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Magisterarbeit aus dem Jahr 2011 im Fachbereich Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte, Note: 1,7, Ludwig-Maximilians-Universität München (Geschwister-Scholl-Institut), Sprache: Deutsch, Abstract: Diese Arbeit behandelt das Verhältnis von Moderne und Fundamentalismus auf einer allgemeinen Basis und im Speziellen bei Sayyid Qutb. Qutb war der wohl wichtigste und bekannteste ideologische Vordenker der ägyptischen Muslimbruderschaft und beeinflusste Generationen von Islamisten bis hin zu Osama bin Laden. Der allgemeine Teil zeigt Kontinuitäten und Gemeinsamkeiten im Verhältnis von Moderne und Antimodernismus (Werte, geschichtliche Erfahrungen und Überzeugungen). Moderne und Fundamtalismus teilen Werte wie Individualismus, Aktivismus und Rationalität, gleichzeitig bekämpfen fundamentalistische Bewegungen diese Werte in der modernen Gesellschaft vehement. Besonders deutlich wird diese Ambivalenz im islamisch-fundamentalistischen Denken Sayyid Qutbs. Das spanungsreiche Verhältnis aus Ablehnung, Übernahme und teilweiser Bejahung von modernen Werten führt bei fundamentalistischen Bewegungen zu einem inneren Zerbrechen der Ideologie, beispielsweise spaltete sich die Muslimbruderschaft, die von Qutb maßgeblich geprägt wurde, auf und wurde einerseits modern und demokratiebejahend, auf der anderen Seite gründeten sich terroristische Fraktionen, die gewalttätig gegen die Moderne und ihre Befürworter vorgingen. Dieses Schicksal der Spaltung und schlussendlichen Übernahme moderner Werte ist bei allen Antimodernismen zu beobachten und in der Ideologie angelegt. Das Beispiel Sayyid Qutb zeigt diese Spaltungen schon im Denken und lässt sich in der Geschichte der Muslimbruderschaft weiterverfolgen.
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Veröffentlichungsjahr: 2011
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I.Einleitung
Sayyid Qutb war einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste islamische Fundamentalist. Seine Werke beeinflussten jahrelang die Politik der Muslimbruderschaft, später islamische Terrorgruppen und sogar in der al-Qaida von Osama bin Laden und al-Sawahiri finden sich Denkstrukturen und Motive Qutbs.
Er lebte in einer der turbulentesten Phasen der jüngeren Geschichte Ägyptens, in der sich das Land aus der Kolonialherrschaft Großbritanniens unter großen Anstrengungen befreite und einen eigenen Weg suchte.
Bekannt wurden vor allem die letzten, fundamentalistischen Werke, die er gegen Ende seines Lebens geschrieben hatte und die zum Teil erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden, wie es im Falle des BuchesMeilensteinegeschah.
Qutb selbst war indes mehr: Nationalist, säkularer Demokrat, Sozialist und Reformist. In seinem Leben spiegeln sich alle möglichen Versuche der arabisch-islamischen Welt, der Moderne und ihren Auswirkungen zu begegnen. Er begann als überzeugter Anhänger westlicher Ideen und forderte ihre Umsetzung in Ägypten und der islamischen Welt, dann wandte er sich sozialistischen Ideen und unter dem Eindruck anhaltender Fremdherrschaft in Ägypten fundamentalistischer Ideologie zu.Die vorliegende Arbeit versucht anhand Qutbs Ideen Spannungen und Brüche innerhalb der fundamentalistischen Ideologie aufzudecken, die aus dem Verhältnis zur Moderne herrühren.
Die Arbeit wird versuchen, folgende These zu bewerten und auf ihre Gültigkeit in der Ideologie Qutbs hin zu untersuchen: Fundamentalismus produziert aufgrund eines ambivalenten und unklaren Verhältnisses zu den Werten der Moderne in seiner Ideologie Spannungen und Brüche hinsichtlich der Frage, wie mit den Werten der Moderne umgegangen werden solle, sodass diese die Auflösung fundamentalistischer Bewegungen nach sich ziehen können. Diese Spannungen und Brüche in der Ideologie entstehen vor dem Hintergrund eines Verhältnisses zur Moderne, das von einer Mischung aus Ablehnung, Integration und Notwendigkeit geprägt ist. Diese These soll an dem konkreten Beispiel des fundamentalistischen Denkers Sayyid Qutb dargelegt werden und mögliche Besonderheiten in der Ideologie des wichtigsten Vertreters des islamischen Fundamentalismus aufzeigen, aber auch allgemeine Aussagen zu Spannungen und Friktionen im Verhältnis zur Moderne treffen.
Der erste Abschnitt der Arbeit stellt die Geschichte der Moderne und ihre Gegner bzw. Kritiker dar. Ausgehend von der Aufklärung und der im Gefolge der Französischen Revolution stürmischen Verwandlung der westlichen Welt, einer Industrialisierung und eines Wandel der
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sozialen Strukturen und Institutionen sollen die Verläufe der Moderne und anti-moderner Bewegungen sowie Merkmale und Übereinstimmungen anti-moderner Kritik skizziert werden. Anschließend werden die sozioökonomischen Modernisierungsversuche in Ägypten seit etwa 1800 vorgestellt und die sozialen Folgen dieser Prozesse.
Anknüpfend an diese Beschreibung der Modernisierung in Ägypten wird anhand von Qutbs Leben exemplarisch das Ringen mit der und um die Moderne im arabischen Raum erläutert. Wie schon oben angesprochen gab es in der jüngeren Geschichte verschiedene Möglichkeiten, die arabisch-islamische Welt zu modernisieren. Diese Versuche können mit Übernahme und vollständiger Integration westlicher Ideen1, Reformismus, d. h. Modernisierung auf Grundlage und mithilfe der eigenen Kultur sowie vollständiger Ablehnung der Moderne und kultureller Regression (Fundamentalismus) charakterisiert werden.2Der zweite Abschnitt widmet sich der Konzeption des Fundamentalismus, der Herkunft des Begriffes, seinen Merkmalen sowie theorieinternen Kontroversen, Kritik und alternativen Begriffen, die anstelle des Ausdrucks Fundamentalismus benutzt werden.
Auf die Erläuterung der Merkmale fundamentalistischer Bewegungen und Ideologien folgt eine Darstellung der Merkmale und Werte der Moderne. Aufgrund der Stringenz und breiten Rezeption Münchs werden in dieser Arbeit seine Begriffe zur Charakterisierung der Moderne und ihrer Werte herangezogen: Individualismus, Universalismus, Aktivismus und Rationalität. Daneben sollen jedoch nicht die Überlegungen beispielsweise von Habermas oder Beck unerwähnt bleiben. Diese beinhalten in ähnlicher oder gleicher Form die von Münch analysierten Werte, ergänzen diese jedoch noch um andere Merkmale, z. B. organisatorische Aspekte. Da diese und andere Ansätze besonders die Stellung des Säkularismus und der (liberalen) Demokratie in der Moderne betonen, sollen diese ebenfalls betrachtet werden. Zudem stehen gerade Säkularismus und Demokratie im Fokus fundamentalistischer Bewegungen.
Daran anschließend soll in einer vergleichenden Analyse das Verhältnis von modernen Werten und Fundamentalismus erst in allgemeiner Form, danach am Beispiel Qutb beschrieben werden. Das Kapitel, das sich mit der Ideologie Qutbs befasst, folgt dabei den Hauptmotiven in seinen Werken, die die Stellung des Individuums in der Gesellschaft, der Religion im Staat sowie der Wissenschaft zwischen Vernunft und Glauben definieren.
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Das Verhältnis von Religion und Politik, insbesondere Religion und Demokratie ist Gegenstand zahlreicher kontroverser Debatten und Bücher. Neben vielen Zustandsbeschreibungen, Einzeldarstellungen von bestimmten Ausschnitten existieren normative Darstellungen etlicher philosophischer Größen.3Eine Darstellung des gesamten Forschungsstandes ist in dieser Arbeit nicht Ziel und darüber hinaus nicht notwendig, da lediglich ein kleiner Teilbereich religiöser Gefühle und politischer Bewegungen beschrieben wird. Dessen ungeachtet ist dieser Ausschnitt - Fundamentalismus - von nicht geringer Bedeutung und Relevanz, da sich gerade in diesem Bereich große Konflikte auftun. Die Arbeiten zum Thema Fundamentalismus lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen, die ihrer unterschiedlichen Zielsetzung entsprechen. Arbeiten beispielsweise von Armstrong oder auch in Teilen Riesebrodt versuchen eine historischvergleichende Analyse von Entstehung und Niedergang fundamentalistischer Bewegungen. In der Regel werden dabei vor allem die abrahamitischen Religionen betrachtet. In dem großenFundamentalism Projectvon Marty und Appleby, das neben einer historisch-vergleichenden Herangehensweise eine breit rezipierte und akzeptierte Definition hervorbrachte, wurden dagegen fundamentalistische Bewegungen aller Weltreligionen untersucht. In einem weiteren Werk der Autoren (gemeinsam mit Almond),Strong Religion,werden die Ergebnisse desFundamentalism Projectweitergeführt. Beide Werke gemeinsam mit Riesebrodts Darstellungen fundamentalistischer Bewegungen sollen in dieser Arbeit aufgrund ihrer hohen Akzeptanz hinsichtlich der Resultate in Theorie und Empirie einen wichtigen Platz einnehmen. Dennoch sollen verschiedene Monografien anderer Wissenschaftler, die sich oftmals bestimmte Aspekte fundamentalistischer Bewegungen herausgreifen, nicht vernachlässigt werden. Dazu zählen etwa die Arbeiten Pfürtners und Jäggi/Kriegers, deren Interesse vor allem den sozialpsychologischen Dimensionen des Fundamentalismus gilt.
Deskriptive Ansätze zur Moderne als Antagonist liefern unter anderem Habermas in seinen bekannten WerkenDer philosophische Diskurs der ModerneoderDie Moderne - Ein unvollendetes Projektund Münch in seinen Werken zur Struktur und Kultur der Moderne, die durch Rationalität, Universalismus, Aktivismus und insbesondere Individualismus gekennzeichnet ist. Teilbereiche der Moderne wie Regieren in der („Zweiten“) Moderne und gerechte Verteilung in modernen Gesellschaften beschreiben Beck in seinen Schriften über die Risikogesellschaft - ein von ihm geprägter Begriff - oder auch Giddens, dessen Forschungen neben der Moderne und ihren Auswirkungen auf Regieren und das Individuum auch den sogenannten Dritten Weg in der modernen, postideologischen Demokratie behandeln. Sayyid Qutbs Leben und Ideologie erfuhren nach dem (erneuten) Aufkommen islamischen Fundamentalismus und Terrorismus mit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA
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gesteigertes Interesse. In der Folge wurden vermehrt Texte und auch wissenschaftliche Betrachtungen publiziert, daneben stieg ebenso die Neugier journalistischer Kreise. Das Fehlen englischer Übersetzungen behinderte zu Beginn umfassende Analysen des Lebens und der Ideologie Qutbs. Beispielsweise greift Berman aus Mangel an Primärquellen in seinem EssayTerror und Liberalismusauf Teile eines Korankommentars zurück. Dagegen kann Damir-Geilsdorf in ihrer jüngst erschienenen Doktorarbeit über Sayyid Qutb auch frühe Werke wie Kurzgeschichten oder Gedichte in ihrer Arbeit berücksichtigen und ein vollständigeres Bild über Qutb bieten. Calverts Darstellung weist eine noch ausführlichere und genauere Beschreibung der ideologischen Entwicklung auf und ist demzufolge eine breit rezipierte Quelle für andere Arbeiten. Wright wiederum stellt in seiner eher journalistischen als wissenschaftlichen Arbeit über die Vorgeschichte von 9-11 in einigen dennoch lesenswerten und quellenreichen Kapiteln das ideologische Erbe Qutbs in den Vordergrund. Daneben widmet er dem Aufenthalt Qutbs in den USA viel Raum.
Spezielle Aspekte der Ideologie Qutbs behandeln etwa Khatab oder umfangreicher auch Damir-Geilsdorf. Daneben bestehen einige kleinere Artikel zu bestimmten Teilbereichen der Ideologie bzw. des Lebens Qutbs. Der schon angesprochene Berman stellt den Gegensatz Liberalismus bzw. liberale Demokratie und Fundamentalismus Qutbs in den Vordergrund. Im Gegensatz zu den vielen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen im Bereich des Fundamentalismus wurde zu Sayyid Qutb und seinem Denken insgesamt weniger publiziert. Dies liegt zum einen an der relativ geringen Bekanntheit Qutbs bis in jüngere Zeit, zum anderen an der Tatsache, dass nur einige Werke Qutbs aus dem Arabischen übersetzt wurden. Die Hauptwerke der fundamentalistischen Phase Qutbs sind jedoch in großen Teilen heute in englischer Übersetzung verfügbar. Während es folglich im westlichen Raum für Arbeiten zum Verständnis der Entwicklung des Denkens Qutbs noch an ausreichenden Übersetzungen mangelt, kranken Untersuchungen im arabischen Raum oft an fehlender Objektivität und kaum verhohlener Sym- oder Antipathie.4Die in dieser Arbeit verwendeten Quellen sindMilestones, Social Justice in Islam,eine Übersetzung des Berichts über die Erlebnisse in den USA sowie zwei Werke, die in deutscher Übersetzung vorliegen,Dieser Glaube der Islamund ein autobiografischer Bericht über die Jugendjahre Qutbs,Kindheit auf dem Lande.Zudem wird eine eigene Übersetzung eines Teils von Dirasat Islamia für die Arbeit herangezogen.5Eine vollständige Übersetzung dieses wichtigen und sehr umfangreichen Werkes ist bislang noch nicht vorhanden, könnte aber das Verständnis der Qutb’schen Ideenwelt unterstützen.
4Vgl. Damir-Geilsdorf: Herrschaft und Gesellschaft. 2003, S. 10.
5Zwar wurden im Internet einige Versionen der Dirasat veröffentlicht, konnten jedoch nicht zweifelsfrei als das Original von Qutb identifiziert werden. In einem amerikanischen Lehrbuch mit arabischen Originaltexten (ohne englische Übersetzungen) konnte aber ein - wenn auch leider kurzer - Abschnitt gefunden werden. Vgl. Qutb, Sayyid: Dirasat Islamia.. 1952, S. 119-123. In: Frangieh, Bassam K.: Anthology of Arabic literature, culture and thought from pre-Islamic times to the present. Yale 2005, S. 231-237.
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Die Moderne bezeichnet eine Umwälzung in Geistesgeschichte, Politik, Ökonomie und Kultur, deren Beginn gewöhnlich auf das 17. oder 18. Jahrhundert datiert wird, da vielerorts dasancient regimedurch Revolutionen hinweggefegt wurde, Nationalismus aufblühte und demokratische Strukturen aufgebaut wurden. Im ökonomisch-politischen Bereich lösten neue Wirtschaftsformen das alte feudalistische System ab und eine Steigerung der Produktion und des wissenschaftlichen Fortschritts aus.
Reformation und Humanismus führten zu Wertewandel und im Gefolge der Aufklärung eroberten Werte wie Individualismus, der Menschenrechtsgedanke oder Fortschrittsoptimismus ihren Platz im Denken der Eliten und der einfachen Bürger, aber auch Verlust der Sicherheit, permanente Umwälzung und Niedergang traditioneller Beziehungen.
„Die offenkundige Doppeldeutigkeit von Befreiung und Freisetzung, Emanzipation und Einsamkeit, Öffnung und Schutzlosigkeit, Offenheit und Beliebigkeit, Perfektionierung der Mittel und Schwinden der Ziele, die das Antlitz von Aufklärung und Modernisierung von Anbeginn prägte, schien erträglich und wurde ertragen, solange sie nur ein Zwischenspiel schien, das sein Ende findet, sobald beide ihre wahre Gestalt entpuppten und die Versöhnung des
Menschen mit sich selbst, mit der Natur und mit seinen Mitmenschen vollendeten.“6
Besonderes Merkmal der Moderne ist die Fähigkeit bzw. Pflicht, ihre Werte aus sich selbst zu beziehen, da andere Bezugspunkt wie Religion durch das moderne Denken verworfen wurden. „Die metaphysische Heimatlosigkeit aber, die ins soziale Leben hineinwirkt, Offenheit und Ungewißheit des gesamten Sinnkosmos, in dem sich der einzelne orientieren muß, entziehen sich der Aufklärung, gerade wenn sie beginnt, sich radikaler über sich selbst aufzuklären. Die prekäre Balance zwischen der Würde selbstbestimmten Lebens und der Identitätsbedrohung in einer prinzipiell offenen und ungewissen Welt ist eine historisch neuartige Herausforderung. Es ist wahr, die Moderne ist die menschheitsgeschichtlich erste Kultur, die dazu befugt und verurteilt ist, ihre Legitimation ausschließlich aus sich selbst zu schöpfen.“7Die Moderne und ihre Werte,8die sich vor allem in der Aufklärung formten und manifestierten,
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zogen immer wieder Kritik und Ablehnung auf sich.
Diese Kritik und Ablehnung führten zu bisweilen sehr wirkungsmächtigen Bewegungen und geistigen Strömungen, die bestimmte Punkte oder die Moderne als Ganzes ablehnten. Die Romantik als erste Gegenbewegung zur Moderne kritisierte die „kalte und rationalistische Subjektverhärtung“9der modernen Lebenswelt. Die Romantik, die ab Ende des 18. Jahrhunderts in der Musik, Kunst, Dichtung und auch in gewisser Hinsicht in der Politik Verbreitung fand, stellte das Gefühl, die Emotionen, die Empfindungen der Seele und die Natur in den Mittelpunkt ihres Interesses. Denker und Künstler der Romantik wandten sich gegen den als kalt empfundenen Rationalismus, die Technisierung der Welt und Vergessenheit der Natur, gegen das allumfassende Vernunftgebot der Moderne. Die Welt sei durch die Moderne in zwei Teile gebrochen worden, einen Teil der Vernunft und der mechanistischen Weltauffassung und einen Teil der Emotionen und Seelenzustände. Eine Heilung der Seelen und damit der Welt könne nur durch eine Überwindung der schrecklichen Spaltung der Menschen geschehen. Die Sehnsucht nach Harmonie und Einklang, die in der Kunst in der blauen Blume ein weithin bekanntes Symbol fand, führte zu einer Wiederentdeckung der Natur, des Mittelalters, dessen Überwindung die Moderne anstrebte, Mythen und Sagen aus alter Zeit, der Darstellung von Empfindungen und Empfindsamkeiten. Volkspoesie (z. B. Grimms Märchen) und Sagen wurden gesammelt und fanden breite Beachtung, halbverfallene Burgen und Schlösser waren begehrte Vorlage für Maler und symbolischer Ort einer besseren Vorzeit, wilde Natur und der „deutsche Wald“ Sehnsuchtsorte der Romantik. Bekannt wurde die romantische Naturverbundenheit auch in Rosseaus Werken, der im Naturzustand den Menschen in einer ursprünglichen Harmonie und Glückseligkeit aufgefangen sah, die durch das Unheil des angeblichen Fortschritts verloren ging, vergleichbar mit dem Rauswurf des Menschen aus dem Paradies.10In politischer Hinsicht fand die Romantik in Restauration, anti-demokratischem Denken und Weltflucht, Verehrung von Nationalhelden und Bildung eines Nationalismus auf mythischvölkischer Ebene ihre Entsprechung. Moderne Werte wurden als nicht der nationalen Kultur getreu mit Ablehnung betrachtet, beispielsweise gewissermaßen als „undeutsche“ Werte verachtet - die natürlichen Werte des Volkes seien andere als die von außen aufgedrängten. Die Überwindung alter Produktionsmethoden durch Industrialisierung und die daraus folgende Radikalisierung und zunehmende Geschwindigkeit des Fortschritts führte zur Entstehung einer weiteren Form der Kritik an der Moderne. Während sich die Hüter der alten Zeit gegen Fortschritt und Moderne auflehnten oder resigniert zurückzogen, forderten linke Gruppen wie Sozialisten und Kommunisten sowie die Positivisten eine weitergehende Modernisierung und Überwindung alles Alten. Sie sahen die Probleme, wie sie sich etwa in der sozialen Teilung der
10Vgl. Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. 2009, S. 1167.
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Gesellschaft in reiche Kapitalisten und unterdrückte Arbeiter zeigten, nicht als Folge eines Zuviels an Moderne, sondern hofften auf eine Lösung der Probleme mit zunehmenden Fortschritt, der ihrer Ansicht nach ihre als Wissenschaft verstandenen Konzepte bestätigen und zum Beispiel in eine klassenlosen Gesellschaft führen würde. Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einem erneuten Aufblühen romantischer Ideale und Bewegungen, die unter dem Namen Neoromantik zusammengefasst werden. Daneben kamen auch kulturkritische Ideen und Endzeitstimmung auf, die sich mit den romantischen Ideen verbanden. Die Auflösung der Sozialstrukturen, Fortschritt und Massenelend, Aufbruch und Zukunftsangst, Endzeitstimmung und unvorhersehbare technische Möglichkeiten erzeugten das diffuse Gefühl, dass eine Ära zu Ende (daher auch „fin de siecle“) gegangen war, ihre festen Strukturen sich atomisieren und etwas Neues, womöglich Schreckliches kommen würde, welches Nationalismus, die technischen Möglichkeiten mit der Verachtung für alles Alte und damit auch deren Werte unheilvoll verbinden würde. Kulturelle Eliten reagierten mit einer Mischung aus Verachtung der Bürger und unteren Schichten, Dekadenz und zunehmend ausgrenzenden Ideen und Stimmungen wie etwa sozialdarwinistischen und nationalistischen Ideen.11
Neoromantiker auf der anderen Seite griffen auf klassische romantische Ideale zurück und präsentierten diese als erneute Lösung der Entfremdung und Auflösung der Weltordnungen. Insbesondere die schon in der Romantik geliebten Mystik, Sagen, Märchen und Volksdichtungen wurden erneut popularisiert.
Ebenfalls in die Kritik gerieten dekadente Ausschweifungen und der angenommene Verfall der westlichen Gesellschaften, die durch Aufgabe der Traditionen und Herausbildung einer dekadenten Oberschicht dem Untergang geweiht seien.
Nach dem Ersten Weltkrieg bildete sich, insbesondere in Deutschland, erneut eine antimoderne Idee heraus, die unter dem Namen Konservative Revolution bekannt wurde. Sie war nicht so sehr romantisch-naturbegeistert wie die vorherigen Antimodernismen angelegt, sondern nahm einige neue Ideen in sich auf. Dazu zählte eine antiwestliche Haltung, die „undeutsche“ Gedanken und Ideen verwarf und stattdessen eine Ordnung auf ewig gültigen Idealen und Werten der Gemeinschaft propagierte. Hinter dieser Ablehnung eines traditionellen Konservativismus, der lediglich eine Bewahrung des Alten forderte, stand die Idee, durch Rückgriff auf die innersten und ältesten Werte und Anschauungen des Volkes eine wahre Staatsordnung aufzubauen. Ablehnung westlicher Ideen wie Liberalismus und Relativismus, Rückkehr zu einer idealen Urgemeinde oder deren Ansichten und Gewohnheiten finden sich interessanterweise auch in den fundamentalistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Liberalismus wurde mit einem Verfall der Werte und Sitten und krankhaftem Individualismus
11Vgl. Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. 2009, S. 322 ff. und 901 ff.
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gleichgesetzt. Parteien, Parlamentarismus, bestimmte Freiheiten und weltanschauliche Neutralität des liberalen Modells waren Ausformungen einer Ideologie, die den wahren Werten des deutschen Volkes zuwiderlaufen würde. Ursprung liberaler Ideen sei die mit der Französischen Revolution begonnene Aufklärung, deren Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit das Verhängnis der deutschen Gesellschaft darstelle. Der Liberalismus, der auf diesen Ideen aufbaue, habe eine Gesellschaft erschaffen, die Dekadenz fördere, Religionen zerstöre und sich lediglich auf die Verwaltung von Partikularinteressen beschränke. Die Gesellschaft sei jedoch nicht nur eine Ansammlung einzelner Interessen egoistischer Individuen, sondern besitze eine gemeinsame Basis aus Werten, die der Liberalismus aber negiere und zu vernichten suche.12Weitere Merkmale des von der Konservativen Revolution geforderten Staates waren sozialstaatliche Maßnahmen, eine zum Faschismus tendierende Allmacht des Staatsapparates, antiegalitäre ständische oder organizistische Sozialstrukturen und teilweise rassistische und antisemitische Ansichten, die später Teile der nationalsozialistischen Ideologie wurden. Zwar war die Beziehung der Konservativen Revolution zum Nationalsozialismus durchaus ambivalent und manche Denker der Konservativen Revolution standen der NS-Ideologie ablehnend gegenüber, dennoch finden sich viele Denkstrukturen der Konservativen Revolution im Nationalsozialismus wieder. Dieser bildet eine weitere Form des Antimodernismus. In ihm kamen verschiedene antimoderne Bewegungen zusammen. Dazu zählen etwa rassistische, okkulte und bisweilen esoterische Germanenverehrung oder Verehrung des „Ariertums“, antisemitische Bewegungen und Ideologien aus dem 19. Jahrhundert, die eine Fortentwicklung des alten Antijudaismus zu einem rassistischen Antisemitismus vollzogen, nationalistische Vereine, die für eine Ausweitung des deutschen Staatsgebietes eintraten und antidemokratische und antibolschewistische Bewegungen. In dieser ideologischen Melange sind wiederum die klassischen Merkmale der Romantik in ihrer Verehrung der Natur (in Form eines Blut-und-Boden-Konzeptes), Verherrlichung des Bauernstandes in seiner Naturverbundenheit und zum Beispiel die Betonung mythischer Elemente, wie sie etwa in der Instrumentalisierung nordischer Mythologie und Geschichte zu erkennen ist, enthalten. Die versprochene heile Welt nach dem endgültigen Sieg der „Arier“ über ihre Feinde, in der sich die Entfremdung des deutschen Volkes aufheben werde und dieses die verlorene Einheit von Volk, Natur und Gemeinschaft wiederbeleben könne, bedient ebenfalls in seiner Grundstimmung romantische Gedanken. Weitere Formen des antimodernen Denkens sind beispielsweise der Antiliberalismus, Propagierung eines autoritären/totalitären Gesellschaftsmodells, die Gegenüberstellung westlichen und eines angeblich genuin deutschen Denkens und Volkscharakters und Ablehnung des Kapitalismus.
Der Antimodernismus des Nationalsozialismus war jedoch keinesfalls eindeutig und
12Vgl. z. B. Sontheimer: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. 1962, S. 42 ff. und 148 ff. und Osterhammel: Die
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allumfassend. Die Begeisterung für Technik und wissenschaftlichen Fortschritt war ebenfalls Teil des Nationalsozialismus.
„Kein Zweifel, der Nationalsozialismus hätte in Deutschland seine verhängnisvolle Chance niemals bekommen, hätte er nicht tiefeingewurzelte zivilisationsfeindliche Traditionen für seine Zwecke instrumentalisieren können. Aber, er hat sie eben instrumentalisiert und nicht bloß fortgesetzt. Er war der erste wirklich kompromißlose fundamentalistische Aufstand gegen die Kultur der Moderne im Weltmaßstab, auch wenn er ihrer technisch-
industriellen Potenz einen Gewehrkolbenstoß nach vorn versetzte.“13
Im 19. Jahrhundert entstand mit dem Fundamentalismus - zuerst in protestantischen Kreisen, schließlich in alle Weltreligionen - eine neue Form des Antimodernismus. Fundamentalistische Bewegungen und Strömungen zeigten sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts in allen Weltreligionen: Christentum, Islam, Judentum oder auch Hinduismus. Sie vermischten sich im Judentum und Hinduismus beispielsweise mit nationalistischen Elementen und konnten teils großen Einfluss in Staaten und Religionen erringen. Fundamentalistische Bewegungen traten in den genannten Religionen nahezu gleichzeitig in mehreren Wellen auf. Auf die erste Hochphase des Fundamentalismus, die z. B. im Christentum mit den USamerikanischen Fundamentalismen und dem katholischen Antimodernismus oder im Islam mit der Muslimbruderschaft in Ägypten zu kennzeichnen ist, folgte eine Zeit des Niederganges bzw. der Neuformierung. Die zweite Hochphase fällt in die Zeit der schiitischen Fundamentalisten, der „Christlichen Rechten“ in den USA oder Hindu-Nationalisten. Dieser zweiten Hochphase in den 1970er und 80er Jahren folgte eine erneute Inkubationsphase und ab etwa 2000/2001 ist ein neuerliches Aufkommen fundamentalistischer Bewegungen in den Weltreligionen zu verzeichnen.14
Neben religiösem Antimodernismus brach in der Umweltbewegung des 20. Jahrhunderts auch die schon länger bekannte, aber ab den 1960er/70er Jahren wieder aufgegriffene Idee des Primitivismus als antimoderne Bewegung hervor.
Der Primitivismus geht grundsätzlich davon aus, dass die bestehenden Verhältnisse eine Entfremdung des Menschen bewirken, da er von seinem natürlichen Umfeld und Lebensraum, der Natur, entfernt werde. Technischer Fortschritt treibe diese Entfremdung weiter voran. Der Liberalismus trage und befördere die Entfremdung durch seine Unterstützung politischer Systeme, die Fortschritt und Technisierung unterstützen. Die Lösung des Problems liege in einer revolutionären, gewalttätigen Umwälzung der Verhältnisse, Verzicht auf technische Errungenschaften und Überwindung der sie tragenden kapitalistischen Systeme und sozialen
13Meyer: Fundamentalismus. Aufstand gegen die Moderne. 1989, S. 49-50.
14Vgl. Fischer: Die Zukunft einer Provokation. 2009, S. 77 ff.
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Strukturen. Die Rückkehr zum Urzustand („Primitivisierung“) der nomadischen Lebensweise ermögliche dem Menschen die Entfremdung von sich und seiner Lebenswelt aufzuheben. Die Bewegung, die sich dem Primitivismus verschrieben hatte und noch immer hat, hat sich in der Zwischenzeit in einen rechten und einen linken Flügel gespalten. Beide Flügel weisen deutlich antimoderne Merkmale auf.
Im rechten Flügel dominieren neben den dargestellten primitivistischen Grundideen weitere Ansichten, die bisweilen (zum Teil auch diskriminierend) als „Ökofaschismus“ bezeichnet werden. In manchen Bewegungen werden in den Primitivismus faschistische und rassistische Ideen eingebaut, wie etwa die Verherrlichung einer bestimmten Region und ihrer Natur sowie des darin lebenden Volkes. „Blut und Boden“ müssen vor Verunreinigung geschützt werden, Verschmutzung der Umwelt, aber auch „Verunreinigung“ durch Immigranten bedrohen die natürliche Reinheit der Umwelt, die als organisches Ganzes aus Pflanzen, Tieren und Menschen verstanden wird. Zudem müsse es eine Gruppe oder einen Einzelnen geben, der die entsprechenden Kenntnisse und das nötige Führungswissen mit sich bringe, um die Natur rein zu halten. Überindustrialisierung und Überbevölkerung, wie sie in Entwicklungsländern bestehe, seien beiderseits Gefahren für die Natur.15
