Mondblume - Linda Biedlinski - E-Book

Mondblume E-Book

Linda Biedlinski

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Beschreibung

Arbeitslos, pleite und von ihrem Freund sitzengelassen, kommt Deva notgedrungen bei ihrer verhassten Schwester unter. Eigentlich versucht sie nur das bisschen Selbstwertgefühl zu retten, das sie noch hat, als der neue Nachbar einzieht und ihr Leben auf den Kopf stellt. Wer ist dieser mysteriöse Brite von nebenan? Bevor Deva sich versieht, verarztet sie Schussverletzungen, geht in eleganten Kleidern undercover, begegnet Terroristen und sieht dem Tod mehr als nur ein Mal ins Auge. Und all das für einen Mann, den sie kaum kennt. Doch dank ihm bekommt Devas Leben nicht nur wieder einen Sinn, sie entdeckt auch Seiten an sich, die ihr bislang verborgen blieben.

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Seitenzahl: 322

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Für Jane. Lovoo x Special thanks to Cameron Moore for the cover photo

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 13

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Epilog

Ebenfalls von Linda Biedlinski

Demnächst

Bm

Impressum

Prolog

- Weihnachten 2002 -

London schien zur Weihnachtszeit aus allen Nähten zu platzen. Das Wetter war wie jedes Weihnachten miserabel, doch ein leichter Schimmer am Himmel deutete auf seltenen Schneefall hin.

Als William und seine Mutter an diesem Abend das Restaurant verließen, waren beider guter Dinge. Für die Feiertage aus Oxford zurückgekehrt, hatte er sie zur Feier des Tages zum Essen eingeladen. Sein Vater und älterer Bruder Jonathan blieben daheim und nutzten den Vorweihnachtstag für – in ihren Augen – Wichtigerem.

Will sah das anders. Was gab es wichtigeres als mit seiner Mutter Zeit zu verbringen? Sie hatten sich schon immer sehr nah gestanden, näher als dem Rest der Familie Cavendish und Montagu, die mit ihrem alten Geld und den Ländereien zum Adel von Großbritannien gehörte. Will imponierte die Aristokratie nicht. Natürlich mochte er die Annehmlichkeiten einer wohlhabenden Familie der Oberschicht, doch er ließ sich durch ihre Meinungen und Ansichten in keine Schublade stecken. Er hatte seinen eigenen Kopf und würde niemals in die Politik gehen so wie seine Großmutter es gerne gesehen hätte. Sein Vater baute ebenfalls darauf, dass sein jüngster Sohn wie der ältere im Parliament Fuß fasste, doch Will verfolgte eigene Ziele. Seine Mutter war die einzige, die von seinem Traum Pilot zu werden, wusste. Manchmal hatte er das Gefühl, es waren sie beide gegen den Rest der Familie Cavendish-Montagu.

„Hast du mit Vater gesprochen?“ fragte er als sie das Ritz verließen und zu ihrem Wagen gingen. Ihr Fahrer öffnete die hintere Türe des schwarzen Rolls Royce als Lady Olivia in eleganter Manier auf den Rücksitz glitt.

„Nein, das habe ich noch nicht“, antwortete sie, ihre Stimme weich und liebevoll, der britische Akzent kristallklar und vornehm klingend.

„Wieso denn nicht?“

Bevor er seinen Unmut kundtun konnte, sprach sie bereits weiter: „Dein Vater ist der Meinung, dass niemand in der Familie etwas anderes tun sollte als sich der Politik zu widmen – und wie du weißt, denkt seine Mutter ebenso. Jonathan hatte dieselben Interessen wie er, aber du...“ Sie griff nach seiner Hand und sah ihm in die großen hellen Augen, die so sehr den ihren glichen. „Dir ist ein anderer Weg bestimmt, William. Der richtige Moment wird kommen deinem Vater von deinen Absichten zu erzählen.“

„Aber Mutter...“ Will seufzte. „Ich bin jetzt einundzwanzig Jahre alt und seit drei Jahren in Oxford. Politikwissenschaften langweilen mich. Sollte ich nicht alt genug sein, das tun zu dürfen was mir gefällt? Wieso muss ich nur dieses beschissene Studium machen?“

„Achte auf deine Ausdrucksweise“, sagte sie, aber nicht ohne ihn mit einem liebevollen Lächeln anzusehen. „Habe noch ein wenig Geduld, mein Schatz. Man muss deinen Vater nur im richtigen Moment erwischen. Ich werde bald mit ihm sprechen.“

Der Wagen stoppte abrupt als sie am Oxford Circus in einen Rückstau gerieten. Rotierende Sirenen leuchteten mit der Weihnachtsdekoration um die Wette, das Geheul der Hörner erfüllte die Luft, die Passanten wirkten ratlos und zum Teil besorgt, die Weihnachtseinkäufe schienen für den Moment vergessen.

Will beugte sich zum Fahrer vor. „Was ist da los?“

Henry drehte sich zu ihm um. „Ich kann nichts sehen, Master William. Die gesamte Kreuzung scheint blockiert, aber einen Autounfall sehe ich nicht.“

Er lehnte sich wieder zurück und sah aus dem Seitenfenster auf den überfüllten Bordstein. Die Menschen waren einfach stehengeblieben, sprachen miteinander, warteten, versuchten mit gestreckten Hälsen etwas zu erkennen.

Er ließ das Fenster hinunterfahren und fragte einen hochgewachsenen Mann in seiner Nähe: „Können Sie etwas sehen? Was ist passiert?“

„Ich habe gehört, die U-Bahn wird evakuiert. Wohl eine Bombendrohung. In der heutigen Zeit ist man auch nirgendwo mehr sicher.“

„Danke.“ Will schloss das Fenster und sah zurück durch die Heckscheibe. Hinter ihm reihte sich ein Auto nach dem anderen, die Scheinwerfer leuchteten hell im Abendlicht.

Henry bemerkte seinen Blick. „Wenden können wir leider nicht, Master William.“

„Es geht bestimmt gleich weiter“, sagte seine Mutter und tätschelte beruhigend sein Knie.

„Bei einer Bombendrohung hätte ich dich aber lieber woanders.“

Sie drückte seine Hand. „Bei dir bin ich doch immer sicher.“

Sie lächelten sich an. Hätte William in diesem Augenblick gewusst, dass dies ihr letzter Blickkontakt war, wäre er niemals aus dem Auto gestiegen.

Doch irgendetwas in ihm drängte ihn nach einer Lösung. Er musste einen Weg finden den Stau zu umgehen, fortzukommen. Die Anschläge des 11. September waren gerade erst ein Jahr her und noch in aller Gedanken und Herzen.

„Ich bin gleich wieder da.“

„William!“

Doch er war schon ausgestiegen und drängte sich den überfüllten Bordstein hinunter zur nächsten Seitenstraße. Von dort fuhr ein Bus ab, der sie von der Einkaufsmeile fortführte. An der Haltestelle sah er nach der Abfahrtzeit. Will wusste, dass der Bus des ständigen Verkehres wegen nicht über die Oxford Street einbog sondern von der gegenüberliegenden Straße kam. Also würde er wahrscheinlich durchkommen und sogar pünktlich sein.

Es begann zu schneien als er versuchte zurück zum Wagen zu kommen. Sich durchkämpfend, entschuldigte er sich immer wieder, doch die Passanten standen wie angewurzelt da und starrten in den Himmel als hätten sie noch nie Schnee gesehen.

Seine Erziehung verbot es ihm Schimpfwörter zu benutzen und seinen Unmut zu äußern, doch er war kurz davor auszurasten, als er in einer Traube von Menschen stecken blieb und die Schneeflocken auf seinen dunkelblonden Haaren zu schmelzen begannen.

Da erschütterte eine Explosion die Luft.

Der Boden unter seinen Füßen bebte, die Passanten neben ihm erstarrten in einer Mischung aus Überraschung und Schock. Eine weitere Detonation folgte, die näher klang. Dann eine dritte. Der Lärm war ohrenbetäubend, Panik brach aus. Die Menschen schrien, rannten kreuz und quer durcheinander, stolperten, wurden totgetrampelt. Die Autos versuchten fortzukommen, die meisten Fahrer stiegen aus und rannten davon.

Von einer Sekunde zur nächsten war London in Schnee, Chaos, Sirenen und Tod gehüllt.

William war der einzige, der versuchte nach vorn zum Geschehen zu kommen.

Nach vorn zu seiner Mutter.

Als er in der nahen Ferne nach der roten Telefonzelle Ausschau hielt, die er sich als Anhaltspunkt des parkenden Wagens gemerkt hatte, glaubte er das gesamte Abendessen würde ihm wieder hochkommen.

Die rote Telefonzelle war nicht mehr da.

Der Rolls Royce lag Meter von seiner ursprünglichen Position entfernt auf dem Dach und war ein einziger brennend heißer Feuerballen. Es war nichts mehr übrig außer verkohltes Blech. Will vergaß vor Schock zu Atmen als er näher kam. Der Wagen war nur einer von vielen, der lichterloh brannte. Flammen und schwarzer Rauch quollen hinauf ins Schneetreiben.

Schwach taumelte er mit tränenden Augen hinüber.

„Mutter!“ In dem ätzenden Qualm etwas zu erkennen erschien ihm aussichtslos. Seine geliebte Mutter lebend zu bergen ebenso.

Um ihn herum tobte das Chaos. Überall lagen Trümmer herum, die zuvor durch die Luft geflogen waren... Schwerverletzte, verbrannte Personen, Tote...

Ein Polizist lief in dem Augenblick auf ihn zu, als er weinend auf die Knie fiel. „Bist du verletzt, mein Junge?“

„Meine Mutter war in dem Auto! Wo ist sie? Wo ist meine Mutter?!“ Sein Blick war verschwommen von Tränen als er auf allen Vieren im Schmutz hockte und spürte wie sein Herz zerbrach.

An diesem Abend, als Terroristen drei Bomben am Oxford Circus in London zündeten, verlor William Cavendish-Montagu nicht nur seine Mutter, sondern seine Unbeschwertheit, sein Lachen und seinen Glauben an das Gute. Von diesem Tag an war er nicht mehr derselbe.

Kapitel 1

- Fünfzehn Jahre später -

Chicago war wundervoll zur Weihnachtszeit.

Eigentlich fand Deva Flowers die Stadt zu jeder Saison attraktiv. Sie liebte es am See entlang zu joggen, die frische Luft einzuatmen und die Hochhäuser der Innenstadt wie eine Fata Morgana hinter sich aufragen zu sehen. Die Stadt im mittleren Osten der Vereinigten Staaten war berühmt für seine architektonischen Hochhäuser und bekannten Bauwerke und bildete eine reizvolle Kulisse für viele Filme.

Deva mochte ihre Wahlheimat und zog sie jeder anderen amerikanischen Großstadt vor. New York und seine vielen Gesichter waren nicht weniger schön, aber entweder mochte man die oft überfüllten Straßenschluchten Manhattans oder nicht. Chicago war da anders. Die Hochhäuser der Windy City mochten zum Teil ebenfalls an den Wolken kratzen, aber sie erdrückten einen nicht und ließen Raum zum Atmen. Chicago war sauber, hell und positiv.

Manchmal wünschte Deva sich, dass eine Spur dieser Atmosphäre auf sie abfärben würde. Sie hatte es dringend nötig. Etwas Positives musste bald geschehen. Etwas, dass ihrem Leben einen Sinn gab. Sie brauchte neuen Mut, neuen Schwung, neue Ideen, neue Arbeit. Einen Mann. Vielleicht einen Lottogewinn. Ganz sicher brauchte sie eine neue Wohnung. Ihre eigene zum Beispiel.

Wie sie es verabscheute bei ihrer jüngeren Schwester zu leben. Aber nachdem man sie bei ihrem letzten Job wegrationalisiert hatte und sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte, war ihr keine andere Wahl geblieben als an Malinas Tür zu klopfen und um Asyl zu bitten.

Flehen war wohl der treffendere Ausdruck, denn Malina West war nicht sehr erfreut über einen Untermieter. Sie hatte sich gerade von ihrem Noch-Ehemann getrennt – ein von Haus aus wohlhabender Herzchirurg aus Highland Park den sie früh geheiratet hatte – und lebte nun ihr Singledasein in vollsten Zügen aus. Dies beinhaltete diverse Männerbesuche und die merkwürdigsten Geräusche aus Richtung Schlafzimmer, während Deva in ihrer Abstellkammer von Raum dalag und versuchte nicht hinzuhören.

Es war katastrophal. Malina und sie waren nur zwei Jahre auseinander, konnten aber unterschiedlicher nicht sein. Während Deva hilfsbereit, tolerant und verständnisvoll war, glaubte Malina die Welt drehe sich ausschließlich um sie. Mit ihrem Aussehen und dem strahlenden Lächeln zog sie Menschen an wie ein Magnet und sonnte sich in dem Interesse. Deva blieb lieber für sich und brauchte keine Aufmerksamkeit. Sie war immer freundlich, entgegenkommend und zurückhaltend, Malina liebte einen großen Auftritt. Sie konnte ebenfalls nett sein, nur sah sie im Gegensatz zu Deva dies nicht als Selbstverständlichkeit an.

Deva war schon immer der Meinung gewesen, sie wären bei der Geburt vertauscht worden. Sie sahen sich nicht einmal ähnlich. Malina war das klassische Model: wohlgeformte Figur, attraktive Gesichtszüge, wunderschöne blonde Haare. Sie war sexy und hatte Stil. Egal, was sie trug, sie sah immer atemberaubend schön aus.

Deva hingegen war dunkelhaarig, lebte in Röhrenjeans, Chucks und hatte noch nie verstanden wie man lange Fingernägel ertragen konnte. Sie mochte Musik und jegliche Art von Teamsport. Ihr tägliches Make-up bestand meist nur aus Puder und Wimperntusche. Sie trug seit einer Ewigkeit denselben Haarschnitt – Mittelscheitel und so lang wie nur irgend möglich. Ihr Frisör hatte es einfach mit ihr, denn der Ton ihrer Färbung wurde niemals heller als ein warmes Schokoladenbraun. Sie mochte es so, denn es komplimentierte ihre dunkelblauen Augen und den zarten Teint. Dies war ihr einziges Zugeständnis an Eitelkeit. Den Rest schien ihre Schwester bei der Geburt dazu bekommen zu haben.

„Heute zieht der neue Nachbar ein und ich habe den schlimmsten Bad Hair Day in der Geschichte von Bumble & Bumble! Sieh dir das an, Deva! Und jetzt komme ich deswegen auch noch zu spät zur Arbeit!“

Deva sah von ihrer Schüssel Rice Crispies auf und starrte ihre Schwester an, die mit perfektem Haardutt dramatisch in die offene Küche schneite um sich hastig den Thermobecher mit Kaffee zu füllen.

„Sieht doch gut aus.“

„Für dich mag es gut genug sein, aber für mich ist es eine Katastrophe! Wo ist meine Tasche?“

Deva griff hinter sich und hob die Louis Vuitton vom Stuhl auf den Tisch. Dabei erhaschte sie einen Blick von sich im Chrom des Toasters. Wenn jemand einen Bad Hair Day hatte, dann sie.

Ihre Schwester hingegen sah aus wie aus dem Ei gepellt. Die weiße Bluse mit Stehkragen wirkte edel, der dunkle Nadelstreifenrock hatte einen hohen Seitenschlitz und zeigte sensationelle Beine. Die Pumps waren spitz, der Absatz mörderisch.

„Gehst du nicht heute auf die neue Baustelle?“

„Ich besichtige sie, ja. Wieso?“ Sie wühlte in der Tasche herum und fand ihren knallroten Lippenstift.

Von ihrer sitzenden Position aus sah Deva sie von oben bis unten an. „So?“

Malina überprüfte ihr soeben aufgetragenes Werk im Puderspiegel und machte einen Kussmund. „Natürlich so. Deva, du wirst es nie weit bringen wenn du den ganzen Tag in Leggins herumhängst.“

„Ich hänge nicht den ganzen Tag in Leggins herum!“ verteidigte sie sich, nur um dann kleinlaut hinzuzufügen: „Nur den halben.“

Malina schnalzte so missbilligend mit der Zunge, dass Deva sich rechtfertigen wollte.

„Ich wollte gleich joggen. Außerdem bin ich wegen Einsparungen gekündigt worden und nicht wegen meines Outfits.“

„Das sagen die, aber ein richtiger Businesslook ist heutzutage essentiell.“

Bevor Deva ihr die Schüssel Rice Crispies ins Gesicht pfeffern konnte, war Malina schon auf dem Weg zur Haustür.

„Und vergiss nicht, mit Elton heute für die Impfung zum Tierarzt zu gehen“, rief sie noch als der Hund zu ihren Füßen auch schon den Kopf hob. Ob bei der Erwähnung des Tierarztes oder seines Namens konnte man nicht wissen. Dann war sie in einem Wirbel von Trenchcoat und Chanel Mademoiselle verschwunden.

Deva sah unter den Tisch wo der sandbraune Welpe ihre nackten Füße wärmte. Braune Knopfaugen im dunklen Gesicht sahen sie fast panisch an, das Wimmern war nicht zu überhören.

„Impfung?“ echote sie.

Trotz seines jungen Alters von zwölf Wochen schien der Leonberger bereits eine Menge zu verstehen, denn tapsig versuchte er nur sein Gesicht mit einer Pfote zu verdecken.

Deva liebte diesen Hund. Er war das einzig Positive an ihrer Situation. Noch war der Leonberger ein kleines Wollknäuel mit spitzen Zähnen, aber schon bald würde er die Größe dieses Küchentischs erreichen.

Sie hob ihn auf ihren Schoss und drückte ihm einen Kuss auf den wuscheligen Kopf. „Stör dich nicht an deinem Frauchen, ich kümmere mich schon um dich.“

Dass sich Malina überhaupt einen Hund angeschafft hatte, überraschte Deva. Vor allem weil sich ihre Schwester nun, wo sie ebenfalls hier wohnte, kaum um ihn kümmerte. Zudem brauchte ein ausgewachsener Leonberger viel Platz und Auslauf. Keine Drei-Zimmer-Wohnung mit Balkon.

Aber Deva war glücklich ihn zu haben. Er war ihr Sonnenschein in einer für sie regnerischen und dunklen Zeit. Sie nahm ihn überall mit hin. Doch er war noch nicht wirklich stubenrein und Malina schien diese undankbare Aufgabe ihr zugetragen zu haben. Da sie bei ihr wohnen durfte, widersprach Deva nicht. Sie ging lieber alle paar Stunden mit ihm vor die Tür als auf der Straße schlafen zu müssen. Bisher machte er sich ganz gut, auch wenn bereits einige 'Unfälle' passiert waren.

Deva setzte ihn in sein Körbchen im Wohnzimmer und ging um sich Laufschuhe anzuziehen. Sie machte sich nicht die Mühe sich zu schminken, bürstete ihre Haare nur zu einem langen Zopf zusammen und ging dann mit Elton an der braunen Lederleine hinaus.

Malina bewohnte ein Apartment in Lincoln Park. Die Gegend war gut, die Mieten recht hoch. Deva mochte es, Park und See fast genau vor ihrer Haustür zu haben. Selbst mit ihrem ehemaligen Gehalt hätte sie sich niemals eine Wohnung in dieser Nachbarschaft leisten können. Vielleicht hätte sie wie ihre Schwester handeln und sich einen reichen Mann angeln sollen anstatt auf ihr Herz zu hören und sich in einen Barbesitzer zu verlieben, der mehr Schulden am Hals hatte wie die Stadt Detroit. Sie hätte es besser wissen müssen, hätte die Anzeichen erkennen können wenn sie darauf geachtet hätte... Doch sie war zu verliebt und wollte es nicht wahrhaben. Bis Jake – feige wie er war – sie eines Tages einfach sitzenließ und in einer Nacht und Nebelaktion mit ihren Ersparnissen verschwand.

Ein paar Tage später verlor sie ihren Job.

Dann begannen die Rechnungen ins Haus zu flattern. Rechnungen, die sie nicht bezahlen konnte weil Jake mit all ihrem Geld auf und davon war.

All das geschah vor ein paar Wochen, kurz vor Thanksgiving. Danksagungen sprach sie dieses Jahr nicht aus.

Elton machte sein erstes Geschäft beinahe mittig auf dem Fußweg vor dem Wohnhaus. Deva schaffte es gerade noch ihn an die Seite zu zerren, beäugt von einer älteren Dame aus dem ersten Stock. Deva winkte ihr freundlich zu, hätte ihr jedoch lieber den Haufen auf den Balkon geworfen, den sie mit einem Plastikbeutel aufhob und in den nächsten Mülleimer warf.

An der Straße parkte ein Umzugswagen. Deva fielen die Worte ihrer Schwester ein, die von dem Einzug des neuen Nachbarn wusste. Die Wohnung gegenüber war schon seit längerer Zeit frei. Sie fragte sich wer der Neuankömmling war, sah aber niemanden als sie mit einem tapsigen Wollknäuel an der Leine ihre allmorgendliche Joggingrunde begann.

Da Elton noch jung war, begnügte sie sich mit einem kurzen Lauf, zog auf dem Heimweg noch eine Tribune aus dem Zeitungskasten und kaufte sich einen Tee. Der Barista sah sie schon fast merkwürdig an als sie einen einfachen Pfefferminztee bestellte und hakte noch einmal nach ob es auch wirklich nur Minze sein sollte.

Deva verdrehte beinahe die Augen, lächelte aber freundlich und bestätigte ihre Bestellung. Die halbe Welt schien ja bereits dem Chai oder Matcha Latte und anderen gesunden In-Tees verfallen. Mit ihrem herrlichen Pfefferminztee und der Tageszeitung unterm Arm verließ sie schließlich das Geschäft, nahm die Leine auf und machte sich auf den Heimweg.

Umzugshelfer waren eingetroffen und entluden gerade den Van als sie mit Elton um die Ecke bog. Die Männer würdigten ihr keines Blickes, aber das war nicht verwunderlich. Sie trug Leggins, Laufschuhe, einen viel zu großen Kapuzenpulli und kein Make-up. Nicht die klassische Schönheit, der man hinterher pfiff.

Am Eingang lächelte sie dem älteren Portier zu, der gerade die Türe verkeilte.

„Guten Morgen, Miss Flowers.“

„Hi Burt. Ich sagte doch, Sie können mich Deva nennen. Der neue Nachbar?“

„Ein Mr. Cavendish, Miss. Sehr geschmackvoll gekleidet.“

Deva nahm den Welpen auf den Arm und hob überrascht die Augenbrauen. Als geschmackvoll gekleidet hatte sie noch nie jemanden einen Mann beschreiben hören. „Geschmackvoll?“

„Ja, Miss.“

„Er zieht bei uns gegenüber ein?“

„Richtig.“

„Da bin ich ja mal gespannt.“ Sie zwinkerte dem Portier zu, der sich lächelnd an die Mütze tippte.

„Einen schönen Tag, Miss Flowers.“

„Deva!“ rief sie noch und sprintete zum Aufzug hinüber. Einer der Umzugshelfer hielt ihr die Türe auf. Sie bedankte sich und sah, dass der Knopf für ihre Etage bereits leuchtete. An ihrem Tee schlürfend wartete sie die Fahrt ab, während Elton an dem Band ihrer Kapuze kaute.

„Lass das“, murmelte sie und zog ihm den weißen Riemen aus dem Mund. „Was hast du nur mit diesen Bommeln?“

Auf ihrer Etage angekommen, setzte sie den Welpen zurück auf den Boden und folgte dann dem Umzugshelfer den Flur hinunter. Er trug einen Karton mit Schallplatten.

Deva versuchte hineinzuschielen, aber der Mann sah sie nur merkwürdig an als ihr Hals immer länger wurde. Sie grinste entschuldigend und hielt sich zurück.

Vor ihrer Wohnung herrschte heilloses Chaos. Kartons über Kartons stapelten sich im Flur und blockierten den Weg. Der Mann stellte seinen zu den anderen und kehrte wieder um.

Deva nutzte die Chance.

„Beatles. Sieht alt aus“, murmelte sie anerkennend.

„Die sind alt.“

Ihr Kopf schoss hoch. Vor ihr stand ein schlanker, sehr attraktiver Mann. Dunkelblonde Haare, große Augen, markanter Kiefer. Vielleicht Anfang, aber höchstens Mitte Dreißig. Er trug einen perfekt sitzenden grauen Anzug mit weißem Hemd und teure Lederschuhe. Keine Krawatte.

„Ich bin William Cavendish. Will. Es freut mich, Sie kennenzulernen.“ Sein Lächeln war entwaffnend, der Akzent sehr britisch als er ihr eine Hand entgegenstreckte.

„Eh... hi.“ Deva reichte ihm die ihre und sah die goldbraune Cartier Tank wo das Jackett hoch gerutscht war. „Deva Flowers. Tut mir leid, ich wollte nicht...“

„Schon gut, ich wäre auch neugierig auf neue Nachbarn. Deva... das ist ein außergewöhnlicher Name.“

Sie winkte ab und widerstand dem inneren Drang die Augen zu verdrehen. Es war nicht ihre erste Erklärung und würde auch nicht die letzte sein. „Deva ist die Hindu-Göttin des Mondes. Meine Schwester heißt Malina, inukisch für Sonne. Meine Mutter hatte so eine Phase.“

„Sehr interessant.“

Sie hob gleichgültig die Achseln, ließ ihn dabei aber nicht aus den Augen.

Geschmackvoll war das richtige Wort um seine Garderobe zu beschreiben, Burt hatte vollkommen recht. Was er vergessen hatte zu erwähnen war das unverschämt gute Aussehen des neuen Mieters. Zudem war er sehr groß mit langen Gliedern und gepflegten Händen. Sie reichte ihm gerade mal bis zur Schulter.

Sie war noch ein wenig geblendet von seiner Erscheinung, als die nächste Frage an ihr Ohr drang.

„Wohnen Sie hier?“

„Ich... eh... Ja. Doch ich komm nicht rein.“

„Schlüssel vergessen?“

Sie machte einen Schritt zur Seite und offenbarte die Kartons, die sich vor ihrer Wohnungstür stapelten. Will war schnell dabei sie wegzuräumen.

„Das tut mir leid. Ich habe den Männern gesagt, sie sollen alles drinnen abstellen.“

Sie sah in seine Wohnung. Überall standen geschmackvolle Möbel und weitere Kartons herum. Sie entdeckte sogar einen alten Flügel, der ein Vermögen wert sein musste. „Haben sie wahrscheinlich versucht, nur ist kein Platz mehr.“

Er folgte ihrem Blick und musste lachen. „Stimmt wohl.“

Sie mochte sein Lachen. Es erhellte sein komplettes Gesicht, zeigte perfekte Zähne und ließ die blaugrauen Augen aufleuchten. Es machte ihn noch attraktiver als er es ohnehin schon war.

Deva seufzte innerlich. Jemand wie er würde sie niemals anziehend finden, das wusste sie. Vermutlich war es ihre Schwester, die seine Aufmerksamkeit erregen würde. Wie üblich. Deva hatte sich bereits daran gewöhnt und schon in der Schule immer nur den zweiten Platz gemacht. Kaum trafen sie die blonde Malina, vergaßen sie ihr Date. Wer war Deva?

„Und dieser kleine Kerl?“

Sie sah hinunter, wo Elton begonnen hatte die Ecke eines Kartons auseinander zu nehmen.

„Oh, tut mir leid. Elton, aus!“ Sie zog mit einem Ruck an der Leine.

„Elton?“

„Er gehört eigentlich meiner Schwester“, erklärte sie schon fast entschuldigend. „Ich kümmere mich um ihn. Also, das ist ihre Wohnung, ich... ich wohne hier nur gerade.“

„Ist sie verreist?“

„Was?“ Sie blinzelte ihn verwirrt an und verstand im selben Augenblick. „Nein! Nein, gar nicht. Sie wohnt auch hier. Ich meine, ich... Sie hat mich aufgenommen sozusagen. Als Dankeschön kümmere ich mich um den Hund.“

Will kraulte den Welpen hinter den Ohren. „Der wird riesig, das sieht man an den Pfoten. Welche Rasse ist das?“

„Ein Leonberger.“

Lachend richtete er sich auf. „Wow. Der wird wirklich riesig.“

Sie sahen sich an, und für einen Augenblick glaubte sie, dass sie so etwas wie Anerkennung oder Gefallen in seinen Augen lesen konnte. Der Moment war vorbei, als der nächste Karton geliefert wurde.

„Das waren alle“, schnaufte der Helfer. „Der Rest sind Gemälde.“

„Gut, rauf damit.“

Der Mann starrte auf die Kartons die den Flur beherrschten. Will deutete seinen Blick und sagte schon: „Ich sorge schon für Platz.“

„Okay.“ Der Helfer schlurfte zum Aufzug zurück.

Mit einem Lächeln hob Deva ihren Becher. „Ich werde dann mal...“

„Ja, ich auch.“ Will sah auf die Umzugskartons hinunter und rieb sich nachdenklich die Stirn.

Deva schloss die Tür auf und drehte sich nach kurzer Überlegung noch einmal um. „Brauchen Sie vielleicht Hilfe?“

Er schien überrascht, doch dann winkte er mit einem Lächeln ab. „Das schaff ich schon, aber vielen Dank.“

Sie nickte nur und schloss die Tür hinter sich, nur um dann durch den Spion noch einmal auf den Flur hinaus zu spähen.

Will zog gerade sein Jackett aus und krempelte die Hemdsärmel hoch. Dann begann er eine Box nach der anderen in seine Wohnung zu tragen.

Mit einem Seufzen riss sie sich los und fand Elton über seinem Wassernapf hängen. „So jemanden bekomme ich nie ab, Elton. Wieso ist das so, was meinst du?“

Sie stellte sich vor den Garderobenspiegel. Der Welpe tapste hinüber und legte neugierig den Kopf schief, so als wollte er fragen was sie tat, als sie das Band aus dem Zopf zog und ihre Haare lockerte.

Sie fand sich nicht wirklich unattraktiv. Übersah man ihr jetziges Outfit und das ungeschminkte Gesicht war sie eigentlich ganz hübsch. Sie war schlank, hatte gute Wangenknochen, einen schönen Mund. Sie mochte ihre großen Augen. Mandelförmig und von einem tiefen Mitternachtsblau, dazu vernünftige, sanft geschwungene Augenbrauen und nicht so nachgezeichnete Striche wie es viele Frauen in ihrem Alter trugen. Ihre dunkelbraunen Haare waren gepflegt und glänzten.

Nein, sie war alles andere als hässlich. Aber sie war halt nicht Malina, die auch für einen Unterwäschekatalog Modell hätte stehen können.

Deva griff sich an ihre kleinen Brüste und dachte an die Körbchengröße ihrer Schwester. „Ich sag ja, Elton. Bei der Geburt vertauscht.“

Der Hund winselte nur und pinkelte auf den Eingangsläufer.

Kapitel 2

Deva hatte gerade ihr Abendessen in den Ofen geschoben und es sich mit Hundekeksen auf der Couch bequem gemacht als es an der Wohnungstür klopfte. Elton hob kauend den Kopf aus ihrem Schoss. Sie wechselten einen fragenden Blick.

„Wer kann das denn sein?“

Sie erwartete keinen Besuch und Malina war erst vor ein paar Minuten mit ihrem Date verschwunden, also erhob sie sich nur zögernd von der Couch. Als es erneut klopfte, ging sie hinüber um zu öffnen. Der Hund tapste ihr neugierig hinterher.

Deva erhaschte ihr Spiegelbild an der Garderobe bevor sie geistesgegenwärtig durch den Türspion blickte und schreckte bei dem Anblick des Besuchers aus ihrer Lethargie. Schon fast panisch sprang sie zum Spiegel zurück, zog hastig das Haarband aus dem zerzausten Dutt, lockerte ihre Frisur und klopfte die Krümmel von Strickjacke und Jeans.

Mehr konnte sie nicht tun. Wer saß Freitagabends um sieben Uhr denn schon in einem kleinen Schwarzen auf dem Sofa? Wäre sie nicht beim Tierarzt gewesen, hätte sie vermutlich schon ihren Pyjama getragen.

Elton begann schwanzwedelnd sein Welpenbellen, während er schon die feuchte Nase an die Tür presste.

„Ein toller Wachhund bist du“, sagte sie nur und öffnete die Tür.

Da stand er vor ihr: sehr groß und einfach blendend aussehend. Ihr neuer Nachbar Will Cavendish.

„Ich hoffe ich störe nicht“, begann er entschuldigend nachdem er Elton begrüßt hatte.

„Eh... nein, gar nicht.“ Deva bemerkte den Mantel in seinen Händen und fragte. „Ist was nicht in Ordnung?“

„Können Sie mir ein gutes Restaurant in der Nähe empfehlen? Ich bin nicht dazu gekommen einzukaufen.“

„Irgendetwas bestimmtes?“

„Italienisch?“

Sie nannte ihm ein kleines Restaurant in der Nähe und hoffte innerlich, dass es seinen Erwartungen entsprechen würde. Will schien aus gutem Hause zu stammen und war vermutlich eine Fünf-Sterne-Küche gewohnt. Damit konnte sie leider nicht dienen.

„Es ist ein alt eingesessenes Familienrestaurant, es wird ihnen bestimmt gefallen. Die Pizza ist himmlisch.“

Ihr Schwärmen zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht. „Würden Sie mich begleiten?“

„Ich?“ Eine Einladung hatte sie nicht kommen sehen. Ein wenig perplex über sein Angebot, hob sie den Welpen auf den Arm und suchte nach den richtigen Worten. Sie wäre liebend gern mit einem Mann wie Will ausgegangen, aber ihr Kontostand ließ kein Essen außerhalb zu. Die gerade aufbackende Tiefkühlpizza im Ofen erinnerte sie daran. „Danke, aber ich...“

„Leisten Sie mir bitte Gesellschaft, Deva. Ich bin neu in der Stadt und kenne sonst niemanden hier.“

Wie konnte sie diesem Blick, diesen wunderschönen Augen nur widerstehen? Auch seine Art sich auszudrücken war herzzerreißend. „Okay, wenn ich Ihnen damit eine Freude mache...“

Sein Gesicht brach in ein Lächeln aus. „Echt? Toll.“

Er war schon dabei den Mantel überzuziehen, als Deva sagte: „Moment, ich muss mich erst fertigmachen.“

„Sie sehen bezaubernd aus so wie Sie sind.“

„Was?“ Sie starrte auf ihre Strickjacke und die schwarze Röhrenjeans mit den Hundehaaren. Sie fühlte sich alles andere als bezaubernd. „Quatsch! Sie in der Weste und ich so? Bestimmt nicht! Kommen Sie rein, ich beeil mich.“

Er trat ein und schloss die Türe hinter sich als Deva nach hinten in ihre Abstellkammer lief, in Gedanken schon bei der Frage, was sie anziehen sollte ohne sich an seiner Seite zu blamieren.

„Was riecht hier?“ rief er vom Wohnzimmer aus.

Die Tiefkühlpizza!

„Nichts!“ Deva rutschte auf Socken in die Küche und drehte dem Herd den Strom ab; die Salamipizza sah bereits sehr knusprig aus. Leider würde sie an diesem Abend nicht gegessen werden. Jedenfalls nicht von ihr.

„Schön haben Sie es hier!“ tönte sein britischer Akzent aus dem Wohnzimmer.

Hätte er sie in diesem Augenblick in ihrem Minizimmer gesehen – auf allen Vieren und kopfüber in ihrem Koffer hockend – hätte er seine Meinung vielleicht geändert. All ihre Kleidung quill heraus, doch ihr einziger Rock wollte sich nicht zeigen. Verzweifelt setzte sie sich zurück.

„Okay“, sagte sie, um Ruhe bemüht. „Nachdenken. Was anziehen?“

Ihre Schwester hätte bestimmt keine Probleme gehabt so kurzfristig etwas zu finden. Im Gegensatz zu Deva mangelte es ihr weder an Platz noch an Ordnung. Normalerweise war auch Deva ziemlich organisiert, aber in solch einem kleinen Raum musste sie halt vorübergehend aus dem Koffer leben. Zudem war sie in Eile.

Und in Panik.

Einer inneren Eingebung folgend lief sie in Malinas Schlafzimmer und stand dann vor dem überdimensionalen, nach Farben sortierten Kleiderschrank. Ihre Schwester würde es nicht merken, würde ihr ein Kleid fehlen... Oder? Deva glitt mit den Fingern über die zarten Stoffe. Satin, Chiffon, Pelz... Da war ein schwarzes Seidenkleid von Boss Orange, von dem Deva wusste, dass es Malina zu klein war doch ihr selbst dank ihres geringeren Brustumfangs hervorragend passte.

Sie zog es heraus und schlüpfte hinein. Dazu ein paar zarte Strümpfe und ihre eigenen knöchelhohen Stiefel aus schwarzem Wildleder. Das lange Haar kämmte sie ein paar Mal durch, dann legte sie hastig roten Lipgloss auf. Fertig.

Will saß auf der Couch und kraulte Elton hinter den Ohren als sie eintrat. Er sprang sofort auf die Füße und sah sie bewundernd an. „Wunderschön.“

Bezaubernd... wunderschön... Dieser Mann wusste wie man einer Frau schmeichelte. Sie wurde beinahe rot denn sie war derlei Komplimente nicht gewohnt. Jake waren immer nur Worte wie 'heiß' eingefallen, so als wäre sie eine Herdplatte und keine Frau. „Eh... danke, denke ich.“

An der Garderobe half er ihr sogar in den Wollmantel.

„Danke“, murmelte sie erneut und kam sich allmählich blöd vor. Doch sich nicht zu bedanken und seine vortreffliche Erziehung ignorieren konnte sie ebenso wenig.

Sie nahm Elton an die Leine und schloss hinter sich die Tür ab.

„Ich hoffe Sie haben nicht schon gegessen“, begann Will im Aufzug.

„Nein, gar nicht.“

„Dürfen Sie den Hund mit ins Restaurant nehmen?“

„Gute Frage... ich weiß es nicht. Als ich das letzte Mal da war, gab es Elton noch nicht. Aber hier lassen kann ich ihn nicht, meine Schwester ist ausgegangen.“ Sie begann in Malinas Seidenkleid zu schwitzen. „Hoffentlich darf er mit rein. Zum draußen sitzen ist es zu kalt...“

Just in diesem Augenblick kündigte der Lift das Erdgeschoss an. Will gab ihr mit einer einladenden Geste den Vortritt.

Sie zögerte.

„Vielleicht gehen Sie doch besser ohne mich, William. Ich möchte Ihnen keine Umstände machen.“

„Will. Bitte“, bat er mit einer Hand auf dem Herzen, während die andere die Aufzugtüren offenhielt. „Sie machen mir keine Umstände.“

Sie stand da in ihren knöchelhohen Stiefeln und presste besorgt den sandbraunen Welpen an ihren Mantel. „Was, wenn er nicht mit rein darf?“

„Dann finden wir ein anderes Restaurant. Jetzt kommen Sie schon, ich sterbe vor Hunger.“

Sie lächelte dankbar und folgte ihm zum Ausgang.

Burt war noch da und öffnete ihnen die Glastür. Er wünschte einen schönen Abend, sein freudiges Gesicht verriet mehr. Deva ahnte was er dachte und schüttelte kaum merklich den Kopf in seine Richtung.

Dies war kein Date. Auch wenn es wie eines aussah. Es war nach sieben, sie hatte sich schick gemacht und ging mit einem fremden Mann zu Abend essen. Doch es war keine Verabredung sondern nur ein spontaner Einfall seinerseits. Er war neu in der Stadt und mochte Gesellschaft. Mehr nicht.

Merkwürdigerweise hatte sie auch nicht das Gefühl als würden sie miteinander ausgehen. Es gab keine Befangenheit die oft bei einem ersten Date auftrat, sie hatte keine Scheu zu sagen was sie dachte. Sie fühlte sich wohl in seiner Nähe und empfand seine Gegenwart als sehr positiv und beinahe beruhigend. Es fühlte sich richtig an. So als wären sie bereits seit einer sehr langen Zeit befreundet.

Im Restaurant begrüßte Inhaber Georgio Monari sie überschwänglich als würde er ein lang vermisstes Familienmitglied wiedersehen. Er küsste ihre Wangen, gab Will einen kräftigen Händedruck und warf Elton sofort ein Stück Wurst in den Mund. Kleine Hunde waren kein Thema, beteuerte er ihr, doch wurde er größer, musste er auf der Terrasse bleiben.

Deva war erleichtert, folgte Georgio zu einer Sitznische in der hintersten Ecke und saß dann beinahe Schulter an Schulter mit Will auf der Polsterbank, während Elton es sich erschöpft zu ihren Füßen bequem machte. Solch lange Abendspaziergänge war der junge Leonberger kaum gewohnt.

Georgio entzündete die Kerze auf dem Tisch und zauberte aus dem Nichts zwei Speisekarten bevor er die Spezialitäten des Tages zitierte. Wie Burt glaubte er Deva habe ein Date und zwinkerte ihr zustimmend in Richtung Will zu, der gerade aufmerksam die Gerichte studierte, bevor er die Getränkebestellung aufnahm und verschwand.

Deva belächelte seine Fürsorge. Jegliche Verharmlosung ihrerseits hätte zu nichts geführt; sie kannte Georgio bereits mehrere Jahre durch regelmäßige Besuche. Jake hatte er nie gemocht.

Dies wurde ihr an diesem Abend zum ersten Mal wirklich bewusst als Georgio mit den Getränken zurückkehrte und voller Freude verkündete: „Sei froh, dass du Jake los bist, fiore della luna. Der war nichts für dich... Das übliche, sí?“

Leicht errötend reichte sie ihm die geschlossene Speisekarte zurück. „Ja... danke.“

„Und für Sie?“

Will warf einen Blick zu Deva hinüber und sagte: „Das gleiche wie sie.“

„Aber... Sie wissen doch gar nicht, was ich bestellt habe.“

„Doch. Das Übliche. Sie sagten, die Pizza wäre himmlisch. Also gehe ich mal davon aus, dass es eine Pizza ist.“

„Comincio ad apprezzare sempre di più quest'uomo!“ rief Georgio freudig aus, woraufhin Will sich lachend mit einem „Mille grazie“ bedankte.

„Sie sprechen italienisch?“ fragte Deva als Georgio sich amüsiert abwandte.

„Ein wenig.“

„Was hat er gesagt?“

„Ich gefalle ihm. Und Sie nennt er Mondblume... was irgendwie passt.“

Deva griff nach ihrem Glas Rotwein und nahm kommentarlos einen langen Schluck bevor sie noch errötete. Diese Südländer mit ihren Herzen auf der Zunge! Georgio innerlich verfluchend setzte sie lächelnd das Glas ab.

Will betrachtete sie für einen Augenblick, bevor er sich mit sanfter Stimme erkundigte: „Wer ist Jake?“

Seine Frage klang so ehrlich und interessiert, dass sie den Kopf wandte um ihn anzusehen. Nie zuvor hatte ein Mann solch einen Ton angeschlagen wenn es um offensichtliche Herzensangelegenheiten ging.

„Jake ist... mein Exfreund. Ich kam oft mit ihm her. Und wie sich ja gerade herausstellte, gefallen Sie Georgio besser.“

Sie konnte nicht anders als amüsiert darüber zu spotten und freute sich Will zum Lachen zu bringen.

„Was ist passiert?“ erkundigte er sich dann. „Wenn Sie die Frage erlauben.“

Sie hob die Achseln und lächelte Georgio an, der ihnen gerade die Pizzen brachte. Sie passten gerade noch auf die runden Teller und dufteten verführerisch. Will bekundete seine Begeisterung, kostete und lobte ihren Geschmack bevor er nachhakte: „Wieso sind Sie nicht mehr zusammen?“

„Wollen Sie das wirklich wissen?“

„Natürlich.“

So begann sie von Jake und sich zu erzählen, von den Anfängen ihrer fast einjährigen Beziehung, den ständigen Schulden und wie er sich mit all ihrem Gesparten davon gemacht hatte.

Dann kam irgendwie alles auf einmal raus. Es tat gut mit jemandem darüber zu sprechen; ihre Schwester war nie der Zuhörertyp gewesen und hatte keinen Kopf für den Kummer anderer. Und obwohl Will ihr nahezu fremd war, empfand sie seine Gesellschaft und sein ehrliches Interesse als sehr angenehm und ermutigend. Bei ihm fühlte sie sich weder klein, unbedeutend noch kamen ihr ihre Sorgen belanglos vor. Er gab ihr ein Gefühl von Sicherheit.

„Ein paar Tage später wurde ich wegen Einsparungen gekündigt, was einen Umzug bedeutete. Wir hatten eine schöne Wohnung zusammen, aber sie war zu groß und zu teuer für mich alleine. Und weil ich nicht wusste wohin und meine Eltern zu weit fort leben, ging ich zu meiner Schwester. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe Malina und ich bin dankbar für ihre Hilfe, aber wir sind so unterschiedlich wie die Sonne und der Mond. Wie unsere Namen schon sagen. Jetzt wohne ich erst einmal bei ihr und kümmere mich um ihren Hund. Ich bin also freundlos, arbeitslos und geldlos.“ Sie bemerkte, dass Will seine Pizza schon längst verdrückt und sie noch nicht einmal die Hälfte geschafft hatte. Nur ihr Weinglas war schon wieder leer. „Tut mir leid, ich rede zu viel.“

„Blödsinn“, tat er ihre Entschuldigung in solch einer britischen Art und Weise ab, dass es sie zum Lächeln reizte.

„Jetzt sind Sie dran und ich esse endlich.“

„Warten Sie, nur damit ich das richtig verstehe... Ihr Exfreund hat also Ihr Konto leergeräumt und ist einfach verschwunden? Sie haben ihn nie wiedergesehen?“

Sie nickte kauend und versuchte den Schmerz in ihrer Brust zu ignorieren. Sie fühlte sich betrogen und ausgenutzt, als wären all die Monate mit ihm eine einzige Lüge gewesen. Ihr gebrochenes Herz tat sich schwer damit ihn zu vergessen obwohl sie wusste, dass er keinen ihrer Gedanken wert war.

„Waren Sie bei der Polizei?“

„Wozu? Um eine Vermisstenanzeige aufzugeben? Der kann von mir aus in der Hölle schmoren.“

„Nein. Um ihn wegen Diebstahls anzuzeigen.“

„Was? Nein... nein...“ Sie schüttelte den Kopf und widmete sich wieder ihrer Pizza. „Er hatte bestimmt seine Gründe...vielleicht wird er es mir ja auch irgendwann zurückzahlen...“

„Deva...“ Will rückte herum um sie direkt ansehen zu können ohne den Kopf drehen zu müssen. „Deva, sehen Sie mich an.“

Sie begegnete seinen großen, hellen Augen und war gerührt über den aufrichtigen Ausdruck den sie darin fand.

„Lassen Sie mich Ihnen helfen.“

„Sie wollen mir helfen? Wie denn?“

„Niemand verschwindet spurlos. Ich kenne da ein paar Leute... Vertrauen Sie mir und Sie bekommen Ihr Geld - Ihr Leben - wieder.“

Sie vertraute ihm bereits, auch wenn sie nicht wusste weshalb. Dennoch musste sie einfach einen Scherz machen. „Sie hören sich an wie Colin Firth aus Kingsmen.“

„Das war ein Film.“

„Umso lustiger“, kicherte sie.

„Überlegen Sie es sich bitte.“ Er füllte ihre Gläser auf und bedeutete Georgio mit einem Fingerzeig eine weitere Flasche zu bringen. Als der Italiener fort war, fügte er hinzu: „Sie brauchen nur Bescheid sagen. Jake wird gefunden und Sie bekommen alles zurück.“

Sie verspeiste das letzte Stück Pizza und spülte es mit dem nachgegossenen Rotwein hinunter. Sie spürte bereits den Alkohol, der ihre Zunge lockerte. „Sie sind der erste, den ich anrufe.“

„Sie nehmen mich nicht ernst“, schmollte er.

„Nein“, lachte sie mit dem Glas an den Lippen bevor sie einen weiteren Schluck nahm. „Aber ich mag Sie. Also danke für Ihr Angebot. Ich werde es mir überlegen.“

„Tun Sie das.“

„Und Sie? Was ist Ihre kleine Geschichte?“