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Ein spannendes Verwirrspiel über Schein und Sein im Amerika der 1970er-Jahre führt in eine düstere Geheimdienstwelt. Autor Milton Grower hat sich nach Flagstaff, Arizona, zurückgezogen, um in Ruhe an seinem zweiten Roman zu arbeiten. Stoff dafür bieten ihm ausgerechnet seine Nachbarn: Melody Amber und Carl Sandfort. Als er sie 1975 näher kennenlernt, fügen sich für ihn immer mehr Mosaiksteine zusammen und bringen ihn zur Überzeugung, dass es sich um die für tot erklärten Marilyn Monroe und John F. Kennedy handelt, zwei Mythen der amerikanischen Geschichte. Waren ihre Todesfälle 1962 und 1963 bloß inszeniert, um die beiden mit neuen Identitäten in Sicherheit zu bringen? Denn beide, Monroe und Kennedy, wussten zu viel über die Machenschaften der Mafia und des Auslandsgeheimdiensts CIA. Grower sieht sich in seinem Verdacht bestärkt, als er während seines Schreibens gleich mehrfach in lebensbedrohliche Situationen gerät. "Monkey", der neue, intelligent konstruierte, brillant geschriebene Thriller von Jens Feuerriegel, führt die Leserschaft zu skurrilen, fast tödlichen Abenteuern unter anderem an Schauplätzen in Mexiko, Los Angeles und Las Vegas.
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Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2026
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JENS FEUERRIEGEL
ROMAN
1. eBook-Ausgabe 2026
1. Auflage
© 2026 Golkonda in der Europa Verlage GmbH, München
Lektorat: Silwen Randebrock
Umschlaggestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie
Werbeagentur, Zürich
unter Verwendung von Motiven von Shutterstock
Layout & Satz: Margarita Maiseyeva
Konvertierung: Bookwire
ePub-ISBN: 978-3-96509-082-8
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81667 München
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DESERT ROSE
CARL UND MELODY
MUSEUM CLUB
SCHNEEWEISSCHEN UND ROSENROT
MARILYN
BRUTALE MICKY-MÄUSE
GRÜSSE AUS WASHINGTON
TATORT DALLAS
DER SCHNÜFFLER
STADT DER ENGEL
TÖDLICHES DREIECK
DER WIND UND DIE WOLKEN
DIE BLONDE DAHLIE
NOGALES
SCHRÄGER ALS FIKTION
NEUE NACHBARN
DIENER SATANS
LAS VEGAS
LOCKVOGEL
MISTER DELETE
DIE VERWANDLUNG
ANMERKUNGEN
20. Juli 1975
Der Name des Motels versprach Nostalgie und klang nach Romantik. Doch der Ort bedeutete Angst und Schrecken. Es war ein weiterer Schauplatz meiner aktuellen Rendezvous in der Todeszone.
Das Desert Rose lag in Südarizona einige Meilen von Sierra Vista entfernt, kurz vor der mexikanischen Grenze, abgelegen mitten im Wald und fast völlig im Dunkeln. Zwei Funzeln spendeten außen spärlich Licht: eine über der Bürotür an der Frontseite, eine an der Ecke zur Rückseite. Bei Zimmer Nummer acht war es so düster, dass ich kaum das Schlüsselloch fand. Ich trat ein, schloss ab, fiel noch mit angezogener Jeanshose aufs Bett und schlief ein. Kein weiterer Gast außer mir im Desert Rose. Und der Manager hatte das Motel ebenfalls über Nacht verlassen.
Es war gegen Mitternacht, als ich plötzlich aufwachte. Ein schabendes Geräusch hatte mich aufgeschreckt. Was zum Teufel?! Ich hob den Oberkörper an und stützte ihn auf den Ellbogen ab. Das macht man in solchen Situationen immer – als ob man dann besser hören könnte. Was natürlich Blödsinn ist. Erst jetzt fiel mir auf, dass es eine Verbindungstür zum Nachbarzimmer gab. Genau genommen eine Doppeltür, von der jeweils nur eine je Zimmer zu öffnen war. In Motels war das keine Seltenheit. Es kratzte. War dort irgendein Tier zugange? Alarmmodus! Schwarzbären gehörten durchaus zum Inventar dieses Waldes. Ich sprang aus dem Bett und schlug mit der Faust zweimal gegen meine Türhälfte. Keine Reaktion von der anderen Seite. Fast zeitgleich drückte jemand links von mir die Klinke der Eingangstür nach unten. Das war kein Bär! Das war auch kein anderes Tier! Ich streifte mein T-Shirt über, steckte Portemonnaie und Autoschlüssel ein und prüfte meine Optionen. Der Blick aus einem Schlitz des Fenstervorhangs nach draußen fiel auf die schemenhafte Gestalt eines Mannes, wie er gerade die Türklinke von Zimmer Nummer neun herunterdrückte. Mir blieb wenig Zeit. Im winzigen Bad war ein Luftabzug in der Decke. Ich hängte mich an die Verblendung. Sie riss aus. Da – der einzige Stuhl im Zimmer! Ein perfektes Helferlein, um über mir das Abzugsrohr beiseitezuschieben. Ich hangelte mich hoch und zwängte mich auf den flachen, dunklen Dachboden.
Wums! Die Eingangstür zu meinem Zimmer flog auf. Ich robbte mich bäuchlings ins Schwarze. Immer voran durch Spinnweben und an zwei toten Ratten vorbei. Ohne Ahnung, ob ich irgendwie, irgendwo herauskäme. Hinter und unter mir waren Stimmen zu hören. Da waren mindestens zwei Männer. Sie fluchten. Sie schafften es offenbar nicht durch die Luke. Ich machte eine kurze Verschnaufpause und war an der Stirnseite des Dachbodens angekommen. Dort war ein kleines vergittertes Lüftungsloch, etwa kopfgroß. Ich atmete die frische Luft ein und warf einen Blick auf die Szenerie draußen.
Das war zwar nicht der bequemste, aber plötzlich immerhin der beste Kinoplatz dieser Nacht. Die hintere Außenlampe war nicht so weit weg, und ich sah jetzt dreierlei: direkt vor mir auf dem Parkplatz einen schwarzen, hinten und vorne zerbeulten Cadillac Fleetwood mit zwei Typen besetzt; rechts im Seitenraum der Auffahrt zum Motel im fahlen Licht der Bürofunzel einen abgestellten, mir sehr bekannten grünen Pontiac Grand Ville; und weit entfernt auf dem Highway durch den Wald flackerte rotes Licht durch die Baumstämme. Ich hörte die Sirenen jaulen. Polizei war im Anmarsch. Rettung nahte.
Drei Polizeiwagen heulten auf das Motel-Gelände. Rege Betriebsamkeit im Cadillac. Meine zwei Verfolger rannten auf den Wagen zu, der Motor kreischte auf, während zwei Cop-Karren fast direkt unter meiner Nase hinter und vor dem Cadillac hielten und ihn blockierten. Der dritte Polizeiwagen hatte sich quer auf die Motel-Auffahrt gestellt und versperrte sie. Aus jedem Wagen sprangen vier Polizisten mit gezogenen Waffen heraus. Einer schrie: »FBI. Hände hoch und an die Wand. Alle vier.« Der schäbige Rest war aus vielen Fernsehserien nur allzu bekannt. Die Polizisten klopften die Klamotten der Anzugträger ab, sammelten insgesamt sechs Pistolen und einen Schlagring ein, der da ja wohl für mich gedacht war, durchsuchten den Cadillac komplett, fanden im Kofferraum unter anderem zwei Schaufeln, die womöglich auch mit mir zu tun hatten. Das alles dauerte nur etwa zehn Minuten. Dann quetschten die Cops die vier Anzugträger auf die Rückbänke der drei Polizeiautos.
»Chief. Hier hinten steht noch ein zerbeulter Firebird. Und die Tür in Nummer acht ist aufgebrochen.«
»Ist da jemand drin?«
Kleine Pause.
»Nix. Kein Mensch. Keine Klamotten.«
»Wir bringen diesen Abschaum jetzt erst einmal in den Knast nach Sierra Vista. Dort holen wir uns die Adresse des Motelbesitzers. Morgen ist auch noch ein Tag, Leute. Abmarsch.«
Autotüren klappten zu. Die Rotlichter erloschen. Und als ich in Richtung Auffahrt blickte, war der grüne Pontiac Grand Ville verschwunden. Ich war wieder allein. Na ja – nicht ganz.
Plötzlich spürte ich, wie etwas wirklich Fettes zwischen Oberkante T-Shirt und Haaransatz über meinen Nacken krabbelte. Tarantula! Ich versteifte mich und versuchte, kaum zu atmen. Manche Situationen muss man einfach nur aushalten. Nach etwa zehn Minuten robbte ich rückwärts zurück und hangelte mich durch die schmale Luke zurück ins Bad. Ich startete meinen zerbeulten Pontiac und ließ ihn langsam zum Highway rollen. Ich bog auf ihn ein und schaltete hoch in Richtung Freeway. Da gingen plötzlich rechts in einem Waldweg Autolichter an. Wenige Sekunden später strahlten sie mir in den Nacken …
28. März 1975
Meine Rendezvous mit dem Tod nahmen ihren Lauf, kurz nachdem ich sie kennengelernt hatte: den amerikanischen Helden, die amerikanische Heldin. Brain and body – das Hirn und der Körper. Zwei Donnerschläge so kurz hintereinander. Ihre glamourösen Leben waren dermaßen plötzlich ausgelöscht, dass es jedem amerikanischen Menschen mit Herz oder Verstand oder mit beidem den Atem nahm. Hoffnungsträger. Ikonen. Sie für die Leichtigkeit im Schauspiel sowie für ihre scheinbar unschuldige Nonchalance, mit der sie ihren Sex auf die Kinoleinwände transformierte. Er für eine frische Gelassenheit in der Politik, die spielerisch den Muff der 50er-Jahre und der McCarthy-Ära vertreiben sollte. Und beide bekannt für ihre unbekümmerten, ja beinahe frivolen Flirts mit der Öffentlichkeit, die sich begeistert über Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen informierte. Zwei Stars. Von denen wir uns verabschieden mussten, ohne uns von ihnen verabschieden zu können. So ruckzuck ging das damals.
Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein. Helfen Sie mir auf die Sprünge! Ich trage da einfach nur meine Erlebnisse und Erfahrungen im Sommer 1975 mit meinen Nachbarn zusammen. Mit denen irgendetwas nicht stimmte, wie ich schnell herausfand. Wovon lebten die eigentlich? Was waren das für seltsame Besuche dieser Anzugträger, die einmal pro Monat in einem schwarzen Cadillac vorfuhren? Und das auch noch mitten in der Nacht. Was ich nur mitbekam, weil ich bis spät in die Nacht hinein an meiner Maschine saß und schrieb. Texte wie diesen hier.
Und da wird mir klar, dass Sie sicherlich an dieser Stelle wissen möchten, mit wem Sie es überhaupt zu tun haben. Verzeihen Sie! Sie haben meinen Namen womöglich schon einmal gehört oder gelesen, wenn Sie sich für Literatur interessieren: Milton Grower. Denn vor zehn Jahren hatte ich zu meiner eigenen Überraschung und der meines Verlegers tatsächlich einen Bestseller gelandet. Pardon – ich muss es präziser formulieren: Vor zehn Jahren habe ich das Buch geschrieben und herausgebracht; zum Bestseller avancierte »Homerun« erst in den vorigen fünf Jahren. Darin beschreibe ich, wie sich eine Supermacht in einen aussichtslosen Guerillakrieg im südostasiatischen Pazifikraum verstrickt, dort fürchterliche Gräueltaten verübt und selbst dermaßen viel einstecken muss, dass im eigenen Land die Wände wackeln. Ein Kulturredakteur der »New York Times« zeigte sich fünf Jahre nach der Erstveröffentlichung von der »prophetischen Wucht« des Buches dermaßen beeindruckt, dass er »Homerun« verspätet, aber nicht zu spät in den Himmel und zurück lobte. Fünf von fünf Sternchen. Dass die Fiktion des Romans fast eins zu eins die Realität vorwegnahm und die Leserschaft wie eine Zeitmaschine mitnahm auf dem Weg zum Desaster der Vereinigten Staaten Amerikas in Vietnam – das war, zugegeben, reine Glückssache. Wie so vieles in den Künsten. Es war ja schon außerordentliches Glück, dass ich 1965 mein Manuskript überhaupt bei einem Buchverlag unterbringen konnte. Seit 1970 ist mein Name jedenfalls amerikaweit bekannt – wenn auch nicht so bekannt wie die mutmaßlichen Namen der beiden Protagonisten dieses Romans.
Bereits 1971 waren die Verkaufszahlen von »Homerun« dermaßen in die Höhe geschossen, dass ich es mir leisten konnte, meinen langweiligen Vollzeitjob an einer Highschool in New York aufzugeben, und den Schritt wagte, mich fast ausschließlich aufs Schreiben zu fokussieren. Und das irgendwo draußen in der Natur. In der Stille. Ich kaufte mir dieses Blockhaus mit Wänden aus heimeligen, fetten Pinienstämmen auf einem Hügel über Flagstaff in Arizona. Platziert auf einem riesigen Waldstück, aus dem es erfrischend würzig nach Nadelholz roch. Die Tantiemen flossen, das Leben war leicht, und ich war so frei, nur aus Spaß an der Sache an der Northern Arizona University sechs Stunden in der Woche zu unterrichten. Na was wohl – englische Sprache, die ein weites Feld war, und amerikanische Literatur, die bekanntlich deutlich überschaubarer blieb. Die Zeiten waren wild. Die Kurse waren vorwiegend von jungen Frauen belegt. Und wenn ich nachts nicht an der Schreibmaschine saß und tippte, dann tastete ich mich an etwas anderes heran – wenn Sie verstehen, was ich meine.
Sie war jetzt in ihren Vierzigern. Exakt 48 Jahre, wie ich später erfuhr. Er war bereits angegraut und ging auf die 60 zu. Exakt 57 Jahre, wie er mir sehr bald erzählte, nachdem wir uns bekannt gemacht hatten. Ich hatte seit meiner Pubertät die Eigenart entwickelt, mir bei älteren Leuten immer vorzustellen, wie sie wohl in ihren Zwanzigern oder Dreißigern ausgesehen haben mochten. Diesen beiden sah man jedenfalls ihre Attraktivität immer noch so deutlich an, dass sie sich vor 20 und auch noch vor zehn Jahren am obersten Ende der Skala angesiedelt haben dürften. Sie eine Zehn. Er eine Zehn, soweit ich das als Mann, der auf Frauen steht, beurteilen kann.
Wenn ich auf meiner Südveranda saß und die durch die Pinien blinzelnden Sonnenstrahlen aufsog, sah ich sie in der Ferne durch die Baumstämme in ihrem Mercedes die lange Auffahrt nehmen. Klapp, klapp – zwei Türen schlugen zu, begleitet meist von einem hochtonigen Kichern von ihr. Beide waren oft sehr gut gelaunt. Als gäbe es keinen Kummer oder andere Belastungen in ihrem Leben. Über drei Jahre lang lebten wir ziemlich unbehelligt nebeneinanderher. Und als die Zeit reif war, lud ich sie zu einem ersten gemeinsamen Abend zu mir ein. Es ging gleich mit einem Rätsel los.
Es war ein Freitag Ende März. Und draußen waren immer noch die dreckigen Schneemassen von den Straßen und Auffahrten fast mannshoch an die Seitenränder geschoben. Der Frühling in Flagstaff setzt sich nur zögerlich durch, liegt der Ort doch mehr als 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Das bedeutete einen harten, knackigen Winter, dem viele Sportsfreunde zu meinem Unverständnis einiges abgewinnen können. Doch spätestens ab Mai und bis tief in den Oktober hinein war Flagstaff dann ein Traum: angenehme Sommertemperaturen im 20er-Grad-Bereich, klare Luft, fast immer dunkelblauer Himmel, wenn man von den häufigen Gewittern am späten Nachmittag einmal absieht. Etwa 30 000 Menschen lebten jetzt in Flagstaff. Die Holzbranche, die aufstrebende Universität und der Tourismus führten der Wirtschaft den Taktstock. Die Restaurants und Bars waren von einer schweren Nostalgie erfüllt, verströmt von der direkt durch Flagstaff führenden legendären Route 66. Abends trafen die unterschiedlichen Welten in den Bars, Diners und Musikschuppen dann aufeinander: Reiselustige aus nah und fern, feierlustige Studentinnen und Studenten in Glockenjeans und mit langer Mähne, Entspannung suchende einheimische Geschäftsleute und Holzarbeiter in ihren karierten Flanellhemden. Kein Schickimicki, nichts Aufgesetztes. Small town, USA, nur eben etwas größer und wachsend. In Reiseführern hatten findige Schreiberlinge für Flagstaff ein einziges treffendes Adjektiv platziert: beschaulich. Unter anderem das war es ja auch, was mich hierher gezogen hatte.
Und nun saß ich zusammen mit meinen abendlichen Gästen in meiner Stube. »Wissen Sie, wir sind ja eigentlich Strandkinder«, eröffnete sie. »Carl stammt aus Massachusetts. Und ich komme aus L. A.« Carl Sandfort und Melody Amber also. Meine Nachbarn. Der eine von der Ostküste. Sie von der Westküste. Und ich wollte reflexartig wissen, wie die beiden wohl über zwei die USA prägende Ereignisse aus jüngster Zeit nahe ihrer Heimat dachten. Doch dazu später. Während ich immer wieder in die Küche hastete, um die Entwicklung der Burger zu überwachen, auf die wir uns vorher geeinigt hatten, griff Melody – ja, gewiss doch: Wir nannten uns von Anfang an beim Vornamen – in meine Musiksammlung, die sich neben meinem Plattenspieler auftürmte. Dort lag fast sinnbildlich obenauf die neue Single von Elton John. Genau genommen von der Elton-John-Band. »Philadelphia Freedom« sollte schon bald auf Nummer eins der Billboard Charts thronen. Alles, was der englische Musiker zurzeit anfasste, formte sich in den USA wie von Geisterhand zu Gold. Er war der angesagteste Solomusiker der Zeit, auf dem Peak seines Erfolgs, zumindest in den USA. Sein schon bald veröffentlichtes Album »Captain Fantastic and The Brown Dirt Cowboy« sollte die erste Langspielplatte sein, die es allein aufgrund der Vorbestellungen schon auf Platz eins der amerikanischen Albumcharts schaffte. Melody legte die Single auf: Der trockene harte Beat aus prägnanten Drums und einer tiefen Basslinie, flankiert von vorantreibenden Geigen, ließ den Rocksong auf einem hymnischen Refrain gipfeln. Der Text konnte amerikanischer nicht sein, verband er doch das Narrativ von Freiheit, von Aufbruch und von Erfolg. Der Rhythmus ging sofort in die Beine. »Komm, Schatz. Lass uns tanzen.« Schon stand Melody in ihrer Jeans und mit dem hochgeknoteten rot-schwarz karierten Baumwollhemd mitten in meinem behaglichen Wohnzimmer und ließ ihren strammen Hintern um ihre schlanke, freigelegte Taille kreisen. Carl war überraschend schnell auf den Beinen für sein Alter, strahlte über das ganze Gesicht und betanzte sie in einem Abstand von zwei Metern. Da waren zwei einfach gut drauf. Später ertappte ich mich immer wieder mal dabei, zu ergründen, was wohl das Geheimnis dieser so leichtfüßigen Beziehung war. Jetzt kam ich erst einmal mit den Burgern um die Ecke, während der Song ausklang, und bat zu Tisch. Bier gab es aus der Büchse.
Melody sprach mit vollem Mund. Sie war immer mitteilsam. Und weil das bei ihr so natürlich wirkte, nahm ich ihr das gar nicht übel. Es war eben eine ihrer, nun ja: Unarten, die vor allem auf eines hindeuteten: Sie war offenbar mit einem solchen D-Zug durch die Kinderstube gerauscht, wie er täglich mehrfach auf der Southern-Pacific-Route durch Flagstaff schnaufte. Ihm merkte ich dagegen sehr schnell die mutmaßlich europäischen Wurzeln und das gute Elternhaus an. Denn er aß den Burger vorwiegend mit Messer und Gabel. Ich erzähle Ihnen was: Wenn Sie in einem Restaurant in den USA herausfinden wollen, wer womöglich aus Europa kommt – konzentrieren sie sich einfach nur auf das gekonnte Zusammenspiel von Messer und Gabel. So viel zur amerikanischen Esskultur. Und zurück zur Musik.
»Dieser Elton John. Der ist ein Genie. Der hat auch diesen tollen Song über Marilyn Monroe veröffentlicht. ›Candle In The Wind‹, erinnerst du dich?« Sie richtete die Frage an mich, funkelte aber gleichzeitig Carl an. Was ich damals allenfalls unterbewusst wahrnahm, es später aber aus dem Gedächtnis wieder hervorkramen konnte. Und schon hätte ich die nächste Frage an die beiden gehabt, obwohl ich die an mich gerichtete noch gar nicht beantwortet hatte: Waren die beiden eigentlich verheiratet?
»Ja. Klar«, antwortete ich. »War ein Riesenhit. Wie überhaupt dieses Doppelalbum ›Goodbye Yellow Brickroad‹ sensationell gut ist. Ich meine – das ist ein Engländer, und der erschafft zusammen mit seinem Texter Bernie Taupin amerikanischere Songs, als es je einem Amerikaner bisher gelungen ist.« Wir fachsimpelten jetzt über Musik. Carl war raus. Melody schnatterte viel, kannte sich jedoch aus und hatte wie ich einen Narren an der Musik Elton Johns gefressen. Als ich abgeräumt hatte, saßen wir auf den beiden schwarzen Ledercouches, die sich in meinem großzügigen Wohnzimmer gegenüberstanden. Dazwischen der schwere, flache Eichentisch. Über uns die hohe Decke, die das Wohnzimmer weit nach oben öffnete und an der Galerie vorbei bis zum Dachfirst über dem Obergeschoss reichte.
Sie hatte eine Flasche Champagner mitgebracht: Dom Perignon. Sie wollte mich offenbar aus zweierlei Gründen nicht in die Verlegenheit bringen, ihn selbst zu besorgen. Zum einen war Dom Perignon schweineteuer, zum anderen hätte ich gar nicht gewusst, wo ich ihn in Flagstaff hätte kaufen sollen. Dafür hätte ich wohl nach Phoenix oder gar Las Vegas fahren müssen. Carl und ich waren sowieso mit dem Büchsenbier zufrieden. Aber mit anerkennend hochgezogenen Augenbrauen nahm ich später zur Kenntnis, dass sie die Flasche Champagner ganz allein gekillt hatte.
So ein erster Abend folgt in der Regel einem klassischen Ablauf. Der hier im North Switzer Canyon Drive machte da keine Ausnahme. Wo kommt man her? Wo will man hin? Was macht man beruflich? Verheiratet oder nicht? Kinder? Und die bedrohliche Frage, die sich irgendwann ab 50 sowieso immer stellt: Kommt da noch was? Eine Frage, die ich nicht zu beantworten hatte. Denn ich war erst 38. Mitten im Leben. Natürlich kam da nicht nur irgendetwas, sondern noch eine ganze Menge. Ich eröffnete.
»Also, ich bin in einem Außenbezirk von Providence, Rhode Island, aufgewachsen. Mein Vater war Banker, wisst ihr. Ähm, er ist immer noch Banker. Das war eine richtig gute Jugend. Football. Highschool. Die Mädchen. Mit 18 hatte ich mein erstes Auto. Dann Studium: Englische Sprache und Literatur. Ab 1962 hatte ich in New York an einer Highschool unterrichtet. Nebenbei fing ich an, ›Homerun‹ zu schreiben.«
Hier muss ich vielleicht einschieben, dass ich darüber gar nicht viel erzählen musste. Melody und Carl kannten den Roman. Als ich mich den beiden kurz nach meinem Einzug als Milton Grower vorstellte, hatte Melody ein Strahlen im Gesicht, und Carl rief freudig aus: »›Homerun‹. Mann. Ein wüster Wurf. Ich habe den verschlungen. Sie sind, Sie sind – wirklich prophetisch.«
Ich erzählte weiter von mir.
»Tja – die Kids an der Highschool waren jedenfalls so wie ich zu der Zeit: unerträglich. Aufmüpfig, frech. Und ihr wisst sicherlich, dass dieses pubertierende Volk unangenehm müffelt, riecht – also, entschuldigt: Die stinken.« Ich blickte abwechselnd in ihre Gesichter. Beide guckten, als erzählte ich ihnen irgendetwas über das Liebesleben der Echsen auf den Galapagos-Inseln.
»Na ja. Dann kam 1970 der Durchbruch. ›Homerun‹ war in den vorigen fünf Jahren ein absoluter Bestseller. Ich kann auf Jahre hinaus gut davon leben. Also weg aus New York und hier in die Berge. Ich schreibe Kurzgeschichten für einige Zeitungen und unterrichte etwas an der NAU. Und dann arbeite ich da an etwas Größerem, von dem ich noch nicht weiß, wo es genau drauf hinauslaufen soll. Es geht um Terror, um den Islam und Anschläge in unseren Städten. Also irgendwie: Die USA werden auf eigenem Gebiet angegriffen. Eine völlig kirre Fiktion. Ich habe viel Zeit.«
»Das klingt ja fantastisch«, sprudelte es aus Carl heraus. Und Melody lächelte so süß dazu, dass ich meinte, diesen Gesichtsausdruck schon seit vielen Jahren zu kennen. Sie war etwa 1,65 groß, weiblicher Durchschnitt, wie ich schätzte. Ihre blauen Augen waren perfekt geschminkt. Und das war eben kein Durchschnitt. Weil viele Frauen in dem Alter anfangen, sich gehen zu lassen. Erste Lachfalten liefen seitlich aus ihren Augenwinkeln. Die dunklen Haare waren zum Bob geschnitten und reichten bis zum oberen Nacken. Ihr Lächeln war atemberaubend. Die knallrot geschminkten Lippen öffneten sich häufig, um ihre perfekten Zahnreihen freizulegen. Und wenn sie sprach, arbeitete sie gelegentlich mit ihren Lippen, wie es nur Schauspieler lernen, um ihre Aussprache noch sauberer zu gestalten. Sie war schlank, aber nicht zierlich. Die Kurven waren ausgeprägt und befanden sich dort, wo die Blicke der Männer und auch die einiger Frauen zuerst hingehen. Und dann war da noch etwas: diese seltsame Kombination aus unbefangener, mädchenhafter Naivität, wenn sie lächelte oder in hoher Lage kicherte, und äußerst femininer, ja geradezu erotischer Ausstrahlung: ihre Bewegungen, ihre meist zurückhaltende leise Sprache, ihr Spiel mit Mund und Augen. Kind und Vamp: Das war es, was dieser Körper in Mimik und Gestik von sich erzählte.
»Ich bin in Los Angeles aufgewachsen«, sagte Melody.
Ich hakte nach.
»Wo genau?«
»Hawthorne. Aber wir – ich meine: Ich musste oft umziehen. Ich war viel am Strand: Santa Monica und Venice Beach. Später stand ich Model für einige Modezeitschriften. Aber das wäre ja nichts fürs Leben gewesen. Die Schwerkraft holt uns eines Tages schließlich alle ein, wenn du weißt, was ich meine. So etwas geht als Frau nur einige Jahre. Ich fing eine Ausbildung als Bürokraft an und arbeitete an verschiedenen Stellen.«
»Sind da Kinder?«
»Oh nein!« Sie zog eine Flunsch. Eine ihrer Marotten, die mir als erste auffiel. Ich nannte das schon bald die Melody-Flunsch. »Das sollte wohl nicht sein. Aber …«, und jetzt strahlte sie wie eine 17-jährige Schülerin vor ihrem Abschlussball, »… ich war dreimal verheiratet.«
»Wirklich?!«, stellte ich bescheuert lächelnd mehr fest, als dass ich fragte. »Aber ihr beide, du und Carl, seid nicht verheiratet, oder?«
Sie lachte schrill auf. »Also ich bin inzwischen kuriert«, kicherte Melody.
Carl packte jetzt ebenfalls seine breite obere Zahnleiste aus. »Diese Trauscheine sind etwas für hoffnungslose Romantiker«, dozierte Carl. »Hey, wir sind im Jahr 1975. Keiner will zurück in die 50er-Jahre.«
Carl war offenbar ebenfalls mal verheiratet. Oder war es vielleicht immer noch. Vor der Zeit mit Melody. Und er verwies auf zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Die er aber nur selten sah, erzählte er. Beide waren übrigens gerade in der Pubertät. Das heiterte die Situation nach meiner Einlassung über müffelnde Jugendliche noch einmal etwas auf.
Carl war groß. Jedenfalls größer als ich. Vielleicht eins fünfundachtzig. Er wirkte aber etwas kleiner, wenn er stand. Sein Rücken war leicht nach vorne gekrümmt. Er verzog sein Gesicht, wenn er sich vom Stuhl erhob. Ein Mann, der erkennbare Rückenprobleme hatte. Seine Kleidung war richtig salopp: Jeans und Baumwollhemd. Und sein Gesicht bedeckte ein grauer Vollbart. Die Partien, die sichtbar blieben, legten die gegerbte Haut eines Mannes frei, der die Sonne sein Leben lang gern genossen hat. Seine grau melierten Haare hatte er sich wachsen lassen und am Hinterkopf zu einem kleinen Pferdeschwanz gestrafft. Damit war er seiner Zeit weit voraus, während die ordinären Hippies ihre Mähnen noch locker im Wind flattern ließen.
»Ich hatte acht Geschwister. Eine tolle Jugend. Meine Eltern waren auch wirklich wohlhabend. Mein Vater war Unternehmer und Banker und hatte viel Geld mit Aktien gemacht. Ich studierte später politische Wissenschaften und war danach zunächst journalistisch und dann jahrelang als, ähm, politischer Berater tätig.« Als Carl das sagte, blickte er entrückt schräg empor an die hohe Zimmerdecke.
»Seit wann seid ihr denn schon in Flagstaff?«, fragte ich.
»Melody kam bereits 1962. Ich hatte noch etwas zu beenden und folgte ihr Ende 1963 nach.«
Das war jetzt der Punkt, an dem ich normalerweise hätte nachhaken können: Womit bestreitet ihr überhaupt euren Lebensunterhalt? Aber das erschien mir für ein erstes Treffen etwas unangemessen und zu offensiv. Ich ließ es sein. Blieb fürs Erste aber noch eine Frage, die ich meinerseits ja bereits beantwortet hatte mit meiner Schreiberei.
»Was sind eure Träume? Was ist da noch geplant?«, fragte ich die beiden direkt. Carl zeigte sich auffallend entspannt.
»Ach, Milton. Ich hatte ein ganz schön wildes Leben. Jetzt werde ich bald 58 und genieße die Ruhe hier oben in den Wäldern von Flagstaff. Wir sind gut versorgt. Wir fahren einmal pro Monat für ein paar Tage runter nach Phoenix, um Wärme zu tanken. Das tut meinem Rücken sehr gut. Und auch Las Vegas ist ja mit dem Auto locker zu erreichen. Weißt du, ich hatte von Kind an einen großen Wettbewerbsdruck. Schon unser Vater hat den unter uns Brüdern geschürt. Im Berufsleben ging das dann so weiter. Jetzt bin ich froh, dass ich aus der Tretmühle raus bin. Ich lese viel. Wir reisen umher. Wir machen lange Spaziergänge oben im Buffalo Park. Und wir sind uns beide zurzeit auch selbst genug. Schließlich haben wir erst recht spät zueinander gefunden.«
Melody hatte während dieses Monologs vornübergebeugt auf der Couch gesessen und ihre Hände über den Knien zusammengefaltet. Sie schaute ernst auf den Boden und entfaltete selbst dabei ihre Schönheit und Anmut. Dann lehnte sie sich zurück und entblößte für einen kurzen Augenblick etwa mittig zwischen Bauchnabel und ihrer rechten Brust unter dem hochgeknoteten Hemd eine mehrere Zentimeter lange Narbe. Ich war kurz erschrocken. Mehr über mich selbst, weil ich diese Überraschung anstarrte, als wäre mir eine Teufelsfratze im Keller begegnet. Das Hässliche zieht unsere Blicke erstaunlicherweise genauso an wie die Schönheit. Es war das Ergebnis einer Gallenblasenoperation, wie sie mir später mal erzählen sollte. Jetzt aber schob sie eine Bemerkung nach, die mich über Wochen grübeln ließ und ein erstes Rätsel war. Denn der genannte Ort hatte bis hierhin an diesem Abend noch gar keine Rolle gespielt und federte plötzlich heraus wie der Springteufel aus seiner Box.
»Für mich ist jedenfalls eines klar«, säuselte Melody mehr nach innen als nach außen, stützte ihr Kinn dabei mit der linken Hand ab und blickte auf meine Holzdielen am Boden. »Nach Hollywood kehre ich niemals zurück.«
11. April 1975
Sie mögen es vielleicht nicht glauben. Aber an der NAU war ich so etwas wie ein kleiner Star. Ein Bestsellerautor, der sein Wissen und sein Können an junge Studenten und Studentinnen weitergab. Damit konnte nicht jede Uni in den Staaten aufwarten. Es kam nicht selten vor, dass ich nach der Vorlesung oder dem Seminar von einem Pulk junger Menschen umlagert war, die entweder spezifisches Interesse an meiner Arbeit heuchelten oder tatsächlich sogar hatten. Gerade zu Semesterbeginn ließen sich mehrere ihre »Homerun«-Ausgaben signieren. Um die Schleimer und Heuchler herauszufiltern und vorzuführen, machte ich mir gelegentlich einen Spaß daraus, sie in Verlegenheit zu bringen: indem ich spezielle Nachfragen stellte und damit prüfte, wie tief sie tatsächlich im Stoff waren oder »Homerun« überhaupt je in den Fingern gehalten hatten. Das lief dann in etwa so ab:
Student: »Sir. Ihre realistische Schilderung des vietnamesischen Dschungels – wie ist Ihnen das bloß so gut gelungen?«
Ich: »Welche Szene meinen Sie? Die vor dem Napalm-Angriff auf das Dorf mit den Müttern und Kindern oder die, als dieser US-Trupp nachts mitten im Dschungel auf die Vietcong-Boys trifft?«
»Äh, ähm, ich glaube, es war der Napalm-Angriff.«
»Mister Shaw. Die Dschungel-Schilderung kommt nur an einer Stelle vor. Und die hat nichts mit der Napalm-Situation oder dem Vietcong-Stoßtrupp zu tun.«
»Ach nee.«
Die Studentinnen waren meist besser im Stoff. Und einige von ihnen ließen mich erahnen, dass »Homerun« meine allenfalls durchschnittliche äußere Erscheinung locker wettmachte. Ich hatte glatte blonde Haare, die so dünn waren, dass daraus nicht viel zu formen war. Ich ließ sie wachsen. Aber ein Robert Redford wurde so nicht aus mir, eher ein Woody Allen. Zumal ich von Jugendtagen an wegen meiner Kurzsichtigkeit auf eine Brille angewiesen war. Meine einst sportliche Figur war mit den Jahren ebenfalls aus den Fugen geraten, was es ziemlich gut beschreibt. Die einst starke Muskulatur an den Beinen hatte sich verabschiedet, nur um sich scheinbar als fettige Masse etwas höher über den Hüften anzusiedeln. »Das ist ein ganz natürlicher Prozess bei Männern über 30«, versuchte mich mein Arzt zu beruhigen. »Die Frauen stehen aber darauf.« Tja.
Seltsamerweise war davon erst in dem Moment etwas zu spüren, als mein Buch wie eine Rakete gezündet hatte. Und auch wenn die Ethik-Fibel der NAU das ausdrücklich untersagte, verschaffte mir die Erfolg-macht-sexy-Haltung vieler Studentinnen nach »Homerun«, wenn Sie mir diesen Kalauer bitte schön gestatten mögen, so manchen Touchdown.
Dann kam es zu dieser Szene im Museum Club, in den mich Carl und Melody kurz nach dem Treffen bei mir zu Hause eingeladen hatten.
»Mister Grower, entschuldigen Sie bitte. Ich bin in Ihrer Vorlesung ›Wie viel Gewalt ist dem zeitgenössischen amerikanischen Roman zuträglich?‹. Würden Sie mir bitte meine Ausgabe von ›Homerun‹ signieren?«
An unserem Tisch stand eine ausgesprochen attraktive Blondine, irgendwo Anfang 20, die mir das Buch mit der rechten und einen Kugelschreiber mit der linken Hand entgegenstreckte. Melody und Carl grinsten sich mit halb gesenkten Köpfen an.
»Aber natürlich. Wie ist Ihr Name noch«, fragte ich scheinheilig, als ob ich ihn je irgendwann mal wahrgenommen hätte.
»Cindy Weller.«
Ich nahm den Kuli und schrieb unter den Titel in die untere Hälfte der ersten rechten Innenseite: »Für Cindy. Milton Grower«.
Sie strahlte mich mit einem breiten Lächeln an, legte ihren Kopf leicht zur Seite, nur um ihn gleich darauf theatralisch tanzen zu lassen, damit ihre langen blonden Locken hin und her schaukelten:
»Oh, vielen Dank, Mister Grower. Ich freue mich schon auf nächsten Mittwoch.«
Dabei schob sie ihre enormen Brüste noch ein Stück weiter in mein Blickfeld. Diese jungen Biester haben es wirklich drauf, dachte ich, als sie unseren Tisch arschwackelnd verließ. Sie trug ein halblanges Kleid in Rot mit weißen Punkten, das genug Platz ließ, um ihre Knie zu präsentieren. Sie wogte und bebte über die noch leere Tanzfläche in Richtung Tresen davon.
Als ich mich wieder meiner Begleitung zuwandte, hatte Carl einen puterroten Kopf und hielt sich eine Hand vor den Mund, um nicht laut aufwiehern zu müssen. Melody prustete. Und kam mit einem weiteren Rätsel um die Ecke.
»Wir kennen das. Ich empfehle immer: lächeln, unterschreiben, genießen. Diese jungen Dinger sind aber wirklich, nun ja: aggressiv, findet ihr nicht auch?« Sie erwartete keine Antwort und prustete herzerfrischend weiter.
Der Museum Club. Er befand sich etwa drei Meilen ostwärts von Downtown direkt an der Route 66. Eine riesige Blockhütte aus gigantischen Baumstämmen. Ein gewisser Dean Eldredge hatte diese Monsterhütte 1931 erbauen lassen, um seinen Traum von einem Museum zu realisieren: ausgestopfte Tiere, zahlreiche Gewehre, viele Artefakte der indigenen Bevölkerung. Nach seinem Tod eröffneten sich für die Nachbesitzer noch ganz andere Möglichkeiten: als Roadhouse und Tanzbar beispielsweise, als die Prohibition endete und sich wegen der Dürre zahlreiche Menschen vor allem aus Oklahoma auf der Route 66 auf den Weg nach Kalifornien begaben und Flagstaff boomen ließen. Schließlich reüssierte der Museum Club mit seinem riesigen Saal ab den 1960er-Jahren als Tanzhalle für Country-Musik mit hoch gelobten Liveauftritten. Die Küche servierte dazu passend saftige Rindersteaks.
Wir machten uns über die fetten Dinger her und verteilten großzügig die leckere Barbecue-Soße über die Pommes. Aus den Boxen erklangen elektrische Gitarren, Steel-Gitarren, Violinen, Mandolinen und breiter harmonischer Chorgesang. Angesagter Country-Rock aus der Konserve. Es war ein früher Freitagabend. Alle Tische rund um die noch freie Tanzfläche waren belegt. Später sollte noch eine junge Countryband aus dem Ort aufspielen: The Desperados. Dann dürfte der Laden mit jungem Publikum aus allen Nähten platzen.
Es war April. Und seit dem Besuch im März bei mir zu Hause hatten wir drei uns nicht mehr gesehen – außer auf Abstand, wenn die beiden mit ihrem Mercedes ihre Auffahrt hochkamen. Aber unsere Grundstücke waren so üppig bemessen, dass ich ihnen auf meiner Veranda gar nicht aufgefallen sein dürfte. Zumal es mir meist auch noch viel zu kalt war, um im Freien zu sitzen. Aber da war vom ersten Treffen ja noch etwas offen, das mich interessierte. Sie erinnern sich: die beiden prägenden Ereignisse, die sich an der West- und an der Ostküste abgespielt hatten.
»Carl«, trabte ich an, »wie und wo haben Sie eigentlich die Watergate-Affäre erlebt? Sie waren doch mal in der politischen Beratung.«
»Ja. Aber nur bis Ende 1963. Da war wirklich Schluss. Seitdem verfolge ich das Zeitgeschehen wie jeder andere: eher aus dem Augenwinkel. Aber ja: Ich habe natürlich eine Meinung dazu. Ich kenne mich in Washington ganz gut aus. Der ganze administrative Apparat, das Weiße Haus, die Kontakte.
Watergate? Ein dilettantischer Einbruch und ein perfider Vertuschungsversuch. Nixon war ein Schwein. Er glaubte wirklich, dass der amerikanische Präsident über dem Gesetz stünde und das Recht hätte, Straftaten begehen zu können, ohne belangt zu werden. In etwa wie ein König oder Kaiser.«
Carl wischte sich mit einer Serviette die Barbecue-Soße aus den Mundwinkeln und grinste: »Der König der Abhörwanzen.« Dann wieder ernster, fast etwas verbittert: »Hätte dieser Schlappschwanz Lyndon Johnson 1968 als Präsident keinen Rückzieher gemacht, wäre uns vieles erspart geblieben, wissen Sie. Nun ja: Wir sind Nixon jetzt los. Doch diese ganze Aktion hat das Vertrauen in unsere Demokratie massiv erschüttert. Wir werden noch viele Jahre brauchen, um uns als Nation davon zu erholen.«
»Aber was glauben Sie: Könnte sich so etwas jemals in Zukunft wiederholen?«
»Niemals. Wir Amerikaner haben unsere Lektion gelernt. Das ist das einzig Gute an dem Watergate-Skandal: Kein Gericht in diesem Land wird jemals auf den Gedanken kommen, einem Präsidenten Sonderrechte für vermeintliche Straftaten einzuräumen. Es sei denn, die Richter wären geistig umnachtet. Das wäre das Ende der Demokratie. Und ohne Demokratie gäbe es keine USA mehr.«
Wie Carl da sprach, klang das fast ein wenig staatsmännisch. Ein politischer Berater eben, wenn auch ex. Und offenbar ein Demokrat, kein Republikaner. Das machte ihn mir sympathisch. Ich war 1968 in New York sogar Wahlkampfhelfer für die Demokraten. Es hatte nichts genutzt. Es folgte die erste Präsidentschaft von Richard Nixon.
Melody wollte ich nicht auch noch mit einer politischen Frage belästigen. Aber es hatte mich bereits bei unserem ersten Treffen interessiert, wo sie doch ein Westküsten-Mädel war und diesen schockierenden Nachrichten damals nicht entrinnen konnte.
»Melody«, hob ich an. Sie knabberte mit gesenktem Haupt am Knochen ihres Steaks, das sie mit Daumen und Zeigefinger ihrer beiden Hände fixierte. Sie blickte erschrocken mit ihren großen Augen empor, als hätte man eine Zwölfjährige gerade dabei ertappt, wie sie die Pornoheftsammlung ihres Vaters ausgehoben hat. Mir war klar, dass es ein Gespräch mit vollem Mund werden würde – ihrerseits. »Diese Manson-Morde in L. A. Erinnern Sie sich daran?« Melody ließ den Knochen auf den Teller fallen, lutschte ihre Finger vor meinen Augen ab, was in mir einen unglaublichen erotischen Impuls auslöste, und plapperte halb schmatzend los:
»Wow – ja! Ich hatte zwar bereits 1962 Los Angeles verlassen. Aber ich war die ersten Jahre immer mal wieder nach L. A. geflogen, raus zum Strand, weil ich es dort so liebte: Venice Beach, Santa Monica Beach, bis hoch nach Malibu. Die arme Sharon Tate. Sie stand für eine neue Generation an Schauspielerinnen. Sie war doch selbst so eine Art Hippie. Und diese, diese … Hippie-Monster haben sie und die anderen einfach kaltblütig abgeschlachtet. Ich bin so was von froh, dass wir es hier in Flagstaff nicht mit irgendwelchen verdammten Hippies zu tun haben.«
Sie hatte sich in Rage geredet. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass die Desperados, vier milchgesichtige Studenten, wie ich der Anzeige in der »Arizona Daily Sun« entnommen hatte, ihre Instrumente auf die Bühne schleppten und aufbauten. Cindy stand vor der Bühne, stellte sich auf ihre Zehenspitzen und zog den Kopf eines Desperados zu sich und gab ihm einen Schmatz. Verdammtes Luder, dachte ich. Melody gab weiter Stoff.
»Weißt du, ich habe später die Berichterstattung über den Prozess verfolgt. Das war echt eklig. Was die Mädchen dort alles tun mussten. Mit diesen Biker-Gangs. Und wie dieser Manson sie für seine schwachsinnige Agenda instrumentalisierte und sie ihm blind folgten, nur weil sie sich für etwas Auserwähltes hielten. Und dieser Rassenhass. Ein Wahnsinn, dass ihm diese ›family‹ widerstandslos ergeben war.«
»Kanntest du die Schauplätze? Also die Spahn-Ranch in Chatsworth, wo die alle hausten? Oder das Mordhaus in Cielo Drive im Benedict Canyon?«
