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Zwei alte Herren spielen täglich Schach und lesen in der Zeitung eine Geschichte, in der die Schachregeln dahingehend geändert wurden, dass jede geschlagene Figur des Gegners einem Menschen zugeordnet werden muss, der dann getötet wird. Von Verbitterung und Lebensüberdruss gezeichnet, übernehmen sie die Spielregel, da ihrer Ansicht nach ein Menschenleben nicht viel zählt. Um anfängliche Hemmungen zu überwinden, einigen sie sich, mit jedem geschlagenen Bauern erst einmal ein unliebsames Haustier aus der Nachbarschaft zu erledigen. Nach den ersten Morden geraten beide in einen Strudel der sich überschlagenden Ereignisse und bekommen Einblick in finstere Machenschaften höherer Kreise von Militär, Politik und Kirche. Aus diesem Sumpf heraus, leiten sie für sich die Rechtfertigung eines Mordes ab. Das Buch ist eine Persiflage auf die menschliche Gesellschaft und verletzt die Grenzen des guten Geschmacks. Ein Skandal wird erst dazu, wenn er publik gemacht wird und somit ist das Buch ein Skandal, doch kein geschildertes Ereignis ist in der Realität undenkbar. Mit Sarkasmus und Zynismus, mit schwarzem Humor und mit etwas Gefühl und Zärtlichkeit werden Begebenheiten erzählt, die gängigen Verhaltensweisen einiger Menschen ähneln.
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Seitenzahl: 509
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Bernhard Wenzlaff
Mord auf Königsindisch
Impressum
Mord auf Königsindisch
Eine schwarzweiße Komödie und schreckliche Tragödie
Bernhard Wenzlaff
© 2011, by Bernhard Wenzlaff
published at epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
ISBN 978-3-8442-1202-0
Für Walter war es eine beschlossene Sache. Er schaute hastig auf seine Uhr und unruhige Schritte trieben ihn durch die Wohnstube. Max war unpünktlich, was nicht zu seinen Gewohnheiten zählte. Walter mahnte ihn im Selbstgespräch, immer wieder auf die Wanduhr schauend und sein Hund sah aufmerksam zu ihm. Es war nicht die allabendliche Stimmung, die das Herrchen üblicherweise verbreitete, denn schon seit geraumer Zeit durchschritt Walter in hektischem Auf und Ab seine kleine Stube, vollzog zackige Kehrtwendungen, blickte abwechselnd auf die Uhr an seinem Arm und auf die an der Wand in der Stube. Plötzlich spitzte Humphrey die Ohren, sprang vom Sofa und verschwand. Walter folgte ihm erleichtert. Der Hund kündigte Max an, noch ehe der an die Tür klopfte. Walter öffnete die Tür, der Hund zwängte sich an ihm vorbei und begrüßte schwanzwedelnd den guten Freund, sperrte mit seiner Körperfülle den Eingang und wartete auf das tägliche Empfangsritual. “Ja mein Guter, du bekommst deinen Leckerbissen.” Max griff in die rechte Jackentasche, neigte sich zu ihm herab und tätschelte Humphrey, der den Bissen schnappte und die Tür freigab, um sich zu seinem Sofaplatz zu begeben. Fast täglich vollzog sich diese Begrüßung und es blieb die Ausnahme, dass Walter Humphrey an die Leine legte und zu Max ging. “Es wird Zeit”, empfing ihn Walter etwas kurz angebunden und ließ den Freund in stummem Vorwurf seine gedämpfte Laune spüren. Grußlos, ohne Entschuldigung und nur mit einem leichten Kopfnicken, schritt Max an ihm vorbei, reichte ihm eine Flasche Chateauneuf und schien die Verstimmung nicht zu spüren. “Aufgebaut?”, fragte er locker und blinzelte den Freund herausfordernd an. Walter bejahte mit einem säuerlichen Lächeln und wies, Max den Vortritt lassend, mit einer Handbewegung zum Wohnzimmer. Zwischen den hohen und klobigen Sesseln stand der kleine Schachtisch, der neben dem Schachbrett nur noch wenig Platz für eine Kerze, zwei Weingläser und den Aschenbecher ließ. Im flackernden Kerzenlicht warfen die Figuren, aufgereiht in Schlachtordnung, tanzende Schatten auf das Brett. Max streifte seine Jacke ab und warf sie in alter Gewohnheit über die Lehne des Sessels, der ihm über die Jahre der eigene geworden war. Walter hängte sie auf einen Kleiderbügel, den er schon vorsorglich für Max bereithielt, seine Gewohnheiten kennend, und trug sie zur Garderobe. Max blickte ihm schmunzelnd hinterher, fiel in den Sessel und schloss die Augen, wie Humphrey auf dem Sofa. Erst das Entkorken der Weinflasche riss ihn aus seinen Gedanken. Stumm schenkte Walter das Probierschlückchen ein und reichte es Max, nachdem er zuvor das Glas noch mit dem Geschirrhandtuch poliert hatte. Ob er wollte oder nicht, musste Max vorkosten, sah das schimmernde Rot im Glas, das er gegen das Kerzenlicht hielt, tat das Urteil von Südhang und sandigem Boden kund und betonte wie jeden Tag, es sei der billigste Wein aus dem Supermarkt. Walter ignorierte das Geplänkel und füllte mit feierlichem Ernst die Gläser, prostete Max zu und setzte sich nach einem kräftigen Schluck. “Nun Walter, bleibt es dabei?”, erkundigte Max sich zögerlich. Der Gefragte ließ nicht den geringsten Zweifel am Vorhaben aufkommen und bejahte sofort. Max wich seinen Blicken aus und drehte etwas hilflos den schwarzen König zwischen Daumen und Zeigefinger, bis er vom Brett fiel. “Ich weiß nicht, ob noch alles richtig sortiert ist in unserem Oberstübchen. Ich meine wirklich, wir sollten uns das aus dem Kopf schlagen”, teilte er Walter vorsichtig mit, dessen Miene sich augenblicklich verfinsterte. “Red nicht, trink noch einen Schluck und dann wird gespielt!”, forderte er Max auf und leerte sein eigenes Glas. “Wer hat denn zuerst die Geschichte hier aufgetischt?” Er wischte mit einer Handbewegung jeden Einspruch fort und für ihn war alles geklärt, denn in zahllosen Gesprächen schienen die Bedenken ausgeräumt worden zu sein. Mit einem Zeitungsausschnitt war Max vor einer Woche zu ihm gekommen und gab vergnüglich eine kleine Erzählung zum Besten, in der es sich um das Schachspiel drehte und die Regel, dass der Unterlegene einer Partie sich das Leben nehmen müsse. Damit aber nicht genug, denn die Figuren, die während des Spiels geschlagen wurden, waren leibhaftige Personen, die beide Spieler den entsprechenden geschlagenen Figuren zuordneten und sie dann töten mussten. Die somit anfallenden Morde erforderten Planung und Ausführung, verbunden mit dem gewissen Zeitaufwand. Hinzu kam das Bestreben, nicht der Verlierer zu sein. Das zog die Dauer einer Partie über Jahre hin und die Morde, scheinbar ohne jedes Motiv, wurden von der Kriminalpolizei nicht aufgeklärt. Die beiden Freunde spielten nach reichlichem Weingenuss die Version durch, töteten in Gedanken und kamen zu dem Schluss, die geniale Idee müsse in die Praxis umgesetzt werden. Mit diesem königlichen Spiel übten sie Rache an denen, die ihnen das Leben versauerten und meinten, sie seien die alten Schwachköpfe, denen man im täglichen Umgang mit aller Respektlosigkeit begegnen könnte, nur weil sie alt und in deren Augen somit auch senil waren. Und im Wissen auf baldiges Ableben und dem Gefühl, altersschwach vor dem eigenen Matt zu stehen, wollten sie ihr Spiel spielen in Anlehnung an die Geschichte, die der gescheite Schreiberling erdachte. Keinem von beiden war es jemals vergönnt, an den Hebeln der Macht sitzend, die Geschicke Einzelner zu beherrschen und zu lenken. Zu verlieren hatten sie nichts und sie konnten sich eines verlockenden Reizes nicht erwehren, Herren über Leben und Tod zu sein, auch wenn sich das Gewissen regte vor der unerhörten Absicht. Walter sah den zögerlichen Max an und fürchtete nun um seinen Spaß. “Max, wir waren uns einig!”, erinnerte er und redete eindringlich auf ihn ein in stetig ansteigenderem Wortschwall. Er faselte von Lug und Trug, schimpfte über eine verruchte Welt ohne Zucht und Ordnung, hielt Max die ewigen Verlierer vor Augen, zu denen sie zählten und stellte das baldige Ableben in Aussicht. Dabei war er aufgesprungen und ruderte mit den Armen, rang nach Luft, taumelte und sank wieder zurück in den Sessel. Max sah, wie Walter zu ersticken drohte und fürchtete um das Leben des Freundes. Er eilte zur Anrichte und griff die kleine Sprühflasche, war in wenigen Schritten bei Walter, sprühte mehrere Hübe in seinen Rachen, riss die oberen Hemdknöpfe auf und fächelte ihm geistesgegenwärtig mit einer herumliegenden Tageszeitung kühlen Wind zu.
“Geht es wieder?”, fragte er besorgt und ein wenig hilflos. Max legte behutsam den Arm um ihn und richtete ihn im Sessel auf. “Geht schon wieder”, wehrte Walter unwirsch die Fürsorge ab. Er atmete ruhiger und schien seine alte Kraft wieder zu erlangen, nur die bläuliche Hautfärbung sah beängstigend aus. Walter mühte sich um Fassung, sog die Luft ein und blies sie langsam durch die halb geöffneten Lippen aus. Die geschwächte Lage des Freundes nutzend, wagte Max einen Versuch, ihn in ihren gemeinsamen Plänen umzustimmen und versprach sich Einsicht von Walter, denn beiden war im bisherigen Leben eine Radikalität gewisser Weltanschauungen, die zur Durchsetzung der Ziele auch legal die Jagd auf Menschenleben in das Programm schrieben, abgrundtief zuwider. Was sie vorhatten, war im Prinzip sinnloses Morden und nichts anderes. “Sieh dich jetzt einmal hier im Sessel an!”, sprach er ruhig. “Meinst du, wir Greise sind überhaupt in der Lage, jemanden in den Tod zu befördern? Der eigene winkt doch schon und klopft förmlich bei uns an!” Doch Walter kniff die Augen zusammen und fauchte: “Das schaffen wir noch, verlass dich drauf!” Jedes Wort bereitete ihm Luftnot und er gab eine lächerliche Figur ab, wenn Max daran dachte, was sie planten. In der Hoffnung, Walter doch zu einem Umlenken bewegen zu können, hakte er nach: “Aber Walter, ich meine doch nur, wir probieren das Handwerk vorerst mit dem blöden Viehzeug, das hier herumläuft und werden nicht sofort als mordende Schwerverbrecher in die Analen der Geschichte eingehen. Gewähre uns eine Trainingseinheit oder Probezeit, wie immer wir es auch nennen.” Er spielte auf Zeit der Besinnung und war in den schlaflosen Nächten vor dem heutigen Abend auf diesen Gedanken gekommen, da Walter immer überzeugter seinen Plan verfolgte, der Max Furcht einflößte. Die Hartnäckigkeit, die er sogar besitzt, auch wenn ihm in seinem Sessel die begrenzte Handlungsfähigkeit akut aufgezeigt wird, war erschreckend. Max blieb hartnäckig und gab nicht auf, auch wenn es dem Pusten gegen die Windmühlen glich, was er hier unternahm. “Jeder geschlagene Bauer bedeutet ein Haustier aus der Nachbarschaft”, erklärte er Walter, der darüber nachzudenken schien. Gewöhnlich fällt im Schachspiel manch ein Bauer, ehe es die Offiziere trifft und das bedeutete Zeitgewinn, in dem Max darauf setzte, Walter möge den Plan verwerfen, nach Menschenleben zu trachten. Er bereute jetzt schon den Abend, an dem er die hervorragende Erzählung aus der Zeitung zum Besten gab. Nach einer kleinen Pause ließ Walter vernehmen: “Das klingt nicht schlecht und es ist vielleicht besser, wenn wir uns im Vorspiel an den Bestien aus der Nachbarschaft üben, ehe wir uns steigern. Max, die Idee ist gut.” “Ich will nicht kapitulieren, versteh mich Walter”, versuchte Max sich rechtfertigend zu erklären und lenkte ein: “Ich bin doch auch ein alter Soldat und stehe zu meinem Wort, nur habe ich nicht einmal im Feld einen Menschen getötet und ich muss gestehen, davor habe ich Abscheu. Von der Sache her bleiben wir aber dabei, versprochen!” Die leicht zittrige Hand Walters ergriff das Glas und er verkündete: “Also abgemacht, der geschlagene Bauer ist ein ins Jenseits zu beförderndes Tier.” Er nickte Max zu und schlug zustimmend in seine Hand ein. Max war es recht und er fühlte Erleichterung, Zeit gewonnen zu haben, in der er vielleicht die Spielregel weitreichender und auf eine abgemilderte Form ändern konnte. “Es gibt kein zurück nach dem ersten Zug! Figurenwahl!”, startete Walter. Seine Lebensgeister kehrten wieder und Max kam ihm zuvor, griff sich einen schwarzen und einen weißen Bauern, würfelte sie hinter seinem Rücken in den Händen und streckte dann beide Fäuste über den Tisch. “Rechts oder links?” “Rechts immer, links nie”, tönte Walter in Überzeugung und tippte auf die rechte Faust, die den weißen Bauern preisgab. Er schnappte ihn forsch, drehte vergnügt das Brett mit den weißen Figurenreihen zu sich und rieb sich die Hände. “Weiß beginnt, schwarz gewinnt”, sang er dabei ganz fröhlich, von Luftnot keine Spur und eröffnete das Spiel mit dem Bauernzug d4. “Du weißt, was es bedeutet, wenn schwarz gewinnt?”, wies Max auf den Umstand hin, dass damit das ewige Paradies für ihn erreicht wäre. Ohne auch nur einen Lidschlag in Überlegung zu verharren, antwortete Walter über jeden Zweifel erhaben: “Klar doch, ich beende mit einer Niederlage mein Leben. Ich hänge nicht daran, wenn du das meinst!” “Vielleicht hänge ich an deinem Leben?!” Halb klang es fragend, halb beteuerte Max, wie wichtig ihm Walter ist. Die Blicke begegneten sich mit einem Lächeln. Max war jetzt alles egal und den Gedanken, recht lange mit den Bauern zu agieren, verwarf er und besiegelte den Pakt, das Leben gegeneinander einzusetzen mit seinem Springer, den er auf f6 führte, denn schlussendlich glaubte er nicht an die einhundertprozentige Einhaltung der Konsequenzen des Spielendes. Die Tragweite war noch nicht zu überblicken. Walter antwortete mit einem weiteren Bauernzug und besetzte das Feld c4, worauf Max sich zurücklehnte und ein Schlückchen aus dem Glas nahm. Wenn er forsch mit seinem Bauern auf c5 rutschte, dann bestand für Walter die Möglichkeit, ihm diesen Bauern zu nehmen. Der Abend wäre beendet und er dazu verurteilt, zur ersten Tat zu schreiten. Wie, um sich zu ermutigen, leerte er sein Glas Rotwein mit einem kräftigen Schluck. Mindestens eine Woche wollten sie nach einer geschlagenen Figur die Partie unterbrechen, damit der Betroffene sich in ausreichender Zeit mit Haustierschlachtung befassen könnte. Aber ihm war nicht danach, den gerade begonnenen Abend zu beenden und der Zug wäre auch unsinnig, deshalb setzte er seinen Bauern auf g6 und beobachtete Walter abschätzend, nahm die Flasche Wein und schenkte sich nach. Walter schien an alles zu denken, nur nicht an seinen nächsten Schritt, denn er zeigte überhaupt keine Reaktion auf den Zug. “Nicht schlafen, denn du bist dran”, erinnerte Max und holte Walter aus seiner Abwesenheit an den Spieltisch zurück. “Nur keine Eile, in der kleinen Geschichte aus der Zeitung benötigten die Spieler Jahre für eine Partie.” “Aber nur, um einem zu begehenden Mord auszuweichen, zögerten sie endlos vor jedem Zug”, lachte Max. “Du willst wohl jetzt einen Rückzieher machen?” “Ich habe nur geträumt vom Schachspiel um ein Königreich oder das Spiel mit einem Gegner, um das Herz einer Prinzessin zu erobern. Als Kind phantasierte ich beim Spielen von solchen Märchen - doch zurück zum Heute!” Walter sah auf das Brett und spielte eine schulbuchmäßige Königsindische Eröffnung mit dem Bauern, den er auf g3 rückte. Max spielte die Eröffnung mit und schickte seinen Läufer auf g7. Weißer Läufer auf g2 war Walters Antwort und Max vollzog die kleine Rochade.
“Zigarre?”, unterbrach Walter und reichte Max die Zigarrenkiste zu, ohne auf seine Zustimmung zu warten. Dankend nahm Max an. Nach vier Zügen ohne gravierende Kampfhandlungen, schlängelten sich lange Rauchschwaden über das Schlachtfeld, als sei das prasselnde Donnerfeuer der Kanoniere beendet und eine Waffenruhe vereinbart. “Weißer Springer auf c3”, kommandierte Walter seinen Gaul wie ein echter Feldherr, worauf Max den Bauern auf d6 trieb. Beide pafften ihre Zigarre und schickten die dicken Qualmwolken in Richtung der Formationen auf dem Schachbrett. Für Augenblicke tauchten die Figuren in den dichten Nebel, der sich über sie legte. Max erhob sich und schlurfte in seinen Filzpantoffeln, die Walter ihm eigens kaufte, weil er die Gewohnheit besaß, beim Betreten der Wohnung nicht die Schuhe auszuziehen, zum Fenster. Humphrey unterbrach auf Befehl sein Schnarchen und hob den Kopf. “Ist gut, schlaf weiter”, brummelte Walter ihm zu. Max öffnete das Fenster einen spaltbreit und streckte seinen Kopf hinaus. Auf dem Rückweg stoppte er am Plattenspieler und versuchte, mit leicht unsicherer Hand die Nadel in die filigrane Rille der Schallplatte zu bekommen, die noch vom gestrigen Abend auflag. “Keine Musik”, ließ Walter energisch vernehmen. “Ich vertrage jetzt keinen Mahler oder Satie und gebe sofort auf, wenn du nicht hörst.” Max befolgte grinsend die Anweisung und begab sich zu seinem Sessel. Vor Walter blieb er stehen, schnippte an seinen Hosenträgern und musterte in erhabener Siegerpose die Stellung. “Du gibst nicht auf, wenn ich Musik auflege, denn das ist eine klare Niederlage und somit dein Tod!” “Halt!”, brauste Walter auf. “Über diesen Fall haben wir nicht geredet!” Ächzend nahm Max Platz und holte tief Luft. Streng blickte er Walter an. “Wo hast du nur das Spielen gelernt? Über ein Aufgeben muss man als Schachspieler nicht reden, denn aufgeben heißt immer glatte Niederlage und bedeutet Sieg für den Gegner“, maßregelte er ihn und beteuerte, “das ist doch eine ganz klare Regel, die man jedem Anfänger beibringt und deshalb setze ich das voraus.“ Walter erhob keinen Einwand und Max fuhr fort: “Plane für diesen Fall dein Ableben! Wir müssen dann auch gar nicht weiterspielen vor einer anstehenden Mordtat an einem Menschen, denn es besteht die Möglichkeit aufzugeben, wenn man nicht töten will und kann oder aus anderen Gründen keine Lust mehr verspürt. Nur muss der Aufgebende Hand an sich legen. Eine Einigung auf ein Remis darf erfolgen, wenn wir beide zu sehr am Leben hängen.” “Oder keiner von uns den anderen verlieren möchte!”, ergänzte Walter und war mit den detaillierten Ausführungen zu den Spielregeln einverstanden. Sie lachten beide einvernehmlich, pafften und nippten an den Gläsern. “Springer auf f3!”, dirigierte Walter und Max schickte auch seinen zweiten Springer von der Grundlinie in das Feld auf d7. Rochade weiß und schwarzer Bauer auf e5 folgten, die Gelegenheit für Walter, diesen ersten Bauern zu nehmen. Er zögerte ganz kurz, schlug den Bauern nicht und waltete mit großherziger Gnade über seinen Feind. “Dachtest wohl, ich würde ihn nehmen?”, erkundigte er sich verschmitzt, als hätte er Max Gedanken erraten. “Diesen kleinen Triumph möchte ich nicht genießen, dich verdammt zu wissen, in den nächsten Tagen einen Hamster würgen zu müssen. Das Heer braucht eine ordentliche Stellung und kein Soldat wird sinnlos getötet. Strategie ist wichtiger mein Lieber, den ersten Schlag überlasse ich dir.” Er zog seinen Bauern auf e4 und lehnte sich zurück. Max winkte ab und reagierte mit Bauernzug c6. Im neunten Zug schickte Walter seinen Bauern auf h3, Max positionierte die Dame auf b6. Mit Bauernzug auf c5 bedrohte Walter die schwarze Dame. Max ließ eine längere Zeit verstreichen. Wortlos vollzog er mit seinem Bauern d6 einen Seitenhieb auf c5 und hielt Walter den weißen Bauern unter die Nase. “Tut mir leid Walter“, entschuldigte er sich, “du musst den ersten Schritt im blutigen Feldzug marschieren. Voran und viel Glück!” Walter nahm es sportlich gelassen und regte an, nicht generell eine Woche verstreichen zu lassen bis zum nächsten Schachzug. Sie sollten variabel bleiben und sich untereinander verständigen, um nach Lust und Laune spontan zu entscheiden, wann sie die Fortsetzung des Spiels aufnehmen. “Wie oft haben wir Königsindische Eröffnung gespielt? Ich hätte dir im Voraus sagen können, wer zur ersten Tat schreitet”, informierte Walter den Freund. “Dafür bist du danach fällig, es sei denn, du erlaubst mir den sofortigen Gegenschlag. Es bringt nämlich nichts, wenn wir uns in einigen Tagen treffen, nur, damit ich mir deinen Bauern schnappe. Dann trennen wir uns für weitere Tage und pausieren das Spiel! Ich sehe es als Blödsinn an. Schlage du auch und wir sitzen im selben Kahn!” Max war einverstanden. Wenigstens war keiner von beiden verdammt, allein auf die Jagd zu gehen. Mit dem Wissen, der Freund beschäftigte sich mit ähnlichem Unsinn, fiel die Tat leichter und sie waren verbunden im Geiste. Walter verdrängte mit seinem Bauern auf Feld d4 den schwarzen Bauern von e5. Max komplettierte den Zug und trat mit seinem bedrohten Springer den Rückzug auf e8 an. Elf Züge waren gespielt und beide beklagten einen Bauernverlust. Auch ging die Flasche Wein zur Neige und Humphrey musste vor der Nachtruhe noch ausgeführt werden. Es galt jetzt für beide, die vereinbarten Spielregeln einzuhalten. Fröstelnd, mit hochgezogenen Schultern, überquerten sie die Straße vor dem Haus und spazierten durch die gegenüberliegende Parkanlage. Sie blieben sprachlos, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt und in die Nacht lauschend, bis sich die Wege trennten. Mit einem Schulterklopfen verabschiedeten sie sich voneinander und wünschten sich eine erholsame Nachtruhe. Walter blickte Max hinterher, bis er im kühlen Herbstnebel verschwand und wartete auf Humphrey.
Walter konnte nicht einschlafen und lag die halbe Nacht wach in seinem Bett. Er wusste sofort, wen er zu erlegen hatte, nur war er sich über den genauen Ablauf der Tat nicht schlüssig. Jeden Morgen ärgerte er sich über den ekelhaften Pekinesen der dicken Matschnik, die über ihm wohnte und der Hund war es, an den er sofort dachte, nachdem sein erster Bauer fiel. Sie, zu fett und zu faul den Hund zu begleiten, schickte diese erbärmliche Kreatur pünktlich um sechs Uhr durch das Treppenhaus in den Hinterhof, damit er sein Morgengeschäft erledigte. Jeden Sprung auf den Holzstufen nahm Walter wahr, wenn das Tier kläffend den Treppenaufgang hinunter tippelte und die Krallen über das Holz ratschten. Mitunter kam es vor, dass Walter die Notdurft des Köters auf seiner Fußmatte fand und noch drauflatschte, wenn die Matschnik es am Abend vergaß, die Hinterhoftür zu öffnen, damit früh freie Fahrt für ihren freien Vierbeiner gegeben war. Widerlich waren Walter die Frau und ihr Hund und seine Planung zielte nur auf dieses Tier. Gerädert von wirren Träumen, die ihn im Schlaf heimsuchten, wurde er am nächsten Tag auch pünktlich um sechs Uhr geweckt, als das Kläffen im Hausflur ertönte und anschwellend bis vor seine Haustür immer lauter wurde, um dann wieder abzuklingen mit jeder Treppenstufe abwärts. Mit der Motivation, diesem Zustand ein Ende zu bereiten, quälte er sich müde aus dem Bett und verrichtete in Gedanken versunken seine Morgentoilette. Als er dann in der Küche am Tisch saß und in seiner Kaffeetasse rührte, hatte der Plan feste Konturen angenommen. “Humphrey, Morgenrunde”, rief er seinen Hund und verspürte genug Energie in seinen matten Gliedern. Freudig kam der Hund gesprungen und tänzelte um Walter herum, der es kaum schaffte, ihm das Halsband anzulegen. Im Treppenflur begegnete er Fräulein Schuster, die Wert auf diese Anrede legte, obwohl sie bereits sieben Jahrzehnte zählte. In Walters Augen war sie die einzige ehrenwerte Person, die das Haus bewohnte. Er schätzte sie als eine intelligente und soziale Frau, die sich in verschiedenen caritativen Einrichtungen und Verbänden selbstlos betätigte und innerhalb der Kirchengemeinde ehrenamtliche Funktionen bekleidete. Zu ihren Eigenschaften zählte sicher, dass sie sich mit Respekt und aufopferungsvoll gegenüber ihren Mitmenschen benahm, verlässlich und verantwortungsvoll in der Gemeinschaft von Mitbürgern agierte. Kein böses Wort und keinen Tratsch hatte Walter jemals aus ihrem Mund vernommen, einzig teilte sie die Ansicht Walters, was die dicke Matschnik betraf und sie ließ sich in Bezug auf diese Frau verleiten, doch einmal ein Wort mehr zu verlieren, ohne die Grundsätze ihrer bürgerlichen Erziehung und den Anstand zu verlieren. Beide Frauen wohnten Tür an Tür auf der oberen Etage. Nach einem freundlichen Morgengruß stoppte Fräulein Schuster auf gleicher Höhe ihren immer noch sportlich vitalen Schritt und flüsterte ihm hinter vorgehaltener Hand zu: “Schauen sie nur einmal in die Mülltonne!” Sie beugte sich näher an Walters Ohr und lauschte nach oben. “Berge von Eisbeinknochen”, flüsterte sie noch leiser und deutete mit einem Fingerzeig die Treppe hoch. “Ich habe grundsätzlich nichts gegen eine gute Küche”, fuhr sie fort und betonte dabei, dass, wie er bereits wisse, sie katholisch sei und es nicht ihre Art wäre, über Mitbewohner herzuziehen, “doch wenn die gute Frau Matschnik jeden Freitag kiloweise Eisbein für ihren Tiefbauarbeiter kocht, der in der ganzen Woche auf Montage wahrscheinlich nichts Handfestes zwischen seine Zähne bekommt, dann dreht sich mir der Magen um und ich habe den unwiderstehlichen Drang, einen Beichtstuhl aufzusuchen.” Leidend blickte sie Walter an, der sich innerlich auf ein längeres Gespräch einstellte. Fräulein Schuster erklärte ihm: “Sie wissen, mein Glaube verbietet mir am Freitag das Fleisch. Es war nämlich ein Freitag, an dem man unseren Herrn Jesus Christus an das Kreuz schlug. Warum muss sie ausgerechnet an diesem Tag ihre Eisbeinorgie veranstalten?” Angewidert schüttelte Fräulein Schuster sich. Walter mühte sich um einen verständnisvollen Blick. In Kirchenfragen fiel es ihm aber schwer, Fräulein Schuster ein offenes Ohr zu leihen. “Verstehen Sie mich?” Sie sah Walter fragend an, fuhr aber gleich fort: “Gebeten habe ich sie in aller Höflichkeit, ob sie nicht Fischgerichte oder Eierspeisen auf den Kostplan des Freitags legen kann, Griespudding habe ich ihr auch empfohlen, doch sie lässt sich nicht missionieren, ganz im Gegenteil.” Fräulein Schuster legte eine kleine Pause ein und bekreuzigte sich. Walter sah an ihrem freien Hals über der eng geschlossenen Bluse rötliche Flecken auftauchen, die sich intensiver färbten und bedrohlich höher in die Richtung ihres Gesichtes wanderten, für Walter ein beängstigendes Barometer. “Herzrasen bekomme ich, wenn ich es ihnen erzähle, Herzrasen, wie gestern! Dem Herrn verdanke ich, dass ich heute hier mit ihnen rede und mich nicht unvermutet der Schlag traf!” Sie musste sich mühen, nicht die Fassung zu verlieren, pausierte einen Moment ihren Redefluss und holte tief Atem. Walter legte seine linke Hand auf ihren Arm, um sie zu beruhigen. “Der Herr möge es verzeihen, wenn ich mich ereifere! Sie können es sich einfach nicht vorstellen, was die Ausgeburt der Hölle gestern tat!” Sie hielt inne, um Spannung aufzubauen, rückte noch dichter an Walter heran und ergriff seinen Arm, den er beruhigend zu ihr ausgestreckt hatte. Fasziniert betrachtete Walter aus der Nähe ihre knallroten Flecken auf der faltigen Haut. “Teufelswerk”, betonte sie, “Teufelswerk!” Walter war beeindruckt von Fräulein Schuster, denn in solch einer vertrauten Innigkeit redete sie erstmals zu ihm und diese Leidenschaft, mit der sie sich gehen ließ, vermutete er bisher nicht in ihr. Da ist noch Leben in einer hundertfach faltig geschrumpelten Backpflaume, amüsierte er sich in seinen Gedanken und er kam auf seinen morgendlichen Spaß. “Ich sage ihnen, es ist einfach unvorstellbar, was ich gestern ertragen musste. Die Frau stand gebückt vor meiner Wohnungstür, als ich die Treppe hoch kam und sie war so vertieft in ihre Schandtat, dass sie mich nicht bemerkte. Das Ventil von ihrem Schnellkochtopf hat sie aufgeschraubt und lässt den Gestank von gekochtem Eisbeinfett, gepaart mit reichlich Gewürzkorn und Lorbeer direkt in mein Schlüsselloch abdampfen. Sprachlos war ich und sah in Luzifers Augen, so funkelte sie mich an, als sie ertappt war.” Walter lächelte vor sich hin bei der Vorstellung einer gebückten Matschnik vor dem Schlüsselloch und wie zwei nackte dicke Arme mit den Wurstfingern am Kochtopf hantierten. An den voluminösen Gebilden erkannte man nicht die Konturen von Ellenbogen und Handgelenk, weil ein Mantel aus gleichmäßiger Fettschicht alles umgab. Der Blick von hinten ermöglichte freie Sicht auf langes Achselhaar, an denen übelriechende Schweißtropfen perlten und eingeengt in die Kittelschürze, quollen die Fettfalten über den ärmellosen Saum, während die ebenfalls nackten umfangreichen Oberschenkel so zusammengepresst waren, dass beim Bücken die chronisch aufgescheuerten, geröteten Innenseiten sichtbar wurden. Es passte in sein Bild von der dicken Matschnik, deren cerebrale Beleuchtung er auf drei Watt taxierte, mehr nicht. “Fräulein Schuster, die Frau verkörpert niederen Charakter”, nickte er zustimmend und verständnisvoll. „Es schadet nur ihnen, wenn sie sich darüber ereifern“, versuchte er sie zu beruhigen. “Aber das Unverschämteste kommt doch noch”, fuhr sie erregt und fast atemlos fort, “denn kein Blick von Scham oder Reue zeigte sie, sondern setzte noch eine Frechheit drauf und fragt mich, ob ich die Nacht mit meinem Beichtvater verbracht habe, weil ich nicht daheim war.” In gespielter Fassungslosigkeit schüttelte Walter den Kopf und gab sich Mühe, nichts von seiner Belustigung erkennen zu geben, da er sich vorstellte, dass das in Jahrzehnten keusch und züchtig lebende alte Fräulein, wohlerzogen und in würdevoller Steifheit einherschreitend, nachts wilde Orgien mit ihrem ausgehungerten Geistlichen trieb. Er täuschte Eile vor, um nicht von Lachen geschüttelt zu werden, verwies auf Humphrey, der die Notdurft verrichten müsse und verabschiedete sich mit eilig formulierten tröstlichen Beistandsworten. Vor der Haustür prustete ein Lacher aus ihm heraus und er eilte über die Straße, um nicht noch einmal Fräulein Schuster begegnen zu müssen, die er schon hinter sich im Hausflur kommen hörte. Schnurstracks, direkt geradeaus durch den Park hindurch, visierte Walter einen Fleischerladen an, was er sonst nicht tat, denn die billigen Supermärkte kamen seiner spärlichen Rente entgegen und der Haushaltsetat war begrenzt. Einen erlesenen Köder für das verfettete Schoßhündchen wollte er holen, denn das Aas war sicher verwöhnt und ließ sich mit gefärbtem, verwässerten Gammelfleisch aus Billigangeboten nicht locken. Schade um jeden Groschen, dachte Walter sich und bedauerte schon jetzt den Braten, der seinem Opfer und nicht ihm galt. Aber wenn seine Geldbörse auch keine großen Sprünge erlaubte, dann wollte er heute richtig sündigen und er plante saftige, großzügige fünfhundert Gramm Filet für das Gelingen der Tat ein, die er zum Anfüttern portionierte und in mehreren Etappen einsetzen wollte. Weitere fünfhundert Gramm rechnete er für sich und Max ein, denn die Vollzugsmeldungen zweier Verbrechen an der Tierwelt waren ein Anlass, entweder ein Requiem abzuhalten oder sich an einem gemeinsamen spielfreien Abend zum Weingenuss auch gebührend zu beköstigen. Max dürfe sich durchaus an der Rechnung beteiligen. Der Fleischermeister, der Walter aus früheren wohl situierten Tagen kannte, in denen Walter zur Stammkundschaft zählte, war erfreut, ihn zu sehen. Er erkundigte sich nach dem Befinden, doch Walter blieb wortkarg und wusste, diese Freundlichkeit entsprang nur seiner Geschäftstüchtigkeit und der gierig erhofften Teilhabe an Walters Geldbeutel. Nachdem er seinen Kauf getätigt hatte, verwies der Fleischer Walter mit blöden Scherzen noch auf den Blumenladen und die Weinhandlung, deren Besuch zu einem Braten bei Kerzenlicht unerlässlich wäre, wenn man das anvisierte Ziel erreichen möchte. Dabei grinste er doppeldeutig und wippte seinen strammen, fettschwabbeligen Kopf, der keine Hautfurche aufwies und der dem Schweinskopf in der Auslage glich, auch was die Farbe betraf, und der wahrscheinlich deutlich mehr Sülze ergäbe als dieser. Eine reine Delikatesse für einen Kannibalenstamm, dachte sich Walter und schätzte ab, wie groß der Kessel wäre, in dem man von seinen Fettbergen Griebenschmalz zubereiten könnte. Er schüttelte sich innerlich vor Ekel und nahm sich vor, wenn Max ihm einen Offizier auf dem Schachbrett schlug, dann werde er den fettglänzenden, schweinchenäugigen Typen in seiner eigenen Wurstmaschine entsorgen, ohne ihn vorher mit dem Bolzenschussgerät zu betäuben. Zügig eilte er heim. Skrupellos zur Tat bereit, legte Walter zu seinem gewohnten Tagesablauf, der in der Regel aus Nichtigkeiten wie Zeitungsblättern, Aufräumen, Aufwärmen eines Fertiggerichtes, Hunderunde und Einkauf, Mittagsschlaf und Kaffeestündchen bestand, heute eine längere Betrachtung vor dem Spiegel ein. Er suchte in verschiedenen Posen die passende Mimik und übte die beste Maskerade, bis er einen eiskalten und hart gegerbten Alten im Spiegel sah, der nur Ähnlichkeit mit ihm aufwies. Das wird eine leichte Übung, sozusagen ein Kinderspiel, dachte Walter sich in Vorfreude und lobte zufrieden sein grimmiges Konterfei im Spiegel. Am Abend rückte der Zeiger langsam auf die Stunde, zu der das Röllchen die Treppe in den Hinterhof hinunter rannte, um die drängenden und drückenden Fäkalien loszuwerden. War nur die Frage, ob es in Begleitung der dicken Matschnik geschah. Der seltene Fall tritt dann ein, wenn er ungelegen kommt und den Wünschen hinderlich entgegen läuft. Hoffentlich keine Verschiebung, wünschte sich Walter, nur weil die Kuh heute Bewegungsdrang verspürte und ihn begleitete. Walters Filetstreifen war als Aufmerksamkeit für die erste Begegnung mit dem Plüschtier aus Liebe herzförmig zurechtgeschnitten. Ächzend beugte er seine Kniegelenke, die ihm bei derartigen Übungen schmerzten und lauerte auf allen Vieren hinter seiner Tür, die offen angelehnt war. Oben hörte er dann zu aller Freude, wie die Matschnik den Hund auf die Runde schickte, ohne dass sie mitlief. Jetzt musste er nur den Rückweg abpassen. Genug Zeit war vorhanden, da ihn die Matschnik vor Ablauf einer halben Stunde nicht wieder an der Wohnungstür empfing. Und Schätzchen beschäftigte sich in der Regel ungefähr zwanzig Minuten mit seinen Auslaufritualen, ehe er wieder zurückkam. Walter war gespannt, wie der Hund auf den Versuch reagierte, ihm ein Stück seines Leckerbissens zu füttern. Einfacher als gedacht, funktionierte Walters Plan, denn schwanzwedelnd erlag der Köter ohne Probelauf sofort der fleischlichen Verlockung und kam schnuppernd näher, als er ihm den Filetstreifen am ausgestreckten Arm durch die geöffnete Tür hielt. Langsam zirkelte er das Fleisch durch den Türspalt zurück und wie von einem Magneten angezogen lockte die baumelnde Versuchung auch den Hund hinterher. Als der Kopf durch den Spalt lugte, presste Walter die Tür kräftig zu. Riesige hervortretende Kulleraugen glotzten Walter an und er lockerte seinen Druck erst, als kein Röcheln mehr aus der geöffneten Schnauze, aus der eine bläulich verfärbte Zunge hing, zu vernehmen war. Walter gab die Türzwinge frei und das Tier sackte leblos zusammen. Mit drei Fingern und einem angewiderten Gesichtsausdruck griff er in das Fell und zog blitzschnell den leblosen Hundekörper in die Wohnung, drückte im gleichen Atemzug fast geräuschlos die Tür ins Schloss. Walter spürte die erhöhte Schlagfrequenz seines Herzens. Der Hund hatte mit seinem letzten Marathonlauf den Geist aufgegeben und Walter war zufrieden mit sich. Der Kadaver passte nicht in seinen Mülleimer und er schnürte das tote Tier in eine Plastiktüte ein, die er unter seiner Küchenspüle deponierte. Zuvor trennte Walter die Hundemarke ab, die an einem Ring am Halsband befestigt war. Er brauchte sie gewissermaßen als Jagdtrophäe, mit der er Max den Beweis seiner Tat liefern wollte. Auf das Abschneiden der Kopflocke, die mit einem roten Schleifchen verziert war, verzichtete er. Die Schleife löste er und befestigte daran die Hundemarke “Schätzchen, Schätzchen! Wo ist denn mein kleines Schmusilein?”, hörte er am späten Abend noch die dicke Matschnik rufen, die sich auf ihren krampfadergeplagten Stampfern durch den Park schleppte, in dem sie seit zwanzig Jahren nicht mehr spazierte, da sie alle Hecken des Hinterhofes vergeblich durchkämmte, ohne eine Spur ihres Hündchens zu finden. Ihr Rufen endete in einem Klagelied. Als die Ruhe nachts einkehrte und nirgendwo ein Licht brannte, schlich Walter in den Hinterhof und überantwortete die sterblichen Überreste des Opfers der städtischen Müllabfuhr, erst dann führte er Humphrey in den Park. MISSING! las er auf einem Steckbrief und fragte sich, woher die Matschnik die Englischkenntnisse nahm. Bestimmt stammte ihre Bildung von einer gleichnamigen Serie eines Verblödungssenders. Das aufgeklebte Foto war vergebliche Mühe, denn Walter stellte auf dem Bild keinen Unterschied zu den vielen Vertretern der Hunderasse fest, die hier herumliefen.
Max hingegen verschob seine Tat schon über drei Tage immer auf den nächsten. Täglich meldete sich Walter und wollte ein Treffen anberaumen, was Max unter Zugzwang setzte. Walter hätte seinen Teil erledigt, erfuhr er sofort am nächsten Tag. Detaillierte telefonische Auskunft erhielt er nicht. Max verspürte keinen Antrieb, noch wusste er ein Opfer. Einzig der Tod des Federviehs der Nachbarn wäre ihm eine Genugtuung, da ihm der sehr sangfreudige Sittich weder eine Vormittagsstunde Schlummern im Sessel gönnte, geschweige denn einen geruhsamen Nachmittagsschlaf. Oft hegte er Mordgelüste gegen diesen Vogel und es war tröstlich zu wissen, dass in den kommenden kalten Monaten die Fenster verschlossen blieben und die Ruhephase eintrat. Der Geräuschkulisse nach, musste es sich um ein kapitales Exemplar handeln und Max hasste seitdem die hiesigen exotischen Vögel, deren Haltung der Natur nicht entsprach. Entartete Störenfriede bei entarteten Menschen, die im Frühjahr zum Anwalt rennen und die Stadt auf Abholzen der Bäume vor ihrem Fenster verklagen, weil ihnen von früh um vier Uhr an der Schlaf durch die schreienden Vögel geraubt wird und außerdem durch den Schatten der Bäume kein Sonnenlicht in die Stube gelangt. Untermenschen, lautete Max Urteil, mehr nicht.
Einen Einbruch zu riskieren, um dann möglicherweise ertappt zu werden, verhinderte den Mord und er wusste sich keinen Rat, wie die Tat auf anderem Weg zu bewerkstelligen sei. Bei seinen Überlegungen kam er darauf, eine Tierhandlung zu besuchen und stellvertretend für Nachbars grässlichen Vogel einen Geier zu kaufen, der büßen sollte. Bisher aber plagten ihn die Skrupel, wie er Walter eine glaubhafte Geschichte erzählte, ohne seinen besten Freund zu hintergehen. Da der ihn nun zu sehr drängte, entschloss sich Max, den einfachsten Weg zu wählen, der ihm zwar Kleingeld abnötigte, dafür aber eine sichere Variante bot.
Die Opferwahl gestaltete sich schwierig, denn alle Vögel ordnete Max in die Rubrik Schlachtreife ein, als er die Zoohandlung betrat und von der Palette der gefiederten Sinnesfreuden erschlagen wurde. Deshalb wählte er den stattlichsten Erpel, der seinen Schnabel am weitesten aufriss und klassische Arien trällerte, die ihm zum Verhängnis wurden. Länger als seine Auswahl, dauerten die Ratschläge des Tierhändlers, der ihm einen zweiten Vogel aufschwatzen wollte, einen großen Käfig, Sprechfutter und alles, was die Artikelkollektion für Ziervögel hergab. Endlich verließ er den Laden mit einer durchlöcherten Pappkiste, in der der Vogel saß und zu Max Bedauern keinen Laut mehr von sich gab. In Max rührte sich ein wenig Mitleid und er dachte daran, mit seinem Luftgewehr noch einige Löcher in den Karton zu stanzen, ohne den Inhalt zu entnehmen und sich auf diese Weise vor Gefühlsregungen zu schützen. Das wäre die sauberste Angelegenheit und ergäbe wahrscheinlich eine höhere Trefferquote, als im Freigehege seines Wohnzimmers bei der Jagd auf ein lebendes Ziel. Max beschleunigte seinen Schritt, denn er fürchtete Walter zu begegnen, der ihn auf Abwegen ertappte und ihm Fragen stellte. Über die Ernennung der Opfer wurde zwar nicht gesprochen und somit war sicher alles erlaubt, doch ihn plagte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend und er spürte Erleichterung, endlich mit der Kiste in seiner Stube zu sitzen.
Hinter dem Kleiderschrank stand sein altes Luftgewehr, von Spinnengeweb überzogen. In Erinnerungen eingetaucht, betrachtete er das gute Stück, mit dem die beiden Freunde im eigenen Schrebergarten, abseits der Stadt gelegen, sich vor vielen Jahren gern fröhliche Wettkämpfe um den besten Schützen lieferten. Jetzt war die Flinte verstaubt und Max zweifelte an der Funktionstüchtigkeit des Schießeisens. Er unterzog sie einer gründlichen Reinigung, setzte die Brille auf die Nase und veranstaltete Trockenübungen. Ein Schuss ohne Blei im Lauf war perfekt und pustete die Papierkugel vom Tisch, vor die er den Lauf hielt. Der Luftdruck stimmte und der Ernst durfte beginnen. Im Stand schaffte er es nicht, durch Kimme und Korn einen Punkt auf der Tapete anzuvisieren, sogar mit am Türrahmen abgestützter Hand und auf den Arm aufgelegtem Gewehr, gelang es ihm nicht recht. Er dachte schon daran, dem Vogel einfach den Hals umzudrehen, nur wie sollte er ihn zu fassen bekommen, wenn er den Deckel der Kiste hob und ihm das Tier entfloh? Blieb der Sessel, vor den er einen Stuhl schob, um die Schusswaffe auf der Stuhllehne ruhig in den Griff zu bekommen. Er knickte das Gewehr durch, schob ein Bleigeschoss in den Lauf und stellte es an den Sessel. Als fairer Sportsmann verwarf er die Idee, auf den Karton zu schießen und er befreite den Geier. Angesichts der bevorstehenden Treibjagd empfand er kein Mitgefühl mehr und es regte sich das Jagdfieber, als er das Biest durch die Wohnung kreisen sah. Er nahm im Sessel Platz, entsicherte die Flinte, lehnte sich gemütlich zurück und legte an, da der Vogel auf der Gardinenstange saß und schnabelwetzend schimpfte. Mit einem glatten Treffer putzte er ihn von der Stange.
“Nicht schlecht”, lobte sich Max und staunte über seine Treffsicherheit. Er wickelte den Vogel in Alufolie, schob ihn in seine Jackentasche und kündigte telefonisch den Besuch bei Walter an, nachdem er die Ordnung in der Stube wieder herrichtete. Der perfekte Mord war es nicht, gab er zu. Ein kleiner Blutfleck auf dem Teppich kündete von der Tat und Max rubbelte kräftig und ausdauernd, um die Spur zu beseitigen. Auch das Pflaumfederchen, das in der Gardine hängen blieb, übersah er nicht. Die Flinte schob er ordnungsgemäß hinter den Schrank zurück, erst dann ließ er sich zu einem Nickerchen in seinem bequemen Sessel nieder.
Bevor er die Jacke in den Sessel warf, reichte Max seine Trophäe an Walter und schob Humphrey einen Bissen zu, der ihm gefolgt war, weil Max sich an ihm vorbei in die Wohnung drängte, ohne ihn in üblicher Weise vor der Haustür begrüßt zu haben. “Oh”, staunte Max, als er die Wohnung betrat und die Bratendüfte seinen Gaumen kitzelten. “Du hast doch nicht etwa hübschen Damenbesuch und ich komme ungelegen?” Fängt der auch an wie der Fleischer, dachte Walter und reagierte nicht auf die Frage. Argwöhnisch wickelte er das kleine silberne Päckchen aus. Den Inhalt quittierte er mit einem Lächeln. “Sehr bescheiden”, sagte er, “du hättest die Katze gleich mitliefern sollen, der du die Jagdbeute abgenommen hast, dann kämst du annähernd an meinen Jagderfolg heran! Sieh her!” Überlegen und stolz sah er auf den Freund hinab. Er griff in seine Hosentasche und pendelte triumphierend mit der am roten Schleifenband hängenden Hundemarke vor Max Gesicht. Dabei deutete er mit dem Zeigefinger nach oben. “Schätzchen von der dicken Matschnik.” “Die hast du dem Pfiffi geklaut!”, konterte Max säuerlich. “Besser noch, du hast sie wahrscheinlich im Treppenhaus gefunden!” Ehe die Stimmung kippte, schlug Walter einen versöhnlichen Ton an und lobte den guten Schuss, nicht ohne daran zu erinnern, wer denn die Mehrzahl der Siege während der gemeinsamen Schützenfeste im Garten errang. Max kleiner Missmut verflog und sein Gesicht heiterte sich auf. Sie erzählten sich den Hergang der Taten und ließen sich gut gelaunt die von Walter vorbereiteten Köstlichkeiten munden. Nach dem reichlichen Filetbraten, den der Pekinese übrig ließ, leerten sie eine Flasche Rotwein und ausgelassen griffen sie in die Zigarrenkiste, rochen an der Lunte, bissen das Ende ab und pusteten die Tabakkrümel durch die Lippen auf den Teppich, was Walter gewöhnlich nicht duldete. Walter bereitete dem Treiben ein Ende, da er den Vorschlag aufwarf, die Schachpartie fortzuführen. Er rieb sich die Hände und lud Max an den Tisch, auf dem die Figuren in unveränderter Stellung warteten. Eine leichte Staubdecke bedeckte die Häupter der Regimenter und auch das Feld. Max weigerte sich und beteuerte, den geselligen Abend nicht damit beenden zu wollen, die nächste Mordtat planen zu müssen. Walter versuchte, ihn zu ermuntern und überzeugte ihn, es sei egal, ob heute oder morgen, denn ihre Uhr lief ab mit jedem Tag. Letztendlich bekam Walter immer recht und Max fügte sich etwas unwillig. Sie nahmen ihre Posten ein. Forsch ritt Walter mit seinem Springer auf a4, um die schwarze Dame zu bedrohen. Max floh mit ihr auf a6. Walter führte seinen Läufer in das gegnerische Feld und nahm g5 ein. Max wanderte mit seinem Bauern auf b5, um dem weißen Springer Einhalt zu gebieten und Walter trat den Rückzug auf c3 an. Max postierte seinen Springer von der Grundlinie weg auf c7, wo er ein Paar mit seinem zweiten Springer bildete. Mitten in das schwarze Figurengetümmel hinein, wagte sich Walter mit seinem Läufer auf das Feld e7. Max musste mit dem Ziehen des Turms auf e8 reagieren. Nur einen Schritt, zurück auf d6, führte Walter seinen bedrohten Läufer. Max war wieder gezwungen zu seinem nächsten Zug und musste den Springer auf e6 platzieren, wollte er einen Abtausch von Offizieren verhindern, denn er wusste nicht, wie Walter reagierte, wenn seine Dame den Springer verteidigen würde. Das Geplänkel im Stellungskampf glich einem Ausweichen vor der großen Offensive und dem darauf folgenden schweren Gemetzel. Der Bauernzug a4 für weiß und b4 für schwarz folgte. Max wollte ihn nicht schlagen und rückte ihn auf gleiche Höhe mit dem weißen Bauern, da er einen wiederholten Besuch in der Tierhandlung vermeiden musste und lieber dem weißen Springer den Kampf ansagte. So war Walter gezwungen, den Springer auf e2 zu setzen. Max ließ seine Dame einen Schritt voran auf a5 stolzieren. Walter stoppte den schwarzen Raumgewinn mit dem Springer, der auf d2 Stellung bezog. Max brachte seinen Läufer auf a6 in Position. f4 für weiß und c4 für schwarz, waren die nächsten Bauernzüge, es folgten König auf h2 und Turm von a8 auf d8. Walter führte seine Dame auf c2, Max seinen Springer auf b6. “Pause”, sagte Walter, “ich muss verschnaufen!” Die Spannung fiel von beiden Feldherren, sie lehnten sich zurück und blickten schweigend über ihre Stellungen auf dem Schlachtfeld, die sich in rasantem Tempo auf allen Positionen veränderten. Niemand verzeichnete einen sonderlichen Raumgewinn und die sorgfältige Deckung auf beiden Seiten verhinderte den Vorstoß des Gegners und einen Vorteilsgewinn, doch die Lage spitzte sich dramatisch zu. Ein einziger Figurenabtausch bedeutete sofort blutiges Gemetzel auf dem Schlachthügel und riss riesige Lücken in beide Formationen. Max und Walter wussten, unweigerlich stand dies bevor, da sie schon 22 Züge spielten und in dem rein strategischen Kampf bisher jeder nur den einen Bauernverlust beklagte. Walter beugte sich vor und schob langsam seinen Turm von f1 auf d1. Max reagierte umgehend und ging mit seinem Läufer einen Zug zurück auf f1, um die Diagonale zu gewinnen oder endlich vollendete Tatsache zu schaffen, wenn Walter den Läufer schlug. Er wurde leicht ungeduldig und wippte mit einem Fuß, was Walter nicht aus der Ruhe brachte. Er schlug nicht, gab die Diagonale auch nicht her und zirkelte stattdessen den Springer auf f3. Ein Bauernvorstoß auf c3 war Max schnelle Antwort. Auf einem strategisch wichtigen Feld, mitten im Zentrum des Schlachtfeldes, landete der weiße Springer, der auf e2 ruhte nun auf d4. Max atmete tief durch, packte energisch den weißen Gaul an den Zügeln, verwies ihn des Feldes und lenkte mit Bravour seinen schwarzen Springer auf dieses Feld. “Lange wird das Pferd dort nicht grasen”, sagte er zu Walter. “Machen wir es wie in der vergangenen Woche und du nimmst ihn sofort?!” Walter tat wie ihm empfohlen, nicht ohne zuvor einen Schluck aus dem Weinglas zu nehmen. Danach setzte er seinen verbliebenen weißen Springer auf d4, wissend, was nun auf beide zukäme. “So sitzen wir in einem Boot”, meinte er und zwinkerte mit gespielter Lockerheit seinem Freund zu. Max murmelte mit eingesunkenen Schultern: “Das ist der Anfang der Kettenreaktion, an deren Ende unser letzter Stoßseufzer steht. Wollen wir das wirklich durchziehen?” Er starrte auf das Schachbrett. “Nur keine Schwäche zeigen”, lautete Walters nicht mehr ganz überzeugende Ermutigung, die eher einer stumpfen Durchhalteparole glich. In der selben Ausgangssituation, wie vor einigen Tagen, trennten sich die beiden Spieler an der Wohnungstür. Auf die gemeinsame Hunderunde verzichtete Max heute und zynisch bemerkte er auf dem Treppenabsatz, es gäbe reichlich zu tun und Walter solle sich anständig ausruhen und oben bleiben, er werde Humphrey mitnehmen und wieder hochschicken. Walter sah es gelassener und grämte sich nicht, denn mit dem Wein überkam ihn eine Leichtigkeit der Gedanken, in denen der fettige Fleischer einen Platz einnahm. Das Angebot von Max nahm er nicht an und locker beschwingt hüpfte er die Treppenstufen hinunter bis vor die Haustür, lächelte Max an und klopfte ihm zum Abschied freundschaftlich auf die Schulter. Der reagierte nicht darauf. Nur Humphrey folgte Max über die in den Park und als er Walter vermisste, war er mit einer Kehrtwendung verschwunden und rannte in Richtung der Haustür zurück, wo Walter auf ihn wartete. Max drehte sich nicht um. Die Kühle der Nachtluft und seine eigenen Gedanken ließen ihn schauern. Vorbei das lauschige Abtasten und der Schmusekurs. Auf was ließ er sich nur ein mit dieser Schnapsidee und was veranlasste die beiden dazu, das sorglose Dasein einzutauschen gegen übelste kriminelle Vorhaben. Max trottete müde heim und sah einen gespenstischen Himmel, der sich erhellte und plötzlich verdunkelte, wenn sich eine hastig vorbeieilende Wolke vor den nicht ganz runden Mond schob. Der Himmel ähnelte seiner Gemütslage und die Müdigkeit verflog mit den ziehenden Wolken. Er fürchtete sich vor den Schatten ringsumher, auch vor seinem eigenen, den das helle Mondlicht warf und er beschleunigte die Schritte. Er wusste, an Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken.
Es war Zufall, dass in der Presse gleichzeitig an einem Tag zwei Nachrichten zu lesen waren, die auf die Spur von Max und Walter führten. Da diese Meldungen aber der Alltäglichkeit zugeordnet werden müssen und sich unter verschiedenen Rubriken befanden, stießen sie auf wenig Aufmerksamkeit und keine Verbindung zwischen den Vorfällen war erkennbar. Auch lohnte es nicht, ohne den Verdacht einer Straftat, den dummen Reporter eines Klatschblattes auf diese Fälle anzusetzen, um eine Schlagzeile daraus zu gewinnen und sie zu einem Reißer zu formulieren. Die Meldungen waren keine zusätzliche Zeile wert und dienten lediglich der knappen Information. Unter der Rubrik ‘Was sonst noch passierte’, konnte der Leser des Stadtanzeigers den Hergang des Sachverhalts erfahren.
Ein tragischer Verkehrsunfall ereignete sich am gestrigen Vormittag an der Luisenstraße, als eine offenbar geistig verwirrte, 72jährige Frau die rote Ampel beim Überqueren der Straße missachtete. Sie wurde von einem Auto erfasst und erlag noch am Unfallort ihren schweren Verletzungen. Jede Hilfeleistung hinzueilender Passanten kam zu spät.
Die zweite Nachricht fand sich in den Todesanzeigen. Dort hieß es:
Wir trauern um unseren Mitbewohner Benno Weinreich, der am 13. Oktober 2000 im Alter von 69 Jahren aus dem Leben schied. Die Trauerfeier mit anschließender Beisetzung findet in aller Stille auf dem städtischen Friedhof statt. Im Gedenken an einen wertvollen Menschen, verbleiben alle Mitarbeiter und Mitbewohner des Seniorenheims Sankt Michael auf der Friedrichshöhe in herzlicher Anteilnahme.
Die verunfallte Frau musste Walter wohl oder übel auf seine Kappe nehmen, obwohl er nicht Hand an sie legte. Es handelte sich um die flotte Marlene, die nur drei Häuser von Walter entfernt ihr gemietetes Domizil besaß und jedem in der Straße bekannt war. In ihrer Glanzzeit zeichnete sie sich durch eine gewisse Freizügigkeit und Weitherzigkeit gegenüber dem männlichen Geschlecht aus und es gab unter den Männern im Kiez kaum jemanden, der nicht ihr Muttermal auf der linken Gesäßhälfte kannte. Keinen Beruf übte sie aus und zu allen Tages- und Nachtzeiten traf man Marlene in der Umgebung, immer auf der Suche nach einem Verdienst für ihren Lebensunterhalt. Getreu dem Motto, Morgenstund hat Gold im Muttermund, begann sie ihr Tagwerk zum Leidwesen aller Hausfrauen sehr frühzeitig. Wenn sie mit dem Kind an der einen Hand und der Einkaufstasche an der anderen Marlene passierten, ernteten sie von ihr ein allwissendes Grinsen und den vielsagenden Blick eines fachlichen Dienstanbieters für die untreuen Ehegatten. Aufreizend gekleidet, aufdringlich geschminkt und lockend mit ihren weiblichen Vorzügen, vorn wie hinten, zähmte sie jeden Stier und erleichterte die Haushaltskassen der ganzen Umgebung, während die Frauen auf dem Einkaufszettel rechneten. Auffällig war nur, dass sie in der Gegend verweilte und ihren Aktionsradius nicht ausdehnte, was für ein lukratives Geschäft mit reichem Gewinn sprach. Als sie ihren Zenit überschritt, lüftete sie ihre schlüpfrigen Geheimnisse und begnügte sich dann damit, all ihre Liebeserfahrungen preiszugeben, ausgeschmückt mit den wildesten Phantasien, wenn man ihr nur einen Schnaps an der Wurstbude oder eine Zigarette im Tabakladen spendierte. Verschont von intimen Details blieben nur die, die ihr gelegentlich spendierten oder ihr ein Kompliment zukommen ließen, alle anderen waren ihrem Schandmaul ausgeliefert. Zu den spendabelsten Zuhörern zählten aber die Frauen, da sie auf diese Weise ihre angetrauten Männer besser verstehen lernten und von ihren Vorlieben erfuhren, wenn Marlene nicht mit Tatsachenberichten geizte und spezielle Tipps fürs Ehebett empfahl. Manch eine Ehe ging in der Folge einer Eheberatung bei Marlene kaputt, wenn von Frau zu Frau die tieferen Details beleuchtet wurden. Max und Walter nahmen Marlene nie in Anspruch und distanzierten sich von ihr. Deshalb handelte es sich bei ihnen laut ihren Geschichten um ein schwules Paar, das auf kleine Jungen stand und Zigarren nur kaufte, um damit Perversitäten zu veranstalten. Der Geschäftsinhaber des Tabakladens berichtete Walter vor Jahren über den Tratsch und seit er Marlene daraufhin anbot, einen Hausbesuch mit der dicksten Zigarre bei ihr einzurichten, wechselte sie die Straßenseite, wenn sie einen von beiden sah.
Als nun an besagtem Vormittag Walter an der Luisenstraße vor der Ampel stand, erblickte er im Augenwinkel Marlene, die auf gleiche Höhe aufschloss, ohne ihn erkannt zu haben. Neben ihm stand sie und wartete auf grünes Licht, da raunte Walter ihr in unverblümter Lüsternheit zu: “Ich stehe auf hässliches und welkes Dörrfleisch! Komm Marlenchen, lutsche meine Zigarre und lass dich von mir vernaschen!” Er brummte und röhrte, leckte sich das Maul, als sie ihn mit irrem Blick erschreckt ansah. Stocksteif erstarrte ihre hagere Gestalt, dann rannte sie sofort los und Walter vernahm nur ein Quietschen der Autoreifen, einen dumpfen Aufprall, der ihn erschauern ließ und er sah sie durch die Luft fliegen und wieder aufklatschen. Einen Augenblick versagten ihm die Beine den Dienst, doch er fing sich schnell. Er war auch nicht erschüttert vom Anblick, der sich bot. Aus dem bleichen Gesicht starrten leere Augen in den Himmel, ein schmaler Blutstreifen rann aus dem Mundwinkel und eine Lache breitete sich unter ihrem Kopf rasch auf dem Pflaster aus. Jede Hilfeleistung von Umstehenden erübrigte sich. Aus seiner Sicht schilderte er den Unfallhergang, als die Polizei anrückte und eine Zeugenbefragung unternahm, danach verließ er den Tatort, an dem sich eine dicke Menschentraube bildete. Daheim genehmigte sich Walter einen Bitterlikör aus einem besonders großen Glas und war erleichtert, seinen Teil der Spielregeln erfüllt zu haben.
Wenn Max jemals Tötungsgedanken hegte, dann nur gegen Benno Weinreich. Ihm verdankte er seine schrecklichste und über Jahre anhaltende Lebenskrise, da er es war, der ihm seine geliebte Frau Klara nahm. Jahrelang führte er Zwiegespräche mit Klara, immer dann, wenn sein Gemütszustand eine besonders tiefe Talsohle durchschritt.
Den Lebensabend wollten sie gemeinsam genießen und malten sich die schönsten Bilder des Landlebens aus. Sie träumten von einem gemütlichen Heim, von Garten, Wald und Wiese herum, vom Ruderboot am kleinen See und einem Sternenhimmel, wie man ihn in der Stadt nicht sieht. Darauf arbeiteten sie hin in ihrem Trödelladen und freuten sich auf den Zeitpunkt, nicht mehr angewiesen zu sein auf den Verkauf gebrauchter Waren. Obwohl das Geschäft nicht sehr gut lief, reichte es immer noch für ihre bescheidenen Ansprüche, die beide an das Leben stellten und ein gutes Gehalt für Walter, der bei ihnen angestellt war. Ein kleiner Spargroschen blieb an jedem Monatsende übrig, den sie auf die Seite legten. Während Klara mit Hingabe und Übersicht das Ladengeschäft führte, tourten Max und Walter über das Land und tätigten den Aufkauf und Transport von Nachlässen und Haushaltsauflösungen. Walter gehörte zur Familie und auch nach Feierabend verbrachte er die Zeit mit ihnen, wenn sie bei Käse und Rotwein Waren sortierten und begutachteten, Preise festlegten, Kasse machten und den Laden mit Ware füllten. Alle Dinge des Alltags beredeten sie gemeinsam und Max hätte eher damit gerechnet, dass Walter eines Tages die Ursache des Scheiterns zwischen ihm und Klara werden könnte. Doch der Rotwein aus der Weinhandlung Benno Weinreichs wurde das Verhängnis. Schräg gegenüber, nur wenige Meter über den Marktplatz, besaß er seine sogenannte ‘Weinhandlung und Spirituosengeschäft - Benno Weinreichs Destille‘. Oft holten sie sich dort ihren Rotwein und irgendwann war es nur Klara, die über den Marktplatz huschte und länger fortblieb als gewohnt. Spätestens mit den Besuchen Weinreichs in ihrem Geschäft, hätte Max stutzig werden müssen, denn wie sollte nach Jahren ein Weinreich plötzlich Interesse für alte Bücher und Trödel hegen, was vorher nicht der Fall war? Und er verwickelte Klara zunehmend in Gespräche, ohne auch nur eine Buchseite umzublättern oder nach Trödel zu schauen. Klara wurde bester Kunde bei Weinreich und ein beträchtlicher Teil der Tageseinnahmen floss in seine Kasse, nicht, weil der Weinkonsum von ihnen stetig stieg, sondern weil sie die teureren Flaschen auswählte. Max ängstigte sich, seine Frau zur Rede zu stellen und sie mit Fragen zu drängen, da er spürte, seine scheinbar heile Welt geriet aus den festen Fugen. Auch Walter riet ihm zur Zurückhaltung und vertraute Klara, erwies sich dabei aber als ein schlechter Eheberater in seinem Junggesellendasein, denn Klara war es, die Max urplötzlich eröffnete, sie ziehe zu Benno Weinreich. Aus Liebe, betonte sie. Max kämpfte nicht, er nahm es hin und hatte keine Kraft, dagegen aufzubegehren. Weinreich war ein ganzer Kerl und der Spirituosenverkauf sorgte für mehr Wohlstand, als sein Trödelhandel. Max resignierte und nur Walter hinderte ihn daran, sich völlig aufzugeben. Er war einziger Halt für Max und erwies sich als der beste Freund. Er war der verlässliche Partner, der sich um die Geschäfte kümmerte und ihm zur Seite stand, wenn Max in seine Depressionen stürzte. Auch keimte zwischendurch immer die Hoffnung auf, Klara käme zurück, dachte sie doch an ihn, so wie er an sie, aber dies währte nur kurz. Den endgültigen Stich versetzte ihm der Tag, an dem schräg über dem Marktplatz die Buchstaben leuchteten: ’Weinhandlung & Spirituosen - Klara & Benno Weinreich’, wo vormals nur ’Benno Weinreichs Destille’ zu lesen war. Nicht einen Tag länger wollte Max leben, als er das las und war von nun an verurteilt, es täglich lesen zu müssen. Zum Fortgehen besaß er nicht die Kraft. Das war die Zeit, in der Max und Walter die Vorhänge vor den Fenstern zuzogen und anfingen, regelmäßig Schach zu spielen, wenn Flaute im Geschäft herrschte und die Gedanken in eine andere Richtung gelenkt werden mussten. Es verschaffte Max nicht einmal Genugtuung, als das verhasste Geschäft nach zwei Jahren schloss, weil zu Max Freude Weinreich der Schlag traf, von dem er sich nicht ganz erholte. Klara blieben seine Schulden, die ihr erst zu diesem Zeitpunkt bekannt wurden und ihr blieb ein Mann, dem die Fresse schief hing, der sich mit Krücken durch die Straßen schleppte und der daheim in die Hauslatschen pinkelte. Max träumte in seinen Rachegelüsten davon, ihm den Stock im Vorbeigehen wegzuhauen, doch verharrte er nur in seinen Phantasien. Das Geschäft wurde verkauft und diente wahrscheinlich der Schuldentilgung. Ihren Benno schob Klara in das Heim Sankt Michael auf der Friedrichshöhe ab und sie verfiel dem Alkohol, an deren Folgen sie vor etlichen Jahren einsam starb. Er quälte sich mit Vorwürfen, keinen Kontakt zu Klara gesucht zu haben, als sie den verhassten Weinreich ins Heim verfrachtete. Insgeheim hörte er nicht auf, in Klara seine einzige große Liebe zu sehen, auch wenn das Zerwürfnis unüberbrückbare Hindernisse schuf. Die Möglichkeit, wenigstens einige klärende Worte mit Klara zu wechseln, damit sie und er den Seelenfrieden fänden, war mit ihrem Tod vertan. Erst in den letzten Jahren besuchte Max nicht mehr den Friedhof, um an ihrem Todestag frische Blumen auf das Grab zu stellen und im Zwiegespräch zu verharren, denn er war gelöst von seinen klammernden Erinnerungen und in seiner Vergangenheit nahm Klara nur noch einen kleinen Platz ein. Damals schlich Max zur Beerdigung und verspürte den Schmerz und das Gefühl, ein sehr wichtiger Bestandteil seines Lebens sei verloren gegangen, einfach ausgelöscht. Einziger Trost blieb ihm, dass die Leuchtbuchstaben des Geschäftes verschwanden und sich nicht länger in seine Seele einbrannten. Weinreich war auf dem Friedhof nicht anzutreffen.
