Monster Geek 3 - Die Liebe im Blick - May Raven - E-Book

Monster Geek 3 - Die Liebe im Blick E-Book

May Raven

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Beschreibung

~ Jessamine Diaz Monsterschlachten leicht gemacht ~Nachdem Matej unerwartet auf ihrer Türschwelle aufgetaucht ist, muss sich Jess nicht nur mit ihren zwiespältigen Gefühlen herumschlagen. Es wartet ein neuer Auftrag auf sie, der ihre Fähigkeiten voll ausreizt mit im Gepäck die Zwillinge, der grimmige Fae Sir Harmsty und ihre Waffen mit Eigenleben. Am Ort des Geschehens wird schnell klar, dieser Auftrag ist anders als alle zuvor Eine größere Macht scheint ihre Finger mit im Spiel zu haben. Jess findet sich inmitten eines Kampfes mit intriganten Fanatikern wieder, die das Weltbild der Gildenjäger vollkommen auf den Kopf zu stellen drohen. Wird sie mit ihrer Vergangenheit abschließen können und das Rätsel um das doppelte Infinityzeichen lösen?Fulminantes Ende einer witzig magischen Monsterjagd-Trilogie in der Zukunft.Teil 1 : Monster Geek Die Gefahr in den WäldernTeil 2 : Monster Geek Die Sehnsucht im HerzenTeil 3 : Monster Geek Die Liebe im Blick

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Monster Geek

Die Liebe im Blick

May Raven

Copyright © 2019 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Michaela Retetzki

Korrektorat: Nicole Gozdek

Layout: Michelle N. Webert

Illustrationen: Kerstin Posekardt & Asuka Lionera

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-263-10

Alle Rechte vorbehalten

Für alle Drachenreiter, Monsterjäger und Glitzerfae-Liebhaber. Lebt bunt und mit Fantasie im Herzen.

Und für meine süße Emilia Feya, mein kleiner Wirbelwind,

der mich jeden Tag zum Lachen bringt.

Ich weiß, du wirst die Welt erobern.

Inhalt

1. Es lebe die Demokratie, außer sie ist gegen mich  …

2. Nicht jeder ist als Sparringspartner geeignet

3. Folge nie den Pfaden eines Ex-Pfarrers – du hast ja keine Ahnung, wohin diese führen

4. Eine wellenreitende Harleyfahrt ist besonders, egal wie der Abstieg ist

5. Kleine Schwestern können echt gruselig sein

6. Einsame Insel … ahoi

7. Schwing für mich das Seil, Tarzan

8. So ein verdammtes Schloss zu knacken

9. Nahtoderfahrungen sind ein guter Weckruf

10. Symbole an sich sind unschuldig und können nichts für ihre Bedeutung

11. Ein Schritt nach dem anderen, oder wie man wieder auf die Beine kommt

12. Es konnte auch Nachteile haben, wenn sich Liebespaare zum Fressen gern haben

13. Es gibt klügere Entscheidungen, als in schmalen Gassen davonzulaufen

14. Jeder hatte seine Grenzen und ich hatte meine gefunden

15. Superkräfte sind nicht nur supercool

16. Geister waren mir entschieden lieber als ein Gruß aus der Vergangenheit

17. Trautes Heim, Glück allein – von wegen

18. Märchenstunden über unschuldige Prinzessinnen und Ritter in weißer Rüstung haben früher mehr Spaß gemacht

19. Man sollte einen Moment darüber nachdenken, bevor man ungebeten an eine Tür klopft

20. Die Schlacht von Gettysburg neu erzählt

21. Wenn ich wollte, konnte ich mich sogar in eine Dampflok verwandeln

22. Wie blöd, dass man sich die Verwandtschaft nicht aussuchen kann

23. Man bräuchte mehr Fae-Glitzer im Leben

24. Alles ändert sich schlussendlich zum Guten

25. Die Zukunft wird glitzernd und bunt

Danksagung

1

Es lebe die Demokratie, außer sie ist gegen mich  …

Wie ich das sehe, hat nun jeder seine Meinung zu dem aktuellen Fall abgegeben«, begann Laric mit seiner dröhnenden Stimme und meinte damit im Prinzip Matej – der außerhalb der Halle vor verschlossenen Türen wartete – und mich. Wir waren dieser aktuelle Fall beziehungsweise Matej und sein Ansuchen. Vor fast vier Wochen war Matej auf meiner Türschwelle erschienen und wollte seitdem Teil meines Lebens sein. Nicht bloß als guter Freund, sondern in jeder Hinsicht. Na schön, zuerst hatte bei dem Gedanken die Hitze mein Gehirn durchgebrannt und ich hatte mich wie eine Irre auf ihn gestürzt. Gleich danach hatte sich mein gesunder Menschenverstand eingeschaltet. Denn das, was er suchte, war definitiv eine Bindung, die ich auf alle Fälle vermeiden wollte. Ich war kein Typ für Beziehungen, ich ging keine tiefen Verbindungen ein. Alles, was ich brauchte, waren meine Familie und die wenigen guten Freunde, die ich an einer Hand abzählen konnte, aber denen ich blind vertraute. Das reichte vollauf. Ich traute mir zu, diese Menschen beschützen zu können. Mehr war nicht drin.

Aus diesem Grund hatte ich mir die letzte Viertelstunde vor den anderen Mitgliedern, die zur Versammlung der Jägergilde gekommen waren, den Mund fusselig geredet und Gründe an den Haaren herbeigezogen, warum es keine gute Idee wäre, Matej seine Jägergildenzugehörigkeit von Osteuropa nach Kanada zu übertragen. Ich war guter Dinge, die Abstimmung zu meinen Gunsten zu entscheiden. Sprich seinen Antrag abgelehnt zu bekommen.

Laric riss mich mit seinem tiefen Bariton aus den Gedanken. Er stand in der Mitte der Halle aus dunklem, poliertem Stein. Seine pechschwarzen Haare mit dicken weißen Strähnen hatte er zu drei Pferdeschwänzen zusammengebunden. Einer hinten und zwei seitlich von seinem Gesicht, sie reichten ihm fast bis zum Bauch. Nicht nur seine massige Gestalt war ein Hingucker, sondern ebenso die maorischen Tattoos, die sich um seine gebräunte Haut wanden, und seine vereinnahmende Ausstrahlung. Kein Wunder, dass er Gildenmeister unseres Gebietes war oder dass mein Freund Teddy, Gildenmitglied und Türsteher bei unserer Bude »Red Conquer«, ihn von der Seite anschmachtete. Es war sein gutes Recht, denn die beiden waren seit mehreren Monaten zusammen.

»Es ist an der Zeit, über den Antrag von Matej Zednik abzustimmen, ob wir ihn in unserem Gildenbereich aufnehmen oder er innerhalb der nächsten Tage unser Einzugsgebiet verlassen muss. Ihr kennt die Vorschriften und wisst, welche Konsequenzen eure Abstimmung haben wird.«

Wie die übrigen im Raum kannte ich die Regeln, nach denen man sich für auswärtige Aufträge in fremden Gildengebieten aufhalten durfte, jedoch nicht länger als einen Monat, um den ansässigen Gildenjägern nicht zu viele Aufträge und Punkte wegzuschnappen. Wenngleich ich das wollte, bereitete mir der Gedanke ein dumpfes Ziehen in der Magengegend. Denn jeder Jäger, der sich widersetzte und blieb, verlor quasi über Nacht seine Existenzgrundlage. Und das bedeutete nicht bloß einen Ausschluss aus der Gilde, sondern auch dass einige gute Hacker in unserem Verein sämtliche Konten und Besitzanzeigen von Grundstücken, Häusern, Aktien und dergleichen räumten und diese ausnahmslos der Gilde überschrieben. Beim Eintritt in die Gilde musste man diesem kleinen Passus im Vertrag zustimmen. Strenge Regeln, jedoch notwendig, um die allgemeine Ordnung aufrechtzuerhalten. Jäger waren hitzige Gemüter. Drohte ein entmachteter Ex-Jäger damit, die Gilde und ihre Handlungen bei der Öffentlichkeit auffliegen zu lassen, verschwanden diese Jäger rasch von der Bildfläche. Deswegen sollte man es sich vorher gründlich überlegen, ob man eintrat und welche Entscheidungen man traf.

Wie beim Beispiel von Matej. Würde sein Antrag abgelehnt werden, musste er innerhalb der nächsten drei Tage unser Gebiet verlassen. Bei Annahme war er für die nächsten fünf Jahre an das Territorium gebunden. Beide Alternativen machten mir Angst und füllten meinen Magen mit schweren Steinen. Meine verworrenen Gefühle wollte ich gar nicht detaillierter analysieren. Ein Psychotherapeut würde sich freuen und mir vermutlich ein nettes Sümmchen abknöpfen. Nach Larics Aufforderung, die Stimme abzugeben, hoben nach und nach die Jäger den ausgestreckten Arm und drehten anschließend den Daumen nach oben oder unten. Dieses Schauspiel erinnerte mich an die antiken Gladiatorenspiele, bei denen abgestimmt wurde, ob jemand leben durfte oder sterben musste. Langsam streckte ich meinen Arm aus, dabei starrte ich auf den Daumen, der lange Zeit verharrte, während mein Atem flach ging, Kälte über meine Haut zog und der Daumen schließlich Richtung Boden zeigte. Es fühlte sich an, als würde ich neben mir stehen, verloren in einem dicken Nebel. Schließlich atmete ich heftig ein, löste den Blick von meiner Hand und beobachtete die Abstimmungsauszählung. Über den HandChip in unseren Daumenballen und der Daumenausrichtung wurde das Ergebnis über einen Inn∞Cube, der neben Laric in der Mitte der Halle stand, berechnet und wiedergegeben. Durch den Cube schwebten vor Laric zwei senkrechte holographische Balken. Einer grün, der andere rot. Bei jeder neuen Stimme wurde sofort die aktuelle Prozent­anzeige auf beiden Seiten angepasst. Jedoch wären einzelne Stimmen nicht mehr ausschlaggebend. Der grüne Balken ging fast doppelt so stark in die Höhe, mehr als achtzig Prozent hatten für den Antrag gestimmt. Verflixt. Damit war Matej ab jetzt einer von unserer Gilde. Absolut grandios.

»Danke für eure Stimmen, das Ergebnis ist eindeutig. Heißt einen neuen Jäger in der Runde willkommen«, bestätigte Laric das Offensichtliche. Einige Jäger grunzten zustimmend oder nickten still. Neben mir klatschten meine Ziehbrüder Jayden und Julian merklich begeistert und ich warf ihnen einen bösen Blick zu, den sie schulterzuckend quittierten, während ich über den schwarz schimmernden Boden zu Laric hinüberstürmte. Auf meinem Weg ignorierte ich das allgemeine Gemurmel und das Geplauder, das sofort nach der Abstimmung eingesetzt hatte. Die Geräuschkulisse erinnerte eher an eine Spelunke nach Feierabend, wo der neueste Tratsch ausgetauscht wurde, und nicht an den großen Versammlungssaal im Gildenjäger­hauptkommando, in dem harte Fakten zählten. Okay, vielleicht doch. Ungeachtet dessen konnte ich diese harten Fakten nicht widerstandslos hinnehmen. Bei Laric angekommen, hob er abwehrend die Hände. »Lass es stecken, Jess. Keine Ahnung, was du gegen den Burschen hast, die Abstimmung war eindeutig. Er gehört jetzt unserem Einzugsgebiet an.«

»Aber wenn –«

»Kein Wenn und Aber, es ist so. Regeln sind Regeln und wir halten uns daran. Keine Änderung. Tut mir leid.«

Er hatte recht. Wir lebten nach den Regeln. Sie waren wichtig und sicherten unser Überleben. Dieses Wissen half mir im Moment kein bisschen. Frustriert stieß ich meinen Atem aus. Vereinzelte türkisfarbene Strähnen flatterten vor meinem Gesicht. Bei der Aufregung hatte ich gar nicht mitbekommen, dass ich in meinem Pferdeschwanz gewühlt und ihn vermutlich gelöst hatte.

»Und wenn wir Matej –«, setzte ich erneut an, doch wie zuvor schnitt mir Laric das Wort ab. Langsam wurmte mich sein Verhalten. Wäre ich eine Comicfigur, würde jetzt Rauch aus meinen Ohren zischen wie bei einer Dampflok. Selbstverständlich mit passendem Getöse.

»Nein. Es ist entschieden, damit basta.« Nun klang er so brummend stoisch, wie man es von einem Anführer erwartete. Mit eiserner Miene und dem ganzen imponierenden Gehabe. Er war eine harte Nuss, die ich nicht knacken würde. Verdammt und zugenäht. Frustriert seufzte ich. Plötzlich schlich sich Teddy an seine Seite und schlang einen Arm um dessen breite Hüften. Sofort wurde Larics Körperhaltung weicher. Teddys grüner Afro stand in wilden Locken in alle Richtungen ab, als er mich angrinste. »Na, Jess. Was ist mit Matej? Trouble in paradise? Dachte, ihr wärt zusammen?«

»Was?«, quietschte ich. »Wie kommst du denn darauf? Wir sind nur Jägerkollegen.« Tja, wer’s glaubt, wird selig.

»Echt jetzt? Ihr werft euch ständig schmachtende Blicke zu, wenn ihr in der Bude abhängt.«

In der Bude, dem »Red Conquer«, unserem Stammlokal, hockten wir nicht nur rum, sondern gaben unsere Beute für die Gilde ab und wurden anschließend für unsere Funde bezahlt.

»Du bist dort Türsteher, wie willst du wissen, was drinnen vor sich geht?«, fragte ich mit hochgezogener Augenbraue.

»He, ich habe Durst wie jeder andere. Und weißt du was, du hast es jetzt nicht einmal verneint«, entgegnete er und lachte, nachdem er mein lang gezogenes Gesicht sah, und schlug seinem Freund anschließend auf die Schulter. »Lass uns nach Hause gehen, Großer. Ich habe heute noch einiges mit dir vor.«

»Gerne. Wir sind hier fertig?«, fragte Laric höflicherweise, in Gedanken wahrscheinlich schon bei seinem Freizeitsport mit Teddy. Ich nickte geschlagen und wedelte mit der Hand herum. »Ja, klar. Geht nur hin und amüsiert euch. Dann seid wenigstens ihr zwei glücklich.«

»O ja, und wie wir das sein werden. Ich habe neues Spielzeug für uns geordert und das ist heute angekommen«, kicherte Teddy und zwinkerte mir anzüglich zu. Ich hustete, um mir ein Lachen zu verkneifen.

»Okay, das ist mehr als genug Information. Geht einfach spielen und sagt kein Wort mehr.«

Die beiden verdrückten sich leise unterhaltend und ich drehte mich um meine eigene Achse auf der Suche nach meinen Ziehbrüdern. Zuerst entdeckte ich Jaydens hochgewachsene sportliche Gestalt mit dem leuchtenden blauen Streifen in seinem ansonsten dunklen kurzen Haar. Neben ihm saß Julian mit den blonden, fast schon orange wirkenden langen Haaren mit Sidecut im Roll­Gleiter und paffte wie gewöhnlich eine Zigarillo. Der Geruch nach Vanille schwappte zu mir herüber, so einladend und vertraut wie ein Zuhause. Zwischen ihnen und weiteren Jägern, die ihn beglückwünschten, stand schließlich er. Groß, mit breiten Schultern in einem dunkelgrünen eng anliegenden Shirt, das die Muskeln darunter und seine grauen, mit grünen Flecken durchzogenen Augen betonte. Die dunkelbraunen Haare trug Matej länger als in Tschechien, nur an den Seiten waren sie kurz, dafür standen sie ihm vorne und oben verwuschelt ab, als wäre er vor fünf Sekunden aus einem Bett mit verruchten schwarzen Seidenlaken gestiegen. Dieser Look passte zu dem lässigen sexy Dreitagebart, den er sich seit Neuestem ebenfalls stehen ließ und der ihm Ecken und Kanten verpasste, die er bei unserem Kennenlernen nicht gehabt hatte. Zusammen mit der dunklen Jeans und der schwarzen Lederjacke in der Hand sah er aus wie ein Model in einer coolen Zeitschrift, dem die Frauen zu Füßen lagen. Es erinnerte wenig an den einstigen Pfarrer, den ich in Tschechien kennengelernt und dessen Leben ich auf den Kopf gestellt hatte, ohne es zu beabsichtigen. Sein sturer Wille hatte ihn damals schnurstracks in meinen dortigen Fall hineingezogen.

Oberflächlich betrachtet wirkte Matej beinahe wie ein anderer Mensch. So ganz stimmte das jedoch nicht. Sah ich in seine sturmgrauen Augen, waren dort die gleiche Güte, die Überzeugung, Gutes tun zu wollen, und die hartnäckige Leidenschaft, für andere zu kämpfen, zu erkennen. Ein Blick aus Augen, die mir jedes Mal eine Gänsehaut über den ganzen Körper jagten. Keine Ahnung, wie er das anstellte, doch ich war machtlos gegen die Reaktion meines Körpers. Wie jetzt im Moment, als ich mich der Gruppe näherte und ihm gratulierte, wenn auch widerwillig.

»Herzlichen Glückwunsch. Scheint, als hätte sich dein Dickschädel wieder einmal durchgesetzt.«

Matej gehörte nicht hierher und ich machte keinen Hehl daraus. Nicht vor den Jägern und nicht vor mir. Er gehörte in seine alte Berufung, mit einer charmanten, beliebten Frau an seiner Seite, die ihm Kinder und ein glückliches langes Leben schenkte. In seiner Zukunft stellte ich mir jemanden mit blonden hochgesteckten Haaren in einem hellen Kleid vor. Eine Frau, die Kuchen backte, eine weiße Schürze trug und lächelnd vor sich hin summte. Dieses Bild einer perfekten Ehefrau aus den sechziger Jahren verfolgte mich ständig. Im Gegenzug dazu sah ich oft zerrupft, verbeult und wegen meiner Klamottenwahl dunkel wie ein Grufti-Anhänger aus. Zu meiner Verteidigung war das Jägerleben kein Zuckerschlecken und bei dunklen Klamotten fiel das Blut schlichtweg weniger auf, besonders wenn man nicht nur abperlende Mäntel trug. Die einzige Sache, die ich mit dem Bild seiner perfekten Frau gemeinsam hatte, war, dass ich zum Stress­abbau backte und okay, ich pfiff Lieder, anstatt zu summen. Statt einem trauten Heim fände er bei mir ausschließlich Schmerz, gruselige Wesen und im schlimmsten Fall den frühzeitigen Tod. Hatte ich nicht vor wenigen Wochen meine letzte Affäre zu Grabe getragen? Ein weiteres Mal würde ich das nicht überstehen. Auf gar keinen Fall bei Matej. Der Sturkopf vor mir wollte davon aber nichts wissen und stellte sich meinen Wünschen eigensinnig entgegen. Mit selbstsicherem Grinsen und einem umwerfenden Zwinkern. Männer konnten echt nervtötend sein!

»Danke, Jessamine. Mit Dickschädeln scheinst du dich ja bestens auszukennen«, erwiderte Matej leichthin und spielte auf die letzten Wochen an, die ich ihm beinahe erfolgreich aus dem Weg gegangen war. Aber da er bei meinen Ziehbrüdern pennte, sah ich ihn unweigerlich öfter, als mir lieb war.

»Wirst du deinen Sieg jetzt feiern gehen?«, fragte ich höflichkeitshalber.

»Das würde ich in der Tat sehr gerne. Lust, dich daran zu beteiligen? Ich bin für alles zu haben.«

Okay, ich konnte mir schon denken, was er mit seiner Einladung andeutete. Bei dem Gedanken verwandelte sich die Gänsehaut zu einer elektrisierenden Hitze, doch ich hielt an meinem besagten Dickschädel fest – eisern mit beiden Händen. Dabei kam ich mir vor wie ein Reiter auf einem Bullen, der sich nicht abschütteln lassen wollte. Neben mir hustete Jayden. Es hörte sich an, als erstickte er an einem verdammten Lachen. Indessen ignorierte ich Matejs Frage und das charmante Lächeln. »Tja, denke nicht. Ich muss dann los. Sieht so aus, als würdest du noch länger bei uns herumhängen. Viel Spaß dabei.«

Gut gelaunt zwinkerte Matej mir zu und schien sich von meiner miesen Stimmung nicht anstecken zu lassen. »Ich kann deine Begeisterung direkt spüren. Regelrecht umwerfend. Und danke, auf den Spaß freue ich mich schon.«

O Mann, hatte der Typ Zauberbohnen mit neuem Selbstvertrauen gefuttert oder hatten die Zwillinge ihm ins Ohr geflüstert, wie sehr ich ihn in den letzten Monaten vermisst hatte? Der Drang, ihm auf seinen Sarkasmus hin wie ein Kind die Zunge zu zeigen, war riesengroß, doch ich widerstand ihm und klopfte mir innerlich für meine unglaubliche Selbstbeherrschung auf die Schulter. Mit einem knappen Nicken, das so vielsagend wie ein lapidares Schulterzucken war, ließ ich die drei stehen und schlängelte mich zwischen den Gildenjägern zum rettenden Ausgang, um diesen Abend und das Ergebnis der Abstimmung hinter mir zu lassen. Kurz bevor ich den Tunnel, der zu den Aufzügen nach oben führte, erreichte, zwang mich eine fiese kleine Stimme in meinem Schädel dazu, mich noch einmal zu Matej umzudrehen. Eine Stimme, die ich hätte ignorieren sollen. Über die Köpfe der anderen hinweg schaute ich direkt in seine Augen. Sein Blick wirkte aufgewühlt und zeigte, dass er nicht glücklich über meinen raschen Abgang war. In ihm lagen gleichzeitig sture Entschlossenheit und ein Versprechen auf mehr. Er würde nicht lockerlassen, ganz und gar nicht. Verdammt, ich war so was von erledigt.

Dieser Gedanke verfolgte mich, während ich durch die heiligen Hallen der Gilde und den dunklen Tunnel rannte. In die felsigen Steinwände waren auf Bildschirmen abwechselnd die Dekrete der Gilde zu lesen oder 3D-Bilder glorreicher, meist verstorbener Jäger zu sehen. Die Dokumente und Bilder waren das einzige Licht im Tunnel, sie bewegten sich unablässig und erzeugten das Gefühl, von allen Seiten beobachtet zu werden. Das 3D-Bild meines Onkels Héctor prangte ebenfalls dort, wenngleich er noch quietschfidel war und seine Zeit mit dem Hacken diverser Regierungsseiten oder Gärtnern verbrachte. Jedoch hatte er es geschafft, zehnmal Monats-Erster im Gilden­ranking zu werden. Diese Siege hatten ihm eine schöne Pension sowie Ruhm und Ehre in der Gilde verschafft. Bisher konnte ich mich fünfmal an die Spitze setzen und vor einigen Monaten war mein einziges Ziel gewesen, ebenfalls die zehn vollzumachen. Das war zu einer Zeit, bevor Sir Harmsty, Red oder Matej in mein Leben getreten waren und mein Dad ins Koma gefallen war. Die letzten Monate waren turbulent gewesen und die Sorgen um meine selbsternannte Familie wurden nicht weniger. Besonders die um meinen Dad. Für einen flüchtigen Moment hatte er seine früheren Erinnerungen zurückerlangt, nachdem er jahrelang an Alzheimer gelitten hatte, nur um gleich darauf das Bewusstsein zu verlieren. Das alles war durch irgendeinen Zauber ausgelöst worden, durch Typen, die wir nicht kannten. Einer war geflohen, der andere hatte sich selbst umgebracht. Einzig einen Chip hatten wir gefunden. Er war an Dads Schläfe befestigt und ließ sich mit Magie oder herkömmlichen Mitteln nicht entfernen. Zumindest mit keiner Magie, die uns geläufig war. Folglich hatte ich eigentlich andere Sorgen, als mich um die nicht existente Beziehung zu Matej zu kümmern. Zu meiner Verteidigung hatte ich ehrlicherweise nicht mit dieser Hartnäckigkeit gerechnet. Andererseits, nach seinem Verhalten in Tschechien, hätte ich mir das denken können. Stur blieb stur, egal ob es von Erfolg gekrönt war.

Nachdenklich erreichte ich den gläsernen Aufzug, der von der Gilden­halle nach oben in die reale Welt führte. Der Aufzug war der einzige offizielle Zugang und nur deshalb durchsichtig, um etwaige Feinde zu erkennen. Meiner Meinung nach total unnötig, da die gesamte Gildenhöhle durch diverse Stein- und Schutzzauber abgesichert war. Kein Mensch oder übernatürliches Wesen mit einer bösen Absicht würde auch nur den großen Zeh über eine der unsichtbaren Schutzwehre machen, ohne den ohrenbetäubenden Alarm auszulösen. Aber Laric und seine Vorgänger gingen lieber auf doppelte und dreifache Nummer sicher. Mir sollte es recht sein, auch wenn der Augenscan beim Aufzug, der Fingerabdruck und die HandChip-­Erkennung ewig lange dauerten und man nur einzeln den Aufzug benutzen durfte. Ansonsten fuhr dieses Ding nicht. Aus diesem Grund war der Aufzug sehr klein gehalten – eben nur für eine Person. Mehr als einmal war ich mir dabei vorgekommen wie in einem Sarg. Dieses Gefühl wurde durch das Felsengewölbe noch verstärkt. Eigentlich war ich nicht zimperlich, aber diese Enge hatte mir schon öfter als einmal den Puls in die Höhe getrieben. Auch jetzt atmete ich mehrmals tief ein und aus, bevor ich mich überwinden konnte einzusteigen. Dann machte ich den Schritt und schloss mit geballten Händen die Augen. Es würde bald vorübergehen – wie der gesamte bescheidene Abend. Ich musste nur hier rauskommen und mich ablenken.

2

Nicht jeder ist als Sparringspartner geeignet

Nachdem ich es zuerst mit Stricken versucht, dann einige Minuten – eigentlich eher eine halbe Stunde – auf den Boxsack eingeschlagen hatte und danach zu einem imaginären Schwertkampf übergegangen war, waren meine Gefühle nach wie vor in Aufruhr. Dieser verdammte Blick aus sturmgrauen Augen mit dieser verfluchten sexy Verheißung. Zum Durchdrehen!

Hastig schnappte ich mir mein Katana Olaf und aktivierte über meinen PIN ein imaginäres Angriffsszenario: mehrere Angreifer, unterschiedliche Wesen, schwierigste Stufe, nebliges Waldsetting, Schmerz eingeschaltet. Von einer Sekunde auf die andere verschwand mein heller Trainingskeller und ich befand mich in einem dichten Wald, von meterhohen Bäumen und farnartigen Büschen umgeben. Frischer Tau- und Moosgeruch drang in meine Nase.

Ein Rascheln erklang auf der rechten Seite. Leichtfüßig wirbelte ich herum und schicke meine Magie in Olaf, als ich auch schon einem imaginären Vampir den Kopf abschlug, der vor mir aufgetaucht war. Rechter Hand griff mich ein tollwütig wirkender Troll an, mit einer Faust so dick wie mein Schädel. Ich sprang zur Seite und rollte mich in einer fließenden Bewegung so lange weiter, bis ich den Rücken des massigen Wesens erreicht hatte, und stach die Klinge durch sein Herz.

Plötzlich packten mich zwei leuchtende Angreifer von hinten, vermutlich faeartig, und schleuderten mich zu Boden. Die Wucht des Aufpralls presste mir die Luft aus der Lunge. Bei diesen Kampfszenarien konnte ich physisch nicht verletzt werden, die Programmierung des HandChips ließ aber zu, dass man die Schmerzen in verminderter Form spürte. Und dieser Schmerz gemischt mit dem Adrenalin legte bei mir oftmals einen Schalter um. Plötzlich schob sich kurz ein rötlicher Film über meine Augen, der verschwand, als ich blinzelte. Dafür blieb das Gefühl, besser sehen, riechen zu können und nun stärker und schneller zu sein oder als würden die anderen langsamer werden. Diese Reaktionsschnelligkeit kam mir im Moment sehr zugute, denn einer der beiden hatte Tentakel, die sich brennend um mein Fußgelenk wanden. Das tat verflucht weh, trotz der Schmerzverminderung. Der zweite hob im selben Moment einen Football großen Stein vom Boden auf – eine Aktion, die ich für einen Fae erstaunlich primitiv fand –, in der Absicht, mir das Ding in mein hübsches Gesicht zu schmettern. Ruckartig drehte ich mich zur Seite. Der Stein knallte einige Zentimeter neben mir auf den Boden. Knappe Geschichte.

Zum Dank lud ich Olaf ein zweites Mal mit meiner magischen Magie auf, schwang ihn im weiten Bogen und hackte dem Fae beide Arme ab. Ein Geniestreich, der eine ganz schöne Ladung irreales Blut über mir entleerte. Infolgedessen konnte ich den Kupfergeschmack auf meiner Zunge ausmachen. Echt oder nicht echt, es war eklig. Olaf sah das jedoch anders. Sofort meckerte er in meinen Gedanken: »Was soll das hier für eine Schummelpartie sein? Wofür einen Kampf ausfechten, wenn es kein ECHTES Blut gibt? Das ist total unlogisch und ich hätte wirklich mehr von dir erwartet. Lass uns rausgehen und reale Monster töten. Gib mir Blut, echtes Blut!«

»Sorry, dass ich trainieren will, um im Ernstfall meine Überlebenschancen zu erhöhen«, stöhnte ich und versuchte mein Bein aus dem brennenden Tentakelgriff zu bekommen. Der Fae grinste zur Antwort diabolisch und weitere lange Tentakel wuchsen aus seinem schleimigen grünen Körper, der eher nach Glibber aussah als nach einer festen Konsistenz. Was hatten sich Onkel Héctor und Jayden da nur für Kreaturen ausgedacht, als sie mir dieses Trainingssystem installiert hatten? Im echten Leben war mir so ein Biest noch nie begegnet. Zum Glück, denn zusätzlich roch es nach abgestandener Milch, gemischt mit einem Hauch Urin und Kotze. Sehr kreativ, das musste ich ihnen lassen.

Statt mich weiter von Olaf anjammern zu lassen, warum ich ihm kein echtes Blut lieferte, griff ich in dem Moment, als das Wesen mit seinen Tentakelhänden beinahe über mir war, nach meinem Hüftmesser Sid. Schnell lud ich Sid mit meiner Magie auf und hackte nach dem Ding über mir. Danach durchtrennte ich seine Gliedmaßen, um mich zu befreien. Mit einem Platschen kippte das schleimige Monster zur Seite. Natürlich erst nachdem es übel riechendes, wie Eiter aussehendes Blut auf mich getropft hatte, das ebenfalls auf meiner Haut brannte. Süß, geradezu herzallerliebst!

Mühsam kam ich auf die Beine und wappnete mich für den nächsten Angriff. Die Pause war nur von kurzer Dauer, da sich von den Baumkronen über mir plötzlich ein Fledermaus-Fae löste und auf mich zuflog. Mit weiten Schwingen, die über einen Meter Spannweite hatten, und einem Gebiss, das einem Haifisch Konkurrenz machte. Bevor das Ding bei mir ankam, griff ich in meine Tasche und warf in geübter Reihenfolge drei Wurfsterne. Die Gizmis landeten mit einem befriedigenden feuchten Klatschen in dem ledrigen, leicht behaarten Oberkörper des Biestes. Es stieß einen markerschütternden Schrei aus, der beinahe meine Trommelfelle platzen ließ. Selbst Sid beschwerte sich wild redend in meinem Kopf, während ich in den Nahkampf ging. Ein Stich dort, ein Ritzer da und der Tanz um imaginäres Leben und Tod begann. Natürlich untermalt von Sids nicht enden wollendem Geplapper. »Oho, oho, was machen wir denn hier schon wieder, Jess? Ich meine, du hast ja schon viele verruchte Gegenden aufgesucht oder dich unterschiedlichen Gefahren gestellt. Aber das hier – ernsthaft? Zuerst dieses Schlabbermonster und jetzt eine zu groß gewachsene Fledermaus mit irrem Geschrei? Verstehe mich nicht falsch, ich bin dafür, wenn sich junge Frauen wie du selbst verteidigen und auf sich aufpassen können. Aber müssen wir denn andauernd gegen die schrägsten Monster kämpfen oder uns in solch zwielichtigen Gegenden aufhalten? Was ist so falsch daran, in einen netten, helllichten Park zu gehen oder in ein schönes, strahlendes Einkaufscenter? Das wäre doch nett!«

Ich verdrehte die Augen und keuchte, als ich mit dem freien Unterarm einen Schlag des Fledermaus-Faes parierte. »Dort findet man aber keine Monster, die man unschädlich machen sollte, da die sich eben gerne in genau diesen zwielichtigen Gegenden aufhalten.«

»Papperlapapp, das ist alles Ansichtssache! Du musst ganz eindeutig an deiner Einstellung arbeiten«, konterte Sid und redete ohne Punkt und Komma weiter. Indessen blutete die Fledermaus aus unzähligen Schnitten, die ich ihr zugefügt hatte. Ein Ausfallschritt nach vorne, ein Schwung mit dem Messer von unten rechts und ich erwischte ihre Seite. Dann packte ich das Messer fester, riss es heraus, um es gleich darauf in ihre Brust zu rammen. Dort, wo ihr Herz schlagen würde. Zack, und schon kippte die Kreatur in sich zusammensinkend um und rutschte von der Messerklinge. Bazinga!

Die ganze Zeit über hatte mir Sid die diversen Vorteile von Aufenthalten in sonnigen Parks oder eleganten Luxushotels erklärt. Na klar, aber sicher doch, mein Lieber.

Aus einem undefinierbaren Grund entspannten mich der Kampf und das ständige Geplapper nicht wie gewünscht, daher unterbrach ich die magische geistige Verbindung zu Sid und deaktivierte mit den Worten »Kampfszenario Ende« das Training. Auf der Stelle verschwanden der Wald mit all seinen Gerüchen, den Leichen rund um mich sowie die Blut- und Eingeweidespritzer auf meinen Klamotten. Selbst der Kupfergeschmack war bloß noch eine Erinnerung in meinem Mund. Ich sah mich im Raum um, der hell beleuchtet und mit weichen Gummimatten ausgelegt war. Und trotz des soeben anstrengenden Kampfes erschienen unvermittelt die intelligenten, gewitzten Augen von Matej in meinen Gedanken. Nicht schon wieder. Es war zum Aus-der-Haut-fahren!

Vielleicht half ja ein wenig Chi Gong oder Yoga, nachdem mich meine anderen Hilfsmittel bisher kläglich im Stich gelassen hatten? Mit verschwitztem türkisfarbenen Tanktop und schwarzer Yogatight startete ich mein Programm und siehe da, nach einigen Übungen fand mein Geist endlich ein bisschen Ruhe von den Geschehnissen der letzten Stunden. In den Hintergrund rückten die Abstimmung, das Ergebnis, das freudige Lächeln von Matej, sein Blick der Verheißung und meine Panik, die dabei hochgeschwappt war. In diesen Mann konnte man sich verlieben, vollkommen und unwiderruflich. Mit tiefen Gefühlen, wie sie in Büchern beschrieben standen und die unzählige Frauen in romantischen Filmen suchten oder denen sie im realen Leben nachjagten. Ich gehörte nicht zu diesen. Liebe konnte mir gestohlen bleiben, ich wollte sie tunlichst vermeiden. Sie konnte blind machen und gleichzeitig zerstören. Meine Eltern hatten mir das beste Beispiel dafür geliefert. Zuerst hatte meine Mum sich für uns geopfert, dann hatte mein Dad meine Mum einfach so zum Sterben zurückgelassen – wegen mir. Und da er meine Mum so sehr geliebt hatte, war er schließlich an der Trauer zerbrochen. Überall so viel Hingabe und doch waren wir durch sie schmerzhaft zerstört worden, vollkommen und unwiderruflich. Warum sollte ich also freiwillig nach dieser emotionalen Bindung suchen? Da müsste ich ernsthaft bekloppt sein. Sollten sich andere damit herumplagen, ich brauchte sie weiß Gott nicht. Lust und Leidenschaft ohne Gefühle reichten mir vollkommen.

Darum musste ich weiterhin einen großen Bogen um diesen tschechischen Ex-Pfarrer machen, an den ich sowieso nicht denken wollte und den ich mir selbst verbot (wie andere sich Süßigkeiten). Matejs Blick von vorhin schoss mir durch den Kopf und störte erneut meine Konzentration, weshalb ich beinahe zur Seite kippte. In dem Augenblick, in dem ich mich wieder fing und im Kopfstand die gestreckten Beine gegengleich nach vorne und zurückgleiten ließ, hörte ich ausgerechnet seine Stimme hinter mir. Himmelherrgott, der Typ war einfach überall.

»Warum überrascht es mich nicht, dich beim Trainieren zu finden? Brauchst du eine Hilfestellung oder einen Sparringspartner?«, fragte Matej ganz unschuldig und trat näher. So nahe, dass ich seine Körperwärme im Rücken spüren konnte, ohne dass er mich berührte.

Meine Stimme blieb ausdruckslos, obgleich mein Herz vor Schreck einen kleinen Satz tat und schneller schlug. »Danke, aber ich bekomme das schon allein hin. Wo sind denn die anderen?«

Damit meinte ich die Jungs Julian und Jayden, Red und natürlich Sir Harmsty, der die Tür bewachen sollte. Der kleine Glitzerfae musste Matej überhaupt erst reingelassen haben. Mieser Verräter.

»Sie haben mich hier abgesetzt und meinten, sie würden noch schnell etwas erledigen, bevor sie hier mit uns den Ausgang der Wahl feiern wollten. Red ist bei ihnen im Gleiter und Sir Harmsty hat sich ebenfalls zu ihnen gesellt. Er hat mir übrigens die Tür geöffnet, falls du dich fragst, ob ich eingebrochen bin«, scherzte Matej und ich konnte das Lächeln in seiner Stimme hören. Man konnte seine gute Laune förmlich aus jeder Pore strömen spüren. Im Gegensatz zu meiner Gefühlslage, die gleichbleibend undefinierbar war. Meinen guten Manieren zuliebe antwortete ich mit einem »Wie nett von ihm«. Hin und wieder musste man Größe zeigen. Ich hoffte, er hatte bei den Worten jedoch das Knurren in meiner Stimme nicht gehört. Sein leises Lachen bewies das Gegenteil.

Statt darauf einzugehen, hörte ich es hinter mir rascheln, bevor er mich erneut fragte: »Also, brauchst du nun einen Sparringspartner?«

Meine Antwort kam postwendend, wenngleich ein bisschen heiser. »Nö, danke. Alles gut.«

Bei dem Gedanken daran, mich von Matej anfassen zu lassen oder mich gar mit ihm hier auf der Matte zu wälzen, rieselte ein Schauer durch meinen Körper. Zuerst eisig, dann lud er sich auf und wurde heißer.

Ein Zittern, das Matej genauso bemerkte, bevor ich nach vorne aus dem Kopfstand plumpste. Schnell packte er meine Hüften und hielt mich mit seinen kräftigen Armen an Ort und Stelle fest.

»Hoppla, nicht umfallen«, flüsterte er.

Nett, es war eigentlich äußerst nett. Wenn man nicht so schmutzige Gedanken wie ich hatte. Denn nun stand mein neuester Gildenkollege dicht an meinem Rücken. Durch den Kopfstand drückte sein Schritt gegen meinen Po, während seine starken Finger meine Hüfte umklammert hielten. Die nun jedoch langsam hinunter- beziehungsweise hinaufwanderten, je nachdem, aus welcher Perspektive man es sehen wollte. Bis sie meine Oberschenkel hielten, sehr nahe an der verbotenen Zone. Seine Berührung ließ einen sehr weiblichen Teil in meinem Inneren erwachen und brachte den empfindlichen Punkt zwischen meinen Beinen zum Prickeln. Im ersten Moment stockte mir der Atem, dann wurde er schneller, genauso wie Matejs.

Einige Sekunden rührte sich keiner von uns, bis ich kleinlaut meinte: »Ähm, du kannst mich wieder loslassen. Danke. Ich bin vom Training ganz verschwitzt …«

»Das stört mich nicht im Geringsten«, erwiderte mein Ex-Geliebter mit belegter Stimme. Eine weitere Schicht meiner eisigen Mauer schmolz dahin. Das Zusammensein mit ihm und seine Worte fühlten sich aber auch zu gut an und ich war so was von erledigt. Langsam knickte mein Wille ein, egal wie heroisch mein gesunder Menschenverstand weiter um die Vorherrschaft kämpfte. »Im Ernst, lass mich runter. Ich bin fertig für heute.«

Diese Worte drangen zu ihm durch, denn schließlich bewegte er sich und ich atmete erleichtert auf. Statt mich loszulassen, beugte Matej sich nach vorne, griff schnell um mich herum und fasste mich fest an der Hüfte. Ich quiekte undamenhaft erschrocken auf, dann verschlug es mir die Sprache. Denn im nächsten Moment erhob er sich und nahm mich mit sich nach oben. Irgendwie waren bei der überraschenden Bewegung automatisch meine Beine um seine Hüften und die Arme um seinen Nacken gewandert. Meine Gliedmaßen hatten sich dort verschränkt, wodurch ich wie ein kleiner flauschiger Koala in seinen Armen lag. Sturmgraue Augen, in denen Smaragde tanzten, blickten erwartungsvoll in meine. So standen wir da, fest aneinandergeklammert, sagten kein Wort und starrten in die Augen des anderen. Eine Sekunde, zwei, drei … Ich war mir nicht einmal sicher, ob wir in dieser Zeit Luft holten. Es war nicht wichtig.

Irgendwas hatte sich verändert. Er war heute zu mir gekommen, um seine Absichten erneut klarzustellen. Jetzt schien es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Wir hatten auf eine imaginäre Pausetaste gedrückt und Matej überließ die Entscheidung, was nach dieser passieren würde, ganz allein mir. Mit einer bewundernswerten Engelsgeduld wartete er und wartete, den leidenschaftlichen Blick fest mit meinem verschränkt. Und das rührte mich tief und gab den Ausschlag. Mein gesunder Menschenverstand verabschiedete sich, mein Körper und meine Sehnsucht gewannen die Oberhand.

Die Pause war vorüber, die Zeit lief wieder weiter – schneller als zuvor. Ich stürzte mich sprichwörtlich auf ihn. Meinen Mund drückte ich auf seinen, meine Finger krallte ich in sein seidiges dunkles Haar. Der Kuss war nicht zärtlich oder zögerlich, sondern pur und anscheinend total umwerfend. Denn auf einmal schwankte Matej überrascht von meiner Attacke nach hinten und stolperte mit einem »Hoppla« über ein Trainingsgerät. Zusammen kippten wir nach hinten und Matej fiel mit mir oben drauf mit einem keuchenden »Autsch« seinerseits und einem »Uff« meinerseits zum Glück auf einen großen Sitzsack, der hinter ihm auf dem Boden gelegen hatte. Glück im Unglück sozusagen. Diese Szene erinnerte mich derart an einen früheren, ähnlichen Sturz mit ihm, dass ich schallend in Gelächter ausbrach, in das Matej einstimmte. Es löste die knisternde Spannung zwischen uns. »Sieht so aus, als könnten wir beide gemeinsam nie lange auf den Beinen bleiben, ohne hinzufallen«, witzelte ich und wollte mich von ihm lösen und aufstehen, bevor wir einen gewaltigen Fehler machen konnten.

Davon schien Matej wenig zu halten und stoppte mein Vorhaben, indem er die Arme um meinen Rücken geschlossen hielt. »Nun, das letzte Mal bin ich auf dir gelandet. Ich muss sagen, dass es mir genauso gut gefällt, wenn du auf mich fällst. Du fühlst dich gut an auf mir.«

»Danke für das Kompliment, allerdings sollten wir es dabei belassen. Tut mir leid, dass ich dich so überfallmäßig geküsst habe. Das war offensichtlich eine Kurzschlusshandlung.«

»Mir tut es nicht leid.«

Mir eigentlich auch nicht. Matej zu küssen war nie das Falsche, sondern fühlte sich vollkommen richtig an, als würde ein Puzzleteil an den rechten Platz gerückt werden. Dieser Platz war aber nicht meiner und auf lange Sicht ein Fehler. Erschöpft seufzte ich schwer. »Was machen wir hier eigentlich? Wir haben bisher nicht darüber geredet.«

Statt eine Antwort zu bekommen, lachte der Mann unter mir auf. Die Vibration spürte ich durch meinen ganzen Körper. Erst nachdem er sich beruhigt hatte, schüttelte er ungläubig den Kopf. »Klar, dass du jetzt darüber reden willst, um abzulenken. Aber weißt du was, ich würde andere Dinge viel lieber tun.«

Wider besseres Wissen fragte ich mit angehaltenem Atem nach: »Ach, und das wäre?«, bevor ich mir rasch auf die Unterlippe biss, im kläglichen Versuch, diese Frage zurückzunehmen.

Sein Blick folgte der Bewegung. »Dich berühren …«, flüsterte Matej, dann strich er mir zärtlich über die Wange und zeichnete mit dem Daumen eine Spur aus Gänsehaut meinen Hals hinab. Ein Daumen, der von all dem Training und den Kämpfen schwieliger war als in meiner Erinnerung.

»Dich fühlen …«, antwortete er als Nächstes und legte die flache Hand auf meine Brust, in der mein heftig schlagendes Herz pochte.

»Dich küssen …«, murmelte Matej dicht an meinen Lippen und ich zog erwartungsvoll die Luft ein. Vielleicht würde mir ja das helfen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Fehlanzeige. Zuerst spürte ich eine zarte Berührung auf meinem rechten, dann auf meinem linken Mundwinkel. Tastend arbeitete er sich heran, bis seine vollen Lippen meinen Mund trafen.

»Dich schmecken …«, war schließlich das Letzte, was ich hörte, bevor er meinen Hals abwärts leckte und sich der letzte Rest meines Denkens verabschiedete. Zuerst breitete sich elektrisierende Gänsehaut auf meinem gesamten Körper aus, die rasch von erwartungsvoller Hitze abgelöst wurde. Das hier fühlte sich zu gut an, um es weiter zu ignorieren, und ich war schließlich auch nur ein Mensch und keine Heilige. Seidige Strähnen kitzelten mich an den Fingerkuppen, als ich in seine dunklen Haare griff, um sein Gesicht nach oben zu lenken. Ich musste ihn ebenfalls schmecken, ihn küssen. Kurz bevor sich unsere Lippen berührten, sah ich in seine Augen, die mich mit Schalk und Erregung darin anblickten. Er wusste so gut wie ich, dass er mich soeben gekonnt verführt hatte. Zum Teufel mit ihm. Egal, im Moment machte es mir nichts aus.

Ich küsste mich an seinem Kiefer entlang, bis zu seinem Haaransatz. Am Ohr angekommen nahm ich das Ohrläppchen zwischen die Lippen, knabberte und rieb daran. Dann sah ich auf sein Ohrläppchen und erkannte das Gildenjägerzeichen, das silbern schimmerte. Matej hatte sich sein Erkennungsmerkmal mit einer speziellen Tinte tätowieren lassen, die ausschließlich bei Wärme und Reibung sichtbar wurde. Ganz schön gewitzt, das musste ich ihm lassen. Erneut knabberte ich daran und konnte nicht widerstehen, leicht hineinzubeißen. Meine Liebkosung brachte mir einen erregten tschechischen Fluch von Matej ein, der mich lächeln ließ. Im nächsten Moment drehte er den Kopf und wir blickten uns in die Augen. Mit den Händen umschloss Matej mein Gesicht und zog mich zu sich heran.

Sein Mund fand meinen, teilte meine Lippen und nahm mich mit einem stürmischen Kuss in Besitz. Während wir uns küssten und unsere Zungen miteinander spielten, tasteten unsere Hände begierig über den Körper des anderen. Wenige Sekunden später flog Matejs störendes Shirt in eine Ecke. Meine engen Trainingsklamotten klebten nach wie vor an mir, deswegen knetete Matej eine Brust durch das Shirt, seine andere Hand wanderte zu meinem Hintern. In dieser leidenschaftlichen Umarmung auf ihm sitzend und küssend, umhüllte mich sein männlicher Geruch nach frischem Gras und herber Waldwiese. Ein Duft, in dem ich ertrinken konnte. Ich konnte nicht genug von ihm bekommen. Von seiner erhitzten Haut auf meinen Handflächen, seinen heiseren Lauten, wenn ich ihn in die Lippen zwickte oder in die Schulter biss, während er mich streichelte. Mein selbst­errichteter Panzer wackelte selten, doch in diesem Moment drohte er einzustürzen. Erzitterte bei jedem weiteren Kuss und Streicheln seiner geschickten Hände. Ich rieb mich an ihm, saugte ihn sprichwörtlich auf und war so kurz davor zu zerspringen.

»Lass dich fallen, ich fange dich auf«, hauchte er mit tiefer Stimme in mein Ohr und als würde mein Körper seinem Befehl gehorchen, ließ ich los. Während ich im Hintergrund sein erregtes Stöhnen: »Himmelherrgott, du machst mich fertig, Nejkrásnější. Du bist mein Untergang«, hörte, zersprang ich in glühender Wonne. Es war perfekt.

So, wie es von Anfang an mit ihm gewesen war, wenn ich losgelassen hatte. Plötzlich waren die Nächte in Tschechien in seinem ausgebauten Dachboden und das Gefühl, Matej in mir zu spüren, viel zu lange her. Nicht nur ein paar Monate, sondern es fühlte sich an, als wäre seitdem ein Leben vergangen. Mit fahrigen Händen nestelte ich an den Knöpfen seiner Jeans. Warme Finger legten sich beschwichtigend über meine. »So gerne ich auch würde, wir müssen das jetzt nicht tun. Ich will nicht, dass du dich gezwungen fühlst.«

»Natürlich müssen wir nicht, aber wir wollen. Ganz eindeutig«, gab ich grinsend zurück und erntete damit eines seiner charmanten Lächeln mit einem wölfischen Blitzen in den dunkelgrauen Augen.

»Dem ist nicht zu widersprechen«, begann er, verlor aber rasch seine Stimme, da ich die Hand über seinen Schritt gleiten ließ. Mit meiner Zärtlichkeit kitzelte ich ihm einen heiseren Fluch aus dem Mund. Nennt mich verdorben, aber irgendwie machte es mich ein wenig mehr an, diese verruchte Seite aus diesem geweihten, guten Mann hervorzuholen. Eine, die ansonsten niemand zu sehen bekam. Zumindest hoffte ich das, denn er gehörte mir.

Huch, wo ist denn dieser Gedanke plötzlich hergekommen? Besitzansprüche waren das Letzte, was ich mir erlauben durfte. Bevor ich meine Gedanken neu ordnen konnte, bewegte sich Matej forscher unter mir und küsste mich leidenschaftlich, bis mein Hirn wie in Watte gepackt war. Eine bessere Ablenkung hätte ich mir nicht wünschen können. Es fühlte sich viel zu gut an. Würde ich je genug von ihm bekommen?

3

Folge nie den Pfaden eines Ex-Pfarrers – du hast ja keine Ahnung, wohin diese führen

Durch einen dichten Nebel klingelte es vertraut in meinem Kopf. Jemand hatte meinen magischen Amethystschutzring um das Haus ausgelöst. Ein Zeichen, das mir eine Warnung hätte sein sollen, wäre ich nicht derart abgelenkt.

Kurz nach dem Klingeln folgte ein Rufen: »Hey, Leute, wo hängt ihr rum?«, das von einem Stock höher kam. Verdammt! Das durfte nicht wahr sein. Hatten die beiden kein eigenes Zuhause oder ein Hobby?

»Wir müssen … aufhören«, japste ich zwischen zwei Küssen und bekam ein zustimmendes Gemurmel »Mhm, gleich … einen Moment« zu hören, bevor er weiter an meinem Schlüsselbein knabberte. Wenig hilfreich. Besonders, da ich selbst nicht aufhören konnte beziehungsweise mein ausgehungerter Körper. Der letzte Sex lag zwei Monate zurück. Lange Wochen, in denen mir jedoch der heiße Mann unter mir jeden Tag wie eine Karotte vor die Nase gehalten worden war.

Erneut hörte ich Jaydens Stimme: »Hallo, hallo, seid ihr hier irgendwo?«, auf die ich am liebsten mit »Nein!« geantwortet hätte. Innerlich betete ich, sie würden gehen und später wiederkommen. Wie so oft wurde mein Flehen nicht erhört und ich fragte mich, warum das mit dem Beten und mir einfach nicht funktionierte, denn es folgte ein Poltern, das von schweren Schritten auf Stufen zu uns nach unten zeugte. Unter mir jammerte Matej leise: »Geht, geht, geht …«, Worte, die mich dann doch zum Schmunzeln brachten. Immerhin war er gesegnet und bei ihm funktionierte das mit der geistigen Verbindung ebenfalls nicht so toll. Im nächsten Moment wurde an die Tür geklopft, die zum Glück klemmte und nicht sofort aufschwang. Dadurch hatten wir Zeit, wie zwei beinahe erwischte Teenager aus­einanderzuspringen. Ich landete katzengleich auf meinen Beinen und zupfte rasch meine Klamotten zurecht. Hingegen kam Matej mit leicht verschleiertem Blick behände auf die Beine und schloss den letzten Knopf seiner Hose, bevor Jaydens grinsendes Gesicht im Türrahmen erschien. »Hab euch gefunden! Wie schön.«

Aber auch nur für dich, dachte ich mir und schnappte flink eine Hantel, um eine Ausrede für meine Kurzatmigkeit und rote Wangen zu haben. Ja, selbst ich geriet noch in Situationen, die mein Gesicht zum Brennen brachten.

»Stören wir euch beide bei einer Sache?«, fragte Julian, der mit seinem GleitRollstuhl in den Trainingskeller schwebte, einen wissenden Blick auf mich gerichtet.

»Nö, wir trainieren nur eine Runde. Ihr wisst schon, mit schweren Gewichten und so Zeugs, das einen so richtig ins Schwitzen bringt«, gab ich beiläufig von mir. Meine klägliche Verteidigung vertiefte das Grinsen der beiden nur.

Klasse gemacht, Jess. Ich machte ein paar halbherzige Oberarmcurls mit der Hantel und atmete übertrieben schwer. In der Zwischenzeit hatte Matej sich ganz beiläufig sein Shirt aus der Ecke geholt, in die wir es vorhin gepfeffert hatten, und saß nun auf der Hantelbank, um zu zeigen, dass er ausschließlich einen Trainingsgrund dafür hatte, halb nackt zu sein. Dumm nur, dass auf der Stange meine Gewichtsscheiben hingen und ich glaubte kaum, dass Matej lediglich mit dreißig Kilo seine Brustmuskeln trainierte. Dasselbe schien Jayden zu bemerken und schlenderte gut gelaunt pfeifend zu dem Ex-­Pfarrer hinüber. Dort beäugte er die Hantelstange, dann Matejs Brust. »Gutes Training, Kumpel? Sieht mächtig anstrengend aus.«

Wortlos zuckte Matej mit den Schultern. Wahrscheinlich wollte er nichts sagen, um eine direkte Lüge zu umgehen, die ihm vermutlich nicht leichtfallen würde. Dafür war er zu ehrlich. Unaufgefordert kam ich ihm zu Hilfe. »Hat eben angefangen. Ihr wisst schon, erster Satz mit wenig Gewicht zum Aufwärmen.«

Mein süßliches Lächeln nahmen mir die beiden nicht ab, da Jayden amüsiert weiterfragte: »Und was ist das da? Sieht aus wie der Biss eines tollwütigen Hundes.«

Sein Blick war auf eine rote Stelle an Matejs Hals geheftet. Im Roller schwebte sein Bruder näher heran und betrachtete mein Bissmal, bei dem man in der Tat fast meine Zahnabdrücke sehen konnte. Oh Mann, keine Ahnung, wie das passiert ist.

»Meine Meinung nach von einer Katze. Aber du hast recht, ganz eindeutig tollwütig«, meinte Julian mit deutlicherem Südstaaten­akzent. Beide kicherten wie kleine Teenager und klatschen einander ab und ich stöhnte Augen verdrehend:

»Werdet erwachsen. Das hier hat nichts zu bedeuten. Hör nicht auf sie, Matej. Die beiden reden oft Stuss.«

Statt zu kontern, hielt Jayden Matej die Hand hin, um ebenfalls mit ihm abzuklatschen, doch dieser stand unbeeindruckt auf und ignorierte das Angebot. »Tut mir leid, mein Freund. So gerne ich mit euch abhänge und dankbar dafür bin, bei euch zu wohnen, werde ich für Witze auf ihre Kosten nicht abklatschen. Jessamine ist eine Lady.«

Mein Herz tat einen Sprung, Lady oder nicht. Die war ich eindeutig nicht. Ach, mein Held in weißer Rüstung. Du kannst einen Pfarrer in eine Jägerkluft stecken, aber du bekommst den guten Mann nicht aus seinem Herzen. Und genau das war der Grund, warum ich nichts mit ihm anfangen sollte. Er war zu gut für mich, ich würde ihn verderben, dann würde er sterben und ich wäre wieder schuld an dem Tod eines Unschuldigen. Mein Herz verkraftete viel, es hatte jedoch seine Grenzen. Diese hier war meine.

Ich räusperte mich. »Ähm, danke für die glorreichen Worte, aber die holde Dame muss sich den Schweiß vom Körper waschen.«

Nach meinen Worten drehte ich mich um und verdrückte mich aus dem Raum, ignorierte Matejs stumme Bitte zu bleiben, um zu reden, und seinen verletzten Blick, während ich zur Tür hinaus eilte. Kurz hörte ich die Treppen hoch noch das Gemurmel der Männer, dann beschleunigte ich meine Schritte und flüchtete ins Badezimmer unter den rettenden warmen Wasserstrahl, der meine widersprüchlichen Gefühle mit sich nahm. Ja, im Davonlaufen war ich große Klasse.

Frisch gewaschen und angezogen kam ich aus dem Badezimmer. Vom Flur aus hörte ich lautes Gemurmel, gut gelauntes Gelächter und wie gewöhnlich das hektische Gezeter meines liebsten Faes Sir Harmsty. Bevor mich die anderen sahen, blieb ich mit dem Blick auf die offene Wohnraumküche stehen und beobachtete das laute Durcheinander vom Rande aus. Red und Rosie standen in der Küche und schnitten meinen Kürbiskuchen mit Kirschfüllung und Mandelstreuseln auf. Sie verzierten den Teller mit bunten Cake Pops, die ich ebenfalls heute Morgen vor der Abstimmung gebacken hatte, um meine Hände zu beschäftigen. Währenddessen nickte Red hin und wieder, da Rosie in ihrer typischen Art unablässig auf sie einredete, zwischendurch gackernd lachte und wie selbstverständlich durch die Küche wirbelte und die anderen bediente, als gehörte sie ihr. Diese Unbefangenheit in meinen vier Wänden hatte ich ihr jahrelang eintrichtern müssen. Um ihre Füße herum wuselten meine Frettchen Billy Joel und Gertrude, in der Hoffnung, einen Happen abzubekommen. Dasselbe erhoffte sich offensichtlich auch Jaydens Bernhardiner Jester, der lang ausgestreckt vor der Küchentür lag und mit großen braunen Augen nach oben stierte, beinahe schon schielend. Das Design der Küche hatte Rosie auf züngelnde Flammen eingestellt. Selbst der große Tisch neben der Küchenzeile flackerte im rot-gelben Schein, an dem Matej und meine Ziehbrüder hockten und Chips sowie Nachos mit Salsa-Dip in sich reinschaufelten. Neben ihnen stand jeweils eine Flasche Bier, nur Julian trank bedächtig einen leckeren Whisky. Vor ihm stand ein zweites Glas, das befüllt war und ausdrücklich meinen Namen rief. Und zwischen allen umher schwirrte Sir Harmsty wie eine aufgeregte Hausfrau und bekrittelte die Krümel am Boden oder die Rüpelhaftigkeit der Menschheit, seine Glorie einfach so zu ignorieren. Dabei zuckten vor Empörung blauviolette Funken rund um seine kleine Gestalt, die seine blaue Löwenmähne – oder Haare genannt – betonten.

Der Anblick der ganzen Szene löste tief in meiner Brust ein warmes Pochen aus, das sich über meinen ganzen Körper ausbreitete.

Heimat ist kein Ort, sondern die Menschen darin.

Ich liebte es, wenn sich alle bei mir einfanden. Ungeachtet dessen hielt es mich nicht davon ab, meine sarkastische Klappe aufzureißen.

»Habt ihr eigentlich kein eigenes Zuhause? Man könnte fast meinen, hier befände sich der Sammelpunkt für kuriose Gestalten«, scherzte ich. Im selben Atemzug bat ich Rosie, den Zitronenkuchen mit Himbeerfüllung aus dem Kühlschrank zu nehmen und aufzuschneiden, damit niemand hungern musste. Drei erwachsene Männer, ein Fae und drei Haustiere verdrückten eine Menge Kalorien am Tag.

»Wir nehmen das als Kompliment«, informierte mich Julian, woraufhin Jayden ihm lächelnd auf die Schulter klopfte. »Ach, Jess-Bär, du liebst es doch, für uns zu aufzutischen. Wir tun dir einen Gefallen, alles zu verspeisen. Und nun lasst uns anstoßen!«

Nähertretend nickte ich grinsend. »Natürlich war das ein Kompliment. Ein großes.«

Genauso stimmte Jaydens Zusatz. Kochen war zugegeben nicht meine große Leidenschaft, die lag beim Backen, aber nachdem Tante Jara damals nach der Trennung ausgezogen war, hatte ich meistens das Kochen für Onkel Héctor und die Jungs übernommen. Es gab mir das Gefühl, einen kleinen Teil als Dankeschön beizusteuern nach all den Jahren, in denen sie sich um mich gekümmert hatten. Dass zu Beginn meiner Kochkarriere des Öfteren verkohlte Steaks oder harte Kartoffeln dabei gewesen waren, musste nicht extra erwähnt werden.