Beschreibung

Das Jurastudium wird immer trockener, das elterliche Reihenhäuschen immer enger. Die Lösung verspricht ein Job und eine eigene Wohnung. Sich selbst über sein Berufsprofil nicht ganz im Klaren, gelingt Dick in der ominösen Bankanstalt ein rasanter Aufstieg, der Druck wächst. Gleichzeitig wissen die Eltern immer noch nichts von der neuen Wohnung, ein überteuertes Loch in einer üblen Gegend, und schließlich entdeckt er ein lange gehütetes Geheimnis seines Vaters. Dick gerät immer mehr in Bedrängnis und flüchtet sich bald in seine eigene Wirklichkeit als Mobbing Dick. Es beginnt eine packende und extreme Irrfahrt, bei der er immer mehr die Kontrolle über sein Alter Ego verliert.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 342


Tom Zürcher

Mobbing Dick

Roman

Der Salis Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einemStrukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.

Wir danken dem Kanton Zürich und der Stadt Zürich fürdie Unterstützung dieses Buches.

 

Tom Zürcher

 

Mobbing Dick

 

Roman

Verlag

Salis Verlag AG, Zürich

 

[email protected]

 

www.salisverlag.com

Lektorat

Anja Linhart

Korrektorat

Patrick Schär

Satz

Peter Löffelholz

Umschlaggestaltung

André Gstettenhofer

Umschlagbild

»Telefono pubblico grunge«

 

von Giuseppe Porzani, Adobe Stock

Gesamtrealisation

www.torat.ch

Gesamtherstellung

CPI Books GmbH, Leck

 

1. Auflage 2019

 

© 2019, Salis Verlag AG

 

Alle Rechte vorbehalten

 

ISBN 978-3-906195-83-4eISBN 978-3-906195-84-1

 

Printed in Germany

Für Gino

Für Isabelle

Es gibt keine bösen Menschen.

Nur Menschen, die Böses tun.

Wenn der Druck stimmt.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Kapitel 89

Dank

Zum Autor

1

Am Anfang ist Dick nur zu seinem Arm böse. Er beißt hinein, bis er zum Arzt muss und dieser ihn über den Brillenrand hinweg anschaut und sagt:

Was ist das?

Ein Hund?

Das ist kein Hund.

Nein.

Dick mag den Arzt, aber er kann ihm nicht alles sagen, da er auch der Arzt seiner Eltern ist. Die Wunde sieht eklig aus und er schämt sich, dass der andere sie berühren muss. Der Arzt bestreicht sie mit Salbe.

Tut’s weh?

Es geht.

Was tut sonst noch weh?

Die Salbe riecht nach Kamille und Kinderspielplatz und Dick beginnt nun doch zu erzählen. Vom Jurastudium, das immer trockener wird. Vom elterlichen Reihenhäuschen, das immer enger wird. Vom Vater, der in der Küche Nachrichten hört, während Mutter im Keller Unterhosen wäscht.

Ich kriege keine Luft mehr, sagt er.

Und beißen hilft?

Der Arzt verbindet den Arm und fragt, was Dick tun würde, wenn er das Leben so leben könnte, als gehörte es ihm. Dick braucht nicht lange zu überlegen. Er würde aufhören zu studieren, einen Job suchen und zu Hause ausziehen. Vielleicht sollte er das tun, meint der Arzt. Schon seinem Arm zuliebe.

Wenige Tage später sitzt Dick im Büro einer Personalfrau. Sie hat einen strengen Pferdeschwanz gebunden und will wissen, wieso er Dick heißt, sie kennt keinen anderen Schweizer, der so heißt. Da ihm die Wahrheit peinlich ist, sagt er, dass er bei der Geburt sechs Kilo gewogen hat.

Sechs Kilo? Ihre arme Mutter!

Sie ist wohlauf.

Die Personalfrau wischt ein langes, schwarzes Haar vom Tisch und fragt, weshalb er das Studium abgebrochen hat.

Aus gesundheitlichen Gründen.

Was?

Er will ihr die Bisswunde zeigen, aber sie ist schon bei der nächsten Frage. Warum er hier arbeiten möchte. Weil seine Mutter früher hier gearbeitet hat.

Sie meinen, vor der Sechskilogeburt?

Genau.

Wissen Sie was? Ich glaube Ihnen kein Wort.

Sie hat aber wirklich hier gearbeitet.

Die Personalfrau blättert in den Unterlagen. Er soll von seinen Stärken erzählen. Gibt es etwas, das er besonders gut kann? Essen. Wie bitte? Er kann essen, so viel er will, ohne zuzunehmen.

Sie meinen, Sie sind ein Dick, der nicht dick wird?

Genau.

Das ist doch keine Stärke. Wir sind eine Bank und kein Restaurant.

Sie seufzt.

Reden wir über Ihre Schwächen. Haben Sie eine?

Süßes.

Also nein! Ist das Ihr erstes Bewerbungsgespräch?

Sie steht auf und begleitet ihn zum Ausgang, wobei sie nochmals auf seinen Namen zurückkommt:

Verraten Sie mir, wieso Sie so heißen?

Krieg ich dann den Job?

2

In der kleinen Küche riecht es nach Rosmarin. Mutter holt ein Huhn aus dem Backofen und zerteilt es. Vater faltet die Neue Zürcher Zeitung zusammen und legt sie weg, damit Mutter die Teller hinstellen kann. Sie fragt, wie es bei der Bank gelaufen ist, und Dick sagt, die Personalfrau hat seinen Namen komisch gefunden.

Meier?

Den Vornamen.

Wieso komisch?

Ssst!, macht Vater, weil im Radio die Nachrichten kommen. Lustigerweise ist auch etwas von Dick Cheney dabei. Er soll einem Freund bei der Jagd ins Gesicht geschossen haben. Der Arme, sagt Mutter, während Vater betrübt sein Hühnerbein salzt. Dick weiß, ihr Mitgefühl gilt nicht dem Opfer, sondern dem Schützen. Für die Eltern ist Dick Cheney ein Held. Das war er schon, bevor er Vizepräsident der Vereinigten Staaten wurde, und ist es bis heute geblieben, auch wenn er nur noch nach einem Herzinfarkt oder Jagdunfall in den Medien auftaucht. Die Eltern bewundern seinen Ehrgeiz und seine Entschlossenheit. Ein Mann, der zupacken kann und sich nicht von seinem Ziel abbringen lässt, auch nicht durch das Gesicht eines Freundes.

Nach dem Essen fragt Vater, wie viel Dick bei der Bank verdienen würde. Großbanken zahlen gut, hat er gehört, selbst bei Studienabbrechern. Mutter macht ein Gesicht wie ein zerrissenes Küchentuch. Sie hat es noch nicht überwunden, dass aus ihrem Sohn kein Dr. Rechtsanwalt werden wird. Aber vielleicht schafft er es ja zum Bankprokuristen oder gar Chefprokuristen. Ihr damaliger Abteilungsleiter war Chefprokurist. Ein Mann, von dem sie noch heute schwärmt, weil er Dick Cheney in Gestalt und Charakter ähnlich war und großen Mut und Tatkraft besaß. Wie in jenem heißen Sommer, als das Thermometer auf 35 Grad kletterte und die Männer der Abteilung fast erstickten. Da kam der Chefprokurist durch die Büros getrabt und brüllte mit hochrotem Kopf, alle Krawatten runter, sofort! Mutter bekommt noch heute eine Gänsehaut, wenn sie davon erzählt.

Denkst du, sie nehmen dich, Schatz?

Aus dem Keller ruft die Waschmaschine. Mutter steigt die schmale Treppe hinunter und Vater fragt, was Dick vorhat, wenn er Großverdiener ist. Leben, sagt Dick und Vater lächelt mit Senf in den Mundwinkeln und meint, er hat seiner Mutter sehr wehgetan.

Ich kann nur hoffen, du ersparst ihr weiteren Kummer.

Dick nimmt sich das restliche Huhn und die Bratkartoffeln und Vater sagt, das Schlimmste wäre jetzt, wenn er ausziehen würde. Das würde Mutter nicht verkraften.

Wieso?

Bist du etwa schon auf Wohnungssuche?

Dick stopft sich den Mund voll, um nicht reden zu müssen, und Vater erklärt, dass sie hier rausmüssten, wenn Dick sie im Stich ließe. Das Reihenhäuschen gehört einer Genossenschaft, deren Statuten besagen, dass man mindestens zu dritt sein muss, um hier wohnen zu dürfen.

Deine Mutter könnte ohne das Häuschen nicht leben, sagt er. So viele Erinnerungen sind für sie damit verbunden.

Quatsch, denkt Dick. Mutter würde liebend gern in die Stadt ziehen, das hat sie schon oft gesagt. Vater ist es, der am Häuschen hängt, weil es so günstig und weil ringsherum viel Wald für seine Sonntagsspaziergänge ist.

Du fühlst dich doch wohl hier bei uns, nicht?

Nein.

Was?

Doch, Scherz.

Mutter kommt zurück und Vater sagt, Dick hat soeben versichert, dass er gerne bei ihnen wohnt, sie braucht sich also keine Sorgen zu machen. Sie macht sich keine Sorgen, sagt sie und sieht, dass die Schüsseln leer sind. Wo tut Dick das bloß alles hin? Kein Wunder, ist das Haushaltsportemonnaie immer leer.

Sie werden mich wahrscheinlich nicht nehmen, sagt er.

Wieso nicht?

Weil nicht alle Dick Cheney mögen.

Hast du etwa gesagt, dass …?

Ich konnte die Personalfrau ja schlecht anlügen.

3

An seinem ersten Arbeitstag bringt Dick eine Schachtel Cremeschnitten mit. Er nimmt im Büro der Personalfrau Platz und sieht ihrem Pferdeschwanz zu, der aufgeregt zuckt, während sie ihn über das Schweizer Bankgeheimnis aufklärt. Sie sagt, das Bankgeheimnis ist zu einem großen Teil abgeschafft worden, aber er darf trotzdem nichts sagen, zu niemandem, verstanden? Sonst drohen Buße, Gefängnis und Ächtung auf dem Arbeitsmarkt. Apropos Arbeitsmarkt, er hat Glück, dass dieser zurzeit so ausgetrocknet ist und sie nicht allzu wählerisch sein dürfen. Fragen? Gut.

Nachdem er zahlreiche Papiere unterzeichnet hat, händigt sie ihm einen Personalausweis aus und sagt, willkommen bei der Schweizerischen Bankanstalt. Er öffnet seine Schachtel, holt ein Stück Cremeschnitte heraus und streckt es ihr hin, aber sie wehrt mit gespreizten Fingern ab und er legt es wieder zurück. Dann betritt ein junger Mann das Büro und die Personalfrau stellt ihn als Herrn Bachmann vor und sagt, das ist sein Chef.

Herr Bachmann trägt Hemd und Krawatte. Das Hemd hängt ihm über die Hose, was etwas hilflos wirkt, als habe er sich nicht fertig angezogen. Er streckt Dick die Hand hin, aber Dick kann ihm seine nicht geben, da sie zuckrig ist von der Cremeschnitte. Er fasst erneut in die Schachtel und will eine herausholen und die Personalfrau sagt, nun hören Sie doch mit dem süßen Zeug auf.

Ich darf sowieso nicht, sagt Herr Bachmann, ich habe Diabetes.

Sie haben Diabetes? Davon steht aber nichts in Ihrer Akte, sagt die Personalfrau.

Herr Bachmann führt Dick in den dritten Stock hinauf. Sie schreiten durch einen Korridor und gelangen in ein kleines Büro mit zwei Schreibtischen. Der restliche Platz wird von einem panzerfarbenen Metallschrank ausgefüllt.

Gut, dass Sie da sind, sagt Herr Bachmann, wir haben wahnsinnig viel zu tun.

Er kratzt sich am Kopf und Dick denkt, wieso siezen wir uns, wir sind doch fast gleich alt. Dann klingelt das Telefon und Herr Bachmann rennt aus dem Büro. Dick setzt sich an seinen Schreibtisch und startet den Computer. Ein Passwort wird verlangt, er versucht es mit 123, worauf der Bildschirm schwarz wird und die Tastatur blockiert.

Er schaut aus dem Fenster auf den Paradeplatz hinunter. Der teuerste Boden der Welt, hat es zu Hause immer geheißen. Man sieht bis zur Confiserie Sprüngli, wo er die Cremeschnitten gekauft hat, die wirklich teuer waren. Er isst alle auf. Er guckt zur Decke, die viel zu hoch ist für das kleine Büro. Da oben hängen zwei Neonröhren, ungeheuer weit oben.

Er versucht nochmals den Computer zu starten, aber der bockt immer noch. Hoffentlich hab ich nichts kaputt gemacht, denkt er. Um zwölf Uhr zieht er die Jacke an und geht in die Mittagspause.

4

Als Dick vom Essen zurückkehrt, sitzt Herr Bachmann am Schreibtisch und arbeitet.

Mein Computer klemmt, sagt Dick.

Ich weiß, sagt Herr Bachmann und kratzt sich am Kopf. Dann klingelt sein Telefon und er rennt hinaus. Kurz darauf erscheint ein Mann von der IT. Er trägt eine dicke Jeanshose und setzt sich an Dicks Platz.

Tun Sie das nie wieder.

Was denn?

Sie wissen schon.

Er erlöst den Computer aus der Starre und verrät Dick sein Passwort. Es ist kompliziert und er muss es auswendig lernen. Man darf es nicht notieren, sagt der Mann, auf keinen Fall, es ist genauso heilig wie das Bankgeheimnis oder was davon übrig ist.

Das Bankgeheimnis musste ich aber nicht auswendig lernen, sagt Dick.

Kleiner Scherzkeks, hm? Was sind das für Krümel?

Cremeschnitte.

Haben Sie noch eine?

Der IT-Mann gibt ihm eine kurze Einführung ins Computersystem. Es ist nicht schwer, nur das Passwort ist schwer und Dick will wissen, was passiert, wenn man es vergisst.

Dann ist nicht gut. Gar nicht gut.

Nachher ist der Stuhl warm. Dafür weiß Dick jetzt, wie man Konten anschaut. Als Erstes guckt er nach, wie viel Herr Bachmann verdient. Geht nicht, die Konten der Arbeitskollegen lassen sich nicht aufrufen. Ob die Eltern auch Geld bei der Bankanstalt haben? Ja, tatsächlich, aber nur Vater, er besitzt ein Sparkonto. Dick ist versucht draufzuklicken und nachzusehen, wie viel sein alter Herr auf der hohen Kante hat, fühlt sich aber plötzlich beobachtet. Er blickt zur Decke. Ist da oben eine Kamera versteckt? Nein, sicher nicht. Oder?

Punkt fünf Uhr zieht er die Jacke an und geht. Im Korridor kommt ihm Herr Bachmann mit zwei dicken Ordnern entgegen. Er erinnert Dick daran, dass er über das, was sie hier machen, nicht reden darf.

Was machen wir denn?

Vermögensverwaltung.

Reiche Kunden und so?

Nicht so laut.

5

Statt nach Hause zu fahren, geht er eine Wohnung besichtigen. Sie liegt in einem finsteren Betonblock mit aufgebrochener Eingangstür. Im Treppenhaus riecht es nach saurem Fleisch, trotzdem hat sich eine lange Schlange gebildet.

Dicks Handy klingelt. Es ist Mutter, sie fragt, wo er steckt, Paps hat schon die Zeitung zusammengelegt.

Ich bin noch im Büro.

Überstunden? Schon am ersten Tag?

Mutter ist beeindruckt.

In der Wohnung verteilt eine kleine, rundliche Verwalterin Anmeldeformulare. Dick möchte sich zuerst umschauen und sie sagt, aber klar doch, nur zu. Er guckt in zwei dunkle Zimmer und eine kleine Küche. In der Ecke liegt Brot. Um nicht unhöflich zu sein, erkundigt er sich beim Rausgehen nach der Miete. Das hat doch in der Anzeige gestanden, sagt die Verwalterin, 2000 Franken im Monat.

2000 für dieses Loch?, denkt Dick und die Verwalterin lacht und sagt, das ist doch kein Loch, das ist günstig für Zürich. Dick wird rot im Gesicht, weil er laut gedacht hat. Die Verwalterin erklärt, man ist hier mitten im Langstraßenquartier und das ist sehr hip wegen der vielen Partys an den Wochenenden. Hip hip hurra, sagt Dick und wundert sich, dass er solchen Blödsinn rauslässt. Die Verwalterin lacht wieder und fragt, ob er bei der Post arbeitet, er hat so ein ehrliches Gesicht. Sie hält mich für jung und naiv, denkt er und streckt trotzig die Hand für ein Anmeldeformular aus. Ende des Monats wird oben noch eine zweite Wohnung frei, sagt die Verwalterin. Die Chance, hier unterzukommen, ist also doppelt so groß. Es klingt wie eine Warnung.

Draußen weht ein abenteuerliches Lüftchen. Die Straßenlaternen leuchten und zwischen den Bars und Restaurants patrouillieren hoch aufgeschossene Dirnen. Dick kriegt Lust auf eine Pizza und eine Coca-Cola. Mutter ruft wieder an und fragt, ob er ungefähr abschätzen kann, wann er zu Hause sein wird, sie hat sein Essen warm gestellt, es trocknet aus. Im Hintergrund hört er Vater sagen, geht das jetzt jeden Abend so?

Dick macht sich auf den Heimweg.

6

Als Dick nach Hause kommt, sitzen die Eltern noch in der Küche. Sie verarbeiten die Kassenbons von Mutters Einkäufen. Vater rechnet die Ausgaben für Fleisch, Getränke, Putzmittel und so weiter zusammen und Mutter trägt sie in die Spalten ihres Haushaltsbuches ein.

Zweimal Braten letzte Woche?

Runtergesetzt, Paps. Hallo, Schatz.

Mutter steht auf, gibt Dick einen Kuss und holt sein Essen aus dem Ofen. Vater sagt, das nächste Mal soll er bitte anrufen, wenn er sieht, dass es länger dauert, seine Mutter macht sich sonst unnötig Sorgen.

Was hast du für Arbeit?, fragt sie.

Darüber darf ich nicht reden.

Ah, das Bankgeheimnis, sagt Vater. Darfst du Konten anschauen?

Nur die eigenen.

Wirklich?

Mutter sagt, sie konnte damals auch keine Konten einsehen und Vater sagt, sie war ja auch nur eine Sekretärin.

Kannst du wirklich keine Konten anschauen, Dick?

Geht nicht, sind geschützt.

Dann hast du’s versucht?

Wie sind sie denn geschützt?, fragt Mutter.

Durch ein kompliziertes Passwort.

Hast du auch eins?, fragt Vater.

Nein.

Wieso weißt du dann, dass sie kompliziert sind?

Vom IT-Mann.

Wer ist das?, fragt Mutter.

Der Mann, der die Passworte verteilt.

Was hast du mit ihm zu schaffen, wenn du kein Passwort hast?, fragt Vater.

Er war wegen Herrn Bachmann da.

Wer ist das?, fragt Mutter.

Mein Chef. Er hat sein Passwort vergessen.

Wieso?

Er hat Diabetes.

Oje. Was geschieht, wenn er nicht mehr arbeiten kann, wirst du dann Chef?

Ma, er ist topfit.

Aber wenn er so vergesslich ist.

Das liegt nicht an ihm, sondern am Passwort, sagt Dick und Vater fragt, wieso man es sich dann nicht aufschreibt. Weil das verboten ist. Woher weiß Dick das? Weil er gehört hat, wie der IT-Mann Herrn Bachmann gescholten hat, als dieser das neue Passwort notieren wollte.

Wieso darf der mit ihm schimpfen, wo er doch ein Chef ist?, fragt Mutter.

Hallo? Was soll das Verhör?

Das ist doch kein Verhör, sagt Vater. Wir haben dich lediglich gefragt, ob du Konten anschauen darfst und da hast du angefangen, dich rauszureden.

Wieso wollt ihr das überhaupt wissen? Habt ihr ein Konto bei der Bankanstalt?

Ich schon lange nicht mehr, sagt Mutter.

Mein Konto ist bei der Post, sagt Vater.

Ich habe ein ehrliches Gesicht, sagt Dick.

Darauf weiß Vater nichts mehr zu sagen und wendet sich wieder den Kassenbons zu. Er entdeckt einen größeren Posten für Milch.

Zwölf Liter?

Wenn Dick immer so Durst hat, Paps.

Milch ist doch nicht gegen den Durst, Honey.

Vater sagt gern Honey zu Mutter, seit er in der NZZ gelesen hat, dass Dick Cheney seine Frau auch so nennt. Dick wüsste gern, wie Frau Cheney ihren Mann ruft, vermutlich Money.

Ist dieser Bachmann nett zu dir, Dick?

Alle sind nett, Ma.

7

Am nächsten Tag führt Herr Bachmann einen Test mit Dick durch. Er gibt ihm einen Füllfederhalter und einen leeren Briefumschlag und bittet ihn, seine Adresse draufzuschreiben. Anschließend prüft er die Handschrift.

Hm, ja, das sollte gehen. Wir müssen heute Kontoauszüge verschicken.

Dick lernt, dass Briefe, die an ausländische Kunden gehen, nie nach Bank aussehen dürfen. Handbeschriebene Umschläge sind das A und O einer diskreten Vermögensverwaltung, sagt Herr Bachmann. Außerdem wird alles von Deutschland aus versandt, da der Schweizer Poststempel in der Welt da draußen immer noch Verdacht erregt, obwohl das Bankgeheimnis zu einem großen Teil abgeschafft worden ist. Die Kontoauszüge liegen im Druckbüro zur Abholung bereit. Herr Bachmann will Dick zeigen, wo es sich befindet, aber als sie aufbrechen, klingelt das Telefon und Herr Bachmann rennt alleine los.

Dick studiert den Umschlag, auf den er seine Adresse hat schreiben müssen. Es ist ein gefütterter Umschlag, der feierlich knistert, wenn man ihn drückt. Viel zu schade, den einfach wegzuwerfen, denkt er und beschließt, einen Brief an sich selbst zu schreiben. Er tippt in den Computer:

Sehr geehrter Herr Dick Meier

Sie arbeiten nun schon den zweiten Tag in diesem Büro und es wird Zeit, Ihnen eine erste Einschätzung zu geben. Ich bin sehr zufrieden mit Ihnen. Sie erscheinen pünktlich, kennen meinen Namen und machen nichts kaputt. Wenn das so weitergeht, sind Sie bald der Präsident dieser Bank. Dann werden Sie mir befehlen, das Hemd in die Hose zu stopfen, in die Unterhose gar, und das kann ich nicht zulassen. Also werde ich damit beginnen, Ihnen Steine in den Weg zu legen und die Näpfchen, in die Sie treten werden, mit Fett zu füllen. Das ist nicht gegen Ihre Person gerichtet, aber ich muss mich vor Ihnen schützen wie mein Blut vor Zucker.

Hochachtungsvoll, Ihr werter Herr Dr. Bachmann

Er liest es durch. Wahnsinn, das ist ihm einfach so aus den Fingern gesprudelt. Er klickt auf Ausdrucken und guckt sich um, wo der Brief rauskommt. Er kann keinen Drucker sehen. Er kriecht unter den beiden Schreibtischen durch und als er auf Bachmanns Seite wieder auftaucht, kehrt dieser ins Büro zurück und fragt:

Was machen Sie da?

Den Drucker suchen.

Was wollen Sie denn drucken?

Nichts, nur für den Fall.

Bachmann erklärt, die Computer der Vermögensabteilungen sind für Drucker und Speichermedien gesperrt, damit keiner mehr auf die Idee kommt, Kundendaten ans Ausland zu verkaufen. Er zählt noch weitere Sicherheitsvorkehrungen auf, aber Dick hört nicht zu, sondern fragt:

Und wenn man mal einen Brief schreiben möchte?

Wem möchten Sie denn schreiben?

Ich? Niemandem.

Die Ausdrucke kommen im Druckbüro raus, sagt Bachmann, dort werden sie registriert. Sie müssen jetzt sowieso dahin, um die Kontoauszüge zu holen.

Das Druckbüro ist in schneeweißes Licht getaucht. Flache Maschinen summen und es riecht nach warmem Papier. Ein Mann übergibt Bachmann eine Kunststoffkiste mit Kontoauszügen. Bachmann quittiert den Empfang und der Mann sagt, das da ist wohl auch noch für Sie. Er händigt ihm ein einzelnes Blatt aus. Bachmann liest es durch. Dann reicht er es an Dick weiter, nimmt die Kiste und geht hinaus. Während Dick ihm folgt, hört er Mutter sagen, das hat noch ein Nachspiel.

Oben holt Bachmann ein paar Schachteln mit Umschlägen aus dem Metallschrank sowie einen Briefbefeuchter. Er führt Dick vor, wie man ein Kuvert beschriftet, den gefalteten Kontoauszug hineinsteckt und mithilfe des Befeuchters die Lasche verklebt.

Keine Hexerei, oder? Wollen Sie es mal versuchen?

Dick zeigt, dass er es verstanden hat. Die ganze Post muss bis heute Abend versandbereit sein, sagt Bachmann, der Deutschlandkurier holt sie dann ab. Dick soll sich aber trotzdem Zeit lassen, das Wichtigste ist, dass die Adressen gut lesbar sind.

Alles klar?

Dick nickt. Das Telefon klingelt. Bachmann schnappt sich einen Notizblock und eilt aus dem Büro.

Bevor sich Dick an die Arbeit macht, zerreißt er den ausgedruckten Brief. Wieso hat er den geschrieben? Wieso hat Bachmann nichts gesagt? Er will ihn schmoren lassen, oder? Management by schlechtem Gewissen, kennt Dick von zu Hause, Vater ist Weltmeister darin. Dick muss das wieder geradebiegen. Er weiß auch schon wie.

Er richtet auf dem Schreibtisch eine Verarbeitungsstraße ein und legt los. Er schreibt, faltet, befeuchtet und klebt zu. Er arbeitet wie ein Roboter und mit jedem Umschlag wird er schneller. Um noch schneller zu werden, verzichtet er auf den Briefbefeuchter und leckt die gummierten Laschen mit der Zunge ab. Die Mittagspause lässt er aus, arbeitet durch und um drei Uhr ist alles erledigt und die Briefe stapeln sich in hohen Türmchen auf dem ganzen Schreibtisch. Dicks Ohren glühen. Er wäre sogar noch schneller gewesen, wenn er gegen Ende nicht wieder auf den Briefbefeuchter hätte zurückgreifen müssen, nachdem er sich die Zunge an einer scharfen Kante aufgeschlitzt hatte und es heftig blutete.

Bachmann ist noch nicht zurückgekehrt. Er wird staunen. Er wird sagen, das haben Sie gut gemacht, vergessen wir den blöden Brief.

Dick geht zum Sprüngli, um etwas gegen den leimigen Geschmack im Mund zu holen, den er vom Ablecken hat. Hunger hat er auch. Er rennt beide Wege, er will auf keinen Fall Bachmanns Gesicht verpassen.

8

Herr Bachmann kommt einfach nicht zurück. Dick hat ein saftiges Lachssandwich mit Dillsauce verspeist, ohne dass davon etwas auf die Briefe getropft ist. Er hat eine Tüte Karamellbonbons gelutscht, doch der bittere Geschmack ist geblieben. Hoffentlich habe ich keine Leimvergiftung, denkt er.

Chef, wo bleiben Sie?

Für ihn hat er auch etwas mitgebracht: eine Geschenkdose mit Pralinen. Einzelne Pralinen darf er sicher essen und wenn nicht, kann er sie ja in der Bank verteilen und nur die Dose behalten und darin seine Spritzen aufbewahren.

Das Geschenk macht sich gut auf Bachmanns Tisch. Damit dürfte der blöde Brief endgültig vergessen sein. Ob Schokolade gegen den fiesen Leimgeschmack hilft? Dick öffnet die Dose und stibitzt eine Praline. Eine einzelne fällt nicht auf. Eine zweite auch nicht. Ein paar Minuten später ist die Dose leer.

Um 17.00 Uhr zieht Dick die Jacke an und geht nach Hause. Die Dose nimmt er mit und stopft sie auf dem Paradeplatz in einen Abfalleimer.

9

Beim Abendessen hat er keinen Appetit. Mutter schöpft ihm einen großen Teller Linseneintopf mit Speck, aber er stochert nur darin herum und die Eltern fragen, was los ist, hat er wieder den ganzen Tag Cremeschnitten gegessen?

Keine einzige.

Ehrenwort?

Der Linseneintopf schmeckt wie eingeweichter Karton, dabei macht Mutter den besten Eintopf der Welt. Sie fragt:

Wirst du krank?

Nö, mir geht’s gut.

Zeig mal deine Stirn.

Hab nur einen fiesen Geschmack im Mund.

Hast du geraucht?, fragt Vater.

Nein, sagt Dick.

Hast du etwas Schlechtes zu Mittag gegessen?, fragt Mutter und Dick verdreht die Augen und sagt, es ist alles in Ordnung, er hat nur keinen Hunger.

Ist dir im Geschäft etwas auf den Magen geschlagen?

Nein, Ma!

Nicht in diesem Ton, sagt Vater und Mutter meint, es hat bestimmt mit dem Büro zu tun, Dick hat heute gar keine Überstunden gemacht.

Haben Sie dir weniger Arbeit gegeben, Schatz?

Nein, ich war nur sehr schnell.

Oder bereust du, dass du das Studium abgebrochen hast?

Nein, ich bereue, dass ich noch nicht ausgezogen bin, denkt Dick und fängt an, Linsen in den Mund zu schaufeln. Er verputzt drei Teller und die Eltern schauen kopfschüttelnd zu, bis im Radio die Nachrichten kommen und Donald Trump die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er hat die Vorwahl von Arizona gewonnen.

So eine Witzfigur, sagt Vater und Dick holt Butter und Käse aus dem Kühlschrank und schmiert sich ein paar Brote.

Von einem Extrem ins andere, sagt Mutter und Vater meint, er soll nicht so viel Butter nehmen.

10

Nachts kann Dick nicht einschlafen. Das Essen liegt ihm schwer im Magen und auch der blöde Brief. Warum hat Bachmann nicht reagiert? Er führt etwas im Schilde, deshalb ist er nicht mehr ins Büro zurückgekommen. Dick nimmt sich vor, morgen nochmals eine Geschenkdose Pralinen zu kaufen.

Er hat Durst. Er steigt in die Küche hinunter und setzt eine kalte Cola-Flasche aus dem Kühlschrank an. Er trinkt in großen Schlucken und nachher platzt ihm fast der Bauch. Schaum kommt ihm hoch und er eilt auf die Toilette, um sich zu übergeben, aber es geht nicht, wegen der Eltern. Sie könnten es hören und ebenfalls aufstehen und Mutter würde sagen, dafür habe ich so lange in der Küche gestanden, und Vater würde nichts sagen und ein kaltes Gesicht machen.

Dick bricht die Übung ab, wirft die Jacke über, schlüpft in die Schuhe und geht hinaus. Es ist hell, der Mond leuchtet wie eine Kellerlampe. Dick verschwindet hinter einem Haselnussstrauch, duckt sich, aber es klappt wieder nicht. Er fühlt sich beobachtet, obwohl Witikon um diese Zeit wie ausgestorben ist. Er geht die Straße hinunter, biegt in den Wald ab und kotzt hinter eine Esche. Das hat jetzt nur der Mond gesehen.

Zurück im Reihenhäuschen bekommt er Hunger. Er findet ein gekochtes Hühnerbein im Kühlschrank und etwas Schokoladenpudding. Nachher ist sein Bett sogar noch ein bisschen warm.

11

Als Dick am nächsten Morgen mit einer neuen Pralinendose ins Büro kommt, stapeln sich die Umschläge immer noch auf seinem Schreibtisch. Der Deutschlandkurier scheint gestern Abend nicht gekommen zu sein. Auch gut, denkt Dick, dann kann man seine Arbeit noch ein wenig länger bewundern. Herr Bachmann ist nicht da, aber sein Jackett hängt über der Stuhllehne.

Dick stellt den Computer an und will das Passwort eingeben, aber es fällt ihm nicht mehr ein. Er weiß nur noch die ersten vier Zeichen, L7#Z oder L#Z7 und dass es weiter hinten noch ein Sternchen gibt.

Herr Bachmann kommt mit einem Becher Kaffee ins Büro. Er bleibt neben Dick stehen und deutet mit der freien Hand auf die Brieftürmchen.

Ich muss Ihnen etwas sagen.

Seine Hand zittert. Er hat Augenringe und die Haare sind zerzaust, als habe er sich die ganze Nacht den Kopf gekratzt.

Es hat ein Problem gegeben.

Weiter kommt er nicht, da das Telefon klingelt. Er stellt den Kaffee auf seinen Schreibtisch, nimmt einen Block und hastet aus dem Büro.

Was für ein Problem denn?, denkt Dick. So wie Bachmann rumgedruckst hat, klang es, als habe er ein Problem mit ihm. Klar, wegen des Jux-Briefs. Dick kann sich vorstellen, was los ist. Bachmann hat den Deutschlandkurier angerufen und gesagt, Sie brauchen nicht zu kommen, Herr Meier ist nicht fertig geworden. Er hat sich gerächt, indem er Dick als unfähig hinstellte. Falls das stimmt, sollte man ihm die Geschenkpralinen aber wieder wegnehmen.

Dick braucht jetzt auch einen Kaffee. Gestern auf dem Weg ins Druckbüro sind sie an einer kleinen Cafeteria vorbeigekommen. Er findet sie wieder, aber es gibt nur Automaten, die mit Jetons funktionieren. Er schaut sich um. In einer Raucherkabine aus zerkratztem Plexiglas steht die Personalfrau und saugt gereizt an einer Zigarette. Ob sie wegen ihm verärgert ist? Weil sie erfahren hat, dass er seine Arbeit nicht geschafft hat? Am liebsten würde er zu ihr hineingehen und die Sache richtigstellen.

Zurück an seinem Platz versucht er sich an das Passwort zu erinnern, aber jetzt fallen ihm nicht mal mehr die ersten vier Zeichen ein, nur noch das Sternchen. Er betrachtet die regelmäßigen Türmchen auf seinem Tisch. Er nimmt einen Brief und schaut, wohin er geht. Nach Arizona. Lustig, das kam gestern in den Nachrichten vor. Aber etwas stimmt mit dem Umschlag nicht. Das ist nicht seine Handschrift. Dick steht auf und schaut die Stapel durch. Da ist nirgends mehr seine Schrift drauf, das wurde alles neu geschrieben! Was hat das zu bedeuten? Ein kleiner, bärtiger Mann rollt einen quietschenden Handwagen ins Büro. Er fragt, ob das die Post für den Deutschlandkurier ist.

Die war schon gestern fertig, sagt Dick.

Was?

Ich war schon gestern …

Der andere packt alles in Kisten und quietscht gemütlich davon. Dick lässt sich auf seinen Stuhl fallen. Wieso hat Bachmann die Briefe neu gemacht? Musste den Kontoauszügen noch etwas beigelegt werden, ein Schreiben des Vermögensberaters oder so? Oder hat Bachmann den Jux-Brief mitgeschickt? Möglich wär’s. Er müsste nur das Druckbüro beauftragt haben, ihn nochmals rauszulassen, zweihundertmal, und dann hat er die neuen Kuverts damit befüllt. Damit die Kunden sich beschweren und die Direktion Nachforschungen anstellt und auf Dick als Verfasser des Briefes stößt und glaubt, er wollte den seriösen Ruf der Bank schädigen. Er wird unehrenhaft entlassen, kommt auf eine schwarze Liste und findet nie wieder einen Job in der Schweiz. Und ohne Job kriegt er keine Wohnung und ohne Wohnung muss er für immer im Reihenhäuschen bleiben. Wie kann Bachmann nur so rachsüchtig sein? Dick durchsucht dessen Schreibtisch auf übrig gebliebene Kopien, kann aber nur Jetons und eine Schachtel Mentholzigaretten finden. Er nimmt eine Zigarette heraus und rennt in die Cafeteria, aber die Personalfrau ist natürlich längst weg.

Kurz vor der Mittagspause klingelt das Telefon. Dick zuckt zusammen. Es ist seins, es hat bisher noch nie geklingelt. Auf dem Display steht nur eine Nummer, aber er weiß trotzdem, wer es ist: die Personalfrau. Sie wird sagen, kommen Sie in mein Büro, nehmen Sie Ihre persönlichen Sachen mit, das war’s für Sie.

Spreche ich mit Herrn Meier?

Ja.

Schaeppi Grundstücke. Sie haben sich für eine Wohnung beworben.

12

Die Mittagspause verbringt er im Langstraßenviertel. Die Sonne scheint und er stellt sich an der Brauerstraße vor das Wohnhaus und schaut es lange an. Es ist hässlich, es bleibt auch im Sonnenlicht ein grauer, böser Klotz mit kleinen Fenstern. Fast überall sind die Rollläden heruntergelassen, auch bei der Wohnung, die er sich angesehen hat. Die Vermieterin hat gesagt, sie ist vergeben, aber er kann die Wohnung darüber haben, sie wird am Ende des Monats frei.

Ich schicke Ihnen den Vertrag, wenn Sie möchten.

Er hat gesagt, ja, aber jetzt denkt er, nein, sicher nicht. Das Haus kann er seinen Eltern nicht antun und sich selber auch nicht.

Er schreitet die Kneipen auf der anderen Straßenseite ab. Aus einer riecht es nach verbranntem Senf. Sie heißt Fellini 4 und Dick setzt sich auf dem Gehsteig an einen Plastiktisch und pustet Zigarettenasche weg. Ein alter Wirt kommt heraus. Er hat lange, weiße Haare, die dünn wie Spinnfäden sind, und sagt, es gibt Fleischkäse mit Senf. Dick ist einverstanden.

Zu trinken?

Eine Sinalco bitte.

Sinalco?

Nein, ein Bier.

Sicher?

Ein großes.

Dick trinkt und isst. Der Fleischkäse ist auf der unteren Seite schwarz, aber er schmeckt gut. Zusammen mit dem Bier und der Sonne sorgt er für eine friedliche Stimmung bei Dick, fast so, als sei er in den Ferien. Er beobachtet die Menschen, die die Brauerstraße rauf und runter gehen. Sie sind bunt und verrückt, arm und kaputt. Sie scheinen nicht viel Zukunft zu haben, dafür eine Gegenwart, in der sie sich frei bewegen können.

Der Wirt kommt wieder raus und zündet sich eine Zigarette an. Er raucht mit dem mürrischen Mund eines alten Mannes, der nicht will, dass man mit ihm spricht. Dick fragt trotzdem, ob er eine Zigarette haben kann. Dann pafft er gemütlich vor sich hin, bläst den Rauch zu einem Sexsalon hinüber, den er vor dem Essen noch für einen Friseursalon gehalten hat, und sagt zum Wirt:

Ist es gut zum Wohnen hier?

Was heißt gut?

Für mich zum Beispiel.

Pff, wenn du meinst.

Auf dem Weg zurück ins Büro hofft er, dass Bachmann nicht da ist. Er hofft vergebens.

13

Wissen Sie, von wem die Pralinen sind?

Von mir.

Aber wieso? Ich darf das doch gar nicht essen.

Ich habe mein Passwort vergessen.

Deswegen brauchen Sie mir doch nichts zu schenken.

Es ist wegen des Briefs.

Welcher Brief?

Den ich geschrieben habe.

Sie haben gekündigt?

Den Sie gestern im Druckbüro gelesen haben.

Ach so. Was ist damit?

Den hätte ich nicht schreiben sollen.

Ich fand ihn lustig.

Wieso haben Sie dann alles neu gemacht?

Das wollte ich Ihnen noch erklären. Wegen F5.

F5? Sie meinen F4.

F4? Was ist F4?

Na, das Fellini 4, sagt Dick und wundert sich, dass Bachmann weiß, dass er über Mittag im Fellini 4 war. Überwachen sie ihn? Gucken sie, ob er da draußen das Bankgeheimnis nicht verrät? Aber die Briefe sind schon vor dem Fellini umgeschrieben worden, das macht keinen Sinn.

Das macht keinen Sinn, sagt er.

Doch, doch, sagt Bachmann, ich bin nur noch nicht dazugekommen, Sie richtig einzuführen.

Er nimmt eine Praline und schluckt sie ohne zu zerbeißen runter. Dann kommt er mit der Dose um den Tisch herum und sagt, ist es Ihnen recht, wenn wir uns duzen?

Ja, gern, sagt Dick.

Ich bin Remo, sagt Herr Bachmann und hält Dick die Pralinen hin.

Ich bin Dick, sagt Dick.

Iwo, greif zu, sagt Remo.

Ich heiße so.

Ach so. Woher kommt der Name?

Von meinen Eltern.

Klar, aber was bedeutet er?

Ist die amerikanische Abkürzung von Richard.

Bist du ein Amerika-Fan?

Ich nicht, aber meine Eltern.

Wir haben ein großes Problem mit Amerika.

Bachmann sagt, dass Amerika die Schweizerische Bankanstalt verklagen will. Wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Angeblich soll es um eine Milliardenforderung gehen, die Generaldirektion ist sehr nervös.

Musste drum alles neu geschrieben werden?

Nein, nein, einer von den F5 fand deine Handschrift unleserlich. Auch klebte Blut an einigen Umschlägen. Hast du dich geschnitten?

Was bedeutet F5?

Die Fantastischen Fünf. Wir arbeiten für sie.

Das Telefon klingelt. Remo stellt die Dose ab, schnappt sich Block und Stift und trabt mit flatternder Krawatte den Korridor hinunter.

Danke für die Pralinen!, ruft er noch.

14

Beim Abendessen führen sich die Eltern komisch auf. Obwohl Dick rechtzeitig nach Hause gekommen ist und einen großen Appetit mitgebracht hat. Vater spricht nicht und Mutter sagt nur das Nötigste. Haben sie gehört, dass er eine Wohnung haben könnte? Aber von wem?

Dick kennt das. Sie werden nun eine Weile über ihren Tellern brüten, bis sie mit der Sprache rausrücken und sagen, wir wissen, was du getan hast, los, rauf ins Bett mit dir. Das mit dem Bett können sie heute zwar nicht mehr bringen, er ist kein Kind mehr, aber das vorwurfsvolle Schweigen brennt noch genauso im Bauch wie früher.

Dick erzählt vom Geschäft. Dass er mit seinem Chef per Du ist und sie für die besten Vermögensverwalter der Bank arbeiten. Dass man diese die Fantastischen Fünf nennt und er gespannt ist, wie sie aussehen. Die Eltern kauen laut Salat. Dick hält es nicht mehr aus und fragt, was ist denn eigentlich los?

Was war denn gestern Nacht los?, sagt Mutter.

Nichts, wieso?

Und im Wald?

Dick erfährt jetzt, dass nicht nur der Mond Zeuge seines Pyjama-Ausflugs war, sondern auch Frau Welti. Frau Welti besitzt einen alten Hund, der abends ein bisschen Kalbfleisch bekommt, was er gestern schlecht vertragen hat, weshalb er die rüstige Rentnerin zur mitternächtlichen Stunde unter Kalbfleischfürzen in den Wald gezogen hat, wo sie dann sehen konnte, wie sich Dick hinter einem Baum erleichterte. Sie hat Mutter heute beim Einkaufen darauf angesprochen, fragte, geht es ihm wieder besser, konnte er zur Vorlesung gehen? Ach, er geht gar nicht mehr zur Uni?

Du musst es Frau Welti erklären, sagt Mutter.

Was erklären?

Was du im Wald gemacht hast.

Das hat sie ja gesehen.

Sie meint, du hast zu viel getrunken. Sag ihr, dass du nicht trinkst.

Ich werde ihr gar nichts sagen, sagt Dick und Vater sagt, was macht das für einen Eindruck, die Leute müssen ja glauben, sie hätten kein Klo im Haus. Was soll Frau Welti bloß von uns denken, sagt Mutter und Vater sagt ssst!, weil die Nachrichten kommen.

Die erste Meldung betrifft die Schweizerische Bankanstalt, die sich angeblich vor einem amerikanischen Gericht verantworten muss.

Hast du davon gewusst, Schatz?

Klar.

Ssst!

Mutter lächelt und Dick fügt an, dass es sich bei der Geschichte um eine Milliardenforderung handelt.

Milliarden?

Jetzt strahlt Mutter übers ganze Gesicht und Dick weiß, was sie denkt: Mein Sohn arbeitet erst eine halbe Woche bei der Bank und hat schon Kenntnis von so großen Summen.

Das ist doch kein Grund zur Freude, schimpft Vater. Schon wieder eine Klage gegen die Schweiz!

Mutters Gesicht erlischt, während Vater von Dick wissen will, ob die Bankanstalt genug Reserven hat. Dick sagt, die Tresore sind randvoll.

Woher willst du das wissen?

Ich hab es gesehen.

Mutter fängt erneut an zu strahlen und Vater schüttelt verärgert den Kopf. Wieso das schon wieder losgeht. Die Schweiz hat doch einen Großteil des Bankgeheimnisses abgeschafft, dennoch soll ihr wieder der Prozess gemacht werden?

Vermutlich Altlasten, sagt Dick und Vater steht auf und macht das Radio lauter. Mutter flüstert, wenn Dick nachher Frau Welti besucht, soll er ihr doch ein bisschen von seiner Arbeit bei der Bank erzählen.

Ich geh nicht hin.

Doch, Schatz, bitte.

Echt nicht.

Ssst!

15

Am nächsten Morgen ist Remos Stuhl leer. Auch sein Jackett hängt nicht über der Lehne. Dick klaut ihm einen Jeton aus der Schublade und holt sich einen Kaffee. Er trinkt ihn im Büro und stibitzt dazu eine Praline aus der Geschenkdose. Sie ist fast leer, Remo muss gestern Abend noch eine Runde durch die Abteilung gemacht haben damit.

Das Telefon klingelt. Es ist Remo, er sagt, es geht ihm nicht gut, er hat bis drei Uhr gearbeitet und zu viele Pralinen gegessen. Sie sind toll, nochmals vielen Dank, aber er hat unter der Dusche einen Zuckerschock erlitten, der Notarzt musste kommen. Morgen sollte er wieder auf den Beinen sein. Die Fantastischen sind informiert, sie werden sich an Dick wenden, wenn sie etwas brauchen, aber sie werden nichts brauchen, da er alles erledigen konnte.

Und falls doch?, fragt Dick.

Du weißt, wie man ins System kommt?

Ich hab mein Passwort vergessen.

Remo gibt ihm seins. Er darf es sogar aufschreiben, muss aber versprechen, es nicht herumliegen zu lassen.

Kannst mich jederzeit anrufen, sagt er und bevor er auflegt, sagt er noch, danke Dick, danke für alles. Dick kriegt ein schlechtes Gewissen. Er ist Remo überhaupt keine Hilfe gewesen bis jetzt. Er nimmt sich vor, ihn zu Hause nicht zu stören und ihn schön ausruhen zu lassen. Was auch immer die F5 verlangen sollten, er wird es allein hinkriegen, versprochen. Und jetzt an die Arbeit.

Als Erstes isst er die restlichen Pralinen auf. Dann surft er zwei Stunden durchs Internet und informiert sich über die Aufgaben einer Vermögensverwaltung. Er strandet auf dem Blog eines pensionierten Vermögensberaters, der eine blaue Fliege trägt und Dr. Sager heißt. Dr. Sager sagt, Vermögensverwaltung ist nicht schwer. Das meiste erledigt heute der Computer und den Rest erfährt man hierbei ihm. Sein Tipp des Tages lautet:

Hände weg von Aktien der Schweizerischen Bankanstalt. Die rasseln in den Keller.

Am Nachmittag tritt ein, wovor sich Dick gefürchtet hat. Er ist gerade dabei, auf dem Notizblock eine schönere Handschrift zu üben, als das Telefon klingelt. Ein Frank Leonhard ist dran, er sagt:

Bachmann macht mal wieder blau, wie man hört. Sind Sie sein Assistent?

Ja, aber er macht nicht …

Hat er Sie eingeführt?

Ja.

Ich brauche eine Gebührenaufstellung. Sie wissen, wie das geht?

Ja.

Sicher?

Nein.

Ich schicke Ihnen ein Beispiel. Wie ist Ihre Mailadresse?

[email protected]

Ist das wahr, Sie heißen Dick? Wie Dick und Doof?

Nur, dass ich weder dick noch doof bin.

Oh, sind Sie jetzt beleidigt?

Nein.

Sie wissen, was Dick in Amerika bedeutet?

Die Abkürzung von Richard.

Es bedeutet Schwanz. Suck my Dick, hehe! Ich schick Ihnen einen Link. Den sollten Sie aber nicht im Büro anklicken. Schon hart, wenn einen die Eltern Schwanz taufen. Außer man wird Pornostar.

Ich heiße nicht Schwanz.

In Amerika schon.

Bei Dick Cheney denkt auch niemand an Schwanz.

Stimmt, da denkt man an Arschloch. Der Gebührenmist eilt.

Da Dick als Remo Bachmann angemeldet ist, kann er nur auf dessen Mailkonto zugreifen. Aber Leonhard sendet es cc an Bachmann und er kann loslegen. Es ist einfach. Nach einer Viertelstunde ist es erledigt und er schickt es Leonhard. Der schreibt zurück:

Perfekt.

Das geht runter wie Honig. Dick denkt, jetzt hat er sich etwas Süßes verdient, aber dann ruft Leonhard nochmals an und fragt, wieso er als Bachmann mailt. Dick will nichts vom Passwort sagen und fragt zurück, ob er etwas aus dem Sprüngli braucht. Hä? Leonhard hängt auf und Dick bleibt im Büro, für den Fall, dass es nochmals klingelt. Um fünf Uhr zieht er die Jacke an und macht Feierabend. Er kauft eine große Tüte Champagner-Truffes für die Heimfahrt.