Modern Girl - Carrie Brownstein - E-Book

Modern Girl E-Book

Carrie Brownstein

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Beschreibung

Mit klarem, offenem Blick erzählt Carrie Brownstein vom Aufwachsen in einer Kleinstadtidylle, deren Fassade früh zu bröckeln beginnt, vom Leben vor, mit und nach einer der bekanntesten Punkbands der USA und von dem Versuch, sich selbst in und außerhalb der Musik zu finden.

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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2016

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CARRIE BROWNSTEIN

Modern Girl

Mein Leben mit Sleater-Kinney

 

Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs

 

 

Sämtliche Angaben in diesem Werk erfolgen trotz sorgfältiger

Bearbeitung ohne Gewähr. Eine Haftung der Autoren bzw.

Herausgeber und des Verlages ist ausgeschlossen.

 

 

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel

Hunger Makes Me a Modern Girl bei Riverhead, New York.

Copyright © by Carrie Brownstein

 

Alle Rechte der deutschen Ausgabe

© 2016 Benevento Publishing,

eine Marke der Red Bull Media House GmbH,

Wals bei Salzburg

 

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

 

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:

Red Bull Media House GmbH

Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15

5071 Wals bei Salzburg, Österreich

 

Übersetzung: Stefanie Jacobs

Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

 

ISBN 978-3-7109-5013-1

 

 

Für Corin und Janet

Prolog: 2006

PROLOG: 2006

Auf dieser Tournee wollte ich nur eins: mir die Hand in einer Tür einklemmen und sämtliche Finger brechen. Dann könnte ich nach Hause fahren.

Ich hatte auf der rechten Körperseite eine Gürtelrose, ein mustergültiges Dreieck aus kleinen Bläschen, das stechend pulsierte, als stünde es unter Strom. Nachts bekam ich kaum ein Auge zu deswegen und wälzte mich in irgendeinem schmuddeligen europäischen Hotelzimmer in einem Doppelbett herum, während keinen halben Meter neben mir eine Bandkameradin schlief.

Tagsüber, auf den langen Fahrten von einer europäischen Großstadt zur nächsten, saß ich hinten in einem Mercedes Sprinter, im Rücken die harte, völlig unnachgiebige Hand der starren Sitzbank. Ich sah mir auf dem Computer DVDs an, die erste Staffel einer amerikanischen Serie, in der es darum geht, wie man einen Gefängnisausbruch plant. Ab und zu betrachtete ich meine Finger und überlegte, wie hart ich die Tür wohl zuschlagen müsste.

Am 27. Mai kam ich mit meiner Band Sleater-Kinney in Brüssel an, wo wir in einem Laden namens Le Botanique spielten. Die Gürtelrose machte mich zur Einzelgängerin. Janet hatte als Kind nie die Windpocken gehabt und konnte sich bei mir anstecken. Nachdem sie mit ihrer Schwester telefoniert hatte, Ärztin in L.A., geisterte das Wort »Tröpfcheninfektion« herum. Aber ich fühlte mich sowieso schon kaum noch wahrnehmbar, schwerelos und außerhalb meiner selbst, eine Ansammlung frei schwebender Partikel, die sich ab und an zufällig zu etwas Menschlichem mit Armen und Beinen zusammenfügten. So eine Tour setzt einen vollkommen neu zusammen; auch ohne eine zusätzliche Krankheit oder ein Gebrechen führt man eine eher bruchstückhafte Existenz, deren einzelne Teile nicht recht zusammenpassen. Aber jetzt fand ich den Boden nicht mehr, ich war außerhalb des Raums, außerhalb meiner selbst. Vor der Show saßen wir zu dritt backstage herum: Neonröhren, ein Spiegel, Eiskübel und eine zerpflückte Catering-Platte. Corin half mir vorsichtig, mein Shirt am Rücken zuzuknöpfen, und achtete peinlich darauf, mich nicht zu berühren und mir nicht zu nahe zu kommen. Ist schon okay, dachte ich, das ist nicht mein Körper, ich bin gar nicht da. In wenigen Augenblicken begann unser Auftritt und ich spürte rein gar nichts.

Sleater-Kinney war meine Familie, die längste Beziehung, die ich je gehabt hatte; die Band kannte meine Geheimnisse, mein tiefstes Inneres, sie strömte durch meine Adern und hatte mir zahllose Male das Leben gerettet, sie liebte mich auch dann noch, wenn ich gemein zu ihr war, und könnte die erste bedingungslose Liebe gewesen sein, die ich je erfahren hatte. Und ich war gerade dabei, Sleater-Kinney zu zerstören.

TEIL EINS // JUGEND

TEIL EINS JUGEND

1. Der Klang des Hier und Jetzt

1

DER KLANG DES HIER UND JETZT

Ich fühlte mich schon immer, als würde ich nicht dazugehören. Ich möchte davon erzählen, wie ich mir ein Territorium erschuf, etwas, das mehr als ein Archipel von Identitäten war und mir Halt geben konnte. Einen Ort, an den ich gehörte.

Meine Geschichte beginnt mit mir als Fan. Und ein Fan weiß, dass Lieben seliger ist als Geliebtwerden. All die Zuneigung, die ich auf Bands, Filme, Schauspieler und Musiker richtete, hatte mit mir und meinen Freunden zu tun. Auf der Highschool war ich einmal bei einem Konzert der B-52s. Ich drückte mich gegen die Absperrung, bis meine Rippen grün und blau gestoßen waren, und sah fasziniert zu, wie Kate Pierson aus einer Wasserflasche trank, nur um dann von meiner besten Freundin zu hören, dass es bei dem Konzert für sie gar nicht um die Band ging, sondern um uns, um die Tatsache, dass wir zusammen hier waren, und dass die Musik an sich für unsere Welt zweitrangig sei, ihr bloß Farbe verlieh und sie bezeugte. Deshalb klingen die alten Platten aus Highschool-Zeiten auch alle so gut. Nicht weil die Songs besser gewesen wären, nein, sondern weil wir sie zusammen mit unseren Freunden gehört haben, weil wir mit schwitzigen Handflächen stundenlang ein Poster an der Wand anstarrten, zum ersten Mal Hochprozentiges intus hatten und kein bisschen angeekelt waren von Teppichböden, Schmutz oder öligen, zerknitterten Bettlaken. Diese Songs und Alben waren die besten, weil sich die Jugend damals so riesig anfühlte und die Nostalgie sie heute so laut darin widerhallen lässt.

Nostalgie ist eine sichere Sache: Die Vertrautheit, die sie in uns erweckt, gibt uns das Gefühl, uns zu kennen, schon gelebt zu haben. Zu glauben, dass wir schon etwas durchlebt haben – es überlebt und als Erfahrung abgespeichert haben –, ist oft sehr viel einfacher und weniger verworren als die Aufgaben, vor die uns die Gegenwart stellt. Auch wenn Nostalgie schwer greifbar ist, das Schwelgen darin ist wunderbar – man sieht die Vergangenheit noch einmal in Farbe. Die Erinnerung der Sinne simuliert vorübergehend einen Kontext. Nostalgie ist Erinnern ohne das kritische Urteil des Hier und Jetzt, man sieht nur das Gute, erinnert sich ohne Schmerz. Außerdem verlangt Nostalgie nichts weiter von uns, als wahrgenommen und betrachtet zu werden; anders als die Gegenwart will sie nicht verhandelt werden, erspart einem Schmerz und Unsicherheit.

Einige dieser Platten kann ich mir heute nicht allein anhören, inmitten säuberlich sortierter Bücher und frischer Bettwäsche in meinem geputzten und aufgeräumten Haus. Die Songs halten nicht mehr, was sie versprechen. In solchen Fällen beruht das Fan-Sein vor allem auf dem Kontext und den eigenen Erfahrungen: Wichtig ist nicht, was war, sondern dass man dabei war. Es ist an ein Wann und ein Wo gebunden. Fan-Sein ist in eine bestimmte Umgebung eingebettet, und wenn man die Musik aus diesem Kontext herausreißt, fühlt es sich oft befremdlich und desorientierend an, vor allem aber enttäuschend. Ich denke nur daran, wie oft ich, wenn ein Freund oder eine Freundin zu Besuch war, alte Platten aus Highschool- oder College-Zeiten hervorgeholt habe und bereit war mitzuerleben, wie das Album das Leben eines anderen so verändert, wie es meines verändert hatte. Ich beobachtete das Gesicht meiner Freundin, wartete gespannt auf den »Aha!«-Effekt, merkte dann aber schnell, dass meine Vernarrtheit in diese absichtlich leicht schiefe Gesangspassage, diese ausgelutschten Basstöne und den Text über Kaninchen nicht mehr ganz dieselbe Offenbarung waren wie vor fünfzehn Jahren. »Du hättest einfach dabei sein müssen« – das ist nicht immer eine verzückte Bemerkung oder ein Tadel, oft ist es eine Erklärung, warum etwas einfach nur grottig klingt.

Aber es gibt auch eine Menge Musik, die ohne den Bezugspunkt der Erfahrung auskommt und es übersteht, wenn sie aus einem Kontext herausgerissen und in einen anderen eingefügt wird. Auch in diesem Fall ist die Rolle des Fans die eines Teilhabenden, wobei teilhaben bedeutet, sich das völlige Eintauchen zu gestatten, sich selbst zurückzunehmen und bereitwillig auszulöschen, zugunsten einer größeren Bedeutung, aber auch, um Bedeutung zu verleihen. Es ist eine Symbiose. Die wertvollsten musikalischen Erfahrungen sind für mich die, nach denen mein Herz randvoll und irgendwie verwandelt ist, so als würde es ganz neues Blut durch meine Adern pumpen. Das bedeutet Fan-Sein: neugierig und offen sein, sich nach Verbindung sehnen und das Gefühl haben, die Kunst hätte einen erwählt, als Zeugin in Anspruch genommen.

Ich wuchs am Stadtrand von Seattle auf, die meiste Zeit in Redmond, Washington, einem vormals ländlichen Städtchen, das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts quasi gleichbedeutend mit Microsoft war. Viele Städte verspotten oder verleugnen die Bewohner ihrer Vorstädte und halten sie für Hinterwäldler, und obwohl Seattle mein Leitstern und meine Muse war, blieb es mir in gewisser Weise immer fremd. Meine Eltern, beide Juden und in Chicago aufgewachsen, nahmen die Religion des Weihnachtsfests schnell an, auch wenn ich die Übergangsjahre nicht unerwähnt lassen will, in denen die Geschenke am 25. Dezember morgens nach dem Aufwachen unter der Menora lagen. Der arme Weihnachtsmann, da kam er mitten in der Nacht bei uns an und hatte die Wahl zwischen der Menora und einer Topfpflanze. Als ich vierzehn war, ging meine Mutter weg, um sich heilen zu lassen, und ließ uns mit einer anderen Art von Krankheit und Sehnsucht zurück. Es war eine Kindheit der halben Sachen – nicht hier und nicht dort, nicht Fisch und nicht Fleisch.

Vor der Highschool war jedes Konzert, das ich besuchte, ein Ereignis, ein Spektakel. Mein erstes war Madonna. Sie begann ihre Like a Virgin-Tournee in Seattle und spielte an drei Abenden im Paramount Theatre, in das kaum dreitausend Menschen passen. Es war 1985, und ich war in der fünften Klasse. Meine Vater und die Mutter einer Freundin trafen eine Vereinbarung: Sie quälte sich am Samstagmorgen zu unchristlicher Zeit aus dem Bett, um sich mit uns bei Ticketmaster anzustellen, während mein Dad sich die halbe Nacht um die Ohren schlagen und uns zum Konzert selbst begleiten würde.

Ich plante mein Outfit. Ich wollte anziehen, was Mitte der Achtziger jeder weibliche Madonna-Fan trug, der etwas auf sich hielt: ein Brautkleid. Ich bat sogar meine Mom, mir ihres zu borgen, als könnte sie sich dadurch genauso geehrt fühlen wie durch die Bitte, es zu meiner echten zukünftigen Hochzeit tragen zu dürfen. »Das ist unpassend«, bekam ich von beiden Elternteilen zu hören, nicht nur in Bezug auf das Brautkleid, sondern auch auf mein Ansinnen, ein bauchfreies Oberteil mit nichts als einem schwarzen BH darunter anzuziehen. (Ich brauchte damals noch keinen.) Selbst fingerlose Spitzenhandschuhe kamen nicht in Frage. Am Ende ging ich in einer kurzärmligen Esprit-Bluse mit einem Streumuster aus Ananas und anderen exotischen Früchten, ein Outfit, mit dem ich es leider nicht in die Lokalzeitung schaffte, die einen großen Konzertbericht inklusive Fotos von Schlange stehenden Fans im Madonna-Look druckte. Als die Musik dann endlich begann, war mir egal, dass ich aussah wie eine Cocktail-Kellnerin in einem Badeort.

Die Vorband bestand aus ein paar halbstarken Besserwissern, von denen niemand im Pazifischen Nordwesten je gehört hatte – sie hießen die Beastie Boys. Voller Vorfreude auf unser Idol buhten wir sie gemeinschaftlich aus. Dann kam Madonna auf die Bühne, und ich kann mich nur noch an zwei Dinge erinnern: dass sie mehrmals das Outfit wechselte und dass ich die ganze Zeit schrie.

Als mein Vater und ich nach Hause kamen, konnte ich nicht schlafen. Immer wieder ging ich zu meiner Mutter ins Schlafzimmer, um ihr bis ins kleinste Detail zu berichten, welche Songs Madonna gespielt und wie sie ausgesehen hatte. »Sie ist total high«, sagte mein Vater lachend zu meiner Mutter. War ich wirklich. Ich werde diesen Moment nie vergessen, ein absolutes Hochgefühl, das für eine Weile alles überstrahlte. Egal wo ich hinsah, überall war Licht.

 

Ein paar Jahre später in der Mittelstufe sah ich George Michael auf seiner Faith-Tournee. Er rannte in engen Jeans über die Bühne, von rechts nach links und wieder zurück, und von meinem Platz in der Mitte des Stadions aus wirkte er ganz klein, wie eine Actionfigur. Aber das Erlebnis selbst war riesig, unfassbar grandios – es waren die Olympischen Spiele, es war ein Berg, das Weltall. Irgendwann während des Konzerts drehte sich meine Freundin zu mir um und sagte: »Ich will George Michael einen blasen.« (Wir waren vierzehn.) Ich war verdattert. War ich nicht einfach nur da, um mir die Songs anzuhören, zu klatschen und »I want your sex« zu schreien, ohne wirklich Sex zu wollen? Aber als meine Freundin auf einmal Begehren – tatsächliches, körperliches Verlangen – in etwas hineinbrachte, das für mich bisher nur eine abstrakte Vorstellung gewesen war, musste ich darüber nachdenken, was die Musik in mir eigentlich auslöste. Und tatsächlich, ich stand inmitten Tausender Menschen, spürte einen leichten Schwindel und schwitzte. Ich musste einfach lächeln, mein Körper bebte und bewegte sich in mehr oder weniger unschuldigen Schlängelbewegungen, was sicherlich den Beigeschmack einer tieferen, instinktiven und ekstatischen Reaktion hatte. Ich sah wieder nach vorn und nickte zustimmend, ja, diese Musik ergriff einen von Kopf bis Fuß, umfassend und intensiv. Aber ich wusste schon in diesem Moment, dass ich viel lieber das Objekt der Begierde sein wollte, statt es vom Bühnenrand oder auf Knien anzuschmachten.

Und trotzdem war die Musik, die ich mir zu Hause und auf Konzerten anhörte, in gewisser Weise auch rätselhaft und unzugänglich. Es waren die Achtziger, und vieles von dem, was ich mochte, war Synthie-Pop und Top-40-Musik, mehr programmiert als gespielt. Die Musik war im Raum und in meinem Körper, aber ich hatte keine Ahnung, wie sie zusammengesetzt worden war oder wie ich sie in ihre Bestandteile zerlegen sollte. Wenn ich zum Beispiel einen Madonna-Song lernen wollte, besorgte ich mir die Noten dazu und klimperte eine anämische Version davon auf dem Klavier, und es klang so dünn, dass ich »Like a Virgin« in unserem Wohnzimmer zu neuer Jungfräulichkeit verhalf. Ich studierte Bühnenchoreografien von David Lee Roth ein – das heißt, eine: die zu »Jump« – und trat bei einer Talentshow meiner ehemaligen Grundschule zusammen mit einer Sechstklässlerband, die Ratt’s »Round and Round« spielte, als Tänzerin auf. Ich blieb nur ein Fan, eine Nach-der-Schule-in-ihrem-Zimmer-Mitsingerin, eine Danke-dass-ihr-mich-ertragt-Entertainerin auf Familienfeiern, ohne dass ich mir den Sound je zu eigen gemacht hätte.

Dann kaufte ich mir meine erste Gitarre und ging auf Punk- und Rockkonzerte.

Wenn man sich in der Vorstadt seine erste Gitarre kauft, ähnelt das so gar nicht jenem sagenumwobenen Akt, den man aus unzähligen Büchern, Filmen und Interviews kennt. Es gibt keinen alten Blueser, der einem ein abgeschrammeltes, gut eingespieltes Instrument mit einem Griffbrett voll Blut und Schweiß schenkt, das magisch und doch mit einem Fluch belegt ist. Stattdessen geht man mit seiner Mom oder seinem Dad in einen mit Teppichboden ausgelegten Laden, in dem es nach Desinfektionsmittel riecht und alles funkelnagelneu ist, in dem andere Eltern ihren Kindern für die Schul-Jazzband Saxophone und Klarinetten ausleihen und wieder andere dem Sohnemann in aller Öffentlichkeit bescheiden, das Schlagzeug könne er sich abschminken, sie seien doch nicht verrückt. Das Billige, die No-Name-Instrumente, die ganze nichtssagende Einrichtung, all das schreit: »KAUFHAUS FÜR ALLE, DIE SICH NICHT FESTLEGEN WOLLEN«. Ich verließ den Laden mit einem kanadischen Transistorverstärker und einem kirschroten Stratocaster-Nachbau von Epiphone. Es war meine erste größere Anschaffung von meinem eigenen Geld. Ich war fünfzehn.

Als in der zehnten Klasse die ersten meiner Freunde den Führerschein hatten, kam ich an den Wochenenden endlich raus aus der Vorstadt und nach Seattle. Wir gingen oft auf Konzerte, manche in großen Hallen wie im Moore oder im Paramount Theatre: The Church, die Ramones, Sonic Youth, The Jesus and Mary Chain. Aber meistens gingen wir in kleinere Clubs wie die Party Hall oder das OK Hotel und sahen uns Bands aus der Gegend an, Treepeople, Kill Sybil, Hammerbox, Engine Kid, Aspirin Feast, Galleons Lap, Christ on a Crutch und Positive Greed zum Beispiel. Hier kam ich dicht an die Musiker selbst heran. Ich beobachtete das Zusammenspiel von Schlagzeug, Gitarre und Bass, sah Finger über Griffbretter tanzen und Füße auf Effektpedale treten, sah auf den Boden geklebte Setlists und stand manchmal nah genug an der Bühne, um die Einstellungen von Verstärker oder Tonabnehmer zu erkennen. Ebenso aufmerksam wie ich zuhörte, beobachtete ich das Wesen der Bands, die Interaktion der Musiker und ihre jeweiligen Beziehungen zueinander. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich begriff zum ersten Mal, dass man Musik spielen und nicht nur auf der Bühne darstellen konnte – dass sie aus einem Keim gewachsen war, einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hatte.

Jeder, der singt oder ein Instrument spielt, braucht einen Augenblick, der ihn entfacht und inspiriert, ihn in die Welt der Klänge ruft und in ihm den Drang weckt, eine eigene zu erschaffen. Diese Art von Zeugenschaft kann sicher rein akustisch geschehen; vielleicht braucht man einfach nur ein Riff von Andy Gill oder eine Bassline von Kim Gordon zu hören und weiß intuitiv, wie das Ganze funktioniert. Dann formt man diese Klänge selbst, mit den eigenen Fingern und der eigenen Stimme. Oder vielleicht sieht man es auf einem Video, in Aufnahmen von einem Musiker, der einem endlich übersetzt und offenbart, was man bisher für ein Buch mit sieben Siegeln hielt.

Ich für meinen Teil musste dabei sein – Gitarristen wie Kim Warnick und Kurt Bloch von den Fastbacks oder Doug Martsch von Treepeople beobachten, wenn sie Akkorde und Leads spielten, oder Calvin Johnson und Heather Lewis von Beat Happening in ihrem unverwechselbaren Aufzug aus abgetragenen T-Shirts und Jeans-Shorts einen ganz eigenen, nerdigen Sexappeal inszenierten, seltsam minimalistisch und maximal pervers. Ihre Songs kamen nicht einfach so aus dem Nichts oder hinter einem Vorhang hervor, nein, sie spielten sie und ich konnte dabei zusehen. Ich musste mich gegen kleine Bühnen drücken und im unvorhersehbaren Wogen der Menge gebrochene Zehen und blaue Hüften riskieren, nur um einen Blick darauf zu erhaschen, wer ich sein wollte.

2. Unterhaltung

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Unterhaltung

Meine Kindheit war ein einziges Zwiegespräch mit der Fantasie; eskapistisch und immer aufs Darstellen bedacht, führte ich Interviews mit den Postern und Bildern an meinen Zimmerwänden (ich hatte unzählige Fragen an Madonna, die Mitglieder von Duran Duran und Elvis), verwandelte das Wäldchen hinterm Haus in ein Restaurant (ich fegte den Waldboden und nagelte Bretter auf umgefallene Baumstämme, als Tische), brachte Stunden mit dem Ausbrüten und Aufnehmen einer Anrufbeantworteransage zu, die neben ihrem eigentlichen Zweck noch den eines Vorsprechens erfüllen sollte, und trat am Geburtstag meiner Schwester als Clown auf, damit meine Eltern keinen richtigen engagieren mussten. Wirklich präsent zu sein, war mir nicht so wichtig, ich wollte nur präsentabel sein oder wenigstens so tun.

Ich war verzaubert von der Vergangenheit, vom Anachronistischen. Ich kam mir nicht wie am falschen Ort oder im falschen Zeitalter vor, es war nur so, dass sich meine Besessenheiten oft auf Vergangenes richteten. Ich vergötterte die alten Filmstars. Ich sah mir Schwarz-Weiß-Filme im Fernsehen an, programmierte den Videorekorder und nahm Opfer einer großen Liebe mit Bette Davis oder Preston Sturges’ Die Falschspielerin auf. Ich sammelte Bildbände mit Cecil-Beaton-Fotografien von Garbo, Marlene Dietrich, Cary Grant und Gary Cooper. Ich las Katharine Hepburns Bericht über die Dreharbeiten zu African Queen und kaufte mir James-Dean-Poster für mein Zimmer. Ich muss ungefähr zehn gewesen sein, als ich im Fernsehen eine Werbung für eine Time-Life-Schallplattenbox mit Doo-Wop-Songs sah, sie per Nachname bestellte und mich versteckte, als der Postbote mit dem Päckchen vor der Tür stand, während meine Mom bezahlte, um den Schein zu wahren. Die Peinlichkeit, die ich meiner Mutter bescherte – dass sie für einen Moment die Vorstadthausfrau geben musste, die nichts Besseres zu tun hat, als im Fernsehen Platten zu bestellen, die sie beim Staubsaugen hören kann – und auch die spätere Standpauke waren es wert. Jetzt konnte ich zu so altmodischen Gassenhauern wie »A Little Bit of Soap« und »A Teenager in Love« durchs Wohnzimmer tanzen.

Ich glaubte nicht, dass die Welt früher besser war als mein Leben in der Gegenwart, aber ich spürte eine Verbindung, eine Sehnsucht nach dem Glamour und den ikonischen Bildern, die unantastbar und monolithisch wirkten. Es lag eine Stille in der Vergangenheit, eine Klarheit, das Geschehene war gewissermaßen definiert und aufgegliedert worden, und jetzt brauchte man nur danach zu greifen und konnte die Schätze bergen. Die alten Songs, die alten Filme und die Schwarz-Weiß-Fotos wirkten wie eine visuelle und akustische Zeitmaschine. Ich malte mir kein anderes Leben aus, nein – ich wollte mich nur dem Hier und Jetzt entziehen. Es war eine vollständige und befreiende Selbstauslöschung.

Was nicht hieß, dass ich keine Verbindung zu Menschen herzustellen versuchte, durch deren Adern noch Blut floss – nur eben nicht zu Menschen, die ich kannte, oder die irgendwo in meiner Nähe lebten. In den Achtzigern war es üblich, Brieffreunde zu haben, je exotischer ihre Herkunft, desto besser. Was ich an Kontakten aufzubieten hatte, machte geografisch nicht viel her. Ich schrieb mir mit ein paar Ferienbekanntschaften aus dem Zeltlager, die aber bloß am anderen Ende von Washington State wohnten oder zehn Minuten entfernt, aber auf eine andere Schule gingen, was genauso gut in Übersee hätte sein können, denn ich war jung und besaß kein Auto. Die fernste Post, die mich je erreichte, kam aus British Columbia, von einem Mädchen, das ich bei einem Fußballaustausch kennengelernt hatte. Freunde dagegen bekamen Briefe aus exotischen, entlegenen Ländern wie Frankreich oder Vietnam. Sie brachten die dünnen, hellblauen Luftpostumschläge mit in die Schule, und wir beugten uns verzückt über die fremden Briefmarken und die zierlichen Zeilen – So eine winzige Schrift! So hübsch kann Englisch wirklich sein? –, so wie man sich über einen Korb voll flauschiger Kätzchen beugen würde. Es entstand ein gewisser Wettbewerbsgeist. Ich überlegte, was eine Brieffreundschaft mit jemandem aus Asien oder Europa noch toppen könnte. Na klar – eine mit Hollywood natürlich!

Auf der letzten Seite meiner Teenie-Zeitschriften wie Bop oder 16 standen die Adressen aller Film- und Fernsehstars, die ich toll fand – nicht die Privatadressen natürlich, eher so etwas wie Ralph Macchio, c/o irgendein Studio oder irgendeine Agentur, oder ein Postfach, das angeblich von Ricky Schroder geleert wurde. Also schrieb ich ihnen Briefe. Aber der Plan floppte. Es kam nichts zurück, kein einziger Brief, nicht einmal ein Foto mit einem Autogrammstempel darauf. Bald ging es mir weniger ums Konkurrieren mit Gleichaltrigen als vielmehr darum, gesehen und anerkannt zu werden. Ich wollte so verzweifelt wahrgenommen werden, dass ich Hollywoods sogenanntes Brat Pack in Ruhe ließ und diejenigen ins Visier nahm, die vom Ruhm vielleicht noch nicht so ermüdet waren: die Stars der Serien, die tagsüber im Fernsehen liefen.

Und diese Leute schrieben tatsächlich zurück. Genie Francis von General Hospital, Drake Hogestyn von Zeit der Sehnsucht, Doug Davidson von Schatten der Leidenschaft. Handgeschriebene Postkarten! Smileys! Autogramme!

Derlei Nettigkeiten waren umso bemerkenswerter, als ich diesen Schauspielern ellenlange Briefe geschickt hatte, in denen ich mir allen Kummer über meine Probleme mit meiner Mutter und ihre Krankheit von der Seele geschrieben hatte, drei oder vier weinerliche Seiten lang. Es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn sie es für einen Plot-Vorschlag für die nächste Staffel ihrer Soap gehalten hätten. Vielleicht war ihr Briefkasten aber auch voll von solchen Ergüssen über Unzufriedenheit und das Gefühl, an keinen Ort und in keinen Körper zu passen. Vielleicht besaßen diese Schauspieler eine große Tonne mit der Aufschrift »Fehlgeleitete und übertragene Hoffnungen«, in die sie Briefe wie meine warfen. Es ist eigentlich erstaunlich, dass ihren wohlwollenden Antworten, Autogrammen und Briefen nie eine Liste von Kinder- und Jugendpsychologen in meinem Umkreis beilag. Ja, ich wünschte mir Hilfe, aber wahrgenommen zu werden genügte mir fürs Erste.

Eine Antwort, irgendeine Antwort legte den Schluss nahe, dass ich existierte, dass ich nicht verrückt war und alles gut werden würde. Ich hätte zu einem Vertrauenslehrer gehen, ja sogar mit meinen Eltern reden können, aber ich brauchte Post von Persönlichkeiten aus Film und Fernsehen, nicht weil es Stars waren, sondern weil sie so weit weg waren und es mir dadurch vorkam, als würde ich vom Weltall aus gesehen. Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr klein; ich war größer als das Haus, in dem ich wohnte, größer als unsere Stadt. Dank ihnen gehörte ich irgendwie zu dieser Welt.

An solche Momente denke ich immer zurück, wenn Fans an mich herantreten, mir Briefe oder Nachrichten über soziale Medien schreiben. Ich versuche, mich an die innere Stärke zu erinnern, die Anerkennung einem gibt.

 

Eine andere Form, mir selbst Gültigkeit zu verschaffen, war das Spielen und Darstellen. Es gab mir zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort eine Aufgabe. Ich konnte Gefühle ausagieren, statt mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Im Kontakt mit Menschen konnte ich praktisch nicht anders, als in irgendeiner Weise eine Show abzuziehen. Meine Schwester Stacey war meine erste Verbündete, zusammen nahmen wir Hörspiele auf oder sangen mit einem Stock als Mikrofon für unsere Eltern Playback. Wenn ich bei einer Freundin zu Besuch war, bestand ich vor dem Nachhausegehen darauf, im Kleidchen meiner Freundin ein Ballett aufzuführen, obwohl ich nie eine einzige Tanzstunde gehabt hatte. Stichwort »Tanz der Zuckerfee«. Dann folgte eine Jongliereinlage mit zwei Tennisbällen und einem Apfel zu »Summer in the City« von The Lovin’ Spoonful. Ich fand es herrlich, das Kommando zu übernehmen und herumzualbern, eine Situation zu kontrollieren, indem ich mich in den Mittelpunkt stellte, und das Alltägliche zum Theatralischen zu erheben. Die Leute sollten mir zuhören, mich sehen oder einfach nur bemerken. Ich nahm die Menschen zu Geiseln meiner Gier nach Aufmerksamkeit. Es war ebenso sehr ein Aufdrängen wie ein flehentliches Bitten.

Falls meine Suche nach Aufmerksamkeit in den folgenden Berichten irgendwie konfus und verbissen wirkt: Sie war es. Ich war ein ängstliches Kind, neigte als Baby zu Koliken, Weinerlichkeit und später zu Wutanfällen, bei denen ich wild um mich schlug und strampelte. Meine Mutter verglich mich in meiner melodramatischen Art mit der Stummfilmschauspielerin Sarah Bernhardt, so als ob mein Ärger und meine Gefühle nicht normal wären, sondern kalkuliert und ausgedacht. Bernhardt sagte zur Entschuldigung ihrer Theatralik einmal, sie habe in ihren Filmen ja keine Tonspur. Meine dagegen war ein Versuch, die um sich greifende Stummheit in der Familie zu übertönen.

Nachts wachte ich auf und fürchtete mich vor Feuer, Tod und Krankheiten. Der Geruch von Toast drang zu mir, meine Mutter stand um drei Uhr morgens hungrig in der Küche. Rauchzeichen des Kummers hingen über meinem Bett. Ich untersuchte mein Kopfkissen, um sicherzugehen, dass mir nicht die Haare ausfielen. Ich sah nach, wo die Feuertreppen waren, und kalkulierte den Sprung von meinem Fenster im ersten Stock in den nächstgelegenen Baum. Ich schleppte mein Bettzeug durch den Flur, schlich ins Zimmer meiner Eltern und legte mich dort auf den Boden. Oder ich kroch zu meiner Schwester ins Bett, bis sie aufwachte und mich rauswarf. Ich wollte nicht allein sein. Mein Hirn gab nur selten Ruhe. Auf einem Familienvideo für meine Großeltern zum Hochzeitstag ist quasi durchgängig meine Stimme zu hören, immer mindestens so laut wie die eines NFL-Trainers. Andauernd renne ich ins Bild. Ich wollte nicht, dass die Aufnahme je endet.

Mit fünf oder sechs bat ich meine Eltern, wenn sie Freunde zu Besuch hatten, vor dem Schlafengehen zu einer der Platten meines Vaters mitsingen zu dürfen. Ich war so etwas wie eine schräge Vorstadtversion der Kinder aus The Sound of Music, die die Erwachsenen vor dem Zubettgehen mit einem Ständchen entzücken und »So Long, Farewell« singen, nur dass ich einen Eagles-Song mitsang, in dem es wahrscheinlich um Kokain ging oder darum, in einem Mördertempo über die linke Spur eines kalifornischen Highways zu kacheln. »We stabbed it with our steely knives, but we just couldn’t kill the beast«, jaulte ich krumm und schief. Ein Schlaflied, dann ab ins Bett. Ich verbeugte mich und schleifte meine Babydecke hinter mir her in mein Zimmer.

Mit einem Rekorder auf unserem Sofa in Bellevue.

Ich gab die Theaterdirektorin unserer Wohnsiedlung und versuchte pausenlos, zusammen mit den anderen Kindern Theaterstücke oder kitschige Talentshows auf die Beine zu stellen. In einem Sommer gründeten wir Lil’ »d« Duran Duran, eine Duran-Duran-Coverband, nur dass wir bloß zur Musik herumhampelten und nicht spielten. Aus Holzresten nagelten wir Gitarren und Keyboards zusammen, malten sie mit übrig gebliebener Fassadenfarbe an – sämtliche Instrumente waren grau – und zeichneten mit Filzstift schwarze Schlängellinien als Saiten darauf. Die Synthesizertasten sahen wie eine Reihe schiefer Zähne aus. Wir probten jeden Tag auf der Veranda unserer Nachbarn. (Die Veranden in den Vorstädten der Westküste sind eine Kunstform für sich, und zwar eine ziemlich merkwürdige. Sie sind aufwändig dekoriert und vielschichtig, wie hölzerne Hochzeitstorten. Seht euch alte Ausgaben der Zeitschrift Sunset an, wenn ihr wissen wollt, wie man selbst ins kleinste Eckchen einen Whirlpool quetscht oder als Farbtupfer Geranien zwischen Bänke pflanzt. Und ganz wichtig: jährlich beizen!) An einem Verlängerungskabel, das sich aus der Küche herausschlängelte, hing ein Ghettoblaster, aus dem in Dauerschleife »The Reflex« und »Rio« dröhnte, jedenfalls solange jemand immer wieder zurückspulte. Unser Publikum bestand nur aus Misty und Ricky, einem in die Jahre gekommenen Deutschen Schäferhund und einem Australian-Shepherd-Mischling. Unser »Schlagzeuger« Peter trieb sich meistens irgendwo herum, auch wenn wir auf seiner Veranda probten. Ich war Simon Le Bon, der Leadsänger – und ich bewegte nicht nur die Lippen, sondern übertönte einfach seinen Gesang – und die Bandmanagerin in Personalunion. Ich bat meinen Dad, in seinem Büro Flyer für unseren Auftritt zu fotokopieren. Er gehorchte. Aber nach zwei Wochen proben verloren alle außer mir das Interesse. Die Mitglieder von Lil’ »d« wandten sich wieder anderen Sommeraktivitäten zu: Fernsehserien, im Vorgarten provisorische Wasserrutschen aus Plane und Gartenschlauch bauen, Sonnenbaden mit Kitschromanen und Badminton.

In der Grundschule veranstaltete unsere Musiklehrerin ab und zu einen Tag, an dem jeder etwas mitbringen und den anderen vorstellen durfte. Wir schleppten die ABBA-Platten unserer Eltern an oder sangen einen Beatles-Song, aus dem sämtliche Drogenanspielungen gestrichen worden waren (We say ›hi!‹ with a little help from our friends). Einmal beschloss ich, zu McCoys »Hang on Sloopy« etwas vorzutanzen. Kinder haben noch weniger als Erwachsene eine Vorstellung davon, wie ein Song einzuordnen ist oder auch nur, was er eigentlich bedeutet, in ihren Ohren sind alle Lieder Kinderlieder. Ich mochte »Hang on Sloopy« vor allem deshalb, weil es wie ein Lied über Snoopy, den Hund, klang. Deshalb wollte ich etwas für Snoopy tanzen, und natürlich auch für alle anderen, die in der 5. Klasse mit mir zusammen Musik hatten.

Die Choreografie, die ich erarbeitete – wobei ich das Wort »Choreografie« hier im allerweitesten Sinne verwende, so als würde man Milch ins Müsli gießen »kochen« nennen –, war eine Kombination aus Gehen und Boxen, und wahrscheinlich sah es aus, als würde ein Pinguin Aerobic tanzen. Graziös ist anders. Ich hatte eine gute Koordinationsfähigkeit, war sportlich und fit, aber ziemlich linkisch. Ich trug ein schlabbriges, himbeerfarbenes T-Shirt, dessen Ärmel für kurze Ärmel zu lang und für lange Ärmel zu kurz waren – sie sahen eher wie Flügel aus. Meine langen, dünnen Arme, auf denen piksende Haare nachwuchsen, weil ich in punkto Rasieren etwas falsch verstanden hatte, ragten wie stachlige Spaghetti aus den Flügelöffnungen heraus. Das T-Shirt hatte ich in meine beigefarbenen Shorts mit Gummibund gesteckt. Hätte ich nicht gerade einen frischen Schorf auf dem Knie gehabt, wäre schwer zu erkennen gewesen, wo die Shorts endeten und meine blassen Beine begannen. Ich weiß noch genau, wie Mrs. Pappas zu einem Jungen namens Braden ging – dessen Mund nur zu einem einzigen Ausdruck fähig war: einem frechen Grinsen – und ihm einschärfte: »Nicht lachen!« Aber ich tanzte trotzdem. Ich hielt durch, genau wie Sloopy.

In der Mittelstufe spielte unser Politiklehrer mit uns einmal einen Gerichtsprozess durch. Es wurden Rollen vergeben: ein Verteidiger, ein Staatsanwalt, Zeugen für beide Seiten, der Richter und die Geschworenen. Es war eine Routineübung, die uns ein paar Tage Zeit kosten würde und uns helfen sollte, das Justizwesen besser zu verstehen. Unser Lehrer teilte Zettel mit Beweismaterial aus, das die Anwälte konsultieren sollten, während der Rest von uns Däumchen drehend herumsaß und darauf wartete, in den Zeugenstand zu treten und ein paar Fragen zu beantworten, bevor wir uns wieder auf unsere Stühle lümmelten und auf die Uhr sahen. Ich beschloss, etwas Schwung in die Sache zu bringen, und war sowieso nicht zufrieden mit dem vorhersehbaren, nur aus zwei Möglichkeiten bestehenden Ergebnis der Verhandlung – schuldig oder nicht schuldig, banaler ging es ja nicht! –, also überlegte ich mir, ein Geständnis zu inszenieren. Um die Dramatik noch zu steigern, wartete ich eine besonders öde Phase ab. Dann stand ich von meinem Pult auf und rief: »Mein Sohn ist unschuldig. Ich bin die Mörderin!«

Alle drehten sich zu mir um. Einige lachten, aber ich ließ mich nicht beirren. Unter dem verdatterten Blick unseres Lehrers trat ich in den Zeugenstand. Das war jetzt mein Gerichtsprozess. Dann legte ich aus dem Stegreif ein zehnminütiges Geständnis ab, erklärte, wo ich die Waffe versteckt hatte, und legte meine Motive dar (hauptsächlich Rache), das alles mit bebender Stimme und zitternder Unterlippe.

Ich fühlte mich siegreich. Ich hatte etwas so Lächerliches wie Unerwartetes vollbracht. Aber nicht alle waren erfreut darüber. Mein Klassenkamerad Tim, der Verteidiger, nahm mich hinterher beiseite. Mit Tränen in den Augen erzählte er mir, sein Dad habe einen Hirntumor und jetzt habe ich ihm auch noch die Chance vermasselt, den Prozess zu gewinnen. Das mit seinem Vater tat mir zwar schrecklich leid, aber ich spürte eine vage Genugtuung darüber, der ganzen Klasse einen weiteren profanen Nachmittag mit berechenbarem Ausgang erspart zu haben. Als geborene Rampensau, die immer nach Aufmerksamkeit lechzte, kannte ich diese Gefühlsmischung schon.

Auf der Highschool veranstaltete ich bei uns zu Hause einige How to Host a Murder-Partys. Wer das nicht kennt: HTHAM war eine Reihe von Mystery-Rollenspielen mit halbseriösen Namen wie »Der Chicago-Streich« und »Die Früchte des Korns«. Ich habe sie fast alle gespielt. Für eine Partie braucht man acht Gäste – es gibt vier männliche und vier weibliche Rollen –, die jeweils einen Charakter zugewiesen bekommen, jeder ein Verdächtiger in einer klassischen Mystery-and-Suspense-Geschichte. Einer von ihnen – oh Schreck! – ist der Mörder. Es überrascht wohl niemanden, dass nie einer von meinen männlichen Freunden mitmachen wollte, weshalb immer vier meiner Freundinnen als Herren erscheinen mussten. Genauso wenig dürfte es überraschen, dass ich das Spiel sehr ernst nahm.

Wochen vorher verschickte ich die Einladungen. Ich bat meine Freundinnen, sich angemessen zu verkleiden, Kostümvorschläge inbegriffen. Das war ja schließlich kein drittklassiger, zweifelhafter Zieh-irgendwas-an-und-nenn-es-irgendwie-Abend; nein, wir mussten die Figuren verkörpern!

How to Host a Murder-Party

Und wenn man sich dafür in einem Kostümverleih ein Zwanzigerjahre-Kleid borgen oder in einem Secondhandladen nach einer alten Militäruniform fragen musste – sei’s drum. Melonen, Schwerter, Aktentaschen, Golfschläger, Strumpfgürtel, Perlen: Immer her damit!

Ich nahm meine Pflichten als Gastgeberin nicht weniger ernst. Ich holte die guten Kerzenleuchter heraus und polierte das Silbertablett, auf dem ich Pizzahappen frisch aus der Mikrowelle servierte. Ich spülte die Champagnerflöten aus – meines Wissens waren sie sonst noch nie benutzt worden – und füllte sie mit Cider. Für eines der Spiele, das während der Glanzjahre Hollywoods spielte, nahm ich unsere Familienfotos aus den Bilderrahmen und ersetzte sie durch Zeitschriftenfotos der Filmstars von damals. Macht’s gut, ihr Brownsteins in Fotopose vor dem Kamin, die ihr den Familienhund Buffy am Halsband ins Bild haltet, hallo Lana Turner! Und Elizabeth Taylor und James Stewart sahen um Längen weltläufiger aus als jedes zahnlückige und Karopullunder-lastige Schulfoto von mir oder meiner Schwester. Ich ging sogar so weit, die Starfotos mit Autogrammen zu versehen und sie dem Gastgeber dieses Spiels zu widmen, dem mächtigen Leiter der Powar Studios, W. Anton Powar.

Weihnachtskarte der Brownsteins. Redmond, Washington.

Bevor die Feierlichkeiten begannen, verbannte ich meinen Vater und meine Schwester ins Fernsehzimmer. Ich legte das eigens für den Abend zusammengestellte Mixtape mit passender Musik aus dem jeweiligen Jahrzehnt ein und dimmte das Licht. Die Gäste kamen und wir führten eine Weile Smalltalk, passend zu unseren Rollen natürlich. Wir prosteten uns zu, aßen Cracker mit Butter und Cheddar und bewunderten gegenseitig unsere Kleidung und Staffage. Wir tanzten einen Slow, Mädchen mit Schnurrbärten wiegten mit Mädchen in Kleidern hin und her. Dann nahmen wir auf Polsterstühlen Platz und klärten einen Mord auf.

Irgendwann hatte ich wohl meine Grenzen erreicht, ich wollte nicht mehr nur mitmachen und so tun als ob. Ich erschuf nichts Richtiges, bahnte nur dramatische Situationen an, führte sie durch oder erleichterte sie – Situationen irgendwo zwischen Wahnwitz und Wahnsinn. Es war endbescheuert – es war ein Spiel. Ich schlüpfte unheimlich gern in fremde Rollen, mochte die Gender-Ambiguität, den Hauch von Erotik und demonstrativer Tapferkeit und auch die Momente, die von den Regeln und der Struktur abwichen. Indem ich mich verkleidete und etwas darstellte, konnte ich spielerisch Identitäten anprobieren, mich ins Erwachsenenleben und in andere Welten teleportieren und Charakterzüge annehmen, die mir in meiner eigenen Haut und meinen eigenen Sachen seltsam vorgekommen wären, aber nicht, solange ich jemand anders war.

Aber ich musste erst noch das richtige Medium finden, das meine Ängste und meine Ruhelosigkeit vermitteln konnte – das meinen sehnsüchtigen Wunsch, verstanden zu werden, in etwas Großes und zugleich Pointiertes verwandelte. Die passende Form für meinen kreativen Hunger zeigte sich schließlich. Es dauerte bloß eine Weile.

Aber zuerst sollte ich noch einmal zurückgehen und erklären, wie ich schließlich an Leute kam, die Musik machten.

 

In der Grundschule war ich wegen meines Selbstbewusstseins allseits wohlgelitten, richtiggehend beliebt. Wenn im Sportunterricht Mannschaften zusammengestellt wurden, wurde ich als eine der Ersten gewählt, ich gewann den Buchstabierwettbewerb, war zu jedem wichtigen Kindergeburtstag im Erlebnisbad und zu allen Pyjamapartys eingeladen, war musikalisch und sportlich aktiv, spielte im Schultheater mit und wurde zweimal zur stellvertretenden Schulsprecherin gewählt. (Meine Wahlkampfrede enthielt Sätze wie: »Girls just wanna have fun – ja, aber sie wollen auch in die Politik!« Und: »We built this city on rock’n’roll, aber diese Schule bauen wir lieber auf unserer Führung auf.« Am Ende meiner Rede spielte ich aufgenommene Schnipsel von allen erwähnten Songs ab, nur für den Fall, dass irgendjemand die Frechheit oder Trantütigkeit besaß, meine cleveren Wortwitze und Popkultur-Anspielungen nicht zu kapieren.)

In der sechsten Klasse hatte ich zwei beste Freundinnen, und eine davon, Tammy, war das erste Scheidungskind, das ich je kennenlernte. Sie wohnte bei ihrer Mom. Tammy war auch die Erste, die ich kannte, die in einer Mietwohnung lebte. In dem Alter glaubte ich, Wohnblocks würden eigens für Singles oder frisch Getrennte gebaut und wären so etwas wie Geschiedenenwohnheime. Tammy war süß und taff, mit Sommersprossen, Stupsnase und einem orangerot gefärbten Pony, der mithilfe von Haarspray als erstarrte Welle hochstand. Ihr Mom rauchte, für mich ebenfalls eine Seltenheit in den Vorstädten des Pazifischen Nordwestens, aber ich mochte das ungeschminkte, weltkluge Flair, das die Wohnung durch den Nikotingeruch ausstrahlte und das sie irgendwie bewohnt wirken ließ. Außerdem stibitzten wir ihrer Mutter heimlich Zigaretten, damit wir am Wochenende im Park rauchen konnten. Rauchen bedeutete für mich Pusten, so wie man in ein Kazoo pusten würde. Cool sah das für mich auch aus, und zu inhalieren traute ich mich sowieso nicht. Es lag wohl an diesem frühen Kontakt mit Zigaretten, dass mich das Rauchen später kein bisschen mehr reizte – Eltern aufgepasst!

Als Tammy an die Benjamin Rush Grundschule kam, ging das Gerücht, sie sei keine Jungfrau mehr. Stillschweigend und vage bestätigte sie es, obwohl ich es immer noch für möglich halte, dass das Ganze vollkommen aus der Luft gegriffen war. Es könnte einfach nur ein geschickter Schachzug ihrerseits gewesen sein, überlegte ich mir, eine Selbstmythologisierung, die man Schulwechslern zugesteht oder die sie nötig haben. Oder vielleicht wollte Tammy auch durchblicken lassen, dass sie wusste, wie es läuft, und schon einiges durchgemacht hatte, für ein Kind aus ärmeren Verhältnissen durchaus eine Möglichkeit, sich bei den Mittelklassekids Respekt zu verschaffen. Alles, was nach dem echten, rauen Leben roch (je exotischer und subversiver, desto besser), genoss bei den Vorstadtkids hohes Ansehen. Diese Ahnung von persönlicher Verwandlung und Neudefinition war es, die mich zu Tammy hinzog: Sie war so unerschrocken, auf gewisse Weise auch unergründlich, und sie pfiff auf alles Mögliche.

Tammy war es auch, die meine ersten Küsse und Knutschereien in die Wege leitete. Zusammen fuhren wir ins Ferienlager: ich, um mit Pfeil und Bogen zu schießen, im Kanon Harry Chapins »Cat’s in the Cradle« zu singen und Schlüsselbänder zu knüpfen; sie, um Jungen aus anderen Schulen kennenzulernen und mit fremden Zungen zu spielen. Schließlich beschloss ich, dass es mehr Spaß machte, im Wald mit einem Jungen in Shorts und Rollkragenpullover Händchen zu halten und im Speisesaal zu Depeche Mode zu tanzen, als Kanu zu fahren oder am Strand Muscheln zu suchen, auch wenn ich immer im Hinterkopf hatte, dass ich seit mehr als fünf Tagen weder unter der Dusche noch richtig auf der Toilette gewesen war.

Als wir im Frühjahr nach dem Ferienlager einmal im Garten zelteten, fädelte Tammy es so ein, dass heimlich ein paar Jungs zu uns kamen. Sie gab uns Anweisungen, teilte uns in Paare ein und erklärte uns, was wir beim Küssen mit der Zunge anstellen mussten – ganz schön hart für Nicht-mal-ganz-Teenager; man musste den Mund dazu noch länger und weiter aufmachen als beim Zahnarzt. Tammy schlüpfte zusammen mit einem Jungen in einen Schlafsack und zog den Reißverschluss zu. Der Rest von uns blieb aufrecht sitzen, weil wir nicht genau wussten, was in der Horizontale zu tun war, und uns lieber nicht auf einen Partner festlegen wollten. Wir saßen also in einem feuchten Zelt, das nach Drakkar Noir, Zigaretten und Pfefferminzlikör roch, und knutschten. Es dauerte nicht lange, da riss ich einem Jungen namens Ricky mit meiner Zahnspange die Lippe auf. Ich ließ es für den Abend gut sein und ging; ich fühlte mich untauglich für dieses unbekümmerte Freiluft-Gruppengefummel, aber eigentlich war ich eine loyale und eifrige Mitläuferin. Ich war gern in einer Clique.

Meine andere Freundin war Jennifer. Ihr großer Bruder Michael besaß eine eindrucksvolle Sammlung von Heavy-Metall-Kassetten: Iron Maiden, Judas Priest, Van Halen. Aber noch wichtiger war, dass ihre Tante für Huey Lewis arbeitete. Bei Jennifer zu Hause hing ein gerahmtes Bild von ihm. Allein diese Tatsache genügte, dass mir ihre Familie magisch vorkam. Meine Verbindung zu diesem Rockstar, von dem zahllose Hits im Radio gespielt wurden und dessen Alben ich besaß, war eindeutig sehr vage – es war die Tante meiner Freundin, ich hatte sie nie kennengelernt, sie wohnte nicht in Redmond und arbeitete wahrscheinlich auch gar nicht mehr für Huey Lewis oder seine Band The News. Vielleicht hatte sie irgendwann einmal einen Auftrag für ihn erledigt? Oder hatte sie davon geredet, bei ihm zu arbeiten? Hatte sie es sich nur gewünscht? War sie vielleicht gar nicht bei Huey Lewis, sondern bei jemand anders angestellt gewesen? Vielleicht stand sie wie ich auf sein Album Sports. Die Fakten waren unbeständig und praktisch nicht festzumachen, aber dieses gerahmte Bild hing dort. Und das war etwas – etwas Reales. Und ich war in dem Haus mit dem Foto gewesen. Und der Mensch auf dem Foto war ein Star. So tricksen sich Fans durch die Welt, mit fadenscheinigen Verbindungen und großen Hoffnungen.

Obwohl wir dauernd beieinander übernachteten, Streiche ausheckten (wie zum Beispiel fremde Häuser mit Toilettenpapier schmücken) und gemeinsam ins Ferienlager fuhren, verloren Tammy, Jennifer und ich uns aus den Augen, als wir auf die Junior High kamen. Aber die beiden gingen mit mir durch meine glücklichsten Kindheitsjahre, in denen Mom noch gesund und präsent genug war, um mir bei den Hausaufgaben zu helfen (ganz zu schweigen von der lächerlichen Wahlkampfrede), und als es mir nicht komisch vorkam, dass mein Dad sich ein Motorrad kaufte und in den Canyonlands-Nationalpark fuhr, um dort mit einem Freund Urlaub zu machen.

3. Verschwinden

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VERSCHWINDEN