Mittsommermörder - Anders Nylander - E-Book

Mittsommermörder E-Book

Anders Nylander

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Beschreibung

Eine Stadt, geblendet von Hass: Der düstere Schweden-Krimi »Mittsommermörder« von Anders Nylander jetzt als eBook bei dotbooks. »Schweden den Schweden« ist der Slogan der rechten Rockband Bad Revolution, die ihren zweifelhaften Erfolg in der abgelegenen Kleinstadt Östersund feiert. Widerstrebend lässt man die Gruppe mit ihren Hetzliedern gewähren – bis nach einem ihrer Konzerte ein Polizist brutal ermordet aufgefunden wird. Um den Fall aufzuklären, schickt man ausgerechnet Kommissar Jonas Nyström nach Östersund, der seiner Heimatstadt schon lange den Rücken gekehrt hat. Während er alles daransetzt, um herauszufinden, wie die Fäden im Netzwerk der Neonazis zusammenlaufen, holt Nyström bald seine eigene dunkle Vergangenheit ein – eine Vergangenheit, die er seit vielen Jahren hinter sich gelassen zu haben glaubte. Doch dann geschieht ein weiterer Mord … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der abgründige Kriminalroman »Mittsommermörder« von Anders Nylander wird alle Fans der Bestseller von Jens Henrik Jensen und Hjorth & Rosenfeldt. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 575

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über dieses Buch:

»Schweden den Schweden« ist der Slogan der rechten Rockband Bad Revolution, die ihren zweifelhaften Erfolg in der abgelegenen Kleinstadt Östersund feiert. Widerstrebend lässt man die Gruppe mit ihren Hetzliedern gewähren – bis nach einem ihrer Konzerte ein Polizist brutal ermordet aufgefunden wird. Um den Fall aufzuklären, schickt man ausgerechnet Kommissar Jonas Nyström nach Östersund, der seiner Heimatstadt schon lange den Rücken gekehrt hat. Während er alles daransetzt, um herauszufinden, wie die Fäden im Netzwerk der Neonazis zusammenlaufen, holt Nyström bald seine eigene dunkle Vergangenheit ein – eine Vergangenheit, die er seit vielen Jahren hinter sich gelassen zu haben glaubte. Doch dann geschieht ein weiterer Mord …

Über den Autor:

Anders Nylander ist das Pseudonym eines deutschen Bestsellerautors, der in Nordfriesland lebt.

***

eBook-Neuausgabe Juli 2023

Dieses Buch erschien bereits 2016 unter dem Titel »Mittsommertod« bei Aufbau.

Copyright © der Originalausgabe Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2016

Copyright © der Neuausgabe 2023 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design uter Verwendung von shutterstock/Kriengsuk Prasroetsung und Adobe Stock/eminadeo, Grigory Bure

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ah)

ISBN 978-3-98690-717-4

***

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Anders Nylander

Mittsommermörder

Ein Schweden-Krimi

dotbooks.

Kapitel 1

Nebelschwaden hingen über dem Storsjön, dem großen See. Sie waberten über die Wasserfläche und legten sich auf die sich leicht kräuselnden Wellen. Bodennebel, der sich nach oben lichtete. Vermutlich. Das war zu dieser frühen Stunde, in der noch die Dunkelheit regierte, nicht erkennbar. Ville Sigurdsson hatte ohnehin keinen Blick dafür. Er hatte sich missmutig aus dem Bett gequält, den Schnellkocher angeworfen und sich einen Instantkaffee aufgegossen. Im Kühlschrank lag ein angebissenes Schnitzel, ein Rest vom Vortag, das ihm als Frühstücksersatz diente. Dann hatte er sich auf den Weg gemacht, war zum städtischen Bauhof geradelt, hatte dort den japanischen Kleinlaster abgeholt und vergeblich nach seinem Kollegen Ausschau gehalten. Natürlich war Raduan Mahrous nicht erschienen.

»Scheiß Ausländer«, fluchte Sigurdsson. Der Gedanke an den Syrer ließ seine Stimmung noch weiter absacken. »Die kommen hierher und nehmen alle Leistungen des schwedischen Wohlfahrtsstaats in Anspruch«, murmelte er vor sich hin. Aber an einem Tag wie heute blieb der Syrer im Bett. Das hätte Sigurdsson auch gern gemacht. Gestern war ein herrlicher Spätherbsttag gewesen. Am Nachmittag hatte die Sonne von einem wolkenlosen Himmel gelacht. Das war nicht selbstverständlich in dieser Region. Zwei Autostunden nördlich begann Lappland. Und wer in Hamburg vor der Entscheidung stand, Rom anzusteuern, hatte es nur geringfügig weiter als bis hierher. Die unendliche Weite des Nordens war kaum jemandem ein Begriff.

Warum musste sich Mahrous ausgerechnet Östersund als Asylort aussuchen, wenn es ihm schon um diese Jahreszeit zu kalt war? In den kommenden Wintermonaten würde es noch unangenehmer werden, die Sonne würde nur für ein paar Stunden am Tag ein fahles Licht abgeben. Der Syrer hatte heute schon gekniffen. Folgenlos. Niemand würde ihm Vorhaltungen machen. Und Sigurdsson musste es ausbaden. Wütend trat er gegen die niedrige Graniteinfassung des Springbrunnens, der den Platz zierte.

»Scheiße«, fluchte Sigurdsson, als er den Schmerz trotz der dicken Arbeitsstiefel in den Zehenspitzen spürte. Warum ausgerechnet er? Sein Chef hatte ihn für diese Aufgabe eingeteilt. Und Mahrous.

»Das wird nicht so schlimm«, hatte der Vorarbeiter versichert. »Zwei Leute sind ausreichend.« Und? Der Syrer lag noch in der warmen Koje. Nur der blöde Ville Sigurdsson sollte aufräumen. »Nochmals Scheiße!«

Er zog den blauen Müllsack hinter sich her. Die Horde, die den Badhusparken am Seeufer gestern überfallen hatte, hätte man zum Aufräumen verpflichten müssen. Oder den Veranstalter des Rockkonzerts. Aber nein, die Drecksarbeit blieb wieder bei den städtischen Arbeitern hängen. An ihm.

»Schweden den Schweden« war der Wahlspruch der Rockband Bad Revolution, die hier aufgetreten war. War der Syrer deshalb zu Hause geblieben? Hatte er gedacht, an einem nasskalten Morgen wie diesem sollten die Schweden ihren Mist allein wegräumen, wenn sie schon ausländerfeindliche Musik spielten?

»Es kann einem Moslem nicht zugemutet werden, Bierflaschen zusammenzukehren«, würde Mahrous argumentieren. »Schon gar nicht, wenn die wildgewordenen Punks gegen Ausländer wettern.«

Sigurdsson hatte sich nie Gedanken über diese Frage gemacht. Aber dass er – ganz allein auf sich gestellt – diesen Dreck wegräumen sollte, das ging ihm doch gegen den Strich.

Zu dieser frühen Stunde war niemand in der Stadt unterwegs gewesen, war ihm keine Menschenseele begegnet. Es war dunkel und kalt. Außerdem war es Sonnabend. Der Nebel tat sein Übriges.

Im Zeitlupentempo bewegte sich Sigurdsson über das Areal der kleinen Halbinsel, die wie eine Nase in den Storsjön ragte. Von der Spitze führte eine Fußgängerbrücke hinüber nach Frösö. Im Dunst war die weiter nördlich gelegene Straßenbrücke nur schemenhaft zu erkennen. Wie Irrlichter tauchten einzelne Lampen verschwommen auf der Insel auf. Zartbesaiteten Kreaturen wäre womöglich ein wohliger Schauder den Rücken hochgekrochen. Sigurdsson war nur verärgert. Ihm ging alles gegen den Strich. »Scheißjob«, fluchte er und bückte sich nach der nächsten Bierdose.

Er hatte kein System, sondern steuerte wahllos von einer Hinterlassenschaft zur nächsten. Langsam näherte er sich der Bühne, die vor einer Kulisse herbstlich gefärbter Bäume stand. Auch hier lag überall Unrat herum. Die ausgelassen feiernden Jugendlichen hatten offenbar ihren Müll dort weggeworfen, wo sie gerade standen. Glasflaschen, Getränkedosen, Zigarettenkippen, massenweise Verpackungsmüll des Fast-Food-Restaurants, das am nahen Marktplatz eine Filiale hatte.

Seine Unlust steigerte sich von Minute zu Minute. Er kämpfte mit sich, ob er nicht einfach umdrehen und Feierabend machen sollte. Zu dieser frühen Stunde? Wieder bückte er sich und sammelte zwei zerbeulte Bierdosen auf. Er würde den ganzen Tag beschäftigt sein.

Nein! Sigurdsson war sauer. Er kramte das Handy aus seiner Latzhose hervor und suchte in der Adressliste die Nummer seines Vorarbeiters. Nach langem Klingeln verkündete die Mailbox, der Teilnehmer sei derzeit nicht erreichbar.

Wenn er jetzt im Eiltempo aufräumen würde, könnte er früher ins Wochenende gehen. Andererseits würde sein Vorgesetzter nach dem Vortragen der Beschwerde argumentieren, dass alles nicht so schlimm gewesen sei, denn sonst hätte er es wohl kaum schaffen können. Sigurdsson beschloss, es ruhig angehen zu lassen und alle halbe Stunde den Anschluss des Vorarbeiters anzuwählen, nachdem er ihm einen ersten Zustandsbericht der »völlig verkommenen Anlage am Badhusparken« auf die Mailbox gesprochen hatte. Die nasskalte Luft ließ ihn frösteln.

»Scheißjob«, grummelte er. Zumindest heute. Bei gutem Wetter genoss er es, im Freien arbeiten zu dürfen. Ein Büroarbeitsplatz? Niemals. Dann grinste er. »Scheiße«, sagte er laut, als ihm bewusst wurde, wie häufig er diesen Ausdruck schon an diesem Morgen benutzt hatte. Es war dumm gewesen, sich keine Thermosflasche mit heißem Kaffee mitzubringen. Das Bistro am Rande des Platzes hatte um diese Jahreszeit geschlossen. Gestern, während des Rockkonzerts, hatte der Betreiber sicher einen Rekordumsatz erzielt. Da hatte er es nicht nötig, für einige wenige Spaziergänger, die sich bei widrigen Witterungsverhältnissen hierher verirrten, zu öffnen.

Sigurdsson fingerte die Zigarettenpackung aus der Tasche seiner gefütterten Arbeitsjacke. Mit etwas Glück hatten die Organisatoren des Konzerts vergessen, alle Türen zu den Räumen hinter der Bühne abzuschließen. Dann würde er sich dorthin zurückziehen. Er ging den schmalen Gang seitlich neben dem Pavillon entlang, um an die Rückseite zu gelangen, und rüttelte an der ersten Tür.

»Scheiße«, fluchte er und wollte es an der nächsten versuchen, als er einen Schatten gewahrte, der von der anderen Seite in dem Durchlass hinter der Freilichtbühne auftauchte. Nur unzureichend fiel der Schein der spärlichen Beleuchtung hierher. Sigurdsson erschrak und blieb wie angewurzelt stehen. Auch sein Gegenüber schien nicht mit dieser Begegnung gerechnet zu haben. Während der städtische Arbeiter noch durchatmete, drehte sich der Schatten um und versuchte, zu flüchten.

Sigurdsson holte tief Luft, bis er die Überraschung verarbeitet hatte. »Carl, du elendiger Penner«, brüllte er und setzte zum Spurt an, um dem anderen hinterherzulaufen. Er war schneller als der stadtbekannte Herumtreiber, der seine Habe in einem zerfetzten Rucksack mit sich trug. Sigurdsson holte rasch auf und versuchte, den Obdachlosen zu fassen zu bekommen. Carl, dessen Nachnamen niemand kannte, drehte sich instinktiv zur Seite und konnte sich befreien.

»Ich mach dich platt«, brüllte Sigurdsson, durch den kurzen Sprint außer Atem, hinterher. »Wenn ich dich noch einmal in meinen Parkanlagen oder sonst wo in der Stadt erwische, bist du fällig.« Der Arbeiter legte alle Energie hinein, um den Flüchtigen einzuholen. Er kam näher, griff noch einmal ins Leere, schaffte es aber, dem Haken schlagenden Carl, der leicht ins Straucheln geriet, einen Tritt ins Gesäß zu verpassen. Erneut taumelte Carl vorwärts, verlor fast das Gleichgewicht, fing sich mit rudernden Armen noch einmal und eilte in Richtung Bahnübergang davon.

Sigurdsson blieb stehen, ließ die Arme sinken und beugte sich nach vorn. Scheiß Zigaretten. Er rang keuchend nach Luft. Der Asoziale hatte ihm heute Morgen gerade noch gefehlt. Der ganze Dreck Östersunds kam hier im Badhusparken zusammen. Nein, er hatte kein schlechtes Gewissen bei diesem Gedanken. Leute wie Carl waren in seinen Augen Dreck.

Sigurdsson drehte um und bog wieder in den Gang hinter der Freilichtbühne ein. In der Dunkelheit sah er es neben dem Weg diffus schimmern, bückte sich und wandte sich angewidert ab.

»Diese Schweine. Vögeln in den Büschen direkt hinter dem Pavillon und lassen ihre Lümmeltüten liegen.« Ob die lärmende Musik, in Verbindung mit dem Alkohol, die Konzertbesucher so antörnte, dass sie sich bereitwillig paarweise in die Büsche schlugen? Man hörte so manches. Merkwürdig, wie die Jugend ihre Freizeit verbrachte. All das war nichts für ihn. Er wandte sich ab und zog erneut sein Handy hervor. Sein Vorarbeiter sollte endlich abnehmen und Verstärkung schicken. Sigurdsson grinste. Raduan Mahrous würde er für diese Ecke einteilen. Er freute sich auf das Gesicht des Syrers, wenn der auf die benutzten Kondome stoßen würde. Ob die Dinger hier zuhauf herumlagen? Neugierig bog Sigurdsson ein paar Zweige des dichten Gebüsches zur Seite. Doch bei der Dunkelheit war fast nichts zu erkennen. Er wollte sich wieder seiner Arbeit zuwenden, als er jemanden sah, der sich offenbar hierher zurückgezogen hatte.

»Besoffenes Pack«, grummelte er und wollte mit der Fußspitze den Schlafenden anstupsen. Sigurdsson hielt mitten in der Bewegung inne, als er im Halbdunkel sah, dass der Kopf in einer Lache Erbrochenem lag. »Hoffentlich hast du dir bei diesem Scheißwetter den Tod geholt.«

Er überlegte, den Unglücklichen einfach liegen zu lassen. Es musste ein Mann sein, auch wenn die Umrisse mehr zu erahnen als zu erkennen waren. Der Arbeiter schaltete sein Handy ein und besah sich mit einer Mischung aus Ekel und Neugierde das Gesicht.

»Geschieht dir recht«, stellte er zufrieden fest. »Es ist schlimm genug, dass die Jugend es hier wie im Tollhaus getrieben hat. So ein alter Sack wie du ... der sollte sich davon fernhalten.« Sigurdsson ließ den schwachen Lichtstrahl des Handydisplays am Mann abwärts wandern. Der Typ musste völlig abgetreten gewesen sein. Er war ins Gebüsch gestolpert und hatte sich anscheinend einfach fallen lassen. Davon zeugten die abgebrochenen Zweige beidseits des Körpers. Das Licht wanderte weiter abwärts, glitt über den Rücken, den Gürtel, das Gesäß und an den Oberschenkeln abwärts.

Wie vom Schlag getroffen hielt Sigurdsson in der Bewegung inne, war sekundenlang unfähig, seinen Blick abzuwenden. Dann würgte er. Es gelang ihm nicht, den Reflex zu unterdrücken. Er konnte sich nicht einmal mehr gänzlich abwenden, und sein Mageninhalt entleerte sich über den Kopf des Mannes.

Kapitel 2

Die Bäume des Kronobergsparken zeigten die erste herbstliche Laubfärbung. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sich der Sommer verabschiedete. In zwei Monaten würden die Kinder, die jetzt in Begleitung ihrer Mütter auf dem Spielplatz tobten, johlend mit ihren Schlitten vom Hügel der idyllischen Grünfläche im Herzen Stockholms nahe dem alten jüdischen Friedhof hinabsausen, auf dem die letzte Beisetzung vor über einhundertfünfzig Jahren stattgefunden hatte.

Jonas Nyström stand am Fenster und verfolgte mit den Augen einen Jogger, der in den Park einbog und diesen in wenigen Minuten durchmaß. Zweihundertfünfzig Meter waren keine Distanz, die zu sportlichen Höchstleistungen herausforderte. Und auch der Hügel hier in einem der Stockholmer Bergparks stellte kein unüberwindbares Hindernis dar, selbst wenn er mit vierzig Metern die höchste Erhebung dieses direkt neben Stockholms City gelegenen Stadtteils Kungsholm war, der, dichtbesiedelt, seinen Bewohnern urbane Lebensqualität bot.

Der Jogger hatte den Park durchquert und war in einer der Seitenstraßen mit den hohen Häusern verschwunden, deren sehenswerte Architektur Jonas Nyström immer wieder bei seinen kurzen Spaziergängen in der Mittagspause begeisterte.

»Guten Morgen, Nyström«, wurde er von einer Stimme in seinem Rücken aus seinen Betrachtungen gerissen.

»Hej«, antwortete Jonas, drehte sich um und nickte seinem Vorgesetzten zu. Polisintendent Henning Tällberg trug ein Netbook unter dem Arm und nahm am Kopfende des Tisches Platz. Die graue Hose, das am Kragen offene Hemd und das dunkelblaue Sakko passten gut zur drahtigen Erscheinung des Mittfünfzigers. Der kurze Bürstenhaarschnitt mit den nicht mehr zu leugnenden Geheimratsecken war graumeliert, ebenso wie der sorgfältig gestutzte Vollbart.

»Was veranlasst uns zu einer außerplanmäßigen Dienstbesprechung?«, wollte Jonas wissen.

»Warten wir noch, bis die anderen da sind«, wich der Abteilungsleiter aus, dessen Rang dem eines englischen Chief Superintendent entsprach und mit einem deutschen Kriminalrat vergleichbar war.

Die nächsten zwei Mitarbeiter betraten den Raum, murmelten einen Gruß und nahmen schweigend Platz. Jonas tat es ihnen gleich, griff nach der Thermoskanne, die in der Mitte des Tisches stand, und schenkte den Kollegen ein.

»Sie auch?«, fragte er Tällberg.

Der Polisintendent schüttelte den Kopf und sah dabei auf die Uhr. Tällberg wirkte nervös, eine Verhaltensweise, die Jonas selten bei ihm beobachtet hatte. Auch den beiden Kollegen schien es aufgefallen zu sein. Der Chef galt als ausgeglichene und besonnene Persönlichkeit. Sie respektierten ihn, nicht nur aufgrund seiner Erfahrung, sondern auch wegen seiner sozialen Kompetenz und Menschenkenntnis.

»Morgen«, sagte Tällberg jetzt. Dr. Henrik Forsberg war eingetroffen.

»Entschuldigung«, gab der weißhaarige Rechtsmediziner kurzatmig zurück. »Wer immer meint, in Schweden sei Autofahren ein pures Vergnügen, hat noch nie die Rushhour in Stockholm erlebt.« Er schloss die Tür hinter sich und wählte den Stuhl neben Tällberg. »Sind wir vollständig?«

Tällberg schüttelte den Kopf. »Wir erwarten noch Dr. Wallberg aus Linköping vom NFC.«

Vom Swedish National Forensic Centre, dem staatlichen kriminaltechnischen Laboratorium, wunderte sich Jonas. Was mochte vorgefallen sein? Auf den langen Fluren des Hauptquartiers der Rikspolisen kursierten noch keine Gerüchte oder Parolen. Wenn sich irgendwo etwas Ungewöhnliches ereignet haben sollte, war die Reichspolizei stets als Erste informiert.

Tällberg hatte sein Netbook aufgebaut und prüfte die drahtlose Verbindung zum Polizeinetz. Testweise warf er ein Bild auf den großen Schirm an der Stirnwand. Er nickte kaum wahrnehmbar, als dort das Staatswappen mit den drei Kronen erschien.

»Gut.« Er räusperte sich. »Fangen wir an.« Tällberg ließ seinen Blick zu jedem Einzelnen der Anwesenden wandern. »Haben Sie schon gehört, was passiert ist?«

Dr. Forsberg senkte den Kopf, während Jonas und die beiden Kollegen ratlos ihren Vorgesetzten ansahen.

»Ich habe lange überlegt, wie ich beginnen kann«, setzte Tällberg an, »fürchte aber, mir fehlen die rechten Worte.« Der Satz war ihm nur stockend über die Lippen gekommen. »Sie alle sind Profis, darum mache ich es kurz. Johan Wax ist tot. Ermordet.«

Stille herrschte im Raum. Nach Sekunden, die sich zu einer Ewigkeit zu dehnen schienen, hörte man Inspektor Markvist, der Jonas gegenübersaß, mit belegter Stimme fragen: »Johan Wax? Unser Johan?«

Tällberg bestätigte es durch ein Nicken.

»Das kann nicht sein«, warf Gripsholm ein, den alle in der Reichspolizei aufgrund seines Namens »Schlossherr« nannten. Unter anderen Umständen hätte der scharfsinnige Analytiker Tällberg angemerkt, dass dieses »Das kann nicht sein« rhetorischer Unfug sei. Wenn jemand vortrug, dass es ein Mordopfer gegeben habe, sei eine solche Bemerkung fehl am Platze. Heute unterdrückte der Polisintendent die Zurechtweisung. Jonas lag auf der Zunge, einzuwenden, dass er erst vor kurzem mit Johan Wax zusammen in der Polizeikantine zu Mittag gegessen habe. Es war keine persönliche Freundschaft, die sie verband, aber über die gemeinsamen Jahre war eine geachtete Kollegialität erwachsen, in der sich beide respektierten. Wax war ein paar Jahre jünger als Jonas gewesen, verheiratet und Vater einer kleinen Tochter.

»Wie ist das geschehen?«, fragte er in Richtung Tällberg. Der Abteilungsleiter knetete nervös seine Finger.

»Ich hätte Ihnen das Folgende gern erspart«, fuhr Tällberg fort. »Es geht aber nicht. Wir sind es Inspektor Wax schuldig.« Erst im zweiten Versuch gelang es ihm, ein Bild von seinem Netbook auf den Bildschirm an der Wand zu projizieren. Es zeigte eine mit Glassplittern und Abfällen übersäte Fläche. Im Hintergrund war eine Freilichtbühne erkennbar.

»Das ist ... Östersund. Badhusparken«, warf Jonas ein und zog die Blicke von Markvist und Gripsholm auf sich.

»Woher kennst du ...?«, fragte Markvist. Jonas blieb Markvist die Antwort schuldig.

»Dort fand am vergangenen Freitag ein Rockkonzert mit der Band Bad Revolution statt. Ich darf unterstellen, dass jeder schon einmal von denen gehört hat.«

»Nur oberflächlich«, wandte Jonas ein. »Ich muss gestehen, dass mir diese Art von Musik nicht liegt.«

»Mir auch nicht«, pflichtete ihm Dr. Forsberg bei.

»Scheint am Alter zu liegen«, stichelte Gripsholm.

»Wie auch immer. Diese Rockband ist im ganzen Land für harte und kompromisslose Musik bekannt. Ihre Anhänger entstammen überwiegend der rechten Szene und treten für ein ›Schweden den Schweden‹ ein. Die Auftritte der Band werden häufig von Gewaltexzessen begleitet. Alkohol- und Drogenmissbrauch gehören zum Programm.«

»Warum untersagt man in solchen Fällen nicht die Auftritte?«, wollte Jonas wissen. »Der Veranstaltungsort ist öffentliches Areal. Da kann man die Genehmigung verweigern.«

Tällberg nickte in sich gekehrt. »Ein schwieriges Thema. Sie wissen, dass Jämtlands Län eine sehr dünnbesiedelte Provinz ist. Auf einer Fläche, die etwa zwölf Prozent der Gesamtfläche Schwedens entspricht, leben nur einhundertzwanzigtausend Menschen. Das sind zwei Einwohner je Quadratkilometer. Alles ist weitläufig. Natürlich war die Stadtverwaltung Östersunds gewarnt, als das Konzert in ihrer Stadt geplant wurde. Man wollte es nicht. Die Einwilligung wurde erst erteilt, als die Jugend der Provinz massiv protestierte und drohte, das öffentliche Leben der Stadt lahmzulegen. Bad Revolution ist derzeit total angesagt. Die jungen Leute kennen die Band, ohne in der Mehrzahl der Fälle deren politischen Hintergrund zu verstehen. Es geht um die Musik, um das Ereignis, um das Gemeinschaftsgefühl, das eine solche Veranstaltung hervorruft. Man kann nicht aus Vorsicht der Jugend alles verbieten. Auch wenn uns Älteren manchmal die Einsicht fehlt, müssen wir das akzeptieren.«

»Und uns dem Druck der Straße beugen«, warf Markvist ein. Seine Stimme troff vor Zynismus.

»Leider.« Tällberg zuckte hilflos die Schultern. »Die Band, für die, die es nicht wissen, wird von uns beobachtet, genau genommen von der Säpo.«

»Die Sicherheitspolizei? Gibt es einen terroristischen Hintergrund?« Jonas sah fragend in die Runde.

»Das Bild ist diffus«, räumte Tällberg ein. »In den Texten der Rockband wird mehr oder weniger unverhohlen zum Kampf gegen Ausländer aufgerufen. Ausländer in deren Sinne sind Menschen mit anderer Hautfarbe.«

»Also Rassenhetze«, stellte Jonas fest.

»So ist es«, bestätigte Tällberg.

»Und deshalb war Johan Wax der Band auf der Spur?« Jonas schüttelte den Kopf. »Das verstehe ich nicht. Das war nicht Wax’ Bereich.«

»Bad Revolution ist in der Vergangenheit nicht nur wegen fragwürdiger bis krimineller Aufforderung zur Jagd auf Andersfarbige aufgefallen, sondern im Umfeld der Band und bei deren Auftritten sind wir, wie ich bereits erwähnte, auf massiven Drogenkonsum bis hin zu exzessivem Missbrauch gestoßen. Wax war in Östersund, um die Szene vor Ort zu erkunden und das Umfeld des Rockkonzerts in Augenschein zu nehmen. Wir beobachten die Musiker und deren Management schon eine Weile.«

»Man könnte mit einem entsprechend umfangreichen Polizeiaufgebot eine Razzia durchführen«, sagte Gripsholm.

»Kaum«, erklärte Tällberg. »Die örtlichen Polizeikräfte sind dazu zu schwach. Es hätte einen Aufruhr gegeben, dem man nicht gewachsen gewesen wäre. Die aufpeitschende Musik, Unmengen von Alkohol, und die Masse, die sich bei solchen Gelegenheiten selbständig macht und unkontrollierbar wird, hinderten uns bisher daran, vorbeugend tätig zu werden. Die Band ist zu populär, um präventiv gegen sie und ihre Anhänger vorzugehen.«

»Toll«, stöhnte Markvist. »Popularität schützt vor Strafverfolgung.«

»Selbstverständlich sind vor dem Gesetz alle gleich, das brauche ich euch nicht zu erzählen. Uns fehlen noch stichhaltige Beweise, die einer Anklage vor Gericht standhalten. Und genau daran hat Johan Wax gearbeitet.«

»Dann können wir auf sein Material zugreifen?«, wollte Jonas wissen.

»Ja. Es ist aber nicht sehr aussagekräftig«, schränkte Tällberg ein.

»Was wissen wir über die Bandmitglieder?«, wechselte Jonas das Thema.

»Die Band besteht aus Egil Ahlsen, Trygve und Hjalmar Bohinen und Einar Muggerud. Letzterer ist Norweger. Zu erwähnen ist noch Taijo Puri, der Manager.«

»Ein ...?«, fragte Jonas.

»Puri ist Este«, erklärte Tällberg. »Fangen wir mit Egil Ahlsen an. Der ist gerade achtzehn geworden. Im vergangenen Jahr hatte er unter Jugendarrest gestanden, weil er nach einem Konzert in Örebro ein Hotelzimmer zerlegt hatte.«

»Das wird in der Regel mit Geld gelöst«, sagte Gripsholm. »Weshalb ist das hier nicht geschehen?«

»Es war nicht nur das Zimmer, sondern auch ein Hotelangestellter betroffen, der arg in Mitleidenschaft gezogen wurde.«

»Eine tolle Truppe«, stellte Jonas fest.

»Ahlsen ist der Keyboarder. Kopf der Band dürfte Trygve Bohinen sein. Er ist bereits über vierzig.«

»Na und? Was meinst du damit?«, platzte Jonas heraus.

»He, he, keine Bange. Für diese Art von Musik ist das ein Oldie, das war damit gemeint«, erklärte Gripsholm.

»Lasst mich mal weitermachen. Trygve Bohinen spielt Gitarre und ist der Leadsänger. Man nennt das auch Frontmann. Sein Bruder Hjalmar ist sechs Jahre jünger und Schlagzeuger. Die zweite Gitarre spielt Einar Muggerud, Ende zwanzig. Ebenso wie Trygve Bohinen wegen Körperverletzung vorbestraft.«

»Das mögen alles wichtige Informationen sein«, sagte Jonas. »Unbestritten. Für mich stellt sich aber die Frage, was mit unserem Kollegen geschehen ist.«

Tällberg wich Jonas Blick aus und starrte an die Zimmerdecke. »Er wurde ermordet.«

»Wie?«, hakte Jonas nach.

Tällberg schluckte heftig. Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab. »Wer gehen will, der darf das gerne tun. Jeder von Ihnen ist Hartes gewohnt, ich weiß. Doch ist es immer etwas anderes, wenn man das Opfer persönlich kennt. Also?« Er sah die Männer der Reihe nach an. Niemand stand auf.

»Gut.« Tällberg nestelte an seinem Netbook herum, bis das erste Bild in Großaufnahme erschien.

Jonas stockte der Atem. Er spürte den kalten Schauder, der ihn überkam. Er fühlte sein Herz wie von einer eiskalten Hand umklammert. Es war gut, dass er saß. Ein schneller Blick in die Runde zeigte ihm, dass es den anderen ähnlich erging. Gripsholm war kreidebleich geworden, und der Inspektor sah aus, als kippte er gleich von seinem Stuhl.

In einem Gebüsch waren die sterblichen Überreste eines Menschen zu erkennen. Tällberg hatte mit Absicht das erschütterndste Bild als Einstieg ausgewählt. Das Gesicht des Toten war nicht zu sehen. Die Beine schon. Jonas zwang sich, den Blick nicht abzuwenden. Wax hatte beim Einsatz eine Windjacke und Jeans getragen.

»Er lag auf dem Bauch, als man ihn fand«, fuhr Tällberg mit stockender Stimme fort. »Hier hat man ihn schon umgedreht.«

Eine Handbreit über Wax’ Knie wandelte sich das Blau der Jeans in ein tiefes Schwarz. Erst beim genauen Hinsehen, zu dem er sich abermals zwang, erkannte Jonas, dass er sich getäuscht hatte: Dunkelrot – verkrustetes Blut. Der Stoff hatte sich damit vollgesogen. Die Konturen der Knie selbst konnten im Dunkeln nur erahnt werden. Umso deutlicher war der ausgefranste Rand zwei Finger unterhalb des Knies erkennbar. So sieht Stoff aus, wenn er zerrissen wird. Bei einem Schnitt zeichnet sich eine glattere Kante ab. Der untere Teil der Hose fehlte.

Jonas hatte Mühe, das Würgen zu unterdrücken. Ihm gelang es, dabei lautlos zu bleiben. Von Markvist hingegen war ein Gluckern im Kehlkopf zu vernehmen, während Gripsholm mehr als vernehmlich mit dem Zurückhalten des Mageninhalts zu kämpfen hatte. Es waren nicht nur die an die Wand geworfenen Bilder, sondern auch jene, die sich bei deren Anblick im Kopf abspielten. Dr. Forsberg würde Jonas’ Gedanken zweifellos bestätigen. Man hatte Inspektor Johan Wax die Beine unterhalb der Knie abgehackt – mit einem zu stumpfen Werkzeug. Deutlich war die Anatomie des menschlichen Beins erkennbar.

Gripsholm hatte sich die Hand seitlich ans Gesicht gelegt, wie um sich vor dem Anblick zu schützen. Markvist starrte auf die Tischplatte vor sich und malte mit dem Finger unsichtbare Figuren.

»Weiter«, sagte Jonas mit rauer Stimme, und Tällberg warf das nächste Bild an die Wand. Es zeigte fast die gleiche Einstellung. Der Fotograf hatte allerdings direkt auf die Wunde gezoomt.

»Vielleicht könnte Dr. Forsberg ...«, setzte Tällberg an.

»Selbstverständlich«, sagte der Rechtsmediziner mit überraschend ruhiger Stimme. Es tat allen gut, durch die besonnene Art Dr. Forsbergs ein wenig in die Wirklichkeit zurückgerufen zu werden. »Wir können noch nicht viel sagen. Das Tatwerkzeug wurde nicht gefunden. Man kann davon ausgehen, dass es sich um eine Axt oder ein Beil handelt.«

»Sind Sie sich sicher?«, unterbrach Jonas den Mediziner und wies auf den zerrissenen Stoff hin.

»Das hat mich auch gewundert«, gab Dr. Forsberg zu. »Dazu müssen aber die Kollegen von der Kriminaltechnik etwas sagen. Wenn Sie darauf hinauswollen, dass die Beine mit einer Säge durchtrennt wurden. Das halte ich für unwahrscheinlich.«

»Könnte es ein Skalpell gewesen sein?«

Dr. Forsberg wiegte nachdenklich seinen Kopf. »Ein scharfes Messer? Eins, mit dem solche Verrichtungen durchgeführt werden können? Nein. Das ist ausgeschlossen. Der Vergleich fällt mir schwer, ich bringe ihn aber trotzdem an, um Ihnen ein Bild von meiner Vermutung zu machen. Sie alle haben schon Grillhähnchen gegessen. Dazu bedienen Sie sich der Hände, indem Sie die Keule packen und aus dem Gelenk herausdrehen. Selbst mit einem speziellen Steakmesser werden Sie die Hähnchenknochen nicht durchtrennen können. Und die Gebeine eines Gockels sind nichts im Vergleich zu denen eines Menschen. Mit einem Messer können Sie das Bein nicht abtrennen, höchstens aus dem Kniegelenk herauslösen. Dazu bedarf es aber anatomischer Kenntnisse und Fertigkeiten.«

»Danke, Doktor«, schritt Tällberg ein. »Wir können uns vorstellen, was Sie erklären möchten.«

»Ich tue hier nur meine Pflicht.« Dr. Forsberg schien froh, abgelenkt zu werden, als sich die Tür öffnete. Aller Augen richteten sich auf den gedrungenen Mann im sandfarbenen Anzug, der über dem rechten Arm einen leichten Sommermantel trug, während er mit der anderen Hand einen Trolley hinter sich herzog. Ein kurzgeschnittener Haarkranz umsäumte den sonst kahlen Kopf.

»Entschuldigung. Bin ich hier richtig?« Als der Besucher Tällberg entdeckte, hellte sich das Gesicht mit der fleischigen Nase auf. Dann fiel sein Blick auf den großen Bildschirm an der Stirnwand des Raumes. Schlagartig veränderte sich die Miene des Mannes, das ganze Gesicht schien in sich zusammenzufallen. »Mein Gott«, entfuhr es ihm.

»Dr. Wallberg«, begrüßte Tällberg den Neuankömmling. »Willkommen in Stockholm. Nehmen Sie Platz.« Der Polisintendent nickte in Richtung einer der freien Stühle. »Das ist Dr. Staffan Wallberg vom kriminaltechnischen Laboratorium aus Linköping.« Tällberg stellte die Anwesenden vor. »Wir haben schon angefangen«, erklärte er und fasste für Dr. Wallberg den bisherigen Verlauf der Besprechung kurz zusammen. »Dr. Forsberg hat uns gerade zum vermutlichen Tathergang berichtet.«

»Wo waren wir stehengeblieben?«, fragte der Rechtsmediziner rhetorisch und kratze sich am Haaransatz. »Richtig. Bei der vermeintlichen Tatwaffe. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Beine unterhalb der Knie abgetrennt wurden. Wir denken für den Moment an ein Beil. Auf jeder Seite wurden mehrere Schläge mit großer Wucht ausgeführt.«

»Mehrere?«, rief Jonas erschüttert in den Raum.

»Leider entspricht dies den Tatsachen. Sie benötigen für die Vollendung dieser grauenvollen Verstümmelung mehrere Schläge, die mit großer Wucht ausgeführt werden müssen.«

»Wer macht so etwas?«, fragte Markvist dazwischen.

Jonas schüttelte sich. »Der bestialische Mord muss irgendwie geplant gewesen sein. Wir wissen, dass bei solchen Konzerten viele Besucher mit Waffen angetroffen werden. Vom Stilett über Schmetterlingsmesser, Schlagring und Schlagstock, Totschläger, Reizgas, bis hin zum Elektroschocker ist alles vertreten. Ich habe nie verstehen können, was junge Menschen veranlasst, sich so aufgerüstet einem eigentlich harmlosen Freizeitvergnügen hinzugeben. Aber ich habe noch nicht davon gehört, dass jemand mit einem Beil zu einem Rockkonzert geht. So ein Werkzeug muss doch auffallen? Das bedeutet, der Täter ist mit der Absicht im Badhusparken angetreten, einen Menschen zu ermorden. Und die Auffindesituation lässt uns ausschließen, dass die Leiche dort abgelegt wurde. Richtig?«

»Es scheint nicht zufällig irgendjemand getötet worden zu sein, sondern gezielt Kriminalinspektor Johan Wax«, schaltete sich Tällberg mit müder Stimme ein.

»Wie kommen Sie darauf?«, wollte Jonas wissen.

»Wax wurde ein Zettel in die Hand gedrückt. Auf dem stand: ›Uns läufst du nicht mehr hinterher.‹«

»Das bedeutet, jemand wusste von seiner Mission und hatte es gezielt auf einen Polizeibeamten abgesehen«, sagte Jonas. »Was soll mit einer so perfide ausgeführten Tat bezweckt werden? Eine Drohung? Glaubt man, die Polizei von weiteren Ermittlungen abhalten zu können? Wer geht davon aus, dass wir uns einschüchtern lassen?«

»Die Tat hat ihre Wirkung nicht verfehlt«, mischte sich Markvist ein. »Wir sehen es an uns, die wir hier sitzen. Wer ist nicht berührt?«

Gripsholm nickte, selbst Tällberg murmelte irgendetwas Bestätigendes vor sich hin. Jonas stimmte zu.

»Wer wusste von Wax’ Mission in Östersund? Ich habe Sie vorhin so verstanden, dass er Hintergrundinformationen sammeln wollte, ohne operativ tätig zu werden«, wandte sich Jonas an den Abteilungsleiter.

Tällberg nagte an seiner Unterlippe. »Es war keine Topsecretaktion, vielmehr ein Routineeinsatz, wie wir ihn oft ausführen. Die Hintermänner des Drogenhandels, dem wir auf der Spur sind, konnten davon ausgehen, dass sie observiert werden.«

»Jeder Straftäter wird davon ausgehen, dass gegen ihn ermittelt wird. In der Regel kennt er aber nicht die Namen der damit befassten Beamten.«

»Doch«, widersprach Gripsholm. »Außerhalb Stockholms gibt es in einem so großen Flächenland wie Schweden nur noch überschaubare Polizeieinheiten. In einer Stadt wie Östersund geht es, ich darf es salopp formulieren, zwischen der Polizei und ihrer Stammkundschaft familiär zu. Wie viele Einwohner hat Östersund?«

»Etwa fünfundvierzigtausend«, erklärte Jonas. »Das mag zutreffen, was du sagst. Aber Johan Wax kam aus Stockholm. Den kannte niemand in Östersund. Oder waren die örtlichen Dienststellen eingeweiht?« Er blickte zu Tällberg.

»Dazu gab es keinen Grund. Wie gesagt – Wax war nicht operativ, sondern informell unterwegs.«

»Er hat in Östersund auch nicht um Amtshilfe ersucht?« Jonas ließ nicht locker.

Tällberg hob die Hände zu einer hilflosen Geste. »Davon weiß ich nichts.«

»Mit wem hat er seinen Einsatz abgestimmt? Mit Ihnen?«

Der Polisintendent nickte. »Wie gesagt – es war keine Geheimmission. Wax war ein erfahrener Polizist. Er konnte selbständig arbeiten, ohne dass man ihm jeden einzelnen Schritt vorschrieb. Mein Gott. Wer ahnt so etwas. Natürlich ist das Rauschgiftmilieu nicht ungefährlich. Dort wird viel Geld verdient. Es kommt gelegentlich zu einem Kleinkrieg unter Drogendealern. Aber noch nie ist man so brutal gegen einen Polizeibeamten vorgegangen.«

»Gab es Anzeichen für eine solche Gewaltentwicklung?« Jonas wurde sich plötzlich bewusst, dass sich das Gespräch zwischen ihm und seinem Vorgesetzten zu einer Art Verhör entwickelte. Tällberg schien das Ganze eher als Brainstorming zu betrachten.

»Das war nicht absehbar. Wir wissen auch nicht viel über die Organisation, die Wax observierte. Im Umfeld von Rockkonzerten ist es keine Seltenheit, dass gedealt wird. Viele Jugendliche nehmen vor solchen Veranstaltungen Aufputschmittel, um durchzuhalten, um high zu sein, so was eben. Dr. Wallberg wird gleich mehr dazu sagen können. Die Muster, die wir aus den Berichten der jeweils zuständigen örtlichen Polizeibehörden ableiten konnten, ähneln sich. Es schien bei den Konzerten von Bad Revolution oft nach dem gleichen Schema abzulaufen. Die Vermutungen gehen dahin, dass nicht örtliche Drogendealer die Teilnehmer mit Stoff versorgten, sondern eine Truppe im Tross der Band mitreist. Wir haben uns eingeschaltet, als es bei einem Konzert in Umeå das erste Todesopfer gab. Ein junges Mädchen. Sechzehn Jahre alt.« Tällberg sah Dr. Wallberg an. »Liegen inzwischen erste Ergebnisse des kriminaltechnischen Labors vor?«

Der Wissenschaftler nickte stumm.

»Wax sollte sich in Östersund umschauen, ob ihm in dieser Hinsicht, ich meine bezüglich eines überregionalen Drogenrings, etwas auffiel. Das war alles. Konkrete Hinweise auf Namen oder Personen liegen nicht vor.«

»Die Ermittlungen stehen noch ganz am Anfang?«

»Ja«, bestätigte Tällberg. »Wir wissen nichts. Umso erschreckender ist die Reaktion der Täter. Wir können nicht behaupten, dass wir ihnen auf den Fersen seien.«

»Das ist in der Tat mysteriös«, pflichtete Jonas bei. »Ich frage mich, woher man Wax’ Identität kannte und wusste, dass er zur Beobachtung nach Östersund gekommen war.«

»Ob er zufällig auf etwas gestoßen war und deshalb ermordet wurde?«, mischte sich Gripsholm ein. »Der oder die Täter haben ihn überrascht und überwältigt. Bei der Durchsuchung seiner Taschen hat man seinen Dienstausweis entdeckt und dann ein Exempel statuiert, um uns einzuschüchtern.«

Jonas schüttelte den Kopf. »Guter Gedanke, Gripsholm, aber nicht zutreffend. Wie wir vorhin schon festgestellt haben, läuft niemand zufällig mit einer Axt bei einem Rockkonzert herum. Es sei denn, es handelt sich um einen ... einen ...« Er sah hilfesuchend Gripsholm an. »Wie heißen die Leute, die bei Liveauftritten mitreisen und die Bühnendekoration, Musikanlagen und alles andere auf- und wieder abbauen?«

»Roadies«, half Gripsholm dem Kollegen weiter.

»Genau, die meine ich. Bei einer Tournee sind nicht nur die Musiker unterwegs, sondern auch eine ganze Armada von Hilfskräften. Das sind ganze Lkw-Ladungen, die durch die Lande reisen. Und die Bandmitglieder selbst fahren häufig in einem komfortabel ausgestatteten Tourbus hinterher.« Jonas sah seine Kollegen fragend an.

Gripsholm streckte ihm zur Bestätigung den Daumen entgegen. »Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass auch eine Axt zur Ausrüstung der Roadies gehört. Kann man immer gut gebrauchen. Wenn Mitglieder des Trosses in den Drogenhandel verwickelt sind, könnte die Theorie, dass Wax sie gestört hat, zutreffend sein. Das wäre ein erster Hinweis auf einen möglichen Täter.«

»Das wäre zu schön«, gab Jonas zurück. Er spürte, wie die Augen aller Anwesenden auf ihm ruhten. »Aber in diesem Fall ist es eine falsche Spur. Ich erkläre gleich, was ich meine«, lenkte er schnell ein. »Es gab noch diesen Zettel, den man Wax in die Hand gedrückt hat: ›Du läufst uns nicht mehr hinterher‹. Ein Zufallstäter trägt so etwas nicht mit sich herum. Entweder wusste Wax viel mehr, als wir alle glauben, oder die Täter waren darüber informiert, dass er sie in Östersund beobachten wollte. Das ist wie bei den Hütchenspielern in der Fußgängerzone. Die werden auch nervös, wenn man ihnen zu sehr auf die Finger sieht.«

Dr. Wallberg räusperte sich. »Das ist nicht mein Metier, aber ich würde Kommissar Nyström zustimmen. Es klingt einleuchtend, was Sie sagen.« Er sah Jonas an und nickte kaum merklich.

»Woher wussten die Drogenhändler, dass Johan Wax, und zwar genau er, sie beobachten wollte?« Jonas blickte in ratlose Gesichter.

Schließlich sprach Tällberg aus, was offenbar alle dachten: »Es gibt jemanden, der es ihnen verraten hat.«

»Sie glauben, Sie haben einen Maulwurf in Ihren Reihen?«, fragte Dr. Wallberg ungläubig.

»Das ist nicht auszuschließen«, bestätigte Jonas. Dann sah er Dr. Wallberg an. »Gibt es bei Ihnen schon konkrete Hinweise zur Tatwaffe? Dr. Forsberg hat uns die bisherigen Erkenntnisse aus Sicht der Rechtsmedizin vorgetragen.«

»Dazu können wir noch nichts sagen. Die Laboruntersuchungen der Mikrospuren dauern noch an. Nach meinem Wissensstand sind auch die Ergebnisse der Spurensicherung vor Ort nicht erfolgversprechend. Fuß- oder Fingerabdrücke, alles nicht verwertbar. Die DNA-Analyse dauert noch. Auch der Zettel hat keinen Hinweis geliefert. Wir untersuchen die Herkunft der Tinte, das Papier. Wenn wir den Drucker finden würden, könnten wir die Herkunft des Schreibens aus dem Gerät beweisen. Jeder Drucker, auch aus industrieller Massenfertigung, weist eigene Spezifika auf. Es ist fast wie mit Fingerabdrücken.« Dr. Wallberg zuckte bedauernd mit den Schultern. »Wir stehen erst am Anfang. Der Mord geschah in der Nacht von Freitag auf Sonnabend?« Er hob eine Augenbraue und sah Dr. Forsberg an.

»Ich gehe von einer Zeitspanne von etwa einer halben Stunde aus, die das Opfer noch lebte, nachdem ihm die Beine abgeschlagen worden waren.«

Gripsholm schluckte hörbar. »So lange?«

Der Rechtsmediziner ging nicht auf diese Frage ein. »Der Tod ist etwa zwischen zwei und drei Uhr nachts eingetreten«, präzisierte er ausweichend.

»Wann war das Konzert zu Ende?«, schaltete sich Jonas ein.

»Gegen ein Uhr«, antwortete Tällberg, nachdem er einen Blick in seine Unterlagen geworfen hatte. »Dann dauerte es noch, bis die letzten Besucher das Gelände verlassen hatten.«

»Konnten Zeugen ermittelt werden?«, fragte Jonas.

»Die Polizei vor Ort hat niemanden gefunden, der sich an Johan Wax erinnert. Auch andere Auffälligkeiten oder Besonderheiten sind mir anhand der Unterlagen nicht bekannt. Das ist nicht weiter verwunderlich. Es war dunkel. Die jungen Leute haben sich durch die Musik und die Atmosphäre ...«

»Vergessen Sie nicht die Drogen, das wird ja diesmal nicht anders gewesen sein«, unterbrach Gripsholm den Abteilungsleiter.

»Auch das, richtig«, bestätigte Tällberg. »Die Teilnehmer haben sich kollektiv in eine Art Ekstase hineingesteigert. Da achtet niemand auf andere Besucher. Zumindest haben wir noch keinen gefunden.«

»Lassen Sie uns ein wenig strukturierter vorgehen, meine Herren. Ich kann verstehen, dass Sie schockiert sind. Jedes Tötungsdelikt ist erschreckend. Und wenn es ein Opfer aus den eigenen Reihen ist, ist die Betroffenheit besonders groß. Ich plädiere in solchen Fällen stets dafür, eine andere Dienststelle mit den Ermittlungen zu betrauen«, wandte Dr. Wallberg ein.

»Kommt nicht in Frage«, protestierten Gripsholm und Markvist wie aus einem Munde.

»Das sind wir unserem Kollegen schuldig«, pflichtete Jonas bei. Alle drei sahen ihren Vorgesetzten an.

»Alle Mitarbeiter unserer Einheit sind professionell genug, um unvoreingenommen die Ermittlungen aufzunehmen«, bekräftigte Tällberg. »Wir werden eine Sonderkommision unter meiner Leitung bilden. Die Herren Gripsholm und Markvist werden mit mir zusammen den Stab bilden.«

»Und ich?« Jonas blickte fragend zu Tällberg.

»Für Sie habe ich eine Sonderaufgabe.«

»Und die wäre?«

»Darüber spreche ich anschließend mit Ihnen.« Der Tonfall des Abteilungsleiters ließ keinen Widerspruch zu.

»Meinen Sie nicht, dass alle hier Anwesenden informiert sein sollten? Wir sind ja schließlich ein Team«, wagte Dr. Wallberg einzuwenden.

Tällberg hob die Hand, als würde er auf einer Kreuzung den fließenden Verkehr stoppen wollen. »Gibt es schon ein Ergebnis der Blutuntersuchung von Johan Wax?«

Dr. Wallberg schob die Brille mit der Spitze des Zeigefingers den Nasenrücken empor. »Es ist ungünstig, dass wir erst so spät eingeschaltet wurden«, beklagte er sich.

»Uns wurde das Opfer am Sonnabend zugeführt«, unterbrach ihn Dr. Forsberg. »Wir hätten Ihnen noch am selben Tag Gewebeproben und Blut nach Linköping schicken können. Aber die Herren vom Labor halten sich ja strikt an die Fünftagewoche.«

»Wenn Sie nur den Versuch unternommen hätten, uns zu erreichen ...«, entgegnete Dr. Wallberg.

»Hab ich. Nix. Vergebens«, brachte Dr. Forsberg harsch hervor und sah Tällberg an.

Auch Dr. Wallberg richtete seinen Blick auf den Abteilungsleiter. »Ich habe erst am Montagmorgen von diesem Fall erfahren. Wie fast alle Schweden«, dabei ließ er seine Hand kreisen, »haben wir eine Hütte mitten im Wald. Da verbringen wir unsere Wochenenden.«

»Wie fast alle Schweden«, äffte Dr. Forsberg die Stimme des Linköpinger Wissenschaftlers nach, »haben Sie aber ein Handy.«

»Wenn Sie sich dichtgedrängt in Ihrem Wochenendhaus auf den Schären tummeln, wo Sie nur den Arm aus dem Fenster strecken müssen, um drei ihrer Nachbarn zu berühren, vielleicht. Bei uns in der Natur gibt es keinen Handyempfang. Wer stellt Antennenmasten mitten im Wald auf?«

»Das ist nicht unser Thema«, unterbrach Tällberg das Geplänkel. »Dr. Wallberg wollte uns etwas über die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung erzählen.«

»Danke. Wir haben einen intramuskulären Injektionseinstich am Oberschenkel registriert«, ergänzte Dr. Forsberg seine vorherigen Erklärungen. »Dem Opfer wurde folglich etwas zugeführt. Ich vermute, dass es sich um ein Narkotikum handelte.«

»Ein Anästhetikum und Analgetikum«, nahm Dr. Wallberg den Faden auf.

»Ketamin?«, unterbrach ihn der Rechtsmediziner.

»Darf ich meine Ausführungen zu Ende bringen? Es wäre schön, wenn Sie mich nicht ständig unterbrechen würden.« Dr. Wallberg schien missgelaunt zu sein und nahm eine Position ein, bei der er Dr. Forsberg den Rücken zukehrte. »Ketaminhydrochlorid ist ein in der Tier- und Notfallmedizin eingesetztes Mittel. In seiner reinen Form ist es ein kristallines weißes Pulver, das geruchslos ist und einen leicht bitteren, metallischen Geschmack hat.«

»Für Gourmets also nicht geeignet«, fuhr Jonas dazwischen und handelte sich einen strafenden Blick Dr. Wallbergs ein, der fortfuhr: »In der Medizin wird es als salzwässrige Lösung intravenös verabreicht. Trotz unangenehmer Nebenwirkungen findet es in zunehmendem Maße Verwendung, weil es als Narkosemittel und zur Schmerzbekämpfung gleichermaßen eingesetzt werden kann. Kurzfristig können Nebenwirkungen wie erhöhter Puls und Blutdruck auftreten. Übelkeit und Erbrechen sind ebenfalls häufige Begleiterscheinungen.«

»Das erklärt, weshalb Johan Wax in einer Lache Erbroch ...«

»Richtig«, fiel Dr. Wallberg Jonas ins Wort. »Weitere Folgen sind Störungen der Bewegungskoordination. Wir nennen es Ataxie.«

»Das Opfer ...«

»Wenn Ketamin unter medizinischer Kontrolle eingenommen wird, sprechen wir nicht von Opfern, sondern von Patienten«, unterbrach Dr. Forsberg.

»Johan Wax. Wir sprechen hier von unserem Kollegen Johan Wax«, brach es aus Jonas heraus. »Johan war nach der Injektion also nicht mehr in der Lage, wegzulaufen.«

»Richtig«, stimmte Dr. Forsberg zu.

»Wie lange dauert es, bis die Wirkung einsetzt?«

»Bei oralem Konsum ...«, begann Dr. Wallberg zu erklären, wurde aber erneut vom Rechtsmediziner unterbrochen.

»Kommen wir doch zum Wesentlichen. Als Arzt verwendet man nur Lösungen, die als Fertigarzneimittel angeboten werden. Ob das hier der Fall war, sollte uns Dr. Wallberg erzählen. Die Wirkung tritt bei intravenöser Injektion innerhalb von Sekunden ein, bei intramuskulärer dauert es etwa zwei bis vier Minuten.«

»Wenn ich diese Ausführungen recht verstehe, dann hätte Wax also noch fortlaufen können?« Gripsholm schien ein wenig verloren.

»Nur theoretisch. Wenn er in ein Handgemenge geraten ist, bei dem man ihm die Spritze setzte, hat er dem vermutlich keine Bedeutung beigemessen, es vielleicht gar nicht bemerkt. Er war arglos, davon sollten wir ausgehen«, sagte Jonas.

»Ein besonders perfider Mord«, stimmte Markvist zu.

»Wurde S-Ketamin verwandt? Wissen Sie da was?«, fragte Dr. Forsberg nach, um dann, zu den Polizeibeamten gewandt, fortzufahren: »Das wirkt doppelt so stark wie normales Ketamin.«

»Das können wir nicht sagen«, bedauerte Dr. Wallberg. »Ketamin ist in einem aufwendigen Verfahren im Blut nur einige Stunden, im Urin etwa ein bis vier Tage nachweisbar. Wir sind einfach zu spät eingeschaltet worden.«

»Das lag doch daran, dass Sie Waldschrat in Ihrer Jagdhütte waren«, giftete Dr. Forsberg.

»Meine Herren«, mischte sich Tällberg ein. »Lassen Sie uns sachlich bleiben.«

»Wir haben natürlich eine Blutprobe genommen und auch Urin aus der Harnblase extrahiert«, erklärte der Rechtsmediziner.

»Für mich ist es ein weiterer Beweis, dass der Mord an unserem Kollegen geplant war«, sagte Tällberg.

Dr. Forsberg wiegte den Kopf. »Ketamin wird auch als Droge konsumiert. Wir haben es hier mit Drogendealern zu tun.«

»Die mit aufgezogenen Spritzen herumlaufen?« Gripsholm hatte einen ungläubigen Gesichtsausdruck.

»Nicht unbedingt«, erklärte Dr. Wallberg. »Ketamin hat vielfältige Darreichungsformen. Es wird geschluckt, gesnieft, gespritzt. Es wird mit anderen Substanzen oder Streckmitteln versetzt, manchmal mit dem Amphetamin MDMA. Sie kennen das als Partydroge Ecstasy.«

»Partydroge. Das klingt wie ein harmloser Spaß. In der Öffentlichkeit ist viel zu wenig bekannt, wie gefährlich diese Mittel sind. Alle Drogen.« Jonas war wütend.

»Welcher Jugendliche hat sich noch nie daran versucht?«, entgegnete Markvist. »Das ist wie mit dem ersten Rauchen. Dem Vater wurden heimlich ein paar Zigaretten gemopst, und dann hat man sich hinter einem Busch versteckt.«

Gripsholm lachte auf. »Wo bist du groß geworden? Heute wird auf den Schulhöfen gekifft. Zu jeder Party gehören Drogen. Und bei Konzerten wie in Östersund geht es gar nicht mehr ohne.«

»Sie übertreiben«, warf Tällberg ein, aber Gripsholm schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Das ist gesellschaftsfähig, seien wir doch nicht päpstlicher als der Papst. Es gehört zum guten Ton, sich aufzuputschen. Egal womit. Warum haben die Kriminellen dieses Feld entdeckt? Weil sich damit das schnelle Geld machen lässt. Die Presse berichtet kaum noch darüber, wir sind ja cool und zeitgemäß, und die jungen Leute sind aufgeklärt. Die meisten wissen, was sie erwartet, wenn sie das Zeug schlucken.«

»Ich frage mich dennoch, wie bescheuert man sein muss, um sich dem auszusetzen«, stimmte Jonas zu. »Wahrnehmungsveränderungen, die Angstzustände auslösen.«

»Völlig richtig. Das Schwächegefühl hält noch lange nach dem Rausch an. Häufig treten Schwindel und Sehstörungen auf. Der erhöhte Speichelfluss und die motorische Unruhe sind zwar unangenehm, aber fast noch harmlos gegen den erhöhten Hirndruck. Wenn Sie zu hoch dosieren, kann eine plötzliche Bewusstlosigkeit eintreten. Lähmungen, Krampfanfälle, Koma und Atemdepression sind manchmal die Folgen. Und niemand untersucht den Konsumenten, ob er nicht allergisch auf Ketamin reagiert«, berichtete Dr. Forsberg.

»Haben wir Gewissheit, ob die Drogendealer in Östersund mit Ketamin gehandelt haben?«, fragte Gripsholm.

»Keine gesicherten Erkenntnisse«, gab Tällberg zurück. »Das wollten wir durch die Mission von Johan Wax herausfinden. Es gibt zwei Enden, an denen man einen Faden aufnehmen kann. Wir müssen weiterhin versuchen, an die Drogenhändler heranzukommen. Natürlich liegt das Hauptaugenmerk derzeit auf der Aufklärung des Mordes an Inspektor Wax.«

»Die beiden Fälle gehören doch untrennbar zusammen«, wandte Jonas ein.

»Das sehe ich auch so«, bestätigte der Abteilungsleiter. »Deshalb werden wir eine Sonderkommission unter meiner Leitung bilden. Ich werde versuchen, noch mehr Kräfte dafür heranzuziehen. Gripsholm und Markvist werden mir bei der Koordination behilflich sein. Wir drei bilden sozusagen den Stab. Dr. Wallberg ist als Experte beteiligt.«

»Und ich?«, wollte Dr. Forsberg wissen.

»Sie stehen in bewährter Weise zur Verfügung. So weit alles klar?«, gab Tällberg zurück.

»Nein«, meldete sich Jonas zu Wort. »Ich möchte mich auch mit einbringen. Sie können mich doch nicht in den Routinealltag schicken, wenn man auf eine solch brutale Weise einen Kollegen ermordet hat.«

»Sie möchte ich mit einem Spezialauftrag betrauen. Das sagte ich schon«, erwiderte Tällberg.

»Und welchem?«, wollte Dr. Wallberg wissen.

»Das möchte ich zunächst mit Kommissar Nyström unter vier Augen besprechen.«

»Trauen Sie uns nicht?«, wollte der Kriminalwissenschaftler wissen. »Den hier Anwesenden, will ich sagen.«

»Damit ist unsere Besprechung abgeschlossen.« Tällberg ging nicht auf den Einwand ein. »Ich informiere alle, wenn wir Neues zu besprechen haben.« Der Abteilungsleiter stand auf und nickte Jonas zu. Schweigend verließen auch die anderen den Raum. Dr. Wallberg und Dr. Forsberg versuchten gleichzeitig hindurchzuschlüpfen. Keiner wollte dem anderen den Vortritt lassen.

Jonas folgte dem Polisintendenten, nickte Signe Holmberg, der Abteilungssekretärin, zu, die das Vorzimmer bewachte. Auf Tällbergs Fingerzeig schloss er die Tür hinter sich, ließ sich auf einem der Besucherstühle vor dem Schreibtisch nieder, während Tällberg dahinter Platz nahm. Der Abteilungsleiter drehte sich Richtung Fenster und sah eine Weile wie gedankenverloren in den Stockholmer Spätsommer hinaus. »Verbrechen sind unser täglich Brot«, sagte er dann. »Aber wenn es einen von uns trifft, lassen sich Emotionen nicht unterdrücken. Wir müssen aber professionell handeln, auch wenn es schwerfällt.«

»Ich würde gern in der Sonderkommission mitarbeiten«, wagte Jonas einen Vorstoß.

Tällberg schüttelte den Kopf. »Ich möchte, dass Sie nach Östersund fahren.«

»Nach Östersund?« Jonas bemühte sich, seine Überraschung zu verbergen.

»Ja. Sie kennen sich dort aus. Sie stammen aus Östersund.«

»Nein. Ich meine, ja, Sie haben natürlich recht. Aber ich wohne da seit zwanzig Jahren nicht mehr. Die Stadt hat sich verändert. Ich habe dort keinerlei Kontakte.«

»Es ist Ihre Heimatstadt.«

»Meine Geburtsstadt«, korrigierte Jonas seinen Vorgesetzten. »Meine Heimat ist Stockholm. Hier bin ich verwurzelt. Hier lebe ich. Hier ist meine Familie. Hier fühle ich mich wohl.«

»Es geht nicht ums Wohlbefinden«, erwiderte Tällberg schroff. »Ich möchte, nein, ich will, dass Sie nach Östersund fahren.«

»Um dort nach der Drogenszene zu sehen?« Jonas lachte auf.

»Um vor Ort als mein persönlicher Beauftragter die Ermittlungen im Mordfall Johan Wax aufzunehmen.«

»Dazu haben Sie eine Sonderkommission gebildet. In der meine Mitarbeit viel effizienter wäre.«

Der Abteilungsleiter drehte sich zu Jonas um, legte die gefalteten Hände auf die Tischplatte, und sah ihm direkt in die Augen.

»Ich möchte Sie als Ein-Mann-Task-Force losschicken. Sie sind beweglicher als eine ganze Kommission. Sie kennen Östersund, haben Kontakte dorthin. Ihre Familie wohnt dort.«

»Niemand lebt in Östersund.«

»Ihre Eltern. Geschwister.«

Jonas schüttelte heftig den Kopf. »Meine Eltern sind aus Östersund weggezogen. Sie verbringen ihren Lebensabend auf Gotland.«

»Seit wann?«

»Kurz nachdem ich nach Stockholm gegangen bin.«

»Und Ihre Geschwister?«

»Ich habe noch eine Schwester. Die lebt aber auch nicht mehr in Östersund.«

Tällberg kniff die Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen. »Gibt es einen Grund dafür?«

»Ja«, antwortete Jonas zögernd. »Kennen Sie Östersund?«

»Ich war mal da.«

»Die Stadt liegt einsam. Rundherum ist nichts. Im Westen, Richtung Norwegen, liegt das Fjäll, das Gebirge. Das war’s auch schon. Entsprechend ist das Klima ...«

Tällberg hob die Hand, wie um Jonas zu gebieten zu schweigen.

»Im Winter ist es milder als an anderen Orten dieses Breitengrads, da über den Pass bei Storlien warme Atlantikwinde einfallen können. Obwohl Östersund im Inland liegt, haben Sie dort ein angenehmes, fast maritimes Klima. Die Niederschläge werden durch die Bergwelt aufgehalten, und in manchen Jahren weist Östersund Schwedens längste Sonnenscheindauer auf.« Tällberg lächelte milde. Auf Jonas wirkte es fast überheblich. Tällberg verhielt sich, als sei er von der Touristeninformation oder vom Wetterdienst. »Gibt es weitere Argumente, die Sie vorbringen können? Oder haben Sie Angst, dass Ihnen Ähnliches widerfahren könnte wie dem Kollegen Wax? Kommissar Nyström«, wurde der Abteilungsleiter förmlich, »Polizisten sollten vorsichtig sein und überlegt handeln. Über diese Fähigkeiten verfügen Sie. Haben Sie etwa Angst?«

»Natürlich habe ich keine Angst«, versicherte Jonas und fühlte sich fast ein wenig gedemütigt.

»Gut. Dann wäre alles geklärt. Sie fahren morgen nach Östersund. Richten Sie sich darauf ein, ein paar Tage dort zu bleiben. Ich denke, Sie werden selbst Kontakt zur örtlichen Polizei aufnehmen. Kennen Sie dort noch jemanden?«

»Ich bin in Stockholm in die Polizei eingetreten«, erklärte Jonas. Dann gab er auf. Tällberg würde sich nicht überreden lassen, einen anderen Mitarbeiter nach Östersund zu schicken.

»Leider hat Inspektor Wax uns keine Informationen hinterlassen. Mehr als das, was wir vorhin besprochen haben, wissen wir nicht.«

»Hat noch jemand an dem Fall gearbeitet – außer Johan Wax?«

»Nicht bei der Reichspolizei. Es gab vereinzelt Ermittlungen auf lokaler Ebene. Die sind aber nicht konsolidiert. Wir stehen leider am Anfang. In jeder Hinsicht.«

»Es ist merkwürdig, dass die Täter es gezielt auf einen Polizisten abgesehen haben. Wer wusste von Wax’ Einsatz?«

»Alle scheinen heute dieselben Fragen zu stellen. Aber ich habe es schon erklärt: Es war eine Routineoperation. Es gab keinen Grund, die Sache als geheim einzustufen. Gripsholm, Markvist, Signe Holmberg im Vorzimmer, die Fahrbereitschaft, die das Fahrzeug gestellt hat, vielleicht noch zwei andere Mitarbeiter ... Das war’s.«

»Und Sie«, ergänzte Jonas.

Der Blick, der zurückkam, war unfreundlich. »Selbstverständlich. Keiner der genannten würde sich mit Verbrechern oder Polizistenmördern einlassen. Ach ja«, fiel dem Polisintendenten noch ein, »da wir in der Rauschgiftsache Fachinformationen vom kriminaltechnischen Labor in Linköping benötigen, haben wir auch Dr. Wallberg kontaktiert.«

»Wir wollen nicht unterstellen, dass jemand aus dem Kreis der Eingeweihten Johan Wax vorsätzlich ans Messer geliefert hat. Es könnte auch ein unbedachtes Wort gewesen sein.«

»Wollen Sie vielleicht die eigenen Kollegen verhören? Ich bitte Sie!«

»Das bringt nichts. Stimmt. Wenn jemand aus Versehen Informationen weitergegeben hat, erinnert er sich womöglich nicht daran. Und falls es Absicht war, verschweigt er es. Wir würden schlafende Hunde wecken. Misstrauen in Polizeikreisen wäre wirklich nicht sehr förderlich.«

»Das sehe ich auch so.«

»Dann werde ich meine Ermittlungen aufnehmen.«

»Sie haben alle Freiheiten, allerdings erwarte ich persönlich von Ihnen den Bericht«, versicherte Tällberg, bevor er Jonas zur Tür geleitete.

Kapitel 3

Jonas besorgte sich die Anschrift von Johan Wax und fuhr zur Åsogatan im Stadtteil Södermalm. Während der westliche Teil zunehmend bei gutverdienenden Yuppies und Hipstern beliebt war, lebten im Osten, dem nach den zwei Kirchengemeinden Katarina und Sofia benannten Teil, Menschen, denen die Nähe zur Innenstadt wichtiger war als eine gediegene Wohnqualität.

Die baumlose Häuserschneise war eine Einbahnstraße, die von hohen Gebäuden gesäumt wurde. Die Erbauer der Betonklötze hatten nicht viel Aufwand für eine optisch ansprechende Gestaltung der Fassaden betrieben. Immerhin war das Haus mit dem grauen Putz und den Erkern, in dem die Familie Wax wohnte, von den auch in Stockholm unvermeidlichen Graffitischmierereien verschont geblieben.

Gitter, die an ein Gefängnis erinnerten, verhinderten den Zugang zu den Fahrradabstellboxen. Der unangenehme Geruch, der durch die weißen Metallstäbe drang, verriet, dass dort auch die Mülltonnen untergebracht waren. Die Metallplatte mit den Klingelknöpfen war verkratzt. Der häufige Mieterwechsel war auf den ersten Blick daran ersichtlich, dass die Namensschilder unterschiedlich waren. Geprägt, handschriftlich, gedruckt.

Es dauerte eine Weile, bis sich eine müde klingende Frauenstimme meldete.

»Jonas Nyström. Ich bin ein Kollege von Johan und würde gern mit Ihnen sprechen.«

»Zweite Etage.« Dann ertönte der Türsummer.

Jonas verzichtete auf den Fahrstuhl. In der geöffneten Wohnungstür erwartete ihn eine schmächtige Frau. Alles an ihr war unscheinbar. Das blasse Gesicht und die tiefliegenden Augen mit den schwarzen Schatten mochten von den Ereignissen der letzten Tage herrühren. Der dunkelbraune Wollrock und der beigefarbene Pullover ließen weibliche Konturen allenfalls erahnen. Die nackenlangen Haare hingen ungepflegt herab. Die Frau war ein einziges Nichts. Jonas erschrak bei diesem Gedanken. Sicher hatte der Tod ihres Mannes nicht unwesentlichen Einfluss auf ihre Verfassung. Aber Kleidung und Erscheinung mussten schon vorher signalisiert haben: Ich bin eine graue Maus.

»Jonas Nyström«, stellte er sich noch einmal vor. »Ich bin ein Kollege von der Reichspolizei.«

Sie unternahm keine Anstalten, ihm die Hand zu reichen.

»Darf ich ein paar Minuten mit Ihnen sprechen?«

Wortlos öffnete sie die Tür ganz und gab den Zugang frei. Sie ging voran in ein helles, freundliches Wohnzimmer, das zur Straße gelegen war. Die Türen zu den anderen Räumen waren geschlossen.

Jonas registrierte, dass der Raum komplett mit Möbeln des weltbekannten einheimischen Einrichtungshauses ausgestattet war. Selbst die Bilder an der Wand schienen aus dessen Angebot zu stammen.

»Bitte«, sagte Frau Wax leise und zeigte auf einen Buchenholzsessel. Sie nahm auf der vordersten Kante eines weißen Leinensofas Platz.

»Es tut uns allen furchtbar leid, was Ihrem Mann geschehen ist«, begann Jonas zögerlich.

Die Augen der Frau waren auf ihn gerichtet, doch es schien, als würde sie durch ihn hindurchsehen.

»Niemand versteht, was dort geschehen ist«, fuhr er fort. »Alle Polizeibeamten des Landes trauern mit Ihnen und Ihrer Familie. Können wir irgendetwas für Sie tun?«

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie andeutungsweise den Kopf schüttelte. Kaum wahrnehmbar war das »Warum?« aus ihrem Mund.

»Die Frage kann Ihnen niemand beantworten«, erwiderte Jonas. »Wir werden immer wieder mit Menschen konfrontiert, denen das Leben eines anderen nichts wert ist. Auch wenn es wie Routine erscheint, kann man sich nicht von der inneren Anteilnahme freimachen. Aber hier ...« Jonas ließ den Satz offen. Es fehlten ihm die richtigen Worte. Und irgendwie schien ihm das Gesagte auch unglaublich banal. Was hätte er sagen sollen? Der Frau versichern, dass die Ermittler der Reichspolizei alles daran setzen würden, um die Mörder ihres Mannes zu finden? Das war selbstverständlich. Nicht nur, weil es sein Beruf war.

»Hat man sich seitens der Polizeiverwaltung schon mit Ihnen in Verbindung gesetzt?«, fragte Jonas zögerlich.

Frau Wax nickte. »Es gibt viel zu tun«, antwortete sie. »Alles Dinge, die auf mich hereinstürzen. Man hat mit ...« Sie suchte nach den richtigen Worten. »Mit so was«, fuhr sie fort, »sonst nichts zu tun.«

»Hilft Ihnen irgendjemand?«

»Meine Schwester und mein Schwager treffen heute noch in Stockholm ein. Ich bin froh darüber. Ich weiß nicht ...« Sie schluckte heftig. »Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ganz praktische Fragen müssen geklärt werden. Welcher Blumenschmuck soll auf das Grab? Wer muss alles benachrichtigt werden? Was ziehe ich an?«

Solche Kleinigkeiten lenkten Frau Wax davon ab, sich immer wieder die Frage nach dem »Warum?« zu stellen. Das würde ohnehin noch auf die schmächtige Frau einstürmen, sie quälen. Bei solchen Verbrechen gibt es nicht nur ein Opfer.

»Ihr Mann war dienstlich in Östersund.«

Sie sah auf, während ihre Hände, die sie im Schoß gefaltet hielt, unablässig die Finger kneteten.

»Hat er mit Ihnen über seine Fahrt nach Östersund gesprochen?«

»Ja. Johan hat sich immer gemeldet, wenn er unterwegs war.«

»Hat er gesagt, um was es ging?«

»Er sagte, er müsse nach Östersund. Routine. Irgendeine Beobachtung in einer Rauschgiftsache.«

»Hat er das so gesagt?«

Die Frau nickte.

»Hat er noch mehr darüber erzählt?«

»Nein. Ich wusste doch gar nicht im Detail, was er macht. Vieles davon habe ich nicht verstanden. Ich wollte es auch nie genau wissen. Das hätte mich beunruhigt.«

»Hat er mit anderen über seine Fahrt in den Norden gesprochen? Mit Freunden? Mit anderen Familienmitgliedern?«

»Ich weiß es nicht. Es kann sein, dass er erwähnte, nach Östersund zu müssen, als die Hermannssons zu Besuch waren.«

»Wer ist das?«

»Nachbarn. Wohnen zwei Etagen höher. Wir sitzen manchmal zusammen und trinken ein Glas Wein. Ole Hermannsson ist Lkw-Fahrer bei der Post. Er hat oft Touren in den Norden. Deshalb interessierte er sich natürlich für Johans Reise.«

»Worüber haben die beiden Männer gesprochen?«

»Das weiß ich nicht. Oles Frau und ich sind dann nach nebenan gegangen und haben uns den Stoff angesehen, den ich für die neuen Gardinen gekauft habe.«

»Sie haben sonst mit keinem über Johans Einsatz gesprochen? Beim Einkauf? Am Arbeitsplatz?«

»Wieso sollte ich? Hier spricht man nicht einfach so auf der Straße miteinander. Man kennt sich kaum. Die Hermannssons, das ist eine Ausnahme. Und am Arbeitsplatz?« Sie schien nachzudenken.

»Was machen Sie beruflich?«

»Ich bin im Büro von Silja Line beschäftigt.«

»Der Fährgesellschaft?«

Sie nickte.

»Haben Sie dort erwähnt, dass Ihr Mann nach Östersund fahren muss?«

»Die Kollegen wussten, dass Johan Polizist war«, wich sie aus.

»Haben Sie erzählt, dass er zu einem Auftrag nach Östersund musste?«

»Kann sein. Bin mir aber nicht sicher.«

»Haben Sie auch den Grund genannt?«

»Da hat jemand nachgefragt. Eine Kollegin. ›Wegen Mord?‹ ›Nein‹, habe ich geantwortet. ›In einer Drogensache.‹ ›Das ist ja nicht spannend‹, hatte die Kollegin gemeint.

»Wie heißt Ihre Kollegin?«

»Weshalb wollen Sie das wissen?«

»Es ist normale Polizeiarbeit. Wir folgen Hunderten von Spuren.«

»Aber Sigrid ist doch keine Spur?«

»Das war nur so gesagt«, versuchte Jonas zu relativieren. »Wie heißt Ihre Kollegin mit Zunamen?«

»Sigrid Tapper. Aber ich verstehe nicht, warum ...«

Jonas stand auf. »Wann immer Sie möchten, können Sie bei der Reichspolizei anrufen. Unser Chef, Polisintendent Tällberg, meine Kollegen und ich sind jederzeit für Sie da.« Er reichte ihr die Hand, die sie zögernd ergriff. Jonas wagte kaum, zuzudrücken, als fürchtete er, etwas zu zerbrechen.

Als er das trostlose Haus in der Åsögatan verließ, wusste er, dass ihn das tonlos gemurmelte »Warum?« der Polizistenwitwe noch lange begleiten würde.

***

Er kehrte zu seinem Wagen zurück, sah auf die Uhr und beschloss, Feierabend zu machen. Liv würde zu Hause sein. Sein Aufenthalt in Östersund konnte ein paar Tage dauern. Da wäre es schön, vor der Abreise noch ein wenig Zeit mit seiner Familie zu verbringen.

Der Kern Stockholms bestand aus zahlreichen Inseln. Um in der lebhaften Metropole von den südlichen Stadtteilen nach Norden zu gelangen, gab es drei Brücken, die jedoch um diese Tageszeit stark frequentiert waren. Jonas entschloss sich, über die Zentralbrücke zu fahren, um seine Entscheidung gleich zu bereuen, als er nur schrittweise vorankam. Erst als er seinen Wohnbezirk Vasastan erreichte, lichtete sich der Verkehr. Nach einer Weile fand er einen Parkplatz in der Norrtullsgatan und legte die zweihundert Meter Fußweg bis zu Tre Liljor zurück. Warum dieser zur Norrtullsgatan offene Innenhof mit seinem einzeln stehenden Baum in der Mitte »drei Lilien« hieß, hatte ihm bis heute keiner erklären können. Es war ein Zufall gewesen, dass sie hier eine familiengerechte Wohnung gefunden hatten. Die Mieten in Stockholm waren für viele Menschen nicht mehr erschwinglich. Die Leute mussten täglich eine weite Anreise in Kauf nehmen, um in die Hauptstadt zu gelangen, die viele Enthusiasten als eine der schönsten Städte der Welt bezeichneten. So weit mochte Jonas nicht gehen, obwohl er Stockholm und dessen hohe Lebensqualität zu schätzen wusste.

Tre Liljor wirkte – zumindest in den kurzen Sommern – durch den großen Baum und die ihn umgebenden Grünflächen lauschig. Bis zum Hagaparken waren es nur wenige Gehminuten. Dort trafen sich die joggenden Bewohner der umliegenden Wohnbezirke.

»Hinten, in der Ecke rechts«, beschrieb er den Zugang zu seiner Wohnung, wenn er gefragt wurde.