Morbus Empathicus - Hans Oberleithner - E-Book

Morbus Empathicus E-Book

Hans Oberleithner

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Beschreibung

Wir schreiben das Jahr 2033. Ein Team von vier Wissenschaftlern entdeckt im Blut von Molchen eine Substanz, die offensichtlich Empathie erzeugt. Ihr Name ist Empathol. Das Gegenmittel ist Salz, das - in großen Mengen konsumiert - den Menschen zum Egoisten macht. Die Entdeckung gelangt in die Öffentlichkeit und wird zu einer Mode- droge unter den Mächtigen, die Empathol für die Mani- pulation der Menschen missbrauchen. Die vier Forscher werden schließlich Opfer ihrer eigenen Entdeckung. It’s the year 2033. A team of four scientists discovers a substance in the blood of newts that obviously generates empathy. Its name is Empathol. The antidote is salt, which, consumed in large quantities, turns people into egoists. The dis- covery makes its way into the public arena and becomes a fashion drug among the powerful who abuse Empathol for manipulating people. The four researchers eventually fall victim to their own discovery.

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Hans Oberleithner

Morbus Empathicus

Satire um das Jahr 2033 - Satire around the year 2033

 

 

 

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- gekürzte Vorschau -

Inhaltsverzeichnis

Titel

Deutsch

Molche

Salzberg

Salzlos

Gelbe Partikel

Selbstversuch

Stoffliche Empathie

Jagen und Sammeln

Nacht der Empathie

Der Tag danach

Warum Schaben?

In der Schabenkoje

Warum Würmer?

In der Wurmkoje

Rekonstruktion

Rogers Ego-Trip

Yumas Rückblende

Warum Fliegen?

Yumas Abgang

Im Regenwald

Termiten

Wochen später

Brain Storming

Flake News

Fake News

Jagd auf die Gelben Partikel

Jans Entdeckung

Trudis Schaben

Trudis Wandlung

Salz, Salz, Salz …

Trudis Sofa

Trudis Spuren

Kakerlos‘ Aufstieg

Trudis Erwachen

Viele Jahre später

Jans Exil

Empathols Welt

Trudis Ende

Erlösung

Epilog

Nachgedanken des Autors

English

Prologue

Newts

Salt Mountain

No Salt

Yellow Submarines

Self-test

Physical Empathy

Hunting & Gathering

Night of Empathy

The Day after

Why Cockroaches?

In the Cockroach Bunk

Why Worms?

In the Worm Bunk

Reconstruction

Roger's Ego Trip

Yuma's Flashback

Why Flies?

Yuma's Exit

In the Rainforest

Termites

Weeks later

Brain Storming

Flake News

Fake News

Hunting for Yellow Subs

Jan's Discovery

Trudi’s Cockroaches

Metamorphosis

Salt, Salt, Salt ...

Trudi’s Sofa

Trudi's Footsteps

Kakerlos' Rise

Trudi's Dawn

Jan's Exile

Empathol's World

Trudi's Finale

Liberation

Epilog

Deutsch

Originaltitel: MolchsblutProlog

Wir schreiben das Jahr 2033.

Jan Wunderlich, aufstrebender Jungforscher aus Europa, sitzt im Bauch einer Boeing 797. Gedankenverloren blickt er durch das Bullauge hinab auf die Eiswüste des Nordatlantiks. Stunden später fährt er in einem silbergrauen Van über den Highway 95 North seinem Ziel entgegen, dem berühmten Think-Tank an der amerikanischen Ostküste.

Molche

Jan findet Forschung mittlerweile öde.

Schon seit mehreren Jahren, tagein tagaus, forscht Jan an Nieren, genauer gesagt an Molchsnieren. Morgens angelt er sich einen Aalmolch aus dem Wassertank, tötet ihn, schneidet eine Niere heraus und legt sie unters Mikroskop. Hin und wieder macht er Notizen in seinem Laborbuch, Halbsätze wie Filter zu oder Kanäle offenoder Urinfluss mager - und das war‘s dann. So richtig weiß er gar nicht mehr wonach er forscht. Spätestens um 11 Uhr vormittags befällt ihn heftige Müdigkeit, die er erst wieder mittags abschüttelt wenn er in den Tuna-Sandwich beißt, den er täglich in der Kantine vertilgt. Danach verschwindet er wieder für ein paar Stunden in seiner engen Forschungskoje, stochert mit Nadeln in den Nieren herum, bis nur mehr ein elendes Häuflein Fleisch vor ihm liegt, das er dann gegen 17 Uhr in den Abfalleimer kippt.

Eigentlich wollte er nie an diesen urinösen Organen forschen. Irgendwie ist er da hineingeschlittert. Jetzt ist er drin und mittlerweile zu energielos, um sich daraus wieder zu befreien. Mit großen Erwartungen ist er damals zum Think-Tank gereist und hat in emotionalem Überschwang alles akzeptiert was man von ihm verlangt hat. Erst spät, zu spät hat er gemerkt dass ihm das wohl langweiligste Forschungsobjekt, die Niere des Schwanzlurchs, zugeteilt worden war. Aber da war sein anfängliches Feuer schon längst erloschen. Inzwischen hat er realisiert dass es auch recht bequem sein kann, ohne Ziel zu forschen. Es gibt dann keinen Anfang und kein Ende, in Diskussionen verhält man sich still, nickt hie und da zustimmend und, um seine Existenz nicht zu gefährden, liefert man von Zeit zu Zeit einen Datensalat ab, der dann, wohl wegen seiner Irrelevanz, in irgendwelchen Schubladen verschimmelt. Jan erinnert sich noch gut wie er damals im Think-Tank ankam und vonder Obersten Leitung sein Forschungsthema bekam. Es war mit einer Unschärfe formuliert, die für die vermeintliche Exzellenz und weltweite Reputation des Think-Tanks typisch ist,

… tötet Salz Molche?

Dieses Thema hat man ihm zugeworfen wie einen Happen Fleisch, ihn in eine Forschungskoje gesteckt und dann allein gelassen. Wohl oder übel musste er die Nieren dieser Tiere erforschen weil angeblich dort die Wurzel allen Übels – der Salzschaden – zu suchen war. Diesen Hinweis hatte man ihm noch auf den Weg ins Ungewisse mitgegeben. Und auf diesem Weg wandelt er immer noch, müde und ziellos. Doch eines Tages geschieht etwas, das Jan aus seiner Lethargie holt.

Jan verbringt viel Zeit damit, seine Molche durch die Glasscheibe des Aquariums zu beobachten bevor er sich ein Tier herausholt und daran arbeitet. Im Laufe der Zeit hat er sich zwei Wassertanks eingerichtet, einen mit Süßwasser und einen zweiten, gleich daneben, mit Salzwasser. Die Molche im Süßwasser nennt er salopp Süßmolche, die im Salzwasser Salzmolche. So sitzt er morgens sicherlich eine halbe Stunde vor den beiden Wassertanks und verfolgt gelangweilt das lautlose Molchsleben hinter der Glaswand während er an seinem Pappbecher mit American Coffee nippt. Von Zeit zu Zeit wirft er ein paar Bröckchen gefrorener Hühnerleber ins Wasser und sieht dabei den Tieren beim Fressen zu. Er weiß dass diese Aalmolche in der Wildnis mehr oder weniger im Brackwasser leben und hat sich deshalb diese beiden Extreme – Süß- und Salzwasser – vorgenommen, um gewissermaßen Grenzsituationen auszutesten. Und so blickt er, Jan der Kurzsichtige, aus wenigen Zentimetern Entfernung in die lidlosen Augen der Molche und versucht, wohl eher aus Zeitvertreib als aus wissenschaftlichem Interesse, aus diesen Augen etwas herauszulesen. Es sind stille Momente, in denen sich Jans Blick mit einem der Molche kreuzt und so etwas wie eine stumme Botschaft ausgetauscht wird. Jan hat darin bereits eine ziemliche Fertigkeit erreicht sodass er meint, durch eine neue Art von Blickdiagnostik ihre momentane Befindlichkeit erkennen zu können. Ja, er macht sogar kurze Notizen in sein Laborbuch:

Molch blickt hungrig

Molch blickt traurig

Molch blickt satt

Im Laufe der Zeit werden seine Eintragungen zunehmend differenzierter:

Molch blickt flehend

Molch blickt arrogant

Molch blickt frech

Plötzlich, fast möchte man sagen ‚aus heiterem Himmel‘, fällt ihm auf dass Salzmolche generell kalt blicken. Anders als die Süßmolche. Sie, so erscheint es ihm, blicken warm. Eher belustigt trägt in sein Laborbuch ein:

Salzmolche blicken kalt

Süßmolche blicken warm

Anfangs meint er, das sei Einbildung und seine Wahrnehmung abhängig von seiner persönlichen Tagesverfassung. Aber je häufiger er in die beiden Aquarien blickt, umso mehr ist er überzeugt dass es so ist: Der Salzmolchblick ist kalt, der Süßmolchblick ist warm. Zudem bemerkt er dass sich die Salzmolche voneinander fernhalten während die Süßmolche kuscheln.

Und da, in dieser Abgeschiedenheit, fern jeglicher äußerer Einflüsse taucht in Jans Kopf plötzlich wie aus dem Nichts ein Gedanke auf, der ihn nicht mehr los lässt,

… Salz zerstört Empathie.

Stimme aus dem Off:

Oberflächlich betrachtet ist Jans Gedanke nicht nachvollziehbar, er ist unglaubwürdig und skurril. Von den Augen eines Molchs Empathie abzulesen erscheint ‚krank‘. Jan allerdings ist nicht krank sondern durch Erlebnisse geprägt, die ihn zu dieser Schnelldiagnose geführt haben. Es sind Erlebnisse seiner frühen Kindheit, deren er sich nicht mehr bewusst ist. Sie schlummern in ihm und steuern seine Gedanken ohne dass er es merkt. Er wundert sich manchmal dass er urplötzlich klar sehen kann und sich in ihm ein Urteil bildet, welches er oft selbst nicht begründen kann. Seine Diagnose ‚Salz zerstört Empathie‘ basiert wohl auf einem Erlebnis als Jan fünf Jahre alt war.

Salzberg

Wochenlang hatte seine Mutter schon davon gesprochen. Sie werde Tante Elsas langersehnten Wunsch erfüllen und mit ihr ein Salzbergwerk besuchen. Ein unterirdischer Berg, in dem es ein Labyrinth von Tunnels gäbe, die durch Rutschen miteinander verbunden seien. Und wenn man ganz unten sei im Stollen, dessen enge Wände aus Salz bestünden, die im Licht der am Kopf montierten Grubenlampen rosa schimmerten, werde man nach einem langen Marsch durch dunkle Gänge an einen Salzsee gelangen. Der sei schwarz und das einzige wahrnehmbare Geräusch werde das von der unsichtbaren Salzdecke tropfende Wasser sein. Dort würden sie eine Weile innehalten, von feuchtheißer Luft umgeben und sich dann auf den Rückweg machen. Die Erdoberfläche würden sie erst am Abend erreichen und deshalb eine Nacht in einem kleinen Gasthof nahe dem Stolleneingang verbringen. Diese Nächtigung sei notwendig, hat seine Mutter Jan erklärt, weil der Abstieg in das Innere des Salzbergs und besonders danach der Aufstieg über tausende Stufen sehr anstrengend sei, zumal die salzige heiße Luft im Stollen das Atmen schwer mache. Wochenlang hat Jan diese Geschichte immer wieder hören wollen, meistens abends vor dem Einschlafen und die Mutter so lange gebettelt bis sie klein beigab. Immer wieder muss sie die Geschichte erzählen und jedes Mal wenn sie mit ihrer Erzählung beim schwarzen Salzsee angelangt ist, verstummt sie für ein paar Sekunden und drückt Jans Ärmchen. Und immer wenn sie mit gedämpfter Stimme schildert, wie die großen Wassertropfen von der unsichtbaren Salzdecke in den schwarzen See platschen, kneift sie ihn ganz leicht in seine Lenden während er sich fröhlich-fröstelnd an ihren Körper schmiegt. Wenn Jans Augenlider schwer werden und er, eingehüllt in seine Daunendecke, allmählich in den Schlaf versinkt, folgen Träume, die oft damit abrupt enden dass er sich kerzengerade in seinem Bett aufrichtet und das gegenüberliegende vertraute Fensterkreuz so lange ansieht, bis er die Gewissheit hat, wo er ist, in seinem Zimmer, seinem Bett, zusammen mit seinem Teddybär. Dann kriecht er wieder unter die Decke, den Teddy eng an sich gedrückt und schläft ein. Das wiederholt sich mehrmals in der Nacht und erst wenn das Morgenlicht durchs Fenster eindringt, findet er seine innere Ruhe. Dann schließlich kommt der Tag, an dem die Mutter abfährt. Tante Elsa, die von weit her anreist, würde sie direkt vor dem Stolleneingang des Salzbergs treffen. Jan bleibt zurück bei seinem Kindermädchen Frieda und seinem Vater. Letzterer ist für Jan wenig sichtbar, ein ‚Workaholic‘, der die spärliche Freizeit mit einem Whisky-Glas in der Hand verbringt. Frieda gehört zu jener Sorte eines Kindermädchens, das zwar körperlich anwesend ist, dessen Geist aber meistens in kinderfernen Sphären herumirrt. Jan verbringt die Nacht, in der seine Mutter fort ist, meist sitzend in seinem Bett. Immer wieder erscheint ihm das Bild seiner Mutter, wie sie durch die unterirdischen Gänge des Bergwerks irrlichtert, hört wie das Salz von der Decke rieselt, und sie und Tante Elsa mit einer klebrigen Kruste überzieht. Am darauffolgenden Tag richtet sich Jan ein Plätzchen am Fenster seines Kinderzimmers ein, so dass er die Straße unter sich sehen kann, auf der seine Mutter zurückkommen sollte. Und schließlich kommt sie. Ihr erster Blick gilt aber nicht seinem Fenster und ihre ersten Worte sind nicht an ihn gerichtet. Durch die Tür hört er sie mit gedämpfter Stimme ins Telefon sprechen und danach verschwindet sie in ihrem Zimmer ohne nach ihm zu suchen. Am Abend taucht sie wieder auf, setzt sich ihm gegenüber an den Tisch in der kleinen Wohnküche und berichtet ihm ihre Erlebnisse im Bergwerk. Die Geschichten gleichen sehr den Erzählungen, die er schon kennt. Nur die Wärme fehlt auf einmal, die Hingabe, die nötig wäre, um die ausgestandenen Ängste des fünfjährigen Jan zu zerstreuen.

Jan erfährt nie, dass Tante Elsa bloß ein Phantom war und der Ausflug mit ihr im Salzbergwerk eine Erfindung, um ein Stelldichein mit einem Unbekannten zu verschleiern. Jan aber verbindet in seiner kindlichen Vorstellung den plötzlich auftretenden Verlust von Zuwendung, die kühlen Blicke seiner Mutter, die während ihres Berichts ruhelos im Zimmer umherwandern, mit dem Salz, das auf sie heruntergerieselt ist, ja er empfindet Salz als einen Dämon, der in einem Berg lebt und seiner Mutter das Wichtigste geraubt hat, die Wärme.

Salzlos

Jan lümmelt am Küchentisch seines Apartments und entwirft den Speiseplan. Kein Essen mehr in der Kantine, keine Pizza, kein Schinken, kein Käse, kein Brot. Statt dessen Haferflocken, Nüsse, Obst, Frischfleisch, Gemüse – alles weitgehend salzfrei. Zum Glück, denkt er, ist er Single, er kann rücksichtslos vorgehen, braucht nur an sich zu denken, niemand kommt ihm in die Quere. Sein Umfeld respektiert seine No-Salt Marotte. Ist er bei Freunden eingeladen, wird salzfrei gekocht. Der Salzstreuer zirkuliert dann möglichst unauffällig an ihm vorbei wie ein obszöner Fetisch. Im Restaurant geht Jan in die Küche und bittet den Koch, sein Gericht salzfrei zuzubereiten. Um dieser Bitte Nachdruck zu verleihen, schildert er drastisch die akute Atemnot, die ihn befallen würde, wenn sich auch nur ein Körnchen Salz in seinem Gericht befände. Er fasst sich dabei an die Kehle und sperrt den Mund weit auf, einem Molchsmaul verblüffend ähnlich. Irritiert geht dann der Koch ans Werk und bereitet murrend das salzlose Mahl. Nach Restaurantbesuchen schwitzt Jan reuevoll in der Sauna oder quält sich am Laufband, um das versteckteste Restaurantsalz, die verborgensten Salzkrümel, die allerletzten Salzatome wie er es nennt, möglichst auch noch loszuwerden. Glücksmomente hat Jan, wenn er sein durchgeschwitztes T-Shirt auf die Wäscheleine hängt oder die weißen Flecken sieht, welche die Salzkristalle auf seinen dunkelblauen Shorts hinterlassen. In dieser salzlosen Phase ist Jan ungewöhnlich emsig. Er sitzt nächtelang am Computer und stöbert im Netz, sucht geradezu gehetzt nach Methoden, wie er seine eigene Empathie messen kann. Schließlich entscheidet er sich für einen Test, welcher von einem internationalen Konsortium anerkannter Psychologen entwickelt worden war. Der Test besteht aus zehn Fragen. Das empathische Empfinden steigt von oben nach unten.

Habe ich den Mitmenschen in die Augen geblickt?

Habe ich darin ihre Befindlichkeit zu erkennen gesucht?

Habe ich das Bedürfnis empfunden, ihre Sorgen mit ihnen zu teilen?

Haben mich ihre Sorgen in Träumen heimgesucht?

Beschäftigt mich ihr Schicksal mehr als mein eigenes?

Werde ich mutlos, wenn sie mutlos sind?

Werde ich depressiv, wenn sie depressiv sind?

Habe ich das Bedürfnis, genauso wie sie zu handeln?

Habe ich diesem Bedürfnis bereits einmal nachgegeben?

Ist ihr Schicksal mein Schicksal?

Diese Fragen stellt sich Jan täglich und protokolliert die Antworten in seinem Laborbuch.

Gelbe Partikel

Jans salzloses Leben hält ihn keineswegs vom Experimentieren ab. Im Gegenteil. Er findet es spannend und fair, an Molchen wie auch an sich selbst zu experimentieren wenngleich sein Schicksal weniger dramatisch ist als jenes der Tiere. So liegt ein kopfloser Molch rücklings vor ihm auf einer Korkplatte, die Bauchhöhle ist geöffnet, in der Tiefe glänzen die Nieren. Das Herz schlägt noch. Den Rumpf hat er mit einem Faden abgeschnürt sodass das Blut durch den kopflosen Rest des Molchskörpers strömt. Im Mikroskop beobachtet er das Leben in den Tiefen des offenen Rumpfes. Durch ein weitverzweigtes Aderwerk, dem Straßennetz einer Großstadt ähnlich, strömt Blut, zäh und pulsierend, im Rhythmus des Herzens. Da bemerkt er, wie schmutzig-gelbe Schlieren durch die Blutbahn ziehen und plötzlich spurlos verschwinden. Jans Blick wandert zurück zum Ursprung dieser Schlieren. Er entdeckt gelbliche Flecken an den oberen Polen der Nieren, die gerade wegschmelzen wie kalbende Gletscher. Bei genauerem Hinsehen erkennt er dass die mäandernden Schlieren aus Tausenden winziger Partikel bestehen, die schließlich zwischen den Kanälchen der Nieren verschwinden. Jan ist verblüfft, seine Miene versteinert. Der Kopf des dekapitierten Molchs steckt noch in einem kleinen Leinensäckchen, dem Fangsack direkt unter dem Fallbeil der Miniaturguillotine. Er holt ihn mit zwei Fingern heraus und betrachtet ihn. Die lidlosen Augen des Süßmolchs blicken ihn an, ihr Ausdruck ist warm. Ein Vollempath, schießt es Jan durch den Kopf.

In dieser Nacht guillotiniert Jan Dutzende Süß- und Salzmolche. Die Gelben Schlieren findet er nur bei ersteren. Er legt die Molchsköpfe in zwei gegenüberliegenden Reihen auf den Labortisch, links die Köpfe der Süßmolche, rechts die der Salzmolche. Hier die warmen Augen, dort die kalten. Empathen links, Soziopathen rechts. Im Neonlicht der fensterlosen Forschungskoje macht Jan seine Einträge ins Laborbuch. Sie enden mit einem Fragezeichen,

… Gelbe Partikel - Stoffliche Empathie?

Selbstversuch

Wenn Jan nicht an den Molchen experimentiert, sitzt er vor seinem Computerbildschirm und füttert den Rechner mit Daten, die er über sein Empathieempfinden gesammelt hat. Er entwirft Grafiken, errechnet statistische Signifikanzen und macht sich in seinem Laborbuch seitenweise Notizen über Vorfälle, die ihm im Laufe seiner salzlosen Lebensphase erwähnenswert erscheinen.

Hatte nach der Sauna Herzrasen, das sich erst nach Stunden wieder legte.

Stand morgens vor dem Kühlschrank und wusste nicht warum.

Musste nachts schluchzen ohne mich zu erinnern warum.

Hatte zum wiederholten Mal den Pullover verkehrt angezogen.

Habe Halsschmerzen bekommen, nachdem mir Trudi am Telefon von ihrer Angina berichtete.

Seit ich weiß dass Roger eine Hüft-gelenksplastik hat, habe ich ziehende Schmerzen im rechten Oberschenkel.

Nachdem mir Yuma eröffnet hat dass er für unbestimmte Zeit nach Tokyo reise, weil sein Vater an Leukämie erkrankt sei, habe ich mich spontan in die Stammzellspender-datei eintragen lassen.

Nach einem komplizierten Punktesystem bestimmt Jan seinen Empathiefaktor (EF). Er liest ihn von einer Skala ab, die von 1 (Soziopath) bis 10 (Vollempath) geht. Am Beginn seiner salzlosen Periode ermittelt er für sich einen EF von 4. Ein guter Ausgangspunkt für seinen Selbstversuch, findet er, da gibt es Luft nach oben und unten. Im Laufe seiner salzlosen Zeit verspürt Jan allmählich Veränderungen. Anfangs nur ganz subtil, später zunehmend deutlich. Sein EF steigt. Als sein EF die 7 überschreitet, macht er mit dem täglichen Experimentieren Schluss. Er fühlt sich nicht mehr in der Lage, einen Molch zu enthaupten, geschweige denn den Molchskopf ohne ein würgendes Gefühl im Hals zu betrachten. Ein lähmendes Ohnmachtsgefühl befällt ihn. Nur mit großer Mühe gelingt es ihm, ein letztes Mal seinen EF zu ermitteln. Er liegt knapp über 8. Die vielen vertraulichen Gespräche, die in der letzten Zeit auf ihn niedergeprasselt sind, auf ihn, dem mittlerweile kein dunkler Schatten um die Augen eines Freundes entgeht, diese Gespräche haben ihn mürbe gemacht. Im Zustand zunehmender Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit zieht Jan schließlich die Reißleine. Er löst einen großen Klumpen Salz in einem Glas Wasser und stürzt es hinunter. Wieviel Zeit danach vergeht, ist unklar. Jedenfalls ist sein EF bereits deutlich unter 7, als er wieder im Labor auftaucht, um seine Experimente an den Molchsnieren fortzusetzen. Jeden Tag zum Frühstück leert er ein großes Glas Salzwasser und mit jedem Mal fühlt er sich besser. Als sein EF unter 3 absinkt, kann er nicht mehr unterscheiden, ob die Augen der Molche nun Wärme oder Kälte ausstrahlen. Es ist ihm auch völlig egal. Die Sorgen seiner Laborkameraden öden ihn neuerdings an. Nächtelang träumt er von einer unaufhaltsamen Karriere, die ihm bevorsteht. Gerade noch rechtzeitig erkennt Jan die emotionale Sackgasse, die ihm am unteren Ende der EF-Skala droht. Er bricht den Selbstversuch ab. Ab sofort stoppt er die tägliche Extradosis Salz. Irgendwann pendelt sich Jans EF wieder bei 4 ein. Die Balance ist wieder hergestellt. Jan fasst das Ergebnis seines Selbstversuchs in einem Reim zusammen, um sich die Botschaft einzuprägen.

Kein Salz macht mich zum Vollempathen,

gelb färbt sich dann der Molch.

Viel Salz macht mich zum Soziopathen,

blutrot bleibt dann der Strolch.

Stimme aus dem Off:

Jans kritischer Blick ist durch sein frühes Kindheitserlebnis getrübt. Salz ist für ihn der Feind Nr.1 der Empathie. Seine Selbstversuche sind mühsam kaschierte Alibihandlungen. Die Antworten auf die Fragen seines Empathietests werden von seinem Unterbewusstsein gesteuert und sind deshalb in ihrer Aussage mehr oder weniger wertlos.

Stoffliche Empathie

Jan verschanzt sich hinter dem Bildschirm seines Rechners.

Nachdem er Vorratskammer und Kühlschrank mit Lebensmitteln gefüllt hat, lässt er die Rollläden an den Fenstern seines Apartments herunter und begibt sich auf die Suche. Dank seiner Membership im Think-Tank steht ihm die gesamte Weltliteratur der Lebenswissenschaften auf Knopfdruck zur Verfügung. Er liest Abhandlungen über die Aalmolche, die sich in Schlammlöchern des südlichen Mississippi verstecken und vorbeischwimmende Beutetiere wie Krebse und Fische jagen. Er versucht herauszufinden, was wohl die gelblichen Flecken auf den Nieren zu bedeuten hätten, findet aber keinerlei Hinweise zu deren Funktion. Irgendwann, es mögen viele Tage vergangen sein und Jan ist bereits umringt von hohen Stapeln bedruckten Papiers, das sein Drucker ausgespuckt hat, stößt er auf eine japanische Arbeit, die vor langer Zeit veröffentlicht worden war und unter anderem eine Abbildung enthält, die seine Aufmerksamkeit erregt. Es ist eine elektronenmikroskopische Aufnahme der Nierenoberfläche, alles in diffusen Grautönen und ohne jede Kontur. Doch bei genauem Hinsehen sieht er Strukturen, einem Strickmuster gleich. Er ist unsicher, ob es nicht einfach die Textur des Papiers ist, auf dem diese Ab-bildung gedruckt ist oder ob es sich hier um die langgesuchten Gelben Partikel handelt, die er jagt. Jan kann den japanischen Text, der diese Abbildung begleitet, nicht lesen und versucht deshalb, ihn mit Hilfe eines Übersetzungsprogramms zu entschlüsseln.

Es gelingt. So erfährt er dass diese Partikel immer dann aufträten wenn die Sommer heiß wären und sich die Molche tief in den Schlammlöchern versteckten. Jan möchte mehr darüber wissen und kontaktiert den Autor der Arbeit, Hayato Kimura, Professor an der Universität von Kyoto. Er möchte höflich nachfragen, so diktiert er in seinen Rechner, woraus denn die Partikel bestünden und welche Funktion sie hätten. Schon wenige Stunden später bekommt Jan eine Antwort. Die Partikel enthielten wahrscheinlich ein unbekanntes Hormon, in Fett eingebettet und an der Oberfläche der Nieren abgelagert. Dieses Hormon, und dabei setzt Professor Kimura hinter dem Wort Hormon drei Fragezeichen, sei offensichtlich zum Überleben der Tiere in den salzarmen Schlammlöchern notwendig. Dorthin zögen sich die Tiere zurück, lebten auf engstem Raum ohne jegliche Zufuhr von Nahrung. Das soziale Zusammenleben der Tiere unter diesen extremen Bedingungen, sei einzigartig und immer wieder Gegenstand soziologischer Untersuchungen, zumal die Tiere den Rest des Jahres als Einzelgänger und rabiate Jäger bekannt seien, die sich über Tiere hermachten, die deutlich größer seien als sie selbst. Er habe erfahren dass besonders jene Aalmolche, die im Mississippi-Delta südlich von New Orleans im Brackwasser lebten, aggressive Eigenschaften erlangten und zuweilen sogar Menschen, die in den Sümpfen des Golfs von Mexiko nach Schalentieren suchten, angriffen. Dieses schizophrene Verhalten der Molche, einerseits friedlich im sozialen Verband in den Erdlöchern die trockenen Sommer überdauernd, andererseits aggressiv das salzige Golfwasser durchpflügend, gebe ihm noch immer Rätsel auf, wofür er keine Antwort habe.

Jan bedankt sich. Während er zunehmend aufgeregt Professor Kimuras Zeilen liest, nistet sich ein neuer Begriff in Jans Gehirn ein,

Empathol - Stoffliche Empathie.

Stimme aus dem Off:

Ohne Zweifel, die Gelben Partikel existieren tatsächlich. Jans Beobachtung dass sie nur in Süßmolchen auftreten, ist richtig. Dass sie allerdings ‚Stoffliche Empathie‘ darstellen, erscheint so ziemlich aus der Luft gegriffen - Jans kindheitsgeprägte Kopfgeburt. Es passt einfach in seine Gedankenwelt. So gibt er dem Kind einen Namen, Empathol. Dieser neue Begriff adelt die Gelben Partikel, katapultiert sie aus einer dunklen Forschungskoje hinaus ins akademische Minenfeld. Jan übersieht geflissentlich dass Gelbe Partikel womöglich was Nebensächliches sein können, ein Epiphänomen, das zwar durch Salzentzug entsteht, aber für Geist und Körper völlig bedeutungslos sein kann. Jans Unterbewusstsein, geprägt vom ‚Dämon im Salzberg‘, verleiht ihm jedoch die nötige Gewissheit. Ja, die Gelben Partikel sind Stoffliche Empathie, Punktum.

Jagen und Sammeln

Der pyramidenförmige Think-Tank steht wie ein riesiger Hinkelstein einsam im sumpfigen Marschland. Die schwarzglänzende Oberfläche adsorbiert das Sonnenlicht, welches die Energie für alle im Inneren ablaufenden Prozesse liefert. Es gibt einen operativen und einen strategischen Bereich. Der operative Bereich liegt tief unter der Erde und verfügt über alle technischen Voraussetzungen zur Erforschung lebender Materie. Jans Forschungskoje liegt in der fünften unterirdischen Etage. Es gibt keine direkte Öffnung in die Außenwelt, der Zugang in seine Koje erfolgt ausschließlich über ein Röhrensystem, welches hunderte honigwabenartig angeordnete Forschungskojen miteinander verbindet. Ebenerdig besteigt man eine Einpersonenkabine, tippt die Kojennummer ein und wird dann wenig später in die betreffende Koje entlassen. Jans Molchskoje, Nr. -584, enthält zwei beinahe raumfüllende Aquarien, eines gefüllt mit Süß-wasser, das andere mit Salzwasser. In den Aquarien tummeln sich die Molche. Zwischen den beiden Aquarien steht Jans Experimentiertisch, ein schwerer Marmortisch mit einer zentralen Korkauflage. Ein kopfloser Molchskörper liegt vor ihm auf dem Kork. Der Molchsbauch ist geöffnet und das Aderwerk über den Nieren präsentiert sich im grellen Glasfaserlicht. Unter mikroskopischer Kontrolle sticht er mit einer ultrafeinen Kanüle in die Hauptader und saugt die Gelben Partikel in eine Spritze. Er sammelt sie auf, die Stoffliche Empathie, und füllt damit geduldig ein lichtdichtes Fläschchen. In der Chemiekoje Nr. -262 trennt er mittels einer Ultrazentrifuge die Fettpartikel von der Restflüssigkeit und lässt sich anschließend zur Physikkoje Nr. -144 röhren, wo er das verbleibende gelbliche Material gefriertrocknet. Bevor er sich in den Strategiebereich röhren lässt, wo in der achten oberirdischen Etage seine Denkkoje Nr. +820 liegt, verteilt Jan in der Analytikkoje Nr. -101 das Material auf hunderte kleiner steriler Glasampullen. In seiner Denkkoje angekommen, öffnet er einen Wandsafe und lagert die Ampullen in einem der Schubfächer. Ein paar davon steckt er in seine Hosentasche und lässt sich dann in den Kantinenbereich röhren, der in der ersten Etage des Strategiezentrums liegt.

Endlich ist er wieder unter Menschen. Das reihenweise Guillotinieren der Süßmolche hat ihm zugesetzt. Er ist erleichtert, endlich aus der Einsamkeit seiner stillen Koje ins warme Licht der Kantine zu treten, mit ihrem einladenden Essensgeruch und dem heiteren Tellergeklapper. Entspannt bedient er sich an der Essenstheke und mischt sich dankbar unter die Menge kauender Mitmenschen. Doch bald schon steigt die Ungeduld in ihm wieder auf und der drängende Wunsch bricht sich Bahn, die Gelben Partikel in ihrer Wirkung zu entlarven. Und, so geht es Jan durch den Kopf, kein Weg ist schneller, keine Route direkter als sich selbst als Versuchskaninchen anzubieten. Gedanken über die möglichen Gefahren solcher Selbstversuche lässt er erst gar nicht an sich herankommen. Die Sucht nach Entdeckung erstickt sie alle im Keim. Jan verlässt die Runde seiner schwatzenden Mitmenschen und sucht sich ein Tischchen in einer stillen Ecke der weitläufigen Kantine. Dann holt er sich eine Tasse Tee, öffnet eine der mitgebrachten Glasampullen und kippt den Inhalt in die bernsteinfarbene Flüssigkeit. Mit dem Löffel verrührt er die gelben Schlieren bis sie verschwunden sind. Nur ein zartgelber Belag am Tassenrand verrät noch etwas über die Besonderheit dieses Gebräus. Während er den Tee schlürft, beantwortet er die Fragen seines Empathie-Tests und errechnet am Tablet umgehend seinen aktuellen EF. Beruhigt stellt er fest dass sein EF immer noch 4 ist, ein Wert, den er als Ausgangswert seines Selbstversuchs festlegt.

Nacht der Empathie

In der U-Bahn, die den Think-Tank direkt mit dem Zentrum der Stadt verbindet, trifft er auf Trudi, Roger und Yuma, seine Forschungsfreunde. Die Drei haben ihre Kojen direkt neben der seinen. Das Konzept des Think-Tank wird in der horizontalen Gliederung dieser vier benachbarten Forschungskojen sichtbar. Wie Dominosteine reihen sie sich aneinander. Jans Molchskoje Nr. -584 steht am Anfang dieser Kette. Er sucht nach Vorgängen, die bereits vor mehreren hundert Millionen von Jahren in Molchen vorhanden waren, als diese Kreaturen den Gewässern entstiegen und das Leben zu Lande wagten. Daneben liegt Trudis SchabenkojeNr. -583. Hat Jan einen Vorgang ausgeforscht, testet Trudi diesen an Schaben. Sie repräsentieren das Leben an Land. Als nächstes folgt Rogers Wurmkoje Nr. -582. Seine Tests beschränken sich auf das Leben unter der Erde. Schließlich folgt als letzte Koje dieser Kette, Yumas Fliegenkoje Nr. -581. Er testet Jans Thesen an Fruchtfliegen. Aus der experimentellen Kette, vom Molch zur Schabeundüber den Wurm zur Fliege, soll ein Vorgang rekonstruiert werden, der für alle Lebewesen Gültigkeit hat. Diese Strategie entspricht dem Leitmotiv des Think-Tanks, dessen Ideologie ‚Think Big‘ die Köpfe der dort forschenden Menschen fest im Griff hat.Vielleicht aus Angst, allein zu sein, falls die Stoffliche Empathie aus der Ampulle in ihm tatsächlich wirkte und er sich dann nicht mehr selbst unter Kontrolle kriegen könnte, lädt er spontan alle Drei zum Abendessen zu sich nach Hause ein. Trudi freut sich, denn nach der Trennung von ihrem Freund vor mehr als einem halben Jahr verlebt sie die Abende sehr einsam. Auch Yuma sagt zu, denn seit Trudi solo ist, hält er sich gern in ihrer Nähe auf. Roger, der Prototyp eines Einzelgängers, wird von letzteren breitgeschlagen und bleibt schließlich sitzen, bis sie nach wenigen Minuten gemeinsam die U-Bahn verlassen und Jans Apartment anpeilen. Während sie zu viert die kleine Wohnküche bevölkern, Kartoffeln schälen, Gemüse schneiden, Knoblauch hacken, Muskat reiben, Pfeffer mahlen und dabei reichlich kalifornischen Rotwein trinken, erzählt ihnen Jan von den seltsamen Vorgängen in seiner Molchskoje. Als er zum Ende seines Berichts kommt und schildert dass er das Empathol – seine salopp eingeführte Bezeichnung für die mysteriöse Stoffliche Empathie – eben erst mit einem Schluck Tee aufgenommen hat, rufen die Drei wie aus einem Mund „wir wollen das auch“. Mit halbernster Miene holt Jan drei Ampullen aus seiner Hosentasche, öffnet sie mit der Theatralik eines Hohepriesters und kippt die Gelben Partikel in die übermütig geschwenkten Rotweingläser. In einem Akt enger Verbundenheit werden die Gläser von den Dreien in einem Zug geleert, von ausgelassenem Gekicher begleitet. Während das Kartoffelgratin im Ofen schmort, macht jeder für sich den Empathie-Test. Trudi sitzt dazu in einer Ecke am Boden, die Knie angezogen, am Bleistift kauend. Roger hat sich ein Fleckchen am Küchentisch freigeschaufelt und macht konzentriert seine Kreuzchen. Yuma hat sich mit seinem Zettel auf die Toilette zurückgezogen.Schließlich versammeln sich alle vier um den Küchentisch, das Kartoffelgratin in der Mitte. Während sie zulangen und die Rotweinflasche fröhlich kreisen lassen, wird Empathie zum Hauptthema. Roger stilisiert sich dabei mit ironischem Unterton als egozentrischer Narzisst. Seine übermütig hinaus posaunten Antworten im Empathie-Test ernten heiteres Gelächter. Er blicke Menschen nur dann direkt in die Augen, wenn er sie in die Knie zwingen wolle und Mut spüre er immer dann aufkommen, wenn die anderen um ihn herum mutlos seien. Ein depressiver Mensch gäbe ihm eher Kraft zum Leben, nicht umgekehrt, sagt er und stößt dabei seinen Ellenbogen sanft in Yumas weiche Flanke. Yuma hingegen meint dass er zwar erkenne, was jemand anderer fühlt, aber viel mehr sei bei ihm auch nicht drin, sein Mitgefühl halte sich dabei in Grenzen. Er sei eben nur ein kognitiver Empath, kein emotionaler, und blickt dabei grimassierend in die Runde. Trudi verfolgt diese flapsig hingeworfenen Äußerungen der beiden mit leichtem Kopfschütteln. Das würde sie ihnen nicht abnehmen, sagt sie, sie sähe darin eher ein typisches Männergehabe, nach dem Motto ‚nur keine Gefühle zeigen‘. Sie selbst habe häufig das Bedürfnis, die Sorgen anderer mitzutragen und sie lasse sich, zu ihrem Leidwesen, durchaus von der Mutlosigkeit anderer anstecken. Jan hat sich mit seinem Glas Wein in der Hand etwas zurückgelehnt und beobachtet die muntere Diskussion aus der Distanz. Er fühlt sich, was dieses Thema betrifft, durch seine Erfahrungen der letzten Monate eher als Insider und mit seinem EF von 4 gut aufgehoben.

Die Zeit schreitet fort und die Tonlage, in der die Vier miteinander diskutieren beginnt sich zu ändern. Während die Gespräche ursprünglich eher drunter und drüber gehen und jeder versucht, sich selbst darzustellen, hört man allmählich nur mehr Trudis dünne Stimme, die der mattbeleuchteten Wohnküche eine zunehmend knisternde Atmosphäre verleiht. Als sie stockend schildert, wie sehr sie unter der Trennung von ihrem Freund leide, wie trostlos sich die Abende dahinzögen und wie häufig sie schweißgebadet in den frühen Morgenstunden aufwache, mit klopfendem Herzen und dann minutenlang vor sich hin starre, da nimmt sie Yuma spontan in den Arm und streicht ihr über die Haare. Roger, daneben, lässt mutlos seine Schultern hängen und Jan wischt sich seine feuchtgewordenen Augen.

Nach einer Weile verstummen die Gespräche. Mit großer Überwindung, es ist gegen Mitternacht, machen die Vier ihre Empathie-Tests, die Jan dann einsammelt und verwahrt. Als schließlich Yuma haltlos an Trudis Schulter zu weinen beginnt und Roger in ein tiefes Schluchzen verfällt, während ihm Jan sanft die Schultern massiert, wird zunehmend klar dass Empathol seine Wirkung entfaltet hat.

Jan, der Geübte, erkennt gerade noch rechtzeitig dass alle von Trudis Sorgen erfasst worden sind und dass ihr Kummer zum Kummer aller geworden ist. Sie alle zusammen sind gerade dabei, in das schwarze Loch totaler Trostlosigkeit zu stürzen. Von plötzlicher Angst getrieben eilt Jan zum Küchenschrank, holt das Salz hervor und kippt eine Handvoll davon in einen Krug mit Wasser. Er kehrt zurück zum Tisch, in die Runde flennender Menschen, die sich haltlos ihrem gemeinsamen Elend hingeben und bittet sie, ein Glas davon zu trinken. Mutlos und gehorsam folgen sie dieser Aufforderung. Schließlich liegen alle Vier eng aneinandergeschmiegt — es erinnert an friedlich in einander verknotete Süßmolche — am hochflorigen Teppich, gleichsam erschöpft wie erfüllt, und verfallen in einen tiefen Schlaf.

Der Tag danach

Am späten Vormittag sieht man die Vier in bester Laune um den Küchentisch sitzen. Während der Toaster fröhlich rattert und der Geruch gebratenen Specks Raum und Seele erfüllt, werden die Erlebnisse der vergangenen Nacht bis ins kleinste Detail analysiert. Allen ist bewusst dass sie an einem einzigartigen Experiment teilgenommen haben. Alle Vier haben gleich nach dem Aufwachen den dritten Empathie-Test gemacht und Jan zeigt nun das Ergebnis auf seinem Tablet.

EF

abends

EF

nachts

EF

morgens

Roger

2

9

2

Jan

4

9

4

Yuma

6

9

6

Trudi

8

9

8

Die Runde ist begeistert. Die Gelben Partikel wirken!

Und der Salztrunk, der Ihnen um Mitternacht, am Höhepunkt ihrer Empathie von Jan gereicht wurde, hat sie wieder zurückgeführt in jene Empathie-Gefilde, die ihren unterschiedlichen Charakteren entsprechen. Ganz offensichtlich war man sich um Mitternacht empathisch sehr nahe. Trudis Schicksal war vorübergehend das Schicksal aller. Sogar Rogers egozentrischer Narzissmus hat sich innerhalb weniger Stunden aufgelöst. Er erinnert sich beinahe bestürzt an die plötzlich einsetzende Woge der Empathie, die über ihn hinweggerollt ist und ihn lauthals schluchzen ließ, ausschließlich Trudis beklemmendes Schicksal in seinem Kopf. Davon sei er bereits wieder weit entfernt, sagt er triumphierend, schließlich habe er jetzt wieder den niedrigsten EF von allen. Und das sei gut so, meint er erleichtert. Yuma fügt fast schwärmerisch hinzu dass ihn um Mitternacht trotz seines Jammers ein ihm bislang verborgenes Gefühl vollständiger Hingabe erfüllt habe. Trudi wieder meint dass ihr Schmerz um Mitternacht ebenfalls einen Höhepunkt erreichte, nicht wegen ihrer Geschichte mit dem Exfreund, sondern weil sie der Kummer der anderen Drei, die ja ihretwegen trauerten, völlig vereinnahmt habe.

Wie dem auch sei, resümiert Jan, egal ob nun der eine oder andere einen niedrigen oder hohen EF habe, jedenfalls kitzelten die Gelben Partikel aus jedem so viel Empathie hervor dass am Ende alle dasselbe Gefühl teilten, sich diesem völlig auslieferten und die Grenzen ihrer eigenen Persönlichkeit quasi auslöschten. Sich an die Experimente mit seinen Molchen erinnernd, habe er um Mitternacht, als ihm dämmerte dass die hereinbrechende Empathiewelle sie alle zu erledigen drohte, die Reißleine gezogen und als eine Art Gegengift Salzwasser zum Trinken verteilt, eine Maßnahme, deren Wirksamkeit er von seinen Molchsversuchen her kannte. Sie seien, setzt Jan mit feierlicher Stimme fort, wahrscheinlich Zeugen einer bahnbrechenden Entdeckung geworden, deren Ausmaße sich noch gar nicht abschätzen ließen. Deshalb schlage er vor, die allgemeine Gültigkeit dieser Erkenntnis experimentell zu prüfen und zu sichern, unter strenger Geheimhaltung natürlich. Dieser Vorschlag löst in der kleinen konspirativen Gruppe große Begeisterung aus, sodass der Rest des Tages zugebracht wird, Experimente zum Beweis der Allgemeingültigkeit zu entwickeln.

Stimme aus dem Off:

Offensichtlich glaubt die Vierer-Bande an Jans Kopfgeburt. Die scheinbaren Indizien, die für die Wirksamkeit der Gelben Partikel sprechen, sind tief in sie eingedrungen und haben sich fest in ihren Köpfen verankert. Genauso wie alle Vier das Salz als Gegengift verinnerlicht haben.

Vier intelligente Menschen kommen also nach jahrelangem Drill in den weltbesten akademischen Einrichtungen zu einer gemeinsamen Einsicht, deren Fundament lächerlich dünn ist. Es ist wohl eine Mischung aus Romantik, Forscherdrang und Bedeutungswahn, welche die Vier zusammenschweißt. Alle haben ihre individuellen Gründe warum sie in diesem surrealen Theater mitspielen.

Jan will den Dämon im Salzberg töten.

Trudi will ihre Empathie ausleben.

Yuma will Trudi.

Roger will Ruhm.

Deshalb werden irgendwelche Zweifel an diesem gemeinsamen Projekt gar nicht erst diskutiert. Die gemeinsame Idee in den Köpfen der Vier bringt bereits den leisesten Einwurf zu Fall, zu sehr würde er den Fortgang des Projekts gefährden. Die Beweggründe, warum jeder für sich dieses Projekt vorwärts treiben will, können unterschiedlicher nicht sein.

Trotzdem, das Projekt lebt und gedeiht.

Warum Schaben?

Trudis Experimentaltier ist die Küchenschabe, genauer gesagt die amerikanische Großschabe Periplaneta americana. Warum sie gerade Schaben zu ihrem Forschungsmodell gemacht hat, lässt sich wohl nur erahnen. Die Leitung des Think-Tanks hatte ihr Fangschrecken, Termiten oder Küchenschaben zur Auswahl vorgeschlagen. Diese Insekten seien archaisch genug, um das Leben von Grund auf zu entschlüsseln — so kryptisch drückte sich die Oberste Leitung damals aus. Spontan hatte sie sich für die Küchenschaben entschieden, vielleicht weil ihr beim Wort Küche warm ums Herz wurde. Erst später ist ihr bewusst geworden dass sich Menschen grundsätzlich vor Küchenschaben ekeln und diese Tiere despektierlich ‚Kakerlaken‘ nennen. Da war es aber schon um sie geschehen. Trudi mag diese Tiere, die so friedlich in großen Gruppen leben, das Licht scheuen und lautlos in dunklen Spalten verschwinden. Ja, in der ‚Küche‘ hatte Trudi tatsächlich viele Jahre ihrer Jugend zugebracht. Ihre Mutter war eines Morgens tot im Bett gelegen und hatte sie mit ihrem hilflosen Vater und vier kleineren Geschwistern zurückgelassen. Sie wird den Blick ihres Vaters nie vergessen, als dieser sie bat, nach dem Rechten zu sehen. ‚Bitte hilf‘ sagte er damals mit belegter Stimme und legte damit das schwere Joch einer mehrfachen Mutter auf ihre schmalen Schultern. Fortan war ihr Platz in der Küche, wo sie versuchte, ihrer neuen Rolle gerecht zu werden. Tagtäglich stopfte sie die hungrigen Mäuler und wenn sie spät abends zu Bett ging, weinte sie gleichsam verzweifelt wie dankbar in ihr Kopfkissen hinein, bis sie der Schlaf übermannte. So wuchs die kleine Horde unter ihrer Obhut auf und trotz aller Mühen, die damit verbunden waren, genoss sie diese Zeit, besonders abends, wenn sie alle versammelt waren, am großen Esstisch in der Küche. Nur das Kauen und Schmatzen war dann vernehmbar und das leise Klappern der Teller. Obgleich ihr empathisches Wesen alle umgab wie ein leichter seidener Schal, war sie selbst nicht frei von makabren Gedanken, die sie manchmal am frühen Morgen heimsuchten, wenn alle noch schliefen. So sah sie ihre Geschwister in alle Himmelsrichtungen fliehen, weg von ihr und ihrem Zuhause, raus in die weite Welt. Und wenn sie die Vier eilig am Horizont verschwinden sah, mit nach vorn gerichteten Köpfen, von denen sich keiner mehr auch nur ein einziges Mal nach ihr umwandte, erfasste sie ein tiefer Schmerz, der sich urplötzlich in Wut verwandeln konnte. Schnaubend setzte sie sich dann im Bett auf und schwor, ihre selbstlose Seele gegen jede Art sinnlicher Begierde auszutauschen. Gedanken, die sie schnell wieder zurückdrängte, um sich daraufhin einsam und verloren unter der Bettdecke zu verkriechen. Als nach etlichen Jahren eine neue Frau an ihres Vaters Seite auftauchte und sie aus ihrer Mutterrolle erlöste, da floh sie selbst hinaus in die Welt – und landete schließlich hier im Think-Tank, in einer Gesellschaft von wortkargen Denkern und lichtscheuen Schaben.

In der Schabenkoje

In einer Ecke von Trudis Forschungskoje lagert ein Plastikcontainer von der Größe eines Wäschekorbs. Er ist durchsichtig, der Deckel aufklappbar und mit dünnen Luftschlitzen versehen. Trudi betritt ihre Koje routinemäßig in beinahe vollständiger Dunkelheit, wenn man von einer schwachen Rotlichtquelle in der gegenüberliegenden Ecke ihres Laboratoriums absieht, deren spärliches Licht ihr das Arbeiten in diesem Raum möglich macht. Wenn sie morgens ihre Koje betritt, setzt sie sich auf einen Hocker direkt vor den Plastikcontainer und wartet geduldig, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. In dieser halben Stunde des Stillsitzens und Nachdenkens hört sie nur leises Rascheln, wenn sich die Schaben durch Papierknäuel und zerfressene Pappkartons wühlen. Sie meint sogar das Knirschen der Kauwerkzeuge zu hören, das nur kurz verstummt wenn eines der Tiere von der glatten Wand des Plastikcontainers knisternd in die Pappreste auf den Boden fällt. Ihr Blick ruht auf dem Container in der Ecke und langsam kann sie darin die dunklen gepanzerten Körper der Tiere erkennen, bald ihre langen Fühler, die wie Teleskopantennen vorsichtig die Umgebung abtasten. Die daumengroßen Schaben sind ihr ans Herz gewachsen. Sie bewundert ihre Schnelligkeit, ihr friedliches Zusammenleben in großen Gruppen und fühlt immer noch eine gewisse Beklommenheit wenn sie die eine oder andere, tot am Rücken liegend, aus dem Container entfernt. Immer wieder staunt sie dann über die Leichtgewichtigkeit dieser archaisch anmutenden Tiere, deren Entstehungsgeschichte wohl auf mehrere hundert Millionen Jahre zurückgeht.

Diesmal sitzt Trudi aufrecht und angespannt vor dem Schabencontainer. Während sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnen und die Gegenstände um sie herum an Kontur gewinnen, geht sie im Kopf ihren experimentellen Plan durch. Die Gelben Partikel aus den von Jan bereitgestellten Ampullen – sie weigert sich noch, Jans Begriff Empathol zu verwenden – hat sie in die Schnittflächen von Apfelspalten gedrückt. Diese Delikatesse, neben sich auf einem kleinen Tablett aufgetürmt, wird sie ihren Schaben anbieten und dann über Stunden deren Verhalten dokumentieren. Neben ihrem Laborbuch, in das sie alle, auch die scheinbar unwichtigsten Beobachtungen eintragen wird, hat sie noch eine Restlichtkamera mitgebracht, die trotz der Dunkelheit hochaufgelöste Filmaufnahmen möglich macht. So wird sie in der Lage sein, auch noch später das Verhalten der Tiere zu analysieren. Sie hat die Kamera auf ein Stativ montiert, das sie vor der glasklaren Wand des Containers aufstellt. Sie wird eine Stunde lang die Tiere im Kontrollmodus filmen und danach die präparierten Apfelspalten einbringen, ohne den Film zu unterbrechen. Während dieses einstündigen Vorlaufs, auf ihrem Hocker sitzend mit dem Laborbuch am Schoß, wird das kürzlich Erlebte – Jans empathischesAbendmahl – wieder in ihr lebendig. Es ist ihr im Nachhinein unangenehm dass damals die Geschichte mit ihrem Exfreund quasi zu einem experimentellen Übungsbeispiel missbraucht worden war, das nun sogar weitere Experimente nach sich zieht. Ihr persönliches Problem wurde vorübergehend zum Problem aller und wohl auch nur deshalb, weil alle diese komischen Gelben Partikel geschluckt hatten. Sie ist jetzt zu einem gewissen Grad erleichtert dass sie diese persönliche Ebene von damals durch eine nun sachliche hat austauschen können, eine Art Metaebene, die mit ihr selbst nichts mehr zu tun hat, meint sie zumindest. Es gilt jetzt, ihre Person vollkommen aus dem Verlauf der Experimente herauszuhalten. Das nimmt sie sich fest vor, auch wenn ihr relativ hoher EF, der nun einmal in ihrem Naturell verankert ist,ihr das gar nicht so leicht machen würde.

Nachdem sie die Schaben durch Klopfen an die Außenwände des Containers zur Flucht unter die Kartonagen getrieben hat, öffnet sie den Deckel und kippt die Apfelspalten hinein. Sorgfältig verschließt sie den Container mit den fest installierten Klammern, eine technische Maßnahme, die vom Sicherheitsbeauftragten des Think-Tanks gefordert wurde und deren strikte Einhaltung sie per Unterschrift garantieren musste. Dann zieht sich Trudi wieder auf ihre Beobachtungsstation zurück und verfolgt angespannt das Szenario. Nach einem kurzen Intervall totaler Stille wagen sich die Schaben aus ihren Verstecken, betasten mit ihren Fühlern vorsichtig die wahllos verteilten Apfelspalten und beginnen zu fressen. Minuten später wimmelt es von Schaben, die sich über das willkommene Futter hermachen. Ihre gepanzerten Körper schlagen gegen die Plastikwände und manchmal dringt das wohlvertraute Pfauchen an Trudis Ohr, wenn sie sich an der Futterstelle zanken. Während sie fasziniert das Schauspiel betrachtet und die Apfelspalten vor ihren Augen zu kleinen bizarren Skeletten zusammenschrumpfen, macht sie unablässig Eintragungen in ihr Laborbuch. Sie vermerkt dass vermutlich alle Schaben an dem Mahl teilnehmen und dass kein Sättigungsverhalten – ZeroSaturation wie sie es nennt – festzustellen ist. Nach einer Stunde findet sie nur mehr Reste von Apfelschalen zwischen den Papierknäueln. Die Schaben haben sich in die Kartonagen zurückgezogen und nichts deutet auf veränderte Verhaltensmuster hin. Trudi verharrt über die nächsten Stunden reglos vor dem Plastikcontainer. Als gleichsam erfahrene wie hartgesottene Forscherin bringt sie genügend Geduld und Disziplin mit, um das Experiment auf unbestimmte Zeit weiterlaufen zu lassen. Zu sehr haben sie die Folgen von Jans Nachtmahl geprägt, sodass ihre Aufmerksamkeitsschwelle stets niedrig bleibt. Ihr scheint nichts zu entgehen. Sie misst die Krabbelgeschwindigkeit einzelner Schaben, wenn sie die steilen Plastikwände hochklettern, ermittelt die Mitgliederzahl einzelner sozialer Gruppen und die Anzahl der lautlosen Scheinkämpfe innerhalb dieser Verbände.

Da bemerkt sie dass eines der Tiere mit der Hälfte seines Körpers in einem der Luftschlitze steckt und mit seinen stachelbewehrten Beinchen in der Luft rudert. Während sie versucht, das Tier wieder vorsichtig in den Container zurückzuschieben, gelangt ein anderes Tier scheinbar widerstandslos durch den Luftschlitz und verschwindet in Windeseile in der Dunkelheit des Labors. Trudi erschrickt, nimmt mit einem schnellen Griff die Stirnlampe vom Regal, schaltet das Infrarotlicht an und leuchtet in die Ecke hinter dem Container. Da sieht sie bereits mehrere Schaben, die vor dem Rotlicht fliehen und dabei bewegte Schatten auf die Wände werfen. Sie bemerkt dunkle Flecken auf dem Plafond, die sich blitzartig aus dem Lichtkegel des Rotlichts entfernen. Während sie wie gelähmt dieses Szenario beobachtet, hört sie das dumpfe Aufschlagen einzelner Schaben, die von der Raumdecke zu Boden fallen und dort leblos liegen bleiben. Reflexartig tritt sie auf diese Schabenkörper und zermalmt sie mit der Sohle ihrer Sneakers. Inzwischen laufen unzählige Schaben kreuz und quer über den dunklen Laborboden. Trudi lenkt das Infrarotlicht auf den Plastikcontainer. Dort sieht sie eine Schabe nach der anderen durch die Atemschlitze der Abdeckung krabbeln. Schnell stopft sie Zellstoff in die Schlitze, um diesen Exodus zu stoppen. Sich an Jans Gegengift – Salz – erinnernd, holt sie Kochsalz aus einem der Chemikalienschränke, kippt eine Handvoll davon in eine mit Wasser gefüllte Sprühflasche, hebt vorsichtig den Deckel des Plastikcontainers sodass ein kleiner Spalt entsteht und besprüht die Schaben mit heftigen Pumpbewegungen ihrer Hand. Das macht sie solange, bis die Flasche leer ist und sie die Gewissheit hat dass das Salzwasser in jede Ecke des Containers vorgedrungen ist und die anfangs staubtrockenen Pappkartons in tropfnasse Schabenschlupfwinkel verwandelt hat. Dann begibt sie sich auf die Jagd nach den Schaben außerhalb des Containers. Mit ihrer roten Stirnlampe leuchtet sie in jeden Winkel des Labors, in jede Ritze. Jede gesichtete Schabe, ob an den Schränken emporkrabbelnd, reglos an den Wänden verharrend oder lautlos über den Boden huschend, erschlägt sie mit ihrem Laborbuch. Stunden später sitzt Trudi schwer atmend auf ihrem Hocker, unter dem kalten Licht der Neonröhren, umgeben von den toten Körpern unzähliger Schaben. Der Zellstoff, den sie vor Stunden in die Luftschlitze des Containers gestopft hat, ist salzwassergetränkt zu Boden gefallen, die Schlitze sind wieder frei. Gleichsam irritiert wie erleichtert merkt Trudi dass es keinem der Tiere mehr gelingt, die nun offenen Schleusen zu passieren. Sie hebt eines der toten Tiere vom Boden auf und betrachtet es. Ihr geübtes Auge kann nichts Absonderliches bemerken. Was ihr aber dann doch auffällt, ist die ungewöhnliche Weichheit dieser toten Kreatur in ihrer Hand. Die eigentlich steifen Deckflügel lassen sich unter dem sanften Druck ihres Zeigefingers wie Seidenpapier widerstandslos eindrücken. Sie holt nun eines der Tiere mit einem geschickten Handgriff aus seinem salzdurchtränkten Versteck des Containers, tötet es wie sie es schon hunderte Male gemacht hat, indem sie sein Halsschild zwischen zwei Fingern zerquetscht und legt dann beide Tiere, das Fluchttier und das Salztier, nebeneinander auf ihre Handfläche. Rein äußerlich erkennt sie keinerlei Unterschiede. Doch unter dem Druck ihres sondierenden Fingers verformt sich die Fluchtschabe zu einem platten Gebilde während das Salztier seine starre Form behält. Wenig später schreibt Trudi, von Jans Formulierungslust inspiriert, einen Reim in ihr Laborbuch,

Empathol macht Schaben weich,

Salz hingegen macht sie steif.

Dann verlässt sie forschungstrunken ihre Koje. Sie merkt nicht dass eine Schabe in der Profilsohle ihrer Sneakers überlebt hat.

Warum Würmer?

Rogers Experimentaltier ist der Regenwurm, genauer gesagt der Gemeine Regenwurm Lumbricus terrestris. Als ihm die Oberste Leitung zunächst die Termitenkönigin als Versuchsobjekt vorschlug, mit dem Auftrag, an Hand dieses Insekts die Ursachen monogamen Zusammenlebens zu erkunden, winkte Roger beinahe reflexartig ab. Zu sehr erinnerten ihn Termiten an Ameisen, das Angstobjekt seiner Kindheit. Er war in einer rauen dörflichen Gemeinschaft aufgewachsen, in der jeder Einzelne sich selbst der Nächste war. Die Freiheit, die er damals genoss bevor ihn schulischer Drill in die Schranken wies, war fast grenzenlos. Da seine Eltern für unbestimmte Zeit weggesperrt waren - der Vater saß wegen organisierten Drogenhandels im Gefängnis, die schizophrene Mutter litt lautlos in einer geschlossenen Anstalt – wuchs Roger unter den Fittichen seiner zeitlebens schwächlichen Großeltern auf. Oft sah er sie nur kurz zum Essen, wenn sie ihm morgens wortkarg das Frühstück hinschoben oder abends gemeinsam die Suppe löffelten. Gespräche gab es längst nicht mehr, höchstens Geräusche wie Schlürfen, Gähnen und Seufzen. Die Großmutter sah er meistens nur von hinten, sie stand am Herd und klapperte mit Geschirr. Der Großvater ließ sich nach dem Essen verdrossen in einen Lehnstuhl sinken und raschelte dann und wann mit der Zeitung, die er zwischen sich und dem Rest der Welt aufbaute. Da keinerlei Erziehungsmaßnahmen, weder ermunternde noch ermahnende Worte Rogers Geist beflügelten oder einschränkten, fühlte er sich auf fast unnatürliche Weise frei. Dass diese Freiheit eine trügerische war, lernte er auf schmerzliche Weise in der dörflichen Gemeinschaft kennen, als ihn nämlich ein paar etwas ältere Buben, als Indianer verkleidet, an den Stamm einer Birke banden, seine Füße mit Honig bestrichen und einen halben Ameisenhaufen neben ihm auskippten. In seiner Angst machte er sich in die Hosen worauf sie ihn zwar von seinen Qualen befreiten, doch unter Hohn und Spott nach Hause jagten. Die nächsten Monate verbrachte er damit, sich den verlorenen Respekt wieder zurückzuerobern, wobei er sich mehr und mehr in die Rolle eines Exzentrikers manövrierte. Er tat Dinge, die Kinder seines Alters gewöhnlich nicht taten und vor allem, er brüstete sich damit. Eines seiner Paradestückchen war, sich heimlich einen Regenwurm in den Mund zu stecken und ihn dann im Gespräch mit den Kumpeln wie zufällig aus seinem Mund kriechen zu lassen. Sogar die hartgesottenen Dorfbuben fanden das extrem eklig sodass man ihn zwar ob dieses perversen Kunststücks wegen in gewisser Weise respektierte aber gleichzeitig auch aus der Gemeinschaft ausschloss. So bildete Roger mit seinen Würmern so etwas wie einen Geheimpakt, der ihn zwar vor weiteren Übergriffen der Dorfjugend bewahrte, ihm aber auch den Stempel eines Sonderlings auf die Stirn drückte. Mit dieser Vergangenheit war es beinahe natürlich, dass Roger geradezu enthusiastisch zustimmte, als die Oberste Leitung als mögliches Versuchsobjekt den Regenwurm ins Spiel brachte. Mit diesem Tiermodell könne er zwar nicht die Ursachen monogamen Zusammenlebens studieren aber dafür das Leben von Zwitterwesen erforschen. Der Regenwurm sei das wohl beste Beispiel eines Zwitters und jede neue Erkenntnis darüber für intersexuelle Menschen von hoher Relevanz. Das zumindest war die Argumentation der Obersten Leitung, der Roger gern folgte. So also landete er bei den Regenwürmern.

In der Wurmkoje

In Rogers geräumiger Forschungskoje ist ein mehrere Quadratmeter großes Areal, sein Erdgarten wie er es nennt, mit einer dicken Schicht von Komposterde bedeckt, in der sich die Tiere aufhalten. Dort leben die Würmer in selbstgebohrten unterirdischen Wohnröhren, deren Wände mit Schleim und Exkrementen der Tiere ringsum ausgekleidet sind. Vermoderndes Pflanzenmaterial, vorwiegend Blätter und Wurzelwerk sind ihre Nahrung. Braucht Roger Regenwürmer für seine Experimente, treibt er die Tiere durch Vibrationen, genannt Wurmgrunzen, aus dem Erdreich. Dazu treibt er einen kleinen Holzpflock in die Erde und versetzt ihn in Vibration, indem er mit einem Metallstab über dessen oberes Ende reibt. Roger hat die Methode des Worm Grunting in einem sechswöchigen Intensivkurs im Zuge seines Biologiestudiums in den Feuchtgebieten des Ochlockonee River erlernt, unter der Leitung erfahrener Wurmjäger. Er liebt den Anblick, wenn er, in seiner Forschungskoje den Metallstab am Holzpflock reibend, sieht wie die in der Tiefe verborgenen Würmer scharenweise an die Erdoberfläche fliehen. Er sammelt dann einige von ihnen auf und lässt sie in ein Glasgefäß plumpsen, dessen Boden mit nassem Filterpapier ausgelegt ist. Dann setzt er sich auf den einzigen Hocker in seinem Labor, den er inmitten seines Erdgartens positioniert hat und beobachtet, wie sich die geflüchtete Horde wieder in ihre Erdlöcher zurückzieht.

Diesmal ist sein Plan ein anderer. Trudis Erfahrungen über den Ausbruch der Schaben bestimmen die experimentelle Strategie, die er sich für seine Würmer ausgedacht hat. Die Tatsache dass Trudis Schabenkoje wochenlang gesperrt wurde, nachdem sie den Vorfall an die technische Leitstelle des Think-Tank gemeldet hat, ja dass ihre gesamte Schabenkolonie inklusive aller biologischen Proben, die sie in jahrelanger mühseliger Arbeit hergestellt und in Fächern, Schubladen und Schränken gehortet hat, durch die Kammerjäger vernichtet worden ist, hat Roger zu ausgeklügelten Präventivmaßnahmen greifen lassen. Er hat seinen Erdgarten durch einen Schneckenzaun umgeben und dadurch hermetisch vom Rest seines Labors isoliert. Innerhalb seines sechs Quadratmeter großen Erdgartens hat er ein Drittel davon mit Bambusstöckchen abgesteckt und zu seinem unmittelbaren Empathol-Feld erklärt. Dort will er zu Beginn des eigentlichen Experiments Wasser versprühen, in dem Jans Gelbe Partikel gelöst sind. Ein weiteres zwei Quadratmeter großes Areal außerhalb der Bambuseinfassung soll als Kontroll-Feld dienen. Den Holzblock hat er so positioniert dass sich die mit dem Metallstab ausgelösten Vibrationen gleichmäßig über das Empathol- und Kontrollfeld ausbreiten würden. Er selbst wird in Gummistiefeln am Holzpflock stehen und die Vibrationen auslösen. Er wird dann auf seinem Hocker Platz nehmen, die Szene beobachten und alles Auffällige in sein Laborbuch eintragen. Die ferngesteuerte Kamera direkt über dem Erdgarten wird das gesamte Experiment aufzeichnen, in Bild und Ton. Als besondere, gleichsam finale Vorsichtsmaßnahme will er durch tagelange Flutung seiner Wurmkoje mit Kohlendioxid die gesamte Wurmkolonie unmittelbar nach dem Experiment vernichten, egal wie dieses Experiment ausgeht. Dieses heroische Vorgehen solle verhindern dass kein Wurm das Experiment überlebt, um im Vornhinein ‚Zwischenfälle danach‘ auszuschließen.

Man mag sich erinnern dass Rogers EF der niedrigste der damaligen Abendrunde war. Deshalb versteht es sich von selbst dass er seine experimentelle Herangehensweise für die beste der Welt hält und Trudis Bericht als den einer Heulsuse abtut, die mit ihrem Kakerlakenzirkus wenig bis nichts zur möglichen Wirkung der Gelben Partikel beigetragen habe. Ihre Schlussfolgerung dass Empathol Schaben weich und elastisch mache, hält er für absurd und dem kranken Hirn einer paranoiden Vollempathin entsprungen. Sollte aber wider Erwarten doch etwas an Trudis Bericht dran sein, werde er das Thema an sich reißen und mit seinen Würmern ihr weinerliches Kakerlakengetue - so seine Gedanken – ins wissenschaftliche Nirwana befördern. Er wird ein drittes Feld in seinem Erdgarten abstecken, ein Empathol-Salz-Feld, das er mit Kochsalz vorbehandeln will, bevor die Gelbe-Partikel-Lösung aufgebracht wird. Somit möchte er zwei Fliegen auf einmal erschlagen, erstens die Empathol-Wirkung beweisen oder eben als Hirngespinst entlarven und zweitens, wenn es denn doch eine Empathol-Wirkung gäbe, die in den Raum gestellte Salzblockade – eine weitere absurde Vorstellung – testen. Dieses Drei-Felder-Experiment sei wohl das Genialste und typischerweise in seinem Kopf entstanden, da ist Roger überzeugt. Er fühlt sich, wie meistens, in einer Win-Win Situation. Zeigten seine Würmer keine Wirkung, würde er die ganze Sache mit dem Empathol implodieren lassen. Er würde das damalige Abendmahl mit seinem denkwürdigen Ausklang als Folge des in Strömen geflossenen Rotweins hinstellen, als eine Art Massenhysterie von sozial deprivierten Neirds, die plötzlich ihre verschüttete Empathiefähigkeit entdeckt hätten. Würde sein geplantes Wurmexperiment jedoch die Empatholwirkung tatsächlich nachweisen können, dann werde er alles daran setzen, die wissenschaftlichen Lorbeeren allein einzuheimsen und die anderen zu Zaungästen degradieren. Sein niedriger EF werde ihm dieses stramme Vorgehen ermöglichen, stellt er befriedigt fest. Manche mögen diesen Plan für skrupellos halten, er finde ihn einfach nur genial. Beseelt von diesen selbstherrlichen Tagträumen geht er ans Werk. Er steckt die Felder in Form eines dreiblättrigen Kleeblatts ab, das Empathol-Feld, das Empathol-Salz-Feld und das Kontroll-Feld. Den Holzblock rammt er am zentralen Berührungspunkt der drei Felder in die Erde. Daraufhin besprüht er mit ausladenden Armbewegungen die drei Felder mit den jeweiligen Flüssigkeiten, die er, sorgsam in etikettierte Sprühflaschen abgefüllt, mitgebracht hat. Er lässt die drei Flüssigkeiten mehrere Stunden einwirken bevor er zum Metallstab greift und das Wurmgrunzen startet.

Die Kamera läuft.

Rekonstruktion

Die Ereignisse der folgenden Stunden können nur anhand des Videomitschnitts rekonstruiert werden, der Tage später von Jan, Trudi und Yuma analysiert wird. Man sieht Roger dicht neben dem Holzpflock auf einem kleinen Hocker sitzen, das Laborbuch auf den Knien. Offenbar aufmerksam betrachtet er seinen Erdgarten. Man erkennt im Hintergrund die drei mit Bambusstöckchen abgesteckten Felder. Wenige Minuten später wird die Oberfläche eines der drei Felder lebendig. Ein Regenwurm nach dem anderen kriecht aus der Erde. Schließlich ist das betroffene Feld mit einer wabbeligen Masse von sich rekelnden Würmern bedeckt. In Gummistiefeln sieht man Roger die Würmer einsammeln. Erst als der 20-Liter Kübel bis zur Hälfte voll und das Feld praktisch wurmfrei ist, kriecht in den anderen beiden Feldern vereinzelt da und dort ein Wurm aus seinem Erdloch. Roger hat indessen wieder auf seinem Hocker Platz genommen und macht Eintragungen in sein Laborbuch. Dann verschwindet er aus dem Blickwinkel der Kamera. Das Video zeigt nunmehr ausschließlich die drei Felder mit dem zentralen Holzpflock im Zentrum. Ein Feld ist komplett wurmfrei, auf den beiden anderen Feldern rekeln sich ein paar wenige Würmer und verschwinden dann langsam wieder im Erdboden. Stunden später liegt der Erdgarten völlig unbelebt da, kein Wurm ist mehr zu sehen. Noch viele Stunden läuft das Video, bis die Speicherkapazität der Kamera ausgeschöpft ist. Roger ist spurlos verschwunden. Auch der Kübel mit den Würmern ist nicht mehr auffindbar. Als die Drei sein Laborbuch auf irgendwelche Hinweise durchsuchen, finden sie neben langen Zahlenreihen am Ende der Aufzeichnungen eine kryptische Formel:

Abends treffen sie sich in Jans Wohnung. Die Runde ist anfangs wortkarg, Rogers Verschwinden bedrückt sie. Statt Rotwein gibt es diesmal Kräutertee, denn ihr damals ausufernder Empathie-Trip, dann Trudis Schabendrama und nun Rogers Wurm-Video haben sie verunsichert. Jans einzige Essensvorbereitung war die Beschaffung riesiger Tüten Kartoffelchips, die sich nun vor ihnen auftürmen und unter ständigem Rascheln im Laufe des Abends geleert werden. Gemeinsam rätseln sie, was die drei Felder wohl bedeuten mögen. Am Video können sie klar erkennen dass sich beim Wurmgrunzen – den Begriff kennen sie aus Rogers früheren Erzählungen – eines der drei Erdfelder deutlich von den beiden anderen unterscheidet. Es ist voller Würmer.

Jan hat inzwischen drei leere Sprühflaschen auf den Tisch gestellt, die mit E, ES und Z beschriftet sind. Er habe sie in einem der Mülleimer in der Wurmkoje gefunden. Alarmiert durch Rogers plötzliches Verschwinden habe er nach Tagen schwelender Ungewissheit zusammen mit Jim, einem technischen Mitarbeiter des Think-Tanks und dem Spürhund Cherry Rogers Koje untersucht. Es sei anfangs nichts Auffälliges zu bemerken gewesen. Allerdings hätte plötzlich Cherry heftig zu hecheln begonnen und sei dann Sekunden später zusammengebrochen, sodass sie panikartig die Koje über das Röhrensystem verlassen hätten. Cherry sei bereits in der Röhrenkabine wieder zu Bewusstsein gekommen. Der Vorfall wurde daraufhin kriminaltechnisch untersucht. Es habe sich herausgestellt dass die Ursache für Cherrys Ohnmachtsanfall Kohlendioxid gewesen ist, das aus einer geöffneten Leitung in der Wurmkoje entströmt war und das sich – so Jims Vermutung - in Bodennähe abgesetzt hatte. Dieses geruchlose Gas habe Cherry, dessen Kopf sich gezwungenermaßen in diesem bodennahen Gas-See befand, vorübergehend ausgeknockt. Deshalb sei es auch nicht möglich gewesen, irgendwelche Würmer aufzuspüren, da wohl alle durch das im Erdreich angereicherte Gas getötet worden seien. In ihrer Ratlosigkeit und getrieben von der fixen Vorstellung dass das Wissen um den Inhalt der Sprühflaschen der mögliche Schlüssel sein könnte, um das Geheimnis über Rogers Verschwinden zu lüften, kommt Yuma auf die etwas abwegige Idee, sich mittels der Gelben Partikel in eine höhere Empathie-Ebene zu katapultieren. So könne er sich vielleicht eher in Rogers psychische Verfassung hineindenken bzw. die emotionale Schwelle zwischen sich und ihm auf ein Minimum senken. Das biete vielleicht die Möglichkeit über die Ebene des Mitfühlens an Rogers Gedankenwelt heranzukommen und dadurch einen Schlüssel für die versteckte Video-Botschaft zu erhalten. Zögerlich und ohne großen Enthusiasmus holt Jan eine der Ampullen aus dem Küchenschrank und unter Trudis leisem Protest, man wisse zu wenig darüber, wie sich der wiederholte Konsum dieser Gelben Partikel auf den menschlichen Körper auswirke, kippt Yuma mit todesmutigem Gesichtsausdruck die gelbe Brühe mit einem großen Schluck hinunter.

In scheinbarer Unbefangenheit wird weiter diskutiert. Der abwesende Roger steht im Mittelpunkt. Wohl deshalb weil man erfahren will, was für eine Art von Experiment er wohl gemacht habe, was die Buchstaben auf den Flaschen bedeuteten und wie man sich sein Verschwinden erklären könnte. So richtig Sorgen um Roger macht sich keiner der Drei. Das könnte sehr wohl mit dessen niedrigen EF zu tun haben, denn alle drei haben so ihre eigenen Erfahrungen mit Rogers narzisstischen Allüren.

Inzwischen wird Yuma merklich schläfrig. Schließlich streckt er sich auf dem Ecksofa aus und schläft ein, nicht ohne vorher den beiden zu versichern dass er sich wohl fühle und nur ein kleines Nickerchen mache bevor er sich, im erhofften Zustand eines Vollempathen erwachend, Rogers Gefühlswelt so stark nähern wolle dass er vielleicht die bislang verborgenen Ereignisse im Wurmlabor aufdecken könne.

Es kommt allerdings anders.

Rogers Ego-Trip

Es war relativ einfach, Würmer auf die Insel zu schaffen. Noch am Festland hat er sie in der Sonne getrocknet, 10 Kilogramm Regenwürmer. Da sie zu neunzig Prozent aus Wasser bestehen, waren sie auf ein Kilogramm zusammengeschrumpft. Dann hat er sie über Nacht in Apfelsaftkonzentrat eingelegt, mit Lebensmittelfarbe Grün eingefärbt und anschließend mit dem Wachs der brasilianischen Carnauba-Palme