Moosgrundmorde: Krimi - Horst Bieber - E-Book

Moosgrundmorde: Krimi E-Book

Horst Bieber

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2019
Beschreibung

Drei Frauen, die sich anscheinend nicht gekannt haben, wurden in einem Haus im "Moosgrund" erschossen aufgefunden. Kein Motiv – und auch ein Serientäter ist nicht wahrscheinlich. Die ermittelnde Oberkommissarin Karin Mirbach kommt nicht weiter. Erst als die Schlagzeilen der Boulevardpresse davon berichten, dass eine der ermordeten Frauen früher die Büroleiterin des Landesinnenminister war, schaltet der sich ein und setzt aus dem LKA den Hauptkommissar Leo Steiger in Marsch. Steiger ist eine Art "Allzweckwaffe für verkorkste Fälle". Mirbach und Steiger gelingt es mit akribischer Recherche einen Zusammenhang herzustellen, dass der Tod dieser drei Frauen kein Zufall war und dass sie ihre Bekanntschaft untereinander verheimlichten. Doch der Tod dieser drei Frauen ist erst der Anfang. Es soll noch schlimmer kommen. Ein Skandal um die kommunale Müllverbrennungsanlage "Lommerfeld", weil die MVA auch Müll aus Süditalien verbrennt und ein Sprengstoffanschlag, sind die weiteren Folgen. Doch Mirbach und Steiger haben sich fest in den Fall verbissen und wollen auch nicht so schnell aufgeben – auch wenn sie selbst ein mieses Spiel treiben müssen, um den wahren Tätern auf die Spur zu kommen!

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Seitenzahl: 301

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Horst Bieber

Moosgrundmorde: Krimi

Cassiopeiapress Thriller/ Edition Bärenklau

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Moosgrundmorde

Kriminalroman von Horst Bieber

 

 

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress

www.alfredbekker.de

[email protected]

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

 

Cover & Layout: Steve Mayer, 2014

Lektorat: Antje Ippensen

 

 

Drei Frauen, die sich anscheinend nicht gekannt haben, wurden in einem Haus im “Moosgrund” erschossen aufgefunden.

Kein Motiv – und auch ein Serientäter ist nicht wahrscheinlich.

Die ermittelnde Oberkommissarin Karin Mirbach kommt nicht weiter.

Erst als die Schlagzeilen der Boulevardpresse davon berichten, dass eine der ermordeten Frauen früher die Büroleiterin des Landesinnenminister war, schaltet der sich ein und setzt aus dem LKA den Hauptkommissar Leo Steiger in Marsch.

Steiger ist eine Art „Allzweckwaffe für verkorkste Fälle“.

Mirbach und Steiger gelingt es mit akribischer Recherche einen Zusammenhang herzustellen, dass der Tod dieser drei Frauen kein Zufall war und dass sie ihre Bekanntschaft untereinander verheimlichten.

Doch der Tod dieser drei Frauen ist erst der Anfang. Es soll noch schlimmer kommen. Ein Skandal um die kommunale Müllverbrennungsanlage „Lommerfeld“, weil die MVA auch Müll aus Süditalien verbrennt und ein Sprengstoffanschlag, sind die weiteren Folgen. Doch Mirbach und Steiger haben sich fest in den Fall verbissen und wollen auch nicht so schnell aufgeben – auch wenn sie selbst ein mieses Spiel treiben müssen, um den wahren Tätern auf die Spur zu kommen!

 

 

PERSONENVERZEICHNIS

Leo Steiger, Kriminalhauptkommissar im LKA

Karin Mirbach, Kriminaloberkommissarin

Anja Schönauer, ermordet im Alter von 31 Jahren

Christa Reggl, ermordet im Alter von 33 Jahren

Edelgard Dahlbrück, ermordet im Alter von 44 Jahren

Alexander Schönauer, Unternehmer (42 Jahre alt)

Norbert Dahlbrück, Kaufmann (38 Jahre alt)

Meike Dorn, Cousine (35) von Christa Reggl, Apothekenhelferin

Kurt Zabeck, Reviervorsteher in Wehrhofen

Udo Tschakowiak, Leiter der Polizeiabteilung im Landes-Innenministerium

Franz Holler, Bruder von Edelgard Dahlbrück

Nico Thaler, Leiter des Ressorts Landespolitik bei der Landeszeitung, vorher landespolitischer Korrespondent

Heike Moellner, Ressortleiterin Landespolitik beim Tageblatt

Arnulf Simmering, Staatssekretär im Innenministerium

Dieter & Monika Rilke, Nachbarn der Anja Schönauer

Gisela Klein, früher Spielwarenverkäuferin bei Dahlbrück, heute Norberts Freundin.

Herta Klein, Giselas Schwester, Küchenhilfe

Linda Becker, Kosmetikerin und Teilhaberin im Salon Aphrodite

Martin Lohmeyerbaut und verkauft Hebetechnik

Sina und Tina Möller, Bedienungen im Mühlencafé

 

 

1.

Beim Chef vom Dienst der Landeszeitung herrschte das gegen Mitternacht übliche Gewühle. Zuviele Menschen drängten sich in den Raum, sprachen laut durcheinander, wollten dies und das geregelt haben, wobei jeder sein besonders wichtiges Anliegen mit entsprechender Lautstärke vortrug oder sich auch so benahm, als liege der Andrucktermin der Zeitung noch in weiter, weiter Ferne. Gerlach hatte es aufgegeben, etwas dagegen zu unternehmen. Man konnte das Chaos nicht organisieren oder musste es durch Unordnung ersetzen. So blockierte zwar einer den andern, aber jeder wusste im Grunde, was er zu entscheiden hatte und deswegen lichtete sich das Durcheinander nach geheimnisvollen Regeln immer gerade noch rechtzeitig.

Dann wurde die Zimmertür aufgerissen und eine Frau rief mit überschnappender Stimme. "Hier ist es. In einem guten Archiv geht nichts verloren."

"Man findet es nur manchmal nicht wieder", bollerte Gerlach. "Lass mal sehen!"

"Unsinn!", parierte Ingrid Ziegler. "Es dauert nur manchmal etwas länger."

Die Zieglerin war für ihr phänomenales Bilder-Gedächtnis in der ganzen Redaktion berühmt. Sie hatte behauptet, es gebe eine Aufnahme von der Amtseinführung des Ministers, auf der Christa Reggl mit ihm zu sehen sei. Und siehe da, ihr Gedächtnis hatte wieder einmal nicht getrogen. Aber irgendeiner hatte das auf Fotopapier abgezogene Bild in eine falsche Mappe gesteckt und Ingrid musste suchen gehen.

2.

Leo Steiger seufzte, aber nur leise. Der Alte brauste rasch auf, das war im Ministerium bekannt, und besonders heftig, wenn er sich im Unrecht wusste. Auch jetzt stieg ihm eine verdächtige Röte in den Nacken.

"Also stimmt, was in den Zeitungen steht?"

"Also stimmt was?"

"Dass diese Reggl einmal die Büroleiterin unseres verehrten Innenministers war?"

"Ja, das stimmt, aber den Job hatte sie schon vor langer Zeit aufgegeben."

"Dann haben Sie sie also gekannt?"

"Was heißt schon gekannt? Ich bin drei- oder viermal mit ihr zusammengetroffen. Sie wissen doch, ich gehe allen Politikern gern aus dem Weg und mein oberster Boss hier im Haus ist und bleibt der Staatssekretär."

Und mit dem Kunstliebhaber und -sammler Arnulf Simmering verstand sich der Alte, wie der Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium allgemein genannt wurde, ausgezeichnet. Aber Steiger ließ nicht locker. "Aber Sie werden doch einen Eindruck von ihr gewonnen haben. Tüchtig und fleißig? Eine graue Maus? Unauffällig, der gute Geist hinter den Kulissen?"

Tschakowiak prustete laut los. "Graue Maus, unauffällig? Mein lieber Steiger, als ich erotisch sozialisiert wurde, nannte man solche Frauen noch heißblütig, zumindest temperamentvoll. Sie war alles andere als eine graue Maus. Sehr tüchtig, sehr fleißig, sehr zuverlässig, aber so, wie sie körperlich gebaut und psychisch gestrickt war, absolut unfähig, hinter den Kulissen zu wirken, sie agierte ausschließlich auf der Bühne, möglichst nahe an der Rampe. Und wenn sie dann mit ihrem bewundernswerten Po wackelte, richtete jeder Beleuchter seinen Scheinwerfer auf sie."

"Zur Freude des Ministers?"

"Das kann ich nicht beurteilen, jedenfalls zum wachsenden Verdruss seiner Marie-Luise, die er später geheiratet hat. Und die von ihm verlangte, diese Frau aus seiner unmittelbaren Nähe zu entfernen. Was er dann auch getan hat. Seine Büroleiterin wechselte in die Freie Wirtschaft. Und auf ihren Stuhl im Ministerbüro folgte ein farbloses Männlein, ein typisches Parteigewächs, grau und blutarm."

"Hatte die Reggl Feinde?"

"Wahrscheinlich."

"Gibt es keinen Hinweis auf das Motiv, sie und die beiden anderen Frauen zu erschießen?"

"Wenn ich die Akten richtig gelesen habe - kein Hinweis."

"Dann gibt es anscheinend auch keine heiße Spur?"

"Nein. Nichts. Die Mirbach, die die Untersuchungen leitet, ist noch dabei, jeden einzelnen Stein zum zweiten Mal umzuwenden, aber sie ist in den drei Wochen keinen Schritt weitergekommen. Tatort und Tatwaffe haben nichts verraten. Indizien, Zeugen, Spuren - alles Fehlanzeige. Kennen Sie die Mirbach?"

"Flüchtig, aus einem Seminar über Spurenrekonstruktion und Spurensicherung."

"Eine tüchtige Frau, intelligent, umsichtig, erfahren." Tschako lobte nicht gerne, und Frauen erst recht nicht, wie Steiger wusste. Also machte man der Mirbach keine Vorwürfe wegen der geringen Fortschritte. "Sie schreibt übrigens hervorragende Berichte. Da merkt man noch, wer früher viele richtige Bücher gelesen hat."

"Na schön, sie ist also der Aufklärung keinen Schritt nähergekommen. Was soll ich dann da?"

"Ihr helfen und der Opposition den Wind aus den Segeln nehmen. Haben Sie heute Morgen den Kommentar in der Landeszeitung gelesen?"

Die etwas langweilige, sehr seriöse Landeszeitung stand, was jedermann wusste, der oppositionellen Bürgerunion nahe und ließ keine Gelegenheit verstreichen, der Regierungskoalition aus Sozialer Volkspartei und Liberaler Mitte eins auszuwischen.

"Kanitz war ziemlich empört und hat Simmering angespitzt. Es müsse alles unternommen werden, um den Fall aufzuklären, und als Simmering ihm später erklären musste, dass eine ganz normale Gruppe aus dem Referat 11 des Präsidiums mit dem Fall befasst sei, ist unser leicht cholerischer Innenminister im Quadrat gesprungen. So ginge das aber nicht, er wünsche, dass sofort das Landeskriminalamt eingeschaltet werde. Deswegen sitzen Sie hier."

"Warum ist der Minister so nervös?"

"Im nächsten Jahr wird gewählt, Steiger. Die Vorbereitungen des Wahlkampfes haben längst begonnen, Kanitz hat dieses Problem Lommerfeld geerbt und meint, damit trage er bereits sein politisches Päckchen. Die Büchsenspanner sind schon am Werk und die Dreckschleuderer heben bereits die Schützengräben aus."

"Ich bin also das LKA, das sich einmischt?"

"So ist es, fleißig, tüchtig, erfolgreich, zäh und mit jener fortune begabt, die Friedrich der Große von seinen Generälen erwartete."

"Wenn ich mich nicht irre, hat ja auch nicht er, sondern sein Bruder Heinrich die wirklich wichtigen Schlachten für Preußen gewonnen."

Der Alte biss für ein paar Sekunden die Zähne zusammen, bevor er gefährlich leise erklärte. "Steiger, Sie sollen keine Klischees beseitigen, sondern herausfinden, welcher Vollidiot drei Frauen erschossen hat. Und das sollen Sie bitte leisten, ohne Staub aufzuwirbeln."

"Chef, Sie gestatten mir die Bemerkung, dass bei diesem Wetter von Staub keine Rede sein kann, allenfalls von Pulverschnee."

Tschakowiak lief puterrot an. "Raus!", brüllte er. "Die Mirbach wartet auf Sie im Wehrhofener Revier. Und drüben weiß Rotteck Bescheid."

"Und Sie zeichnen wie üblich meine Spesen ohne Nachfragen ab?"

Provozieren konnte man den Alten nicht. Wenn er die Absicht merkte, wurde er von einer Sekunde auf die andere ruhig wie ein Grabstein, griff nach der Zigarrenkiste und begann, wohlig stöhnend, darin zu grabbeln. Das Riechen an dem ausgewählten Exemplar, das Anschneiden und Anzünden war ein Ritual, bei dem er sich nicht stören ließ. Steiger betrachtete ihn schmunzelnd. Er saß nicht das erste Mal im Allerheiligsten und wurde auf eine Mission geschickt, an der "wichtige Leute" ein wie auch immer geartetes, auf jeden Fall "großes Interesse" hegten, das sie freilich nicht publik machen wollten. Tschakowiak konnte ihm viel von bevorstehenden Landtagswahlen erzählen, viel wahrscheinlicher war, dass der Innenminister, dessen hemmungsloser Ehrgeiz sich herumgesprochen hatte, Freunden wie Feinden keinen Anhaltspunkt bieten wollte, sich ihm in den Weg zu stellen.

Mit drei Zügen konnte der Alte sein großes Zimmer blau einnebeln, und als Steiger, dem es langweilig wurde, einmal kräftig hustete, knurrte Taschakowiak: "Schon verstanden. Gehen Sie los und lösen Sie den Fall! Bitte kein Aufsehen und schöne Grüße an Karin Mirbach. Trösten Sie ruhig eine geknickte Seele. Ach, und fast hätte ich's vergessen: Sie berichten nur mir und zwar nur mündlich."

Steiger verkniff sich die Frage, ob der Alte denn nun die dazu nötigen Spesen abzeichnen werde. Und wer stellte den für die Moosgrundmorde zuständigen Staatsanwalt ruhig?

Der lange Flur zum Treppenhaus und den Aufzügen war mit braun-grünen Fliesen ausgelegt, auf denen seine Schritte widerhallten. Im Landeskriminalamt auf der anderen Straßenseite wurden schon gewaltige Intrigen gesponnen, aber kein Vergleich mit dem Innenministerium und seinen Seilschaften.

3.

Kriminaldirektor Rotteck hatte sich gewundert, als Tschakowiak ihn anrief und informierte, dass er Leo Steiger aus dem Landeskriminalamt wegen der sogenannten Moosgrundmorde in Marsch setzen würde. Nur als Hilfe für die Oberkommissarin Karin Mirbach, nein, das LKA habe nicht das geringste Interesse daran, verantwortlich und in eigener Regie die Aufklärung des Falles zu übernehmen, zumal ja nichts darauf hindeute, dass die Bluttat einen politischen Hintergrund habe oder irgendwie die Interessen des Landes tangiere.

Rotteck hatte zustimmend gegrunzt. "Also was steckt dahinter, außer reiner Nächstenliebe?"

"Unter Brüdern? Mein Minister meint, er habe mit dem Lommerfeld schon genug Ärger am Hals und will der Opposition nicht noch weitere Munition liefern, über mangelhafte Polizeiarbeit, fehlende Kompetenz, falsche Konzepte zur Inneren Sicherheit und so weiter. Sie wissen ja, wie zartfühlend und sachlich die Opposition mit den Staatsorganen umzuspringen pflegt."

4.

Wehrhofen lag im äußersten Südosten der Stadt und grenzte schon an das Vorgebirge. Das stattliche und reiche Dorf war vor sieben oder acht Jahren eingemeindet worden, und etwa zu der Zeit war Steiger das letzte Mal in Wehrhofen gewesen. Er erinnerte sich noch gut an das farbige Herbstlaub der Wälder und an seine schmerzenden Waden, während Jutta lief und lief und nicht aufhören wollte zu laufen. Eigentlich war sie immer in Bewegung und an dieser Rastlosigkeit war schließlich - nicht nur, aber auch - ihre Beziehung gescheitert. Kurz nach der Eingemeindung wurde auch die S-Bahn-Verbindung vom Hauptbahnhof in der Stadtmitte nach Wehrhofen fertiggestellt, und danach ging die Rechnung der Stadtväter auf. Junge Familien konnten sich in Wehrhofen noch Grundstücke leisten und bauen. Der Vater konnte, ob mit oder ohne Kilometerpauschale für das eigene Auto, auch mit der Bahn in die Stadtmitte und darüber hinaus bis in den Hafen und das angrenzende Industriegebiet am Kanal fahren.

Dort war jetzt viel Kurzarbeit angesagt. Denn seit Mitte Januar herrschte Dauerfrost, Eisbrecher hielten mühsam eine schmale Fahrrinne offen. Besonders kritisch war die Lage für das Kraftwerk am Hafen, das mit Steinkohle betrieben wurde und dank einer ausgedehnten Kraft-Wärme-Kopplung auch große Teile der Innenstadt mit Heizungswärme versorgte. Die Kohlereserven waren fast aufgebraucht und neuer Brennstoff musste über den zugefrorenen Fluss transportiert werden, weil auch die Bahn überall mit frostbedingten Schienenbrüchen und Schneeverwehungen an den Weichen zu kämpfen hatte. Die Lage wurde allmählich kritisch; denn auch bei Diesel, Benzin und Heizöl gingen die Vorräte zur Neige.

Sonst war von dem Jahrhundertwinter wenig zu merken. Die Straßen waren schon lange trocken gefahren und an die grauweißen Schneehäufchen und an die Schneewälle hatte man sich gewöhnt. Seit zwei Tagen schien sogar eine fahle, kraftlose Sonne aus einem verwaschen hellblauen Himmel. Nur in Rüthen, dem letzten Stadtteil vor Wehrhofen, direkt am Fluss gelegen, sah man die Eisschollen und in Ufernähe die Frachtkähne, die es aufgegeben hatten, sich weiter durchzukämpfen.

Kein vernünftiger Mensch konnte der Kriminaloberkommissarin Karin Mirbach einen Vorwurf daraus machen, dass sie in diesem durch und durch verrückten Fall nicht weitergekommen war. Es fehlte an allem: An Zeugen, an Spuren, an einem halbwegs überzeugenden Motiv. Wenn man einen geistesgestörten Täter ausschloss - und gegen die Annahme eines Trieb- und Serientäters sprach einiges -, existierte nicht einmal eine Hypothese, was sich am Freitag, den 15. Januar, im Haus Moosgrund Nummer 10 in Wehrhofen abgespielt haben mochte. Drei Frauen waren erschossen worden, alle drei Opfer hatte der Täter nach dem Tod vollständig ausgezogen, sich an ihnen aber nicht vergangen: Stoff genug für die Sensationspresse, die sich zu ungeheuren Speku­lationen verstieg (nur die Außerirdischen waren noch nicht bemüht worden), danach zwei Wochen lang Polizeibeschimpfung betrieben hatte und nun das Interesse zu verlieren schien. Heute, am 12. Februar, etwa vier Wochen nach der Tat, gab es nur eine Neuigkeit. Gestern hatte das Morgenecho, die Lokalvariante der BILD-Zeitung, veröffentlicht, dass eines der Opfer, Christa Reggl, einmal die Büroleiterin des Innenministers Frank Kanitz gewesen war.

Tageblatt und Landeszeitung hatten die Meldung heute aufgegriffen, und die Landeszeitung, die ein hervorragendes Bild-Archiv besaß, hatte sogar ein Foto ausgegraben, das Innenminister Frank Kanitz bei der Amtseinführung mit seiner Bürochefin Christa Reggl zeigte.

Das Schild "Polizeirevier Wehrhofen" war seit Monaten nicht mehr geputzt worden, es hatte das trostlose Grau des schmalbrüstigen zweistöckigen Spitzgiebelhauses angenommen, das ersichtlich einmal bessere Zeiten erlebt hatte, aber nun seine 150 bis 200 Jahre nicht verleugnen konnte. Die Eingangstür klemmte, und das schrille Kreischen des Fußbleches auf den Fliesen ersetzte perfekt jede Klingel. Gleich rechts neben dem Eingang stand eine Tür offen. Ein handgeschnitztes Gatter mit einem rötlich schimmernden breiten Oberholz teilte den schmalen, dämmrigen Raum. Hinter der Schranke saß ein breitschultriger Mann mit eisengrauen Haaren vor einem Computer; er tippte langsam und bedächtig mit zwei Fingern und schien über die Unterbrechung gar nicht böse. Noch weiter hinten war ein jüngerer Beamter damit beschäftigt, Schriftstücke zu sortieren und in Aktenordner einzuheften.

"Guuten Taach", grüßte der Grauhaarige in dem gedehnten Dialekt der Gegend.

"Guten Tag. Mein Name ist Steiger, Leo Steiger vom LKA, ich bin hier mit Frau Mirbach verabredet."

"Ja, sie ist oben. Freut mich, Sie kennenzulernen, Herr Hauptkommissar. Ich heiße Zabeck, Kurt Zabeck, und bin der Reviervorsteher von Wehrhofen. Ein Fossil noch aus der Zeit vor der Eingemeindung. Das ist mein Kollege Meinfried Jahn.

Sie schüttelten sich die Hände, und Steiger ließ sich nicht anmerken, dass er Zabecks forschenden Blick bemerkt hatte. Er kannte das Vorurteil der Kollegen vom Land gegen die Städter, er wusste auch, dass es Zabeck wahrscheinlich wurmte, jetzt mit dem LKA zusammenarbeiten zu sollen, aber weil Steiger klar war, dass er die Orts- und Personenkenntnisse des Reviervorstehers unter Umständen brauchen würde, ertrug er die Musterung mit Geduld. Der jüngere Jahn schien unkomplizierter zu sein.

"Die Tür gleich rechts neben der Treppe." Entschuldigend setzte er hinzu: "Es ist alles sehr eng bei uns."

"Das macht nichts. Vielen Dank, ich geh' dann mal hoch."

Die schmale Treppe knackte, knarrte und schwankte, einige Stufen waren tief eingesunken, als wollten sie jeden Moment brechen. Im LKA hätte Steiger für solche Umstände Gefahrenzulage beantragt. Er klopfte an die wuchtige, aber ziemlich schief in den Angeln hängende Tür, und eine helle Stimme rief: "Herein!"

Karin Mirbach hatte große und klare Augen, über deren Farbe - grau oder blau - er sich auch bei ihrer ersten Begegnung nicht hatte schlüssig werden können. Vielleicht hatte er ihr deswegen so oft in die Augen schauen müssen, was ihr eindeutig nicht gefallen hatte. Die Augen beherrschten das schmale, sanfte Gesicht, und bei Zorn oder Trotz konnten sie sich verschleiern. Keine einfache Kollegin, das hatte nach der ersten Sekunde festgestanden, und bei etwas schlechtem Willen durfte man sie wohl widerspenstig nennen. Ihre dunkelblonden Haare schienen sich zu sträuben, wenn sie die Lippen zusammenpresste. Aus der Akte wusste Steiger, dass sie 35 Jahre alt war, ledig, kinderlos und eine geübte Pistolenschützin. Sie trug einen dicken, grob gestrickten Schwedenpullover, dessen Rollkragen ihre Kinnspitze verdeckte, und die Hosenbeine ihrer Cordjeans hatte sie in ein paar kräftige Stiefel gesteckt. Jetzt hauchte sie kurz auf die Finger. Das winzige Zimmerchen war lausig kalt, obwohl die Heizung weit aufgedreht schien und pausenlos blubberte und knackte. An den Fensterscheiben hatten sich riesige Eisblumen gebildet, und von der Tür her zog es wie Hechtsuppe. Mit zwei Schreibtischen, zwei harten Stühlen und einem wackligen Aktenbock war der Raum fast schon überfüllt. Bei jeder Bewegung knarrten die breiten geölten Dielenbretter. Es war eine schäbige Dienststelle, ein schäbiger Raum und ein schäbiges Mobiliar. Die farbenprächtigen Poster mit Südseestränden und Palmen betonten nur noch, dass die Tapete schon seit Jahren total ausgebleicht und verschossen war.

Alles so schäbig wie der Fall!

Nachdenklich sah Steiger sie an, und sie erwiderte seinen Blick mit Gleichmut. Kratzbürstig, aber nicht leicht zu erschüttern.

"Wo fangen wir an?", fragte er halblaut.

"Das müssen Sie entscheiden, Sie sind doch jetzt der Boss."

Am liebsten hätte er geseufzt, aber weil er ihren Widerstand spürte, lächelte er schmal: "Gut, dann beginnen wir die Ermittlungen mit zwei Portionen Kaffee. Wenn ich erfroren bin - was nicht mehr lange dauern kann -, kommen wir auch nicht weiter."

"Ganz, wie Sie wünschen."

Einmal musste es ausgesprochen werden, und deshalb setzte er sich aufrecht hin: "Frau Mirbach, ich trinke meinen Kaffee gern in halbwegs entspannter Atmosphäre. Und darum werden wir jetzt erst einmal die Fronten zwischen uns klären."

"Ach ja? Welche Fronten denn, Herr Steiger?"

Noch wollte er sich nicht ärgern. "Ich habe mich nicht um diesen Einsatz gerissen, Tschakowiak hat mich einfach abkommandiert. Als Einzelkämpfer, ohne Mannschaft, mit nur einer Direktive, nämlich keinen Staub aufzuwirbeln. Und Sie wissen genau, warum."

"Ich vermute es."

"Diese Christa Reggl hatte - Beziehungen."

"Das weiß ich, ich lese Zeitung", knurrte sie. Tatsächlich, sie verstand laut zu knurren. Wie schön! Tränen konnte er nämlich nicht ausstehen.

"Der Herr Innenminister Frank Kanitz, der für uns alle zuständige Dienstherr, ist nicht gewillt, den Mord an seiner hochgeschätzten ehemaligen - hm - Mitarbeiterin ungesühnt zu lassen. Und weil das Kriminalreferat 11 nach vier Wochen noch keinen Täter präsentiert, weil andererseits das bislang äußerst unerfreuliche Presseecho nachzulassen beginnt, wurde ich damit beauftragt, gründlich und unauffällig Ihre Arbeit zu prüfen. Denn darauf läuft es hinaus, und auch das muss ich Ihnen nicht erzählen."

"Nein, müssen Sie nicht." Sie strich ihre Haare glatt. "Den besten Kaffee gibt's drüben im Mühlencafé."

Wehrhofen hatte im Ortskern noch etwas von seinem dörflichen Charakter bewahrt, weil man vernünftigerweise den Bahnhof jenseits des Wehrenbaches angelegt hatte. Der alte Dorf- oder Wagenplatz war trapezförmig gestaltet und mit buckligen Wackersteinen gepflastert. Steiger beglückwünschte sich, dass er feste Schuhe mit rutschfesten Profilsohlen angezogen hatte. In der Mitte des Platzes stand ein Brunnen, eine Mischung aus Pferdetränke und gewaltig missglückter Imitation der Trevi-Fontäne, jetzt abgestellt und dick mit Eis gepanzert. Rund um den leicht ansteigenden Platz entdeckte Steiger alle wichtigen Gebäude, Amtshaus aus dem 18. Jahrhundert, Kirche mit Pfarrhaus, ehemaliger Getreidespeicher und Weinschober, in denen früher die Abgaben an den Landesherrn gelagert wurden, Polizeistation - im ehemaligen Haus des Dorf-Meiers der Grafen vom Höchlingen untergebracht -, der unvermeidliche Gasthof zur Post, die Postagentur war bestimmt in einem Supermarkt außerhalb untergebracht, die Schwanen-Apotheke, daneben sogar ein Kosmetikstudio Aphrodite, und eine Spar- und Darlehenskasse. Die vollständig erhaltene und mit viel Liebe und noch mehr Farbe renovierte Zeile von Fachwerkhäusern entlang des Wehrenbaches, die nach Norden den Platz säumte, zierte gelegentlich Werbeprospekte für das "romantic Germany".

Gleich hinter den Gärten dieser "romantic Germany buildings" umrundete der Wehrenbach den Rabenstein, einen niedrigen, aber schroffen Felsbuckel, auf dessen Gipfelplateau ein großes und renommiertes Burg-Hotel recht geschickt um die Reste der alten Rabenburg herum gebaut worden war.

"Im Sommer muss es hier sehr schön sein", murmelte er, und sie nickte unverbindlich: "Ja, sehr."

Der hellgraue gefrorene Schnee störte jetzt die Postkarten-Idylle.

Das Mühlen-Café überraschte ihn. Ein riesiges Fenster nahm fast die ganze Hinterfront ein und gab den Blick frei auf das Wehr mit den beiden mächtigen unbeweglichen Wasserrädern, die jetzt vor Eis glitzerten, und, wenn man sich etwas bückte, auf den frostigen Rabenstein am anderen Ufer. Dagegen strahlte die flotte junge Bedienung eine tiefsitzende innere Wärme aus, die sich auch in ihren Bewegungen äußerte, was Steiger mit berufsmäßiger Neugier registrierte. Die junge Dame zeigte, was sie hatte, und das weiße Shirt saß sehr stramm über einem großen, festen Busen. Noch auffälliger waren die hellbrünetten, fast blonden Haare und die großen, dunkelbraunen, beinahe schwarzen Augen. Der enge Rock ließ schmale Hüften erkennen; mit ihrer Figur hätte sie problemlos auf einen Laufsteg gehen können. Steiger fiel auf, dass die Kollegin Mirbach unwirsch die Stirn runzelte, als sie der jungen Dame nachschaute.

Gut die Hälfte der runden Tischchen mit den Marmorplatten war besetzt. Steiger grinste: "Sie mögen unsere flotte Bedienung nicht leiden, was?"

"Ehrlich gesagt, nicht sehr. Sie macht auf mich den Eindruck einer Amateurnutte, und ich denke mir, sie weiß mehr über das, was hier in Wehrhofen sozusagen unter der Decke abläuft, als sie bislang ausgepackt hat. Sie ist ziemlich verschwiegen, und der Dreifachmord erschüttert sie nicht die Spur."

"Erzählen Sie mir bitte, was nicht in den Akten steht? Die habe ich übrigens noch nicht vollständig gelesen."

Sie suchte erst nach einer Brille und hob dann beide Hände. "Das ist leider nicht viel. Wir stecken in einer Sackgasse. So ziemlich alles ist ungeklärt. Wir haben kein Motiv, keinen Hinweis auf den oder die Täter, keine Spuren, keine Zeugen. Wir wissen noch nicht einmal den genauen Zeitpunkt der Tat oder Taten." Sie betrachtete geistesabwesend die Bedienung, die flink und strahlend Kännchen und Tassen ablud. Das Schildchen auf dem Shirt verriet, dass sie Sina hieß. "Die Opfer waren alle nackt?"

"Ja. Aber es gab keine Spur einer versuchten oder vollendeten Vergewaltigung oder eines sexuellen Missbrauchs, weder zu Lebzeiten noch nach dem Exitus, und deshalb ist die Rechtsmedizin zu dem Schluss gekommen, dass hier ein Notzucht-Verbrechen vorgetäuscht werden sollte. Oberbekleidung und Wäsche lagen übrigens neben den Leichen und waren unbeschädigt."

"Auch Ihre Meinung?"

"Ja und nein. Ich denke mir, der Täter hat in den Kleidungsstücken was gesucht, und das konnte er leichter und gründlicher in den ausgezogenen Sachen tun."

"Aber was kann eine Frau in einem Slip verbergen? Oder den ganzen Tag im BH mit sich herumtragen? Warum sollte sie das tun?"

"Ich weiß es nicht. Es könnte ein Zettel mit einer Telefonnummer gewesen sein oder ein herausgerissenes Foto aus der Zeitung oder der Chip aus einer Digitalkamera."

"Sind hier im Ort oder in der näheren Umgebung mal Frauen oder Mädchen überfallen oder belästigt oder missbraucht worden?"

"Nein, davon ist nichts bekannt." Sie setzte ihre Brille ab und musterte ihn unfreundlich. "Das alles müssen Sie Zabeck fragen. Der ist, was die Geschichte des Ortes hier und seiner Bewohner betrifft, ein lebendes Lexikon."

"Na gut, dann zum Fall der Moosgrundmorde."

Sie fingerte an ihrer schmalen Brille, die ihr sehr gut stand und den Eindruck von freundlicher Gründlichkeit verstärkte. "Ich glaube, ich sollte Ihnen etwas über den Ort respektive Stadtteil erzählen."

"Warum das, Frau Kollegin?"

"Weil ich den Eindruck nicht mehr loswerde, dass es eine Rolle spielt." Plötzlich lächelte sie:" Weil ich keine Fakten besitze, muss ich mich auf meine Eindrücke verlassen. Wehrhofen ist - oder besser: war - ein reiches, aber verschlafenes Nest. Landwirtschaft, etwas Weinbau, etwas Tourismus. Und das Burg Hotel auf dem Rabenstein. Das änderte sich erst, als die S-Bahn fertig wurde."

"Und die Städter kamen?"

"Ja. Die Wehrhofener sind gespalten. Den Geschäftsleuten gefallen die neuen Kunden und Bewohner natürlich, auch jenen Bauern, die ihr Land günstig verkauft haben oder für die S-Bahn günstig enteignet worden sind. Aber die Mehrheit der Wehrhofener will mit den Neuen nichts zu tun haben, und deswegen ist das Dorf in zwei Lager gespalten. Wir können gleich mal durch den Ort laufen, und dann werden Sie sehen, dass Alt-Wehrhofen und Neu-Wehrhofen auch räumlich deutlich getrennt sind."

"Die neuen Häuser stehen alle jenseits des Wehrenbaches?"

"Ja, ein Teil im sogenannten Trockental. Der Bach stellt so etwas wie eine Demarkationslinie dar."

"Der Tatort liegt auch im Trockental, nicht wahr?"

"Ja. Aber Sie müssen sich noch etwas gedulden, es braucht noch mehr Heimatgeschichte. Das Trockental liegt, wenn Sie mal durchs Fenster schauen, links vom Rabenstein. Heute ist es zugebaut, bis zur Waldgrenze, und der Wald, das Tobeler Gehölz, darf nicht angeknabbert werden, weil dort ein Trinkwasser-Einzugsgebiet ausgewiesen ist. So! Das Trockental wurde zuerst bebaut, es ist sozusagen Alt-Neu-Wehrhofen."

So recht begriff er nicht, warum sie so weit ausholte, aber weil er nicht wollte, dass sie sich wieder verspannte, brummte er zustimmend. Doch sie ahnte wohl etwas und verzog kurz den Mund: "Leider spielt das eine Rolle, Herr Steiger. Die Trockental-Siedlung ist fast zehn Jahre alt, die damals frisch gepflanzten Bäume sind gewachsen, die Hecken sind jetzt hoch und dicht."

"Ich verstehe."

"Wenn Sie nun noch einmal den Kopf drehen - rechts vom Rabenstein, am sogenannten Gleidener Hang, entsteht ein neuer Ortsteil." Gegen den Himmel zeichneten die jetzt unbeweglichen Baukräne ein gestochen scharfes Filigran-Muster. "Dort hatte auch Christa Reggl ein Reihenhaus gekauft, das wohl Ende April bezugsfertig wird, wenn das Wetter nicht noch mehr Kapriolen schießt."

"In Neu-Neu-Wehrhofen sozusagen."

Wenn sie lächelte, war sie sogar charmant. "Ja, genau. Vom Trockental zum Gleidener Hang gibt's nun zwei Verbindungen. Entweder fährt man links vom Rabenstein über den Bach, dann hier durch den alten Ortskern und im Osten wieder über eine Brücke, die schon außerhalb der früheren Ortsgemarkung liegt. Der zweite Weg ist eine schmale Straße, die - von uns aus gesehen - hinter dem Rabenstein vorbeiführt, kurvenreich und hügelig, weil sie die Ausläufer des Rabensteins durchquert. Und den Rabensteiner Wald."

"Also eine Verbindung der beiden neuen Ortsteile, die Alt-Wehrhofen nicht berührt."

"Ja. Vielleicht spielt das eine Rolle. Auf dieser Straße herrscht so wenig Verkehr, dass viele Leute bei schönem Wetter dort spazierengehen und Kinder ungefährdet Roller und Rad fahren. Gut denkbar, dass auch der Täter seinen Wagen in den Baustellen des Gleidener Hangs abgestellt hat und von dort zu Fuß zum Schönauer-Haus im Moosgrund, ins Trockental, gelaufen ist. Das Auto der Reggl stand jedenfalls an der Einmündung des Moosgrundes in die Bachstraße. - Nein, nein, wir haben keinen Zeugen aufgetrieben, der sie am Freitag, den 15. Januar, nachmittags an dieser Stelle gesehen hat. Vergessen Sie bitte nicht, es dämmert immer noch sehr früh am Nachmittag.

"Haben Sie eine Ahnung, wann sie ihren Wagen dort abgestellt haben könnte?"

"Nein. Leider überhaupt keine. Sie hat an dem Freitag die Firma gegen fünfzehn Uhr dreißig verlassen, da dämmerte es schon, eine Kollegin hat noch kurz mit ihr an der Ausfahrt aus der Tiefgarage gesprochen. Wohin sie dann gefahren ist - Fehlanzeige."

"Moment mal, Frau Kollegin. Sie haben eben gesagt, dass sie dicke Wollsocken und feste Schuhe getragen hat. Mit so was fährt doch eine Frau nicht unbedingt ins Büro. Vor allem nicht im eigenen Auto. Und wenn doch, wo hat sie ihre Bürostrümpfe und -schuhe gelassen und sich umgezogen?"

"Nicht schlecht für einen Mann", lobte sie unerwartet spöttisch, "leider ist die Reggl mit festen Schuhen und warmen Socken ins Büro gekommen, weil sie am Vormittag ein Gelände am Fluss besichtigen sollte, auf dem die Firma eine neue Auslieferungshalle bauen will. Sie war in Rüthen, hat die Baufirma gewaltig aufgemischt und sich dann von der Gruppe verabschiedet, sie müsse noch was fürs Wochenende einkaufen ... ja, die Lebensmittel haben wir zum Teil in ihrem Wagen in einer Kühltasche etwas lädiert, ansonsten noch frisch aufgefunden. Sie ist also nach dem Büro nicht mehr nach Hause gefahren; ich hätte mir an ihrer Stelle wegen der Lebensmittel auch keine Sorge gemacht. Wenn der Motor nicht lief, herrschten im Kofferraum schnell Kühlschranktemperaturen. Wir wissen übrigens auch nicht, ob der Besuch bei der Schönauerin länger geplant war oder kurzfristig vereinbart wurde."

"Kannten sich denn die beiden Frauen?"

"Auch das wissen wir nicht."

"Haben Sie die Telefonverbindungen kontrolliert?"

"Natürlich." Ein unfreundlicher Blick streifte ihn. "Es gibt keinen Beleg dafür, dass die drei Frauen jemals miteinander telefoniert haben, weder auf ihren Festnetz-Apparaten noch auf ihren Handys. Und wenn sie sich geschrieben haben sollten, sind die Postkarten oder Briefe vernichtet. Telegramme haben wir nicht gefunden. Selbstverständlich haben wir uns die gespeicherten Mails aller Festplatten angesehen: Kein Hinweis darauf, dass sie auf diesem Weg Kontakt miteinander hatten."

"Dann sind sich die Opfer zufällig im Haus der Schönauerin begegnet?"

Ihre Haare sträubten sich sichtbar, als sie die Stirn runzelte. "Wenn sie sich überhaupt begegnet sind. Nach den Zeiten, die uns die Rechtsmedizin geliefert hat, ist es sogar möglich, dass Nr. Eins tot war, als Nummer zwei im Moosgrund eintraf, und Nummer Zwei schon ermordet war, als Nr. Drei das Haus betrat."

"Aber wenigstens die Reihenfolge der Mordfälle steht fest?"

"Darauf würde ich keinen müden Euro verwetten. Ich zeig's Ihnen nachher." Steiger schüttelte ungläubig den Kopf.

"Kennen, vermuten, ahnen Sie einen Anlass, einen Grund, ein Motiv, warum Christa Reggl an dem Freitagnachmittag Anja Schönauer besuchen wollte?"

"Nein. Ich habe Ihnen die Ortsgeschichte nicht nur aus Lokalpatriotismus erzählt. Die Alt-Wehrhofener bleiben unter sich, die Alt-Neu-Wehrhofener im Trockental meiden die Neu-Neu-Wehrhofener am Gleidener Hang."

"Kompliziert", stöhnte er, und ihr schmales Lächeln erreichte ihre Augen nicht, was ihm nicht entging. Der Kaffee war stark und weckte seine Lebensgeister. "Apropos Lokalpatriotismus. Wohnen Sie hier in Wehrhofen?"

"Nein, in Stadtteil Kreden. Ich erfriere hier im Revier nur, um nicht immer bis ins Präsidium fahren zu müssen."

"Ah ja."

"Dann zu Anja Schönauer. Sie ist - sie war 31 Jahre alt, seit acht Jahren verheiratet und lebte seit gut fünf Jahren getrennt von ihrem Mann. Genauer gesagt: Der war aus dem Haus im Moosgrund ausgezogen und hatte sich eine Eigentums-Wohnung am Köhlergarten gekauft. Übrigens weigerte sie sich, in die Scheidung einzuwilligen - behauptet er. Sagen allerdings auch sein und ihr Anwalt. Und er will auch partout nichts über Anjas Freunde und Bekannte aus der Zeit nach der Trennung wissen."

"Wie steht's mit den Nachbarn?"

"Die wissen noch weniger. Herr Steiger, die blöden Journalisten haben aus dem Haus eine Villa gemacht, in Wahrheit ist es eine Doppelhaushälfte, nicht klein, aber auch nichts Besonderes. In der anderen Hälfte wohnt ein Ehepaar Rilke - ja, ja, wie der Dichter. Dieter und Monika Rilke. Kinderlos, ein unfreundliches, freudloses, verkniffenes Paar. Er arbeitet in Rüthen in einer Möbelfabrik, sie in Syden in einem Supermarkt. An dem Freitag hatten sie sich mit einem anderen Ehepaar in der Innenstadt zum Kino, zum Essen und anschließenden Bowling verabredet, und als die Rilkes am Freitag gegen Mitternacht nach Hause kamen, war in der Schönauerschen Hälfte alles still und dunkel."

"Was die Rilkes nicht verwundert hat."

"Nein, gar nicht. Vor allen Fenstern der Schönauer-Hälfte gibt es feste Rollläden, man kann also auch nicht zufällig ins Haus schauen und etwas mitbekommen. Von Anfang an haben die Rilkes offen zugegeben, dass sie mit Anja Schönauer nicht gut ausgekommen und beide Parteien sich aus dem Weg gegangen sind. Wenn Sie mich fragen, kann Monika Rilke der Nachbarin den unmoralischen Lebenswandel nicht verzeihen, wobei ich den Verdacht habe, sie fürchtet in Wahrheit, dass der ihren Mann anstecken könnte. Womit sie erklären, dass sie so gut wie nichts über die Gewohnheiten der Schönauerin wissen, nur, dass Anja Schönauer viel unterwegs gewesen ist, oft nachts nicht im Hause war und gelegentlich Freunde oder Bekannte mitbrachte."

"Die dort in Anjas Bett übernachteten?"

"Ja, sie genoss ihre Freiheit, so drückt es das Ehepaar Rilke aus. Sie voller Missbilligung, er mit einem etwas anderen Unterton."

"Heißt das ...?"

"Nein, ganz und gar nicht!", unterbrach sie schnell und vorwurfsvoll. "Monika Rilke hielt Anja Schönauer für eine Art Hure, weil die immer wieder mal einen anderen Freund hatte, und die Rilke hätte der Schönauerin am liebsten die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt, weil Anja, woraus die kein Geheimnis machte, manchmal zwei Freunde und Liebhaber gleichzeitig hatte."

"Okay. Die Rilkes vermuteten also, Anja Schönauer sei wieder einmal verreist oder über Nacht bei einem Liebhaber gelandet."

"Vielleicht. Das Schönauersche Auto stand in der verschlossenen Garage, wie wir später festgestellt haben. Aber nicht weit vom Haus parkte ein fremdes Auto, das die Rilkes noch nie im Moosgrund gesehen haben wollen."

"Das war der Wagen von - Moment, sie hatte so einen altfränkischen ... - von Edelgard Dahlbrück."

"Richtig. Am Freitagabend ist den Rilkes das Auto nicht aufgefallen. Erst am Samstagmorgen, ganz kurz, als sie gegen acht Uhr losgefahren sind, um seine Mutter in Rillingen zu besuchen. Dann noch einmal gegen siebzehn Uhr, als sie zurückkamen. Unruhig wurden die Rilkes aber am Sonntag." Sie schnalzte laut mit der Zunge, und er schmunzelte. "Ich muss wieder etwas ausholen. Beide Haushälften haben eigene Heizungsanlagen, und im Laufe des Sonntags wurden die Rilkes nervös, weil es bei ihnen empfindlich kühl wurde, besonders in den Zimmern, die an die gemeinsame Trennwand stoßen. Das hat sie zunächst nur geärgert, aber am Nachmittag wurden sie unruhig, weil es sich anfühlte, als sei nebenan die Heizung abgestellt. Vergessen Sie bitte nicht, wir hatten an dem Wochenende Dauerfrost, und nachts bis minus 15 Grad."

"Da fürchtet man Rohrbrüche."

"Unter anderem." Karin Mirbach schnaufte und trommelte einen heftigen Marsch auf die Marmorplatte. "Unter Umständen blüht mir das auch. Gestern ist der Hausmeister durchs Haus gelaufen und hat verkündet, unsere Heizung sei defekt, aber im Moment bekomme man keinen Monteur, die hätten zur Zeit alle Hochkonjunktur; er telefoniere ununterbrochen, aber er könne leider nicht versprechen, dass noch in dieser Woche ein Monteur sich um unsere defekte Anlage kümmere."

"Sie Ärmste", sagte Steiger aufrichtig mitleidig. "Und im Revier herrscht von Natur der Eiskeller, wie?"

"Über die marode Heizung im Revier hat sich schon Methusalem am Ende seiner Tage beschwert. Na ja. Der Beamte wärmt sich an der Befolgung der Gesetze und Verfassung, trinkt notfalls einen Kaffee mehr und zieht sich warm an. Also: Am Nachmittag, am Sonntagnachmittag ist er - Dieter Rilke - um den Schönauerschen Teil herumgelaufen. Im ersten Stock stand ein Fenster sperrangelweit offen, unten, im Wohnzimmer, waren die Vorhänge vorgezogen - nein, die Fenster und Türen liegen nach Südwesten, da kann eine tiefstehende Sonne schon stören. Na, wie auch immer, Rilke hat geklingelt, niemand hat geöffnet. Am Montagmorgen, bevor sie zur Arbeit fahren mussten, hat er den Rundgang wiederholt. Nichts hatte sich verändert. Und jetzt wunderten sie sich auch über das fremde Auto, das dort immer noch stand. Aber weil sie beide zur Arbeit mussten, haben sie erst mal nichts unternommen. Doch am Nachmittag, gegen siebzehn Uhr, waren sie so verbiestert, dass sie das Revier angerufen haben, und Zabeck hat zugestimmt, dass Rilke eine Leiter holte und durchs offene Fenster im ersten Stock einstieg."

Wenn die Morde wirklich Freitag am späten Nachmittag oder frühen Abend geschehen waren, hatten die drei Leichen drei Tage in einem eiskalten Haus gelegen. Was die Bestimmung der genauen Todeszeit nicht eben erleichterte.

Mit grimmigem Humor stimmte sie zu: "Die Zentralheizung war abgestellt, alle Türen im Haus geöffnet und oben das Fenster weit offen. In einem Kühlschrank war es im Vergleich dazu warm."

"Ja, natürlich. Was wissen Sie über die dritte Frau?"

"Edelgard Dahlbrück, 44 Jahre alt, kinderlos verheiratet. Bis heute habe ich keinen Zeugen dafür aufgetrieben, dass Edelgard Dahlbrück diese Anja Schönauer kannte. Oder die Christa Reggl. Kein Aas weiß, was sie im Haus der Schönauerin wollte. Wann sie dort angekommen ist ..."

"Aber das fremde Auto gehörte ihr?"

"Ja, sicher, es war ihr Wagen. Ordentlich verschlossen, Schlüssel, Führerschein und Wagenpapiere haben wir in ihrer Handtasche gefunden. So, und jetzt verraten Sie mir, warum drei Frauen, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach überhaupt nicht kannten, erschossen worden sind. An einem Ort, höchstwahrscheinlich zum selben Zeitpunkt, mit derselben Waffe!"

"Was haben Sie über die Pistole herausgefunden?"

"Wenig. Sie ist wohl vor sechs Jahren bei einem Einbruch in ein Waffengeschäft in Frankfurt/Main gestohlen worden. Seitdem ist sie, so viel wir wissen, nicht wieder aufgetaucht oder bei einer aufgedeckten Straftat benutzt worden." Sie zupfte ihr Ohrläppchen. "Eine Smith and Wesson, Kaliber .40 mit einem Sieben-Schuss-Magazin und Schalldämpfer."

"Leergeschossen, nicht wahr?"

"Ja, wir haben alle sieben Hülsen im Haus gefunden. Je zwei Schuss auf Anja Schönauer und Christa Reggl, drei auf Edelgard Dahlbrück." Ihre Augen funkelten gefährlich. "Es war eine ziemliche Sauerei, das dürfen Sie mir glauben. Die Schönauer und die Reggl hat's im Parterre erwischt, von vorn, einmal in den Thorax, aber der zweite Schuss präzis in den Kopf. Die Dahlbrück wurde im ersten Stock getroffen, unmittelbar vor der Tür ins Badezimmer. Ein Schuss von rückwärts ins Becken, einer von hinten in die Lunge, einer in den Hinterkopf, da hat sie, nach dem Schusskanal zu schließen, schon am Boden gelegen."

"Also wollte sie fliehen, sich zum Beispiel im Bad einschließen?"

"Möglich. Aber was heißt schon fliehen - nach dem ersten Treffer konnte sie bestenfalls noch kriechen. Wenn sie sich überhaupt noch bewegen konnte. Der Schütze hat sich jedenfalls hinter ihr befunden. Aber in diesem Fall ist alles möglich, auch das Unmögliche. Ich weiß es einfach nicht."

"Fingerabdrücke haben Sie nicht gesichert?"

"Nein. Alte Abdrücke ja, frische nein.

"Was ist mit Haaren, Hautschuppen, Textilfasern?"

"Gleich, Herr Steiger. Die Waffe war, so sagt die technische Abteilung Ihres Amtes, vor der Tat gereinigt worden, sehr sorgfältig, wir haben am Metall nur Schmierflecken entdeckt, wie von älteren Lederhandschuhen.

"Die bei dieser Kälte keinem Zeugen verdächtig vorgekommen wären." Steiger drehte unauffällig den Kopf und bemerkte ihre Bedienung, die Karin Mirbach und ihn auffällig intensiv musterte.

"So ist es. Der Täter hat die Pistole vor dem Fernseher im Wohnzimmer niedergelegt, ohne Fingerspuren, Hautpartikel oder Faserreste zu hinterlassen."

"Das alles weiß ich schon aus den Zeitungen." Sie verstand den Vorwurf sehr genau.

"Ja, dazu muss ich wieder Ihre Geduld strapazieren. Die ersten Ergebnisse der Untersuchungen habe ich, wie mir befohlen worden war, an unsere Pressestelle gemeldet, und der Leiter der Pressestelle, mein Kollege Peter Goldmann, hat sie ungefiltert und in vollem Umfang an die Presse weitergegeben, mit dem Ergebnis, dass die große Spekulation begann und die Journalisten sich im Märchenerfinden übten. Das wurde so arg, dass ich meinem Chef angedroht habe, ich würde die Arbeit sofort niederlegen, wenn Goldmann noch weiter so dämliche Informationen unter die Leute brächte."

Steiger sah sie aufmerksam an, und diesmal hielt sie seinem Blick stand. Das hatte er nicht gewusst und das hätte er ihr auch nicht zugetraut. Aber sie hatte vernünftig gehandelt; man konnte sich korrekte Zeugenaussagen abschminken, wenn sich erst einmal durch eine Sensationsberichterstattung bei den Leuten ein bestimmter Verdacht festgesetzt hatte. Und manchmal konnte man ein richtiges und ein vorgetäuschtes Geständnis nur dadurch unterscheiden, dass der wahre Täter Einzelheiten wusste, die noch nicht in den Zeitungen gestanden hatten. Ohne Filtern und Sieben wurde aus einem Autodiebstahl leicht die Vorbereitung zu einem terroristischen Sprengstoff-Anschlag und aus einem Küchenherdbrand eine gezielte, bewusst menschengefährdende Brandstiftung.

Sie lächelte etwas verkrampft. "Zum Glück waren zu dem Zeitpunkt, an dem mir der Geduldsfaden riss, einige wichtige Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Und deren Ergebnisse stehen deswegen nur in den Akten und nicht in den Zeitungen."

"Lassen Sie mal hören."

"Also, schließen wir zuerst mal die verrückteste Variante aus: Eine der Frauen erschießt die beiden anderen und verübt dann Selbstmord. Das ist nun ausgeschlossen, nicht möglich nach Lage und Verlauf der Schusswunden-Kanäle, keine Schmauchspuren an den Händen der drei Opfer."

"Daran haben Sie also auch gedacht?"