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Die Reise durch Italien, um die außerirdischen Meridianer auf Sizilien zu empfangen. Dabei geschieht ein Mord am Strand.
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Seitenzahl: 100
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Gewidmet meiner Muse und den freundlichen Lektoren und Reflektoren
Die Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig.
Krailling, im Jahre 2018
Ausgabe 01
Zeitungsnotiz in italienischer Tageszeitung vom 20.7.2014:
Bürgermeister von Agritento in Sizilien tot am Strand aufgefunden, vermutlich erschlagen, Täter unbekannt. Die Ermittlungen laufen.
Es fing alles ganz harmlos an. Richard Himmel hatte in einer Zeitschrift ein Inserat aufgegeben, es hatte folgenden Inhalt: An alle Meridianer! Ich bitte um Mithilfe bei der Entschlüsselung folgender Mitteilung: …ianer an ….inge …unft 21.6.2020,
101000011101000100101010101110101010100001010 000010.
Diese leicht verstümmelte Nachricht war auf einem angeschwärzten Stein enthalten, den Richard Himmel am 2.7.2014 in seinem Garten gefunden hatte, der Stein war in der Nacht mit einem lauten Knall in seinem Garten niedergegangen. Er vermutete, die Nachricht wäre auf dem Flug durch die Atmosphäre beschädigt worden.
Richard Himmel war ein hagerer Mann von Anfang 70. Er lebte mit seiner Frau in einem kleinen Häuschen am Simsee, seine drei Kinder waren bereits von zu Hause ausgezogen und Richard Himmel hatte sich seit Jahren ganz dem Vorsitz einer Vereinigung zur Erforschung außerirdischen Lebens gewidmet. Die ca. 500 Mitglieder seines Vereins nannten sich Meridianer. Die Meridianer sind Anhänger des Sonnenhöchststandes und messen dessen Meridian besondere Bedeutung bei, daher ihr Name. Sie glauben auch an außerirdisches Leben und lokalisieren dieses Leben auf dem Stern Sirius oder dem ihn umkreisenden Planeten, von den Meridianern Meridus genannt. Ihrer Ansicht nach ist dieser Planet bewohnt, daher nennen sich auch die irdischen Anhänger Meridianer. Richard Himmels Credo lautete: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als wir uns vorstellen können. Richard Himmel war schon mehrfach mit Außerirdischen telepathisch in Verbindung getreten, ja man konnte behaupten, er hätte eine fast familiäre Bindung zu ihnen aufgebaut, die übermittelten Nachrichten waren jedoch bisher immer vage gewesen.
In der Nacht zum 2.7. jedoch hatte er das bestimmte Gefühl, es würde sich etwas Entscheidendes ereignen. Und tatsächlich fand er am nächsten Morgen bei einem Gartenrundgang den Stein mit der beschriebenen Botschaft. Gerne hätte er allen Mitgliedern der Meridianer die Botschaft mitgeteilt, doch obwohl er mehrere Tage über dem verstümmelten Inhalt gebrütet hatte, kam er zu keinem eindeutigen Ergebnis und das war auch der Grund seiner Anzeige. Gleichzeitig hatte er die Botschaft per Mail an alle Mitglieder der Vereinigung geschickt. Richard Himmel hatte eine schwere Jugend hinter sich, seine Mutter war früh gestorben, sein Vater war streng. Er hatte studiert und sein Berufsleben mit mäßigem Erfolg hinter sich gebracht. Schon immer hatte ihn das Mystische angezogen und seit der Erscheinung der Kornkreise in England war für ihn das Vorhandensein Außerirdischer erwiesen. Irgendetwas müsse sich in seinem Leben noch ereignen, so war er auf den Gedanken der Erforschung des Außerirdischen gekommen.
Am 2.7. fand das Ereignis statt. Ihm war klar, jetzt müssen Kräfte mobilisiert werden. Unter den Mitgliedern der Meridianer befand sich auch Gesine Getrommel. Sie wohnte in einem kleinen Ort in Italien in der Nähe von Florenz. Sie hatte Mathematik studiert, aber mit ihrer Familie Schiffbruch erlitten. Früh war sie von zu Hause ausgezogen. Die Enge der sizilianischen Kleinstadt, ihrer Geburtsstadt Agritento, bedrückte ihr Gemüt und der Aufsicht ihrer älteren Schwester musste sie entfliehen. Ihr Vater hatte es zu einem kleinen Häuschen gebracht aber eine Perspektive konnte er seiner Tochter nicht bieten.
So kam sie über einige Umwege mit den üblichen Jugendsünden in Rom nach Florenz. Hier lernte sie einen fleißigen Norditaliener kennen und etwas lieben. Sie war fest entschlossen, nie wieder nach Sizilien zurück zu kehren. So heiratete sie Marten. Im Rückblick war sich Marten nicht mehr sicher, ob es reine Flucht war oder doch etwas Liebe. Jahre nach ihrer Heirat erzählte Gesine ihm von einer Vergewaltigung, deren Opfer sie geworden war. Drei Ihrer Freunde waren nach einer Party über sie hergefallen. Weil sie aber aus dem Kreis nicht ausgeschlossen werden wollte, hatte sie geschwiegen. Seit dieser Zeit aber war sie entschlossen, sich keinem Mann mehr als unbedingt nötig zu öffnen. Ja, ein Kind wollte sie, zu diesem Zweck schien ihr ein sexuelles Zusammensein unvermeidlich, dann musste es aber damit Schluss sein. Zukünftig würde sie Verbindungen mit Männern nur noch auf geistig höherer Ebene akzeptieren. Die ideelle Verbindung mit den Meridianern kam ihr dazu gerade recht. Hier ging es nur um geistige Dinge, körperliche Kontakte waren ausgeschlossen. Okkultem war Gesine seit ihrer Kindheit aufgeschlossen.
Natürlich litt Marten unter dieser Einschränkung. Marten wurde erst nach Jahren klar, dies war wohl der Hauptgrund für ihre Trennung, allerdings wohl auch Gesines unglaublicher Starrsinn, den ihr auch Freunde bescheinigten. Zwei Jahre nach ihrer Heirat wurde ihr Sohn Otis geboren. 17 Jahre später, ihre Ehe war inzwischen gescheitert, saß Otis am Computer seiner Mutter und sortierte auf ihr Geheiß hin die eingehenden Mails. Diese Arbeit machte Otis nur widerwillig, denn eigentlich interessierte ihn wenig, genauer gesagt nichts, bis auf Nachrichten der Meridianer und GPS-Suchspiele. Er öffnete also die Nachricht von dem Meridianer Richard Himmel und las die verstümmelte Mitteilung. Er überflog sie und blieb einen Moment an der Zahlenkolonne hängen. Irgendetwas kam ihm daran bekannt vor. Er sah sich die Kolonne nochmals an, ja das war es, es konnten nur Koordinaten sein.
Während er sonst meistens von trägem Gemüt war, sprang er jetzt wie elektrisiert auf und rief: “Mama, Mama, komm, ich habe was Interessantes“. Seine Mutter, die nicht weit entfernt gerade ein vegetarisches Essen zubereitete, machte die wenigen Schritte zu ihrem Computer und las auch die verstümmelte Botschaft an die Meridianer. Sie konnte daran nichts Auffälliges entdecken bis ihr Sohn ihr die mögliche Bedeutung der Zahlenkolonne erklärte. Sie verließ den Computer mit den Worten: „Dann schau halt mal, wo das ist“. Das war für Otis kein Problem. Aus seinen Tabellen konnte er den Ort genau lokalisieren. Nach einem Blick auf die Karte musste es ein freies Gelände nicht weit von der Ortschaft Agritento in Richtung San Leone zum Meer hin auf Sizilien sein. Eingezeichnet waren allerdings auf dieser ebenen Fläche mehrere Tempelruinen. Eine der am besten erhaltenen Ruinen war der griechischen Hauptgöttin Hera, Gattin des Zeus, gewidmet. Der Tempel stammt aus der Zeit des 3. vorchristlichen Jahrhunderts konnte Otis im Internet nachlesen.
Otis ging die wenigen Schritte von seinem Computer in die Küche, wo sein vegetarisches Essen auf einem Teller lag. Widerwillig setzte er sich, viel lieber wäre ihm ein saftiges Stück Fleisch gewesen, aber seine Mutter war verbissene Vegetarierin. Ihre Unterhaltung beim Essen war wie immer recht einsilbig. Oft versuchte seine Mutter aus ihm wenigstens ein paar Informationen heraus zu bekommen, meistens vergeblich.
Heute ließ Otis nur ganz nebenbei die Nachricht fallen, er hätte den Ort mit den Koordinaten gefunden, er sei ganz in der Nähe von Agritento bei den Tempeln. Gesine horchte auf, in der Nähe ihres Geburtsortes, das konnte doch kaum sein! Obwohl sie wegen der Steinfliesen kalte Füße hatte und lieber ins Bett gegangen wäre, setzte sie sich an den Computer um die Mail von Richard Himmel genau zu lesen. Vorher warf sie noch ein Holzscheit in den Ofen, um die Temperatur trotz der undichten Fenster wenigstens auf 19 Grad zu halten. Eine Weile starrte sie auf die noch geöffnete Mail, dann hatte sie einen der großen Lichtblicke in ihrem Leben, die vollständige Mail konnte nur heißen: Meridianer an Erdlinge, Ankunft usw.
Die Gedanken wirbelten in ihrem Kopf, nach all den mühevollen und erfolglosen Jahren bot sich ihr jetzt die große Chance. Meridianer gab es für sie ohne jede Frage und nun würden sie kommen und sie alleine wusste wann und wo. Ja, wahrscheinlich war ihnen bekannt, welchen geschichtsträchtigen Ort sie gewählt hatten, vielleicht waren ihre Vorboten schon unter uns und beobachteten die Entwicklung. Auf jeden Fall musste man den Meridianern einen großartigen Empfang bereiten, denn über ihre telepathischen Kräfte hatten sie ja schon seit langem die Entwicklung auf der Erde gesteuert. Jetzt würden die Außerirdischen die Früchte ihres Einflusses ernten. Aus diesem Wissen müsste sich doch ein Geschäft machen lassen.
An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Eine Stunde später telefonierte sie mit ihrem Seelenfreund Paolo, der in der Nähe von Agritento wohnte und sie in regelmäßigen Abständen in Florenz besuchte. Paolo war auf Anhieb von der Idee begeistert, obwohl er anfänglich bei den Meridianern nur Mitläufer gewesen war. Schon im Vorfeld der Ankunft der Meridianer musste sich hier ein enormes Geschäft machen lassen. Die Grundstücke mussten als wertloses Land erworben werden, um Empfangstribünen aufstellen zu können. Die Rechte an Funk und Fernsehen mussten zu Höchstpreisen vergeben werden, die Summen müssten gewaltig sein, es handelte sich schließlich um ein Weltereignis. Hotels und Campingplätze waren zu errichten, natürlich auch Kinderspielplätze, Würstchenbuden und Souvenierläden, auch an einen Flugplatz in der Nähe wäre zu denken. Für alles hätte man die Fäden in der Hand, hätte man nur die erforderlichen Grundstücke im Besitz. Der Erwerb dieser Gelände war zwingend der erste Schritt, bis dahin durfte keine Information an die Öffentlichkeit dringen.
Gesine kannte die Tricks, mit ihrem hennablonden Haar und ihrer guten Figur hatte sie schon viele Probleme zu ihren Gunsten gelöst. Besonders mit Paolos Hilfe, der mit der örtlichen Prominenz bestens vernetzt war, mussten sich alle Schwierigkeiten überwinden lassen. Andererseits verfiel sie regelmäßig in eine Art Ehrfurchtsstarre wenn eine Person des öffentlichen Lebens in ihre Nähe kam. Bürgermeister waren solche Personen. Italienische Bürgermeister sind sich dieser Wirkung bewusst, sie treten in dunklen Anzügen und mit Krawatte auf, besonders nach einer erfolgreichen Wahl. Cafés und Marktplätze sind geeignete Bühnen, meist haben sie auch Bittsteller oder Personal als Gefolgschaft, die Bedeutung der Person steigt dadurch weiter.
Der Bürgermeister von Agritento, Roberto Simoncani, war erst seit einem Jahr im Amt und in seinem Gefolge sah man oft Paolo. Paolo war nicht gerade ein typischer Südländer, von gedrungener Gestalt, fast 50 Jahre alt und etwas beleibt, mit einem ausgeprägten, etwas gelichtetem dunkelblonden, meliertem Lockenkopf und ständig auf der Jagd nach neuen Verbindungen und finanziellen Vorteilen. Er leitete die Abteilung Kreditvergabe in einer Bank. Seine drei Kinder waren fast erwachsen, mit seiner Frau verstand er sich nicht mehr, deshalb hatte er seit Jahren Kontakte mit Gesine, es war aber nicht sein erstes Verhältnis. Eine Trennung von seiner Frau kam jedoch keineswegs infrage, lieber schlief er lediglich räumlich getrennt bei seinen Eltern im selben Haus auf dem Sofa.
Mit Spekulationen würde er gerne schnell reich werden. Hierzu war er auch bereit, illegale Touren und kleinere Gaunereien anzuwenden. Um sich körperlich fit zu halten hatte er versucht, durch die sizilianischen Berge Dauerlauf zu betreiben. Wegen seiner Korpulenz versagten aber bald seine Knie, so verlegte er sich darauf, Fahrrad zu fahren. Wegen eines Gehörfehlers, den er von seinem Vater, einem sizilianischen Fischer geerbt hatte, stellten sich auch hier wegen fehlender Richtungsortung Probleme ein.
Mit ihm telefonierte Gesine und schilderte in begeistertem Ton ihre Überlegungen zum Empfang der Meridianer. Mit Paolo musste ein Plan entwickelt werden, eine Reise nach Florenz war ohnehin geplant, sie verabredeten sich für das folgende Wochenende. Paolo nutzte Geschäftsreisen nach Florenz zu einem Großkunden der Bank für seine heimlichen Treffen mit Gesine, in seinem Heimatort hätte man ihn gelyncht, wäre seine Beziehung herausgekommen. Den Imbiss nahmen sie in einer Nebenstraße nahe des Domes in der Bar Bella Notte ein. Tramezzini und Cappuccino. Auf einer kleinen Bühne spielte eine 5–Mann Band aktuelle Schlager, Ramazzotti, Zucchero. Der Sänger im Glitzerlook mit schwarzem Lockenhaar und Tenorstimme hatte etliche Bewunderinnen unter dem Publikum. Auch Gesine kannte ihn von früheren Besuchen und sie liebte seine feurigen Blicke, aber Paolo war ja da. Eine Unterhaltung war kaum möglich, Musik und Stimmengewirr zerhackten jedes Gespräch zu unverständlichen Fetzen.
