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Nach "Mo Morris und der Supervirus" kommt hiermit der zweite Teil der Mo Morris-Reihe heraus. Benedict Dana überschreitet erneut die Genregrenzen zwischen Krimi und Roman und stellt ein ganz eigenes Gleichgewicht zwischen Humor und Ernsthaftigkeit, Anspruch und Unterhaltung sowie Spannung und Gesellschaftskritik her. Die Bezüge zu politischen Themen, die in der ersten Folge durch einen großen, die gesamte USA lähmenden Internetblackout aufgekommen sind, werden hier durch die fiktive Idee einer "UN Refugee Nation" hergestellt. Der Gedanke eines UN-Flüchtlingsstaates mit eigenen Hoheitsrechten lässt eine einzigartige Story entstehen, die auf originelle Weise mit den Elementen eines Detektiv- und Gesellschaftsromans spielt. Der intuitionsbegabte Kriminologe, Universitätsdozent und Privatdetektiv Dr. Morton Morris, mit Spitznamen auch "Inspector Mo" genannt, wird zusammen mit der UN-Menschenrechtlerin Sofia Merizadi in das Hauptgebiet der UN Refugee Nation (UN-RN) geschickt, das in der Nähe Genfs in einem Dreiländereck in den Alpen liegt. Das Duo soll als Geheimermittler eigentlich nur einige Unregelmäßigkeiten in der so genannten "UN City" aufklären, gerät aber sofort nach seiner Ankunft in den Sog eines internationalen Schlepper- und Menschenhändlerringes. Als Merizadi entführt wird, stellt "Mo" ein Team zusammen, um sie zu befreien. Die Suche nach ihr wird zum Auftakt eines ereignisreichen Abenteuers, das sich zwischen den USA, Europa und Nordafrika abspielt. Der Entführungsfall wird eng mit der Flüchtlingsthematik verknüpft, was unter anderem zu einer abenteuerlichen Mittelmeerüberfahrt und einem großen Finale mit weit reichenden Bezügen führt…
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Seitenzahl: 574
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Benedict Dana
Mo Morris und der Staat der Flüchtlinge
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1
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6
7
8
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14
15
Epilog
Impressum neobooks
Die Existenz eines UN-Flüchtlingsstaates („UN Refugee Nation“) und einer „UN-City“ ist fiktiv. Genauso gibt es die südlibysche Sklavenplantage „wahat alsama“ in dieser Form nicht.
Figuren und Handlung sind frei erfunden. Mögliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Die Zusammenarbeit der italienischen Mafia mit einem Flüchtlings-Schlepperring beruht in dieser Geschichte auf Fiktion.
Als Mary Kelly ihr Fahrrad an das Tor der Einfahrt lehnte, geschah genau das, was meist geschah, wenn sie „Mo“ sah: Sie musste unweigerlich lächeln und in diesem besonderen Lächeln spiegelte sich die ganze Sympathie wider, die sie über all die Jahre für ihn gesammelt hatte. Dr. Morton Morris, ihr Kollege an der kleinen Universität der New Yorker Vorstadt Rutherford, war mittlerweile berühmt und es gab fast niemanden in den USA, der nicht schon einmal von dem sympathischen und humorvollen Kriminologen, dem man eine besondere Intuitionsgabe nachsagte, gehört hätte. Sein Spitzname „Inspector Mo“, den er sich durch seine gelegentliche Arbeit als freier Berater der New Yorker Polizei zugezogen hatte, war allerdings nur in bestimmten Kreisen bekannt, genau wie all die kleinen, witzigen Geschichten, die man sich aufgrund seines außergewöhnlichen Charakters über ihn zu erzählen pflegte.
Mary, die hübsche und kluge Psychologiedozentin, die Morton schon seit Jahren verehrte, ohne dass es je zu einer echten Beziehung gekommen wäre, war an diesem sonnigen Maivormittag in einer besonderen Mission unterwegs. Sie wollte ihm persönlich eine Nachricht des Direktors der Universität überbringen und da gerade die Sommersemesterferien angebrochen waren, hatte sie alle Zeit der Welt dafür.
Das rote Backsteinhaus mit seinen drei Giebeln und weißen, vorspringenden Holzfenstern hatte immer etwas heruntergekommen ausgesehen, aber seit einigen Monaten hatte sich seine gesamte Erscheinung stark verändert: Der früher so verwilderte Garten war mit zahlreichen, bunt blühenden Ziersträuchern neu angelegt, die Einfahrt mit Natursteinen frisch gepflastert und die Holzveranda, die großzügig den Eingang umfasste und sich ein Stück weit um die linke Hausecke herumzog, glänzte in neuem Weiß.
Beim Betreten des Vorgartens sprintete Mos Cockerspaniel „Dr. Watson“ auf Mary zu und sprang freudig an ihr hoch. Sie hatte in dem jungen, verspielten Hund seit jeher so etwas wie ein Alter Ego des unverbesserlichen Junggesellen gesehen, genauso wie in seiner resoluten und etwas spleenigen Haushälterin Ruth Higgins, die zu diesem Zeitpunkt zu ihren täglichen Besorgungen unterwegs war. Als Mo aus dem Haus trat und ihr entgegenkam, blieb ihr Blick für einen Moment an einem neuen, noch nicht befestigten Schild hängen, das auf dem Rasen lag und die Worte „Dr. Morton Morris, Privatdetektiv“ trug. Nachdem sie ihn mit der vertrauten und zugleich etwas distanzierten Umarmung begrüßt hatte, die seit langem zwischen ihnen üblich war, deutete sie auf das Schild und meinte verwundert:
„Du scheinst ja wirklich ernst zu machen! Willst du wirklich deinen Job an der Universität aufgeben? Du weißt doch noch gar nicht, ob dir das Leben als Privatdetektiv überhaupt liegt!“
„Könnte es sein, dass du hierher gekommen bist, um mir die Kündigung auszureden?“, entgegnete er mit dem feinsinnigen Lächeln, das für ihn typisch war und in dem sich stets etwas von seiner berüchtigten Intuitionsgabe widerzuspiegeln schien. Da er mit seiner Vermutung goldrichtig lag, wich sie einer Antwort aus und drängte darauf, ins Haus zu gehen, um auch dort das Ergebnis der Renovierungen in Augenschein zu nehmen. Sie ließ ihren Blick mit ein paar lobenden Worten durch den Garten und über die Fassade schweifen und folgte ihm dann die Stufen zur Veranda hinauf. In der Tat sah das behagliche Haus, das entfernt an einen altenglischen, viktorianischen Stil angelehnt war, an allen Ecken und Enden wie aus dem Ei gepellt aus. Sie wusste genau, woher das Geld für die umfassenden Renovierungsmaßnahmen stammte, ja indirekt wusste es fast das ganze Land, denn die große Belohnung, die Mo für die Lösung seines letzten Falles eingestrichen hatte, war der Öffentlichkeit allgemein bekannt.
Als sie von der kühlen, halbdunklen Diele in Empfang genommen wurden, blieb sie vor einem großen, an der Wand lehnenden Gemälde stehen, genau wie schon bei ihrem letzten Besuch. Es zeigte einen Berg mit einer Art Burg voller verschlungener Türme, Erker und Zinnen, aus der Lichtgestalten die Hände flehend in den Himmel streckten; ein mächtiger Lichtstrahl ging von dem Dach des fantastischen Gebäudes aus und ließ überall Lichtflocken über ein ödes, lediglich von einem See belebtes und mit lauter Computerschrott bedecktes Land nieder regnen. Die Bedeutung des aussagekräftigen Motivs war ihr längst geläufig, da das Bild eine besondere Verbindung zu Mos letztem Fall aufwies, als ein großer Internetblackout die USA in Atem gehalten hatte. Olivia Carrigan, die Malerin des Gemäldes, die es Mo geschenkt hatte, hatte in diesem Fall eine tiefer gehende Bedeutungsebene repräsentiert, die bis heute Rätsel aufgab.
Mo stieß schwungvoll die hohe, zweiflügelige Tür auf, die aus der Diele in den Hauptwohnraum führte, und präsentierte seiner Besucherin mit einer weit ausholenden Geste stolz das Ergebnis der wochenlangen Aufräumarbeiten. Das Tohuwabohu aus zahllosen Papier- und Zeitschriftenstapeln, überquellenden Bücherregalen und den verschiedensten, überall wild verstreuten Dingen, das früher den Raum bestimmt hatte, war restlos verschwunden und hatte dem Bild eines stilechten, altenglischen Salons Platz gemacht. Die tadellose Ordnung hob den Wert der Antiquitäten, die unverändert an ihrem Platz standen, neu hervor und ließ das klassische Interieur, das eines Meisterdetektivs wie Sherlock Holmes würdig gewesen wäre, voll zur Geltung kommen. Die linke, holzvertäfelte Wand, vor der sich eine alte Standuhr befand, ging in ein hohes Bücherregal über, das den hinteren Teil des Salons wie eine große Bibliothek wirken ließ. Der mitten im Raum stehende antike Schreibtisch, vor dem fein säuberlich zwei Besucherstühle positioniert waren, sah wie der Arbeitsplatz in einer vornehmen Anwaltskanzlei aus, und auf dem ungewöhnlich langen, von einem alten Ledersofa und einigen Sesseln eingerahmten Couchtisch, der früher über und über mit allem möglichen Krimskrams übersät gewesen war, war jetzt nur noch ein brandneuer Laptop und eine leere Kaffeetasse zu sehen.
Als sie durch das blitzblanke, in den Garten weisende Panoramafenster sah, das vor wenigen Wochen noch von vergilbten, durch den Cockerspaniel zerfetzten Gardinen verhängt gewesen war, wurde ihr Erstaunen nochmals verstärkt. In der ebenfalls renovierten Garage stand neben einem alten VW Käfer ein imposanter Chevrolet im SUV-Stil, der im Vergleich zu dem VW riesengroß aussah. Der Ruf eines etwas spleenigen, witzigen und unangepassten Zeitgenossen, den sich Mo an der Universität erworben hatte, hatte auch ein wenig mit dem alten Käfer zu tun gehabt, der nun endgültig zu einem Museumsstück geworden war. Für Mary, die als Doktorin der Psychologie einige Menschenkenntnis besaß, war dies ein untrügliches Zeichen, dass eine bedeutende Veränderung in dem Wesen ihres Freundes vor sich gegangen war.
„Die Belohnung, die du für den letzten Fall eingestrichen hast, hat vielleicht auch ein paar Schattenseiten. Geld verändert die Menschen, ich hoffe du unterschätzt das nicht…“, bemerkte sie mit einem nachdenklichen und kritischen Ton, während sie ihren Blick langsam von dem teuren Chevrolet abwendete und kurz über den frisch geschliffenen Parkettboden und die schneeweiß gestrichenen Wände wandern ließ.
Er hielt es nicht für notwendig, seinen neuen Lebensstil zu verteidigen, und vertiefte sich lieber in den Anblick ihrer feinen, braunen Locken, die ihr locker bis auf die Schultern fielen und ihr zartes Profil wie immer äußerst vorteilhaft zur Geltung brachten. Ihre spitze, intelligente Nase hatte ihm schon immer am meisten an ihr gefallen und er betrachtete sie gewissermaßen als ein spezielles Merkmal, das sie einer besonderen Klasse von Menschen zuwies. Sie hatte Bildung und Stil und ihr ganzes Wesen spiegelte für ihn eine Art höheren Menschentypus wider, dem er sich selber nur bedingt zugehörig fühlte. Ihr Anblick löste wie immer widerstreitende Gefühle in ihm aus, weshalb er zur Ablenkung in die Küche flüchtete, um die Kaffeemaschine einzuschalten. Bei seiner Rückkehr in den Salon zögerte sie nicht länger, den Grund ihres Besuches anzusprechen.
„Rektor Cunningham hat mich gebeten, dich zu überreden an der Universität zu bleiben. Er bietet dir eine Tätigkeit als Privatdozent an, die nur für ein paar Vorlesungen pro Semester verpflichtend wäre. Ich würde das Angebot annehmen, denn falls dir die Arbeit als Privatdetektiv doch nicht liegt, könntest du auf diese Weise leichter an die Universität zurückkehren.“
„Ausgerechnet der alte Professor Cunningham bittet mich darum! Natürlich ist er zu stolz, es mir selbst zu sagen, nachdem er jahrelang keinen Hehl daraus gemacht hat, wie wenig er von mir und meinen liberalen Lehrmethoden hält. Ich weiß ganz genau, was dahinter steckt. Nachdem mich der letzte Fall in die Medien gebracht hat, bin ich für die Uni ein Aushängeschild geworden. Eine bessere Werbung könnte es kaum geben!“
Er erhob sich mit einem zynischen Lachen und holte ein Tablett mit Kaffeegeschirr aus der Küche. Als er zwei Tassen und eine Schale mit Keksen betont ordentlich auf dem Couchtisch aufbaute, neckte Mary ihn voller Ironie:
„Ist das dein neuer Stil? Hast du Spaß daran? Alles sauber, hübsch und adrett wie bei Omas spießigem Kaffeekränzchen… Meine Güte, wenn ich im Vergleich dazu an das Chaos früher hier denke! Es liegt doch nicht nur am Geld, oder? Steckt sie vielleicht dahinter, hast du für sie alles hier so nett gemacht?“
Er wich erstaunt zurück und brauchte eine Weile, um zu realisieren, wie viel ernst in dieser scheinbar harmlosen Frage steckte. Es war für ihn unmöglich auf Anhieb zuzugeben, dass es eine „Sie“ in seinem Leben gab, also musste er sich ahnungslos geben.
„Wovon redest du?“
„Als ich dich vor einigen Wochen besuchen wollte, bat mich Mrs. Higgins für ein paar Minuten hinein, obwohl du nicht da warst. Wir plauderten etwas und sie ließ sich nicht sehr positiv über eine gewisse Betty Cadena aus, die dir völlig den Kopf verdreht hätte. Als Psychologin finde ich das natürlich hochinteressant. Du weißt, es ist nur ein rein berufliches Interesse, denn ich mische mich nicht gern ein. Schließlich geht es mich nichts an.“
Er hätte am liebsten laut protestiert. Ihr letzter Satz war so dumm, wie das ganze psychologische Spiel, in dem sie seit Jahren ausweglos gefangen waren. Keiner von ihnen war bis heute fähig, die Sympathien und Gefühle für den Anderen zu zeigen und etwa ganz offen zu sagen: Das, was du tust, geht mich sehr wohl etwas an! Außerdem ärgerte er sich über Mrs. Higgins’ Indiskretion. Es war nicht das erste Mal, dass sich seine zwar gutmütige, aber auch resolute und manchmal etwas vorlaute Haushälterin zu sehr in seine privaten Angelegenheiten einmischte. Es war wohl der Preis für den vertraulichen und fast familiären Ton, auf den er sich mittlerweile mit ihr eingelassen hatte.
„Ich muss schon mein Erstaunen darüber zum Ausdruck bringen, dass deine gute Mrs. Higgins diese Betty Cadena ziemlich unverhohlen als ein Luder bezeichnete, das schlechten Einfluss auf dich hätte“, behielt Mary ihren angriffslustigen Ton bei. „Was ist das für eine Frau? Higgins sagte, sie wäre wesentlich jünger als du und extrem attraktiv. Hat sie dir völlig den Kopf verdreht?“
„Absoluter Unsinn! Ich hatte dir ja einiges über Tim Diamond, den bekannten Detektiv aus New York, erzählt. Betty war lange mit ihm zusammen, aber seit einigen Jahren war die Beziehung nur noch reine Fassade. Wie du weißt, hat Sie in meinem letzten Fall eine wichtige Rolle gespielt und wir sind uns dadurch näher gekommen.“
„Hast du eigentlich vor, in Zukunft mit Diamond zusammenzuarbeiten? Er scheint ja mit seiner Detektei Diamond Investigations sehr erfolgreich zu sein. Er hat viel praktische Erfahrung und könnte dich einiges lehren“, bemühte sie sich, das Gespräch in eine etwas unverfänglichere Richtung zu lenken.
„Ich kenne Diamond seit Ewigkeiten und uns verbindet das, was man fast eine Hassliebe nennen könnte. Er ist all das, was ich nicht bin, und ich bin das, was er nicht ist. Seine Art von Erfahrungen sind nicht meine und ich arbeite auf meine eigene Art!“
„Und was ist mit diesem Jayden Miller, dem jungen FBI-Agenten, der bei deinem letzten Fall dein Partner war? Hatte er nicht vor den Dienst zu quittieren?“
„Jayden konnte sich bisher noch nicht zu dem Schritt entschließen. Wir stehen in engem Kontakt und es ist nicht ausgeschlossen, dass es irgendwann wieder zu einer Zusammenarbeit kommt.“
„Aber du brauchst doch irgendjemanden, der dir hilft und einen Teil der praktischen Arbeit abnimmt!“
„Ja, das stimmt und genau da kommt wieder Betty ins Spiel. Sie hat bei Diamond Investigations eine Menge Erfahrungen gesammelt und ich werde mich hin und wieder ihrer Expertise bedienen, wenn es um praktische Dinge geht. Sie repräsentiert eine andere Welt und ich brauche jemanden, der mir die Tür in diese Welt ein Stück weit offen hält. Sie und Diamond haben Kontakte zu Leuten, deren Hilfe für mich immer wieder nützlich werden kann. Als bestes Beispiel wäre wohl ihr Mitarbeiter Michael King zu erwähnen, der mir letztes Jahr das Leben gerettet hat. Du weißt ja, Mickey.“
„Du magst Mickey offenbar sehr, obwohl er mir ein ziemlich schräger Kerl zu sein scheint. Du und Jayden hattet doch auch Diamond das Leben gerettet, oder nicht? Wäre es nicht angebracht, wenn er dir dafür in Zukunft hin und wieder unter die Arme greift?“
Mary hielt inne, da sie die Haustür ins Schloss fallen hörte. Kurz darauf kam Dr. Watson herein geschossen und sprang mit einer solchen Wucht auf Mos Schoß, dass er etwas von dem Inhalt seiner Kaffeetasse direkt auf Marys Jeansrock goss. Genau in dem Moment, als er instinktiv begann mit seiner Hand auf dem Rock hin und her zu reiben, als wären die Folgen des Missgeschicks noch zu vermeiden, trat Mrs. Higgins herein. Das Bild, das Mos Hand auf Marys Oberschenkeln ergab, wurde von ihr als ein intimes Techtelmechtel interpretiert, was sie genauso zu erfreuen wie zu beschämen schien. Die kluge und gesittete Mary Kelly war in ihren Augen genau die richtige Frau für Mo, dessen Junggesellendasein viel zu viele Spleens und Eigenwilligkeiten mit sich brachte. Betty Cadena hingegen, das kleine „Luder“, das viel zu jung und attraktiv für ihn war, hatte nach ihrem Empfinden einen negativen Einfluss auf ihn, der seinen Charakter schon jetzt unvorteilhaft verändert hatte. Eine dieser Veränderungen zeigte sich für sie etwa in der Form des angeberischen Chevrolets, der in der Garage parkte. Sie errötete leicht und wollte die Tür schon wieder zuziehen, doch Mo rief:
„Kommen Sie nur her, Ruth, es ist nicht so, wie Sie denken! Es hat nur mal wieder einen meiner kleinen Unfälle gegeben.“
Ruth schob ihre korpulente Gestalt mit einem noch immer beschämten Lächeln hinein. Sie steckte wie so oft in einem altmodisch geblümten Kleid, das sie zusammen mit ihren, grauen, dauergewellten Haaren etwas omahaft aussehen ließ, obwohl sie mit ihren 65 Jahren noch nicht übermäßig alt war. Ihr etwas grob wirkendes, fülliges Gesicht drückte grundsätzlich ein genauso großes Maß an Strenge wie Gutmütigkeit aus, was ihr widersprüchliches Wesen exakt widerspiegelte. Die Strenge, mit der sie Mo manchmal gegenüber auftrat, verwandelte sich regelmäßig in einen Anflug von Unterwürfigkeit, durch den sie ihren latent herrschsüchtigen Charakter immer wieder selber zu korrigieren versuchte.
„Darf ich Ihnen irgendetwas bringen?“, verfiel sie in Marys Anwesenheit in eine artige Servilität, die nicht ihrem üblichen Ton entsprach.
„Nein, nein, danke, wir haben uns bereits selbst bedient“, wehrte Mo sofort ab. „Ich wollte übrigens mit Dr. Kelly gerade darüber reden, wie Sie mir in Zukunft in der Detektei helfen könnten.“
„Ich? Nun, ich werde Ihnen natürlich unter die Arme greifen, so gut es geht, aber so viel kann ich ja eigentlich nicht tun. Oder soll ich vielleicht den Umgang mit Waffen lernen und mit Ihnen da draußen auf Verbrecherjagd gehen? Eine Kampfsportausbildung wäre vielleicht auch nicht schlecht!“
Sie lachten alle drei gemeinsam über den kleinen Scherz, was sie dazu bewog, näher zu treten und zu bedenken zu geben:
„Ihre neu gegründete Detektei hat Ihnen ja noch nicht einen einzigen Auftrag eingebracht oder irre ich mich da?“
„Noch nicht, aber ich bin sicher, dass sich das bald ändern wird. Es ist doch fast jedes Jahr dasselbe Spiel: Immer dann, wenn an der Uni der große Summer Break beginnt, steht bald irgendwer vor der Tür, der mir ein paar erholsame Wochen Semesterferien verderben will. Letztes Jahr war es Jayden Miller und dieser Baker vom FBI und das Jahr davor ein gewisser Carter von einer großen Versicherung. Sie erinnern sich, es ging um einen größeren Betrugsfall, bei dem man mich um Rat gebeten hat.
Das Problem wäre wohl erst dann gelöst, wenn ich den Dienst an der Uni quittiere. Dann wird dieses armselige Spiel endlich aufhören und niemand kann mehr meine Semesterferien stören. Allerdings gäbe es dann auch gar keine Ferien mehr. Außerdem ist Dr. Kelly heute hier aus einem Grund erschienen, der diesen ganzen Plan nicht mehr aufgehen lässt. Sie möchte mich nämlich überreden, weiterhin in den Diensten der Universität zu bleiben. So hat es ihr jedenfalls angeblich Rektor Cunningham aufgetragen.“
„Ich finde es sehr gut, dass Sie ihn dazu überreden wollen, Dr. Kelly. Die Sicherheit einer Anstellung würde Dr. Morris als freier Detektiv schnell vermissen, auch wenn er mittlerweile genügend Geldmittel zur Verfügung hat.
Und überhaupt frage ich mich, ob es sehr klug ist, die Detektei ausgerechnet hier in Rutherford zu eröffnen. Hier ist doch nichts los und jeder, der einen wirklich guten Privatdetektiv sucht, geht sofort nach New York…“
Ausgerechnet bei dieser Behauptung wurde Ruth durch das Rasseln und Scheppern der alten Klingel unterbrochen. Sie gehörte zu den wenigen Dingen, die noch nicht von dem großen Renovierungsfieber erfasst worden waren, und hauchte dem Haus hin und wieder etwas von seinem früheren Geist leichter Verwahrlosung ein. Dr. Watson, der inzwischen mitten auf einem runden Orientteppich lag, sprang auf und begann heftig zu bellen, was Mo als ein untrügliches Zeichen dafür interpretierte, dass das Läuten etwas Wichtiges ankündigte.
Als Ruth zur Haustür eilte und kurz darauf einen Unbekannten hereinführte, stieg plötzlich die Wahrscheinlichkeit sprunghaft an, dass es sich um den ersten Klienten von Morris Investigations handeln könnte. Damit schien nun tatsächlich wieder dasselbe einzutreten, was wie durch irgendeine höhere, unerklärliche Fügung jedes Jahr pünktlich zum Beginn der Semesterferien geschah: Ein neuer Fall kündigte sich an. Der etwa 40jährige, große, schlanke Mann, der an Ruths Seite stand, trug einen legeren Anzug ohne Krawatte und schmückte sein glattes, braun gebranntes Gesicht mit einem exakt getrimmten, kleinen Bärtchen. Die extravagante Frisur seines schwarzen, streng gescheitelten, an den Seiten kurz rasierten Haares trug neben dem Bart maßgeblich zu seiner auffällig modisch wirkenden, attraktiven Erscheinung bei. Er zählte definitiv nicht zu den unauffälligen Vorstadttypen, die man in New Jersey traf, sondern war ein Mann von Welt, dessen gewohntes Revier wahrscheinlich mitten in der New Yorker City lag.
Während Ruth sich zurückzog, wies Mo ihm einen Platz auf einem der beiden Besucherstühle zu, wobei er sich um eine besondere Höflichkeit bemühte. Falls dieser Mann wirklich der erste Klient von „Morris Investigations“ sein sollte, war es quasi ein historischer Moment und er wollte um jeden Preis einen guten Eindruck auf ihn machen. Als sich der Fremde als „Dr. Timothy Goldsworthy“ vorstellte, war das Erstaunen in Mos und Marys Gesichtern groß. Weder der Name noch der Doktortitel passte zu ihm und es war nicht leicht zu glauben, dass dieser attraktive, herausgeputzte Kerl, der wie ein Model für Kleider oder Aftershaves aussah, promoviert haben sollte.
Als Mo ihm Mary vorstellte, warf Goldsworthy der hübschen „Dr. Kelly“ ein paar schmachtende, männlich interessierte Blicke zu und leitete dann sofort sehr zielstrebig zu seinem Anliegen über. Sein ganzes Wesen ließ dabei erkennen, wie sehr er aus Prinzip darauf drängte, sich unkompliziert und geradlinig zu geben.
„Ich war so frei hier unangekündigt zu erscheinen, nachdem ich von der Neueröffnung Ihrer Detektei hörte. Ein persönliches Gespräch bringt den Vorteil mit sich, dass ich Ihnen am Telefon keine vertraulichen Dinge mitteilen muss.
Ich möchte herausfinden, ob Sie Interesse an einer ungewöhnlichen Art von Auftrag haben. Ich muss mich vorsichtig an den Kern der Sache herantasten, denn ich befinde mich in einem Dilemma: Verrate ich Ihnen zu viel und Sie übernehmen den Auftrag hinterher nicht, wäre das sehr schlecht, weil dieser Auftrag der Geheimhaltung unterliegt.“
„Grundsätzlich wird niemals etwas von dem, was hinter diesen vier Wänden besprochen wird, nach außen dringen. Dieser Punkt steht für mich ganz oben auf der Liste der grundlegenden Prinzipien, die zu meinem Berufsethos zählen!“, versicherte Mo dem ersten Klienten von „Morris Investigations“ mit heiligem Ernst.
„Sie haben ohne Zweifel ein ausgezeichnetes Renommee, Dr. Morris. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich mich an Sie wende. Ein weiterer hat unter anderem mit Ihrer Vielseitigkeit zu tun. Wir benötigen niemanden, der bloß ein paar einfache Recherchen betreibt und verdächtige Personen beschattet. Mit so etwas könnte man jeden durchschnittlichen Privatdetektiv beauftragen, der heimlich an der Flasche hängt. Sie können eine ungewöhnliche Vita vorweisen und verfügen über eine umfassende, interdisziplinäre Bildung. Dies sind aus unserer Sicht die besten Voraussetzungen dafür, einen Sinn für all die komplexen sozialen und politischen Implikationen zu entwickeln, die dieser besondere Auftrag mit sich bringt.
Soweit ich weiß, haben Sie zunächst Politik und Psychologie studiert, bevor Sie sich ganz auf die Kriminologie spezialisiert haben. Sie hatten nach Ihrem Abschluss für eine kurze Zeit eine administrative Tätigkeit bei der Polizei, bevor Sie als Dozent in das Universitätsleben zurückgekehrt sind. Sie haben verschiedenen privaten und öffentlichen Organisationen als freier Berater gedient - unter anderem der New Yorker Polizei – und wollen sich nun als Detektiv selbstständig machen. Da darf man gespannt sein, was als nächstes kommt. Vielleicht werden Sie ja im Ruhestand noch Kriminalromane schreiben und verarbeiten Ihre Erlebnisse!“
„Sie werden lachen, es hat bereits Überlegungen in dieser Richtung gegeben. Da Sie nun schon mehrfach in der Wir-Form gesprochen haben, gehe ich davon aus, dass Sie einer größeren Firma oder Organisation angehören.“
„Da trügt Sie Ihre Ahnung nicht, aber nicht irgendeiner Organisation… Erinnern Sie sich noch an die Studie, an der Sie vor einigen Jahren zusammen mit zwei Ihrer Universitätskollegen mitwirkten? Es ging damals um das Thema Korruption auf höchster staatlicher Ebene und wie man diese Korruption effektiv bekämpfen kann. Sie und Ihre Kollegen haben in dieser interdisziplinären Studie, die ein internationales Kolloquium begleitet hat, die kriminologischen Aspekte erarbeitet.“
Mo schaute seinen potentiellen Auftraggeber mit zusammengekniffenen Augen an, so als müsste er sich erst durch ein ganzes Meer von Erinnerungen und Erlebnissen graben, um sich die Angelegenheit wieder vor Augen zu führen. Er erwiderte zunächst nichts und trat spontan an eines der großen Bücherregale, die dem hinteren Teil des Salons den Anschein einer Bibliothek gaben. Nach einigem Suchen zog er ein Buch hervor, blätterte kurz darin und setzte sich dann hinter den Schreibtisch zurück.
„Ich erinnere mich an diese Studie und habe sogar noch die entsprechende Publikation parat. Ich darf also davon ausgehen, dass Sie im Namen der UN bei mir erschienen sind? Die UN war ja der Hauptinitiator dieses Kolloquiums, nicht wahr?“
„Sie dürfen, Dr. Morris. Ich würde es ja sowieso nicht mehr lange durchhalten, einen solchen Auftraggeber zu verschweigen.“
Goldsworthy zog das Buch zu sich heran, das Mo ihm auf dem Schreibtisch bereit gelegt hatte. Es hatte ein nüchtern und langweilig aussehendes Cover und gehörte zu den Büchern jener Art, die zuerst ein ganzes Heer von wissenschaftlichen Autoren beschäftigt hielten, nur um später in irgendwelchen Bibliotheken zu verschwinden, nachdem der Zenit des Interesses an ihnen schnell überschritten war. Meist wurden solche Bücher nur wieder von denjenigen ausgegraben, die sie als Quelle für ähnliche Arbeiten verwendeten. Genau das war auch der Grund dafür, warum Mo die Lust an wissenschaftlichen Arbeiten verloren hatte. Goldsworthy hatte nach kurzem Blättern schon genug und legte es zurück. Daraufhin versuchte er Marys Rolle genauer zu klären.
„Darf ich fragen, in welchem Verhältnis Sie zu Dr. Kelly stehen? Arbeitet sie hier in Ihrer Detektei oder ist sie Ihre Kollegin an der Universität? Hat sie vielleicht sogar an der damaligen Studie mitgewirkt?“
„Sie ist Psychologiedozentin an meiner Universität. Ich vertraue ihr wie meiner eigenen Schwester. Von mir aus darf sie alles hören, was Sie mir zu sagen haben!“, versicherte Mo mit einer etwas übertrieben klingenden Inbrünstigkeit, die bei Mary ein zwiespältiges Lächeln auslöste. Das Wort „Schwester“ war nicht unbedingt das, was ihr gefiel.
„Na schön“, lenkte Goldsworthy scheinbar großmütig ein. „Wenn Sie mir Dr. Kellys Verschwiegenheit garantieren und mir schwören, dass sie keinerlei Verbindungen zu irgendwelchen Medien hat, will ich ihre Anwesenheit gerne dulden. Die Medien sind etwas, was wir in dieser Sache unter allen Umständen zu meiden haben.
Bei dem Auftrag geht es um die Untersuchung gewisser krimineller Machenschaften, hinter denen höchstwahrscheinlich ein gut organisiertes Netzwerk steht. Dieses Netzwerk soll sich solange wie möglich in Sicherheit wiegen und darf nicht durch Medienmeldungen auf die entsprechenden Aktivitäten der UN aufmerksam gemacht werden.
Es würde unter anderem Ihre Aufgabe sein, herauszufinden, wie weit reichend die Organisation dieses Netzwerkes ist. Wir setzen übrigens weitere Ermittler an verschiedenen Orten ein und werden zur gegebenen Zeit versuchen, die Arbeitsergebnisse entsprechend zu bündeln. Dieser Auftrag wird es für Sie erforderlich machen, voll und ganz in das entsprechende Umfeld einzutauchen und undercover zu arbeiten.
Darf ich fragen, wie weit Sie über die wichtigsten Organe und Strukturen der UN im Bilde sind?“
„Leider nur sehr durchschnittlich…“, konnte Mo nicht umhin, ehrlich zuzugeben.
„Wie Sie vielleicht wissen, besitzt die UN sechs Hauptorgane sowie zahlreiche Nebenorgane und Sonderorganisationen, die ihre Strukturen zuweilen etwas unübersichtlich erscheinen lassen. Immerhin wird uns die Sache dadurch etwas vereinfacht, dass sich fast alle Hauptorgane direkt vor unserer Haustür im UN-Hauptquartier in New York befinden: Die UN-Generalversammlung, das UN-Sekretariat, der UN-Sicherheitsrat, der UN-Wirtschafts- und Sozialrat sowie der UN-Treuhandrat. Der internationale Gerichtshof befindet sich bekanntlich in Den Haag. Alles, was unseren Fall betrifft, hat zunächst vor allem mit dem sechsten Hauptorgan, dem UN-Treuhandrat, zu tun.
Neben ihrem Hauptsitz haben die Vereinten Nationen drei weitere Sitze in Nairobi, Genf und Wien. Genf ist der Sitz der weltweit meisten UN-Organisationen und kann daher vielleicht als der bedeutendste Standort bezeichnet werden. Ich selbst war einige Jahre lang in der Stadt tätig.“
„Soweit ich weiß, war der UN-Treuhandrat lange inaktiv und wurde erst vor wenigen Jahren wieder zu neuem Leben erweckt. Ist das richtig?“, mischte sich zum ersten Mal Mary ein.
„So ist es. Er war für die Verwaltung verschiedener ehemaliger Kolonien in Form von Treuhandgebieten zuständig, von denen das letzte Mitte der 90er Jahre in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Seitdem wurde nach neuen Aufgaben für ihn gesucht, bis sich vor 8 Jahren eine gefunden hat.“
„… mit der Gründung der UN-RN“, fiel Mary Goldsworthy ins Wort.
„Sehr richtig, Dr. Kelly. Die Gründung der UN-Refugee Nation war – wie Sie beide sicher aus den Medien wissen – unter anderem das Resultat aus der europäischen Flüchtlingskrise. Der Staat der Flüchtlinge, wie ihn die Europäer nennen, besteht aus mehreren verschieden großen, geographisch nicht zusammenhängenden, wie eine Enklave von fremden Staaten umschlossenen Gebieten, die überall demselben Rechtsstatus unterliegen. Die UN-RN wird von dem UN-Treuhandrat wie ein unabhängiger Staat verwaltet und vor allem von privaten Spenden, den Zuschüssen der UN-Mitgliedsstaaten sowie den Erträgen von vor Ort arbeitenden Firmen finanziert. Die derzeitigen Gebiete werden von verschiedenen afrikanischen und europäischen Ländern sowie von Russland und der Türkei zur Verfügung gestellt. Die meisten sind heute noch nicht größer als eine kleine Stadt, doch manche – vor allem in Russland und Afrika – könnten vielleicht eines Tages sogar an die Größe kleine Fürstentümer oder Länder heranreichen. Seit der Gründung der UN-RN vor 8 Jahren befinden sich die meisten Gebiete noch im Aufbau und sind noch längst nicht voll besiedelt. Die derzeitige, potentielle Gesamtkapazität wird auf etwa 1 Million Menschen beziffert und soll kontinuierlich ausgeweitet werden.“
Spätestens bei diesen Erläuterungen war Mos Interesse an dem neuen Fall wie ein heller Funke entzündet worden und er drang voller Neugier auf Goldsworthy ein:
„Es ist nicht mehr schwer zu erraten, dass mich dieser Auftrag in eines der Gebiete der UN-RN führen soll. Klären Sie mich etwas mehr über die politischen Hintergründe der Entstehung des Flüchtlingsstaates auf!’“
„Sie werden in dieser Hinsicht noch mehr als genug erfahren. Falls Sie den Auftrag annehmen, werden Sie nach New York eingeladen und in einer Arbeitsgruppe gründlich vorbereitet werden. Ich werde Ihnen heute nur ein paar sehr allgemeine und grundlegende Dinge sagen:
Die UN-RN wurde ursprünglich in enger Kooperation zwischen der UN und EU gegründet. Die große Zahl von Flüchtlingen und Einwanderern, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten nach Europa gekommen sind, haben nach Ansicht der EU-Kommission zu einem schleichenden politischen Rechtsruck in einigen europäischen Ländern geführt. Dies wird als eine langfristige Gefahr für den Fortschritt des europäischen Einigungsprozesses gedeutet. Die zunehmende Zahl rechtsgerichteter Parteien und Regierungen bringt aus der Sicht Brüssels die Gefahr der Spaltung und Re-Nationalisierung europäischer Staaten mit sich. Dem soll frühzeitig vorgebeugt werden, indem eine geordnete, gesamteuropäische Lösung für die Flüchtlings- und Einwanderungsfrage gesucht wird. Die Flüchtlinge und Einwanderer sollen gerecht auf die europäischen Länder verteilt werden, damit sich einzelne Gesellschaften nicht mit den entsprechenden Assimilationsprozessen überfordert fühlen.
Ein Teil der Flüchtlinge und Einwanderer wird zunächst von der UN-RN aufgenommen und bis zu einer bestimmten Zahl nach Europa verteilt. Alle Personen, die diese Zahl überschreiten, verweilen in dem Flüchtlingsstaat. Diejenigen, die die Voraussetzungen für die Aufnahme nicht erfüllen, werden in ihre Heimatländer zurückgeschickt, um Platz für diejenigen zu schaffen, die als echte Flüchtlinge einzustufen sind und am Not leidendsten sind. Soweit das Grundprinzip.“
„Sehr interessant. Würden Sie uns verraten, welche Funktion Sie bei der UN einnehmen? Nach aller Logik müssten Sie für den UN-Treuhandrat arbeiten oder irre ich mich da?“, schaltete sich Mary erneut ein.
„Da irren Sie sich nicht, Dr. Kelly. Ich arbeite für den Treuhandrat, seit er reaktiviert wurde. Ich war früher viel im Ausland beschäftigt und bin erst seit drei Jahren wieder nach New York zurückgekehrt. Meine Hauptaufgabe besteht darin, die Interessen der UN-RN in den USA zu vertreten und für seine Idee und Unterstützung zu werben.“
„Mich würde interessieren, wie Sie persönlich das Flüchtlingsstaat-Projekt einschätzen. In den Medien waren in letzter Zeit einige negative Berichte über die UN-RN zu hören.“
Der kritisch-provokante Ton in Marys Frage gefiel dem hochrangigen UN-Funktionär natürlich nicht und er wehrte ihn wie erwartet auf ganzer Linie ab.
„Ich persönlich halte die UN-RN für eines der spannendsten Projekte des beginnenden dritten Jahrtausends! Das Ziel, das wir uns gesteckt haben, reicht sogar über unsere eigentliche Aufgabe hinaus. Es ist nämlich kein Geringeres, als das Leben in den von uns verwalteten Gebieten auf lange Sicht attraktiver als in den westlichen Wohlstandsgesellschaften zu gestalten. Diese ziehen heute die Einwanderer an, aber in Zukunft werden wir es sein! Unsere Vision ist ein selbst verwalteter, multikultureller Staat, in dem die Ansprüche eines neuen, sozialen Demokratie-, Menschenrechts- und Wirtschaftsverständnisses auf höchstem und modernstem Niveau erfüllt werden. Die UN-RN soll nicht nur eine Notlösung, sondern auch ein Vorbild für die Nationen der Erde sein. Die Idee war von Anfang an, neue Staaten an neuen Orten zu gründen und mit Hilfe großer Firmen und Konzerne steuer- und zollfreie Wirtschaftszonen zu etablieren, in denen die Menschen wie in einem richtigen Staat leben und arbeiten können. Sie sollen nicht wie Personen zweiter Klasse behandelt werden, nur weil sie in ihren Heimatländern Not gelitten haben und geflohen sind.“
Während Goldsworthy für einen Moment innehielt, untersuchte Mo dessen Gesichtszüge etwas genauer. Er hatte ihn völlig falsch eingeschätzt, obwohl sein extravagantes Aussehen einige Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit zuließ. Er war offenbar alles Andere als ein kühler Funktionär und Bürokrat, der den ganzen Tag emotionslos Akten wälzte, sondern war zweifellos von der Leidenschaft einer höheren Idee beseelt.
Bald fuhr der UN-Mann an Mary gewandt fort:
„Zu den negativen Berichten, die Sie angesprochen haben, Dr. Kelly, ist aus meiner Sicht zu sagen, dass sie als die typischen Anfangswehen einer großen Sache zu verstehend sind. Sie spielen wahrscheinlich auf all die Irregularitäten an, die im Zusammenhang mit korrupten Beamten stehen, die UN-Aufenthaltstitel an Unberechtigte verkauft haben. Diesbezüglich sind ja viele Meldungen durch die Medien gegangen. Ich bin nicht befugt, Sie über Einzelheiten in dieser Richtung aufzuklären. Grundsätzlich sei nur gesagt, dass die Aufenthaltsberechtigung, die wir in Anlehnung an die US-amerikanische Green-Card und die Farbe der UN-Flagge informell Blue-Card getauft haben, den Inhaber zu einem voll berechtigten Bürger in einem bestimmten UN-RN-Gebiet macht. Er kann nicht mehr abgeschoben werden und ist solange zum Aufenthalt berechtigt, bis er entweder von einem Drittland aufgenommen wird oder das Gebiet aufgelöst wird. Die Blue-Cards werden normalerweise erst nach intensiver Prüfung ausgestellt, aber leider scheint durch bestechliche Beamte eine Art Schwarzmarkt für sie entstanden zu sein.
Dr. Morris wird bereits ahnen, wie sehr dieser Punkt in Zusammenhang mit seinem Auftrag steht. Allerdings wird sich seine Arbeit nicht allein auf diesen Punkt beschränken. Sie ist erheblich umfangreicher, als man auf Anhieb denken mag.“
„Dann würde ich mich freuen, wenn Sie mich diesbezüglich endlich aufklären würden, Sir! Jedes Ihrer Worte hat mich Satz um Satz neugieriger gemacht!“
Obwohl Mos begeisterter Ton Goldsworthy sehr zu gefallen schien, wehrte er die Forderung überraschend ab und gab sich plötzlich sehr reserviert.
„Das wird alles etwas anders laufen. Ich habe für heute genug gesagt. Wenn Sie den Fall annehmen wollen, müssen Sie zunächst den Arbeitsvertrag und damit zugleich eine Verschwiegenheitsklausel unterzeichnen, bevor Sie weiteres erfahren. Ein Verstoß gegen diese Klausel würde eine saftige Konventionalstrafe nach sich ziehen. Entschuldigen Sie, dass ich das so drastisch formulieren muss!“
Noch während er sprach, öffnete er eine schwarze Mappe, die er bereits die ganze Zeit in seinen Händen hielt, und zog einen Stapel zusammengehefteter Papiere hervor. In Mos Wahrnehmung weitete sich der Stapel sofort zu einem monströsen, unüberschaubaren Paragraphen-Urwald aus, den er ohne juristischen Beistand kaum bewältigen konnte.
„Ich lasse Ihnen den Vertrag für den Auftrag hier. Ich empfehle Ihnen, ihn vor der Unterschrift genau zu studieren“, erklärte sein Gegenüber mit eindringlicher Miene und schob ihm die Papiere über den Couchtisch zu. „Sie sind mir sympathisch, Dr. Morris, deswegen sage ich Ihnen ganz offen, dass Sie darin einige Bedingungen finden, die Ihnen nicht gefallen werden. Die relativ geringe Entlohnung gehört bestimmt dazu.“
Erst jetzt bemerkten sie, wie sehr Goldsworthy unter dem Diktat eines prallgefüllten Terminkalenders zu stehen schien. Er leitete nämlich ganz plötzlich und unerwartet das Ende seines Besuches ein, indem er sich erhob, Mo seine Visitenkarte überreichte und meinte:
„Sobald Sie den Vertrag studiert haben und mit den Bedingungen einverstanden sind, melden Sie sich bitte umgehend bei mir. Ich teile Ihnen dann mit, wann und wo Sie in New York erwartet werden. Außerdem erhalten Sie einen Code, der Ihnen für den Zutritt auf das UN-Gelände besondere Rechte verschafft. Das erste der Treffen, auf dem unsere zukünftigen Mitarbeiter instruiert werden, findet Anfang nächster Woche statt.
Ich würde mich freuen, wenn nicht nur Dr. Morris und ich uns wieder sehen würden!“
Den letzten Satz richtete er mit einem kokettierenden Blick auf Mary. Sein vieldeutiger Ton hatte etwas von einem latenten Annäherungsversuch an sich, auf den sie mit einem frostigen Lächeln reagierte. Sie hielt grundsätzlich nicht viel von Männern, die sich stark herausputzten und deswegen von sich selber glaubten attraktiv zu sein. Während sie beobachte, wie er aus dem Raum stolzierte, fiel ihr ein passender Spitzname für ihn ein: „Peacock“ – „Pfau“ – hatte sie ihn in diesem Moment insgeheim getauft…
Der geheime Zahlencode, den ihm Timothy Goldsworthy wenige Tage später per Email geschickt hatte, war für ihn wie das Ticket zu dem neuen Abenteuer, auf das er schon seit Monaten sehnsüchtig gewartet hatte.
An dem Vormittag, als er den Code einem der Sicherheitsleute an der Einfahrt zum UN-Hauptquartier in New York nannte, war er von einer außergewöhnlichen Vorfreude auf die vor ihm liegende Mission erfüllt. Die Männer in dem Kontrollgebäude kamen ihm wie Grenzbeamte vor, da das UN-Gelände Teil eines internationalen Territoriums war, das eigene Hoheitsrechte besaß. Es befand sich am rechten Ufer der Manhattan-Halbinsel direkt am East River auf einem ehemaligen Schlachthofgelände, das der UN nach dem zweiten Weltkrieg gestiftet worden war. Obwohl für ihn eine Fahrt in die City so etwas wie ein Heimspiel war, fühlte er sich bei dem Durchschreiten der schweren, vergitterten Eisentür fast wie ein Fremder im eigenen Land. Vor ihm ragte das Wahrzeichen des Hauptsitzes auf, das 37-stöckige Sekretariatshochhaus, dessen schlanke Quaderform auf besondere Weise einer zeitlosen, klassischen Moderne verpflichtet war. Mit dem UN-Gelände war es wie mit vielen Dingen in New York: Sie waren zwar permanent da, aber man nahm sie in der Riesenstadt nicht immer bewusst wahr und unterschätzte zwangsläufig ihre wahre Dimension und Bedeutung.
Er ging auf die sich links an das Hochhaus anschließenden, weit verzweigten Nebengebäude zu, in denen die großen Hauptsäle sowie die verschiedensten Sitzungs- und Versammlungsräume untergebracht waren. Als er schließlich das UN-Besucherzentrum betrat, stieg sein Blick sofort in die hoch aufragende Empfangshalle auf, deren prägnante Architektur durch die drei weißen, rundlichen Galerien der oberen Stockwerke sowie eine flach ansteigende Freitreppe Assoziationen zu einer modernen Kunsthalle aufkommen ließ. Die moderne, jedoch bereits in die Jahre gekommene Halle drückte das aus, was in seiner Wahrnehmung für das gesamte Gebäudeensemble galt: Die Architektur reflektierte eine große, weltumspannende Idee, die im Lauf der Jahrzehnte etwas an Glanz verloren hatte, aber durch bestimmte Erneuerungsschübe immer wieder belebt worden war. Einer dieser Schübe war etwa die gründliche Sanierung des gesamten UN-Hauptquartiers seit dem Jahr 2008 gewesen und ein anderer der, wegen dem er an diesem Tag hergekommen war: Die Gründung der „United Nations Refugee Nation“ – kurz UN-RN - und die selbstständige Verwaltung ihrer Gebiete.
Ihm fiel sofort eine größere Personengruppe auf, die sich vor dem runden Tresen der Information versammelt hatte und aus ebenso vielen Frauen wie Männern bestand. Sie alle wirkten sehr verschieden, weshalb er sie auf den ersten Blick für eine bunt durchmischte, internationale Touristengruppe hielt. Erst als sich jemand aus ihr löste und auf ihn zukam, realisierte er, dass es die Gruppe war, der er von nun an selber angehörte. Sie schien äußerlich vom ersten Augenblick an genau das perfekt zu erfüllen, was eine der wesentlichen Grundforderungen Dr. Goldworthys gewesen war: Alle, die Teil der Arbeitsgruppe wurden und damit zeitweilig den Status eines UN-Geheimermittlers erhielten, arbeiteten wie Agenten „undercover“ und waren verpflichtet, ihre wahre Identität und Funktion verborgen zu halten.
Der junge Kerl, der sich ihm näherte und ihn durch seine moderne Brille schon von weitem intensiv musterte, trug einen UN-blauen Anzug und hatte einen ebenso blauen Dokumentenhalter mit einer Namensliste in der Hand. Er wurde von ihm mit einer nüchtern und seriös wirkenden Geschäftigkeit willkommen geheißen, die lediglich durch die deutlich erkennbare Neugier in seinen Blicken eine persönliche Note erhielt.
„Dr. Morris, nehme ich an. Es fehlt ja nur noch einer auf der Liste. Mein Name ist Peter Mayfield und ich bin heute Vormittag für Sie zuständig.“
Mo war als letzter deutlich verspätet erschienen, wodurch er sich schon gleich zu Anfang in die Sonderrolle manövrierte, die ihm meistens zufiel. Er folgte Mayfield zu der Gruppe, in der er genau 23 Leute zählte. Als er es sich nicht nehmen ließ, jedem einzelnen seiner neuen „Kolleginnen und Kollegen“ persönlich zu begrüßen, vermied er es instinktiv sich mit seinem Namen vorzustellen. „Dr. Morton Morris“ existierte offiziell schon jetzt nicht mehr, auch wenn er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, welchen Decknamen er für die geheime Auslandsoperation erhalten würde. Die ausgewählten Ermittler waren schätzungsweise zwischen 30 und 55 Jahre alt, und ihm fiel sofort auf, dass die meisten von ihnen nicht wie typische US-Amerikaner aussahen.
Mayfield hielt sich nicht lange mit Begrüßungsfloskeln auf und machte sich direkt daran, die Aufgabe zu erfüllen, die ihm von seinem Chef Goldsworthy aufgetragen worden war: Er sollte der Gruppe die wichtigsten Säle und Gebäudeteile zeigen und ihr etwas über die Geschichte der UN erzählen. Als sich der kleine Menschentross unter seiner Führung in Bewegung setzte, bildete Mo das Schlusslicht, bis sich nach einiger Zeit eine junge, arabisch aussehende Dame an seine Seite heftete. Er spürte genau, dass sie kein zufälliges Interesse an ihm hatte und aus irgendeinem bestimmten Grund seine Nähe suchte. Ihre schlanke, in einem modischen, weißen Kostüm steckende Figur verlieh ihr zusammen mit ihrem langen, schwarzen Haar eine außergewöhnlich attraktive Erscheinung und ihre vornehmen Gesichtszüge verrieten Bildung und Intelligenz. Die schöne Unbekannte machte keinen Hehl aus ihrem Namen und stellte sich ganz offen als Sofia Merizadi vor, wobei sie ihm noch ihre Visitenkarte unter seine Nase hielt: Sofia Merizadi, Abteilung für die Rechte und den Schutz der Frauen beim United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR). Er wog die Visitenkarte für einen Moment nachdenklich in seinen Händen und kam dann zu dem nicht sehr fern liegenden Schluss:
„Ich nehme an, Sie sind für die Rechte und den Schutz der Frauen in den Gebieten der UN-RN zuständig?“
„Das ist richtig, auch wenn damit mein gesamtes Aufgabenfeld noch nicht ganz exakt umrissen ist“, entgegnete Merizadi in einem akzentfreien Englisch, das darauf schließen ließ, dass sie in den USA aufgewachsen war.
„Dann umreißen Sie es bitte ein wenig genauer, damit ich mir etwas vorstellen kann. Ich bin, was die Aufgabenfelder der UN angeht, noch nicht gut informiert“, forderte er mit der charmanten und Vertrauen erweckenden Freundlichkeit, die ihn Fremden gegenüber sofort sympathisch wirken ließ. Es war eine Freundlichkeit, die einem besonderen psychologischen Einfühlungsvermögen entsprang und bei einer Frau wie Merizadi sofort auf fruchtbaren Boden fiel. Während sie einem breiten, hell erleuchteten Gang folgten, der mit großen grauen und weißen Fliesen im Schachbrettmuster ausgelegt war, erklärte sie:
„Wie Sie wahrscheinlich wissen, befindet sich das Hauptquartier des UNHCR in Genf. Meine Grundaufgabe besteht zusammen mit einer Reihe weiterer Kollegen und Kolleginnen darin, den Hochkommissar für Flüchtlinge hier in New York beim UN-Treuhandrat zu vertreten. Die Verantwortung für die UN-RN fällt beiden Organen zu – der Treuhandrat übernimmt den administrativen Teil, während der UNHCR als der humanitäre Betreuer der Flüchtlinge auftritt.
In meine Zuständigkeit fällt der gesamte Weg, den eine Frau – beziehungsweise auch ein Kind oder ein Mädchen - nimmt, und nicht nur ihr Aufenthalt in einem UN-RN-Gebiet. Wir in unserer Abteilung interessieren uns für das Leben der Frauen in ihren Heimatländern, die Gründe, warum sie zu Flüchtlingen werden, ihren Weg, der sie in ein anderes Land oder in eines unserer Gebiete führt, ihre Lebensbedingungen dort und alles, was danach sonst noch geschieht. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz, der nichts von dem ausblenden will, was einer Frau, die sich in Not befindet, widerfahren kann. Wir arbeiten bewusst allen Tendenzen in der Gesellschaft entgegen, die versuchen etwas von dem unter den Teppich zu kehren, was Frauen im 21. Jahrhundert noch immer an Unrecht erdulden müssen.“
„An was für Dinge denken Sie speziell?“, fragte er, während die Gruppe mittlerweile eine leicht geschwungene, moderne Treppe hinaufstieg.
„Ich ziehe das gesamte Spektrum krimineller Energien und Handlungen in Betracht, die man überall auf der Welt finden kann. In unserem Bereich haben wir es mit Menschenhandel, sexueller Nötigung, Zwangsprostitution, Vergewaltigung, allen Formen von körperlicher Gewalt und Folter, Erpressung, Ausbeutung und seelischer Unterdrückung zu tun. Wir kümmern uns auch um so heikle Dinge wie etwa die rituelle Beschneidung von Frauen, die natürlich in den meisten Fällen gegen deren Willen vorgenommen wird.
Mich würde interessieren, welchem der beiden großen Lager Sie als Kriminologe zuzuzählen sind: Gehören Sie zu den Hardlinern, die ein maximales Strafmaß für den Täter fordern, oder verfolgen Sie eher den weichen Verständnisansatz, der die Gründe für die Tat verstehen will? Ich bin übrigens kein Psychologe wie Sie, denn ich habe Recht und Politik studiert.“
Mo antwortete nicht sofort, da sich die Gruppe jetzt vor dem Eingang zu einem der Hauptsäle sammelte und Mayfield im Ton eines Fremdenführers ankündigte:
„Wir betreten gleich die Besuchergalerie des Sitzungssaals des UN-Sicherheitsrates. Er wird auch der norwegische Saal genannt, weil er von Norwegen gestiftet worden ist. Das große Wandbild, das Sie im Hintergrund sehen werden, zeigt in seinem Zentrum einen Phönix als Symbol für den Neubeginn nach dem zweiten Weltkrieg. Näheres dazu gleich.“
Er öffnete die großen, modernen Türen der Besuchergalerie, und die 24-köpfige Gruppe folgte ihm langsam und ehrfürchtig ins Innere, so als beträte sie ein Museum oder eine Kathedrale.
„Ich halte selbstverständlich beide Ansätze für berechtigt, Mrs. Merizadi. Die harte Strafe…“
„Miss Merizadi“, wurde er von ihr sofort etwas brüsk korrigiert. Er nahm den Einwurf mit scheinbar desinteressierter Miene hin, obwohl ihm eine „Miss Merizadi“ instinktiv lieber als eine „Mrs. Merizadi“ war. Nach dem Betreten des Saales fuhr er fort:
„Ich betrachte eine harte Strafe als das unverzichtbare Korrektiv, zu dem das Tätergewissen in den meisten Fällen selber nicht mehr fähig ist. Und das Verstehen der Hintergründe wiederum ist unerlässlich, um die Ursachen krimineller Taten auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene zu bekämpfen. Einseitigkeit, egal in welchem Lebensbereich, halte ich grundsätzlich für dumm und schädlich. Sie führt nicht nur bei den Hardlinern zu den drastischsten Übertreibungen und Verzerrungen, sondern auch auf der Gegenseite, wenn es unter dem Deckmantel einer falsch verstandenen Toleranz und Menschlichkeit zu sozialen Verhältnissen kommt, in denen das Verbrechen ungehindert blüht und gedeiht. Wenn Kriminelle über eine verweichlichte Judikative, Legislative und Exekutive lachen, kann das kaum im Sinne eines gesunden Staatswesens sein.“
Seine Begleiterin nahm das Statement mit ein paar zustimmenden Lauten auf, so als ob sie seine Meinung grundsätzlich teilte. Er verstand natürlich, dass sie kaum den „weichen Ansatz“ vertreten konnte, da sie von Berufs wegen permanent mit drastischen Unrechtsfällen konfrontiert war, die hunderttausende Frauen weltweit betrafen.
Die Unterhaltung wurde unterbrochen, da sie in diesem Moment die Besuchergalerie des imposanten norwegischen Saales betraten. Sie wirkte wie der erhöhte Rang eines Theaters, von dem man auf den runden Konferenztisch des Sicherheitsrates wie auf eine Bühne hinuntersah. Der Tisch wurde in einigem Abstand von zwei Reihen blauer Stühle umrahmt, die für die Berater der vor ihnen sitzenden Delegierten reserviert waren. Rechts und links schlossen sich je drei Reihen roter Stühle für die Vertreter derjenigen UN-Mitgliedsländer an, die an einer Sitzung teilnehmen durften, aber über kein Stimmrecht verfügten.
Mos Blick blieb kurzzeitig an dem riesigen, den gesamten Saal dominierenden Wandgemälde mit dem Phönix hängen und er betrachtete flüchtig die je zwei langen und schmalen Glasscheiben an der rechten und linken Wand, hinter denen bei Sitzungen die Dolmetscher saßen. Dann meinte er zu Merizadi rundheraus:
„Gehören Sie etwa auch zu denjenigen, die undercover in die UN-RN einreisen sollen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Frau wie Sie als Agentin arbeiten soll! Einer Wissenschaftlerin müsste doch eigentlich ein anderes Aufgabengebiet zufallen.“
Die Bemerkung war eher als Kompliment gemeint, aber bei der schönen Feministin, in deren feinen, orientalischen Zügen die Spuren eines gewissen Stolzes nicht zu übersehen waren, löste sie geradezu Empörung aus.
„Denken Sie, eine Frau wäre nicht in der Lage dazu, eine solche Aufgabe zu erfüllen? Noch dazu, wenn sie gebildet ist? Bis auf Mr. Mayfield ist jeder, den Sie heute hier sehen, so etwas Ähnliches wie ein künftiger Agent. Dass die Leute nicht so aussehen und größtenteils über einen untypischen Werdegang verfügen, betrachten wie als Teil einer besonderen Strategie. Im Grunde sind Sie es, der in diesem Club die größte Ausnahme darstellt. Soweit ich weiß, hat man sich für Ihre Teilnahme an dem Projekt erst sehr kurzfristig entschieden. Ihr Gesicht ist während Ihres letzten Falles immer wieder durch die Medien gegangen, was für eine verdeckte Ermittlung natürlich nicht sehr günstig ist. Sie werden vielleicht ein paar Veränderungen an Ihrem Aussehen vornehmen müssen.“
Mo folgte den umfangreichen Ausführungen, die Mayfield über den Sicherheitsrat von sich gab, schon länger nicht mehr und war plötzlich nur noch an der gut informierten Frauenrechtlerin interessiert.
„Wie viele von diesen Leuten hier sind von der UN?“, wollte er von ihr wissen, während sie sich auf zwei der gut gepolsterten Sessel der Galerie niederließen.
„Ziemlich genau die Hälfte. Wir können bei den meisten unserer Projekte nur über eine begrenzte Zahl eigener Mitarbeiter verfügen und sind gezwungen Externe zu rekrutieren. Bei besonderen Operationen hat es auch Versuche gegeben, mit verschiedenen Geheimdiensten zu kooperieren. Wegen der möglichen Interessenskonflikte hat sich dies in der Praxis jedoch oft als schwierig erwiesen. Die UN verfolgt grundsätzlich andere Ziele, als es Nationen tun. Die Einmischung eines nationalen Geheimdienstes in die Angelegenheiten der UN kann unter Umständen zu nachhaltigen Verstimmungen bei diversen UN-Mitgliedsländern führen.“
„Das ist leicht nachzuvollziehen. Soweit ich weiß, besaß die UN in ihren Einrichtungen bisher keine echten, eigenen Hoheitsrechte, sondern nur diplomatische Immunität. Mit der Gründung der UN-RN hat sich das geändert. Ich könnte mir vorstellen, dass nicht alle Nationen diesen Machtzuwachs der UN positiv sehen.“
„Selbstverständlich nicht, Dr. Morris. Ich bin übrigens nicht so einseitig und ideologisch befangen, nicht auch Kritik an unserer Organisation zulassen zu können. Offiziell ging es der UN nur darum, bestimmte Menschenrechtsstandards in den Gebieten der UN-RN zu wahren und besonders betroffene Nationen von den hohen Einwanderungszahlen zu entlasten. Aber im Hintergrund ging es natürlich immer auch um den Machtzuwachs, der mit dem Großprojekt des Flüchtlingsstaates verbunden ist. Keine Organisation, so menschlich und moralisch sie sich in ihren Zielen auch immer geben mag, kann sich davon freisprechen, an der Ausweitung ihrer eigenen Einflusssphäre interessiert zu sein. Als supranationale Vereinigung wird die UN grundsätzlich besonders kritisch daraufhin geprüft, ob ihr Machtzuwachs auf Kosten einzelner Nationen geht. Die Gebiete, die der UN von diversen afrikanischen und europäischen Ländern sowie von Russland und der Türkei zur Verfügung gestellt wurden, wurden ausdrücklich nur als eine zeitlich befristete Überlassung definiert. Die UN-RN gelten als eine hoheitliche Sonderform, die nicht mit den ideellen Hoheitsansprüchen der UN als solches identisch sind. Das ist eine juristische Unterscheidung, die eine gewisse Tragweite hat. Mit dieser Regelung soll von vornherein ausgeschlossen werden, dass die UN auf längere Sicht durch die Beanspruchung fremder Gebiete die Unterwanderung und Auflösung einzelner Nationen anstreben könnte. Zu dieser Regelung gehört auch, dass die in der UN-RN beschäftigten Angestellten und Beamten zu 60 Prozent aus denjenigen Ländern rekrutiert werden müssen, die die entsprechenden Gebiete zur Verfügung gestellt haben.“
Merizadi beendete ihre Erläuterungen, da sich die Gruppe anschickte, die Galerie wieder zu verlassen und zu dem nächsten Saal zu wandern.
„Könnte vielleicht einer der Gründe für unseren Auftrag mit dieser Regelung in Zusammenhang stehen?“, entgegnete Mo ahnungsvoll, während sie sich wieder erhoben.
„Diese Vermutung ist nicht ganz falsch, Dr. Morris. Es geht um Korruption aber auch um andere Dinge. Sie ist in den verschiedenen Gebieten unterschiedlich stark ausgeprägt. In manchen müssen wir fast die gesamten Kräfte unseres eigenen Personals aufwenden, um die übrigen 60 Prozent der Angestellten zu kontrollieren. Auf Dauer ist das natürlich ein untragbarer Zustand, der mit immensem Aufwand verbunden ist.“
Obwohl sich die Unterhaltung gerade erst entwickelt hatte, zog sich Merizadi plötzlich wieder von ihm zurück, indem sie auf einen untersetzten, schwarzhaarigen Mann mit dichtem Vollbart und runder Brille wies und meinte:
„Ich werde ein paar Takte mit einem Kollegen reden. Ich würde mich freuen, wenn wie unsere Unterhaltung später fortsetzten könnten.“
So überraschend wie die Ankündigung kam, so schnell verschwand sie an der Seite des Mannes, der durch seinen schwarzen Bart und seine Nickelbrille wie ein arabischer Universitätsprofessor aussah, aus dem Saal.
Er war wieder allein und fiel erneut an das Ende der Gruppe zurück, während Mayfield seine Führung durch das UN-Gebäude fortsetzte. Er ging dabei sehr gewissenhaft und gründlich vor, da er offenbar nicht vorhatte, auch nur einen einzigen der übrigen Räume und Säle auf seinem Rundgang auszulassen. Mo beobachtete immer wieder verstohlen, wie sich Merizadi mit dem schwarzhaarigen „Professor“ angeregt unterhielt. Obwohl er sie noch gar nicht kannte, fühlte er fast so etwas wie Eifersucht, nachdem sie ihm nach dem kurzen, aber intensiven Gespräch so plötzlich und unvermittelt ihre Aufmerksamkeit entzogen hatte.
Auf der langen Führung stellte sich bald Langeweile ein und sein Interesse erwachte erst sehr viel später wieder, als sie einen wichtigen Hauptsaal betraten: Es war der Saal, in dem die UN-Generalversammlung zusammenkam. Sein Wahrzeichen, die markante, riesige Kuppel, die das Gebäude nach außen sichtbar überragte, verlieh ihm etwas von dem Charakter eines Sakralbaus. Der Eindruck wurde durch die Sitzreihen verstärkt, die eine gewisse Analogie zu Kirchenbänken aufwiesen, sowie durch das riesige UN-Emblem, das an der Stirnseite des Saals von einer großen, goldenen Fläche umschlossen wurde. Der Tisch mit den drei Plätzen für die Vorsitzenden der Versammlung, der sich direkt am Fuß der goldenen Fläche befand, bekam in Mos Wahrnehmung Ähnlichkeit mit einem Altar, auf dem die große Idee der weltweit geeinten Nationen gleichsam religiös zelebriert wurde.
Er bekam keine Gelegenheit, den eindrucksvollen Raum weiter auf sich wirken zu lassen, weil er Dr. Timothy Goldsworthy an der Seite eines untersetzten, dicken Mannes den Saal betreten sah. Als Goldsworthy ihn erspähte, steuerte er direkt auf ihn zu und dirigierte dabei den Anderen lebhaft redend und gestikulierend neben sich her. Im Vergleich zu dem extravaganten, modisch gekleideten Goldsworthy, dessen Bewegungen an die eines stolzen Pfaus erinnerten, wirkte sein schwarzhaariger, südamerikanisch aussehender Begleiter durch seine würdige Haltung und seine aufgeräumten Gesichtszüge wie ein durch und durch seriöser Kerl.
„Dr. Morris, was für eine Freude Sie hier zu sehen!“, wurde er bald von Goldsworthy mit einer etwas künstlich wirkenden Überschwänglichkeit begrüßt. Dabei hielten sie sich im Eingangsbereich des Saales auf und wurden von einigen aus der Gruppe neugierig beäugt. „Ich war mir nicht ganz sicher, ob Sie meiner Einladung hierher wirklich folgen würden. Ich hatte schon die Befürchtung, Sie könnten sich zu dem Abenteuer nicht entschließen, da es einige Entbehrungen mit sich bringt. Ein Luxusleben können wir Ihnen auf Ihrer Reise in der UN-RN natürlich nicht bieten.“
„Da kennen Sie mich schlecht. Wenn ich sage, ich komme, komme ich!“, versicherte Mo mit einem Ton heiliger Überzeugung, der ein freundliches Grinsen in die Gesichter der Männer treten ließ.
„Natürlich, natürlich, ich scherze ja bloß. Sie hatten ja den Vertrag unterschrieben. Es war übrigens eine sehr spontane Idee, Sie zu engagieren. Wie sagt man doch: Ungewöhnliche Aufgaben erfordern ungewöhnliche Menschen. Die Idee kam uns, nachdem jemand anderes kurzfristig ausgeschieden ist. Ich möchte Ihnen Carlos Lozano vorstellen. Er ist der Präsident des UN-Treuhandrats. Sie haben Glück, nicht jeder lernt ihn persönlich kennen!“
Als Mo Lozanos kräftige Hand schüttelte, spürte er intuitiv sofort, dass er einen grundehrlichen und integren Mann vor sich hatte. Die Sympathie schien beidseitig zu sein, da ihn Lozano mit ausgesprochener Freundlichkeit begrüßte.
„Ich habe einiges von Ihnen gehört, Dr. Morris, und freue mich sehr über Ihre Teilnahme an unserer Operation. Wenn Sie bei diesem Fall auch nur halb so erfolgreich wie bei Ihrem letzten sind, wäre für uns das Meiste schon gewonnen. Eine große Belohnung kann ich Ihnen allerdings nicht versprechen. Wie man hört, scheinen Sie Geld auch gar nicht mehr unbedingt nötig zu haben.“
„Geld ist nicht alles auf der Welt. Die Ehre, für eine Organisation wie die UN zu arbeiten, ist ja eigentlich schon Bezahlung genug. Obwohl es ja immer auch sehr viel Kritik an ihr gegeben hat…“
Mo biss sich auf die Zunge, da seine Bemerkung beinahe an einen diplomatischen Fauxpas grenzte. Es war nicht gerade der richtige Moment, auf Kritik an der UN zu sprechen zu kommen, wenn man das erste Mal im Leben einen derart hohen UN-Repräsentanten traf. Es war zu spät, denn Lozano hakte sofort voller Neugier nach:
„An welche Art von Kritik dachten Sie genau? An allem, was groß ist, wird auch immer viel kritisiert. Das ist eigentlich ganz normal.“
Seine Freundlichkeit ließ um keinen Deut nach und er schien an einer ehrlichen Antwort aufrichtig interessiert zu sein. Seine unerwartete Offenheit reizte Mo dazu, mit dem dunkelsten Aspekt herauszurücken, der ihm spontan einfiel.
„Wie ich hörte, wurde das Gelände des UN-Hauptquartiers von einer alt bekannten Familie gestiftet. Der Name dieser Familie ruft Assoziationen an bestimmte elitäre Zirkel hervor. So sollen etwa gewisse Freimaurerkongregationen, die den alten Traum von einer neuen Weltordnung und einer Eine-Welt-Regierung noch nicht aufgegeben haben, die UN als ein sehr geeignetes Vehikel für die Erfüllung ihrer Träume sehen…“
Lozano war zu klug, um sich gänzlich naiv zu geben, und so ließ er ein verstehendes Lachen hören und versicherte sofort:
„Ich weiß genau, worauf Sie anspielen, glauben Sie mir. Es kursieren einige Theorien in dieser Richtung, die manche auch Verschwörungstheorien nennen. Ich persönlich weiß sogar, dass einige Aspekte dieser Theorien nicht ganz unberechtigt sind. Allerdings darf ich Sie beruhigen: Ich bin überzeugt, keine Geheimgesellschaft der Welt wird jemals einen solchen Einfluss erlangen, dass sie eine globale Institution wie die UN unterwandern kann. Überhaupt halte ich persönlich es für unmöglich, diese Welt jemals zu einen und eine einzige Weltregierung aufzubauen. Auch wenn sich der Begriff Einigung grundsätzlich positiv anhört, bin ich sicher, dass eine solche einheitliche Weltregierung niemals in der Lage wäre, den Bedürfnissen all der verschiedenen Menschen in all den verschiedenen Erdteilen auf angemessene und demokratische Weise gerecht zu werden.
Obwohl die Gründung supranationaler Vereinigungen im beginnenden dritten Jahrtausend im Trend zu liegen scheint – die EU ist eines der deutlichsten Beispiele dafür – glaube ich nicht, dass sich dieser historische Trend langfristig als vorherrschende Staats- beziehungsweise Regierungsform durchsetzen wird. Ich erinnere Sie: Die Sowjetunion, eine der größten Staatenbünde überhaupt, zerfiel, bevor die EU ihre Grenzen niedergerissen und den Euro eingeführt hat. Länder und Nationen, Staatenbünde und Organisationen entstehen und vergehen und entstehen wieder neu. Die Geschichte, wie wir sie momentan erleben, zeigt uns fast nichts, was es nicht schon einmal gegeben hätte. Auch Währungsunionen hat es schon lange vor dem Euro gegeben. Wir alle erleben nur einen winzigen Ausschnitt aus der großen Weltgeschichte und nehmen uns meiner Ansicht nach viel zu wichtig dafür.
Ich persönlich wäre schon zufrieden, wenn sich eine Vereinigung wie die UN weiterhin über einige Jahrhunderte halten könnte und erfolgreich die Aufgaben erfüllen würde, für deren Erfüllung sie gegründet worden ist: Kriege verhindern, den Frieden festigen, befreundete und befeindete Nationen an den Verhandlungstisch holen, die Einhaltung der Menschenrechte sichern und jeden Ausbruch von Barbarei so schnell wie möglich im Keim zu ersticken.“
Lozanos spontane, kleine Ansprache bewies, wie sehr er es als Präsident des Treuhandrates gewohnt war, Reden zu halten. Bevor Mo zu einer angemessenen Antwort ansetzen konnte, bemühte sich Goldsworthy, das Gespräch nicht weiter ausufern zu lassen und in eine andere Richtung zu lenken.
„Vielleicht freut es Sie zu hören, Dr. Morris, dass das Tagesprogramm in Kürze ein Mittagessen in der Cafeteria vorsieht. Heute Nachtmittag werden Sie dann nähere Einzelheiten über die administrativen Strukturen, die Gebiete und die verschiedenen Orte und Städte der UN-RN erfahren. Es handelt sich um ein Seminar, das außerhalb des Geländes in einem Bürogebäude in der Nähe stattfinden wird. Sie werden über die technische Ausstattung, die Sie dort antreffen werden, erstaunt sein. Unser Hauptsitz hier am United Nations Plaza ist bereits mit einer gewissen historischen Patina überzogen, doch dort werden Sie das moderne Gesicht der UN kennen lernen. Sie werden eine dreidimensionale Animation erleben, die Ihnen alles Wesentliche zeigt, was Sie nach Ihrer Ankunft in Ihrem Zielgebiet erwarten wird.“
„In der Tat haftet den Räumen hier nach rund 70 Jahren bereits etwas Historisches an. Die Architektur dieses Saales hat in meinen Augen fast etwas Kultisches oder Religiöses an sich…“
Mo lachte und wies dabei zu dem Platz des Präsidenten der UN-Generalversammlung, der ihn bereits kurz nach dem Betreten des Saales an einen Altar erinnert hatte.
„In vielen großen Ideen ist erheblich mehr enthalten, als man bei alltäglicher Betrachtung auf Anhieb erkennen kann“, fiel Lozano mit einem enigmatischen Lächeln dazu ein. Der vieldeutig klingende Satz blieb unkommentiert stehen, da Goldsworthy nach einem schnellen Blick auf seine Uhr Aufbruchsstimmung verbreitete.
„Auf Mr. Lozano und mich wartet ein Meeting im Sekretariatshochhaus. Wir wollten uns nur kurz versichern, dass die Teilnehmer der Arbeitsgruppe zu ihrem ersten Treffen vollzählig erschienen sind. Wir werden uns vor Ihrer Abreise noch einige Male begegnen. Die Vorbereitung wird ja noch etwa 10 Tage in Anspruch nehmen und ich selber werde nächste Woche vor Ihnen allen einen Vortrag über die UN-RN halten.“
Als sich die Beiden daraufhin bereits abwenden wollten, schob Goldsworthy noch hinterher:
„Haben Sie sich eigentlich schon mit Miss Merizadi unterhalten?“
Der Klang seiner Stimme und sein Lächeln signalisierte Mo genau, wie sehr in dieser Frage eine besondere Bedeutung lag.
„Ja, warum?“, entgegnete er mit einem forschendem Blick.
„Ach nur so, ich wollte es nur wissen. Sofia ist eine wunderbare Frau. Sie leistet beim Treuhandrat eine fabelhafte Arbeit. Ich arbeitete früher schon einmal in Genf mit ihr zusammen. Sie ist sehr ehrgeizig und engagiert, was auch erklärt, warum sie sich vorübergehend für die Arbeit als verdeckte Ermittlerin beworben hat. Ihr Vater war im Iran ein bekannter Atomwissenschaftler, der in die USA auswanderte. Ihre Mutter stammt aus Syrien, weswegen sie sowohl persisch als auch arabisch spricht. Das sind natürlich die idealsten Voraussetzungen für den Job.
Sie ließen durchblicken, Sie hätten einige Spanisch- und Französischkenntnisse, Dr. Morris? Ich denke, drei Sprachen dürften insgesamt mehr als genügen, um im Flüchtlingsstaat zurechtzukommen.“
Goldsworthy und sein hochrangiger Begleiter warteten eine Antwort hierauf nicht mehr ab und ließen ihn mit einem letzten Gruß allein. Mo stellte zufrieden fest, dass Mayfield seine Ausführungen über den großen Kuppelsaal mittlerweile beendet hatte und im Begriff war, die Gruppe in Richtung des Ausgangs zu führen.
