Momo und die Zeitdiebe - Michael Ende - E-Book

Momo und die Zeitdiebe E-Book

Michael Ende

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Beschreibung

"Wenn ich ganz still bin, über mir die Sterne, dann fühl’ ich manchmal mich ganz leise emporgehoben und hör’ auf wunderbare Weise Musik von oben." Sein Märchenroman "Momo" war erst kurz veröffentlicht, da hat Michael Ende selbst die Geschichte von den Grauen Herren, die den Menschen die Zeit stehlen, zu einem Libretto für das Musiktheater verarbeitet. Zum ersten Mal veröffentlicht.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 58




Michael Ende

Momo und die Zeitdiebe

Ein Spiel für das Musiktheater in zwei Teilen

(nach dem gleichnamigen Märchenroman)

Einige Bemerkungen zur Inszenierung

Das Bühnenbild

Die Grunddekoration besteht aus einem amphitheatralischen Halbrund, das in unregelmäßigen Stufen und Absätzen nach hinten ansteigt. Den Hintergrund der Bühne bildet ein glatter, heller Rundhorizont, der sich für Projektionen eignet.

Die jeweiligen Schauplätze werden durch ein Minimum an bildhaften „Signalen“ angedeutet, damit der Ablauf der Handlung ohne Unterbrechung erfolgen kann. Auch das Bühnenbild spielt also mit und ist fast ständig in Bewegung. Die jeweiligen „Signale“ sollen natürlich schön sein, sollen jedoch auf keinen Fall unmittelbare Illusion erzeugen. Die Phantasie des Zuschauers wird aufgefordert, mitzuarbeiten.

Zu den einzelnen Figuren

Momos Freunde, Gigi, Beppo usw.:

Ihre Kleidung soll auf keinen Fall Folkloreelemente enthalten wie etwa bunte Kopftücher, gestreifte Hemden, Schärpen oder ähnliche „italienische“ Attribute. Es handelt sich hier einfach um arme Leute, die so aussehen, wie sie überall aussehen – höchstens noch ein wenig ärmer.

Wenn Gigi zum Star geworden ist, kann er einen eleganten weißseidenen Anzug tragen oder irgendeine andere der heute üblichen Show-Ausstattungen.

Momo:

Sie wird tunlichst von einer möglichst kleinen und zierlichen Sängerin dargestellt werden. Sie trägt einen knöchellangen Rock aus bunten Flicken und eine viel zu große alte Männerjacke. Sie geht barfuß. Ihr schwarzer Lockenkopf sieht aus, als sei er noch nie mit Kamm oder Schere in Berührung gekommen. Ihr dunkler Teint kann durchaus auch einfach auf Ungewaschenheit schließen lassen. Momo braucht nicht hübsch und niedlich auszusehen, sondern verwahrlost und rührend.

Kassiopeia, die Schildkröte:

Eine Schildkröte natürlicher Größe (die Momo später sogar unter dem Arm tragen kann) würde auf einer großen Bühne praktisch kaum zu sehen sein, abgesehen von anderen sich ergebenden Schwierigkeiten wie der des Singen usw. Andererseits würde eine Sängerin in dem Kostüm einer Schildkröte unbedingt lächerlich oder sogar monströs wirken.

Aus diesem Grund soll Kassiopeia durch eine Sängerin in schwarzem, neutralem Kleid dargestellt werden, die eine schöne, vielleicht goldene Schildkröte auf ihren Händen trägt. Diese der asiatischen Theatertradition entnommene Lösung stellt einige Anforderungen an die Konzentration der Darstellerin, mit welcher sie ihr Wesen in die Schildkröte hineinversetzt. Momo und Meister Hora können ihr dabei helfen, indem sie niemals die Darstellerin, sondern immer die Schildkröte ansehen.

Meister Hora:

Für diese Figur gibt es mehrere Möglichkeiten, er kann einfach einen neutralen Anzug anhaben und alterslos wirken, er kann auch als feiner älterer Herr auftreten, auf keinen Fall jedoch darf er irgendetwas Hohepriesterliches, Sarastrohaftes an sich haben.

Die Grauen Herren:

Sie tragen elegante graue Anzüge, graue Hüte (eventuell sogenannte Bomben), graue Aktentaschen und rauchen immer kleine graue Zigarren. Auch ihre Gesichter sind grau. Wenn sie die Hüte abnehmen, haben sie spiegelnde graue Glatzen. Die Darsteller sollen einander an Gestalt und Stimme möglichst ähnlich sein, sodass man sie verwechseln kann. Um ein Höchstmaß an Uniformität und Anonymität zu erreichen, empfiehlt es sich, dass sie graue Halbmasken tragen, doch sollen diese nicht in etwa dämonisch, sondern glatt und ausdruckslos sein. Nur wenn man sie tatsächlich verwechseln kann, genügen drei Wortführer. Wenn jener eine, der während des Hochgerichts auf der Müllhalde hingerichtet wird, später wieder erkennbar ist, könnte er natürlich nicht mehr auftreten, ohne dass der Zuschauer über die Natur der Grauen Herren in Verwirrung geraten müsste. In diesem Fall empfiehlt es sich, statt seiner einen vierten Wortführer einzusetzen.

Personen

Der Sprecher

Momo: lyrischer Sopran

Ihre FreundeGigi: TenorBeppo: Bass

Nino, Gastwirt: Bariton

Liliana, seine Frau: Sopran

Fusi, Friseur: Tenorbuffo

Agenten der Zeitsparkasse1. Grauer Herr, 2. Grauer Herr, 3. Grauer Herr: mittlere Stimmen, evtl. Schauspieler

Meister Hora: Bariton

Kassiopeia, eine Schildkröte: Alt

PuppenBibigirl, Bubiboy: Tänzer

Ein Polizist: Bariton

Chor der Grauen Herren, Volk und Kinder

Spielt heutzutage in der Umgebung einer großen südlichen Stadt

Erster Teil

Amphitheater.

Die Bühne ist leer und halb dunkel.

Momo sitzt etwas abseits auf einer der Stufen.

Der Sprecher tritt auf. Licht.

SPRECHER

Das Spiel, das wir euch zeigen wollen, heißt:

Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben

und von dem Mädchen, das den Menschen

die gestohlene Zeit zurückbrachte.

Wir könnten euch diese Geschichte erzählen,

als ob sie schon geschehen wäre.

Wir könnten sie auch so erzählen,

als geschehe sie erst in Zukunft.

Wir wollen sie euch aber spielen,

als geschehe sie jetzt und hier.

Manches jedoch, was man nicht zeigen kann,

zeigen wir nicht.

Damit ihr es dennoch hört und seht,

bitten wir euch:

Habt Phantasie!

(sich zu Momo wendend)

Das hier zum Beispiel ist Momo,

ein kindliches Wesen, das nichts besitzt,

als was es geschenkt bekommt oder irgendwo findet.

Dafür besitzt Momo eine geheimnisvolle Zauberkraft:

Sie kann zuhören, wie niemand sonst.

Mit dieser Gabe bringt sie die Menschen dazu,

ihr wahres Wesen zu offenbaren.

Dumme haben plötzlich sehr gescheite Gedanken,

Schüchterne fühlen sich frei und mutig

und Unglückliche wissen auf einmal,

weshalb sie auf der Welt sind.

(geht auf sie zu)

Sag Momo, wo kommst du eigentlich her?

MOMO

(mit einer unbestimmten Handbewegung)

Von weit her.

SPRECHER

Wie alt bist du denn?

MOMO

(zögernd)

Hundert.

SPRECHER

(lächelt)

Im Ernst, wie alt?

MOMO

(noch unsicherer)

Hundertzwei …

SPRECHER

Mir scheint, du kannst nicht zählen.

MOMO

(sehr ernst)

Niemand hat mir’s beigebracht.

SPRECHER

Wann bist du denn geboren?

MOMO

Soweit ich mich erinnern kann,

war ich schon immer da.

SPRECHER

Und wo wohnst du?

MOMO

Hier in diesem alten Gemäuer,

das niemand gehört.

Es liegt versteckt in einem Pinienwäldchen

weit draußen vor der großen Stadt.

SPRECHER

Hast du denn keine Eltern, keine Familie,

niemand, der für dich sorgt?

MOMO

O doch, ich habe viele gute Freunde.

(die Freunde kommen herein und Momo stellt sie vor)

Da ist der liebe alte Beppo Straßenkehrer.

BEPPO

(tritt vor)

Wenn ich die Straßen kehr’ mit meinem Besen –

ein Schritt – ein Atemzug – ein Besenstrich –

vor mir die schmutzige Straße, hinter mir die saubre,

dann kommen oft Gedanken über mich,

große Gedanken, schwierig zu erklären

wie Träume, spricht man’s aus, schon ist es fort –

doch braucht nur Momo manchmal zuzuhören,

dann find’ ich wie von selbst das rechte Wort.

MOMO

Dort ist Herr Fusi, der Barbier.

FUSI

(tritt vor)

Rasieren, Scherenklappern und Pomade,

so geht mein Tag, so geht mein Leben hin.

Das Höhere in mir muss schweigen, das ist schade!

Doch wenn mir Momo zuhört, weiß ich, wer ich bin.

MOMO

Und Nino, der Wirt, mit seiner Frau Liliana.

LILIANA

(tritt vor)

Nur kochen, spülen, Küchendünste,

da meint man oft, man geht zugrund’.

Doch hier bei Momo find’ ich zu mir selber,

wenn sie mir zuhört, wird mein Herz gesund.

NINO

Ja, Frau, mit unsrer Wirtschaft geht’s bescheiden,

doch mag ich unsre Gäste gerne leiden,

friedliche Leute, freundlich, frohgemut …

Und reden sich mal zwei in Wut:

„Geht doch zu Momo!“, sagt man zu den beiden,

sie gehen hin – und sind sich wieder gut.

MOMO

Und da ist Gigi, der so schöne Lieder machen kann.

GIGI

(tritt vor)

Ich aber hab seit jenem goldenen Tag,

da ich mein erstes Lied ihr vorgesungen

– erlaubt, dass ich es ganz bescheiden sag’ –

zum wahren Dichter mich emporgeschwungen.