Mord am Elbstrand - Uta van Steen - E-Book + Hörbuch

Mord am Elbstrand E-Book und Hörbuch

Uta van Steen

5,0

Der Titel, der als Synchrobook® erhältlich ist, ermöglicht es Ihnen, jederzeit zwischen den Formaten E-Book und Hörbuch zu wechseln.
Beschreibung

Als Mieke überraschend eine reetgedeckte Fischerkate am Strand von Hamburg-Blankenese von ihrer früheren Nachbarin Hedda erbt, kehrt die Schauspielerin mit ihrem Sohn an den verhassten Ort ihrer Kindheit zurück. Ein anonymer Brief weckt in Mieke einen Verdacht: Starb die alte Besitzerin wirklich eines natürlichen Todes? Unaufhaltsam gerät sie in einen gefährlichen Strudel von Familiengeheimnissen, Verrat und Geistern der Vergangenheit in der trügerischen Idylle am Fluss.

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Seitenzahl: 467

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Zeit:11 Std. 16 min

Veröffentlichungsjahr: 2023

Sprecher:Irina Salkow

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Uta van Steen

Mord am Elbstrand

Kriminalroman

Zum Buch

Blankeneses dunkle Seiten Drei reetgedeckte Fischerhäuschen am Strand von Blankenese – und eines davon gehört nun der Schauspielerin Mieke. Ihre frühere Lehrerin und Nachbarin Hedda hat sie überraschend als Erbin eingesetzt. Dabei hatte Mieke den großbürgerlichen Elbvorort nach dem rätselhaften Verschwinden ihres Vaters noch als Schülerin verlassen und war mit ihrer holländischen Mutter nach Den Haag gezogen. Allerdings ist eine Bedingung an das Testament geknüpft: Vor einem möglichen Verkauf der Kate muss Mieke sie ein Jahr lang bewohnen, Heddas Tagebücher, Fotos und Dokumente sichten und ihre Lebensgeschichte aufzeichnen. Nur widerwillig kehrt Mieke mit ihrem Sohn Lenny nach Blankenese zurück. Dort kommen die beiden nicht nur den verstörenden Geheimnissen ihrer eigenen Familie auf die Spur, sondern auch einem Mord – und einem Netz der Lebenslügen, in das sich die Bewohner der drei Häuser seit der Nazizeit verstrickt haben.

Uta van Steen wuchs umzingelt von Zechen im Ruhrgebiet auf und besuchte nach ihrem Studium der Theaterwissenschaft in Köln und Paris die Journalistenschule in Hamburg. Dort entdeckte sie überrascht, wie grün Städte sein können – und blieb deshalb gleich da. Als Redakteurin und Reporterin arbeitete sie unter anderem für »Die Zeit«, »Stern«, »Spiegel«, »Geo Saison«, »SZ-Magazin« und ist Autorin mehrerer Sachbücher und eines Theaterstücks. »Mord am Elbstrand« ist ihr erster Krimi. Mit ihrem Mann und zwei Hunden lebt sie in Blankenese.

Impressum

Die Protagonisten, die Handlung des Romans und die Wolf-von-Lorenz-Treppe sind frei erfunden. Das Kinderheim, die historischen Personen und Ereignisse waren real.

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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Christine Braun

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Karsten Bergmann / Pixabay

Karte: © Sophie Küster

ISBN 978-3-8392-7446-0

Widmung

Für Sunny

Gedicht

Ich möchte Leuchtturm sein

in Nacht und Wind –

für Dorsch und Stint,

für jedes Boot –

und bin doch selbst

ein Schiff in Not!

Wolfgang Borchert

Aus: »Laterne, Nacht und Sterne. Gedichte um Hamburg«

Karte

 

Heddas Tagebuch

 

Simon is fendoge bi mi wesen, ober ich heb Bruno nix vertellt. Dat is better so, he watt in lester tid so flink bannig vegrellt.

Simon war heute bei mir, aber ich habe Bruno nichts erzählt. Es ist besser so, er wird in letzter Zeit so schnell wütend.

Prolog Freitag, 17. April 1998

Sie rannte zum Strand, die nassen Haarsträhnen klebten an ihrem Kopf. Erst sah sie nur den weißen Riesen, der sich an der Flussinsel vorbeischob, hinter der Reling winzig die winkenden Passagiere. Aber als das Schiff die Sicht auf das schilfige Ufer von Neßsand wieder freigab, erkannte sie etwas Helles, Verschwommenes.

Einen Moment lang dachte sie, da tanzte eine Schaumkrone auf der Heckwelle, die der Fähre folgte. Dann riss die Wolkendecke auf, und Sonnenlicht quoll vom Himmel in die Elbe, die jetzt funkelte wie ein flüssiger Aquamarin. Und ihr war klar, dass dort das Ruderboot von der Strömung herumgeschubst wurde, von Wellen überspült und schließlich vom Fluss verschlungen.

Sie drehte sich um. Ein paar Sekunden zu spät, um die rasche Geste zu bemerken, mit der der Vorhang am Fenster der Fischerkate zugezogen wurde.

Donnerstag, 19. Mai 2022

Die Holztür, im selben müden Blau lackiert wie die Elbe an dunstigen Tagen, stand einen Spalt offen. Verblüfft ließ Mieke die Hand sinken, mit der sie gerade den Schlüssel aus ihrer Jackentasche geholt hatte.

Einbrecher?

Sie war ohnehin schon gestresst. Der Zug von Den Haag nach Hamburg hatte ewig gebraucht, dreimal waren sie mit den schweren Koffern umgestiegen. Vom Bahnhof hatten Lenny und sie ein Taxi durchs Treppenviertel genommen, einem Gebirge aus reetgedeckten Kapitänshäuschen, Kaufmannsvillen und Bungalows.

Am Fähranleger unten am Fluss waren sie ausgestiegen. Von nun an ging es nur noch zu Fuß weiter. Mieke hatte zwei Koffer ergriffen und sich, den fluchenden Lenny im Schlepptau, auf den Weg gemacht. Ein paar Schritte den Strandweg entlang zweigte ein heckenbestandener Fußweg ab, und danach, verdeckt von einem Blauregenvorhang, ein noch schmalerer Pfad, so unauffällig, dass alle Touristen ihn übersahen. Er schlängelte sich leicht aufwärts zu einer Streuobstwiese. Erst von dort aus ließen sich die drei Fischerhäuser erkennen, auf halbem Weg zum Strand: alle über 300 Jahre alt und dank ihrer erhöhten Lage Überlebende von Sturmfluten, Hochwasser und Stürmen.

Mieke hörte das Geräusch von näher kommenden Schritten.

»Pauline«, schoss es ihr durch den Kopf.

Die Tür sprang auf, und ein braun gebrannter Mann trat auf die Schwelle, im Gürtel seiner Chinos steckte ein Küchenhandtuch. Wortlos breitete er die Arme aus und zog sie mit einem Ruck an sich.

Als ihr Kopf an seinem Brustkorb landete, roch sie sein süßliches After Shave. Sie schob ihn von sich und trat einen Schritt zurück. Natürlich hatte sie ihn sofort erkannt, trotz des Dreitagebarts, der auf seinem früher nackten, weichen Kinn wuchs. Sie hatte nur keine Ahnung, was er hier machte.

»Marc!«

»In alter Frische. Und du …«, er nickte ihrem Sohn zu, der ausdruckslos die Szene beobachtete, »… du musst Leonard sein.«

Er streckte seine Hand aus, die Lenny nach ein paar Sekunden zögernd drückte.

»Stimmt«, murmelte er. »Hallo.«

»Na, dann kommt mal rein«, rief Marc und schnappte sich zwei Koffer. »Immer hinter mir her!«

Mieke nahm Lenny einen der beiden übrigen Koffer ab und folgte ihrem Schulfreund durch den niedrigen, weiß verputzten Flur. Alle Türen waren geschlossen, an den Wänden hingen Ölgemälde, auf denen Dreimaster in rauer See ertranken. Nur die Küchentür am Ende des Ganges stand weit auf, gleich neben der steilen Stiege, die nach oben führte. Es duftete angenehm nach Kaffee und Lavendelreiniger.

»Setzt euch!« Marc deutete zum alten Eichentisch vor dem winzigen Fenster zum Hof, den er wohl gerade geschrubbt hatte, das Wischtuch lag noch an der Kante. Unter den Achseln seines weißen Polohemdes ließen sich deutlich dunkle Flecken sehen.

Hier hatte Mieke immer gesessen, wenn sie früher zur Nachhilfe kam, die anderen Räume waren schon damals stets verschlossen. Über der steinernen Spüle öffnete sich ein großes Sprossenfenster zum Fluss hinaus, ein kleineres zum Hof im hinteren Garten. Neben dem Buffetschrank und dem gewaltigen Gasherd an der Längswand brummte noch derselbe weiße Bosch-Kühlschrank. Der Raum wirkte wie eine Zeitkapsel aus den Dreißigern.

Marc stellte drei Becher und einen Teller mit Franzbrötchen auf den Tisch. »Kennst du die, mein Junge? Hamburger Spezialität«, sagte er und wies mit der Hand auf das Plundergebäck.

Kein Ehering, dachte Mieke. Aber vielleicht hat er ihn zum Putzen abgenommen.

»Ich habe keinen Hunger.« Ihr Sohn sprang abrupt vom Stuhl auf und stürmte nach draußen.

»Teenager«, sagte Marc gleichgültig.

In Mieke regte sich eine leichte Irritation darüber, dass er sich wie der Herr des Hauses aufspielte. Heddas Hauses. Ihres Hauses.

»Was machst du hier?« Die Frage klang ruppiger, als sie es beabsichtigt hatte.

Marc lachte, eine Spur zu laut. So wie früher, wenn er sich unsicher fühlte. »Keine Sorge. Das hat alles seine Ordnung. Heddas Anwältin hat mich engagiert, als Putzmann und Grüßaugust.«

Er legte seine Hand auf ihren Arm. Mieke tat so, als ob sie einen Schluck Kaffee nehmen wollte, und er zog seine Hand weg und strich sich betont lässig die sonnenbleichen Strähnen aus dem Gesicht, die bis an den Kragen seines Hemdes reichten. Die Geste offenbarte tiefe Geheimratsecken.

»Hat die Anwältin dir nichts gesagt?«

»Ich habe nur im Sekretariat den Schlüssel abgeholt.«

Marc erhob sich. »Kommt erst mal richtig an. Die Heizung läuft und die Betten sind frisch bezogen. Hier, meine Handynummer.« Er schob eine Visitenkarte über den Tisch.

»›Frische Brise‹«, las sie. »›Marc Andresen, Hausmeister- und Handwerkerdienste.‹« Nicht Weltumsegler. Nicht Gitarrist. Mieke war wohl nicht die Einzige auf der Welt mit geplatzten Träumen. »Tut mir leid, Marc«, sagte sie eine Spur weicher. »Dass du dich gekümmert hast, das war nett.«

Der gehetzte Ausdruck in seinen Augen verschwand. »Die Anwältin hat dir wirklich nichts erzählt?«

»Sie war in einem Meeting. Was hätte sie mir denn sagen können?«

»Vielleicht ist es besser, wenn du es selbst herausfindest«, erwiderte er rasch. »Aber egal, was ist, ich helfe dir gerne mit dem Haus. Zum Freundschaftspreis.«

Immer noch der alte Geschäftemacher. Sie lachte, zum ersten Mal, seitdem sie wieder hier war. Marc wirkte auf der Stelle erleichtert und zog sie zum Abschied an sich. Jetzt fand sie seine Berührung in Ordnung.

»Mensch, Mieke«, sagte er, schon halb aus der Tür, »dass wir uns endlich wiedersehen, nach all den Jahren. Und ausgerechnet in Heddas Haus.«

»Ich kann es auch noch nicht richtig glauben.« Sie zögerte. »Wart ihr bei der Beerdigung?«

Marc reagierte nicht auf den Plural. »Nein«, erwiderte er. »Ich war den Winter über in Alicante. Ich habe eine Yacht überführt.«

Also doch noch Segler. Wer strohblonde Haare hatte, Andresen hieß und im Treppenviertel groß geworden war, wo Nebelhörner durch die bereits leicht salzige Nachtluft tuteten, hatte kaum eine andere Wahl.

»Marc«, sagte sie, »wollen wir uns einmal auf einen Drink treffen? Und du erzählst mir alles, was in den letzten 25 Jahren passiert ist?«

»Im Café auf dem Ponton? Ich hätte morgen gegen sechs Zeit.«

»Abgemacht.«

Mieke begleitete den Jugendfreund zur Haustür. Ihr Blick folgte ihm den gelb geklinkerten Pfad entlang und wanderte dann über den Strand, bis er Lenny erfasste. Er kickte Steine ins Wasser, umschwärmt von Möwen. Hinter einem Containerriesen, unterwegs zum nahen Meer, querte ein stämmiges weißes Fährboot die Elbe in Richtung Altes Land. Dort auf den Obstplantagen, dachte Mieke, explodierten gerade die Apfel- und Kirschblüten. Sie könnte mit ihrem Sohn eine Fahrradtour machen, den Estedeich entlang.

»Lenny!«, rief sie. »Los, komm rein!«

Der Junge bückte sich und warf mit Schwung einen Stein weit in den Fluss. Die Vögel kreischten auf. Ringe bildeten sich und verschwammen.

Sie lief über den weichen Sand auf ihn zu.

Ihr Sohn drehte sich um. »Ist er weg?«

Sie nickte.

»Alter Freund von dir?«

»Wir kennen uns noch von der Schule.«

Sie gingen zusammen auf die Katen zu. Die ersten Kletterrosen waren bereits die Wände hochgekrochen und glommen im Dämmerlicht wie bunte Sterne. Aber nur in Heddas Küche brannte Licht. Die beiden anderen Häuschen hüllten sich in Dunkelheit und Schweigen, die Fenster waren mit Holzläden verrammelt.

»Wie viele Zimmer hat die Hütte eigentlich?«

»Warte mal«, sagte Mieke und zählte an den Fingern ab. »Unten die Küche, ein Bad, das Wohnzimmer und noch eine kleine Stube, meine Mutter hatte in unserem Haus dort früher ihr Klavier stehen. Oben drei kleine Zimmer und der Speicher.«

»Kein Keller?«

»Nur eine alte Waschküche. Es gibt noch ein Nebengebäude im Hof. Dein Großvater hatte sein Boot darin liegen. Und es als Atelier benutzt. Wir hatten es von Hedda gemietet, sie brauchte nicht so viel Platz.«

Dein Großvater. Die Worte waren ihr wie selbstverständlich entglitten. Dabei hatte sie mit Lenny nie über Mathias Breckwoldt gesprochen. Ihr Sohn wusste lediglich, dass er Maler gewesen und früh verstorben war. Sie würde ihm bald die Wahrheit sagen müssen.

Sie betraten den Flur mit dem ochsenblutroten Fliesenboden. Calvinistische Niederländer hatten solche Fliesen vor 400 Jahren mit nach Deutschland gebracht, auf ihrer Flucht vor den katholischen Spaniern, das wusste Mieke von ihrem Vater. Er hatte ihr oft Dinge erklärt, wenn sie ihn im Atelier besuchte, wo sein Pinsel Wellen brechen ließ und Schiffe versenkte. Schade, dachte sie, dass Tessa kein einziges Bild mit nach Holland genommen hatte. Aber verständlich.

Mieke drehte den klobigen Lichtschalter. Helligkeit floss über den Boden, der plötzlich aussah, als sei er mit Blut bedeckt.

»Ich mach dir einen Vorschlag«, sagte sie spontan und fasste Lenny am Ärmel seiner Jeansjacke, die bereits feucht war von den Schwaden des Flusses. »Wegen der Schlafzimmer. Wir öffnen abwechselnd eine Tür nach der anderen. Wer eine aufmacht, kann das Zimmer dahinter haben, wenn er will.«

Ihr Sohn lächelte, sein erstes Lächeln seit Wochen. Seit sie ihm eröffnet hatte, dass sie nach Blankenese ziehen würden, weil sie das Haus ihrer früheren Lehrerin geerbt hatte. Er drückte die schwere Messingklinke nieder.

Und sprachlos blickten die beiden auf das, was die Tür verheimlicht hatte.

Sonnabend, 13. Mai 1939

Was für ein wunderbarer Abend. Simon fasste seine Schulfreundin um die Taille, wirbelte sie herum und setzte sie lachend wieder ab.

Hedda zog ihr kirschrotes Kleid glatt, das kurz über den Knien endete, und schaute auf ihre Armbanduhr. »Der letzte Zug ist gerade von Altona abgefahren«, rief sie erschrocken. »Irgendeine Idee, wie wir nach Hause kommen?«

Wie intensiv die Blumen in der Dunkelheit dufteten. Simon konnte die Süße der Rosen und Alpenveilchen auf den Beeten fast schmecken. Wenn nur die Kopfschmerzen nicht wären. Noch immer ganz verschwitzt in seinem viel zu warmen, karierten Sakko und den weiten Hosen zählte er im Stillen bis zehn, bis sich sein Atem allmählich beruhigte. Manchmal schaffte er es, seine Migräne mit dieser Methode in Schach zu halten.

Vor zehn Minuten waren sie vom Musikpavillon in Planten un Blomen aufgebrochen und am See vorbei ostwärts gelaufen, der Morgensonne entgegen, die in wenigen Stunden aufgehen würde.

»Am Ausgang stehen bestimmt Droschken.«

»Bis nach Blankenese kostet das ein Vermögen!«

»Das ist es mir wert. Hedda, das war so ein famoser Abend! Ich hatte keine Ahnung, dass im Musikpavillon solche Swingpartys steigen.«

»Noch«, murmelte Hedda, so leise, dass Simon nur vermutete, was sie gesagt hatte, weil ihm dasselbe Wort durch den Kopf schoss.

Übermütig fasste er das Mädchen an der Hand und machte ein paar Tanzschritte auf den Kieseln des Parkpfades. Inzwischen hatte sich der Mond durch die Wolken gekämpft und ließ sie silbrig glimmen. »In the mood«, summte er den Refrain des Schlagers der Four King Sisters, »my heart was skippin’ …«

»Schusch«, zischte Hedda, »wenn dich jemand hört …«

Doch Simon fühlte sich wie berauscht, betrunken von Musik. Duke Ellington. Glenn Miller. Count Basie. Alle seine Götter des Jazz hatte die Swing-Band heute gespielt, und er hatte Hedda so ausgelassen herumgewirbelt, dass er sich nicht gewundert hätte, wenn sie abgehoben und hoch über die Dächer der Stadt davongeflogen wäre. Gut, der ein oder andere Whisky mochte zu seinem jetzigen Zustand auch beigetragen haben. Egal. Man war nur einmal 15.

»In the mood, that’s what he told me …«

»Simon, warte doch mal. Ich kann mir keine Droschke leisten«, protestierte Hedda.

Der Junge strich sich seine ungewöhnlich langen Haare, von denen man nie wusste, ob sie dunkelblond oder braun waren, aus der heißen Stirn und zog eine Geldbörse aus der Tasche.

»O nein«, protestierte Hedda. »Wir laufen.«

»Laufen? Bist du verrückt? Das sind über zehn Kilometer!« Simon war mit einem Schlag wieder nüchtern.

»Na und? Wir sind doch nicht aus Zucker!«

Resolut zog Hedda ihre Pumps mit dem kleinen Absatz aus und stopfte sie in die Handtasche. Barfuß deutete sie ein paar Tanzschritte an. »Then I held him tightly …«, sang sie.

»Du bist total verrückt«, sagte Simon grinsend. Er ließ die Börse verschwinden, griff wieder nach Heddas Hand, und gemeinsam schlenderten der Junge und das Mädchen den gewundenen Weg entlang.

Wie alle Hamburger waren sie ganz verliebt in den neuen Park mit seinen exotischen Pflanzen wie Bambus und Bananenstauden. Im Winter konnte man auf einem Wasserbecken Schlittschuh laufen, und seit letztem Jahr sprudelte sogar eine Fontäne auf dem See. Der neue Senat hatte das verwilderte Gelände des alten Zoos direkt nach der Machtergreifung für eine Niederdeutsche Gartenschau umgestaltet in ein Blumenparadies mit Orchideen-Café und Kanälen. Was an Kakteen, Bambus und Orchideen niederdeutsch sein sollte, blieb Hedda allerdings schleierhaft.

Eine Wolke schob sich vor den Mond, und als der Wind sie vertrieb, entblößte sein Licht einen nackten Erdflecken am Wegrand.

»Guck mal, Simon, die Palme ist weg«, rief Hedda überrascht. »Und da drüben, da haben doch Strelitzien geblüht, oder? Die können nicht so plötzlich eingegangen sein, gerade jetzt im Frühling …«

»Eingegangen? Eingestampft! Weißt du das gar nicht?«

»Was weiß ich nicht?«

»Dass alle tropischen Blumen durch deutsche ersetzt werden.«

»Du machst Witze!«

»Schön wär’s. Nein, das ist wahr, ich schwöre es. Bruno hat es mir erzählt, und der weiß es von seinem Vater.«

Dann musste es stimmen. Bestens vernetzt in den Hamburger Behörden saß der Bauunternehmer an der Quelle, was Neuigkeiten anging. »Du sagst ihm doch nicht, dass wir im Pavillon waren, oder?«, fragte das Mädchen beiläufig.

»Brunos Vater?«

»Quatsch«, fuhr Hedda ihn an. »Bruno natürlich.«

»Wie du willst.«

Sie wandte den Blick ab. Gut, dass die Dunkelheit verbarg, wie ihr die Röte ins Gesicht geschossen war.

Vor zwei Jahren hatte Bruno ihnen zum ersten Mal eine Platte von Glenn Miller auf seinem Koffergrammofon vorgespielt. Er hatte es zum 14. Geburtstag bekommen. Direkt nach der Kaffeetafel war er zu ihrem Treffpunkt beim Wrack gelaufen. Das Astloch eines Uferbaumes benutzten die Nachbarskinder, seit sie denken konnten, als geheimen Briefkasten. Früher versteckten sie Bonbons darin, später Nachrichten. Jetzt enthielt es eine halb leere Kornflasche, die Hedda dem Vater gemopst hatte.

»Ein Koffergrammofon!« Hedda hatte selbst bemerkt, dass ihre Stimme neidisch klang. Ihre Eltern würden sich so einen modernen Schallplattenspieler im Leben nicht leisten können. Sie hoffte, dass ihr Vater bald wieder im Hafen anheuern würde, dort gab es inzwischen reichlich zu tun. Noch vor ein paar Jahren waren alle Schauermänner arbeitslos gewesen. Da war es nicht weiter aufgefallen, dass der alte Kröger ständig in der Kneipe hockte. Gut, dass ihre Mutter mit Schneiderarbeiten etwas dazuverdiente. Niemand sah dem Mädchen an, dass in der Strandtwiete 1c Schmalhans Küchenmeister war. Den kurzärmeligen hellblauen Rollkragenpulli, über dessen Kragen Heddas blonder Pferdeschwanz wippte, hatte ihre Mutter aus den aufgeriffelten Resten einer löcherigen Wolldecke gestrickt.

»Zeig schon her, was für Platten hast du?«, bedrängte Simon seinen Freund.

Bruno öffnete die Tasche, die ihm über der Schulter hing. Darin steckten Schellackplatten, mindestens 20 Stück.

Simon zog eine nach der anderen heraus. »Benny Goodman«, entzifferte er den Namen auf dem runden Etikett in der Mitte und drehte sie dabei. »Nat Gonella.« Er wusste nicht genau, wie er die Wörter aussprechen sollte, obwohl er seit zwei Jahren Englischunterricht hatte.

»Jazz«, rief Bruno mit leuchtenden Augen. »Bester, großartiger amerikanischer Jazz.«

»Und die Platten haben dir deine Eltern geschenkt?«, fragte Hedda ungläubig.

Bruno prustete los. »Nee, die denken, ich höre arische Qualitätsware.« Er zog eine andere der schwarzen Scheiben hervor und schwenkte sie vor ihren Gesichtern. »Die ›Carmina Burana‹! Die haut einen glatt vom Stuhl, so aufregend modern! Und hier, der fantastische Herbert von Karajan dirigiert ›Tristan und Isolde‹!«

Er hatte eine weitere Platte aus dem Stapel gefischt, und sie hatten so laut lachen müssen, dass sie sich danach erschöpft in den weichen Sand sinken ließen.

Damals, dachte Hedda, während sie und Simon fast den Ausgang von Planten un Blomen erreicht hatten – sie konnte schon das von Gaslaternen beleuchtete Portal erkennen –, war das Zusammensein mit ihren beiden besten Freunden wunderbar einfach gewesen. Sie erinnerte sich daran, wie sie nach der Schule in Brunos Zimmer gesessen und dabei die Texte der Songs abgeschrieben hatten, bis sie sie auswendig konnten. Heute hatten sie alle in Englisch ein »Sehr gut«. Hedda war froh, dass der Englischunterricht auf dem Lehrplan des Gymnasiums überlebt hatte. Französisch war bereits abgeschafft.

Bruno hatte ihnen damals auch erzählt, dass sich am Montagnachmittag in der Eisdiele immer ein paar Jungs und Mädels zum Swingtanzen trafen. Später besuchten die Nachbarskinder auch private Partys. Gelegenheiten gab es genug, denn besonders unter den Hamburger Gymnasiasten grassierte das Jazzvirus.

Am Hinterausgang des Dammtorbahnhofs mit seinem gläsernen Dach wartete die glänzende Schlange der Taxis auf Passagiere, die bald aus den Bars und Kabaretts der Innenstadt strömen würden.

»Hör mal, wir nehmen jetzt doch eine Droschke, ja?«

Hedda war inzwischen zu durchgefroren, um zu protestieren. Ihre Beine fühlten sich schwer an, sie kam sich vor wie ein Elefant bei Hagenbecks Tierpark. »In Ordnung«, sagte sie und zog die Schuhe an. Verflixt, ihre Seidenstrümpfe hatten ein Loch abbekommen. Hoffentlich konnte ihre Mutter es stopfen, es war ihr einziges Paar.

Simon öffnete die hintere Tür einer Droschke. Hedda stieg ein und rückte ans Fenster, um ihm Platz zu machen, und ihr Freund setzte sich neben sie.

»Nach Blankenese«, sagte er dem Fahrer, der den Motor des Mercedes anließ. »Zum Strandweg. Am Anleger steigen wir aus.«

Donnerstag, 19. Mai 2022

Stapelweise Zeitschriften und Zeitungen. Offene Kartons, aus denen Bilder und Bücher quollen. Töpfe. Packungen mit verschimmeltem Brot und zerbrochenen Nudeln. Leere Flaschen. Prall gefüllte Plastiktüten. Eingestaubte Mäntel und Kleider türmten sich auf unsichtbaren Möbeln. Aktenordner, jede Menge Aktenordner. Über allem eine Geruchswolke, in der sich Schweiß mit den Ausdünstungen von feuchtem Stoff und verdorbenen Lebensmitteln mischten.

Mieke nahm versuchsweise eine Plastiktüte hoch, musterte den übel riechenden Inhalt und ließ sie angewidert wieder fallen. Selbst eine Marie Kondo würde jetzt würgen.

Lenny stand immer noch bewegungslos an der Tür. »Ich glaube«, sagte er langsam, »wir sollten uns mal die anderen Zimmer vornehmen.«

»Du meinst doch nicht etwa …?«

»Doch.«

Mieke stürzte los. »Mach bloß die Tür zu!«, rief sie über die Schulter ihrem Sohn zu. »Wer weiß, was da drin alles lebt!«

Mit einem Ruck riss sie die Tür zur Stube nebenan auf, machte das Licht an und atmete hörbar aus. Auf dem Holzdielenboden stand ein dunkles Holzbett mit einem hohen Haupt, darauf ein makellos weißes Federbett. Am Fußende lag eine gefaltete Patchwork-Decke. Gegenüber einem Ohrensessel reihten sich an der Wand zwei Kleiderschränke und eine Herrenkommode aneinander.

»Ist das Hedda?« Lenny wies auf ein Foto, das in einem fleckigen Messingrahmen über dem Sessel an der Wand hing, das Porträt eines jungen Mädchens mit langen Zöpfen.

»Wahrscheinlich.« Mieke trat näher. »Sie war damals wohl ungefähr so alt wie du jetzt.«

Ihr Atem beruhigte sich. Marc musste großzügig Raumspray verteilt haben, es duftete aufdringlich nach Maiglöckchen.

Ihr Sohn öffnete das Fenster. Abendluft strömte herein, und mit ihr die Gerüche des Flusses, Fisch, feuchter Sand und Dieselöl. Mieke öffnete eine der Kleiderschranktüren. Ein Schwall von Tablettenpackungen, Büchern und Kladden stürzte heraus. Gleichzeitig machte Lenny die Tür daneben auf und wurde fast unter einer Kaskade von Mänteln und Jacken begraben. Seine Miene spiegelte ihr eigenes Entsetzen wider.

Sie stürmten die Treppe hinauf. Schon im Flur erkannten sie im Dämmerdunkel hohe Stapel, die bedenklich ins Schwanken gerieten, als sie Tür um Tür aufrissen. Überall das gleiche Schlachtfeld.

Mieke spürte, wie es hinter ihren Schläfen zu pochen begann. Gleichzeitig wurde ihr übel. Sie hielt sich am Treppengeländer fest. »Lenny«, keuchte sie. »Ich glaube, ich muss mich übergeben.« Sie würgte und hielt sich die Hand vor den Mund.

Lenny fasste sie hastig am Arm und zerrte sie die Treppe hinunter.

»Neben der Haustür«, brachte sie hervor.

Lenny schob seine Mutter in den überraschend kahlen Raum. Sie fiel vor der Schüssel auf die Knie und erbrach sich. Dann stützte sie die Ellbogen auf die Brille und presste ihre feuchtkalten Hände gegen die Stirn. Warum hatte sie sich vorher keine Fotos vom Haus schicken lassen? Und warum hatte Marc sie nicht gewarnt?

Mühsam zog sie sich am Waschbeckenrand hoch und studierte mit roten Augen ihr Gesicht in dem fast blinden Spiegel. Sie sah aus wie das weiße Meerschweinchen, das sie als Kind gehabt hatte. Und mindestens genauso fertig wie in jenen Nächten des vorletzten Jahrs, die sie am liebsten aus ihrer Erinnerung löschen würde. Besonders den 5. Dezember, den sie im Bett verbracht hatte, in jenem schweren Schlaf, den nur Psychopharmaka bescherten, ihr persönliches Nikolausgeschenk an sich selbst. Lenny hatte ihr bis heute nicht erzählt, wo er an dem Abend gewesen war.

Trotzig drehte sie den Hahn auf, spritzte sich ein paar Handvoll Wasser ins Gesicht und trocknete es nach kurzem Zögern mit einem schmuddeligen rosa Gästehandtuch ab, das an einem Metallhaken baumelte. Die Migräneattacke war nicht allzu heftig gewesen. Sie holte tief Luft und setzte probeweise ein Lächeln auf. Die blasse Irre im Spiegel grinste zurück.

Draußen im Flur lehnte die schlaksige Gestalt ihres Sohnes an der Wand, den Kopf zum Handy hinuntergebeugt, das er in der Hand hielt.

»Lenny«, sagte sie leise.

Er sah ruckartig auf.

»Es geht wieder einigermaßen.«

Der besorgte Ausdruck in seinem Gesicht verschwand und machte der gewohnten Gleichgültigkeit Platz. »Und jetzt?«, fragte er. »Noch mehr brillante Ideen?«

»Ich gehe schlafen. Ich kann nicht klar denken im Moment.«

»Im Moment …«, wiederholte er. Und gestern und vorgestern und überhaupt immer.

Sie sah ihn erschöpft an. »Hör zu, es tut mir leid. Wir sehen morgen weiter, ja? Du solltest auch …«

»Ich bin nicht müde.« Lenny stieß sich von der Wand ab und ging zur Haustür.

»Wohin willst du?«

»Nach Hause.«

Nach Hause. Das wollte sie auch. »Bitte, Lenny. Ich finde alles genauso schrecklich wie du. Aber ich kann nichts daran ändern, zumindest nicht mehr heute.«

»Ist schon gut«, sagte er. Seine Stimme klang gepresst, als ob er ein Weinen unterdrückte. »Ich brauche nur frische Luft.«

Die Haustür fiel ins Schloss.

In Heddas Schlafzimmer machte Mieke das Fenster zu und setzte sich auf die Bettkante. Der Maiglöckchengestank war verflogen, aber hinter ihrer Stirn pochte es immer noch. Wo hatte sie nur ihren Rucksack hingelegt? Sie lief zur Küche, fand den Rucksack, der an einer Stuhllehne hing, knipste das Licht aus, wankte wieder zurück und ließ sich aufs Bett fallen. Einen Moment lang ruhte ihr Kopf auf dem Kissen. Dann zog sie den Rucksack näher heran und begann darin zu kramen, bis sie das Röhrchen mit Tabletten fand. Mieke schüttelte drei der rosa Pillen heraus und schluckte sie ohne Wasser hinunter. Dass ihr Kopf zurück auf das Kissen sank, nahm sie schon nicht mehr wahr.

*

Der Mond war von der Finsternis verschluckt worden. Aus den Häusern nebenan drangen weder Licht noch Geräusche, sie erinnerten Lenny an schlafende Raben. Jetzt löschte seine Mutter das Licht in Heddas Küche. Wie nachhaltig! Ihre Greenpeace-Gruppe wäre stolz auf sie. Der schwache Lichtkegel seines Handys wanderte über den gelb gefliesten Weg vor der Eingangstür, der zu den Nachbarhäusern führte. Also tastete sich Lenny an der Hauswand entlang, weg von der Elbe.

Die Kate grenzte mit ihrer Rückseite an den kleinen Hof, das hatte er herausgefunden, als er diesen Wikinger und seine Mutter ihren Erinnerungen überlassen hatte und herumgestreift war. Lenny hob das Handy höher und sah die Konturen eines Gartenhauses. Das war es also, das Atelier seines Opas. Er hatte sofort aufgemerkt, als seine Mutter es erwähnte. Versuchsweise rüttelte er an dem Schloss, das sofort mit leisem Klirren absprang. Es hatte, dachte er, durchaus Vorteile, wenn man alles verrotten ließ. Direkt neben der Tür ertastete er einen Lichtschalter. Er drückte ihn runter, und die bloße Birne, die von der Decke baumelte, erhellte schwach den vorderen Teil eines, wie ihm schien, lang gestreckten Raumes.

Drinnen sah es gar nicht so übel aus, jedenfalls besser als im Haupthaus. Das Atelier war zwar auch vollgestellt mit lauter Kram – die Leute hier hatten eindeutig ein Sammelgen –, aber nicht wirklich schmutzig, nur staubig. Die Luft roch auch nicht so schal, nach kranker alter Frau. Die Wände, mit braunen Balken unterteilt, liefen schräg aufeinander zu. Sie stießen an der Spitze zusammen und bildeten ein hölzernes Zelt.

Der geheimnisvolle Großvater war also Maler gewesen. Oder Bildhauer. Oder Töpfer. Schade, dachte Lenny, dass er seine Künstlerchromosomen unbedingt an Mieke vererben musste. Es wäre besser für alle gewesen, wenn sie beim Finanzamt angeheuert hätte.

Versuchsweise klopfte er mit der Hand auf die Sitzfläche einer grünen Ottomane. Staubflocken stiegen auf und tanzten um die Glühbirne. Lenny setzte sich, kramte aus der Innentasche seiner Jeansjacke einen Joint, zündete ihn an und inhalierte. Nach ein paar Sekunden ließ er den Rauch langsam durch den Mund entweichen. Er nahm noch einen Zug und spürte, wie sein Herzschlag sich beruhigte.

Aus seinem Rucksack, den er seit der Abreise aus Den Haag nicht aus den Augen gelassen hatte, holte er ein Päckchen heraus, umwickelt mit Miekes Bienenwachstüchern, mit denen sie Lebensmittel frisch hielt. Er nestelte den Bindfaden auf und musterte seine Kollektion von Tütchen. Das Gras würde er im Handumdrehen verkaufen können, die Qualität war super. Sein Freund Jan, längst volljährig, hatte bei Ganja Guru in Amsterdam Lennys komplette Einkaufsliste abgearbeitet: Purple Haze, das richtig schön knallte, und Super Skunk, sanft wie Jans Siamkatze. Außerdem einen Haufen Blotter mit der lieben Valerie, einer LSD-Prodrug vom Labor seines Vertrauens und praktischerweise legal in Deutschland. Für die Friday-for-Future-Fraktion seiner künftigen Schulkameraden hatte er als Öko-Alternative ein paar Tütchen mit getrockneten Zauberpilzen dabei.

Lenny verstaute das Paket und drückte den Stummel des Joints in einem elfenbeinfarbenen Teller mit Goldrand aus. Das fehlte noch, dass er Heddas Tiny House abfackelte. Dann schloss er die Augen und genoss, den Rucksack als Kissen unter seinem Kopf, seinen kleinen allnächtlichen Tod.

Freitag, 20. Mai

Zoë Sörensen schwang sich ihren Rucksack mit den Schulsachen über die Schulter und sah sich suchend um. »Mama? Hast du die Requisiten irgendwo gesehen?«

»Die alten Klamotten für die Aufführung?« Pauline Sörensen, die gerade einen Apfel kleinschnitt, strich die Schnitze vom Schneidebrett in den Topf und kam aus der Küche geeilt.

»Tilly hat die Sachen aussortiert. Die Tüte muss hier rumstehen.«

Sie öffnete den Einbauschrank neben der Garderobennische. Auf dem untersten Regal neben den Putzmitteln lag eine prall gefüllte blaue Einkaufstasche von Ikea, aus der ein Kerzenleuchter ragte. Pauline zerrte sie heraus. Dann fasste sie ihre Tochter um die Schultern und steuerte sie in die Küche. »Ich kann dich gleich fahren, iss erst mal etwas. Du hast doch den ganzen Nachmittag Proben.«

Zoë setzte sich auf den Barhocker am Küchentresen. »Guck mal, Mama«, sagte sie, »die Pfingstrosen sind heute Nacht aufgegangen.«

Pauline folgte ihrem Blick durch die Panoramascheibe. Über die Terrasse hatte der Gärtner bereits optimistisch ein gelbes Sonnensegel gespannt. »Wie schön.« Sie stellte eine Schale mit Porridge auf den Tresen.

»Hast du denn Zeit, mich zur Schule zu fahren?«

»Ich mache die Praxis heute erst um zehn auf. Dein Onkel wartet im Dorf auf mich, wir wollen zusammen Kaffee trinken.«

»Oh«, erwiderte Zoë überrascht. »Seit wann ist Marc denn wieder hier?«

»Seit einer Woche oder so«, antwortete ihre Mutter unbestimmt.

»Meinst du, er würde uns mit den Kulissen helfen? Gestern ist das Dach vom Waisenhaus eingebrochen.«

»Ich frag ihn.« Pauline stellte die leere Porridge-Schale in die Spülmaschine und ging aus dem Haus, gefolgt von ihrer Tochter.

»Holst du mich heute Abend von der Probe ab? Gegen neun?« Zoë schwang sich auf den Beifahrersitz des schwarzen Range Rovers.

»Ich denke schon.« Pauline steuerte den Wagen den kurvigen Waldweg hinunter. Hausbesuche hatte sie heute keine im Kalender stehen, jedenfalls bis jetzt nicht. Man wusste nie, bei ihren betagten Patienten. In Blankenese war fast jeder Vierte über 60. Für junge Leute war das Leben im Dorf kaum noch erschwinglich. Wer hier kleine Kinder hatte, hatte sein Haus in der Regel geerbt, nicht gekauft. So wie ich, dachte sie. Die Andresens lebten seit mehr als 300 Jahren an der Elbe. Viele waren früher Kapitäne, einer sogar Walfänger in Grönland. So jedenfalls verkündete es die in Hirschleder gebundene Familienchronik, die in einer Vitrine der Bibliothek lag. Pauline runzelte angewidert die Stirn. Dem Herrn sei Dank, dass ihre Ahnen sich später auf weniger blutige, aber ähnlich lukrative Geschäfte verlegt hatten.

Sie erspähte eine Lücke in der Reihe der SUVs, die die Verbotsschilder wie gewohnt ignorierten und direkt vor dem roten Backsteinbau des Gymnasiums parkten. »Bis später!«, rief sie, als ihre Tochter sich ins Heer der Hellhaarigen einreihte, die durch das Portal strömten. Ohne die Spur eines schlechten Gewissens stellte Pauline ihr Auto ein paar Minuten später auf dem Kundenparkplatz der Commerzbank ab – schließlich hatte ihre Familie schon ewig ihre Konten dort – und nahm den Einkaufskorb vom Rücksitz.

Wie immer an Markttagen erfüllte Stimmengewirr das Café »Chez Wilma«. Pauline entdeckte ihren Bruder sofort, er saß auf der rot gepolsterten Lederbank direkt am Fenster. Vor ihm auf dem Tisch stand eine Espressotasse, wie Pauline erleichtert bemerkte. Kein Cognacschwenker.

»Ich war bei ihr«, eröffnete Marc ihr ohne Umschweife. »Gestern Nachmittag.«

»Und?«

»Und was?«

»Wie geht es ihr? Wie sieht sie aus?«, fragte Pauline ungeduldig.

Er zuckte mit den Schultern. »Eigentlich wie immer.«

»Keiner sieht nach 25 Jahren aus wie immer.« Was war so schwierig daran, zu sagen: mittelgroß, zierlich, lange, wellige braune Haare, traurige grüne Augen, blasse Haut?

»Du hättest sie ja selbst begrüßen können«, gab ihr Bruder mürrisch zurück. »Ich verstehe sowieso nicht, was das Versteckspiel soll.«

Pauline antwortete nicht. Es lohnte sich nicht. »Und ihr Sohn?«, fragte sie schließlich.

»Den habe ich nur ganz kurz gesehen, er hat sich gleich verzogen.«

Pauline schaute aus dem Fenster. Frauen in engen Jeans, Stiefeln und Barbour-Jacken gingen vorbei, mit Jutetaschen und Körben voller Gemüse. Wenn sie nicht gleich einkaufen ginge, wäre der Spargel weg. »Wie hat sie reagiert?«, fragte sie schnell.

»Auf das Chaos? Das hatte sie noch nicht entdeckt, solange ich dort war. Küche und Schlafzimmer habe ich aufgeräumt, die sehen tipptopp aus.« Marc steckte den Scheck ein, den Pauline nun wortlos neben die Tasse legte, sprang auf und warf ein paar Euro auf den Tisch. »Ich bin gegangen, bevor sie den Rest der Wohnung gesehen hat.«

»Du hast sie allein gelassen?«

»Fürs Erste«, gab Marc knapp zurück.

Er eilte durch die Tür und verschwand, während Pauline ihm frustriert nachsah.

*

Mieke schlug die Augen auf. Sonnenlicht und Vogelgezwitscher strömten durch das weit geöffnete Fenster. In der Ferne tutete ein Boot. Für einen Moment war es so wie früher, als sie in ihrem Mädchenzimmer im Bett lag und überzeugt war, der Elbe beim Strömen zuhören zu können.

Der Duft von Kaffee schwebte durch die einen Spalt weit geöffnete Tür. Lenny stieß sie auf, in einer Hand einen Becher.

»Du Engel«, sagte Mieke dankbar.

»Ich geh mir jetzt die Umgebung angucken. Wo die Schule ist und so. Schließlich muss ich da übernächste Woche hin.«

»Wollen wir uns später auf dem Markt treffen? Ich soll beim Anwaltsbüro die Unterlagen für den Kredit abholen, das ist direkt um die Ecke. Um halb elf? Dann können wir zusammen nach Hause gehen, du hast ja keinen Schlüssel.«

Lenny lachte auf, und in seiner Stimme lag nur ein Hauch Sarkasmus. »Du willst abschließen? Sei doch froh, wenn jemand den Junk klaut.«

Die Tür fiel ins Schloss. Mieke trank den Kaffee aus und schlug das dicke Plumeau zurück. Sie trug immer noch ihre Jeans und den grauen Strickpullover von gestern, aber keine Stiefel. Hatte sie sie gestern selbst ausgezogen, bevor sie eingeschlafen war, oder hatte Lenny es getan? Sie hoffte auf Ersteres.

Trotz des Sonnenscheins fröstelte sie plötzlich, schloss das Fenster und drehte das Ventil neben dem Rippenheizkörper höher, der sofort warm wurde. Marc, gesegnet sei er, hatte nicht zu viel versprochen. Wer bezahlt ihn eigentlich für seine Dienste, überlegte sie, ich? Aber ohne ihre Einwilligung dürfte Heddas Anwältin bestimmt keine Reinigungsfirma anheuern, jedenfalls nicht, bevor es ein Inventarverzeichnis gäbe.

Mieke sah auf ihr Handy. Gleich neun. Ich brauche einen Plan, dachte sie. Etwas zu essen. Und vor allen Dingen Geld. Viel Geld. Sie hockte sich auf den Boden und fischte ein schwarzes Kapuzenshirt aus dem Koffer. Auspacken würde sie erst mal nicht können, solange die Schränke noch mit Heddas Sachen vollgestopft waren.

Sie setzte sich zurück auf die Bettkante und zog das Shirt über den Kopf. Es machte Mieke seltsamerweise nichts aus, dass sie im selben Bett schlief, in dem ihre Lehrerin gestorben war. Im Gegenteil, sie hätte es verstörender gefunden, wenn Hedda einsam im Krankenhaus gelegen hätte, angeschlossen an fauchende Geräte. Aber Heddas Anwältin hatte ihr am Telefon gesagt, dass die alte Dame einen Herzinfarkt erlitten habe, in ihrem eigenen Schlafzimmer. Nach einem taktvollen Seufzer hatte sie ihr zudem versichert, dass die Banken in Blankenese außerordentlich entgegenkommend seien. Die Kanzlei habe bereits einen Gutachter zur Wertermittlung des Fischerhauses bestellt. Miekes Chancen auf eine Hypothek ständen gut, auch als arbeitslose Schauspielerin.

Die frohe Botschaft vom Erbe war ihr von der holländischen Partnerkanzlei überbracht worden, an einem jener seltenen eisigen Wintertage, an denen die Grachten zufroren. Am 11. Januar sei ihre frühere Lehrerin und Nachbarin verstorben, hatte der Anwalt ihr mitgeteilt, als Mieke ihn in seinem Kontor am Hofweiher aufgesucht hatte. Und sie habe Mieke ihr Haus hinterlassen.

»Mir?«, hatte sie überrascht gerufen. »Ich habe Hedda doch ewig nicht mehr gesehen!«

In den ersten Jahren, nachdem ihre Mutter und sie nach Den Haag gezogen waren, hatte ihre Lehrerin noch Weihnachtskarten geschickt, die Mieke pflichtschuldig auf dem Sims ihres defekten Kamins platziert hatte. Immer mit einem Blankenese-Motiv – dem Fluss, dem Süllberg oder einem Pfahlewer, dem traditionellen Fischerboot. Irgendwann waren keine Karten mehr gekommen, aber das war Mieke, die immer öfter versäumt hatte, sich zu bedanken, kaum aufgefallen.

An das Erbe seien allerdings ein paar Bedingungen geknüpft, hatte der Anwalt ausgeführt. »Frau Kröger hat verfügt, dass das Haus erst in Ihren Besitz übergeht, wenn Sie es ein Jahr lang bewohnen und das Inventar sichten, insbesondere die hinterlassenen Aufzeichnungen und Bücher. Es ist der ausdrückliche Wunsch der Erblasserin, dass Sie ihre Lebensgeschichte aufzeichnen und die Biografie entweder der Historischen Gesellschaft zur Verfügung stellen oder veröffentlichen.«

»Ich soll zurück nach Blankenese ziehen? Aber mein Sohn geht doch in Den Haag zur Schule.«

»Kann er denn die Sprache?« Der Anwalt hatte unauffällig auf die Armbanduhr geschaut, die unter der Manschette seines steif gebügelten weißen Hemdes aufblitzte.

»Schon. Wir sprechen zu Hause Deutsch.«

»Ein Problem weniger für Sie.« Er hatte sich erhoben. »Vielleicht schlafen Sie erst mal über die Sache, Frau van der Linden, Sie sind ganz blass geworden.« Er reichte Mieke die Hand, um ihr aufzuhelfen, und lotste sie in Richtung Tür. »So ein Jahr, das geht doch schnell vorbei. Soviel ich weiß, sind die Immobilienpreise recht hoch in Hamburg. Und die Lage direkt am Fluss …«

Als er die Lederjacke vom Garderobenständer genommen und sie ihr hingehalten hatte, hatte er noch eine letzte Plattitüde von sich gegeben. »Manchmal muss man einfach zugreifen, wenn das Schicksal einen überrascht.«

Im Moment war sich Mieke allerdings nicht sicher, ob das ein guter Ratschlag gewesen war. Beim Rausgehen schob sie mit der Stiefelspitze einen Werbeprospekt beiseite, der durch den Türschlitz der Kate gefallen war. Darunter kam ein weißer Umschlag zum Vorschein, auf den jemand mit Druckbuchstaben ihren Namen geschrieben hatte. Kein Absender. Sie steckte den Brief in die Innentasche ihrer Jacke, sie würde ihn später lesen.

Die Frühlingssonne malte Lichtstreifen auf den feuchten Sand, der sich zur Wasserlinie hin verdunkelte. Die Nordsee war über 100 Kilometer weit weg, aber die Gezeiten ließen den Strand alle paar Stunden um etliche Meter schrumpfen oder wachsen. Die Flut spülte das Wasser manchmal bis ans Gartentor. Würden die Häuser nicht auf der Hochwiese thronen, wären sie ihr längst zum Opfer gefallen.

Aus den beiden anderen Katen, der Strandtwiete 1a und b, drang immer noch kein Laut. Wer wohl jetzt in ihrem Elternhaus wohnte? Immer noch dieses ältere Ehepaar, das es vor mehr als 20 Jahren gekauft hatte, zu einem Schnäppchenpreis, wie Tessa sich später beklagt hatte? Aber ihre Mutter hatte es eilig mit dem Umzug gehabt, und die Kate war wirklich nicht im besten Zustand gewesen. Ein Reetdach konnte zwar 30, 40 Jahre halten, doch nicht unten am Strand, wo feuchte Winde an ihm zerrten. Und ihr Vater hatte immer erst dann einen Handwerker bestellt, wenn er ein Bild verkauft hatte. Nicht oft also.

Ein metallenes Krachen riss sie aus ihren Erinnerungen. Am Ende des Pfades, der zur Strandtwiete 1b führte, schubste ein Windstoß die Gartenpforte herum, anscheinend hatte der Postbote sie nicht ordentlich eingehakt. Mieke schaute sich unauffällig um und lief geduckt im schattigen Schutz von Buchsbaumkugeln und zackigen Koniferen eine Waschbetonrampe hoch zum Haus, durch einen wie grün angemalt wirkenden Garten, in dem früher Gräser wehten und Dreimasterblumen aus den Ritzen eines gewundenen gelben Fliesenpfads züngelten.

Die lackierte Holztür schimmerte im gleichen dunstigen Blau wie die von Heddas Haus. »Cremer«, las sie auf dem Messingschildchen. War das der Name von den Leuten, die ihr Haus gekauft hatten? Sie würde Tessa fragen müssen.

Sie sah hinüber zur 1a, der größten der drei Katen, die ein wenig abseitsstand. Immer noch die der Andresens, wie sie vermutete. Paulines Familie wohnte zwar schon ewig in der Villa oben im Falkenstein, aber Treppenadel hielt seine dynastischen Güter zusammen. Als nach der Wiedervereinigung dank neuer Klärwerke im Osten wieder Stinte ohne Blumenkohlgeschwüre in der Elbe schwammen und ihr Ufer an heißen Sommertagen aussah wie in Rimini, hatte die Familie die Kate oft als Strandhaus genutzt. So hatten Pauline und sie sich kennengelernt – beim Sandburgenbauen.

Zwei große Vögel glitten über den rauchblauen Himmel. Seeadler, Mieke erkannte deutlich die gelben Schnäbel. Früher hatte ein Paar auf Neßsand genistet, vielleicht waren es noch dieselben. Angestrengt spähte Mieke zur Insel hinüber, die die Flut gerade in drei Teile zerlegt hatte, und wanderte dann nach links zur Insel Finkenwerder, wo vor einer riesigen Halle ein paar Flugzeuge standen. Komisch, dass ihr gestern Abend nicht aufgefallen war, wie schmal die Elbe an dieser Stelle nun war. Die Bucht des Mühlenberger Lochs hatte man teilweise zugeschüttet, damit die Flugzeugfirma sich ausbreiten konnte. Mieke erinnerte sich vage, dass es in ihrem letzten Jahr im Dorf einen ziemlichen Aufstand gegen die Pläne des Senats gegeben hatte. Doch die Proteste der Blankeneser, die um Löffelenten, Brandgänse und Immobilienpreise fürchteten, hatten wohl nichts genützt. Vielleicht hatten sie inzwischen ihren Frieden damit gemacht.

Mieke überquerte einen Streifen mit Weidengebüsch und folgte dem Fluss auf seinem Weg zur Mündung. Früh am Morgen fuhr selten ein Auto über den Strandweg. Aus der »Bergziege«, dem kleinen Bus, der das Treppenviertel umkreiste und gerade am Anleger hielt, kletterte ein alter Mann mit einer Elblotsenmütze. Trotz des schönen Wetters lagen noch keine Tücher auf den Tischen der Bistro-Terrassen.

Sie lief quer über den Strand und bog in eine von bunt verputzten Häuschen und winzigen Gärten gesäumte Gasse ein. Zu ihrer Linken mündete eine Treppe in die Hans-Lange-Straße, und Mieke fand sich vor einer großen Glasscheibe wieder, vor der sich auf einer schmalen Terrasse ein paar Tische und Stühle an die Wand drückten. Kaffee, dachte Mieke. Danke, Gott.

Als sie die Klinke des Treppenkrämers niederdrückte, ertönte ein leises Bimmeln. Direkt gegenüber dem Eingang zog sich ein Tresen quer durch den dunkelrot verputzten Raum. Zwei Männer in Anzügen lehnten dagegen, die Laptop-Taschen neben sich auf dem Boden. An einem der wenigen Tischchen hypnotisierte ein Mädchen mit Buzz Cut und Nickelbrille sein Smartphone. An einem anderen kippten zwei Grauhaarige den ersten Korn des Tages.

»Moin«, rief es vom Tresen her. Eine große, üppige Frau erschien, mit flammend roten Locken, die um ihren Kopf züngelten wie die Schlangen eines Medusenhaupts. In den Händen trug sie eine Platte mit Croissants.

»Hallo.« Mieke schätzte, dass die Frau etwa in ihrem Alter sein musste. »Ich hätte gerne einen Flat White. Mit Hafermilch, bitte.«

Die Medusa machte sich an der blitzenden Siebträgermaschine zu schaffen. »Croissant dazu?«

»Gerne.«

»Sind Sie hier auf Besuch?«

»Nein.«

Mieke nahm einen Schluck aus der Tasse, die vor sie hingestellt wurde. Der Kaffee der Schlangenköpfigen war himmlisch. Als sie wieder aufschaute, sah sie direkt in deren neugierige Augen. Anscheinend kam sie um eine ausführlichere Antwort nicht herum. »Ich habe hier als Kind gelebt«, sagte sie schließlich. »Und jetzt bin ich wieder hergezogen.«

»Echt jetzt?«, erkundigte sich Medusa, zog einen Hocker heran und setzte sich, die Arme auf den Tresen gestützt. »Ich auch. Vor drei Jahren. Wo wohnst du?«

Du, kein Sie mehr.

»Unten am Strand«, antwortete Mieke.

»Wo denn da?«, bohrte die Rothaarige weiter.

»Strandtwiete.«

»Ach so«, sagte die Wirtin enttäuscht und erhob sich. »Du hast das Airbnb von Pauline Sörensen gemietet.«

»Nein«, antwortete Mieke so leise, dass die Laptop-Männer sie nicht hören konnten. »Ich wohne im Haus von Hedda Kröger. Ich habe es geerbt.«

Medusa stürzte hinter dem Tresen hervor und nahm die überraschte Mieke in die Arme. Dann ließ sie sie wieder los und streckte ihr eine Hand hin. »Ich bin Shanti«, verkündete sie.

»Mieke«, stellte sich Mieke vor und rieb sich die Finger. Shanti hatte einen Händedruck wie ein Hafenarbeiter. Als sie einen Zehneuroschein aus ihrer Jackentasche zog, winkte ihre neue Freundin ab.

»Lass man stecken. Und komm bald wieder vorbei.«

*

Lennys Schule in Den Haag war ein in den 80ern eilig errichteter Kasten aus Waschbeton gewesen. Das Gymnasium in Blankenese war auch einer, aber ein wilhelminischer, aus Hamburgs heiß geliebtem roten Backstein.

Der Klotz nahm fast einen ganzen Häuserblock ein. Die baumbestandene Straße vor dem Eingangsportal war für den Verkehr gesperrt und schuf in Verbindung mit dem Sportplatz gegenüber einen geschützten Campus-Kokon für die zukünftigen Juristen, Chefärzte, Schiffsmakler und in Kunstgeschichte promovierten Hausfrauen. Eine richtige Bonzenschule, dachte Lenny. Wobei der Oberwitz natürlich war, dass seine Mutter ihn nun auf dasselbe Gymnasium schickte, das sie selbst gehasst hatte.

Jetzt war es noch still, die weißen Holzfenster standen zur Feier des Sonnenscheins weit offen. Um halb zehn würde es zur großen Pause läuten. Wenn vor der Schule gedealt wurde, dann sicherlich nur untereinander, nicht von Profis. Dazu war alles zu einsehbar. Seitdem seine Mutter ihn von seinem Schicksal in Kenntnis gesetzt hatte, las er online das »Abendblatt« und die »Morgenpost«. Er lieferte sich der Zukunft nicht gerne unvorbereitet aus. So hatte er erfahren, dass die Jugendlichen in den reichen Elbvororten doppelt so viel Alkohol in sich hineinkippten wie anderswo in der Stadt. Gerne bis zum Koma.

Er schaute auf sein Handy. 20 nach neun. Am besten, er sah sich, beschattet von der Kastanie neben der kleinen Mauer am Eingang, das Hin und Her einmal an. Wenn die Schüler untereinander dealten, und darauf könnte er glatt eins von Marcs Brötchen mit dem albernen Namen wetten, wollte er wissen, wie sie das anstellten.

Ein Stoß gegen seine Schulter ließ ihn herumfahren. Ein blondes Mädchen, beladen mit einem Holzschläger und einer voluminösen Ikea-Tüte, wäre beinahe in ihn reingerannt und hatte im letzten Moment einen Seitwärtssprung gemacht. Dabei war die blaue Tasche auf den Boden gefallen und ein Kerzenleuchter herausgekullert. Nun starrte die Goldhaarige ihn böse aus blauen Huskyaugen an.

»Was stehst du hier herum?«, blaffte sie.

Lenny hatte sich wieder gefasst. »Willst du Polizistin werden, wenn du groß bist?«, erkundigte er sich höflich. Er bückte sich, sammelte die herumliegenden Gegenstände ein und stopfte sie zurück in die Tasche.

»Idiot.« Sie musterte ihn abschätzig, nahm die bleischwere Tüte aber mit einem knappen Nicken entgegen. »Sorry, ich wollte dich nicht umrennen«, sagte sie versöhnlicher. »Ich bin spät dran, ich muss die Sachen hier in der Requisite abgeben, und Gesa ist gleich weg. Warum bist du nicht im Unterricht? Oder gehst du hier nicht zur Schule? Ich bin übrigens Zoë. Und wie heißt du?«

Sie konnte schneller Fragen abfeuern als ein Maschinengewehr. Außerdem hatte er nicht die geringste Ahnung, wovon sie redete und wer diese Gesa war. »Geht dich nichts an.«

Zoë runzelte die Stirn und hob ihre Tasche hoch. »Ist mir sowieso egal«, sagte sie kühl und wandte sich ab.

Lenny bereute seine letzten Worte schon. Es war nicht besonders klug von ihm, sich ausgerechnet eine Queen Bee zur Feindin zu machen, bevor die Schule überhaupt angefangen hatte. »Hey!«, rief er ihr nach.

Sie drehte sich um. »Ja?«

»Was ist das für ein Mordinstrument?« Er deutete auf den Kerzenleuchter.

Sie verzog keine Miene. »Geht dich nichts an.«

Gratuliere, Lenny. Wahrscheinlich würde Blondie, inzwischen fast am Schultor, ihn auf der Stelle verpetzen, wenn sie etwas von seinem Start-up mitbekäme. Es sei denn, sie gehörte auch zu denen, die sich am Wochenende ins Koma verabschiedeten. Obwohl er das nicht glaubte. Dazu war sie zu clean. Zu frisch gewaschen.

»Hey!«, schrie er erneut.

Diesmal drehte sie sich nicht um.

»Leonard. Ich heiße Leonard. Lenny.«

Es klingelte. Lenny wusste nicht, ob sie ihn noch gehört hatte. Sofort ergoss sich ein Schwall von Blankeneses Hoffnungsträgern aus dem Portal, und das Mädchen verschmolz mit der Menge.

Gerade als er gehen wollte, entdeckte er am Fuß der Kastanie, verborgen von den aus dem Boden ragenden Wurzeln, einen dicken braunen Umschlag aus Pappe, den er beim Einsammeln der verstreuten Gegenstände übersehen haben musste.

Bingo, dachte er. Damit war die nächste Kontaktaufnahme zu Zoë garantiert. Er steckte den Umschlag ein und machte sich auf den Weg zum Markt.

Freitag, 26. Mai 1939

Hedda sah verstohlen auf ihre Armbanduhr. Noch fünf Minuten bis zum Klingeln, und sie hatte die letzte Aufgabe nicht gelöst. Frustriert klappte sie ihr Heft zu. Dann bekam sie in Mathe eben ein »Genügend«. Dafür hatte sie in Geschichte eine Eins. Und in Deutsch auch.

Es klingelte. Hedda sprang auf und pfefferte ihr Heft auf den Stapel. Schon vom Portal des Lyzeums aus erkannte sie Bruno, der drüben vor dem Gymnasium für die Jungen auf sie wartete und ihr nun entgegenkam.

»Wie ist es gelaufen?«

»Überhaupt nicht. Wo ist Simon?«

»Der kommt nach. Er musste zum Direktor hoch.«

»Wieso?«

»Keine Ahnung. Wird schon nichts Schlimmes sein. Streber wie er haben nichts zu befürchten.«

»Nichts Schlimmes?«, rief Hedda aufgebracht. »Woher willst du das wissen?« Abrupt drehte sie sich weg.

»Warte, Hedda!« Bruno erwischte das Mädchen am Ellbogen. »Simon kommt bestimmt gleich und erzählt uns alles.«

Hedda zog ihren Arm weg und untersuchte ihre weiße Strickjacke. Wehe, Bruno hatte mit seinen Tintenfingern einen Fleck darauf hinterlassen.

»Komm, wir gehen zur Kastanie und warten auf ihn, ja?«

Sie nickte ein wenig besänftigt. Während links und rechts johlende Sextaner an ihnen vorbeischossen, schlenderten die beiden zu dem mächtigen Baum. Untersekundaner rannten nicht.

Endlich war der Sommer auch im Norden angekommen. Hedda zog die Jacke aus, krempelte die Ärmel ihrer marineblauen Bluse hoch und rollte die Kniestrümpfe zu Söckchen hinunter. Sie war froh, dass sie die langen Zöpfe los war, ihre Mutter hatte ihr am Sonntag die dunkelblonden Haare zum Pagenkopf geschnitten. Wenn sie sich jetzt im Spiegel über dem Waschbecken in ihrer Mansarde betrachtete, kam sie sich richtig erwachsen vor.

Auch Bruno zog seinen Wolljanker aus und breitete ihn auf den rauen Mauersteinen aus. »Hier, Hedda, setz dich!«

Das Mädchen zog sich die Mauer hoch und betrachtete missbilligend das braune Hemd, das unter Brunos Jacke zum Vorschein gekommen war. »Du darfst die Uniform doch gar nicht in der Schule anziehen.«

»Gleich ist Geländeübung. Ich schaffe es vorher nicht mehr nach Hause zum Umziehen.«

Hedda hob betont gleichgültig die Schultern. »Hast du eine Zigarette?«

»Doch nicht hier, bist du verrückt?«

Sie lachte. »Du fällst auch auf alles rein …« Ungeduldig schaute sie auf ihre Uhr. »Fast halb zwei – wo Simon nur bleibt?«

»Du, Hedda …«

Sie schaute ihn an, überrascht von der plötzlichen Ernsthaftigkeit, die in seiner Stimme lag.

»An deiner Stelle würde ich heute Abend nicht auf die Party gehen.«

»So?«

»Ich meine das ernst. Bleib zu Hause. Sonst …« Seine Stimme erstarb.

»Sonst kriege ich Ärger?« Hedda merkte, wie sie wütend wurde. »Lass mich mal überlegen, wer dann schuld daran ist. Ich sage dir eins, Bruno, wenn einer deiner neuen Kumpels mich verpetzt hat, kriegst du auch Ärger, und zwar mit mir!«

»Du hast wirklich einen Knall, Hedda«, erwiderte Bruno empört. »Das würden die niemals tun! Ich will nur nicht, dass dir was passiert.«

»Ich bin ja nicht aus Zucker!« Mit einem Satz sprang Hedda von der Mauer. Sie hatte Simon erspäht und winkte ihm zu.

Langsam kam der Junge auf seine beiden Freunde zu.

»Und? Was war?«, fragte Hedda gespannt.

Aber Simon schien sie nicht zu hören. Sein Blick war unverwandt auf Bruno gerichtet. »Gute Nachrichten«, sagte er kühl. »Du hast die Bank jetzt für dich allein.«

»Was soll das heißen?«

»Sie haben mich rausgeschmissen.«

»Rausgeschmissen? Aber …«

»Aber ich bin ja gar kein richtiger Jude?« Simon zog eine Grimasse. »Das sieht Schramm anders. ›Möller, Sie sind jüdischer Mischling zweiten Grades‹«, imitierte er die hohe Stimme des Direktors. »Und als solcher muss ich Sie gemäß dem Gesetz gegen die Überfüllung der deutschen Schulen von unserem Institut verweisen.«

»Dein Vater hat doch an der Front gekämpft!«, rief Hedda aufgebracht. »Deshalb haben sie für dich die Ausnahme gemacht!«

»Habe ich dem Direktor auch gesagt. Er meinte aber, dass durch mich die erlaubte Quote von eineinhalb Prozent Juden kippt.«

»Und jetzt?«

»Ich kann mich bei der israelitischen Töchterschule anmelden, die nehmen jetzt auch Jungs.«

»Im Karolinenviertel? Das ist doch ewig weit weg! Wie willst du da hinkommen?«

»Leute, seid doch mal vernünftig!«

Hedda zuckte zusammen, als Bruno energisch das Wort ergriff.

»Schule ist momentan wirklich nicht so wichtig. Was glaubt ihr, was demnächst passiert? Warum macht ihr beim BDM wohl Aufmärsche, Hedda?«

»Du meinst, es gibt Krieg?«

»Wenn die Polen weiterhin so störrisch sind, bestimmt. Wir Deutschen brauchen mehr Lebensraum. Und zwar im Osten.«

»Halt den Mund, Bruno!« Simons Gesicht war dunkelrot angelaufen.

»Hört sofort auf, ihr beiden!« Hedda legte Bruno eine Hand auf den Arm. »Ihr könnt euch doch hier nicht prügeln, nicht direkt vor der Schule! Bruno, du musst sowieso los, du hast Geländeübung.«

Bruno starrte Simon einen Moment lang an, dann atmete er aus. »Recht hast du, Hedda.« Er öffnete seinen Tornister, holte das schwarze Tuch heraus, legte es um den Hals und schob den geflochtenen Lederring darüber. »Heil Hitler!«, rief er, streckte seinen Arm aus und verschwand in der Oesterleystraße.

»So ein Blödmann«, brach es aus Simon heraus. »Hedda«, fuhr er eindringlich fort, »du musst mir versprechen, vorsichtig zu sein. Du darfst ihm nichts mehr erzählen, hörst du?«

Hedda zuckte unwillig mit den Schultern, und schweigend nahmen die beiden die Abkürzung zum Strand über die Treppen von Wilmans Park.

Schließlich konnte Hedda die Stille, in der so viel Ungesagtes mitschwang, nicht mehr ertragen. »Bruno ist doch immer noch unser Freund«, sagte sie leise.

Simon antwortete nicht. Sie bogen in die Hans-Lange-Straße ein und gingen auf den Kolonialwarenladen zu, dessen Eingang von einem Salzgurkenfass und der Heringstonne flankiert war.

»Duck dich, Hedda!«, zischte Simon. »Dein Vater!«

Blitzschnell bückte sich das Mädchen und schlich an der Scheibe des Treppenkrämers vorbei, warf aber dabei einen kurzen Blick in das Geschäft, dessen hölzerne Regale zu bersten schienen, so vollgestopft waren sie mit bunten Dosen und Tüten. Die schmächtige Ingrid Schwarz hinter dem Verkaufstresen, in eine blau karierte Kittelschürze gewickelt, wurde von der kräftigen Gestalt eines Mannes mit schwarzen Cordhosen und einer Schiebermütze auf dem Kopf fast verdeckt. Nun schüttelte sie heftig den Kopf, und der Mann setzte sich schwankend in Richtung Ladentür in Bewegung.

Mit einem Satz verschwanden Simon und Hedda im nächsten Hauseingang und warteten, bis der Vater gegenüber im Philippsstrom verschwunden war.

»Mama hat Frau Schwarz gebeten, Papa keinen Korn mehr zu verkaufen.« Heddas Stimme klang bitter. »Als ob das was nützt. Dann holt er sich eben im Dorf Nachschub.« Ein Schatten fiel über ihr Gesicht, und ihre blauen Augen wirkten plötzlich dunkel. So wie die Elbe an einem tristen Wintertag.

Simon sah seine Freundin mitfühlend an. Dass der alte Kröger trank wie ein Fisch, war nicht gerade ein Geheimnis. Als Simons Vater Levi noch zu Hause gelebt hatte, hatten seine Eltern oft über den Nachbarn gesprochen, der den ganzen Tag in Kneipen herumhing. Simons Mutter Lotte hatte sogar befürchtet, dass der Alte Heddas Mutter schlug, wenn er betrunken war, weil sie manchmal Türenschlagen und Gepolter hören konnte, kaum gedämpft durch die dünne Glasscheibe des Schlafzimmerfensters. Wenigstens rührte er seine Tochter nicht an, das hatte das Mädchen Simon versichert. »Er schafft es meistens gar nicht mehr die Treppe rauf, wenn er richtig einen intus hat. Dann fällt er unten in der Küche aufs Sofa.«

Hedda fuhr sich mit der Hand über die verschwitzte Stirn. »Himmel, ist das heiß geworden«, rief sie unvermittelt. Sie tippte Simon auf die Schulter. »Wer als Erster im Wasser ist!«

Sie sauste das Treppchen am Ende der Hans-Lange-Straße hinunter, einmal quer über den Strandweg und dann über den weichen Sand. Simon war ihr dicht auf den Fersen. Im Schatten des Weidengebüschs warf sie ihre Schultasche auf den Boden, schlüpfte aus Jacke, Strümpfen und Schuhen, hob mit einer Hand ihren Rock höher und rannte ins Wasser.

Simon streifte im Stehen hastig die Socken ab und wäre dabei beinahe umgefallen. Als er Hedda im knietiefen Wasser erreichte, schlang er von hinten seine Arme um ihre Taille. »Alles wird gut«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Keine Angst, alles wird gut.«

Sie schaute still geradeaus über den Fluss zum Mühlenberger Loch, betupft mit weißen Segelbooten. Aber sie wand sich nicht aus seiner Umarmung.

Simon folgte Heddas Blick. »Wäre das nicht schön, wenn wir zusammen davonsegeln könnten? Ganz weit weg? Nur du und ich?«

Hedda legte ihre Hände auf seine und drückte sie zur Seite. »Was sagst du denn da?«, protestierte sie und drehte sich zu ihm um. »Wir gehören doch hierher.« Sie hakte sich bei ihm unter, und gemeinsam wateten sie zurück ans Ufer. »Und wir gehören zusammen. Du, Bruno und ich. Die drei Musketiere.«

Simon antwortete nicht. Er würde ihr am liebsten alles erzählen. Aber seine Mutter hatte recht, es war zu gefährlich. Für sie, für alle. Nichts war mehr so wie früher. Und würde es niemals mehr sein.

Freitag, 20. Mai 2022