Mondlicht in deinen Augen - Lena Klassen - E-Book

Mondlicht in deinen Augen E-Book

Lena Klassen

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Beschreibung

Die schöne Kaufmannstochter Meriande langweilt sich in der dekadenten Hauptstadt des kriegerischen Großreichs Nordun zu Tode. Deshalb ist sie von dem attraktiven Soldaten Ruovan, der eines Abends auf ihren Balkon klettert, fasziniert – zumal er zum Dschungelregiment gehört und ihre Sehnsucht nach dem Abenteuer weckt. Schließlich fasst sie einen ungeheuren Plan: Statt ihre Pflicht zu tun und einen vornehmen Kaufmann zu heiraten, will Meriande ihm als Soldatin in den Dschungel folgen und Seite an Seite mit ihm kämpfen. Doch die Realität ist viel grausamer, als Meriande jemals erwartet hätte. Und nicht die Feinde oder die giftigen Tiere sind die größte Gefahr, sondern die Unaschkin, die legendären Bestienkrieger des Dschungels.

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Seitenzahl: 310

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Mondlicht in deinen Augen

Die Legenden der Unaschkin - Band 1

Lena Klassen

Copyright © 2018 by

Astrid Behrendt

Rheinstraße 60

51371 Leverkusen

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Tanja Selder

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-474-1

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

Aus den Legenden der Unaschkin

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Personen- und Begriffsverzeichnis

Über die Autorin

Aus den Legenden der Unaschkin

In jenen Tagen, als das Schicksal der Unaschkin auf Messers Schneide stand, fand eines der Kinder des Kaj-Baor seine Berufung.

Er war einer der Verfluchten, doch er verließ seinen angestammten Platz, und damit forderte er nicht nur seine Feinde heraus, sondern den Kaj-Baor selbst. Ein Krieger, dessen Weg vorherbestimmt war wie der Weg der Sterne, erhob seinen Blick zu den Göttern und verlangte Gerechtigkeit.

Der Mut eines Bestienkriegers veränderte die Welt.

Doch es begann nicht mit Mut oder Stärke oder dem Geschick eines unvergleichlichen Kämpfers, sondern mit dem Aufflammen eines Herzens.

Es begann im Dschungel.

Es begann mit den goldenen Locken einer Frau.

Es begann mit Liebe.

Kapitel Eins

Ganz ehrlich, mit Karel Stevan zu tanzen, war nicht die reine Freude.

Er war ein bisschen jünger als ich, ein Jüngling mit einem weichen, noch kindlichen Gesicht, der immer zu zittern anfing, wenn er etwas sagen sollte. Sobald er den Mund öffnete, wurde er glühend rot und begann zu stammeln.

»Möchtet Ihr vielleicht eine Erfrischung, mein Herr?«, fragte ich vorsichtig, denn die dicke Schicht Puder in seinem Gesicht löste sich allmählich auf.

Sein Angstschweiß hatte den goldenen Farbschatten über seinen Augenbrauen zum Schmelzen gebracht, sodass ihm gelbliche Streifen über die Wangen liefen. Wäre er nicht der Erbe des Monopols zum Verkauf lebender Tiere, ich hätte ihn einfach stehen lassen, aber das hätte Papa niemals geduldet. Viehhandel konnte, kombiniert mit unserem Monopol zum Handel mit Lederwaren, Fellen und jeder Art von Stoff tierischer Herkunft, durchaus noch nützlich sein.

»Zu gütig, Fräulein Meriande«, krächzte er und verfärbte sich noch dunkler. Seine weichen, schweißnassen Hände lösten sich mit einem leisen Schmatzen von meinem Arm.

Aber ich hatte mich zu früh gefreut. Während Karel in Richtung der Tische, auf denen Eistee und Wein bereitstanden, davontaumelte, näherte sich mir der nächste Tanzpartner. Mein Plan, mich unbemerkt aus dem Saal zu stehlen, wurde von Wilimen Börger vereitelt, der seine Finger wie das Maul eines Jagdhunds um mein Handgelenk schnappen ließ.

»Fräulein Meriande«, säuselte er und ließ seinen klebrigen Blick über meinen Ausschnitt wandern. »Ihr seht heute Abend einfach bezaubernd aus.«

Ich unterdrückte den Drang, ihn mit irgendetwas zu bewerfen. Immerhin war er möglicherweise mein zukünftiger Ehemann. Nur die Götter wussten, wann mein Vater endlich seine Entscheidung treffen würde.

»Ich, ähm … wollte mir gerade etwas zu essen holen«, sagte ich rasch. »Kuchen. Ich brauche unbedingt Kuchen.«

Wilimen sah nicht aus, als würde er jemals das Angebot, Kuchen zu essen, ausschlagen. »Das ist eine hervorragende Idee, Fräulein Meriande. Darf ich bitten?«

Er reichte mir seinen Arm.

Der weiche Samt unter meinen Fingern war von hervorragender Qualität, das konnte ich fühlen. Die meisten der jungen Herren mussten sich mit Samt-Imitat, Glassteinen und falschem Goldpuder behelfen, weil die Schatzkammer ihrer Familie nicht mehr hergab, doch Wilimen Börger hatte das nicht nötig. Der Goldstaub auf seiner Perücke war echt, darauf hätte ich wetten mögen. An seiner Seite würde ich mir niemals Sorgen um meine Zukunft machen müssen.

»Eure Eltern haben sich wieder einmal übertroffen«, sagte er. »Es heißt nicht umsonst, dass die Suliwans die besten Küchensklaven von Nordun-Stadt besitzen.«

Ich lächelte verlegen und ließ mir von einer Sklavin ein Brombeertörtchen reichen.

Wilimen verdrückte bereits das zweite. »Ob Ihr wohl den Sklaven, der die gebacken hat, als Mitgift erhalten könntet?«

»Wollen wir uns nicht setzen?« Ich wies auf die hübschen kleinen Korbsessel, die im hinteren Bereich des Saals zu gemütlichen Sitzgruppen arrangiert waren.

Seine Augen leuchteten auf. Eine lauschige Unterredung mit mir, der begehrten Erbin? Da konnte er nicht Nein sagen.

Ich winkte der Sklavin, mit dem Tablett voranzugehen.

Bevor wir uns setzten, wandte ich mich noch einmal zur Tanzfläche hin. »Ist das nicht unglaublich?«

»Was meint Ihr, Fräulein Meriande?«

Ich meinte gar nichts, ich wollte ihn nur von dem Sessel ablenken. Es war schwieriger, als es sich anhörte, ein paar Törtchen auf der Sitzfläche zu platzieren, ohne dass er es merkte. Die Sklavin riss die Augen auf, aber natürlich wagte sie nicht zu kichern.

»Oh, ich dachte, ich hätte gesehen, dass einem der Herren die Perücke vom Kopf gefallen ist.« Graziös setzte ich mich und schlug die Beine übereinander.

Wilimen glotzte unverhohlen und ließ sich in seinen Sessel plumpsen. Seine vergoldeten Lider flatterten. Ein Beben ging durch seinen ganzen Körper und in seine Augen trat ungläubiges Entsetzen.

Nun hieß es Ruhe bewahren. Geziert verspeiste ich mein Kuchenstück. Die Cremefüllung aus Sahne, Honig und den unvergleichlichen wilden Brombeeren, die am Ufer des Dun wuchsen, war ein Gedicht. Ich leckte mir einen Klecks Sahne vom Finger und erhob mich dann wieder. »Möchtet Ihr weitertanzen?«

»Ich fürchte, ich kann Euch nicht begleiten, Fräulein Meriande. Ich … ich fühle mich gerade nicht wohl.«

»Im Ernst? Ihr bereitet mir Kummer«, sagte ich.

Sein Gesicht verzog sich gequält. »Kein Grund zur Sorge. Gleich … gleich bin ich so weit.«

Ich schenkte ihm mein freundlichstes, gütigstes Nicken. »Dann gehe ich schon voraus.«

Sollte er zusehen, wie er die zerquetschten Brombeeren und die Sahnecreme von seinem Hintern entfernte. Grüßend und lächelnd ging ich an den Tanzenden vorbei, bis ich die Treppe erreichte, die hoch zur Balustrade führte. Mit einem Seufzer der Erleichterung huschte ich die Stufen hinauf. Oben stand bereits meine Schwester auf ihrem bevorzugten Beobachtungsposten, fern vom Gedränge, den falschen Komplimenten und dem verzerrten Lächeln der Schönen und Reichen von Nordun-Stadt.

Von der Galerie aus konnte man unbemerkt auf die Köpfe herabsehen. In den kunstvollen Hochsteckfrisuren der Damen wetteiferten künstliche Blüten und Schmetterlinge um Aufmerksamkeit. Die Blumen waren den hiesigen kleinen Blumen nachgebildet – den Parkrosen, den Wölkchen und Kussmündern. Mit Genugtuung stellte ich fest, dass ich das einzige Mädchen im Saal war, das eine echte Dschungelblüte im Haar trug.

»Da ist er«, flüsterte Wenizia, die aufgeregt das Geländer umklammerte und sich so weit vorbeugte, dass ich sie vorsichtshalber am Arm festhielt, bevor sie kopfüber aufs Parkett stürzte.

»Wärst du so freundlich, mir endlich zu verraten, in wen du dich verknallt hast?«

Meine Schwester drehte sich zu mir um, ihre Augen blitzten vor Wut. »Verknallt? Liebe ist etwas Großes und Heiliges, und du solltest endlich aufhören, so davon zu sprechen! Nur weil du nicht fähig bist, dich zu verlieben!«

»Ich wüsste nicht, warum ich mich verlieben sollte«, gab ich zurück. »Mama und Papa werden einen Mann für mich aussuchen. Es geht um das passende Handelsmonopol, das unseres ergänzt, nicht darum, wessen Perücke mir am besten gefällt. Ich glaube nicht mehr an den Prinzen, der in einer Kutsche vorfährt, seit ich vier Jahre alt bin.«

Das war gelogen. Noch bis vor Kurzem hatte ich den Traum mitgeträumt, wenn wir Schwestern uns im Garten auf der großen Korbbank aneinandergekuschelt und uns Märchen erzählt hatten, die nicht von der Vergangenheit, sondern von unserer Zukunft handelten. Davon, wie es sein würde, wenn unter den vielen Kutschen, die vor der prächtigen Villa der Familie Suliwan hielten, die eine war, die alle anderen in den Schatten stellte. Von dem jungen Mann, der ausstieg und an unserem Haus hochsah, als wüsste er schon, wen er hier finden würde: die Eine, die einzig Richtige.

Er würde gut aussehen, natürlich, aber noch viel mehr – seine Pferde waren die schönsten, er war reicher als die anderen, und unsere Eltern, das war das größte Wunder, wären begeistert von ihm. Niemand würde mehr von Monopolen sprechen und davon, welche Verbindung die geschickteste und gewinnbringendste war. Ein Lächeln und mein Herz gehörte ihm. Er würde mir seins zu Füßen legen und mit ihm all seinen Reichtum, seine Pferde und Kutschen und Sklaven. Nichts hatte eine Bedeutung, wenn wir nur einander haben konnten.

Ein dummer Traum, denn es gab in Groß-Nordun keine Prinzen mehr, seit der Magistrat vor zweihundert Jahren die königliche Familie mitsamt ihrem dekadenten Palast verbrannt hatte.

Und ich war inzwischen fast zwanzig Jahre alt und konnte froh sein, wenn mein Vater sich endlich für einen Ehemann für mich entschieden hatte. Auch wenn er entsetzlich fade und langweilig sein sollte.

Die Träume waren ausgeträumt, und ich hatte rechnen und die wichtigsten Regeln des Handels und der Diplomatie gelernt. Wenizia und ich steckten nicht mehr die Köpfe zusammen, um uns Prinzen und mit goldenen Ornamenten bemalte Kutschen vorzustellen. Doch manchmal hatte ich den Verdacht, dass sie immer noch davon träumte, dass jemand kommen und sie vor einer arrangierten Ehe retten würde.

Ich hingegen wusste längst, dass mich nichts und niemand retten konnte. Liebe war höchstens eine willkommene Beigabe, wie ein Löffelchen Wolkenblütenhonig im Eistee, wenn zwei Kaufmannsfamilien in langwierigen Verhandlungen die Verknüpfung zweier Monopole beschlossen. Liebe vernebelte jungen Leuten den Verstand, deshalb war es die Pflicht wohlmeinender Eltern, vernünftige Entscheidungen zu treffen.

»Soll ich dir was verraten?«, fragte ich mit einem spöttischen Lächeln. »Ich finde diese reichen Söhne alle hässlich. Und soll ich dir noch etwas verraten? Es ist mir völlig gleich.«

»Du verstehst gar nichts«, zischte Wenizia.

Sie war zwei Jahre jünger als ich, aber sie kehrte gerne ihre Überlegenheit heraus. In der Tat war sie besser darin, eine passende Frisur zum jeweiligen Anlass auszusuchen, besser darin, Stoffe und Schnitte zu beurteilen, besser, mit den jungen Männern, die sich zu solchen Tanzabenden wie heute einfanden, Konversation zu machen.

Aber sie konnte nicht heiraten, bevor ich nicht unter der Haube war, und Papa zögerte schon seit drei Jahren – eigentlich galt siebzehn als bevorzugtes Heiratsalter –, den Kontrakt zu schließen, der unser Handelshaus mit einem der anderen großen Häuser verbinden würde. Als älteste Tochter und Erbin war meine Hand einer der wichtigsten Einsätze im Spiel um Handelsmonopole, und kaum hatte Papa einen vielversprechenden Kandidaten gefunden und ihm erlaubt, mich zu besuchen und – in Gegenwart meiner Schwester natürlich – mit mir Tee zu trinken, fand er ein anderes Monopol interessanter und gewinnbringender, verbot dem jungen Erben das Haus und gestattete einem anderen Mann aus einer noch besseren Familie, um mich zu werben.

»Oh, ich verstehe genug«, sagte ich. »In dieser Welt geht es nicht um Küsse im Licht der Monde und kleine Geschenke und Briefchen, sondern um den Sitz im Magistrat und darum, ein unwichtig scheinendes Monopol möglichst billig zu erwerben und gewinnbringend auszunutzen. Wenn Papa klug wäre, würde er mich mit Wilimen Börger verheiraten. Die Börgers haben das Monopol auf Eisen, und deshalb werden sie immer einen der besten Sitze im Rat besitzen, vor allem, wenn der Krieg um die Straße nach Banesch sich länger hinzieht.«

Wenizia schnaubte böse. »Siehst du, genau das meine ich. Du bist kalt wie Eis. Wilimen ist über dreißig, er ist fett und hat dicke Lippen wie ein Fisch! Du kannst ihn doch nicht wirklich wegen ein paar Wagenladungen Säbel und Pistolen heiraten wollen!«

»Nicht zu vergessen, seine Kanone.«

»Meriande!«, rief meine Schwester entsetzt.

»Er hat eine hübsche goldene Perücke.« Ich wusste genau, wie ich sie ärgern konnte. »Und wie elegant er tanzt!« Dass ich Wilimens Klebrigkeit eine neue Bedeutung verliehen hatte, musste ich der lieben Wenizia ja nicht erzählen. »Fast so gut wie Karel Stevan.«

Letztgenannter wirbelte gerade mit seiner Tanzdame unter unserem Beobachtungsposten hindurch.

»Ich hasse dich«, murmelte Wenizia, kniff mich boshaft in den Arm und rauschte zur Treppe. Sie trug heute ein atemberaubendes Kleid aus dunkelgrüner Seide, das nach der herrschenden Mode vorne über den Knien endete und den Blick auf ihre golden gepuderten Schienbeine freigab. Hinten lief das Kleid in einer meterlangen Schleppe aus, die üppig mit Rüschen und Blüten bestickt war. Ihre hellblonden Haare waren sehr lang und sehr schwer, doch sie trug die turbanähnliche Frisur stolz wie eine Königin, ohne zu wackeln. Graziös verstand sie es, die Kontrolle über ihr Turmhaar in jedem noch so komplizierten Tanz zu bewahren. Jede Schrittfolge, jede Drehung saß.

Ich beobachtete, wie sie in die Menge der Tänzer eintauchte und sich sofort ein junger Galan näherte. Auch wenn die reichen Söhne von Nordun wussten, dass Wenizia erst heiraten konnte, sobald ich aus dem Weg war, machten sie ihr bereits fleißig den Hof. Kein Erbe durfte sich Hoffnungen auf sie machen, aber es gab noch genug zweite und dritte Söhne, die eine Karriere anstrebten und eine Frau vom Glanz einer Suliwan zu schätzen wussten.

Mir hingegen schmerzten die Füße. Ich hasste hohe Schuhe, in denen ich regelmäßig umknickte. Mein Nacken war verspannt, und die Blüte in meinen Haaren, über die ich mich so gefreut hatte – ein Geschenk von Jurigan Mertaler, dem Erben des leider viel zu unbedeutenden Blumenmonopols –, verströmte beim Verwelken einen immer schwereren Duft, der mich müde machte. Obwohl mir bewusst war, wie ungehörig und unverzeihlich es war, von meiner eigenen Tanzveranstaltung zu fliehen, wandte ich der Treppe den Rücken zu und ging zu den großen Flügeltüren, die auf den Balkon hinausführten. Der Sklave öffnete sie mir mit gesenktem Kopf.

Zu meiner Enttäuschung war ich nicht allein. Ein Pärchen, das am steinernen Geländer miteinander geflüstert hatte, fuhr erschrocken auseinander.

»Guten Abend«, flötete ich.

Sie murmelten eine Erwiderung und verließen hastig den Balkon. Sastia Mettering mit der zweitältesten Tochter des Honigmonopols? Na, das war ja interessant.

Vermutlich würde Sastia mir später ein Briefchen schicken mit der Bitte, es nicht weiterzuerzählen. Von Nachrichten dieser Art hatte ich mittlerweile eine ganze Schmuckschatulle voll gesammelt. Wenn ich gewollt hätte, ich hätte die Hälfte der Kaufmannsfamilien erpressen können. Doch Erpressung war ein schmutziges Geschäft und ich brauchte kein Geld. Dankbarkeit und Respekt waren mir lieber. Ein vorsichtiges Lächeln, das mir Leute schenkten, über die ich etwas wusste, reichte mir vollkommen.

Ich streifte die Schuhe von meinen schmerzenden Füßen und trat ans Geländer. Nur ein Sklave mit dem Tablett voller Häppchen und Erfrischungen stand zwischen den Pflanzenkübeln. Die Wölkchenblumen raschelten in der leichten Brise, die vom Fluss herkam. Über dem Garten tanzten die beiden Monde; heute Nacht war der weiße Mond voll und der rote Mond eine scharfe Wunde am Himmel. Ich verengte die Augen, um den sagenumwobenen dritten Mond zu zwingen, sich zu zeigen, doch natürlich war das nur eine Kinderei. Meine Schwester und ich hatten kaum sprechen können, da hatte unsere Amme uns schon erzählt, dass Pana, die Göttin des dritten Mondes, sich nur denen zeigte, die reinen Herzens waren. Dass keine von uns ihn sehen konnte, wir es uns aber umso mehr wünschten, hatte uns sehr geschmerzt, und in kindlicher Naivität hatten wir daraus geschlossen, dass wir keine guten Menschen waren. Erst nach und nach hatten wir herausgefunden, dass niemand den dritten Mond sah, nicht einmal unsere Eltern, die wir für vollkommen hielten.

Der dritte Mond war nichts als ein Kindermärchen – sagten die einen. Die anderen beriefen sich auf den berühmten Sternforscher Galizian, der angeblich berechnet hatte, dass der Tanz der sichtbaren Monde nur auf die Weise stattfinden konnte, die wir Nacht für Nacht erlebten, weil sich noch etwas da oben drehte, etwas, das sich womöglich hinter dem weißen Mond verbarg, der größer war als sein roter Bruder.

Die Zikaden zirpten und ich sah die weißen Mondfalter fliegen. In ungefähr zehn Nächten würden es die roten sein. Noch ein Indiz, dass es den dritten Mond nicht gab – hätte er dann nicht, wie ich mir, ganz Kaufmannstochter, ausrechnete, seine eigenen Falter haben müssen, die seine Farbe durch die Nacht trugen?

Die steinerne Brüstung war aufgeheizt von der Hitze des Tages und ich genoss die Wärme der Bodenplatten unter meinen Fußsohlen. Rasch pflückte ich die Dschungelblume aus meinen Haaren und warf sie nach unten in den Blumengarten, wo die Schnecken sich freuen würden. Möglicherweise starben sie aber auch an dem ungewohnten Futter. Viele Pflanzen und Tiere aus dem Dschungel sahen farbenprächtig aus, waren aber extrem giftig. Ob das blumige Geschenk mich vielleicht absichtlich hatte schläfrig machen sollen, damit ich dem jungen Kaufmannssohn beim Tanzen in die Arme fiel?

Ich grinste bei der Vorstellung, wie er mich aufzufangen versuchte und rückwärts stolperte. Der Blumenerbe war ein schmächtiges Kerlchen, das passenderweise eher einer Blume ähnelte als einem Baum.

Nun noch die Haarnadeln herausgezogen, bis mir mein Haar wieder über den Rücken fiel. Ich massierte meine verspannte Kopfhaut und rieb mir die Schläfen. Diese Heiratssache machte mir viel mehr zu schaffen, als ich meiner Schwester gegenüber je zugegeben hätte. Es lag nicht nur an den Kandidaten, die unser Haus bevölkerten, an den Unmengen an Tee, von denen mir allmählich der Magen schmerzte, und dem ständigen Gerede von Monopolen. Ich hatte Angst, ja, aber nicht vor den Männern mit ihren glänzenden Perücken, ihren schweißnassen Händen und der langweiligen, nichtssagenden Konversation. Es war beinahe egal, welchen von ihnen Papa am Ende aussuchen würde.

Wovor ich mich fürchtete, war das Leben einer Kaufmannsgattin. Noch genoss ich gewisse Freiheiten, ich verbrachte meine Tage mit Reiten und Malen, mit Tanz- und Musikunterricht, mit Unterricht in Handelsgesetzen, Mathematik und Kultur. Ich stritt mich mit meiner Schwester und übte mich im Umgang mit dem Damenbogen, der zwar keine große Durchschlagskraft besaß, jedoch genügte, um überraschten Gästen, die nach anstrengenden Verhandlungen mit meinem Vater durch unseren Garten schlenderten, die Perücken vom Kopf zu schießen. Auf Nachtfalter zu zielen, war ebenfalls eine gute Übung.

Ich huschte zum rechten Rand des Balkons, wo ich hinter der blutroten, im Dunkeln leuchtenden Topfrose – eine Kreuzung mit Dschungelblumen, das Geschenk des Monopolinhabers – meinen Bogen aus Ebereschenholz versteckt hatte. Man brauchte keine große Kraft, um ihn zu benutzen, sodass die Arme einer Dame nicht unschön muskulös von seinem Gebrauch wurden. Die kurzen Pfeile flogen nicht besonders weit. Ursprünglich, so hatte Wenizia mir jedenfalls erzählt, war die Waffe dazu erfunden worden, den ausgesuchten Tanzpartner bei der Damenwahl abzuschießen. Wenn er den Pfeil zurückbrachte, konnte der Tanz beginnen.

Morgen würde ich die Pfeile unten im Garten suchen müssen, aber das war mir gleich. Diese Aufgabe überließ ich nie den Sklaven, obwohl der Streit, ob es sich bei diesem Bogen überhaupt um eine Waffe handelte – natürlich durften Sklaven keine Waffen berühren –, immer wieder neu diskutiert wurde und auch schon im Rat behandelt worden war, ohne abschließendes Ergebnis.

Ich legte den Pfeil an die Sehne, verfolgte die wild herumschwirrenden, leuchtenden Mondfalter eine Weile … und schoss.

Der Falter zerstob in der Luft und seine Flügel wirbelten wie Blütenblätter durch die Nacht. Wenizia fand mich grausam, aber sie war auch nicht diejenige, die zusammen mit den Gärtnern einen unermüdlichen Kampf gegen die gefräßigen Raupen der Mondfalter führte. Seit ich ein paar Setzlinge von Dschungelpflanzen geschenkt bekommen hatte, hütete ich sie wie meinen Augapfel.

Der nächste Pfeil. Ich zielte, schrak zusammen – und verriss. Der Pfeil zischte in die Dunkelheit davon. Über dem Balkongeländer lag eine seltsame Metallkralle. Verwundert betrachtete ich sie; davon kam also das kratzende Geräusch, das mich so erschreckt hatte! Aber …

Ich wollte mich gerade über die Brüstung lehnen, da erschien der Kopf eines Mannes hinter dem Geländer.

Hinter mir schepperte es; der Sklave hatte vor Schreck das Tablett fallen lassen.

Ein Lächeln erschien, dann Schultern, die in einer dunkelroten Jacke steckten, dann schwang der Fremde das Bein übers Geländer und sprang auf den Balkon.

Bevor ich zu dem Schluss gekommen war, dass ich vielleicht besser schreien sollte, verbeugte er sich vor mir und sagte höflich: »Ich wünsche Euch einen angenehmen Abend, Fräulein Meriande Suliwan. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Leutnant Ruovan von der Dschungelbrigade, Grenzbataillon Sandoria.«

Ich starrte ihn an. Er trug keine Perücke, sondern sehr kurze dunkelblonde Haare und hatte sein Gesicht nicht gepudert. Soldaten puderten ihre Gesichter nicht.

»Äh«, sagte ich ratlos, dann siegte meine gute Erziehung und ich hieß ihn willkommen. »Angenehm, Leutnant Ruovan. Einen schönen Abend. Was, ähm, verschafft mir die Ehre Eures Besuchs? Wenn es denn ein Besuch sein soll und kein versuchter Einbruch?«

»Ich bin eingeladen«, sagte er und musterte mich ungeniert. »Ich gehöre zur Führungsriege der Wachmannschaft, die den Abgeordneten-Konvoi nach Banesch begleiten wird. Wir sind seit einer Woche in Nordun-Stadt.«

Mir wurde bewusst, dass ich mein Haar offen trug und keine Schuhe anhatte. Außerdem hielt ich einen Damenbogen in der Hand und zielte mit dem dritten Pfeil auf den Eindringling, was ein Angehöriger der Armee möglicherweise als Provokation werten könnte.

Ich senkte den Bogen, behielt ihn aber vorsichtshalber in der Hand. »Ach, und da kommt Ihr über den Balkon?«

»Ich war auf der Tanzfläche«, sagte Leutnant Ruovan. »Doch leider habt Ihr mich nicht beachtet. Ich hatte gehofft, mich auf diese Weise in Eure Nähe stehlen zu können.«

»Oh«, sagte ich.

»Es tut mir leid, wenn ich Euch störe«, meinte er weiter. »Wenn ich wieder gehen soll …« Er drehte sich dem Sklaven zu, der stumm die Überreste der Häppchen vom Boden aufsammelte. »Oder vielleicht wärt Ihr so freundlich, eine Erfrischung mit mir einzunehmen?« Damit beugte er sich über das Geländer und zog das Seil hoch, an dem er nach oben geklettert war. Am Ende des Seils baumelte ein Korb, der eine Flasche Honigsekt und mehrere geheimnisvolle Päckchen enthielt.

»Ihr habt ja an alles gedacht, mein Herr«, sagte ich anerkennend. »Darf ich fragen, was Ihr damit bezwecken wollt?«

Er lächelte. Der Leutnant war auf eine andere Art und Weise gut aussehend als die Männer im Kaufmannsviertel. Sein Gesicht war von der Sonne verbrannt, die Wangen waren zwar glatt rasiert, wirkten jedoch trotzdem rau, da sie nicht gepudert waren. Die Nase war leicht gebogen, die Augen blickten scharf und er scheute sich offensichtlich nicht, überall hinzusehen, wo er hinsehen wollte. In der Luft lag ein aufregendes Aroma von Dschungel und Gefahr.

»Die schönste Frau von Nordun beeindrucken.« Sein Lächeln hatte etwas Herausforderndes. »Wenn mir das heute Nacht gelingen sollte, wäre ich schon zufrieden.«

Ohne um Erlaubnis zu fragen, begann er die Köstlichkeiten auszupacken und auf dem Steinboden auszubreiten. Der Sklave zog sich bis zur Tür zurück, um uns Platz zu machen, blieb jedoch dort stehen. Natürlich war es trotzdem unschicklich, dass ich hier mit einem fremden Mann allein war, doch sollte der ungewöhnliche Besucher zu aufdringlich werden, würde der Sklave sofort Hilfe holen. Das beruhigte mich ein wenig. Ich hätte Ruovan dennoch wegschicken sollen, aber ich brachte es nicht über mich. Er war so ganz anders als die Kaufmannssöhne mit ihren vergoldeten Perücken, dem Puder und den stotternden Bemerkungen über das Wetter und den Wasserpegel des Flusses, und er kannte den Ort, von dem ich träumte.

»Darf ich Euch etwas fragen?« Neugierig begutachtete ich die fleischigen Blätter einer unbekannten Frucht. »Wie ist es im Dschungel?«

Der Leutnant zerteilte die Blätter und zeigte mir, wie man an das Fruchtfleisch herankam. »Wie es dort ist? Heiß, schwül, gefährlich. So viel Boden wir auch erobern, nichts ist dort wirklich unser. Anders als im Flachland, wo wir das gewonnene Gebiet absichern, eine Verwaltung einsetzen und es nach und nach zu Groß-Nordun hinzufügen, gibt es im Dschungel kein Ende der Kämpfe. Alles, was wir gestern erobert haben, müssen wir morgen wieder hergeben. Jeden Tag verlieren wir Hunderte von Arbeitern ans Dschungelfieber, an die Raubtiere und bei Überfällen kriegerischer Stämme. Die Straße auf der ganzen Strecke zu sichern, ist unmöglich, dazu bräuchten wir Millionen Soldaten. Wenn Sandoria fällt, ist das Unternehmen gescheitert. Sandoria ist der äußerste Posten, die ausgestreckte Hand Norduns, die Speerspitze unserer Streitkräfte.«

»Ihr müsst sehr mutig sein, wenn Ihr Euch dieser Gefahr aussetzt.«

Er strahlte mich an. »Ich habe mir schon immer gewünscht, diesen Satz einmal aus dem Mund einer schönen Frau zu hören. Endlich ist es passiert.« Und damit beugte er sich vor und strich mit dem Zeigefinger über meine Wange.

Mir lief ein Schauer durch den ganzen Körper.

Sein Daumen blieb an meinem Mundwinkel liegen.

Mit klopfendem Herzen stellte ich die nächste Frage. »Gibt es wirklich Hornaffen?«

Er lachte. »Ja, ja natürlich gibt es Hornaffen. Ich habe schon mal einen gestreichelt. Sie sind normalerweise bissig, und man muss sich in Acht nehmen, denn wie so vieles im Dschungel ist ihr Gift tödlich, aber einer der Unaschkin hatte ihn gefangen und gezähmt.«

»Una…?«

»Unaschkin. So nennen sie sich selbst. Landläufig kennt man sie unter dem Begriff Bestiensoldaten.«

Mit offenem Mund starrte ich ihn an. »Die gibt es also auch?«

»Ja, die gibt es.«

»Sie sind … Tiere, die wie Menschen kämpfen?«

»Nein, sie sind eher Menschen, die wie Tiere kämpfen. Aber sie kämpfen auf unserer Seite, also ist das vielleicht auch nicht so wichtig.« Er nahm eine meiner blonden Haarsträhnen zwischen seine Finger und betrachtete sie versonnen. »Ihr seid wunderschön, Fräulein Meriande. Warum interessiert sich ein zartes Mädchen wie Ihr für so grausame Dinge?«

»Der Dschungel hat mich schon immer fasziniert«, sagte ich. »Die Händler, die Geschichten erzählen … die Waren, die ich zu sehen bekomme … Alles scheint im Dschungel größer und bunter zu sein, die Farben sind intensiver, der Geschmack und Duft der Früchte und Blumen ausgeprägter. Es ist wie eine andere Welt, in der jedes Detail verstärkt daherkommt und dadurch fremd wirkt.«

»Wie das hier?« Er fischte ein Häppchen aus den ausgebreiteten Köstlichkeiten heraus und führte es an meinen Mund. »Schließt die Augen und sagt mir, was es ist.«

Es schickte sich absolut nicht, aber ich nahm den Bissen mit den Lippen an und kaute mit geschlossenen Augen. Die Frucht war süß wie eine … Birne, nein, viel süßer und saftiger, und zugleich hatte sie einen herben Geschmack, der unterschwellig daherkam und sich erst langsam entfaltete.

Dann spürte ich etwas anderes. Fremde Lippen auf meinen, einen Kuss, so sanft und süß wie die Dschungelbirne. Ich blinzelte, und da hatte Ruovan sich bereits wieder zurückgezogen.

»Verzeiht mir«, flüsterte er. »Ich konnte nicht anders.«

Ich war noch nie geküsst worden. Ab und zu hatte es einer der Heiratsbewerber versucht, aber ich war immer sofort auf Abstand gegangen. Von mir aus hatte ich noch nie das Bedürfnis verspürt, jemanden zu küssen; im Gegensatz zu meiner Schwester war ich nicht andauernd in irgendeinen Kerl verliebt und träumte davon, in seine Arme zu fallen.

Es war nicht einmal unangenehm gewesen. Kurz und leicht prickelnd. Meine Lippen brannten.

Er bemerkte meinen verwirrten Blick. »Ich hoffe, Ihr verratet mich nicht an Euren Vater. Es könnte zu Komplikationen führen, wenn wir uns vor der Abreise nach Banesch streiten.«

»Es brennt«, sagte ich und kam mir unsäglich naiv vor, weil ich so überrascht war. Ich hatte nicht erwartet, dass Küsse wehtaten. »Warum brennt es?«

»Oh, das ist die Frucht. Alle Früchte aus dem Dschungel sind leicht giftig. Es ist nicht schädlich, macht Euch keine Sorgen. Die Wirkung verfliegt in Kürze.«

Ein Geräusch an der Tür ließ mich zusammenfahren.

Wenizia beobachtete uns durch die Scheibe, sie hatte die Hand ans Glas gelegt und war mit der Stirn dagegen geschlagen.

»Und so endet ein wunderschöner Abend«, sagte Ruovan bedauernd, packte alles kurzerhand wieder zusammen, stopfte es in den Korb, ergriff das Seil und schwang sich über die Brüstung.

»Wer war das denn?« Meine Schwester betrat den Balkon und spähte in den Garten hinaus. Von dem feschen Soldaten war bereits nichts mehr zu sehen.

»Sag nichts«, befahl ich. »Zu niemandem.«

Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich ein eigenes Geheimnis.

Kapitel Zwei

Am Morgen beim Frühstück war Papa bestens gelaunt. Er summte vor sich hin, verspeiste mit Genuss doppelt so viele gebratene und mit Honig übergossene Wirrnwurzeln wie sonst und beschwerte sich auch nicht darüber, dass Mama und Wenizia noch schliefen.

So war er nur, wenn er ein gutes Geschäft abgeschlossen hatte. Ein sehr gutes Geschäft, denn er fand überall ein Haar in der Suppe, wenn andere schon längst zugeschlagen hätten.

»Hat dir der gestrige Abend gefallen? Es waren viele ansehnliche junge Männer da, die hervorragend getanzt haben. So viel Gold haben wir hier selten auf einem Haufen gesehen.«

Seine gute Laune machte mich misstrauisch. »Es war wie immer«, sagte ich.

»Hast du einen Favoriten, meine kleine Wolkenblume?«

Die Lachfältchen um seine Augen vertieften sich. Obwohl Akilander Suliwan einer der gewieftesten Kaufleute nicht nur von Nordun-Stadt, sondern von ganz Nordun war, hatte er sich sein heiteres Naturell bewahrt. Meist liebte ich ihn dafür, heute erfüllte es mich mit Grauen.

»Du hast jemanden für mich ausgewählt, Papa, habe ich recht?«

»Ihr habt beim Tanz wunderbar ausgesehen. Da hat alles gepasst. Und seine Familie ist auf einem guten Weg. Ich glaube, das ist die richtige Entscheidung.«

»Wer?«, fragte ich tonlos.

Er biss herzhaft in die gebratene Wurzel und leckte sich den Honig von den Lippen. »Das erfährst du früh genug. So, ich muss jetzt aufbrechen. Der Rat gibt der Delegation nach Banesch weitere Verhandlungsvollmachten mit auf den Weg.«

»Kann ich mit?« Ich beschäftigte mich hingebungsvoll mit dem Nusspüree und rührte es mehrfach um, bis mir auffiel, dass mein Vater gar nicht antwortete. »Was ist denn?«

»Lieber nicht«, antwortete er.

»Aber … du betonst doch selbst immer, wie wichtig es für mich ist, alles über Verträge zu lernen, und das Abkommen mit Banesch …«

»Es geht nicht um Banesch«, unterbrach er mich, »aber bei dem Treffen sind Soldaten dabei. Eine junge, unverheiratete Frau mitzubringen, ist in einem solchen Kreis nicht angemessen. Wenn du schon Kaufmannsgattin wärst, würde keiner Einwände erheben, aber so … Glaub mir, sie würden nur dein empfindsames Gemüt beleidigen.«

»Aber …«

»Nein«, sagte Papa. »Du kennst keine Soldaten, ich schon. Es sind raue Männer mit rohen Sitten. Ihre Worte, ihre Blicke, ihre Absichten … Und in der Armee herrscht ein sehr lockerer Umgang zwischen Männern und Frauen. Nein, ich habe schon zu viel gesagt. Insbesondere die Angehörigen der Dschungelbrigade leben jahrelang draußen in der Wildnis und kehren selten einmal zu Besuchen in die Zivilisation zurück. Ich werde dir so etwas nicht zumuten.«

Ja, Ruovan war tatsächlich sehr unkonventionell gewesen, aber so schlimm nun auch wieder nicht. Und ich hatte mich darauf gefreut, ihn wiederzusehen.

»Warum hast du dann einen Offizier zum Fest eingeladen?«

Er musterte mich irritiert und hob eine Augenbraue. »Das würde mir nicht im Traum einfallen. Wie kommst du darauf?«

Der Schlawiner hatte gelogen, war das zu fassen? Aber nein, eigentlich war es nicht besonders überraschend.

»Ich dachte, ich hätte gestern Nacht jemanden in Uniform gesehen.«

»Das musst du dir eingebildet haben. Die Soldaten sind in einem Haus der Armee untergebracht und verbringen dort ihre Zeit, wenn sie nicht direkt in der Stadt Familie haben. Kein Kaufmann würde sie nach Hause einladen, höchstens um geschäftliche Dinge zu besprechen, doch ich wüsste nicht, was es mit Dschungeloffizieren zu besprechen geben könnte. Das erfordert kaum die Teilnahme an einem Ball.«

Warum hatte Leutnant Ruovan sich dann auf unser Grundstück geschlichen? Warum hatte er einen Skandal riskiert, der ihn seine Stellung kosten konnte? Etwa meinetwegen?

Ich rührte weiter in meinem Nussbrei. »Aber …«

»Nein«, wiederholte mein Vater. »Und dabei bleibt es.«

Ich träumte von einem Kuss. Von Mondfaltern, die durch die Nacht flatterten, von dem Geschmack saftiger Birnen, deren Süße sich in Bitterkeit verwandelte, und von brennendem Gift auf meinen Lippen.

Den ganzen Tag übte ich draußen im Garten meine Schießkünste und holte in Ermangelung von Nachtschmetterlingen die Blätter von den Bäumen.

»Auf wen seid Ihr so wütend?«

Ich erschrak so heftig, dass ich aufschrie.

Eine schlanke, drahtige Gestalt in dunkelroter Uniform trat zwischen den bis zum Boden herabhängenden Zweigen hervor.

Und der Tag verwandelte sich. Plötzlich schien die Sonne heller, die Schatten wurden dunkler, die Luft roch intensiver nach dem Fluss und die Zikaden im Gras jubilierten ohrenbetäubend.

»Ihr«, sagte ich.

»Ja, ich. Wie schön Ihr lächelt. Gilt das mir?« Er kam näher, und wie eine Woge schwappte seine Präsenz über mich. »Ja, Ihr lächelt für mich.«

Ich konnte nichts dagegen tun. Meine Hand mit dem Bogen sank herab, als wäre sie willenlos geworden. »Nein, wegen des … des Picknicks«, stammelte ich. »Habt Ihr mir wieder etwas aus dem Dschungel mitgebracht?«

Er war so nah, dass ich die kleinen Flecken in seinen Augen erkennen konnte und die Haare, die auf seinen Wangen und seinem Kinn wuchsen und kleine dunkle Punkte auf seine Haut tupften. Ich fand es immer noch unfassbar, dass er sich nicht das Gesicht puderte. Es wirkte so unvermittelt und … beinahe nackt.

»Ich habe etwas für Euch«, flüsterte er.

Wie war er noch näher gekommen? Ich spürte seine Hände in meinen Haaren und dann seine Lippen auf meinen. Diesmal brannte es nicht. Dafür schmeckte er völlig anders, als ich erwartet hatte – fruchtig wie eine Schüssel voller Uferbrombeeren. Ich grübelte über den Geschmack nach, während ich zuließ, dass Ruovan mich weiterküsste. Ja, Brombeeren, und dann plötzlich eine unerwartete Schärfe, als hätte er mich gebissen.

Erschrocken fuhr ich zurück und wischte mir über den Mund.

Ruovan lachte mich an. »Hier, trinkt.«

Er reichte mir eine Flasche, die er aus seiner Jackentasche hervorzauberte, und ohne mich zu zieren, trank ich direkt daraus. Die brennende Schärfe auf meiner Zunge wurde noch intensiver, sodass es regelrecht schmerzte, und war dann schlagartig weg. Sie wurde abgelöst von einem milden, sahnigen, vollen Aroma, das sich in meinem Mund ausbreitete und ein unbeschreiblich wohliges Gefühl in mir auslöste.

Seine Augen funkelten. »Das ist die Milch der Banesch-Nuss. Man trinkt sie nach dem Genuss der Nachtbeeren.«

Mir schwindelte leicht. Vorsichtshalber stützte ich mich an seinen Schultern ab.

»Ich habe keine Beeren gegessen.«

»Ihr nicht, aber ich schon.«

»Ich stelle fest, dass Ihr mich mit einer gewissen zunehmenden Selbstverständlichkeit küsst«, sagte ich.

Er hielt mich immer noch fest. In meinem Kopf drehte sich alles, aber denken konnte ich durchaus noch. »Außerdem, Leutnant, solltet Ihr nicht im Rathaus sein bei der wichtigen Besprechung?«

Mein Vater war noch nicht zurück. Also warum war Ruovan hier?

»Ich habe mich davongestohlen«, bekannte er freimütig. »Es wird noch sehr viel zu besprechen geben. Wir haben zwei Mondtänze, um die Geschenke und Güterproben vorzubereiten und die mitreisenden Abgeordneten mit lebenswichtigen Verhaltensregeln bekannt zu machen.«

Zwei Mondtänze. Das hieß, dass die Delegation beim zweiten Weißmond abreisen würde. Zwei Mondtänze, das kam mir etwas wenig Zeit vor, wenn ich auch nicht hätte sagen können, warum mich das bedrückte. »Das ist … bald«, stammelte ich.

Er nahm mein Gesicht in seine Hände. Sie waren rau und schwielig und er trug keine Seidenhandschuhe. »Ich werde jeden Tag herkommen«, versprach er. »Und Ihr bekommt jeden Tag einen Kuss von mir. Wenn Ihr das nicht wollt, solltet Ihr jetzt rufen.«

»Rufen? Wen?«

»Ich weiß nicht«, antwortete er, »wen auch immer Ihr rufen würdet, um mich von hier zu vertreiben.«

Aber ich rief nicht. Ich wartete auf den nächsten Kuss, doch Ruovan unternahm nichts dergleichen. Stattdessen legte er meine Hand auf seinen Arm, als wolle er mit mir spazieren gehen. Ich war ein bisschen enttäuscht, ließ mir aber nichts anmerken. Er hatte seine Regel verkündet – ein Kuss am Tag.

Na schön. Dann eben ein Kuss am Tag. Wie konnte ich hungrig sein nach seinen Küssen?

Das war absolut unvernünftig und passte überhaupt nicht zu mir. Küsse nützten nichts. Sie waren nur verwirrend und berauschend wie perlender Wein.

Ich musste mich vorsehen, aber ich wusste nicht mehr so recht, wovor.

Gemeinsam gingen wir den Weg zum Flussufer hinunter, und er entschädigte mich für alle ausgebliebenen Küsse, indem er mir vom Dschungel erzählte, bis mir war, als wäre ich selbst dort. Ich hörte die Hornaffen in den Wipfeln schreien, sprang zurück, wenn eine Blaunatter sich aus dem Blattwerk hervorschlängelte, und spürte den Flügelschlag der Dunkelfalter auf meinen Wangen.

Als ich an diesem Abend ins Haus zurückkehrte, erhitzt von der Sonne und den vielen Geschichten, wollte ich nur in mein Zimmer und weiterträumen. In meinem Kopf kämpften rote Hornpanther gegen die Kleinen Krieger, die gefährlichen Ureinwohner des Dschungels, und schwarze Wasserbüffel trotteten durch die Sümpfe.

Meine Mutter fing mich am Fuß der Treppe ab. »Wo warst du denn? Er wartet im Salon auf dich. Schon seit zwei Stunden.«

»Wer?« Ich konnte den Duft der Dschungelrose riechen, hörte das Kreischen der Papageien, und Mama, die sich verärgert vor mir aufgebaut hatte, kam mir vor wie eine Erscheinung aus einem Traum.

»Du solltest dich umziehen, Meriande.« Sie zupfte einen Halm aus meinem Haar. »Aber noch länger dürfen wir ihn wirklich nicht warten lassen. Geh rein und entschuldige dich für dein Aussehen.«

Sie schob mich zur Tür des Salons. Die Sklavin öffnete mir und ich trat in das kühle Dunkel eines angenehm temperierten Raums, in dem alles auf die Behaglichkeit von Gästen ausgerichtet war, von den gepolsterten Sesseln und den kleinen Beistelltischchen bis hin zu der leisen Musik, die eine Sklavin einer Zupfbanite entlockte. Von Wasserschalen stieg duftender Nebel auf. In Kristallgläsern leuchteten die gekühlten Getränke, die mit echtem Eis befüllt wurden.

Karel Stevan schoss aus seinem Sessel hoch, sobald er mich sah.