Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Momentaufnahmen Berlin — Langeoog - Mayk D. Opiolla

"Von der Dünenpromenade aus werfe ich einen Blick zurück auf den Strand: In majestätischem Türkis, fast wie von innen beleuchtet, brandet die See unter einem violetten Sonnenrest. Grillen zirpen im Gras; der Wind lässt die abgefallenen Blütenblätter der Heckenrosen tanzen, bevor sie auf den Holzbohlen des Strandüberwegs liegen bleiben: Ein fuchsiafarbener Kreisel zu meinen Füßen." Ein Jahr ist vergangen. Das Leuchten der Großstadt nur noch ein Schimmern der Erinnerung. Der schöne Seemannssohn? Nicht ganz vergessen. Und doch findet sich die Liebe in so vielen Dingen: Hier, auf der ostfriesischen Insel Langeoog. In 26 neuen Erzählungen nimmt uns der Ich-Erzähler wieder mit auf eine sinnlich-melancholische Reise zu großen Gefühlen und kleinen Alltagsbegebenheiten. In berauschend bildhafter Sprache entfaltet sich den Lesenden die Schönheit Langeoogs in all ihren Facetten: Als sei man es selbst, der dort draußen im Wind stünde und den hell beleuchteten Frachtschiffen hinterhersähe - von Sehnsucht getrieben und doch fest verwurzelt in Sand und Erde der geliebten Insel. "Momentaufnahmen Berlin - Langeoog, Band 2" ist die Fortsetzung der erfolgreichen"Momentaufnahmen"-Reihe. Band 1 erschien im Dezember 2014.

Meinungen über das E-Book Momentaufnahmen Berlin — Langeoog - Mayk D. Opiolla

E-Book-Leseprobe Momentaufnahmen Berlin — Langeoog - Mayk D. Opiolla

Buch

Ein Jahr ist vergangen. Das Leuchten der Großstadt nur noch ein Schimmern der Erinnerung. Der schöne Seemannssohn? Nicht ganz vergessen. Und doch findet sich auf der Nordseeinsel Langeoog die Liebe in so vielen Dingen ...

26 neue, sinnlich-melancholische Erzählungen über große Gefühle, kleine Insel-Alltagsbegebenheiten und Koffer in Berlin. Mit Ausflügen nach Flensburg, Norddeich, Wangerooge und (beinahe) Helgoland.

Für meine Eltern

und

Dora Walter

In Erinnerung an:

Käthe Landgraf

Fred Landgraf

Erich Walter

Inhalt

Weihnachtspost

Heiligabend

Strandgut

Horizont

Frühling

Sonnenfinsternis

Verlust

Osterfeuer

Glück

Perspektive

Irland

Selbst

Dorfleben

Zeitlos

Kirmes

Überland

Motor

Sturmfrei

Inselnachbarn

Drei Worte

Saison

Heimat (fast)

Zwischenspiel

Herbstmusik

Seemannsgarn

Blutmond

Weihnachtspost

Der Hund stupst gegen die Matratze und sieht mich aus großen braunen Augen an. Lass mich in Ruhe, denke ich, es ist nicht einmal hell. Aber dann guckt er so lieb und ich quäle mich raus, in Jogginghose und all dem Geschlunze, das man an anderen Leuten immer furchtbar findet, halbblind durch die stockfinstere Nacht tapernd, während der Hund zielstrebig seinen Weg findet; auf der Suche nach „Neuigkeiten“ seiner vierbeinigen Nachbarn.

Mir ist kalt, aber der Hund ist es gewöhnt; sein Herrchen muss auch immer so früh raus. Halb sechs, denke ich, das ist doch pervers. Aber ich habe jetzt Verantwortung, also mache ich das, wenn auch nur für ein paar Tage.

Wir kehren zurück. Der Hund hat Angst vor Treppen, also ermutige ich ihn wie ein kleines Kind zu noch einer Stufe, und noch einer, und irgendwann ist er oben, und dann lobe ich ihn überschwänglich, weil er das toll gemacht hat und ein ganz tapferer, mutiger Hund ist.

Ich denke an die Stufen meines Lebens und frage mich, wer eigentlich bei mir immer derjenige war, der das sagte: Noch eine. Komm. Das schaffst du. Es ist doch nur eine Treppe. — Es waren viele.

Etliche dieser Menschen gibt es nicht mehr in meinem Leben, aber jeder war wichtig, irgendwann. Und ich hoffe, dass auch ich das war: Für irgendjemanden, irgendwann.

Der Hund stürmt die Wohnung, die Angst vor der Treppe vergessend wie ein kleines Kind, das schon bald nach dem Sturze wieder lacht, und ich frottiere ihn in einem blauen Handtuch. Nass ist es draußen. Aber hier haben wir es warm.

Auf dem Schreibtisch liegt ein Brief. Weihnachtspost von meiner Tante. Neunzig wird sie, ihr Mann starb vor Kurzem. „Das Haus ist leer ohne ihn“ schreibt sie, und in all der überschwänglichen Weihnachtsfröhlichkeit um uns herum rühren mich diese ehrlichen Worte zu Tränen. Nicht jeder ist glücklich an Weihnachten.

Ich denke an dich und schäme mich ein wenig, dass ich so lange litt unter deiner Abwesenheit, während sie einen so viel größeren Verlust zu beweinen hat. Die Tinte in meinem Füllhalter ist fast leer, aber so einen Brief mag ich nicht mit Kugelschreiber beantworten; also trichtere ich Wasser hinein, bis es für genügend Worte reicht.

Du bist nicht allein, schreibe ich. Dein Haus ist nicht leer, solange es erfüllt ist von liebevollen Gedanken von Menschen, denen Du wichtig bist, und die Deinen Mann so gerne erinnern wie Du selbst. Ich kenne die Tante kaum. Vielleicht sah ich sie als Kind, aber wenn sie mir heute irgendwo draußen begegnete, auf dem Friedhof, in einem Café: Ich erkennte sie nicht. Umso mehr frage ich mich, warum sie das gerade mir schreibt, mir, einem fast Fremden: Das Haus ist leer ohne ihn.

Es ehrt mich, und ich stelle ihren Brief ins Regal, in demütiger Dankbarkeit.

Lasst uns froh und munter sein. O Du Fröhliche. Warum, frage ich mich. Hat Gott keine traurigen Menschen lieb an Weihnachten? Ist uns die Kälte um uns nicht umso mehr bewusst, je mehr Wärme wir in den Fenstern sehen, in Häusern, zu denen uns der Zutritt verwehrt ist?

Du bist nicht allein, denke ich noch einmal, und hoffe, dass es die Tante irgendwie hört.

Es stinkt. Der Hund hat unter dem Schreibtisch gefurzt, und ich hasse ihn ein bisschen dafür. Aber ich bin auch nicht allein an Weihnachten, seinetwegen, und ich mag es, dass er da ist, trotz allem. Ich denke an letztes Weihnachten. Du hattest dieses meergrüne Sweatshirt an, von dem wir zufällig feststellten, dass wir dasselbe besitzen. Ich ließ meines in Berlin.

In deiner Hand lag das Buch, welches ich dir schenkte, Ödon von Horvaths Jugend ohne Gott. Du blättertest durch die Seiten, und ich liebte es, dich dabei anzusehen: deinen konzentrierten Blick, deine süße, norddeutsche Nase und dein Haar, das dir beim Lesen weich in die Stirn fiel: Damals trugst du es länger als jetzt.

Dann sahst du dir auch die anderen Geschenke an, und schließlich hieltest du meine Hand, den zugeklappten Von Horvath darunter, die weiße Papiertüte mit den Geschenken zwischen uns, und ich liebte dieses Weihnachten, weil ich dich liebte.

Das Jahr endet bald. Ich schließe es ohne Bilanz. Der Hund schläft auf meinen Füßen.

Heiligabend

Und dann bindet man die Krawatte ab, löst die Klammer mit dem silbernen Anker, knöpft die Weste auf und wirft die Trinkgeld-Scheine achtlos auf den Tisch.

Was ist schon Geld. Natürlich, ein Buch kann ich mir kaufen davon und ein Stück Fleisch. Ich kann der lieben Kollegin etwas kaufen, die mir das hübsche Porzellan schenkte mit dem Rotkehlchen darauf, oder sie einladen zum Tee. Aber heute ist es mir nichts.

Kalt ist es. Der Hund schläft schon, also wird er nicht kommen und sich auf meine Füße legen, die wehtun von der Arbeit. Bieten wir unseren Gästen ein schönes Fest, sagt der Vorgesetzte, und natürlich tun wir das, es ist schließlich unser Job.

Im Hotel ist es warm und schön geschmückt.

Wen interessiert, ob all die wächsernen Lächeln schmelzen hinter verschlossenen Türen. Lebte der Heilige Abend nicht immer schon von der Illusion? Als Kind der Glaube an den Weihnachtsmann, später der Glaube an ein Fest der Liebe, an Familienharmonie, an drei Tage Waffenstillstand selbst im zerrüttetsten Gefüge: Lasst uns froh und munter sein.

Die Omas waren noch da, und man mochte ihre bunten Plastikperlenketten, auch wenn sie von Woolworth’s Wühltisch stammten. Man erinnert sein schönstes Weihnachten, als die elektrische Eisenbahn Kreise um den Baum fuhr. Den Baum, den man irgendwann auch mal umwarf, beim kläglichen Versuch, die Spitze ohne Leiter daran zustecken: Furchtbares Desaster. All die schlimmen selbstgebastelten Geschenke, die im Keller verschwanden, bis man sie selbst vergaß.

Manchmal denke ich noch an die Eisenbahn. Die schwere schwarze Lok, die so viel schöner war als die modernen Dinger. Aber wahrscheinlich fände ich sie heute gar nicht mehr schwer, jetzt, wo meine Hand so viel größer ist als die glückliche Kinderhand, die sie damals umschloss.

Heute bin ich nur jemand, der Essen bringt.

Wie habe ich es gehasst, wenn es hieß: „Sag ein Gedicht“ oder „Spiel Klavier“. Und dann stand man am Tisch oder saß auf diesem Hocker, die schwarzweißen Unbekannten vor einem, und war unfreiwillig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sich zu Tode genierend, weil man keine Verse wusste und auch keine Melodie. Aber wenn man mal etwas konnte, war es schön. Die Leute applaudierten, damals waren ja noch nicht fast alle tot. Vater las die Weihnachtsgeschichte, später auch auf Latein, und wir hörten Glenn Goulds Goldberg-Variationen oder die Brandenburgischen Konzerte.

Manchmal sangen wir zusammen ein Lied. Natürlich war es immer das Gleiche, bis auf dass man irgendwann nicht mehr in die Kirche musste und die Omas, Opas, Onkel und Tanten der Reihe nach wegstarben. Aber man erinnert sich, und das ist gut.

Heute erinnern sich fremde Familien, wenn man an den Tisch tritt, und man stört dabei.

„Heute haben wir Matjes mit sonnengetrockneten Tomaten als Gruß aus der Küche“ sagt man beispielsweise sein Sprüchlein auf, fein gemacht und strammstehend. Aber es gibt niemanden, der zuhört: Von Applaus ganz zu schweigen. Und am Ende gibt einem jemand diese Scheine, als Anerkennung für den Abend. Die Gäste wünschen frohes Fest.

Nach Hause sollen wir, zu unseren Familien. Aber zu Hause ist niemand. Komm mit in den Club, sagen die Kollegen. Die ganze Insel sei da, und es fallen Namen, die man mag. Aber ich will trotzdem nicht.

Zuviel Angst regt sich vor dem schlimmsten aller Gefühle, das mich paradoxerweise nur in Gesellschaft trifft: Der Einsamkeit.

Nein, denke ich. Einsamkeit ist grausam. Lieber bin ich allein, denn das ist nicht dasselbe. Also kehre ich heim, allein. Ich habe ein Hörbuch von dir, und so lasse ich dich mir eine Geschichte vorlesen, über den Winter auf Sylt. So habe ich wenigstens eine vertraute Stimme. Im Hintergrund knistert ein Kaminfeuer.

Es ist immer noch kalt: Auch das Feuer kommt schließlich nur vom Band.

Am klaren, nachtschwarzen Himmel prangen die Sterne in ungeahnter Pracht, und ich wünschte, ich könnte sie dir zeigen. Das Meer rauscht in stoischer Gleichgültigkeit.

Strandgut

Ein bräunlicher Rest Flüssigkeit schwappt in der Flasche, als ich sie mit der Stiefelspitze über den Strand schiebe. Die neuen Stiefel sind zu steif und zu schwer, und ich fühle mich noch ein wenig unwohl darin, aber wenigstens kommt keine Kälte durch an diesem klaren, eisigen Februartag.

Dennoch erahnt man den Frühling. Die Sonne wärmt bereits zaghaft das Gesicht, und Scharen winziger, bunter Vögel bevölkern fröhlich flatternd den Strand. Im Efeu an Häusern und Bäumen zwitschern Spatzen. An den Zweigen der Sträucher drängen ungeduldig erste Knospen dem Licht entgegen. Und auch in mir bereitet sich der Boden für etwas Wunderbares.

Ich liebe dich nicht mehr, möchte ich sagen. Was soll man sonst sagen, wenn man von seiner Steuererklärung träumt statt von dir und sich ganz plötzlich morgens nicht mehr als Erstes danach sehnt, die Nase in deinem weichen Nacken zu vergraben und dich anzulächeln, sobald du dich müde brummelnd umdrehst?

Ich bin frei, denke ich, und die Flasche rollt klirrend ein Stück weiter.

Es ist eine alte Milchflasche, wie ich sie lange nicht mehr sah. Sie ist ganz aus Glas und hat einen Blechdeckel, und ich glaube nicht, dass solche hier noch verkauft werden; zumindest wüsste ich kein Geschäft mit solchen Flaschen. Ich denke, dass es genau die Art von Flasche ist, in die man in Filmen Flaschenpost steckt; einen kleinen zusammengerollten Zettel mit einer Seekarte, einen Abschiedsbrief oder ein Gebet.

Ich betrachte das noch immer rollende Glasgefäß zu meinen Füßen und überlege, was ich dir schriebe von meiner Insel.

Liebster, schriebe ich. Oder einfach deinen Namen, der mir so lange das Liebste war. Es ist ja auch ein schöner Name. Aber dann wüsste ich nicht weiter.

„Gestern träumte ich von meiner Steuererklärung …“ — Aber so beginnen wohl eher keine Liebesbriefe. Auch nicht zum Abschied.

Also lasse ich dich einfach mit der Flasche davonrollen und weiß nicht, wen ich jetzt lieben soll. Es ist seltsam, so ohne Sehnsucht.