Monstermagie - Lisa Rosenbecker - E-Book

Monstermagie E-Book

Lisa Rosenbecker

0,0
3,99 €

oder
Beschreibung

**Monster zum Verlieben** Ein Monster mit magischen Fähigkeiten adoptieren? In der Welt der 19-jährigen Leah gar kein Problem. Als Inhaberin von "Monsters & Glue" sucht sie für verlassene oder abgegebene Monster eine neue Familie. Aber mit dem friedlichen Alltag ist es vorbei, als zwei seltsame Fremde auftauchen, die sich nach Monstern mit besonderer Magie erkundigen. Allein der mysteriöse Blake, der sich plötzlich ungefragt in Leahs Leben einmischt, scheint mehr über die beiden zu wissen. Doch auch seine Geheimnisse könnten für Leah und ihre Monster gefährlich werden… Dies ist ein in sich abgeschlossener Einzelband.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB



Lisa Rosenbecker

Monstermagie

**Monster zum Verlieben**Ein Monster mit magischen Fähigkeiten adoptieren? In der Welt der 19-jährigen Leah gar kein Problem. Als Inhaberin von »Monsters & Glue« sucht sie für verlassene oder abgegebene Monster eine neue Familie. Aber mit dem friedlichen Alltag ist es vorbei, als zwei seltsame Fremde auftauchen, die sich nach Monstern mit besonderer Magie erkundigen. Allein der mysteriöse Blake, der sich plötzlich ungefragt in Leahs Leben einmischt, scheint mehr über die beiden zu wissen. Doch auch seine Geheimnisse könnten für Leah und ihre Monster gefährlich werden …

Wohin soll es gehen?

Buch lesen

Vita

Danksagung

Das könnte dir auch gefallen

© privat

Biologie studieren, Blog betreiben, Bücher schreiben – So entwickelte sich die Liebe zum Schreiben bei Lisa Rosenbecker. Gelesen hat sie schon immer gerne, aber das Erschaffen von eigenen Welten wurde erst im Studium ein Thema, nachdem sie schon einige Jahre über Literatur gebloggt hatte. In ihrem Lieblingsfach Bio fehlte neben all dem theoretischen Wissen die Magie, die sie daraufhin kurzerhand einfach selbst erschuf und in ihre Bücher verpackte. Heute kann sie sich ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen.

Für alle kleinen und großen Wunder.

1. Kapitel

LEAH

Glue war kurz davor, ihr Urteil zu fällen. Ich erkannte es an ihren zusammengekniffenen smaragdfarbenen Eulenaugen und den leicht aufgeplusterten Federn. Für die Familie Cooper hieß es jetzt Daumen drücken. Denn wenn Glue sich entschieden hatte, gab es kein Zurück mehr. Ich war etwas nervös, aber auch voller Vorfreude, denn dies würde meine erste selbstständig abgewickelte Adoption sein, sollte die Familie sich dazu entschließen, das Monster aufzunehmen.

Unruhig rutschte ich auf dem Schreibtischstuhl hin und her. Es kostete mich all meine Willenskraft, um nicht ungeduldig mit den Fingern auf die Arbeitsfläche meines Schreibtisches zu tippen.

Die Eltern standen mit ihrer sechsjährigen Tochter schon eine Weile vor Leos Holzstall. Sonnenstrahlen tauchten den Platz im Erkerfenster mitsamt dem Stall in warme Farben und untermalten die fröhliche Atmosphäre, die sich auf den Gesichtern der Anwesenden widerspiegelte. Die anderen fünf im Heim lebenden Monster hatten sich von der guten Laune der Coopers anstecken lassen und wuselten vergnügt durch ihre Behausungen, während zwischen Leo und der kleinen Familie die ersten zarten Bande geknüpft wurden.

Leo, ein Hasenwolf mit gefiederten Vogelflügelohren, schnupperte interessiert an den Händen, die die Coopers ihm vorsichtig vor die Nase hielten. Seine Ohren flatterten aufgeregt. Ihn schien die Familie schon überzeugt zu haben. Vor allem das Mädchen, das Leo den Kopf kraulte, was er sonst so gut wie nie zuließ.

Glue, die auf ihrem Beobachtungsposten – einem eingetopften kleinen Baum – saß, beobachtete das Geschehen aufmerksam. Ihre Meinung war das Zünglein an der Waage, wenn es um eine Adoption ging.

Sie drehte ihren braungefiederten Eulenkopf zu mir und blinzelte einmal wie in Zeitlupe. Das war unser Zeichen. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf den Schreibtisch. Genauer gesagt auf den blauen Stiftebecher in der rechten Ecke. Mit einem kaum hörbaren Plopp verwandelte sich ein funktionstüchtiger Bleistift darin in eine unbrauchbare, aber leckere Stange Schokolade. Ich grinste zufrieden. Glues Entscheidung war gefallen. Sie stimmte der Adoption zu.

Wäre der Kugelschreiber Glues Schokoladenmagie zum Opfer gefallen, hätten die Coopers alleine nach Hause gehen müssen. Nun mussten wir nur noch die Wahl der Familie abwarten. Diese – da war ich mir sicher – würde keine Überraschung sein.

Es dauerte gar nicht lange, bis die Coopers an meinen Schreibtisch traten. Die Eltern sahen sich verlegen an und einigten sich wortlos, wer mit mir sprechen sollte. Es war die Mutter, die letztendlich das Wort ergriff.

»Wir möchten gerne Leo adoptieren – wenn wir dürfen«, sagte sie und warf einen freundlichen Seitenblick auf Glue. Die meisten Leute, die sich an Monsters & Glue wandten, hatten schon von ihr und unserem Entscheidungssystem gehört.

Unsere Klienten kamen fast ausschließlich auf Empfehlung in das Heim für Monster, das ich seit Kurzem alleine führte. Hier lebten die Kleinen so lange, bis sie ein neues Zuhause fanden. Es gab keine Homepage und aus Werbung hatte sich Mr Lambers – der ehemalige Besitzer – nie etwas gemacht. Aber es funktionierte auch so und zusammen mit den Leuten, die zufällig auf uns stießen, konnten wir regelmäßig Monster an neue Familien vermitteln. Selten verlief ein Besuch bei uns jedoch so erfolgreich wie heute.

Das Mädchen sah erwartungsvoll zu seiner Mutter auf. Der Vater tippte der Kleinen auf die Schulter und erklärte ihr in Gebärdensprache, was seine Frau gesagt hatte. Das Mädchen nickte nachdrücklich und richtete ihre grünen Kulleraugen auf mich.

»Wie Sie wissen«, setzte ich an, »haben alle Monster bei Monsters & Glue eine kleine Besonderheit. Auch Leo, das habe ich Ihnen ja vorhin schon erzählt. Trotzdem muss ich Sie das jetzt fragen: Macht Ihnen das wirklich nichts aus?«

Die Mutter nickte und lächelte mich an. »Genau aus diesem Grund sind wir zu Ihnen gekommen. Wissen Sie, unsere Hanna hat zwar wie jeder Mensch zwei Ohren, kann aber weder hören noch sprechen. Sie hat sich einen Freund gewünscht, der ihr ähnelt. Und Leo«, sagte sie mit einem verräterischen Glitzern in den Augen, »hat zwei geflügelte Ohren, kann aber trotzdem nicht wie seine Artgenossen fliegen. Die beiden könnten sich also gegenseitig unterstützen.«

Der Vater übersetzte fleißig für seine Tochter, die erneut nickte und vor Aufregung ganz unruhig am Arm ihrer Mutter zappelte. Ich schmunzelte. Es gab keinen Grund, sie weiter auf die Folter zu spannen.

»Das sehen wir auch so. Es würde uns freuen, wenn Sie Leo ein neues Zuhause schenken«, verkündete ich.

Hanna hüpfte vor Freude auf und ab, als sie die frohe Kunde durch die Hände ihres Vaters vernahm. Sie rannte zu Leos Stall zurück und streichelte das Monster. Leo wackelte mit den riesigen Ohren und schien genau zu wissen, was wir besprochen hatten.

Die Eltern seufzten erleichtert und sahen sich glücklich an. Zufrieden legte ich den Coopers die Adoptionspapiere vor und während diese die Unterlagen durchgingen, holte ich aus dem Hinterzimmer eine Transportbox für Leo. Als ich damit zurück in das Heim kam, unterschrieben die Eltern den Vertrag in zweifacher Ausfertigung. Ich platzierte die Box auf meinem Stuhl und unterzeichnete die Dokumente ebenfalls, bevor ich dem Paar eins davon überreichte. Im Gegenzug stellte es mir noch einen Scheck für eine Spende aus, die in meinen Augen allerdings viel zu hoch war. Doch Widerrede half nichts, die Coopers wollten Monsters & Glue gerne unterstützen. Also nahm ich den Scheck dankend an und legte ihn zu dem Vertrag, bevor ich erneut nach der Transportbox griff.

Zusammen mit den Eltern ging ich zu dem kleinen Mädchen hinüber und stellte die Box neben das niedrige Podest im Erkerfenster, auf dem Leos Stall stand. »Mach's gut, Leo«, flüsterte ich meinem Freund zu. Er hopste aus seinem alten Zuhause in die Box. Hanna nahm die rote Decke, auf der Leo am liebsten schlief, aus dem Stall und legte sie neben das Monster. Die beiden passten wirklich gut zusammen.

Dann überreichte ich dem Vater die Transportbox.

»Vielen Dank«, sagte er freudestrahlend.

Plötzlich wurde es still im Raum. Keines der Monster regte sich mehr. Die Eltern sahen sich unsicher um, wussten nicht, was los war. Hanna bemerkte ihre veränderte Haltung und deutete etwas mit den Händen. Das folgende Ritual hatte sich noch nicht herumgesprochen, worüber ich sehr froh war. Man musste es einfach selbst erleben.

»Halten Sie sich die Ohren zu, denn jetzt kommt die Verabschiedung«, riet ich den Eltern und presste die Hände auf meine Ohren. Den beiden blieb nur noch Zeit für einen verwirrten Blick, dann legten die Monster los und stimmten ein Lied an.

Ihre unterschiedlichen Stimmen mischten sich zu einem sirenenartigen Gesang, der an manchen Stellen gut, an manchen gar nicht zusammenpasste. Es war eine fröhliche, Trommelfell zerlegende Melodie, in der wohl viele gute Wünsche eingewebt waren.

Die Eltern zuckten zusammen und auch Hanna schien zumindest die Vibrationen der Luft wahrzunehmen. Schließlich lächelten alle drei, weil man einfach nicht anders konnte, und verließen mit einem letzten Winken und einem glücklichen kleinen Wesen das Heim.

Nach einem kurzen ruhigen Moment setzte das allgemeine und angenehme Gebrabbel der Monster wieder ein. Mit einem fröhlichen Seufzen und einem leisen Fiepen in den Ohren setzte ich mich an den Schreibtisch und heftete die Kopie des Adoptionsvertrages ab. Glue flatterte auf die Tischplatte und sah so zufrieden aus, wie eine Eule es nur sein konnte.

»Das war eine sehr gute Entscheidung, meine Liebe.« Ich kraulte sie am Kopf und Glue schloss verzückt die Augen. Die Eule wusste genau, wie jedes einzelne Monster hier drauf war und was es für ein erfülltes Leben brauchte. Es waren vor allem die richtigen Menschen. Schade nur, dass es Tage wie heute viel zu selten gab.

Beschwingt und auch ein bisschen stolz auf meine erste abgeschlossene Adoption ohne Mr Lambers, säuberte ich Leos Stall und räumte ihn in das Hinterzimmer. Dann wischte ich das Podest im Erkerfenster. Ich sah hinaus auf die Straße und die Leute, die von Geschäft zu Geschäft gingen und flüchtige Blicke in unser Heim warfen. Die Cartref Road lag im Stadtzentrum und war immer gut besucht. Neben Monsters & Glue gab es hier viele Geschäfte und kleine Läden, die unterschiedliche Waren und Dienstleistungen anboten. Im Gegensatz zu den anderen war bei uns allerdings wenig los.

Ob wir heute noch einmal so ein Glück haben würden wie mit Leo? Unwahrscheinlich. Ich drehte mich zu meinen zurückgebliebenen Monstern um. Sie freuten sich ehrlich füreinander, wenn einer von ihnen vermittelt wurde, aber natürlich blieb auch ein bisschen Wehmut zurück. Darüber, nicht selbst ausgewählt worden zu sein.

Es schmerzte mich, dass bisher nicht alle von ihnen ein neues Zuhause gefunden hatten, denn ich wusste genau, was es hieß, nicht ausgesucht zu werden. Was es bedeutete, wenn ein Heim das einzige Zuhause war, das man hatte.

Meine Gedanken wanderten zu Mr Lambers und seinem Vermächtnis: das kleine Heim, das nun mir gehörte und das mir am Herzen lag wie sonst nichts auf dieser Welt. Den einzigen Platz in Bwystfilwood für Monster mit vermeintlichen Makeln.

Es war traurig, wie sie teilweise behandelt wurden. Die meisten Menschen wollten nützliche Monster wie feuerspuckende Wachhunde; prestigeträchtige wie Drachen oder solche, die einfach schön aussahen und am besten auch funkelnde Magie wirken konnten. Sobald eines nicht perfekt war, wurde es uninteressant für Leute mit weniger Herz als die Coopers. Deswegen saßen sie hier, meine Monster. Sie waren ausgesetzte, im Heim abgegebene oder zwangsbeschlagnahmte Wesen, die in die Hände der falschen Besitzer geraten waren. Entsprechend hatte jedes der noch verbliebenen Monster eine unschöne Vorgeschichte.

Ich schüttelte den Kopf über die Intoleranz und Herzlosigkeit, die mir durch sie viel zu oft vor Augen geführt wurde. Ich konnte nicht mehr tun, als ihnen ihr Übergangs-Zuhause so schön wie möglich zu gestalten. Das war auch Mr Lambers' Philosophie gewesen. Er hatte Monsters & Glue vor knapp zwei Jahren nach der freiwilligen Kündigung seiner Lehrerstelle gegründet, diesen ehemaligen Laden gemietet und verschiedene Behausungen gebaut, die in großen Regalfächern an der Wand standen. Je nach Bedarf konnte man sie an die Bewohner im Heim anpassen oder austauschen. Verbunden waren sie – soweit möglich – durch Leitern und Rutschen und gewährten den Monstern damit möglichst großen Spielraum. Nur Monty war etwas eingeschränkt, da er als Krake an ein Aquarium gebunden war. Was ihn aber nicht davon abhielt, sich in das Geschehen einzumischen.

Dieser Gedanke brachte mich auf eine Idee. Was wir nun alle gut gebrauchen konnten, war eine gemeinsame Aktivität. Etwas, das uns auf andere Gedanken brachte.

»Ich schlage vor, dass wir zur Feier des Tages heute eine lange Filmnacht veranstalten. Was meint ihr? Das Popcorn geht selbstverständlich auf mich.«

Die Rückmeldung verursachte mir erneut ein Fiepen in den Ohren und brachte mich zum Lachen. Ich kannte meine kleinen Allesfresser eben und mit einem schönen alten Krimiklassiker konnte ich sie immer aufmuntern.

***

Als sich kurz vor Feierabend die Eingangstür erneut öffnete, sah ich mit einem überraschten Lächeln auf. Ein Mann in einem feinen dunkelblauen Anzug trat über die Schwelle und ließ die Tür sanft ins Schloss fallen. Ich erhob mich und begrüßte den doch eher ungewöhnlichen Besuch. Menschen in Anzügen kamen nur äußerst selten hierher. Und in einem solch teuer aussehenden schon gar nicht. Dazu war unser Heim »nicht exklusiv« genug, wie Mr Lambers mir mit einer Portion Ironie bereits zu Beginn meiner Arbeit bei ihm zu verstehen gegeben hatte. Und die Monster entsprachen mit ihren kleinen Makeln meist auch nicht den Vorstellungen dieser gut betuchten Kunden. Der Mann vor mir sah aber trotz seines Anzuges nicht so aus, als ob er sich bei uns unwohl fühlen würde. Als er näher kam, entdeckte ich an seinem Kragen eine kleine goldene Brosche, auf der ein Wappen abgebildet war, das ich allerdings nicht kannte. Ich lenkte meinen Blick wieder zum Gesicht des Mannes, der mit seinen warmen braunen Augen einen sympathischen und offenen Eindruck machte.

»Willkommen bei Monsters & Glue. Wie kann ich Ihnen helfen?«

Der Mann erwiderte mein Lächeln.

»Sind Sie Miss Leah Mint, die Besitzerin dieses Heims?«, wollte er wissen.

»Ja, das bin ich. Was kann ich für Sie tun?«, antwortete ich nun doch etwas verunsichert. Was wollte der Mann von mir? Wegen der Monster war er augenscheinlich nicht hier, er hatte ihnen nicht mal einen flüchtigen Blick zugeworfen.

Der Mann schob eine Hand unter sein Jackett und zog schwungvoll einen Umschlag daraus hervor, den er mir reichte.

»Miss Mint, ich habe einen Brief von Mr Aelfric Waystone für Sie. Außerdem habe ich von ihm den Auftrag bekommen, Ihre Antwort direkt entgegenzunehmen.«

Ohne den Mann aus den Augen zu lassen, nahm ich das Schreiben an mich. Wer verfasste denn heutzutage noch Briefe?

Als ich mich mit der Nachricht in der Hand nicht weiter rührte, nickte der Mann aufmunternd und faltete die Hände hinter dem Rücken. Er wartete.

»Okay«, erwiderte ich leicht verwirrt und öffnete den Umschlag. Ich zog eine Klappkarte heraus, unterschrieben von Mr Aelfric Waystone, Leiter der Privatschule Bwystfilwood Hall. Ich stockte. Dort war Mr Lambers als Lehrer tätig gewesen. Der Name des Schulleiters war bei den wenigen Erzählungen über seine Zeit an der Einrichtung ein paar Mal gefallen. Ich erinnerte mich daran, weil – nun ja. So einen Namen vergaß man nicht so schnell.

Das Papier fühlte sich fest an und wirkte sehr edel. Am oberen Rand der Karte entdeckte ich ein Wappen. Es zeigte einen Löwen auf einem Schild, umrandet von Zweigen, einer Schärpe und einer Krone. Unter dem Bild, in fein geschwungenen Lettern, stand der Name der Schule.

Ich blickte zu dem Überbringer der Nachricht auf. Seine Brosche zierte dasselbe Wappen. Er hatte sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegt. Die Monster beachteten ihn kaum, nur Glue beäugte den unerwarteten Gast aufmerksam. Ja, dieser Mann wirkte definitiv wie jemand, der im Auftrag der bekanntesten und zugleich geheimnisvollsten Privatschule von Bwystfilwood hergekommen war.

Neugierig las ich den Brief. Es war eine Einladung zu einem Treffen in Bwystfilwood Hall. Mr Waystone bat mich ihn am kommenden Tag um vier Uhr nachmittags auf einen Kaffee zu besuchen. Vermutlich wollte er mit mir über Mr Lambers reden. Aber ich in den heiligen Hallen der sagenumwobenen Schule?

»Ich weiß nicht mal den Weg dorthin«, führte ich meine Gedanken laut fort und richtete sie an den namenlosen Mann. Sicherlich kannte er den Inhalt des Briefes, wenn er auf eine Antwort warten sollte.

»Ich werde Sie um halb vier abholen und im Anschluss an Ihr Treffen mit Mr Waystone wieder nach Hause bringen.«

»Das nenne ich Service«, antwortete ich amüsiert. Dieses Mal erwiderte der Mann das Lächeln nicht.

»Nehmen Sie die Einladung an?«

»Wäre ein ›Nein‹ denn eine Option?«

Der Mann richtete sich auf.

»Natürlich. Niemand will Sie zu etwas zwingen.« Er klang empört.

»Es ist nur … Ich weiß nicht, worüber Ihr Arbeitgeber mit mir sprechen will. Ich kenne ihn nicht.«

»Soweit ich weiß, möchte er gerne sein Beileid zum Tod von Mr George Lambers ausdrücken. Ich im Übrigen auch. Es tut mir sehr leid.«

»Danke. Kannten Sie ihn?«

Der Mann nickte. »Er war ein sehr geschätzter Kollege. Auch von Mr Waystone. Vermutlich wird er Ihnen genau das sagen wollen.«

Ich ließ mich auf meinen Stuhl sinken und betrachtete die Karte und das Wappen.

»Aber warum? Er kennt mich doch gar nicht. Wieso interessiert es ihn, was ich denke?«

»Trauer heilt man am besten gemeinsam. Ein Treffen zum Kaffee und geteilte Erinnerungen an eine verstorbene Person mögen sich oberflächlich anhören, aber sie helfen. Glauben Sie mir.«

»Soll es ihm helfen oder mir?«

»Vermutlich Ihnen beiden.«

Ich ließ meine Finger über das Papier gleiten. Seit dem Tod von Mr Lambers vor zwei Wochen hatte ich bisher mit niemandem außer unserer Nachbarin Mrs Rainwater darüber geredet. Die Monster und ich saßen ab und an zusammen, doch das zählte wohl kaum als Gespräch. Es würde keine Beerdigung geben und auch keine Trauerfeier. Mr Lambers, im Herzen für immer ein Naturwissenschaftler, hatte seinen Leichnam der Wissenschaft überlassen.

Da nach der Krebsdiagnose ziemlich schnell klar gewesen war, dass mein Chef sterben würde, hatte ich vorher Lebewohl sagen und mich mit der Situation abfinden können. Bisher hatte ich auch geglaubt, dass mir das einigermaßen gelungen war, auch wenn ich oft an Mr Lambers dachte und mir dabei jedes Mal Tränen in die Augen traten. Es war einfach so scheißunfair. Nur danebenstehen und nichts tun zu können, war einfach mies. Jedes Mal, wenn sich sein Bild in meine Gedanken schlich, überkam mich eine Mischung aus Trauer und Wut. Ich wünschte mir, er wäre hier. Ich schluckte den Kloß im Hals hinunter, als mich bei diesem Gedanken die Gefühle überfielen. So viel dazu, dass ich damit umgehen konnte. Vielleicht würde es mir tatsächlich helfen, darüber zu reden. Und wenn ich damit jemandem etwas Gutes tun konnte, warum nicht?

»Ich nehme die Einladung an.«

»In diesem Fall sehen wir uns morgen, Miss Mint. Auf Wiedersehen.« Ich winkte ihm zum Abschied. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ging. Zu spät fiel mir auf, dass ich vergessen hatte ihn nach seinem Namen zu fragen. Der Brief hatte mich wohl mehr aus der Bahn geworfen, als ich zugeben wollte.

»Ihr habt es gehört, ich werde morgen kurz verschwinden. Ich rufe Mrs Rainwater an, damit sie solange auf euch aufpasst.«

Als der Name der älteren Dame fiel, horchten die Monster auf. Mrs Rainwater hatte eine Schwäche für Monster und – das machte sie bei ihnen besonders beliebt – Kekse. Wenn die ehemalige Besitzerin des kleinen Cafés gegenüber uns besuchte, versorgte sie uns immer mit einem vollen Glas, damit auch niemand zu kurz kam. Ein paar Mal war sie auch schon als Monstersitterin eingesprungen. Vor allem im letzten halben Jahr, als Mr Lambers und ich unterwegs gewesen waren, um seinen Nachlass zu regeln. Ich konnte ihr das Heim guten Gewissens anvertrauen, vorausgesetzt, ich hing nicht an meinen eigenen Keksen.

»Ich sehe schon«, sagte ich, als ich in die strahlenden Gesichter meiner Monster blickte, »ich tue euch einen Gefallen, wenn ich euch mit ihr alleine lasse.«

Ihr unschuldiges Glucksen brachte mich zum Lachen, als ich nach dem Festnetztelefon griff, um Mrs Rainwater anzurufen.

***

Als ich die Heimtür am Abend zuschloss und die Rollläden herunterließ, tat ich dies mit einem Kopfschütteln. Der Tag heute war ungewöhnlich betriebsam gewesen. Ein ruhiger Abend mit einem guten Film war nun genau das Richtige.

Ich holte eine leere Kiste aus dem Hinterzimmer und platzierte sie in der Mitte des Raumes. Ich stellte meinen Laptop darauf und richtete ihn zu den Regalen hin aus. Während die Monster es sich in ihren Behausungen gemütlich machten, flitzte ich in meine Wohnung über dem Heim und schob eine Packung Popcorn in die Mikrowelle. Mit einer vollen Schüssel eilte ich zurück und rückte meinen Schreibtischstuhl in Position. Ich verteilte die Knabberei und behielt auch etwas für mich. Nachdem ich auf Play gedrückt hatte, setzte ich mich und machte es mir bequem. Glue ließ sich auf der Stuhllehne nieder und ich reichte ihr das Popcorn an. Die Titelmelodie ging unter dem Geräusch des Geknabbers fast unter, aber mit dem ersten Wort im Film verstummten wir. Nun musste ein Mörder entlarvt werden. Fast zwei Stunden später war es so weit und ich blickte in die müden, aber zufriedenen Gesichter von fünf kleinen Detektiven.

Es war Zeit, das Heim sowie seine Bewohner für die Nacht fertig zu machen. Dabei nahm ich mir immer Mr Lambers und seine Freude am Arbeiten zum Vorbild. Für die Monster war mein Gutenachtkuss immer das Beste an der ganzen Sache. Bei Robbie war das mit dem Kuss zuweilen etwas schwierig. Er war ein zur Hälfte unsichtbares Chamäleon, wobei die sichtbare Körperhälfte ständig wechselte oder sogar auch mal ganz verschwand. Er liebte es, mich damit aufzuziehen. Den Kuss bekam er am Ende trotzdem.

Nuvo machte keine solchen Späße und schwebte mir sogar entgegen. Bei ihm handelte es sich um ein Wolkenwesen, das leider ab und an etwas reines Wasser verlor. Mit seiner Magie konnte das an Zuckerwatte erinnernde Monster Erinnerungsmurmeln erschaffen. Eine lange und anstrengende Prozedur.

Die beiden waren die Ersten, denen ich gute Nacht sagte, nachdem ich alles an seinen Platz zurückgeräumt und den Boden gekehrt hatte.

Danach war Pebbles an der Reihe – ein pinkes, etwa handballgroßes fluffiges Wesen mit lila Augen. Aufgeregt hüpfte sie auf ihren zwei dünnen Beinen in ihrem Puppenhaus herum. Pebbles litt unter unkontrollierbaren Krampfanfällen, die sie die Beherrschung über ihre Bewegung verlieren ließen und ihr weiches Fell in eines aus Stacheln verwandelten. Ihre Behausung war aus diesem Grund mit Schaumstoff ausgekleidet, in dem sie stecken blieb, wenn sie im Schlaf einen Anfall bekam. Auf diese Weise konnte sie keines der anderen Monster ungewollt verletzen, was ihre größte Sorge war. Ich musste mich jeden Abend versichern, dass die Polsterung auch an ihrem Platz war, ehe sie sich endgültig schlafen legte. »Alles in bester Ordnung«, flüsterte ich, nachdem ich mich prüfend umgesehen hatte. Ich strich ihr über das Fell.

»Schlaf gut.«

Glue hatte sich auf ihren Baum zurückgezogen und die Augen schon halb geschlossen. Monty war der Letzte, dem ich eine gute Nacht wünschte. Er erhob sich aus dem Wasser, damit auch er einen Kuss auf den Kopf bekam.

»Träum was Schönes.«

Mit seinen Tentakeln zupfte er sein rosa Tutu zurecht und legte sich schlafen. Oder schwamm sich schlafen? Ich musste das endlich recherchieren.

Ich löschte das Licht und öffnete die Tür zum Treppenhaus, das in meine neue »Behausung« führte. Die kleine Wohnung direkt über dem Heim hatte mir Mr Lambers zusammen mit Monsters & Glue überschrieben. Nach neunzehn Jahren war mir mein erstes eigenes Zuhause geschenkt worden, was ich immer noch nicht glauben konnte. Auch wenn der Preis dafür ein sehr trauriger war. Gerade mal ein Jahr lang war ich bei ihm angestellt gewesen, als er vor zwei Wochen starb.

Nach der Diagnose war ihm noch ein halbes Jahr geblieben, in dem er sich gemeinsam mit mir um alles gekümmert hatte. Bis zu seiner letzten Woche war er noch recht fit gewesen und hatte gemeinsam mit mir im Heim gearbeitet, wobei ich die meiste körperliche Arbeit übernommen hatte. Als er mich kurz nach seiner Diagnose gefragt hatte, ob ich das Heim übernehmen möchte, war ich zwar überrascht und ein wenig überwältigt gewesen, hatte aber keine Sekunde gezögert. Mr Lambers und ich hatten uns nicht lange gekannt und doch waren wir und die Monster zu einer ganz besonderen und vielleicht auch eigenwilligen Familie geworden. Vom ersten Tag an war er wie ein Onkel für mich gewesen, der mir beigebracht hatte, wie man ein Geschäft führte, und immer für mich da gewesen war, wenn ich ihn brauchte. So eine Beziehung war Neuland für mich gewesen, doch ich glaubte, dass wir beide daran gewachsen waren. Wir hatten uns gut ergänzt, viel zusammen gelacht.

Das wahnsinnig große Vertrauen, das er mir mit der Erbschaftsfrage entgegengebracht hatte, erfüllte mich auch heute noch mit Stolz. Es hatte mir das Selbstbewusstsein geschenkt, das ich lange nicht hatte aufbringen können. Ich kämpfte zwar auch heute noch mit der Angst vor der Verantwortung, doch ich hatte mir geschworen die Monster nie im Stich zu lassen. Und daran würde ich mich halten. Immer.

Woher ich diese Überzeugung nahm, war mir selbst manchmal schleierhaft, aber es beruhigte mich zu wissen, dass ein Teil von mir scheinbar genug Kampfgeist besaß, um aufkommende Zweifel immer wieder auszuräumen. Die Leah, die vor ihrem Job bei Monsters & Glueexistiert hatte, wäre bei der Aussicht auf so viel Verantwortung vermutlich weinend zusammengebrochen. Aber diese Person war ich nicht mehr. Ich hatte sie mit all den schlechten Erinnerungen zurückgelassen. Für sie war in meinem jetzigen Leben kein Platz.

Auch in meiner neuen Wohnung hielt ich mich an diesen Grundsatz und hatte alle alten Erinnerungsstücke gar nicht erst ausgepackt. Die neue Unterkunft war weder besonders groß noch schick eingerichtet, aber sie war ganz und gar mein. Hier konnte ich tun und lassen, was ich wollte. Keine aufgezwungenen Mitbewohner, die mich nervten, oder Leute vom Jugendamt, die mir auf die Finger schauten. Niemand redete mir rein oder versuchte mich zu ändern. Ich hatte, genau wie die kleinen Monster, meine Macken und Mängel, aber hier interessierte das keine Menschen- und keine Monsterseele. Ich konnte einfach ich sein. Hier war ich zu Hause.

Ein mulmiges Gefühl stieg in mir auf, als ich an das kommende Gespräch mit Mr Waystone dachte. Auch wenn der namenlose Mann nichts gesagt hatte, bestand die Möglichkeit, dass der Schulleiter über Monsters & Glue reden wollte. Er würde doch sicherlich nicht seine wertvolle Zeit opfern, nur um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Warum sollte er auch? So selbstlos, wie sich das bei dem Mann angehört hatte, war er sicherlich nicht. Um das zu glauben, hatte ich leider schon zu oft herbe Enttäuschungen erlebt, vor allem im Heim und in der Schule. Einladungen zum Spielen hatten sich als Fallen entpuppt und waren damit geendet, dass man mich beschimpft oder auch gerne irgendwo eingesperrt hatte. Freundschaften waren nur mit der Absicht angeboten worden, mich dazu zu bringen, die Hausaufgaben für andere zu erledigen, anschließend hatte man mich nicht mehr beachtet. Seither war ich äußerst misstrauisch gegenüber scheinbar gut gemeinten Angeboten. Auch wenn ich jedes Mal mit neuem Mut an solche Dinge herangehen wollte, war da doch dieses Bauchgrummeln, das mich warnte.

Vielleicht erhob Mr Waystone irgendwelche Ansprüche, die Mr Lambers mir verschwiegen hatte. War das von ihm angelegte Geld, dessen Zinsen alleine ausreichten, um das Heim noch jahrelang zu finanzieren, vielleicht nur geliehen? Ich war einfach davon ausgegangen, dass es Mr Lambers gehörte. Aber was, wenn dem nicht so war?

Ich würde es früher oder später erfahren.

Solange konnte ich nur hoffen, dass Mr Waystone mich nicht zu sich eingeladen hatte, um den Monstern und mir das einzige Zuhause zu nehmen, das wir kannten.

2. Kapitel

LEAH

Monster waren Langschläfer.

Wie jeden Morgen war es mucksmäuschenstill, als ich das Heim betrat und die Rollläden hochzog. Und wie jeden Morgen wurde mein Hereinplatzen mit unzufriedenem Gegrummel, Seufzern und Blubbern bestraft.

»Aufstehen! Ein neuer Tag wartet auf uns!«, rief ich, was mir jede Menge böse Blicke einbrachte. Doch es dauerte gar nicht lange, da hatten sie sich alle den Schlaf aus den Augen geblinzelt und saßen erwartungsvoll in ihren Behausungen. Es war Zeit für das Frühstück. Jeder von ihnen bekam das für sich und seine Magie passende Futter, wobei die Monster generell alles aßen. Aber wie wir Menschen brauchten sie ab und an etwas Gesundes.

Nachdem das Frühstück erledigt und die Kleinen herausgeputzt waren– zumindest deren sichtbare Teile, bei Robbie konnte ich nur spekulieren–, war es an der Zeit, das nächste Erker-Monster auszuwählen. Neben den großen Regalen, in denen die Behausungen der Monster standen, existierte nur eine freie Stelle auf dem Podest im Erkerschaufenster. Mehr Platz stand uns leider nicht zur Verfügung, um die Monster für die Besucher besser »präsentieren« zu können. Alle bis auf eines mussten sich mit den Behausungen im Inneren des Heims zufriedengeben. Leo hatte die letzten drei Tage im Erker verbracht und nun konnte ein neues Monster benannt werden, das diesen für die kommende Woche belegte. Ich stellte mich vor die Kleinen im Regal. Ehrfürchtige Stille breitete sich aus.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!