Mord an Bord - Hera Lind - E-Book
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Beschreibung

»Ich war keine Operndiva. Leider. Ich war eine Kirchenmusikmaus aus Geilenkirchen bei Aachen. Und ich wollte ENDLICH mal die große weite Welt erleben!« Haben Sie Lust auf Luxus? Auf 5-Sterne-Komfort, Kaviar satt und Champagner ohne Ende? Für die Sängerin Burkharda Meier geht ein Traum in Erfüllung, als sie das Traumschiff »MS Blaublut« betritt, um die anspruchsvollen Passagiere musikalisch zu verwöhnen. Dass sie dafür ihre Kleinstadtleben ebenso hinter sich lassen muss wie ihren Ehemann, der dem Themenbereich Leidenschaft eher ratlos gegenübersteht, ist auch nicht zu verachten. Stattdessen bekommt es Burkharda nun mit einem Erste-Klasse-Kerl zu tun – dem überaus attraktiven Kreuzfahrtdirektor. Aber einen Nachteil hat das Leben auf dem Luxuskahn: Unter der hochglanzpolierten Oberfläche brodeln Neid und Missgunst, enttäuschte Liebe und manche Intrige … Liebe, Luxus, Mörderspiele: Der Bestseller von Hera Lind, einer der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungsautorinnen aller Zeiten. »Hera Lind schreibt Romane, deren Lästerton die Herzen der stolzesten Frauen trifft. « Die Zeit Jetzt als eBook: „Mord an Bord“ von Hera Lind. dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl:583

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Über dieses Buch:

Haben Sie Lust auf Luxus? Auf 5-Sterne-Komfort, Kaviar satt und Champagner ohne Ende? Für die Sängerin Burkharda Meier geht ein Traum in Erfüllung, als sie das Traumschiff »MS Blaublut« betritt, um die anspruchsvollen Passagiere musikalisch zu verwöhnen. Dass sie dafür ihre Kleinstadtleben ebenso hinter sich lassen muss wie ihren Ehemann, der dem Themenbereich Leidenschaft eher ratlos gegenübersteht, ist auch nicht zu verachten. Stattdessen bekommt es Burkharda nun mit einem Erste-Klasse-Kerl zu tun – dem überaus attraktiven Kreuzfahrtdirektor. Aber einen Nachteil hat das Leben auf dem Luxuskahn: Unter der hochglanzpolierten Oberfläche brodeln Neid und Missgunst, enttäuschte Liebe und manche Intrige …

Liebe, Luxus, Mörderspiele: Der Bestseller von Hera Lind, einer der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungsautorinnen aller Zeiten.

»Hera Lind schreibt Romane, deren Lästerton die Herzen der stolzesten Frauen trifft. « Die Zeit

Über die Autorin:

Hera Lind, geboren in Bielefeld, studierte Germanistik, Theologie und Gesang. Sie machte sich europaweit als Solistin einen Namen und war 14 Jahre lang festes Mitglied des Kölner Rundfunkchores. Während ihrer ersten Schwangerschaft schrieb sie ihren Debütroman Ein Mann für jede Tonart. Dieser wurde sofort ein Bestseller und erfolgreich verfilmt – eine Erfolgsgeschichte, die sich mit zahlreichen Romanen wie Das Superweib, Die Zauberfrau, Das Weibernest, Kinderbüchern und Tatsachenromanen bis heute fortsetzt. Hera Linds Bücher wurden in 17 Sprachen übersetzt und verkauften sich über 13 Millionen Mal. Die leidenschaftliche Joggerin läuft täglich 15 Kilometer; in »Frauen-Power-Seminaren« gibt sie ihre Erfahrungen mit Laufen und Pilates erfolgreich weiter. Hera Lind ist Mutter von vier Kindern und lebt mit ihrer Familie in Salzburg.

Die Autorin im Internet: www.heralind.com

Bei dotbooks erscheinen außerdem Hera Linds Romane Ein Mann für jede Tonart, Frau zu sein bedarf es wenig, Das Superweib, Die Zauberfrau, Das Weibernest, Der gemietete Mann, Hochglanzweiber, Der doppelte Lothar, Karlas Umweg, Fürstenroman sowie die Geschichten Der Tag, an dem ich Papawar und Rache und andere Vergnügen.

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eBook-Ausgabe Dezember 2012

Copyright © der Originalausgabe 2000 by Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der eBook-Ausgabe 2012 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nicola Bernhart Feines Grafikdesign, München

Titelbildabbildung: © malerapaso - iStockphoto.de

ISBN 978-3-95520-058-9

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Hera Lind

Mord an Bord

Roman

dotbooks.

Für E..

und für Wolfgang, Erich, Holger, Kristina, Ivo, Renato, Joachim, Hayo, Jens-Uwe, Rollo und Marion, meine Freunde auf hoher See

Nebenan bewegte sich was. Ein mageres, sonnengegerbtes Gerippe im gelben Sträflingsfetzen schlich vorbei. Der Blick war tot und leer. Als das Gerippe weg war, herrschte wieder lähmende Stille. Die anderen Gefangenen lagen auf ihren Pritschen oder hockten auf ihren Holzschemeln. Sie rührten sich nicht. Erbarmungslos der Hitze ausgeliefert, der glühenden Sonne, der Heimatferne. Mitten im Ozean. Der Dampfer mit den 800 Gefangenen dümpelte vor sich hin. Niemand sprach ein Wort. Alles döste. Links die Schattendöser und rechts die Sonnendöser. Aufstehen war verboten. Wenn man versuchte, sich aus dem kärglichen hölzernen Gestell zu erheben, um seinem armen, geschundenen Körper etwas Bewegung zu verschaffen, kam sofort ein Aufseher herbeigeschossen, drückte einen zurück in den Stuhl und blaffte: »Was darf’s denn sein?!« – »Wasser!« stöhnte dann der eine, und ein anderer konnte gerade noch »Gin Tonic« ausstoßen oder sich ein gehauchtes »Champagner« von den festgetrockneten Lippen ringen. Die Aufseher hatten Matrosenanzüge an. Forschen Schrittes wendeten sie, fegten zur Bar und besorgten flugs das Getränk, das sie dann auf einem Silbertablett servierten.

Die Sträflinge verfügten kaum über Kleidung. Sie trugen, wenn überhaupt, Lendenschurze oder waren in unförmige Kittel gehüllt, was bei ihren ausladenden Körperformen nicht immer ein schöner Anblick war. Ich sah mich um. Welch unvorstellbares Grauen! In einem der Liegestühle döste Wollsocken-Gangster vor sich hin. Ich nannte ihn so, weil er seinen rechten Arm in einem riesigen weißen Wollsocken untergebracht hatte. Vielleicht hatte er die Krätze oder einen Holzarm, vielleicht war er auch tätowiert, was ihm im nachhinein peinlich war. Jedenfalls wollte Wollsocken-Gangster seinen Arm nicht zeigen. Niemals. Auch nicht abends beim Antreten zum Essenfassen. Oder morgens, beim Appell. Zeigen wollte Wollsocke aber durchaus seine schweren Ketten, die ihm um den Hals hingen. Sie baumelten vor seinem dicklichen weißen Bauch. Auch seine Handschellen waren furchterregend anzusehen: dicke silberne Eisen, zum Teil mit Uhren dran – schrecklich. Er gehörte zu den Lebenslänglichen, das tuschelte man sich zu. Die Lebenslänglichen blieben nicht nur für eine oder zwei Reisen auf dem Sträflingsschiff, sondern waren dazu verurteilt, den Rest ihres Lebens hier zu verbringen! Was mußten sie angestellt haben, daß ihnen diese Strafe auferlegt worden war!

Zwischen den Pritschenreihen war ein Wasserschacht vom Ausmaß einer Garage eingelassen. In diesem dümpelten einige weibliche Gefangene, die wegen ihrer Gumminoppenhauben wie Teichhuhnweibchen aussahen, vor sich hin. Hinten, an der Bar, dumpften drei Gefangene, festgekettet an ihren Barhockern, dem Delirium entgegen. Einer von den drei Dumpfbacken hieß Rudolf, das hatte er mir gestern bierdunstgeschwängert ins Ohr geraunt. Rudolf, gestern abend noch im Smoking, rasiert und gekämmt, mit einer Nelke im Knopfloch und tadellosen Manieren, hing heute mit »Ich-bin-ein-Tourist«-Käppi und faltenwerfendem Oberkörper an der Bar ab. Seine Füße, die mich gestern noch in tadellos geputzten schwarzen Lackschuhen über das Parkett gewirbelt hatten, steckten nun in hühneraugenfreundlichen Reformhauslatschen. Seit einer Stunde versuchte Rudolf, mich an die Bar zu locken. Ich war aber nicht willens. Ich war doch erst drei Tage hier. Warum sollte ich mich sofort dem ersten besten Gefangenen unterwerfen? Rudolf blickte mehrmals zu mir rüber. »Am Schluß kriege ich dich noch!« rief er halblaut über die Meute der Mitgefangenen hinweg. Mich schauderte. Er duzte mich einfach so! Wahrscheinlich war es nicht Brauch, auf einem Strafgefangenenschiff »Sie« zueinander zu sagen. Er hatte mich regelrecht angebaggert! Dabei war Rudolf mit Gattin zum Strafvollzug! Inzwischen waren sie auf ihren spartanischen Latschen mit letzter Kraft über die Holzplanken in ihre Zellen gewankt. Karge, enge Verliese waren das, mit erschreckend wenig Marmor im Bad und kaum goldenen Wasserhähnen, die Betten wurden höchstens einmal pro Tag frisch bezogen, die Blumen kaum gewechselt, und abends fand man höchstens drei bis vier Champagnertrüffel auf seinem erbärmlichen Kopfkissen vor. Ein Jammerleben! Ich konnte mir nicht vorstellen, daß die geschwächten Sträflinge es nun lustvoll miteinander trieben. In so einer Atmosphäre konnte sich einfach keine Fleischeslust entfalten.

Ich schaute mich weiter um. Hinten im Schatten an der Wand lag diese unförmige Diseuse, die gestern abend »Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt« ins Mikro tremoliert hatte. Hinten im Nacken war sie glattrasiert wie ein Wildschwein, vorne hing ein fettiges Pudellöckchen, das aussah, als hätte sie es .sich mit Uhu über das linke Auge geklebt. Ihre weißen Massen zwängte sie anscheinend gern in viel zu eng sitzende Zwanziger-Jahre-Leberwurst-Ensembles, aus denen ihre labberigen Oberarme quollen. Mut zur Häßlichkeit schien sie zu haben. Daß sie von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt war, vermochte man auf den ersten Blick gar nicht zu glauben. Dabei hatte sie so einen süßen Klavierbegleiter in ihrer Begleitung! Einen goldigen, schnuckeligen Kerl, der, rein optisch, ihr Sohn hätte sein können! Sie hatte mich aber gleich wissen lassen, daß es sich bei »Lars« um ihren Lebensgefährten handelte. Ich taufte ihn »Lars-Dars« im Sinne von »Laß das!« und hakte ihn innerlich ab. Ich seufzte. Welch eine trostlose Zeit lag vor mir! Rüdiger hatte mich ja gewarnt. »Geh nicht auf dieses Schiff!« hatte er gesagt. »Du kommst da mit Leuten zusammen, die sind nicht gut für dich!« Sollte er etwa recht behalten? Dabei hatte ich mich so auf diese Kreuzfahrt gefreut!

Hinter mir zog ein Opa geräuschvoll Rotz durch die Flanken. Er würde doch nicht auf die Planken spucken? Nein. Im letzten Moment wurde er gewahr, daß er sich auf einem Fünfsterneschiff befand. Das gelbe Skelett kam zurück. Ruhelos schleppte es sich zwischen Eistörtchen und Kuchenbuffet hin und her, nur um festzustellen, was es alles nicht essen würde. Es war dieser Sträfling, der abends immer über den Köpfen der Tafelnden an einer Ferse aufgehängt wurde. Schrecklich, was für Foltermethoden die hier hatten! Hinter der Trapezkünstlerin watschelte eine fette schwarze Ente, die allerdings mehrere Törtchen mitsamt Schirm und Requisite verschlungen hatte. Sie sank geschwächt auf den Rand des Swimmingpools. Müde starrte sie ins Wasser, auf dem die drei gumminoppenbewehrten Teichhühner phantasielos durcheinandertrieben. Ach, welch trostloses Dasein! Alles, was hier jung und schlank war, gehörte zum Personal. In solchen schwimmenden Strafkolonien wird das Personal »Staff« oder »Crew« genannt. Zum Beispiel die zwei Dutzend appetitlichen, knackigen Vietnamesen, die für die Handtücher und Liegestühle zuständig waren. Oder die stets freundlich vor sich hin grinsenden Barkeeper im weißgestärkten Hemd und mit gut sitzender schwarzer Hose. Rastlos eilten sie hin und her und fragten, was man zu trinken oder zu essen wünschte. Bei den sieben Mahlzeiten am Tag mußte das auch sein, sonst wäre man an Vertrocknung oder Kraftlosigkeit eingegangen. Wobei wohl keiner merken würde, wenn hier einer sanft einschliefe. Frühestens der Handtuch-Vietnamese mit dem Matrosenanzug würde nach Einbruch der Dunkelheit feststellen, daß da ein Fleischberg nicht mehr erwacht war und somit versäumt hatte, zum Galadiner zu schwanken. Vielleicht hatte er Order, den Fleischberg diskret über Back- oder Steuerbord zu kippen und den Haien zum Fraß vorzuwerfen. Öffentliches Ärgernis war hier, soviel hatte ich schon mitgekriegt, nicht erwünscht. Man verhielt sich ruhig und unauffällig, indem man sich möglichst wenig bewegte, kaum sprach, auf keinen Fall laut lachte – worüber auch? – und sich nicht durch Verweigerung der Nahrung unbeliebt machte.

Na, das konnte ja heiter werden.

Im inneren Strafvollzug – hinter Glas, im Salon »Prinzessin Caroline« – saß einsam am Kuchenbuffet der dickliche, bleiche Jüngling, der hier für die Diavorträge zuständig war. Er hieß PeerHolger Kowalski und legte sich niemals in die Sonne, auch nicht in den Schatten, denn er war ja nicht zum Vergnügen hier. Seine Aufgabe war es, jeden Morgen im »Fürst-Rainier-Saal« die Gefangenen unter Kontrolle zu halten. Er sprach über die Ziele unserer Reise, über die Gepflogenheiten der Eingeborenen, über die Länder und Sitten. Bei ihm schliefen die meisten Gefangenen ihren Rausch aus. Diese Art des Strafvollzugs war besonders hart, denn während des Diavortrags war man auch noch in Dunkelhaft, und als verschärfende Maßnahme wurden eine ganze Stunde lang keine Getränke serviert. Ich konnte Peer-Holger Kowalski trotzdem gut leiden, denn in seinen Diavorträgen vergaß man eine ganze Stunde lang sein eigenes Ach und Weh. Wenn man sah, in welch erbärmlichen Verhältnissen die Menschen in der dritten Welt lebten – und diese dritte Welt bereiste ja unser Luxussträflingsschiff –, dann wurde einem bei aufmerksamem Hinsehen bewußt, daß es uns trotz all dieser grausamen Strafmaßnahmen noch nicht so übel ging.

Aber, wie gesagt, die meisten Sträflinge verschliefen Peer-Holger Kowalskis Diavorträge.

Jetzt erschien der eifrige Professor Weißenreim, der immer morgens um sieben auf dem Trimmfahrrad seine Ringelnatz-Gedichte auswendig lernte. Ein vorbildlicher Sträfling, fürwahr. Er gehörte allerdings, wie ich, zum offenen Vollzug, das heißt, wir durften uns ab und zu bewegen, und wir durften den anderen Sträflingen abends etwas die unerträgliche Langeweile vertreiben. Die fette Diseuse durfte singen, ich war für die Klassik zuständig, es gab noch die bereits erwähnte völlig verhungerte Lebenslängliche und einen tätowierten Kerl, der im düsteren Verlies »Prinz Ernst August« Karnickel aus dem Hut zauberte, und der gute Professor durfte Ringelnatz-Gedichte aufsagen, soviel er wollte. Der Ort seiner allabendlichen Veranstaltungen war ein besonders dunkles Gemach im Bauche des Schiffes, das »Fürstin-Gracia-Patricia-Kino«, in dem während seines Vortrags immer zwei Dutzend Sträflinge in den Stuhlreihen zusammengekauert vor sich hin schnarchten. Ich nannte diesen Ort der Dunkelfolter heimlich »Gähno«.

Ich mochte den guten alten Professor Weißenreim, hatte er doch als einer der ganz wenigen Gestalten hier ein keckes Strahlen in den Augen. Außerdem trafen wir uns jeden Morgen um sieben in der Folterkammer am Heck. Er strampelte sich auf seinem Fahrrad ab, das sich keinen Millimeter von der Stelle bewegte, und ich trappelte wie ein Hamster über ein Laufband. Der Schweiß rann mir dabei nur so über Stirn und Schläfen, denn es war unerträglich schwül in der Folterkammer, und kein Lüftchen regte sich. Ab und zu schaute schlitzäugig ein Handtuch-Vietnamese durchs Bullauge herein, oder man sah einen Koch oder einen Steward geschäftig draußen vorbeihuschen. Sonst sah man nichts. Nichts als den unendlichen blauen Ozean. Der Schweiß des Professors war angereichert mit Wort- und Silbenfetzen von Ringelnatz, Kästner, Tucholsky, Heinz Erhardt und allerlei zeitgenössischen Humoristen. Meiner enthielt puren konzentrierten Alkohol.

Als ich in meine Kabine kam, lag da ein Zettel auf dem Bett: »Heute abend Künstlerbesprechung auf der Empore des ›Fürst-Rainier-Saales‹, Eingang Deck sieben.« Ich war gespannt. Klar hatte ich die anderen Künstler schon gesehen, einige sogar auf der Bühne erlebt. Aber nun wurde es offiziell. Ich überlegte. Feinmachen? Bloß nicht overdressen. Das wäre peinlich und würde mir bei den anderen Sträflingen nur Hohn und Spott einbringen. Für so eine Künstlerbesprechung reichte vielleicht die weiße Jeans mit dem blau-weiß gestreiften Body.

Um Punkt 18 Uhr schob ich mich durch die schwere Eisentür auf Deck sieben und betrat die Empore des »Fürst-Rainier-Saales“, eines prachtvollen, prunkvollen Raumes, an dessen kunstvoll bemalter Decke ein riesiger Kronleuchter hing. Bei schwerem Seegang baumelte der über den Köpfen der Sträflinge gefährlich knarrend hin und her, was sicherlich zur weiteren Einschüchterung und psychischen Entkräftung der Gefangenen beitrug.

In einer brokatenen Sitzecke neben der Künstlerbar lümmelten schon einige Gestalten.

»Hallo“, sagte ich und ließ mich auf das Sofa fallen.

Als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, gewahrte ich den Zauberkünstler mit dem proletenmäßigen Sascha-Schwänzchen im Nacken, ein paar Ballettratten, die sich auf dem weinroten Teppichboden die Glieder verrenkten, meinen alten Freund Professor Weißenreim, den kleinwüchsigen Tontechniker, der während der Shows hinten in der Regie immer an irgendwelchen Knöpfen herumdrehte, und einige andere Typen. Niemand sagte ein Wort. Man saß nur so da und starrte sich an. Wer mochte hier zuständig sein? Ich lächelte aufmunternd in die Runde. Gab es einen Moderator oder ein Frollein, das uns alle miteinander bekannt machte? Oder sollten wir das selber tun?

Die Tür öffnete sich wieder, und herein schlängelte sich die verhungerte Lebenslängliche, die allabendlich kopfüber an einem Reck aufgehängt wurde. Ich hätte ihr gern gesagt, wie sehr ich sie dafür bewunderte, daß sie an den nackten Hacken über den gedeckten Tischen baumeln konnte, ohne in die Saucenschüsseln zu fallen, aber ich hatte den Eindruck, daß sie an keiner Konversation interessiert war. Gelangweilt verdrehte sie die Augen und kaute mit offenem Mund auf einem Kaugummi herum.

Dann nahte der dickliche Lektor Peer-Holger Kowalski. Er war der erste, der etwas sagte. »Na?!« schnarrte er, während er sich ächzend in einem samtüberzogenen Sessel niederließ. »Was gibt’s Neues?!«

Keiner antwortete ihm. Wahrscheinlich gab es nichts Neues. Ich wollte nicht vorlaut sein und sagen: »Mich«, denn ich war hier ganz offensichtlich die Neue.

Der Professor begann, ein paar Ringelnatz-Verse zu rezitieren:

»An einem Teiche

Schlich eine Schleiche,

Eine Blindschleiche sogar.

Da trieb ein Etwas ans Ufer im Wind.

Die Schleiche sah nicht, was es war,

Denn sie war blind.

– – – –

Das dunkle Etwas aber war die Kindsleiche

Einer Blindschleiche.«

»Geil«, sagte der proletenhafte Zauberer.

»Hahaha“, kaute die Ausgehungerte ihren Kaugummi.

»Du kannst ja mal ‘ne Blindschleiche aus deinem Hut zaubern«, regte der dicke Lektor mit der hohen Stimme an.

»Du kannst ja mal ‘ne Blindschleiche aus deiner Hose zaubern«, erwiderte der Zauberer unfein.

Ich schaute ratlos von einem zum anderen.

Der Professor gab ein weiteres Gedicht zum besten:

»Ein männlicher Briefmark erlebte

Was Schönes, bevor er klebte.

Er war von einer Prinzessin beleckt.

Da war die Liebe in ihm erweckt.

Er wollte sie wiederküssen,

Da hat er verreisen müssen.

So liebte er sie vergebens.

Das ist die Tragik des Lebens!«

Er war wirklich perfekt präpariert, der alte Knabe. Strophe um Strophe spulte er seine Verse ab, aber außer dem dicken Lektor zeigte niemand Regung. Ich klatschte höflich, als er fertig war.

Inzwischen waren noch ein paar Gestalten lustlos hereingekommen und hatten sich irgendwo hingelümmelt. Schließlich schienen alle dazusein, die Künstlerbesprechung konnte beginnen.

Der Kreuzfahrtdirektor, der sich durch ein weißes Hemd mit vier goldenen Streifen auswies, erschien mit einer guten halben Stunde Verspätung in der Eisentür. Er baute sich vor mir auf, und ich wollte ihm schon erfreut die Hand reichen, als er sprach: »Sie sitzen auf meinem Platz!«

Ich sprang peinlich berührt auf. »Entschuldigung«, rang ich mir ab, »das konnte ich nicht wissen, und keiner hat’s mir gesagt!« Ich hockte mich auf die Armlehne des Sessels, in dem der Professor saß. Der sprang sofort auf, um mir seinen Platz anzubieten, worauf der Sessel mitsamt meiner Wenigkeit zur Seite kippte. Nun bleiben Sie doch sitzen! Diese alten Kavaliere bringen einen immer wieder in höchste Verlegenheit!

Der Kreuzfahrtdirektor kramte eine Marlboro aus der Hemdtasche und zündete sie an. »Wir sind hier auf einem Fünfsterne-schiff«, sagte er, ohne jemanden anzublicken. »Und wir sind nicht zum Vergnügen hier.«

Alle sahen betreten zu Boden. Das hatte ich ja auch schon festgestellt, daß hier niemand zum Vergnügen war. Schade eigentlich. Man hätte soviel Spaß haben können!

»Ich muß euch noch mal bitten, abends nicht in Horden in die Bar einzufallen, immer den Passagieren den Vortritt zu lassen, in den Ausflugsbussen nur hinten zu sitzen, am Buffet zu warten, bis die Paxe sich bedient haben, grundsätzlich die Liegestühle und die Plätze in den Restaurants den Paxen zu überlassen und natürlich höflich und nett zu ihnen zu sein. Wenn euch einer bittet, was zu singen oder einen Handstand zu machen oder mal eben was zu zaubern oder was Bestimmtes auf dem Klavier zu spielen, dann MACHT ihr das. Ihr seid hier IMMER im Dienst, klar?«

»Wir konnen abends auf Deck drrai alle geschlossen antreten, und jemand spritzt uns mit dem Wasserschlauch sauber, dann mussen wir kaine Duschen benutzen«, höhnte der amerikanische Tenor Anthony Dusseldorfer. »Wir konnen auch alle zusammen auf Deck drrai aus eine Plastikschussel essen, und wir konnen in Motorraum in Hängematten schlafen, immer abwechselnd, dann brauchen wir keine Kabinen!«

Ich blickte betroffen zwischen den erregten Künstlern hin und her. Hier schien echt dicke Luft zu sein!

»So, wir haben ein paar Neue an Bord«, das Vierstreifenhorn blätterte in seinen Unterlagen, »und ich stelle euch am besten alle einmal vor.«

Das fand ich auch angebracht. Wie hätte ich sonst unter den ungepflegten, gelangweilt blickenden Gestalten, die rauchend oder an ihren Nägeln knibbelnd auf der Erde saßen, jemanden erkennen können? Gestern abend auf der Bühne waren sie alle strahlend schöne Götter und Göttinnen gewesen!

»Zuerst stelle ich euch mal die Weltreisenden vor«, sagte der Kreuzfahrtdirektor. »Die sind ein ganzes Jahr an Bord.«

Aha, dachte ich, die Lebenslänglichen. Schrecklich. Die Armen.

»Stellen Sie sich erst mal selbst vor!« sagte eine kecke Dünne mit kurzem Leder-Mini.

Donnerwetter, dachte ich. Die hat Mut.

Der Kreuzfahrtdirektor grinste und entblößte eine Reihe auffallend gleichmäßiger Zahnkronen. »Fred Hahn.«

O Gott. Ich hatte es geahnt. Hahn im Korb. So sah der auch aus. Wie die Ballettratten ihn anhimmelten! Aber er hatte was Markiges in der Stimme. Und die Art, wie er rauchte: echt männlich. Ich versuchte, ihn nicht weiter anzustarren. Ich konzentrierte mich auf die Weltreisenden. Die Verhungerte gehörte dazu, sie hieß Natascha, wie sonst, das war reine Lautmalerei. Wenn sie abends mit ihrem seidenen Fähnchen durch den Speisesaal wehte, zerriß sie die Luft mit Geräuschen wie »Natascha! Natascha!«. Sie kam vom Theater des Ostens in Berlin. Der Zauberer erwies sich als ihr Ehemann, aber die beiden machten keinen glücklichen Eindruck. Er hieß Rudi und war außerdem Croupier im Spielcasino. Eine nette rundliche Dame mit kinnlangem Mutti-Schnitt hieß Mareike und war die Kindergärtnerin an Bord. Glücklicherweise gab es kein einziges Kind auf dieser Reise, noch nicht mal einen kleinen Hund, weshalb Mareike nichts weiter zu tun hatte, als im Schönheitssalon auszuhelfen. Neben ihr saß Gloria, eine sehr sportliche, schlanke Journalistin mit knapp-frechem Leder-Minirock und schulterfreiem Top. Von ihr war eben der Einwand gekommen. Sie war vom STERN und sollte einen Artikel über die »MS Blaublut« schreiben. So hieß unser Fünfsterneschiff. Gloria lachte mehrmals laut, schlug dabei ihrem Nebenmann auf die Schulter und drohte lachend, die ganze »MS Blaublut« zu verreißen, wenn es ihr hier nicht gefiele. Der Kreuzfahrtdirektor grinste gequält und stieß einen Rauchschwaden aus, bevor er weiterredete: »Und dann haben wir hier unsere Anna, die macht jeden Morgen mit den Passagieren ... Pingpong. Tschi-Gong. Anna, hilf mir, wie heißt das, was du immer machst?«

»Wing Tsun«, sagte Anna lachend. »Das ist eine asiatische Kampfkunst zur Selbstverteidigung.«

»Das muß man hier zwischen die viele bose blickende Leute auch learnen«, murmelte mein Nachbar, der amerikanische Tenor. Er schien schon länger in Haft zu sein. Der Arme. Er wirkte frustriert.

Weiter hinten im Dunkeln saß neben den bulgarischen Kerls von der achtköpfigen Bänd noch ein älterer Mann mit Jeanshemd und Lederweste. Ich hatte ihn für einen Mechaniker gehalten, aber es handelte sich um niemand Geringeren als Hasso von Tegern, einen weltberühmten Einhandsegler. Ich betrachtete ihn neugierig, stellte aber fest, daß er zwei Hände hatte.

»Was tut ein Einhandsegler?« fragte Gloria, die Journalistin, keck, indem sie sich rauchend den Lederrock glattstrich.

Hasso von Tegern antwortete stolz, daß er siebenmal die Welt umsegelt habe, ganz allein, und immer mit einer Hand, da er die andere Hand ja für andere Zwecke gebraucht habe, wie man sich denken könne. Kochen, waschen, Zähne putzen, fotografieren, Tagebuch schreiben, Kombüse putzen. Ich war beeindruckt. Den alten Knaben wollte ich näher kennenlernen.

Die dicke Diseuse mit der angeklebten Locke über dem linken Auge hieß Klara-Viktoria, und sie sah als einzige privat genauso bescheuert aus wie auf der Bühne. Neben ihr saß schüchtern Lars-Dars, ihr Pianist und Lebensbegleiter. Lars-Dars hatte auch noch die Aufgabe, nachts in der »Erzherzog-Ferdinand-Bar« zu spielen und Leute wie Rudolf und andere Saufbolde bei Laune zu halten.

»Wann kann ich eigentlich abends aufhören?« fragte Lars-Dars. »Gestern war es fünf Uhr früh!«

»Bis der letzte Gast in seine Kabine gegangen ist«, antwortete Fred Hahn. »Steht im Vertrag.«

»Da kann ich ja lange warten«, maulte die dicke Diseuse.

Ich grinste schadenfroh.

»Euer Problem«, sagte Fred Hahn.

Der liebe, gute alte Professor Weißenreim hielt es für angebracht, mit ein paar Ringelnatz-Verslein die Stimmung zu entschärfen.

»Gibson (sehr nervig), Australien,

Schulze, Berlin (ziemlich groß).

Beißen und Genitalien

Kratzen verboten. – Nun los!

Ob sie wohl seelisch sehr leiden?

Gibson ist blaß und auch Schulz.

Warum fühlen die beiden

Wechselnd einander den Puls? ...«

Wir klatschten. Er beteuerte, daß er noch eintausendsechsundvierzig andere Gedichte auswendig hersagen könne, und Fred Hahn sagte: »Alles zu seiner Zeit.«

Hinten am Bullauge saß der Schiffsarzt. Er hieß Notker Hundtgeburth. Ich betrachtete ihn versonnen. Schiffsärzte sind nach Kapitänen ja sicherlich die interessantesten Streifenhörnchen, aber dieser schien mir auf Anhieb nicht dazuzugehören. Er war zwar groß und halbwegs gut aussehend, hatte aber immer eine kleine weiße Schleimspur in jedem Mundwinkel, und wenn er länger sprach, wurde aus dem Schleim ein blubbernder Brei, der Fäden zog. Ja konnte denn dieser Schiffsarzt nicht mal eine Serviette zur Hand nehmen oder einfach nur schlucken, wie andere Leute auch? Nein, dieser Doktor Notker Hundtgeburth kam für mich überhaupt nicht in Frage. Er erzählte heiter, daß sich an Bord eine komplette Dialysestation befände, auch ein Kreißsaal für Gebärfreudige, aber das käme bei dem Alter der mitreisenden Passagierinnen nicht so häufig vor (kicher), auch ein komplettes Zahnarztbesteck sei vorhanden (würg), und außerdem würden immer mindestens acht Zinksärge mitgeführt (schluck!). Gerne dürften wir Künstler ihn auf Deck drei in seiner Bordklinik »Queen Mum« besuchen, er säße doch meistens untätig herum und freue sich über Abwechslung.

Das tun hier alle Sträflinge, dachte ich.

Dann war ich an der Reihe. Fred Hahn blätterte in seinen Unterlagen und sagte: »Und dann haben wir hier eine Operndiva, Burkharda Meier.«

Er schaute mich erwartungsvoll an. Das mit der Operndiva fand ich unfair von ihm. Ich war keine Operndiva. Leider. Ich war eine Kirchenmusikmaus aus Geilenkirchen bei Aachen. Und ich wollte ENDLICH mal die große weite Welt erleben. Und einen Hauch von Sünde. Ich fand, das stand mir endlich zu, mit einunddreißig.

»Wie heißt die?« fragte der Zauberer entsetzt. »Burkharda? Ick hab wohl ‘n Krümel im Trommelfell!«

»Tja“, sagte ich, »ich heiße tatsächlich Burkharda. Wahrscheinlich wollten meine Eltern angesichts des Allerweltsnamens Meier wenigstens einen unverwechselbaren Vornamen, der mich von allen anderen Frau Meiers dieser Welt unterschied. Und ›Burkharda‹ heißt wirklich kein Schwein auf dieser Welt. Nur ich.« Ich schaute festen Blickes in die Runde. »Ich hab mich dran gewöhnt. Burkharda. Burkharda Meier.«

»Das vergessen wir jetzt alle nicht mehr«, sagte der liebenswürdige Professor Weißenreim. Der alte Einhandsegler dehnte noch hinzu: »Burkharda ist ein zauberhafter Name.«

Fred Hahn grinste zynisch. »Und was dürfen wir sonst so von Ihnen erwarten, Frau ... Burkharda ... Meier?«

Ich leierte mein Repertoire herunter: Liederabende mit Schumann, Wolf und Strauss, Schubert, Brahms und Debussy. Dann natürlich 61 Bachkantaten, alle Passionen, Requiems und Oratorien. Ganz nach Wunsch.

»Ist hier alles nicht gefragt«, sagte Fred Hahn und steckte sich eine neue Zigarette an. »Was haben Sie noch?«

»Opernarien«, sagte ich. »Carmen, Azucena, Ulrika, Fricka, Freia, Brunhilde, Prallgunde, Brüllhilde, Schwertleite ...« Ich atmete schwer.

»Burkharda“, sagte Fred Hahn rauchend, »das können Sie sich alles von der Backe putzen. Das krieg ich in keinen Abend rein. Weder in den karibischen Abend an Deck noch in ›Zaubereien der Südsee‹, noch in ›Liebe alte Operettenmelodien von Berlin bis zum Wörthersee ...‹“

»Sie könnte sonntags im Gottesdienst singen«, meldete sich der evangelische Pastor Nölenberg.

Ich erstarrte. Alles, nur das nicht! Das tat ich doch schließlich seit vielen Jahren zu Hause, in meiner lieben Kleinstadt Geilenkirchen bei Aachen, wo mich jedermann kannte und schätzte und ehrte als Gattin des Gymnasialdirektors und Organisten Rüdiger Meier!

Ja, phantasieloserweise hatte ich, eine geborene Meier, auch wieder einen Meier geheiratet. Die Frage nach dem Doppelnamen hatte sich somit gar nicht gestellt. Burkharda Meier-Meier, das hätte etwas übertrieben geklungen.

Aber warum war ich auf diesem Schiff? Doch nicht, um im Gottesdienst zu singen! Endlich hatte ich mal die Chance, in blaublütigem Dunst mit verrauchter Stimme »Carmen« zu geben, vor tafelnden Neureichen und steinalten Witwen aus noch nicht verarmtem Adel! Endlich einmal wollte ich mit dem Hintern wackeln und mit den Augen zwinkern! Endlich etwas anderes singen als brav-bieder-bürgerlich im Gottesdienst »Ach daß ich Wassers genug hätte, zu beweinen meine Sünden«! Das hatte ich mein Leben lang getan!

Ich war jetzt einunddreißig. Und das konnte doch einfach noch nicht alles gewesen sein!

Jetzt war ich hier, auf diesem Schiff. Und ich liebte es, von Anfang an. Die »MS Blaublut« war mein Traumschiff. Und die Reiseroute war auch nicht zu verachten! Australien–Neuseeland! Mitten im kalten Winter! Für ein paar Liedchen!! Wer hätte da nein gesagt?!

Ich war wild entschlossen, alles zu geben, was ich in Geilenkirchen niemals geben konnte.

»Nee, laß mal«, sagte zum Glück der Kreuzfahrtdirektor. »Wir haben schon irgendwie Verwendung für Sie!«

An diesem Abend tafelte ich gemeinsam mit der netten Kindergärtnerin Mareike im »Prinz-Edward-Restaurant« auf Deck acht. Eigentlich durften wir vom einfachen fahrenden Künstlervolk nicht in diesem elitären Restaurant speisen, aber Mareike war die Gattin des Hoteldirektors, und dieser war wegen einer Dienstbesprechung verhindert. Ich leistete der Guten also aus reiner Nächstenliebe Gesellschaft. Alle anderen Künstler mußten in der Offiziersmesse auf Deck drei ihr Essen in sich reinschaufeln. Da gab es, ähnlich wie in der Mensa der Musikhochschule damals, verschiedene Bottiche mit dampfenden Massen, die man sich mit Hilfe einer Schöpfkelle selbst auf seinen Teller laden mußte.

O nein. Dafür war ich nicht auf ein Fünfsterneschiff gegangen. Ich hatte auch meinen Stolz.

Ein Steward mit Silberknöpfen auf weißem Wams schwebte auf uns zu und fragte, ob wir einen Aperitif wünschten. Ich bejahte gierig. Zu empfehlen, sagte der Steward artig, sei heute der Kaviar vom australischen Stör, dann ein Steinbeißerfilet mit Kräuterhaube, pochiert, als Hauptgang ein geschmorter Frischlingsrücken mit sautierten Pfifferlingen, Honigkuchensauce, Wirsing in Sahne, Kronprinzenkartoffeln und Wildpreiselbeeren, und als Dessert empfehle er Trüffeltörtchen mit Cointreau und Zimtorangen.

Ich nickte froh.

Mareike protestierte auch nicht weiter, und so ließen wir den Steward ziehen. Ich schaute mich interessiert im Saale um.

An den Nebentischen tafelten mit eiserner Disziplin die Sträflinge von heute mittag, die allerdings inzwischen in feinstes Garn gekleidet waren. Anscheinend war Sprechen genauso verboten wie Lachen, denn überall standen die Aufseher mit den Goldknöpfen herum und blickten streng.

Ich beugte mich vor und wisperte: »Wie lange hältst du es hier schon aus?«

»Fünf Jahre!« wisperte Mareike zurück. »Mein Mann ist seit fünf Jahren Hoteldirektor. Ich hätte schrecklich gern ein Kind, und es klappt bei uns irgendwie nicht. Deshalb bin ich hier die Kindergärtnerin. Das ist ein leichter Job, weil hier niemand Kinder hat.« Sie hob ihr Champagnerglas und lachte mich verschwörerisch an. »Und du? Was ist mit dir?«

»MEIN Mann ist Kirchenmusiker und Gymnasialdirektor in Geilenkirchen«, flüsterte ich unter den schmallippigen Blicken der umherstehenden Wärter. »Er sieht es gar nicht gern, daß ich jetzt hier bin. Aber ich wäre in der spießigen Kleinstadt gestorben! Also habe ich mich bei der Künstlervermittlung als Sängerin beworben.«

»Und?« flüsterte Mareike neugierig. »Habt ihr keine Kinder?«

»Es klappt nicht«, wisperte ich zurück. »Rüdiger sagt, es liegt an mir. Meine Eierstöcke sind verklebt, behauptet er.«

»Bist du sicher, daß es nicht an Rüdigers Samensträngen liegt?« fragte Mareike über den Tisch, und in diesem Moment näherte sich der Oberaufseher mit den goldenen Knöpfen und goldenen Streifen auf der Uniform.

»Verzeihung, die Damen, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn noch zwei Herren an Ihrem Tisch Platz nehmen würden?«

Mareike und ich wechselten einen Blick.

Einerseits machte es uns etwas aus. Klar. Wo wir gerade so kurzweilige Themen erörterten.

Andererseits: Zwei Herren! Warum nicht?!

»Bitte«, sagte Mareike, und »Immer her damit!« sagte ich.

Das Streifenhörnchen führte zwei männliche Wesen an unseren Tisch, der eine klein und schmal und mit runder, glitzernder Brille, der andere eher phlegmatisch und gediegen. Beides keine Volltreffer. Leider.

Sie gaben uns die Hand und dienerten und murmelten ihre Namen, und wir erhoben uns mit halber Pobacke, hielten unsere Servietten fest und lächelten gönnerhaft.

Dann saßen sie.

»Wir sind gestern erst an Bord gekommen, odr«, sagte der Kleine mit der runden Brille eifrig. »Das ist ein gigantisches Schiff!«

»Hat seine fünf Sterne wirklichch verdient«, bestätigte der andere. Wir tranken. Champagner. Und nickten uns zu. Sie hatten beide einen Schweizer Akzent.

Schade. Mit den Burschen konnte man fürs erste nicht mehr über Unfruchtbarkeit und schlechten Sex und Langeweile in der Ehe sprechen. Obwohl sie bestimmt eine Menge dazu beitragen konnten.

Mareike plauderte charmant über die letzten Landausflüge auf Bali, die Aufgaben ihres Mannes als Hoteldirektor und ihr völlig leerstehendes Haus in Hamburg an der Alster. Ich gab zum besten, daß ich als Sängerin engagiert sei, aber bis jetzt noch nicht zum Einsatz gekommen sei, weil niemand meine Opernarien hören wolle, und da legte sich der Kleine vehement ins Zeug: »Ich liebe Opern, odr! Ja! Fürrwahrr! Ich bin ein begeisterter Opernfan, odr! Zweimal im Monat gehe ich in die Oper, egal, in welche!!« Er sprach mit einem goldigen Schweizer Akzent, was mich irgendwie für ihn einnahm. Der Phlegmatische ging nicht in die Oper. Das gab er auch offen zu. Er hörte lieber Soul und Funk. Wenn er überhaupt mal was hörte. Er sei alleinerziehender Vater, sagte er, und da habe er überhaupt keine Zeit für solcherlei Abendveranstaltungen. Mareike blickte ihn mißtrauisch an.

Die beiden teilten uns dann über verstörtem Stör mit, daß sie Bänker seien. Aus Zürich. Beide. Und daß sie die Aufgabe hätten, den Paxen hier an Bord die Knete abzuschwatzen. Nirgendwo sonst als auf einem Fünfsterneschiff gäbe es so viele alte Leute, die nicht wüßten, wohin mit ihrem Geld. Und ihre Zürcher Privatbank habe durchaus Verwendung für solche armen Menschen.

Ich nickte gelangweilt. Der Obersteward mit dem hübschen Namen Gerald Gier brachte das Zwischengericht: Steinbeißerfilet. Die Bänker bestellten eine Flasche Champagner. Mir sollte es recht sein.

Um uns herum wurde gelangweilt getafelt.

Beim dritten Glas Champagner schaute mir der kleine Bebrillte so gut wie möglich in die Augen und sagte: »Ulrichch! Ulrichch Schröder, odr!«

»Burkharda“, sagte ich irritiert. »Burkharda Meier.«

Der Dickliche mit der müden Fliege hieß »Jürgi, Jürgi Schmied«.

Mareike hieß mit Nachnamen Müller, und das fanden wir lustig, weil wir alle vier Allerweltsnamen hatten. Meier, Müller, Schröder und Schmied.

Und nun saßen wir hier auf einem Fünfsterneschiff nach Australien, tafelten Steinbeißerfilet mit Kräuterhaube, tranken Champagner und hatten nichts weiter zu tun, als die übersättigten Passagiere auf andere Gedanken zu bringen.

Wir plauderten sehr nett und angeregt, und der Kleine mit der runden Brille wurde immer begeisterter, und nach weiteren vier Gläsern Champagner hatte ich ihn mir schöngetrunken. Mareike unterhielt sich mit dem Dicklichen über Steuern und Immobilien in der Schweiz, und der kleine begeisterte Ulrich legte seine Hand auf meine Hand und sagte immer wieder, völlig aus dem Häuschen: »Ja Wahnsinn, was für eine Frau du bist, Burkharda, das ist der Wahnsinn, du, so ein Wahnsinn!«

Ich vermutete, daß er zu Hause an seinem Zürichsee ein ziemlich bläßliches Frauchen hatte, weil er imstande war, sich so über eine arbeitslose Kammersängerin aus Geilenkirchen zu begeistern.

Gerade als wir beim Dessert Butterscotch-Zitronen-Eiskrem in Limonenschaum an Lychees angekommen waren, betrat überraschenderweise der Kreuzfahrtdirektor Fred Hahn das Etablissement. Er sah umwerfend gut aus mit seinen vier Streifen auf der blütenweißen Uniform. Jedenfalls nach soviel Gläsern Champagner.

»Hier stecken Sie also!« schnarrte er bassig. »Im ›Fürst-Rainier-Saal‹ ist Welcome!«

»Oh, danke, wir schauen nachher mal vorbei«, lallte ich freundlich. Der Schweizer hatte immer noch nicht seine Hand von meiner genommen.

»Sie haben einen Auftritt!« bellte der Kreuzfahrtdirektor böse.

»W... wer, ich?« Ich entriß dem Schweizer meine zitternde Hand.

»Sie sind im dritten Teil dran«, schnauzte der Kreuzfahrtdirektor. »Die Dispo liegt in Ihrer Kabine!«

»Aber da war ich seit vier Stunden nicht mehr!« Ich fühlte meine Stimme wackeln.

»Das ist Ihr Problem. Wenn Sie es vorziehen, in einem Restaurant rumzusitzen, das unseren Gästen vorbehalten ist ...« Er blickte finster auf Mareike und die Bänker

»Das wußte ich nicht ...«

»Sie sollten die Dienstvorschriften lesen!«

»Frau Meier ist mein persönlicher Gast«, sagte Mareike liebenswürdig. »Mein Mann war verhindert, und ich habe sie gebeten, mir Gesellschaft zu leisten!«

»Sie hat in acht Minuten ihren Auftritt«, sagte der Kreuzfahrtdirektor im Weggehen.

»Aber was singe ich?!« rief ich entgeistert hinter ihm her. Alle Farbe war aus meinem Gesicht gewichen. Der Schweizer war auch blaß geworden. Selbst der Phlegmatische zeigte Regung.

»Die Carmen steht auf dem Programm«, ließ mich der Kreuzfahrtdirektor noch wissen. »Das hängt ebenfalls seit Stunden unten im Schaukasten.«

»Und wer begleitet mich??«

»Die Bänd!« Damit fiel die gläserne Tür hinter dem Erhabenen zu.

»Die Bänd«, hauchte ich blutleer. »Carmen! Mit BÄND! Hoffentlich spielen die d-Moll! Die kommen aus Bulgarien, vielleicht spielt man da nicht d-Moll!«

»Das ist eine ungeheure Schweinerei!« entrüstete sich der kleine Schweizer mit der runden Brille. »Das hätte er dir wirklichch eher sagen können, odr!!«

»Kcheine gute Kchinderstube«, sagte auch der andere.

»Der Fred ist ein Arschloch.« Mareike stand auf und winkte dem Steward. »Geht auf mich, Gerald!« Sie knallte ihre Crewmitgliedskarte auf den Tisch und eilte von hinnen.

Wir huschten wie die Hühner aus dem Restaurant. Die anderen tafelnden Gäste blickten kopfschüttelnd hinter uns her.

»Ich bin überhaupt nicht eingesungen«, jammerte ich auf dem langen Gang, während ich auf meinen hohen Absätzen hinter Mareike hertrippelte.

Die Schweizer richteten ihre Krawatten und trotteten verwirrt hinter uns her. Sie hätten ja eigentlich sitzen bleiben können, aber sie schienen sich mit mir solidarisch zu fühlen.

Verdammter Mist, dachte ich. Verdammter, verdammter Mist. Da fühle ich mich als was Besseres und gehe mit dieser Hoteldirektorsgattin ins feinste Etablissement auf dem ganzen Schiff, tafele fünf oder sechs Gänge, trinke sieben Gläser Champagner, baggere mit irgendwelchen Schweizer Bänkern rum und vergesse völlig, warum ich hier bin: um zu singen! Ich habe einen Vertrag! Ich bin hier engagiert! Gleich am ersten Abend falle ich aus der Rolle! Was soll ich nur machen? Was zieh ich an?! Wo liegt meine Kabine?! Schaffe ich es noch, das lange Abendkleid anzuziehen? Oder singe ich die Carmen im Hosenanzug?

»Mareike! Hilf mir! Wo liegt meine Kabine?« Ich zeigte der Voraneilenden meinen goldenen Schlüssel.

»Deck acht, ganz hinten, am Heck! Das kannste vergessen!« Sie trabte weiter.

Wir klapperten die Treppen hinunter, vorbei an wunderschönen Gemälden von Prinzessinnen und deren Gemahlen, an Statuen vom Alten Fritz und hingegossenen Bronzejungfrauen, die uns sinnlos im Wege standen.

Mareike führte uns sicher in den wunderschön beleuchteten »Fürst-Rainier-Saal«. Auf der Bühne sang ein Tenor. Es war Anthony Dusseldorfer, der Amerikaner. Er war in einen glitzernden Anzug gewandet, und eine achtköpfige Bänd begleitete ihn kapriziös.

»Schade, klaine Frrau«, sang der Tenor und kniete vor einer rosaschillernden Ballettdame nieder, »isch hätte disch gelippt wie niemand zuvor auf där Wällt! Isch tu, was isch kann, doch du hast einen Mann, der sähr viel von Trräue hällt ...«

O Gott, dachte ich. Der ist leider gut. Warum muß ausgerechnet ICH danach dran sein?

»Wie komm ich auf die Bühne?«

Mareike stand inzwischen mit den Schweizer Bänkern heiter an der hinteren Bar. Man hatte schon wieder Champagner geordert.

Larry, der kleinwüchsige Tontechniker, hockte in seinem Regiekabuff, das glücklicherweise direkt neben der Bar lag. Er regelte das mit dem Licht und das mit dem Sound und das mit den Vorhängen und das mit der Technik. Er war entsetzt, mich zu dieser Stunde im Zuschauerraum zu sehen.

»Über Deck sieben!« zischte er panisch. Spucketröpfchen flogen durch das grelle Licht.

»Und wo bin ich hier??«

»Deck sechs, Menschenskind!!«

»Und wie komm ich ...«

»Über die Empore!!«

»Welche Empore??!!«

»Deck sibbe!«

»Schade, klaine Frrau, isch hätte disch gelippt wie niemand zuvor auf där Wäälllt!«

Mein Gott, die setzten zum Finale an!

»Da hinne die Treppe nuff un dann zur Eisentür naus un dann den Gang nunner bis zur Eisentür, wo druffsteht ›Staff only‹, also betrede verbode, und dann die Eisentreppen nunner, un dann biste hinner der Bühne!« zischte Larry. Er kam aus Saarbrügge, das konnte man höre.

Ich raste los. Zuerst die breitgeschwungene wunderschöne Treppe nuff. Oben saßen fröhlich angetrunken Rudolf und seine greiffreudigen Kegelbrüder und versuchten, mich im Vorbeirennen wie einen Schmetterling zu erhaschen.

»Wohin so eilig, schöne Frau?« wollte der wissen, der heute mittag in Plastiklatschen am Pool gehangen hatte.

»Dich krieg ich noch!« drohte Rudolf lachend, während er seine Videokamera auf mich hielt.

Der dritte griff einfach nach mir, aber er erwischte nur den Zipfel meines kleinkarierten Strenesse-Hosenanzugs.

Mein Gott, wie kann man nur in einem kleinkarierten Strenesse-Hosenanzug die Carmen singen!

Ich riß die schwere Eisentür auf und trappelte über den samtbezogenen Flur. Hier waren die Siebener-Kabinen. Immer noch die Top-Elite. »Doch du hast einen Mann, der nix dafür kann und sähr viel von Trräue hällt«, sang der Tenor zum letztenmal.

Ich dachte für den Bruchteil einer Sekunde an Rüdiger und seinen Bachchor in Geilenkirchen. Und seine Abiturklasse in Latein. Und daran, daß er als letztes gesagt hatte: »Ich bin mal sehr gespannt, ob du mir treu bleibst!« Ich hatte geantwortet: »Ich auch.«

Dann verstummte der Tenor. Beifall schwoll auf. Drunten im Saale unter dem zehn Tonnen schweren Kronleuchter saßen nun die Satten und Matten und klatschten müde in ihre Hände, und die Goldarmbänder schepperten. Klatscht weiter, Leute, dachte ich! Hört nicht auf!

Ich riß die schwere Eisentür auf, an der »Staff only« stand. Eiserne Treppen führten nach unten. Meine hochhackigen Pumps klapperten garstig auf den schmucklosen Stufen.

»Meine Damen und Herren«, hörte ich Fred Hahn ins Mikrophon sagen, »seit heute haben wir eine Sängerin an Bord, die Sie begeistern wird. Ihr Repertoire erstreckt sich von Wagner über Verdi, von Mozart bis hin zu Puccini, von Bach zu Beethoven, und sie ist mit Preisen übersät worden, sie hat ihr Konzertexamen mit Auszeichnung bestanden, sie hat Tourneen um die ganze Welt gemacht, sie sang unter Solti und Karajan ...«

Ich verlangsamte meinen Schritt. Mich konnte er ja nicht meinen. Wie gut. Ich atmete ruhiger. Da kam noch eine andere. Vor mir. Die hundertmal besser war. Eine berühmte Kammersängerin. Ich konnte erst mal verschnaufen. Auch wenn ich danach die Arschkarte hatte – sie würden es vielleicht nicht merken. Daß die Weltberühmte, Preisüberhäufte viel besser war als ich. Außerdem tranken sie alle und redeten. Da fiel das nicht weiter auf.

Der Kreuzfahrtdirektor redete weiter. Mit sehr sonorer, bassiger Stimme. Voll professionell. »Sie stammt aus einer rheinischen Kleinstadt, fühlt sich in der Kirchenmusik genauso zu Hause wie auf der großen Opernbühne, und sie ist zum erstenmal auf einem Schiff«, sagte er.

Die Dame war mir sympathisch. Ihr ging es genauso wie mir! Ich hastete auf Stöckelschuhen über Eisenplanken. Seine Stimme war nun ganz nah. Hier mußte irgendwo die Bühne sein!

»Sie wird Ihnen auf Anhieb gefallen, meine Damen und Herren«, sagte der Sonore professionell, und Rauchschwaden aus der Nebelmaschine waberten zu mir herüber. »Sie ist vielseitig, witzig, jung und flexibel, und sie ist, was Sie alle am meisten schätzen werden ... noch vor fünf Minuten im Restaurant gewesen, weil sie keine Ahnung davon hatte, daß sie jetzt auftreten muß!«

Mein Herz begann zu rasen. Redete der von MIR?! Und dann hörte ich meinen Namen!!

»Begrüßen Sie mit mir ... Burkharda ... MEIER!!«

Ich rannte um mein Leben.

Wo war hier der verdammte Eingang zur Bühne??

Der Zauberer, der lässig in einer Ecke hing und rauchte, zeigte mir mit seinen weißen Handschuhen die Richtung. Der Vorhang ging auf, und dann stand ich plötzlich ... auf der Bühne! Die Bänd spielte unverdrossen seit zwei Dutzend Takten das Auftaktmotiv zur »Habanera«. »Tam – dadamm tam Tam dadamm tam Tam dadamm tam Tam!«

Ich warf einen scheuen Blick auf die Jungs. Sie nickten mir aufmunternd zu. Immerhin. Sie spielten d-Moll. O.K. Ich holte Luft und setzte ein.

»L’amour est un oiseau rebelle, que nul ne peut apprivoiser ...«

Es ging. Es ging leicht! Sie spielten wie ein Teppich! Sie trugen mich! Ich sang! Die Bühne war groß. Larry ließ die Lichter über meinen kleinkarierten Strenesse-Anzug gleiten. Ich sang und spielte mit den Händen und versuchte, ins Publikum zu sehen. Da saßen die blutleeren Sträflinge neben ihren Drinks in dem Saal, vollgestopft mit Menschen in Abendkleidern und Smokings. Man rauchte, Stewardessen huschten zwischen den Reihen hindurch, Gläser klirrten leise, kaum einer sprach, man hörte mir zu!

»Et c’est bien en vain qu’on l’appelle, s’il lui convient de refuser. Rien n’y fait, menace ou prière, l’un parle bien, l’autre se tait; et c’est l’autre que je préfère, il n’a rien dit, mais il me plaît!«

Die Bänd intonierte gekonnt und routiniert das Zwischenspiel. »L’amour!« sang ich. »L’amour!!« – »Die Liebe, die Liebe! Die Liebe ist ein Zigeunerspiel, sie fragt nach Rechten nicht, Gesetz und Macht, liebst du mich nicht, bin ich entflammt, und wenn ich lieb, nimm dich in acht!«

Das hohe Fis saß wie ‘ne Eins.

Die Bänd fing mich auf wie eine Wolke.

Das Publikum klatschte wohlwollend. Für die Verhältnisse eines Fünfsterneschiffes geradezu euphorisch. Ich verbeugte mich. Larry in seiner Kabine warf Kußhände.

Würdigen Blickes und mit kaum zu unterdrückender Siegermiene schritt ich am Kreuzfahrtdirektor vorbei, der rauchend hinter dem Vorhang stand. Er würde mir jetzt doch begeisterte Blicke zuwerfen? Mir die Hand küssen? »Gnädige Frau waren zauberhaft« zu mir sagen?

Doch mitnichten. Er schenkte mir keinerlei Beachtung.

»Blauer Vorhang zu!« zischte er in sein Mikrophon. »Weißer Vorhang auf!«

Ich blieb stehen und wartete auf ein Lob. Der Kreuzfahrtdirektor rauchte aggressiv und blies die Schwaden in das ohnehin rauchgeschwängerte Dämmerlicht.

»Fahr die Lichter runter, Larry!« zischte er in sein Mikro. »Bist du blind, Mensch! Halbes Licht! Die blauen Scheinwerfer, du Dämlack! Und Nebel! Hast du gehört, Mann! NEBEL bis zum Erblinden!!«

Der Zauberer, der eben noch lässig geraucht hatte, schob sich nervös an uns vorbei und warf sich mitsamt seinem Kaninchenwagen auf die Bühne. Man klatschte.

So. Jetzt konnte doch der Kreuzfahrtdirektor mich anlächeln. Und sagen, wie gut ich war.

Abwartend blieb ich stehen.

»Nächste Nummer der Charlie Chaplin!« zischte er in sein Mikro. »Weißer Vorhang auf, roter Vorhang auf, Kulisse vier, kein Nebel, Charlie-CD, alles Vollplayback!!«

Ich fühlte mich überflüssig. Die mageren Tänzerinnen huschten eilig an mir vorbei.

»Vorsicht! Bitte die Gasse frei machen!«

»Larry!! Bist du wahnsinnig!! Leuchte das Kaninchen an! Und nicht den Ärmel vom Rudi!«

O.K., O.K., ich sah es ein. Hier und jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für ein Lob. Ich schlängelte mich an den anderen vorbei, dem Tenor, der »Schade, klaine Frrau« gesungen hatte, den Ballettratten, der Verhungerten, die wieder an dem Reck baumeln sollte und für diesen Zweck schon mal ihre Hände und Füße mit Kreide einrieb, der fetten Diseuse mit der angeklebten Locke über dem linken Auge, Lars-Dars im Frack und allen, allen Künstlern, die heute abend ein Stelldichein auf der Bühne gehabt hatten. O.K., Leute, das war’s. Ich gesell mich jetzt wieder zu meinen Schweizern. Die nehmen mich wenigstens zur Kenntnis.

Erhobenen Hauptes verließ ich die Stätte der Kunst.

Zwei Minuten später stand ich bereits wieder lässig mit den Bänkern an der Bar. Wie cool ich doch gewesen war! Voll der Profi, ich!! Sie nickten mir zu und wisperten auf Schwyzerdütsch, wie unglaublich geil ich doch gesungen hätte, und wie professionell ich doch gewirkt hätte in meinem Strenesse-Hosenanzug, dieweil ich die Carmen gesungen hätte, und der Kleine mit der runden Brille streichelte mir den Unterarm (höher kam er nicht) und reichte mir ein eiskaltes Glas Champagner, und der Dickliche mit der schlapp sitzenden Krawatte murmelte auch etwas Anerkennendes, dieweil vorne die Charlie-Chaplin-Nummer lief und die Leute gutartig klatschten. Dann kam noch Anna, die Kampfkünstlerin, die mehrere muskulöse Männer aus dem Ballett und aus dem Orchester mir nichts, dir nichts in die Eier trat und über die Schulter warf, und dann kam noch mal der schwule Tenor und sang: »Diese Klaine, die hat Baine!«, und wir lachten und klatschten und tranken Champagner, und ich dachte an Rüdiger und an Geilenkirchen und an den Kirchenchor und wie gut ich es doch hier hätte, zwischen Bali und Australien, mitten auf dem Stillen Ozean, und wie wunderbar doch alles sei, so easy und voll im grünen Bereich. Da trat wieder dieser Kreuzfahrtdirektor auf die Bühne und begann mit der Abmoderation:

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