebenso gut wie die Abgründe des menschlichen Herzens. Um Geld zu verdienen, vermietet sie ein Cottage an Touristen. Touristen wie Evan. Nach dem Verlust seiner Tochter hat er keine Ahnung, wie er weiterleben soll. Seine Ehe droht zu zerbrechen, er trinkt zu viel und arbeitet zu wenig. Eine Woche weit weg von allem, dann will er sich wieder als zuverlässiger Gatte, Vater und Geschäftspartner bewähren. Doch er ist erst wenige Tage in Ballybrady, als der Lockdown kommt. Das Leben steht still – und plötzlich gerät etwas in Bewegung. Denn Evan muss sich nicht nur mit sich und seiner Trauer, sondern auch mit Grace und den anderen eigenwilligen Dorfbewohnern auseinandersetzen, und er trifft dabei auf Menschen, die ihm zeigen, was wirklich wichtig ist.

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Zeit:9 Std. 15 min

Veröffentlichungsjahr: 2024

Sprecher:Brigitte Carlsen

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Ballybrady, ein pittoreskes irisches Dorf zwischen grünen Hügeln und atemberaubender Küste. Hier lebt Grace allein und zurückgezogen und verbringt ihre Tage mit Schwimmen, Quilten und ihrem Hund. Grace ist eine Naturgewalt; ruppig und scharfzüngig, aber mit weichem Kern kennt sie die Gefahren der stürmischen See ebenso gut wie die Abgründe des menschlichen Herzens. Um Geld zu verdienen, vermietet sie ein Cottage an Touristen. Touristen wie Evan. Nach dem Verlust seiner Tochter hat er keine Ahnung, wie er weiterleben soll. Seine Ehe droht zu zerbrechen, er trinkt zu viel und arbeitet zu wenig. Eine Woche weit weg von allem, dann will er sich wieder als zuverlässiger Gatte, Vater und Geschäftspartner bewähren. Doch er ist erst wenige Tage in Ballybrady, als der Lockdown kommt. Das Leben steht still – und plötzlich gerät etwas in Bewegung. Denn Evan muss sich nicht nur mit sich und seiner Trauer, sondern auch mit Grace und den anderen eigenwilligen Dorfbewohnern auseinandersetzen, und er trifft dabei auf Menschen, die ihm zeigen, was wirklich wichtig ist.

Ein berührender, lebenskluger Roman, der von Liebe und Freundschaft erzählt, von Verlust und Trauer, aber vor allem von Hoffnung und von der Kraft der Gemeinschaft.

© Muiread Kelly

Roisin Maguire lebt in Nordirland und hat Kreatives Schreiben an der Queen’s University studiert. Sie hat als Türsteherin in einem Nachtclub, als Busfahrerin und Grundschullehrerin gearbeitet und ist begeisterte Sporttaucherin, Anglerin und Ganzjahresschwimmerin.

Andrea O’Brien übersetzt seit vielen Jahren zeitgenössische Literatur aus den englischen Sprachen und wurde für ihre Arbeit bereits mehrfach ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in München.

ROISIN MAGUIRE

Mitternachtsschwimmer

Roman

Aus dem Englischenvon Andrea O’Brien

Die englische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel

›Night Swimmers‹ bei Serpent’s Tail, an imprint of Profile Books Ltd, London.

© Roisin Maguire 2024

E-Book 2024

© 2024 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, [email protected]

Alle Rechte vorbehalten Die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Übersetzung: Andrea O’Brien

Lektorat: Nina Hübner

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagabbildung: © Cornelia Fröhlich

Satz: Fagott, Ffm

E-Book Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN E-Book 978-3-7558-1053-7

www.dumont-buchverlag.de

TEIL EINS

1

Sie hörte sie, bevor sie sie sah, eine Schar grellbunter Vögel, die sich aufgeregt fuchtelnd und gackernd am Strand tummelten.

»Dumme Gänse«, sagte sie.

Sie trat Wasser, blinzelte sich das Salz aus den Augen und beobachtete, wie sie Handtücher auseinanderfalteten, Handys in Yogataschen verstauten, Sandalen auszogen. Zehen ins Wasser tauchten und wegen der Temperatur jammerten. Jetzt wagten sie sich rein. Kichern und überraschtes Kieksen, als das Wasser ihre weichen weißen Füße berührte. Neckische Hauben auf dem Kopf, die Schultern gebeugt und blass und schmal.

Mit einer flinken Vorwärtsrolle tauchte sie ab, tief, tiefer unter die Oberfläche, fand Ruhe im Glitzern der aufsteigenden Bläschen, spürte das eisige Kribbeln auf der Haut, dem Bauch, den Oberschenkeln. Eine frostkalte Hand. Ihr Puls wurde langsamer, schwerfälliger, je tiefer sie in die Finsternis sank, doch sie wollte noch weiter runter, zwirbelte sich hinab, bis ihr das Herz in Kehle und Schläfen pochte und sie zur Umkehr zwang, zurück an die Oberfläche, frische Luft einsaugen, blinzeln, triefen, atmen, aufs Meer hinausschauen und so tun, als wäre sie allein.

»Was haben die hier zu suchen, verdammt?«, brummte sie, während sie sich verärgert auf den Rücken drehte und strampelte, bis das Wasser in Fontänen hochspritzte und auf sie herabregnete, herrlich. Ewig hätte sie noch hier verweilen können – es war schließlich März, verdammt –, aber das Kreischen und Planschen schallte über das stille, glatte Wasser der Bucht – ihrer Bucht – und wühlte sie auf, verdarb alles. Niemand machte sich je die Mühe, an diesen abgelegenen, wenig reizvollen Kiesstrand zu kommen. Die Leute bevorzugten den Hauptstrand mit seinem goldenen, einladenden kühlen Sand, dort stellten sie ihre Windschutzmuscheln, Liegestühle und all den anderen Mist auf, aber diesen Ort hier überließen sie ihr.

Mistdreck, dachte sie.

Entnervt drehte sie sich um, den Blick in die Ferne gerichtet, wo das graue Meer mit dem grauen Himmel verschmolz, sie spürte den Abgrund unter ihren flatternden Zehen, dunkel und schwer und wunderschön. Hier war es vielleicht fünfzehn, zwanzig Meter tief, gerade noch vertretbar, knapp vor der Strömung, dieser Muskelstrang mit seiner pfeilschnell mitreißenden Kraft, der von Ost nach West verlief, eine unaufhaltsame Gewalt, ein gefährliches Untier. Sie sah, wie vor den dummen Gänsen das Wasser aufwallte, als würden direkt unter der Oberfläche Güterzüge fahren und das Meer wegschleppen.

Sie schwamm näher ans Ufer, nur zur Sicherheit.

Die Gänse hatten sich wieder zu einem Grüppchen zusammengerottet, aber jetzt waren sie immerhin ganz im Wasser. Ihre roten, grünen, blauen und weißen Köpfe wippten beim gemeinsamen Brustschwimmen im Wasser auf und ab, sie zogen enge Bahnen, hin und her, hin und her, wie bei dieser großartigen Jahrmarktsattraktion die Ratten, die man mit einem Hammer platt machen musste. Sie wünschte, sie hätte einen Hammer, o ja, das wärs.

Die werden eine Ewigkeit am Strand rumhängen, grummelte sie, auch nach dem Schwimmen – dann hüllen sie sich in ihre extraflauschigen Frotteebademäntel und machen Fotos davon, wie sie heiße Getränke aus glänzenden Metallbechern trinken. Mutige Abenteurerinnen! Kühne Forscherinnen, die sich in die Tiefen der sozialen Medien wagen.

Aber irgendwann musste sie trotzdem rauskommen, die Sache hinter sich bringen.

Mist.

Langsam schwamm sie zurück, unwillig wie ein Kind nach dem morgendlichen Schrillen der Schulglocke.

Der Hund sah sie schon von Weitem, sprang auf, kam aus dem Schutz der dunklen Felsen und begann wie immer wild zu bellen.

»Braver Junge«, sagte sie grinsend. Schon ging es ihr ein bisschen besser.

Der Hund kam ans Ufer, bellte, bellte, bellte.

Umgehend erstarb das Plappern und Wippen der Schwimmerinnen, in ihren Hirnen knirschten die Zahnräder.

»Ach du lieber Himmel, schaut euch dieses Vieh an – wem das wohl gehört?«

»Ob der ins Wasser geht? Meinst du, er kommt rein?«

»O Gott, Ellie, ich hasse Hunde, du weißt genau, wie sehr ich Hunde hasse. Hoffentlich bleibt der schön, wo er ist.«

»Das ist kein Hund, das ist ein Ungeheuer.«

Nervöses Kichern, verdrehte bunte Köpfe.

»Mir wird ein bisschen kalt. Ich muss echt bald raus.«

»Wie sollen wir rauskommen, wenn dieses Monstrum da steht? Wie?«

Die Stimmen wurden lauter, der Schall trug übers Wasser besser als über Land. Sie verstand jedes Wort, ihre klare Aussprache und der herrische Ton sorgten dafür, dass sie alles gut hörte.

»Ach du liebe Zeit, schaut! Da schwimmt jemand, ganz weit draußen – ich wette, der Hund gehört dazu.«

»Wo?«

»Wo? Ich seh nichts.«

»Hat keine Badekappe auf, nichts. Schaut – ganz dahinten, der schwarze Punkt, dort, seht ihr?«

Pause. Alle glotzten.

Kurz kam ihr der Gedanke zu winken, doch sie ließ es.

Hund bellt, bellt, bellt.

Bellt und bellt und bellt.

Pfoten jetzt im Wasser, bellt und bellt.

Sie stellte sich sein Maul vor, mittlerweile stand es sicher offen, und der Schaum flog ihm um die Lefzen, er hatte garantiert die Zähne gebleckt, scharf und spitz in seinem klobigen, hässlichen Schädel.

Die Köpfe drehten sich zu ihr, zum Hund, dann wieder zu ihr.

Mittlerweile hatten sie wieder Boden unter den Füßen und bestimmt Gänsehaut, da standen sie frierend im Wasser, die albernen orangefarbenen Schleppschwimmer hinter sich, den Blick in die vom Zeigefinger vorgegebene Richtung gerichtet, dorthin, wo sie schwamm.

»Oder ist das ein Seehund?«

»O Gott, Ellie, hoffentlich nicht. Ich hasse Seehunde.«

Sie tat ihnen den Gefallen, warf die Füße in die Luft und ließ sie mit einem Klatscher ins Wasser fallen, tauchte mit rundem Rücken ab und hörte noch den Schrei, bevor sich die Blasen über ihr schlossen. Schade, dachte sie im trüben Schaum, während sie möglichst lange unten verharrte, indem sie langsam ausatmete. Es war verdammt schade, dass sie kein Seehund war. Seehunde konnten nämlich über sechs Minuten unter Wasser bleiben. Ganz fantastische Tiere. Dann hätte sie direkt an ihnen vorbeigleiten können, ans Ufer schwimmen, unsichtbar, sich rausschummeln, den Strand hoch und weg, bevor sie es bemerkt hätten.

Doch wie die Dinge standen, dachte sie, als sie mit den Luftblasen nach oben stieg, würde sie direkt an ihnen vorbeigehen müssen.

Sie kraulte ans Ufer.

Lange, starke, gleichmäßige Züge, tick-tack, und bald hatte sie die anderen vergessen und genoss ihre Bewegungen, das Strecken und Zusammenziehen, das nasse Schlipp-Schlapp, wenn sie das Gesicht für einen raschen Atemzug zur Seite drehte und wieder zurück.

»Hallo! Hey, hallo?«

Sie schwamm, tick-tack-tick-tack.

»Hal-lo?« Zwei Silben, freundlich. »Verzeihung, ist das Ihr Hund?«

Hund bellt, bellt und bellt.

Bestimmt wedelte er schon wieder wie angestochen mit dem Stummelschwanz, jetzt, wo er sie näher kommen sah. Sicher sprang er schon mit allen vier Pfoten auf dem Sand herum, als wäre sie zwei Wochen fort gewesen – dummes Viech.

Tick-tack-tick-tack.

Wuff, wuff, wuff, wuff.

»Hallo? Verzeihung?«

»Der reagiert nicht. Warum gibt der Typ keine Antwort, Kate?«

»Ungehobelt. Garstig wie sein Hund.«

»Also echt!«

Jetzt war sie fast bei ihnen.

Sie konnte schon den Meeresboden sehen, wellig und hell, ihn mit der Zehenspitze ertasten.

Tick-tack-tick-tack.

»Hey! Könnten Sie bitte Ihren Hund rufen?«

Die Stimme klang wie ein Heulen.

»Sie sollten ihn nicht einfach frei rumlaufen lassen, wissen Sie? Der macht den Leuten Angst. Hallo? Hallo?«

Sie verharrte im Wasser, blinzelte, fand Halt auf dem Sand. Er knirschte angenehm zwischen ihren Zehen, wie ein Willkommensgruß. Sie sah die Frau an. Die Frau verstummte. Straffte die knochigen Schultern.

»Also …«, ging es weiter, diesmal mit heruntergedimmter Stimme. »Ihr Hund belästigt uns. Schauen Sie! Er lässt uns nicht aus dem Wasser!«

Hinter ihr versammelten sich die anderen, ein Panoptikum gerunzelter Stirnen und nervöser Blicke.

Kläff, kläff, kläff, kläff.

Die Badehaube der Rädelsführerin war lila, maulbeerfarben, würde sie zweifellos behaupten, mit dämlichen kleinen Gummiblüten am Rand. Würde sie sie ihr vom Kopf reißen, wäre ihr Haar darunter lang, glänzend, duftig und weich, da war Grace sicher. Doch das tat sie selbstverständlich nicht. Stattdessen warf sie sich die wirre Seetangmähne in den Nacken und präsentierte den Frauen gleich mehrere Überraschungen. Ganz langsam entfaltete sie ihre Glieder. Spürte, wie die Schwerkraft ihre Wirkung tat und alles schlackern ließ, was vorher so schön geschwebt hatte. Sah die Gesichtszüge der Frau entgleisen. Griente.

»Du liebe Güte, das ist ja eine Die! Und sie hat nichts an!«

»Mist! Wieso hab ich mein Handy nicht dabei?«

Gekicher hinter der lila Haubenqualle, die gar nicht wusste, wohin mit ihrem Blick.

Bell, bell, bell, bell.

»Ähm«, die Haubenqualle schüttelte den gesenkten Kopf, als wollte sie das Gesehene vertreiben, »Ihr Hund …«

»Nicht meiner«, erwiderte Grace kühl, watete mit langen Schritten aus dem Wasser und ließ das Kichern und Schnauben hinter sich. »Den hab ich hier noch nie gesehen.«

2

»Was ist das denn für ein Name? Ist der englisch?«

Der Mann hatte den stattlichen Ellbogen auf der Mauer abgestützt, sein Bauch wölbte sich unter dem Polohemd vor, als hätte ihn jemand aufgepumpt. Evan rang sich ein Lächeln ab.

»Walisisch, glaube ich.«

»Ah, bist du aus Wales?« Die Stimme klang ein bisschen freundlicher. »Ihr Jungs könnt Rugby spielen, das muss man euch lassen.«

»Nein …«, antwortete Evan rasch und lachte kurz auf. »Ich komme aus Belfast.«

»Ach so. Und für wen spielst du dann? Cooke?«

»Äh, nö. Ich spiele eigentlich gar kein Rugby.«

»Aha.« Der große Mann nickte enttäuscht, wandte den Blick aber nicht von Evan ab, der auf der Stufe vor dem kleinen Haus stand, einen schweren Karton in den Armen. Der hatte Schlagseite, war an der Ecke feucht, was Evan vermuten ließ, dass die Milch ausgelaufen war. Er schob ihn ein wenig zurecht, damit die feuchte Stelle auf seinen Unterarmen lag und der Boden nicht riss. Die Morgensonne schien ihm heiß ins Gesicht, vom Wasser grell reflektiert, unter seinen Achseln juckte der Schweiß, als hätte man ihn bei etwas Verbotenem erwischt.

»Früher, als Single, war ich oft beim Klettern und Mountainbiken«, hörte er sich sagen, da war eine gewisse Lebendigkeit in seinem Ton, ein schwaches Aufglimmen seines alten Feuers. Der Mann beäugte ihn abschätzig, seine Miene erwartungsvoll wie die eines großen Hundes. Plötzlich wehte der Geruch von Weichspüler über die kleine Gartenmauer, und vor Evans geistigem Auge entstand das Bild des überdimensionierten Polohemds, das irgendwo dahinten auf der Wäscheleine in der Meeresbrise geflattert hatte, während der Besitzer mit nacktem Oberkörper daneben gewartet hatte, bis es trocken war, das breite Gesicht mit der undurchdringlichen Miene auf die Straße gerichtet, um neugierige Passanten anzustarren.

»Die Gattin nicht dabei?«

Evan blinzelte. »Ähm, nein. Nein. Diesmal nicht.«

»Na dann. Bisschen Abstand muss sein, sonst geht man sich an die Gurgel.«

Evan glotzte ihn an, der Mann glotzte zurück.

»Du klingst gar nicht wie die anderen aus Belfast, die wir sonst so reinkriegen.«

Evan lächelte entschuldigend. Etwas Nasses lief an seinem Ellbogen vorbei. »Tja«, sagte er, »ich geh wohl besser …«

»Is ’n großer Karton, den du da hast.«

Der Mann stützte auch den anderen Ellbogen ab.

Evan nickte. »Ja, stimmt. Und schwer ist er auch.«

»Bleibst wohl länger, hm?«

»Nur eine Woche. Airbnb, wissen Sie?«

Der Mann hob das massive Kinn, wohl um seine Überraschung auszudrücken. Evan fiel nichts Besseres ein, als zu lächeln und achselzuckend den Rückzug anzutreten, schon jetzt kam ihm das düstere, deprimierende Cottage wie ein Refugium vor.

»Tja. Nett, Sie kennenzulernen …« Fragend hob er die Stimme.

»Frank«, sagte der Mann und nickte über seine Schulter hinweg zum kleinen Pfad, der sich vom Strand weg zum kleinen Dorf hinaufwand.

»Dahinten um die Ecke, da wohn ich. Das sind die alten Coastguard Cottages.«

Ja, die waren ihm schon bei der Ankunft aufgefallen, gestern Abend, kleine weiße Häuser, die in einer adretten Reihe den Hügel hinaufkrochen, sich wegduckten vor den Meeresstürmen, die hier in den Wintermonaten sicher ihr Unwesen trieben.

Evan nickte. Der Mann fühlte ihm auf den Zahn. Vergewisserte sich, dass der neue Mieter keinen Ärger machen würde. Partys um Mitternacht, Nacktbaden, solche Sachen. Was die anderen aus Belfast so veranstalteten, möglicherweise.

»Ich nehm mir hier nur ’ne klitzekleine Auszeit, nur ’ne Woche, Frank. Ruhig und friedlich. Bisschen fotografieren, so Sachen. Ich mach dir keinen Ärger, versprochen.«

Darauf sagte Frank nichts, sondern nickte bedächtig, die Stille sirrte zwischen ihnen, im Gleichklang mit dem sanften Schwellen der Wellen nur ein paar Schritte unterhalb des Pfads. Es herrschte offenbar Flut, das Meer hatte die ganze Bucht eingenommen und sich wie zum Lauschen ans Ufer geschlichen.

Und die Milch tropfte.

»Nun denn, Frank«, sagte Evan schließlich. »War nett, dich kennenzulernen.« Mit einem letzten freundlichen Nicken drückte er den Ellbogen gegen die Tür, sodass sie aufschwang, das kleine Haus hinter ihm kühl und dunkel und intim.

»Herrje«, sagte Evan zum stabilen, dunklen Holz.

Welch Erleichterung, den durchgeweichten Karton auf dem kleinen Tisch abstellen und sich die Milch von den Fingern schütteln zu können. Die Milchpackung war umgekippt, der Deckel nicht ganz geschlossen. An dem massiven weißen Spülstein unter dem Fenster stieß er auf einen Lappen, mit dem er sich das Zeug vom Arm wischte. Die Milch war ihm seitlich am T-Shirt heruntergelaufen und hatte dort einen irlandförmigen Fleck hinterlassen, aber das war ihm egal, er würde sich nicht umziehen.

Auf der anderen Seite des Fensters dräute eine dunkle, hohe Hecke voller Kahlstellen und Lücken, wo der salzige Wind das Laub verdorrt hatte, eine erschlaffte Plastiktüte klammerte sich an den obersten Ast.

Sieben Tage hier. Er sah sich langsam um. Sieben Tage. Weil ihm der Magen knurrte, nahm er das Brot aus dem Karton, riss die dünne Verpackung auf, zog den Kanten heraus und biss hinein. Hauptsache, essen. Er kaute im dunklen kühlen Zimmer vor sich hin, das Brot war trocken und weich und dick und gut.

»Wie viel Zeit brauchst du?«, hatte er sie gestern leise gefragt. Sie hatte ganz vorn auf dem Rand des großen Sessels gesessen, im Wintergarten, wo Jessie gestorben war, und in höchster Konzentration auf den Laptop gestarrt, das strohige, an den Wurzeln seltsam verfärbte Haar oben auf dem Kopf zu einem wirren Knoten verzwirbelt.

Seine Frage bewegte sie nicht zum Aufschauen, stattdessen flogen ihre Finger nur so über die Tastatur, offenbar führte sie eine hitzige Unterhaltung mit einem anderen, nur nicht mit ihm. Er schaute über ihren gesenkten Kopf hinweg aus dem Erkerfenster ins grelle Grün des mit frühlingsfrohem Vogelgesang erfüllten Gartens, wo die am dicken Stamm der Platane knorrig verdrillten Äste schwer am frischen Laub trugen.

»Lorna?«

»Meine Güte, Evan. Keine Ahnung.« Sie hob den Kopf und drehte das Gesicht ungefähr in seine Richtung, sah ihn aber nicht an, nicht richtig. Tat sie nie. Sie hatte die Schultern wie zum Schutz vor ihm hochgezogen, dunkle Mundwinkelfalten umrahmten ihre Lippen, wo sie sich fest unter Verschluss hielt.

»Eine Woche? Würde eine Woche helfen?«, schlug er vor. »Sag mir einfach, was du brauchst, mehr will ich gar nicht.«

Sie senkte den Blick auf die Tastatur und gab einen langen Seufzer von sich, der ihm mitteilte, dass er sich mal wieder dämlich anstellte – dumm wie Brot, unerträglich.

Von dort, wo er stand, wirkten ihre Schultern mager. Er erkannte die scharfen Konturen ihrer Knochen unter der Bluse, es kam ihm der Gedanke, dass sie frieren müsse, aber er wusste, dass er besser nicht fragte. Mit dem schlanken, eleganten Finger tippte sie auf eine Taste, konnte es wohl kaum erwarten weiterzuziehen, Wörter erschaffen für die Augen eines anderen.

»Ist mir egal«, sagte sie schließlich, als hätte sie erst jetzt bemerkt, dass er noch immer da stand. »Ja. Eine Woche. Meinetwegen. Grundgütiger.«

Ihre Schultern waren angespannt, mit letzter Kraft zusammengehalten, damit ihr nicht der Faden riss.

»Na gut«, sagte er dann rasch. »Na gut, ich gehe. Alles klar. Ich besorg mir eine Unterkunft, heute, noch diesen Nachmittag, ich lass dich in Ruhe …«

»Evan. Könntest du. Einfach mal. Die verdammte. Klappe. Halten?«

Er konnte es förmlich hören, wie sie die Zähne zusammenbiss. Sie schüttelte leicht den Kopf, als wollte sie ein sirrendes Insekt vertreiben, ein lästiges Ding, dann tanzten ihre Finger weiter, sprachen mit dem anderen – egal, mit wem, Hauptsache, nicht mit ihm.

Sie tippte immer noch, als er ging, zum Wagen, um sein iPad zu holen, die Suche nach einer Unterkunft zu starten, nicht zu weit weg, aber auch nicht zu nah, eine Person, eine Woche. Sie hatte nicht aufgeschaut, um sich von ihm zu verabschieden, nicht einmal, als er mit der Reisetasche über der Schulter im Türrahmen gestanden hatte – hatte ihm nicht nachgesehen, als er die Straße entlanggefahren war, aus der Stadt, weg von ihr, von Luca, ihrem Heim, von allem.

Das Brot blieb ihm in der Kehle stecken, er schluckte schwer, damit es weiterrutschte.

Erst da bemerkte er, dass er unversehens mehrere Scheiben verdrückt hatte, doch irgendwie ging es ihm jetzt ein bisschen besser. Im Karton war auch Butter, fiel ihm jetzt ein, und Marmelade, und er kramte danach herum, zwischen Nudeln, Speck, Dosensuppe und dem seltsamen Fläschchen, das ihm die komische Frau im Laden aufgedrängt hatte.

Handreiniger oder so was.

»Darüber werden Sie noch froh sein, sag ich Ihnen«, ganz entschlossen war sie gewesen, hatte eifrig genickt, als er das Fläschchen seitlich in den Einkaufskarton geschoben hatte. »Kam in den Nachrichten, wissen Sie, da ist angeblich eine Pandemie im Anmarsch. In ein, zwei Tagen kriegen Sie das Zeug nicht mehr, heißt es. Ich schwörs Ihnen. Haben Sie auch wirklich genug Nudeln mitgenommen? Mit einer Packung kommen Sie nicht weit, ganz sicher nicht.«

»Ähm, ja«, hatte er erwidert. »Danke, das reicht völlig. Ich bin ja nur ein paar Tage hier. Es ist nur für mich.«

Als sie aufschaute, ihm das Wechselgeld gab und ihn dabei musterte, war da auf ihrem Brillenglas ein deutlicher Daumenabdruck. Wie gern hätte er ihr in diesem Moment die Brille abgenommen und sie einmal gründlich geputzt, wie er es mit seiner eigenen tat, aber es natürlich unterlassen.

Sieben Tage. Eine Woche.

Er wollte einen Drink. Er atmete tief ein und hielt die Luft an.

Er würde Wasser trinken.

Im Schrank über der Spüle stand eine bunte Ansammlung von Gläsern, die zu seiner Überraschung blitzsauber funkelten. Er nahm sich eines und drehte den knarrenden Hahn auf, das Wasser ließ er eine Weile laufen, bevor er ein Glas voll riskierte. Plötzlich überkam ihn ein entsetzlicher Durst, das kühle Nass rann ihm die Kehle hinab in den Magen. Es war eiskalt und genau das, was er jetzt brauchte. Während er das Glas erneut füllte und leerte, erstrahlten die Zweige der struppigen Hecke vor seinem Fenster im Licht der mittlerweile übers Dach gekletterten Sonne, alles wirkte heller und weniger staubig.

Die Unterkunft aber sah dadurch noch düsterer aus. Raufasertapeten an den Wänden, altersergraut und wellig, das alte Mauerwerk dahinter war mit den Jahren abgesackt. An einer Wand stand eine strenge dunkle Anrichte mit allerlei Krimskrams, sämtliche Nischen und Winkel waren mit Regalen vollgestellt, aus denen Taschenbücher und zerlesene Zeitschriften quollen.

Auf dem wuchtigen, durchgesessenen Sofa in einer undefinierbaren Farbe, das mitten im Zimmer thronte, hatte er die Nacht verbracht, ruhelos, in Wolldecken, Bettüberwürfen und Kissen verwickelt, denn das Schlafzimmer, wo es in der Nacht krabbelte und kiekste, hatte er sich nicht antun wollen.

Auf dem Regal über dem riesigen, uralten Fernsehapparat lag ein kleiner Vogelschädel, er teilte sich den Platz mit einigen eselsohrigen Romanen, einem mitgenommenen Vier Gewinnt-Karton und ein paar speckigen Kartenspielen, Relikte von Familien, die nach dem Urlaub unter Zetern und Hektik ihre Siebensachen gepackt und die Tür hinter sich zugeschlagen hatten, sie waren in ihren Alltag zurückgekehrt und hatte ihm nur das Dunkel und die Stille hinterlassen, ganz allein war er, mutterseelenallein.

»So!«, sagte er munter zum leeren Zimmer und sich selbst und knallte das Glas auf den Küchentresen. »Dann wollen wir’s uns mal ein bisschen gemütlich machen.«

Er verstaute den Rest der Milch, die Butter und die Eier im rumpelnden alten Kühlschrank unter dem Tresen, der sich ebenfalls als blitzsauber entpuppte, auch wenn die Tür ein wenig vergilbt war. Die Schränke, zwar lädiert und die Fronten verblichen, waren aus Vollholz gezimmert – solide Handarbeit, wie es sie heute nicht mehr gab – und ebenfalls penibel sauber. Er stellte seine mageren Vorräte ordentlich auf ein Regal und faltete den durchweichten Karton zusammen, um ihn in den Mülleimer zu werfen.

Mülleimer.

Er sah sich um, öffnete ein paar Schränke, vermutete dann aber recht bald, dass sich der Mülleimer wohl draußen befand. Die Hintertür war zweigeteilt wie im Pferdestall, und es dauerte eine Weile, bis er kapierte, wie sie aufging, doch nach einigem Zerren und Riegelschieben trat er schließlich blinzelnd ins Sonnenlicht und entdeckte ein paar Schritte entfernt mehrere Tonnen, in Reih und Glied angeordnet, in unterschiedlichen Farben und so ganz anders als die effizienten kleinen Bordsteinkantenboxen bei ihm in der Stadt. Diese Abweichung genügte, um bei ihm eine ganze Gedankenlawine in Bewegung zu setzen.

Plötzlich sah er sich selbst als Strichmännchen in einer Kinderzeichnung, an der Erde festgeklebt, während sich alles andere – Luft, Himmel, Weltall, Universum, Galaxie – drehte und drehte, alles wurde weggeschleudert, und er ein winziger Fleck, undeutlich und unwichtig.

Er heulte schon wieder. Dabei war er fest überzeugt gewesen, er wäre fertig mit dem Quatsch. Als er die Hand zum Gesicht hob, war es ganz nass, er konnte nichts dagegen tun. Seine Schultern bebten, die Tränen rannen, und er ließ es einfach geschehen.

Muss die Kamera auspacken, dachte er nach einer Weile. Das hilft bestimmt.

Nachdem er die Schultern ein paarmal hatte kreisen lassen, spürte er, wie sie sich lockerten.

Er sagte: »Aaah«, dann bewegte er die Hüfte, große, weite Kreise wie in der Yogastunde, die er einst besucht hatte, wo er sich furchtbar verlegen ganz hinten in der schmuddeligen Halle hinter Lorna versteckt und sie dabei beobachtet hatte, wie sie ihren herrlichen Hintern in die Höhe gestreckt, ihren schönen Körper verdrillt hatte, die Miene unergründlich wie die einer Geisha – schon damals hatte sie durch ihn hindurchgesehen.

»Aaaaah!«

Diesmal kam ein langer, lauter Ton, er entließ ihn so langsam wie möglich, die Hüfte immer noch kreisend, die rosige Haut seiner Lider immer noch von der Sonne erleuchtet. Aber da raschelte es plötzlich neben ihm, und er riss die Augen sofort wieder auf.

Jemand schaute durch die spargelige Lücke in der Hecke, überschattet von einem überdimensionierten Hut, wie ihn australische Farmer trugen, allerdings ohne die Korken. Zwei blaue Augen glotzten ihn an, aus einem Gesicht, das entweder unerhört schmutzig war oder extrem gebräunt. Unmöglich, das genauer zu erkennen.

Evan erstarrte, spürte, wie ihm die Kinnlade herunterklappte, er suchte nach Worten, aber nichts kam. Feurige Hitze stieg ihm ins Gesicht. Keiner sagte etwas. Der stumme Beobachter sah ihn ausdruckslos an. Wie wenn man von einer Katze beäugt wird, ein undurchdringlicher Blick, über den Dingen schwebend; und dann war er weg. Machte einen plötzlichen Rückzieher und war verschwunden.

Evan hielt den Atem an, seine Haut kribbelte, die Ohren zischten.

Es knirschte auf dem Schotterweg hinter der Hecke, dann marschierte der Beobachter zielstrebig davon, hie und da flackerte seine Gestalt zwischen den Zweigen auf, bis seine Schritte schließlich in der Ferne verklangen und es wieder still war.

Evan sackte in sich zusammen. »Scheiße!«, sagte er zum Garten, zur Hecke, den Mülltonnen und dem Himmel, und es klang wütend. »Was ist denn mit diesen Leuten los, verdammt!«

Kurz darauf bückte er sich wie ein alter Mann, hob den platten Karton auf und stopfte ihn mit unnötiger Heftigkeit tief in die Tonne.

Es würde eine sehr lange Woche werden.

3

Grace erklomm die steile Böschung hinter den Coastguard Cottages, der Hund scharwenzelte mit hängender Zunge neben ihr her. Die letzten Schritte gingen ihr so richtig in die Oberschenkel, sie atmete tief in den Bauch, und ihre Beine zitterten ein bisschen. So war das wohl, wenn man älter wurde, aber scheiße wars trotzdem, so richtig. Einst war sie mühelos hier hochgesprintet und dann nach rechts über den schmalen Pfad zum Dorfladen gerannt, ohne Pause – zehn Pence in der Hand für eine bunte Tüte und fünf Streifen Kaubonbon.

Jetzt hielt sie inne, um zu Atem zu kommen, während der Hund bellend im Kreis herumflitzte, frisch wie der junge Frühling, hässlich wie die Nacht, irgendeinem wilden Wesen auf der Spur, das in sein Territorium eingedrungen war. Sollte er sich austoben. Sie blieb lieber hier stehen und schaute aufs Meer, die Hände in die Hüfte gestemmt.

Es änderte sich von Tag zu Tag. Von Stunde zu Stunde. Nie wurde sie müde, es zu betrachten. Aufs Wasser blicken vertreibt den Kummer und heilt allen Herzschmerz, heißt es. Heute war es betörend, das Meer, so richtig schlitzohrig. Fedrige kleine Wellen tänzelten an den Strand, lockten die Törichten zum Schwimmen oder Planschen, und die, die sich trauten, wurden umgehend mit unzähligen kleinen Messerstichen in die Haut bestraft. Beim Gedanken an die dummen Haubenquallen und ihre empörten Mienen musste sie kichern. Nur die Harten konnten das ganze Jahr über in diesen Wassern schwimmen. Nur die Irren und die Harten. Nur die verdammten Sturköpfe und die Irren und die Harten.

Nur sie.

Der Hund kehrte zu ihr zurück, hechelnd, die krumme Schnauze schlammverkrustet.

»Was ’n los mit dir? Biste aus der Form, du hässliche Töle?«, fragte sie liebevoll. »Schau mich an, ich könnte den ganzen Tag rennen.«

Der Hund schüttelte sich heftig, unbeeindruckt, und ein langer Sabberfaden schlackerte ihm um die Ohren.

Grace verweilte noch ein bisschen da oben, blickte hinab auf die Welt.

Von hier aus sah sie ihr Haus, ganz rechts, hinter dem Vorsprung verborgen, der letzte Außenposten vor der Steilküste und dem wilden Küstenpfad. Da unten waren natürlich auch das vermietete Cottage, das bis auf den Sommer fast immer leer stand, und der gewundene schmale Weg, der an den Coastguard Cottages vorbei zum Hauptstrand führte, danach kam der Hügel, verstellte ihr den Blick, nur ein paar zerrupfte Bäume und grasbewachsene Erhebungen konnte sie da links noch ausmachen.

Das vermietete Cottage – ihr altes Elternhaus – kauerte geduckt am Rand der schmalen Bucht, der kleine Garten eine grüne Rundumbegrenzung, die niedrige Mauer davor auf Tuchfühlung mit dem schmalen Weg. In ihrer Kindheit war dort, wo jetzt der kleine Kiesstrand lag, eine ausgedehnte Weide gewesen, mit Sauerklee und Gestrüpp, dort hatten sie jahrelang einen Ziegenbock gehalten, ein ausgemergeltes Vieh. Weg war er jetzt, der alte Bock – und die Weide auch, klar, vom Meer und von der Zeit verschluckt. Sie schüttelte so heftig den Kopf, dass sich ihr Hut löste.

Der Mann war wieder reingegangen. Zurück ins Haus, die Tür hatte er hinter sich zugemacht. Keine absonderlichen Hüftschwünge mehr an der Hintertür. Kein Geflenne mehr im Garten.

Er war ihr von Anfang nicht geheuer gewesen. Überhaupt nicht. Kein bisschen, nee.

Der Hund spürte die plötzliche Spannung und winselte, daher riss sie sich aus ihren Gedanken und machte sich auf in Richtung Dorf. Im Laden würde sie kurz abchecken, ob der Typ beim Ankommen Schwierigkeiten gemacht hatte. Die waren alle ein bisschen bräsig, diese Städter, denn obwohl auf der Website alles haarklein erklärt war (»Den Schlüssel können Sie im Dorfladen abholen, den Wagen oberhalb des Dorfs parken, den Hügel hinauf, dort, wo die Straße endet und ein schmaler Weg beginnt«), kriegten sie fast immer Palpitationen, wenn sie das Kästchen mit Codeschloss nicht fanden (was es natürlich nicht gab) oder versuchten, mit ihren überdimensionierten SUVs den schmalen Weg entlangzufahren, vierzig Surfbretter auf dem Dach oder zigtausend Fahrräder hintendrauf oder irgendwelche anderen Gerätschaften, die kein Mensch brauchte.

Für gewöhnlich schickte sie Frank runter, der sollte erst mal schauen, wie die Leute so drauf waren, sich ein, zwei Stündchen seiner langen leeren Tage vertreiben, jetzt, da er nicht mehr auf der Baustelle arbeitete. Er erwischte sie jedes Mal. Wenn sie rumschnüffelten, sich vor lauter Gafferei fast den Hals verrenkten, rieb er sich die Hände und stellte ihnen nach, obwohl er Maggie Neugiernase versichert hatte, ja, diesmal werde er sich benehmen, er werde freundlich bleiben.

Am Arsch.

Der Hund steckte jetzt mit dem Kopf in der Kaninchengrube, schnaubte laut, zuckte mit seinem traurigen Stummelschwanz und stemmte die kräftigen Hinterbeine in die Erde, um noch tiefer hineinzukommen.

»Hör auf, bevor du mit deinem Riesenschädel stecken bleibst! Komm schon, Hund!«, sagte sie zu ihm und wartete, bis er aus dem Loch ploppte, sich den Dreck abschüttelte und sie mit heraushängender Zunge hechelnd ansah. Als sie sich vorstellte, wie ihr die süße kleine Karnickelfamilie tief in der Grube von Herzen dankte und sich enger zusammenkuschelte, musste sie grinsen.

»Nächstes Mal erwischst du sie, Junge«, sagte sie. »Ich bring den Stock mit, versprochen, dann machen wir uns Karnickeleintopf.«

Das Dorf lag wie immer ausgestorben da, als sie das letzte schlammige Stück Pfad hinter sich ließ und auf den aufgeplatzten Asphalt der Straße trat. Alle wohnten jetzt irgendwo anders, in schnieken neuen Farmhäusern und hässlichen weißen Bungalows, und der Laden und der Pub und die leer stehende alte Kirche waren die einzigen Ankerpunkte, die es davor schützten, endgültig verlassen zu werden, die Leute bisweilen zurückbrachten, sie wieder zusammenkommen ließen, den Mauern und Steinen vorübergehend Leben einhauchten. Vor dem Pub parkten ein paar Autos, aber niemand stand rauchend davor, und die Tür war trotz des warmen Frühlingstags geschlossen.

Sie zog das ausgefranste Seil aus der Tasche, schlang es dem Hund um den Hals und hängte das andere Ende an den alten, kaputten Zaunpfahl neben dem Laden, damit sie pro forma die Vorschriften erfüllt hatte. Der Hund machte Sitz und schaute sie mit Hundeblick an, als könnte er kein Wässerchen trüben.

Hinter ihr lachte jemand. »Bis du hier drin bist, ist der Köter weg!«

Der alte Thompson. Harmlos, aber mit einer ungesunden Vorliebe für Pferde- und Hundewetten. Hatte den Volltrottel schon die Farm gekostet.

»Wenn ich Glück hab, wird er überfahren«, sagte sie liebenswürdig. »Dann kann ich mir einen Hübscheren zulegen, der passt besser zu mir.«

Sie mochte Thompson. Er hatte sie damals von den Felsen getragen – als sie jünger war natürlich und erheblich leichter – und war sogar ins Stadtkrankenhaus gekommen, um nach ihr zu sehen. Hatte nach Kuhmist und Gülle stinkend vor dem Bett gestanden, sie hatte nicht gewusst, was sie sagen sollte, deswegen hatte sie geschwiegen, und nach einer Weile war er gegangen, während sie trockenen Auges an die Decke gestarrt hatte, unter dem steifen neuen Gips hatten ihr die Beine gejuckt, und die lang gezogene Stille der Einsamkeit und des Lebendigseins hatte ihr in den Ohren geschrillt.

Als sie sich unter Klirren durch die Ladentür schob, stapelte Becky gerade alte Zeitungen.

»Hab mir einen richtig schrägen Vogel eingefangen, hm?«, fragte Grace ohne Umschweife.

Das Mädchen wirkte überrascht. »Wie kommst du darauf? Ich fand ihn süß.«

Sie verschnürte den Packen und wuchtete ihn mit einem Seufzer vom Tresen.

»Ja, klar, du stehst ja auch auf Schnarchnasen wie Paddy Murphy, kein Wunder.« Grace wartete nicht auf eine Reaktion, sondern suchte mit Blicken die Regale nach einem leckeren Nachtisch ab.

Becky sagte nichts, aber sie lächelte. Grace spürte das, ohne sie anzusehen.

»Mit seinem Master ist Paddy wohl kaum ’ne Schnarchnase, Grace.«

»Bist du doof? So ’n bekloppter Mastertitel heißt noch lange nicht, dass er was in der Birne hat. Jeder dahergelaufene Hirni kann sich so einen kaufen.« Sie trug eine Packung Apfeltaschen zum Tresen und kramte ganz unten in ihren Taschen nach Kleingeld. »Welches Fach hat er noch mal studiert? Pferdewetten? Alkoholsorten?«

»Schäm dich, Grace Kielty! Du weißt ganz genau, dass er einen echten Master in Politikwissenschaft hat. Der will nicht sein Leben lang im Pub arbeiten, hat er gesagt, so ist das, und ich finds super. Du willst mich doch nur provozieren.«

Sie hielt Grace die offene Hand hin, um das Geld entgegenzunehmen.

»Außerdem führen wir in den nächsten Wochen kontaktloses Bezahlen ein, Grace. Wegen dieser Pandemie nämlich. Nur dass du Bescheid weißt. Und dich darauf einstellst. Willst du Handdesinfektionsmittel? Hab nur noch ein paar Flaschen übrig.«

Grace schnaubte, während sie die Münzen in ihrer Hand zählte. »Kontaktlos? Ist doch hier nichts Neues. Obwohl man munkelt, Miss Breen, dass Sie selbst seit Kurzem eine neue Vorliebe für engen Kontakt haben. Du wurdest neulich an einer Ecke am Strand gesehen, so ist das. Nur damit du Bescheid weißt.«

Grace nickte bedächtig und fixierte das Mädchen mit ernstem Blick, die Hand mit dem Kleingeld ausgestreckt.

Becky stemmte die Hände in die Hüfte und musterte sie lachend. »Na, ich hätte dich nie für eine Klatschbase gehalten, Grace, nie im Leben. So kann man sich irren.«

Die antwortete nicht, lächelte aber wissend zurück.

Becky nahm das Geld mit pikiert zusammengekniffenen Mund entgegen und warf es, ohne nachzuzählen, in die Kasse. »Willst du ’ne Tüte?«

Grace schüttelte den Kopf, und die Schachtel mit den Apfeltaschen verschwand in den Falten ihres Ponchos. »Die schmecken sicher nicht so gut wie die von unserer Abbie, aber man muss nehmen, was man kriegen kann.«

»Ach ja, Abbie. Wie geht es ihr an der Uni? Hat sie sich schon gemeldet?«, fragte Becky munter. Sie und Abbie verstanden sich nicht besonders, daher sprachen sie mit- und übereinander wie die Frauen in der Waschmittelreklame.

Grace schüttelte den Kopf und wandte sich zum Gehen. Kein Wort hatte sie von ihr gehört. Egal. Das Mädchen konnte tun, was es wollte.

»Aber sag mal, wieso hast du vorhin gemeint, er wär ’n schräger Vogel?«, rief Becky ihr hinterher. »Dein Neuer? Was hat er dir getan? Ist doch erst seit gestern da.«

»Sieht nur schräg aus, mehr nicht«, antwortete Grace über ihre Schulter hinweg. »Ich steh nicht so auf schlaksige, bebrillte trübe Tassen.«

»Auf was für Typen stehst du überhaupt?«

Grace fuhr herum, aber das Mädchen hatte den Kopf schief gelegt und machte es ihr schwer, verärgert zu sein.

»Weißt du Grace, es gibt heutzutage alle möglichen Typen, mehr wollte ich nicht sagen. Ein Deckel für jeden Topf, stimmts? Es ist nicht zu spät, weißt du, sich mit einem netten kleinen Farmer zusammenzutun. Du könntest uns allen einen Riesenschrecken einjagen und dich ein Mal normal benehmen.«

Grace lachte scharf auf. »Haha! Normal!«, sagte sie und schlenkerte aus dem Laden auf die sonnenbeschienene Straße, wo das alte Seil wie nach einem Zaubertrick leer vom Pfosten baumelte.

4

Der Reiher streckte den Kopf vor, millimeterweise.

Er hatte was im Blick, gleich würde er zustoßen, es sich schnappen, es würde in seinem furchterregenden Schnabel zappeln und zucken, und dann würde der Vogel das zerrupfte Haupt schütteln, um es runterzuwürgen, die Tropfen würden glitzern, ein fantastischer Anblick, wunderschön – still halten, gleich, jetzt gleich, sagte er sich, durchhalten, sein Auge schmerzte vom langen Spähen in den Sucher.

Doch während des Wartens war die Sonne weitergewandert, jetzt stand sie schlecht, wurde grell vom Wasser im Vordergrund reflektiert. Das würde den Fokus im entscheidenden Moment vom majestätischen Vogel ablenken – die Aufnahme verderben, wie er jetzt einsah.

In der Fotografie ging nichts auf die Schnelle. Stilles Verharren. Durchhaltevermögen, Konzentration, Geduld – all das musste er noch lernen. Die Steinchen bohrten sich schmerzhaft, unerbittlich in seinen Bauch, seine volle Blase peinigte ihn. Sollte er sich bewegen? Nein, er blieb, wo er war, ganz erpicht auf die perfekte Aufnahme schloss er die Blende wieder und wieder, um sich die Ergebnisse anzusehen, sich das Bild vorzustellen.

Mit unendlicher Sorgfalt hob der Vogel ein schlankes Bein und trat einen langsamen Schritt vorwärts, tauchte den Fuß wieder ins Wasser, ohne ein Kräuseln, auf der Jagd nach etwas, das nur er mit seinem scharfen Blick erkennen konnte.

»Schlauer Bursche!« Evan atmete flach, jede Muskelfaser angespannt.

Er sollte wirklich die Perspektive wechseln, raus aus dem grellen Gegenlicht, aber das würde den Vogel garantiert aufscheuchen und Evan nehmen, worauf er so lange gewartet hatte. Sein Ellbogen und das rechte Knie waren nass, die Flut kam, hatte schon die Gezeitentümpel zwischen den Felsen gefüllt, und überall piksten ihn die Napfschnecken, zwischen denen er bäuchlings wie ein Heckenschütze Position bezogen hatte.

»Mach schon, Vogel!«, murmelte er, plötzlich ungeduldig und müde und nervös, alles gleichzeitig, die Last des leeren Tages lag schwer auf ihm, er war bis auf die Knochen durchgefroren.

Whiskey würde jetzt runtergehen wie Öl, dachte er.

Ein heißer Grog.

Rasch blinzelte er den Gedanken fort und konzentrierte sich wieder auf den Reiher, der erneut die glatte Wasseroberfläche fixierte und wartete. Ein Bein hatte er angehoben, Stückchen um Stückchen, und hielt es still in der Luft. Wie ein einbeiniger Yogi stand er starr, Kopf und Hals ausgefahren, punktgenau aufs Wasser gerichtet, der ganze Körper auf die Schnabelspitze konzentriert und auf das, was da im Trüben wimmelte. Evan klickte, klickte.

Dann jaulte irgendwo ein Hund auf und peste kurz darauf sabbernd vorbei an ihm, der er bäuchlings auf den Felsen lag, und weiter aufs Wasser zu, tollte am Strand herum, bellend und haarig und laut und groß. Mit einem entsetzten Schrei breitete der Reiher die gewaltigen Flügel aus, schwang sich mit leichter Schlagseite in die Lüfte, weg vom Hund, von der Sonne und der Kamera, und flog auf die kleine, der Bucht vorgelagerte Insel zu.

»Verdammte Scheiße!«

Evan rappelte sich auf, mit klatschnassem und kaltem Bauch und einem Gefühl, als hätte ihn jemand aus dem Tiefschlaf gerissen, was ihn so richtig stinkig machte.

Er sah sich um. Eine Meute ergoss sich lautstark über den kleinen Felsrutsch auf den Sand, alle krakeelten ihre Freude darüber in die Welt, dass sie diesen schnuckligen Strand gefunden hatten, dieses abgeschiedene Refugium, weit ab von den Menschenmassen am Hauptstrand.

»Hier, schnappt euch die dicken Steine da, Kinder!«, brüllte der Vater. »Wir machen uns eine kleine Feuerstelle, eine Grillschale obendrauf, und ratzfatz haben wir ein echtes Lagerfeuer.«

Die Kinder sausten am Strand lang, kletterten, buddelten, planschten, ignorierten ihn, riefen den Hund, der sie seinerseits ignorierte, und auf einmal war der stille Ort mit Leben erfüllt, Lärm, Hektik, Zeter und Mordio, wo sich zuvor nichts bewegt hatte außer dem filigranen Spülsaum.

Eins der jüngeren Kinder entdeckte ihn, dort, wo er in seinem Tarnanzug auf den Felsen ausharrte. Statt ihren großen Schwestern nachzurennen, watschelte die Kleine über den Sand und betrachtete ihn mit ihren blauen Kulleraugen und einer Ruhe, die nur Kleinkinder an den Tag legten. Als er die Augen von der Kamera hob, stand sie einfach da und beobachtete ihn, und er stellte fest, dass er sich unter ihrem stillen Blick nicht rühren konnte. Sie war zwei, vielleicht drei Jahre alt. Diese Grübchen in ihrer Faust, sie hypnotisierten ihn förmlich, und plötzlich wusste er, wie das kleine Mädchen duften würde, wenn er sich zu ihm vorstrecken und es hochheben würde, seine flaumige Wange an seiner spüren. Sie beäugten einander eine Weile stumm. Er war von ihr gebannt, konnte nicht atmen, sich keinen Millimeter bewegen, aus Furcht, sie aufzuschrecken und den Bann zu brechen. Eine heiße Welle des Kummers überrollte ihn, brannte in seinen Augen, und er schämte sich.

Der Vater wurde von der Reglosigkeit angezogen, der starren Haltung seines Kindes. Er stieß die Mutter an, die wie ein Packesel mit Klappstühlen und Windschutzplanen und Kühlboxen den glitschigen Felsrutsch heruntergeschaukelt war und jetzt mit einem Klappstuhl kämpfte, im Trägertop, die sonnengescheckten Winkearme flatterten. Da war etwas Wildes in ihrem Blick, als sie plötzlich aufsah und ihn ins Visier nahm, im Tarnanzug auf den Felsen, und sie rief: »Chelsea!«, mit kehliger Stimme, in einer Tonlage, die alle anderen um sie herum jäh verstummen ließ, jedes Kind am Strand hielt inne und starrte sie an.

»Komm her, aber zackich!«

Das Kind blieb, wo es war, sah ihn unverwandt an, doch ihm blieb nichts anderes übrig, als unter den eiskalten Blicken der Erwachsenen und dem unbeirrbaren Starren des Kindes bis an den Felsenrand vorzurobben, sich aufzurichten und so gut es ging abzuklopfen. Er hob die Kamera und wedelte damit verlegen in Richtung des Vaters, der prompt ein paar Schritte auf ihn zutrat.

»Alles klar dahinten?«, rief er, die Hände in die Hüfte gestemmt.

»Ähm, ja«, antwortete Evan.

Es entstand eine Pause, Standoff.

»Fotograf«, sagte Evan, eine überflüssige Information. Er wandte sich um, zeigte wie zum Beweis mit der Kamera in die Richtung, in die der Vogel entfleucht war, aber da war natürlich nichts mehr zu sehen. Der Riemen klatschte nass gegen seine Hand. Er sollte besser auf seine Ausrüstung achtgeben.

»Ich wollte …«

Aber der Vater hatte kein Interesse mehr.

»Geh und spiel mit deiner Schwester«, sagte er zu der Kleinen, die endlich den Daumen aus dem Mund nahm und Evan mit beseeltem Sabbergrinsen anlächelte.

»Mach schon, Chelsea!«, sagte der Vater lauter. »Lass den Mann in Ruhe.«

Als würde er was Widerwärtiges machen, zwischen den kalten, nassen Felsen.

»Angeline, ruf die Chelsea!«, kreischte die Mutter, fuchtelte mit Handtüchern herum und ließ den Blick zu den anderen Kindern wandern.

Wie eine Vogelschar versammelten sich die Kinder am Wasser und zwitscherten drauflos: Chelsea, Chelsea, Chelsea, komm schon, komm, komm, bis die Kleine den Mann zwischen den Felsen vergaß, sich abwandte und mit ihren berüschten Wonneproppenbeinchen auf ihre Schwestern zuwatschelte, wobei sie hier und da über eine Wurmspur stolperte oder einen Kieselstein.

Er zwang sich, den Blick von ihr abzuwenden und den Vater anzusehen, der ihn immer noch schmaläugig fixierte.

Plötzliche Wut ließ ihn fragen: »Bleiben Sie den ganzen Nachmittag hier?«

»Was?«

Evan machte eine raumgreifende Geste, die den Strand, das Wasser, die kreischenden, mittlerweile wadentief in der hellen Brandung stehenden Mädchen einschloss.

»Bleiben Sie den ganzen Tag hier?«

Der Vater behielt die Hände an der Hüfte, breitbeinig stand er da. Nickte der Frau und der im Aufbau begriffenen Strandmuschel hinter sich zu.

»O ja«, erwiderte er unverfroren. »Sie auch?«

Evan ärgerte sich, doch er lächelte. »Nee, bin klatschnass. Geh mich besser abtrocknen.«

Der Mann lächelte nicht zurück, nicht mal jetzt, stattdessen ließ er Evan unmissverständlich spüren, dass er endlich die Biege machen solle, weil er diesen schnuckeligen kleinen Strand ganz für sich und seine Frauen und seinen grässlichen Hund wolle. Evan wandte sich schweigend zum Felsen, nahm seinen Rucksack, die Kameratasche – und da entdeckte er etwas zwischen den Wellen, in Ufernähe, nur ein paar Meter entfernt. Etwas, das schon die ganze Zeit da gewesen sein musste.

Es war der Mann mit Hut.

Er verharrte in einer Senke, dort, wo das Meer die Felsen umspülte, reglos wie der Reiher, nur der Kopf mit dem Hut war zu sehen. Der Mann starrte aufs Meer hinaus, aber Evan war sicher, dass auch er das laute Treiben am Strand verfolgt hatte. Seine stumme Pose wirkte beabsichtigt, wie der Reiher wollte auch der Mann nicht gesehen, nicht hier entdeckt werden, zwischen dem glänzenden Braun, Schwarz und Grün der kleinen Halbinsel, in deren Arme er sich schmiegte, fast unsichtbar.

Evan dachte zurück an die frühen Morgenstunden, als er mit seiner Kameratasche an den Strand gekommen war, vom Tanz der Sonnenstrahlen auf dem Wasser weggelockt aus dem düsteren kleinen Haus und seinen Albträumen. Er musste schon vorher da gewesen sein, der Mann mit Hut, in der Lücke zwischen den Felsen da drüben gesessen haben, so still und stumm, dass niemand ihn bemerkt hatte. Evan blickte auf seine Uhr. Vor drei Stunden. Länger. Wow.

In der Zwischenzeit hatte ihn die Rabaukenfamilie vergessen und sich dem kleinen Blechgrill zugewandt, dem sie ein paar Flammen zu entlocken versuchten. Evan schlenderte gemütlich über den weichkieseligen Strand zum schmalen Weg, ohne einen weiteren Blick zu den Felsen zu riskieren.

Evan saß in dem zerschlissenen alten Sessel am Fenster, das Handy grell in seinen Fingern, und still.

»Geh heim, Kumpel. Nimm dir so lange eine Auszeit, wie du brauchst«, hatte John, sein Geschäftspartner, an jenem Tag vor drei Wochen gesagt, als er Evan unkontrolliert weinend auf der Herrentoilette entdeckt hatte. Sie waren beide unsicher gewesen, hatten einander verstört im Spiegel betrachtet und nicht gewusst, was sie tun sollten. John legte ihm peinlich berührt die Hand auf die Schulter, zog sie aber gleich wieder weg und trat einen Schritt zurück, als diese Geste nichts bewirkte. Evan weinte immer weiter, er konnte nicht anders.

John hatte wenigstens gewartet, das musste er ihm lassen, doch den Blick hatte er die meiste Zeit auf den Boden gerichtet. Er machte keinen Rückzieher, ging nicht hinaus, schloss nicht die Tür hinter sich, tat nicht so, als hätte er nichts gesehen. Er hatte gewartet.

»Du hättest nach der Beerdigung Urlaub nehmen sollen, Kumpel. Keine Ahnung, warum du gleich zurückgekommen bist … so, wie du beieinander bist«, hatte er gesagt. »Herrje. Geh. Nee, geh heim, ehrlich. Hol deine Sachen. Ich sag Bescheid, damit dich keiner stört.« Und offenbar hatte er es ernst gemeint.

Das war vor drei Wochen gewesen, und jetzt?

Nichts.

Evan klickte sich mit wachsender Verstörung durch seine Apps. Kein Mucks, von niemandem, weder auf Teams noch auf Twitter. Nichts.

Dafür sollte er dankbar sein. Die Arbeitslast war immens gewesen, nicht zu schaffen. Er hasste seinen Job.

Er öffnete sein Mailprogramm, tippte auf Aktualisieren und beobachtete den kleinen Kreis, der sich auffällig lange drehte, als bräuchte er Bedenkzeit.

Funkstille auch von Lorna.

Er gab LOR ein, und Autofill lieferte ihre Adresse.

Hi, tippte er umständlich, die Ellbogen im großen, weichen Sessel wie in einer Zwangsjacke verschnürt.

Wollte nur Bescheid geben, dass ich gut angekommen bin. Ein seltsamer kleiner Ort namens Ballybrady, direkt am Meer. Also echt DIREKT am Meer. Manchmal kommt es praktisch zur Tür herein. Ich vermisse dich. Das Haus ist okay, aber klein und düster und fremd, und ich stelle fest, dass ich es nicht gewohnt bin, allein zu sein. Vermutlich wirst du mir nicht antworten. Ich glaube, ich sollte mich eigentlich nicht bei dir melden. Ich kenne die Regeln nicht. Ich vermisse dich. Und Luca natürlich auch. Hoffentlich benimmt er sich. Ich habe das Haus hier für eine Woche gebucht, wie angekündigt, obwohl ich nur ein paar Tage hier bin, fühlt es sich schon an wie Wochen. Ich zähle die Tage, Lorna. Gib mir Bescheid …

An dieser Stelle hielt er inne und verfiel lange ins Grübeln.

… gib mir Bescheid, was ich danach tun soll. Deine Entscheidung.

Es tut mir alles so leid, Lorna.

Evan xoxox

Senden.

Wiederum ließ sich der kleine Kreis viel Zeit, bis er schließlich die Umdrehung vollführt hatte und die Nachricht weg war.

Er saß im schwindenden Licht und wartete, ob sie antworten würde.

Um fünf legte er das Ding zur Seite, rappelte sich waidwund auf und dehnte sich langsam, bevor er das Handy ins Schlafzimmer zurückbrachte und die Tür schloss.

Später, beim Eierkochen auf dem uralten Herd, war da das Gezeter und Gewese der Rabaukenfamilie auf dem Heimweg, das Klappern der Plastikeimer, das Gejaule der zuckerverklebten, hundemüden Kinder, gefolgt von der größeren, schwereren Stille danach, als sie vorbeigegangen waren und er sich in der Trübnis der Küche laut ein Toast schmierte, während am Himmel das letzte Licht erlosch.

5

Am Montag stand er kurz vorm Überschnappen.

»Ich schnappe über«, sagte er zum kleinen Vogelschädel auf dem Regal, und als die verstaubten Augenhöhlen sich zustimmend zu kräuseln schienen, wusste er, dass er dringend an die frische Luft musste.

Draußen rammte er die Hände tief in die Hosentaschen und sah sich um.

Zu seiner Linken führte der Weg am Rand seiner eigenen abgeschlossenen Bucht entlang und dann den steilen Hügel hinauf zur Felsnase.

Evan atmete eine Ladung Salz ein. Na dann. Er würde hinaufgehen zum kleinen Dorfladen und schauen, ob sie da diese Dinger namens Zeitungen verkauften, die lappigen aus Papier, die einem beim Lesen die Finger schwärzten.

Er rutschte und knirschte auf dem Schotter herum und war schon nach einem kurzen Marsch hügelan völlig aus der Puste. In jungen Jahren war er jeden Morgen joggen gegangen. Die Wochenenden verbrachte er auf dem Mountainbike in den Bergen hinter der Stadt oder hing mit John und der Gang mit Seilen gesichert an anspruchsvollen Felswänden. Natürlich war Lorna auch mal Teil der Gruppe gewesen, so hatten sie sich schließlich kennengelernt.

Doch als die Kinder gekommen waren oder, genauer, als Luca auf die Welt kam, war Schluss gewesen damit. Ein-, zweimal hatte er sich nach der Geburt seines Sohnes noch eine Tour gegönnt, sich nach einer anstrengenden Woche eine Auszeit erbeten, um in den Bergen den Kopf wieder freizubekommen, doch nach seiner Rückkehr hatte er dafür mit Lornas kalter Schulter bezahlt, daher hatte er die Gang nach und nach aufgegeben.

»Du hast wohl vergessen«, hatte sie nach seiner Rückkehr gesagt und ihm das Baby wie eine Opfergabe hingestreckt, »dass ich solche Sachen früher auch gemacht habe. Auch ich war gern in den Bergen unterwegs.«

»Nächste Woche kümmere ich mich um ihn, und du hast frei. Wir können uns abwechseln«, hatte er naiv vorgeschlagen, aber sie hatte nur grimmig den Mund verzogen und ihm das Kind erneut hingehalten.

»So läuft das nicht. Zeit, erwachsen zu werden, Peter Pan.«