Mord im Barranco - Anke Redhead - E-Book

Mord im Barranco E-Book

Anke Redhead

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Beschreibung

7 fröhlich-freche Krimi-Erzählungen, und ein Lesevergnügen, das von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Gran Canaria soll eine Insel für Ruhe suchende Rentner sein? Weit gefehlt! Raffinierte Mordpläne und fragwürdige Gestalten zeigen diese zauberhafte Insel von einer anderen Seite. In 7 rasanten Kurzgeschichten, die es in sich haben, kämpfen Alltagshelden um die Aufklärung fieser Schurkereien und geraten dabei selbst zwischen die Fronten. Anke Redhead schont ihre Figuren nicht und lässt sie spannende Geschichten mit überraschenden Wendungen erleben. Tolle Szenen, spritzige Dialoge und ein lockerer Schreibstil sorgen für garantierten Lesespaß.

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Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für meine Eltern mit ihrer Leidenschaft für

Bücher und ihrer Liebe zu Gran Canaria

Las islas Canarias son conocidas también como las "Islas felices" (Die Kanaren sind auch bekannt als "Glückliche Inseln")

Inhalt

Mord im Barranco

Das war dumm gelaufen. 2 Tote sorgen für Schlagzeilen und anstatt ihren Urlaub, wie geplant, mit Feiern und Strandleben zu verbringen, wird Rika Hartung Spielfigur eines mörderischen Plans. Nebenbei entdeckt sie das Geheimnis ihrer Herkunft und schreibt ihre Zukunft neu.

Mord in Weiß

Auf offener See lässt sich besonders gut morden. Doch wer stieß das Opfer von der Brücke und wer nahm das wertvolle Rubinarmband an sich? Die Suche nach dem Schuldigen führt Sonja und Guido auf eine Spur in die Vergangenheit.

Der Tod kann warten

Auf Gran Canaria leben Rentner besonders lange. Doch nicht jeder freut sich darüber. Diese Erfahrung macht Anna Mirbach, als sie im "Casa Sombra" in den Bergen der Insel merkwürdigen Dingen auf der Spur ist. Als sie versucht, hinter das Geheimnis der Morde in der Seniorenresidenz zu kommen, begibt sie sich in große Gefahr.

Wind Mord-Ost

In der Herrentoilette auf dem Flughafen Gando auf Gran Canaria wird die übel zugerichtete Leiche eines Mannes gefunden. Wer hatte einen Grund ihn zu töten? Und warum verschwindet Tinas Freundin Birgit plötzlich von der Bildfläche? Auf der Suche nach der Wahrheit wird ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

Der Tote im Pool

War es wirklich ein Unfall, der den Manager des Hotels Isadora in Las Palmas ertrinken ließ? Fest steht, dass er einem groß angelegten Betrug auf der Spur war. Christine Hirsing hat einen Verdacht. Doch wird sie lange genug leben, um den Täter zu überführen? Und welche Rolle spielt Landelin Precht, der neue Manager, in ihrem Leben?

Tödliche Trüffel

Ausgerechnet seine alte Flamme logiert im selben Hotel wie Tony. Offensichtlich ist sie inzwischen darüber hinweg, dass er ihr vor Jahren den Laufpass gegeben hat . Doch plötzlich liegt Tony tot unter dem Esstisch.

Den frühen Taucher fängt der Tod

Eine weibliche Tote wird am frühen Morgen aus der Bucht von Mogan gezogen. Was hat die Tauchschule "Dive Now" in Mogan damit zu tun? Harry Herkenroth hüllt sich in Schweigen und Silvia macht die Erfahrung, dass es immer gefährlich ist, mehr als die anderen zu wissen!

* * *

Mord im Barranco

Leise und gleichmäßig zog der silberne Airbus seine Flugbahn über den Wolken. Die meisten Passagiere hatten ihre Gesichter bereits in vorfreudige Falten gelegt, denn nur noch anderthalb Stunden trennten sie von ihrem Jahresurlaub auf Gran Canaria. In den hinteren Reihen der Kabine hatten sich einige rotgesichtige Männer im so genannten besten Alter über die Biervorräte der Passagiermaschine hergemacht und befanden sich inzwischen in einer heiteren und mitteilsamen Stimmung, an der sie sowohl die Stewardessen als auch die genervten übrigen Reisenden teilhaben lassen wollten. In einer dem Alkohol entstammenden Einigkeit johlten sie über jede Bemerkung, die einer von ihnen von sich gab.

Im mittleren Bereich der Maschine saß ein junger Mann, der seine 1,92 m Körpergröße unbequem auf den viel zu engen Sitz gezwängt hatte. Seine Knie bohrten sich schmerzhaft in den Vordersitz. Das gleißende Sonnenlicht auf den Tragflächen blendete Leon Sievers, der nachdenklich aus dem winzigen Fenster schaute.

Er musste blinzeln. Wie sollte er den Mord begehen, fragte er sich. Sollte er einfach in das Haus der Frau eindringen, sie erschießen, erwürgen, oder was auch immer und dann wieder verschwinden, oder sollte er sich erst noch mit ihr unterhalten, sie fragen, wie es denn gewesen war mit seinem Vater, ob sie sich nie geschämt hatte, eine Affäre mit einem verheirateten Mann einzugehen. Wahrscheinlich würde sie Reue zeigen, aber jetzt, wo sein Vater gestorben war, wäre es sowieso egal. Eigentlich konnte er sie auch gleich erschießen oder erwürgen, oder was auch immer. Leon Sievers nickte heftig, worauf seine Nachbarin besorgt fragte:

„Fühlen Sie sich nicht wohl, junger Mann? Ich kann Ihnen eine Beruhigungstablette anbieten. Mein seliger Gemahl, Reinfried, er flog ja auch nicht gerne ...“

„Blöde Kuh, quatsch nicht so viel“, dachte Leon, laut aber sagte er:

„Danke, wirklich nicht nötig.“ Dann hing er wieder seinen Plänen nach.

„Fahren Sie in Urlaub nach Gran Canaria?“ nahm die ältliche Sitznachbarin den Gesprächsfaden wieder auf.

'Nein, ich fliege nur hin, um die ehemalige Geliebte meines Vaters umzubringen, die soll nämlich mein Erbe bekommen. Die Firma meines Vaters, die nach seinem Tod vor zwei Wochen mir gehören sollte!', so hätte Leon am liebsten geantwortet, aber er war klug genug, nur eine unverbindliche Antwort zu murmeln. Leon reckte den Hals, um einer flotten, rothaarigen Mittzwanzigerin einige Reihen hinter ihm zuzuzwinkern. Neben der sollte er sitzen, nicht neben einer so redseligen Schachtel! Das junge Mädchen lächelte freundlich zurück. Na also!

Wieder schloss Leon die Augen und rief sich das letzte Gespräch mit seinem Vater ins Gedächtnis. So eine Demütigung! Erst kurz bevor sein Vater ins Koma glitt, aus dem er nicht mehr erwachen sollte, hatte Leon erfahren, dass dieser jahrelang eine Geliebte hatte. Gisela Hartung, eine Künstlerin, die auf einer kanarischen Insel lebte. Gut dass seine Mutter dies nicht mehr hören konnte, sie war schon vor 11 Jahren gestorben. Aber warum konnte sein Vater die Vergangenheit nicht ruhen lassen! Statt dessen wollte er Gisela jetzt als Erbin einsetzen. Die paar Aktien seines Vaters wären ihm ja egal gewesen, aber die gut laufende Computerfirma, als dessen Geschäftsführer Leon sich schon gesehen hatte, darauf hatte er seine ganze Hoffnung gesetzt und er würde es nicht zulassen, dass diese Firma in fremde Hände fiel. Da Leon es bislang nicht geschafft hatte, ein Studium oder eine Ausbildung abzuschließen, war er quasi dazu gezwungen, die Firma seines Vaters zu übernehmen, denn etwas anderes als mit Computern umzugehen hatte er nicht gelernt.

Er hatte in den letzten Tagen gründlich recherchiert. Gisela Hartung lebte jetzt als Malerin auf Gran Canaria. Offensichtlich hatte sie sich nach Beendigung der Affäre mit seinem Vater nie wieder fest gebunden, denn sie wohnte alleine in einem kleinen Dorf fernab vom Tourismus mehr im Inneren der Insel gelegen. Die schwungvollen Aquarellmalereien mit Meeres- oder Bergansichten schienen sich ganz gut zu verkaufen und in einem kürzlich erschienenen Interview, über das er im Internet gestolpert war, erzählte sie, Gran Canaria sei ihre feste Heimat geworden. Gut so. Denn dort sollte sie auch bleiben. Aber in einer Urne.

Leon glitt in einen unruhigen Schlaf, aus dem er erst erwachte, als die freundliche ältere Dame ihm sanft die Hand tätschelte.

„Wir landen gleich, dann haben Sie es geschafft“ sagte sie mitfühlend, „ich schnalle Ihren Gurt mal eben fest!“

„Nicht!“ Leon verschluckte sich beinahe, „Das kann ich schon selbst“. Das fehlte noch! Ja, wenn die rote Mittzwanzigerin ihm das angeboten hätte...Wieder warf Leon einen Blick über seine Schulter und sah in ihr grinsendes Gesicht. Offensichtlich begriff sie seine Not. Er grinste zurück. Am Kofferlaufband nach der Landung stellte er sich auch gleich neben den Rotschopf.

„Na, Sie Ärmster“, meinte die junge Frau keck „Sie sind ja ordentlich bemuttert worden. Ich heiße übrigens Rika.“

„Ich bin Leon. Und bitte, passen Sie auf mich auf. Da kommt die Alte schon wieder“.

Lachend hakte Rika Leon unter, und als ihre Koffer gekommen waren beschlossen sie, ein gemeinsames Taxi nach Patalavaca, einem kleinen Ort im Süden der Insel, zu nehmen.

„Vielleicht sieht man sich ja mal in der Ducatos-Bar. Ansonsten schönen Urlaub!“, verabschiedete sich Rika nach ihrer gemeinsamen Fahrt. Leon fuhr weiter in die Appartement-Anlage Casa del Paco, in der er sich kurzfristig eingebucht hatte.

Inzwischen war es ein wenig kühler geworden. Leon kurbelte das Fenster des Taxis etwas herunter und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Als das Taxi von der Hauptstraße abbog und bergan in die Urbanisacion kletterte, fühlte er, wie eine schwere Last langsam von seinen Schultern rutschte. Wie lange hatte er sich eigentlich keinen Urlaub mehr gegönnt? Vor dem langsam dunkler werdenden Himmel hoben sich die schneeweißen Häuser des Appartement-Hotels klar umrissen ab. Leon seufzte und sog die trockene Luft tief ein.

* * *

In seinem Zimmer wurde ihm zum ersten Mal richtig bewusst, dass er einen Mord begehen würde. Einen richtigen Mord mit einer echten Leiche. Sein Leben würde danach nie wieder so sein wie jetzt. Um so besser, denn jetzt gefiel es ihm nicht besonders. Jahrelang war er nur der geduldete Sohn des Chefs gewesen, immer unter dem Druck sich beweisen zu müssen. Jawohl, er hatte schon öfter gesehen, wie der alte Jörgens und Dr. Mettner sich hinter seinem Rücken Blicke zugeworfen hatten. Irgendwie genervt. Das würde sich jetzt ändern. Wenn Gisela erst einmal tot wäre, würde die Firma automatisch an ihn weitergehen. Geschwister hatte er keine, auch der Vater war ein Einzelkind gewesen. Dann würde sich einiges im Betrieb ändern. Als erstes würde er die verstaubten und vertrockneten Mitarbeiter feuern, die ihn nie respektiert hatten. Und dann würde er selbst ihre Plätze einnehmen und Chef sein. Jeder müsste ihm dann gehorchen So war das nun einmal! Oder so sollte es zumindest sein, wäre da nicht diese Frau.

Gisela Hartungs Bild, das er in seiner Brieftasche bei sich führte, hatte sich in seinem Gehirn eingebrannt wie eine Wunde. Bald würde sie heilen. In glänzender Stimmung sprang er die wenigen Stufen von seinem Zimmer auf die Straße und lief die Calle de Navarro entlang, den Weg, den Rika ihm beschrieben hatte.

* * *

In der Ducatos-Bar war es brechend voll. Von Rika keine Spur. Leon setzte sich an die Bar und bestellte sich eine cerveza. Er musterte die Gäste, immer auf der Suche nach einem hübschen Gesicht. Die Kleine dort war auch nicht schlecht. Leon zwinkerte ihr zu, aber sie drehte sich weg.

„Blöde Ziege, dann nicht“, dachte Leon.

Als er sein zweites Bier zur Hälfte ausgetrunken hatte, bekam er plötzlich einen Hustenanfall. Neben der Tanzfläche, dort, da war sie, Gisela Hartung, sein Mordopfer. Das gibt es doch nicht, so ein Zufall, so etwas Blödes. Klasse sah sie ja schon aus, das musste er wohl zugeben, obwohl sie inzwischen fast 50 sein musste. Sie trug einen kurzen Wickelrock, der ihre wohlgeformten Schenkel zeigte. Dazu ein weit ausgeschnittenes T-Shirt, das der Phantasie nicht viel Spielraum ließ. Leon wandte sich ab. Das fehlte noch, wenn man sah, wie er sie beobachtete. Aber Gisela hatte sowieso einen Partner, jedenfalls sah es so aus. Ein richtiger Beau. Mindestens 10 Jahre jünger als sie. Nun griff ihr der doch tatsächlich an die Brust. Das hätte Leon zwar auch gerne getan, aber er würde es sich niemals trauen. Offensichtlich gefiel es Gisela wohl auch nicht, denn sie beschimpfte ihren Freund auf Spanisch. Leon spitzte die Ohren, konnte aber kein Wort verstehen, weil die Musik zu laut war.

„Muy brioso. Temperamento!“ grinste der Ducatos-Kellner Leon zu, und machte eine anerkennende Kopfbewegung zu Gisela hin. Leon schaute schnell weg. Das Wortgefecht hinter ihm wurde immer lauter und plötzlich stürmte der spanische Beau hinaus. Gisela setzte sich in Seelenruhe an einen Tisch und trank ihren Rotwein. Blitzschnell sprang eine Idee in Leons Kopf. Eilig zog er ein paar Münzen aus der Tasche und warf sie auf die Theke. Dann verließ er das Lokal und ging dem spanischen Don Juan hinterher. Dieser schlug den Weg zum Strand ein. Don Juan war wohl noch so voller gekränkten spanischen Stolzes, dass er nicht merkte, wie Leon sich von hinten an ihn heranschlich und ihm ein Messer zwischen die Schulterblätter rammte. Kopfüber fiel der schöne Mann in die Brandung und blieb reglos liegen.

* * *

Als sie mitten in der Nacht erwachte, war sie nicht allein. Nachdenklich lauschte Rika in der Dunkelheit auf die ruhigen Atemzüge neben sich und überlegte, ob sie eigentlich wissen müsste, in wessen Bett sie lag. Ein leichter Wind blähte die Gardinen auf, und von draußen war der feine Gesang der Zikaden zu hören. Hoffentlich war es nicht dieser pickelige Kevin! Erschrocken setzte sich Rika kerzengerade im Bett auf – eine Bewegung, die sie sofort bereute. Hinter ihren Augen hämmerte ein dumpfer Schmerz, und eine Welle der Übelkeit ergriff sie. Aufstöhnend ließ sie sich wieder zurücksinken und schwor sich, nie wieder Sangria mit Cognac zu mischen. In dieser Dunkelheit war auch nichts zu erkennen! Dann schon lieber Lonzo, der so lustig gesungen und sie gestern Abend immer Mecki genannt hatte. Rika seufzte und glitt vorsichtig aus dem Bett. Auf der Suche nach ihrer Unterwäsche und ihren Shorts stolperte sie über einen Stuhl, aber ihr Bettgenosse rührte sich nicht. Vermutlich hatte er ebenso viel Sangria genossen wie sie. Leise zog sie sich an und verließ das Hotelzimmer.

Der Nachtportier grinste sie wissend an, als Rika versuchte, würdevoll an ihm vorbeizuhuschen. Sie war erleichtert, als sie endlich die frische, kühle Nachtluft der Insel einatmete. Vom Hotel aus schlug sie den Weg zum Strand ein.

In diesen ersten Stunden des Tages war Gran Canaria einfach herrlich. Tagsüber tobte hier das Leben, unzählige Touristen schoben sich über die Einkaufspassagen, afrikanische Händler boten Holzschnitzereien an, und Restaurantbesitzer versuchten, unentschlossene, hungrige Strandurlauber an ihre Tische zu ziehen. Aber nachts war Ruhe. Immer noch zirpten die Zikaden ihre übermütigen Melodien, und der Halbmond lag auf dem Rücken und übergoss den Strand mit einem matten Schimmer.

Schon immer hatte sie den Nachthimmel über dieser Insel genossen. Irgendwie war der Himmel hier näher als in Hamburg. Rika seufzte wohlig. Ihre Kopfschmerzen waren wie weggeblasen. Sie freute sich auf zwei Wochen Sonne und wollte keinen Gedanken mehr an ihren unfreundlichen Chef und an ihre Kollegin verschwenden, die ihr ständig mit Ratschlägen in den Ohren lag, wie man sich den Mann der Träume angeln musste. Was die jetzt wohl sagen würde, wenn sie wüsste, dass Rika sich nachts aus fremden Hotelbetten stahl! Rika kicherte bei dem Gedanken, wie sie Astrid von ihrem nächtlichen Abenteuer erzählen würde. Natürlich würde sie die Pickel unterschlagen (denn wahrscheinlich war es doch Kevin gewesen) und nur um etwas Neid zu wecken, würde sie ihre Eroberung etwas toller schildern, als sie wirklich gewesen war. Groß und schwarzhaarig, mediterraner Typ, so würde sie ihn schildern, genau wie der Mann, der dort ca. 30 m vor ihr in den Wellen lag. Dann würde Astrid staunen! Aber in ihrer Schilderung würde er nicht so hervorquellende Augen haben und es würde auch kein Messer in seinem Rücken stecken. Moment mal! Es dauerte einen Augenblick, bis es in Rikas Bewusstsein drang, was sie dort vor sich hinphantasiert hatte. Dann packte sie das Entsetzen, denn dort, am Strand von Patalavaca, mitten auf ihrer zauberhaften Insel, kräuselte sich das Wasser, vom lauen Wind bewegt, um eine waschechte Leiche.

* * *

Kommissar Morales hatte wohl seine eigene Meinung über Touristinnen, die nachts von einer leichten Duftwolke aus Restalkohol umgeben, Leichen aufspüren und dann in Hysterie verfielen. Jedenfalls stoppte er Rikas unzusammenhängendes Gestammel, das von heftigen Heulanfällen begleitet wurde, kurzerhand durch eine schallende Ohrfeige. Das half.

„Señorita, bitte, ich versuche einen Mord aufzuklären“, versuchte Antonio Morales es noch einmal auf die ruhige Art. Er war noch sehr jung und dieses war sein erster Mordfall. Und dass es ein Mord war, sah man eindeutig an dem Messer. Das musste ja irgendwie in den Rücken der Leiche gekommen sein.

„Bitte, Sie müssen mir schon ein wenig helfen! Momentito, bitte“, Kommissar Morales wandte sich einem aufgeregten Kollegen zu, der soeben mit Blaulicht auf den Strand gefahren war und ihm offensichtlich etwas mitteilen wollte.

„Wie bitte, noch ein Mord, deutsches Opfer? Was, Selbstmord? Wer?“ Obwohl Rika recht gut Spanisch beherrschte, konnte sie nicht genau verstehen, was da gesprochen wurde, denn die beiden Polizisten hatten ihre Stimme gesenkt.

„Gisela Hartung, die deutsche Malerin? Dios!! Sieht nach Selbstmord aus? Niemals kann ich das glauben, ich kenne Gisela Hartung!“

Bei der Nennung des Namens lief Rika schreckensbleich auf Morales zu.

„Meine Mutter, meine Mutter?? Nein!“ rief sie flehentlich und Antonio Morales überlegte gerade, ob diese Touristin schon wieder hysterisch wurde und er ihr eine zweite Ohrfeige geben musste als ihm einfiel, dass Gisela Hartung, die seit einigen Jahren auf der Insel lebte und wunderschöne kanarische Landschaftsbilder malte, ja tatsächlich eine Tochter hatte, die in Hamburg lebte, jedoch öfters ihre Mutter besuchte. Hin und wieder hatte er diese auch gesehen, wenn er mit seinen Kollegen Tapas an der Bar zu sich nahm. Ein kesses Früchtchen war die Tochter. Scherte sich niemals um Männerdomänen wie Thekengespräche über Fußball oder Politik. Als Ergebnis einer leidenschaftlichen Affäre Giselas mit einem Hamburger Kaufmann, war die Kleine vaterlos aufgewachsen. So manches Mal nach 2, 3 Gläsern Rotwein hatte Gisela dem gut aussehenden Antionio Morales, der seinen Dienst gern in der Ducatos-Bar bei einer cerveza beendete, kleine Einblicke in ihr Leben gegeben. Dieses heulende Bündel sollte Giselas Tochter sein?

„Sie sind Gisela Hartungs Tochter? Ich kenne Ihre Mutter sehr gut. Jetzt wollen wir erst mal sehen, was an dieser Geschichte dran ist. Sie bringe ich aber erst einmal in die Clinica Roca, damit man Ihnen dort etwas zur Beruhigung gibt!“

* * *

Leon las den Artikel einen Tag später in der „Provincia“. Er hatte sich gerade bei dem reichhaltigen Frühstücksbüfett bedient. Was aß man denn so als Inhaber einer großen Computerfirma, vielleicht noch ein wenig Lachs? Dann schlug er die Zeitung auf. Dort stand es in großen Schlagzeilen: „Deutsche Malerin begeht Doppelmord“. Darunter: „Gisela Hartung, die seit vielen Jahren auf Gran Canaria lebt, erdolchte letzte Nacht nach einem Streit ihren Freund. Zeugen bestätigen, dass es in der Nacht vom Samstag auf Sonntag zwischen beiden einen heftigen Streit in der Ducatos-Bar gegeben habe. Später bereute sie offensichtlich die Tat und setzte ihrem Leben ein Ende.“

Befriedigt köpfte Leon sein Frühstücksei und blätterte um. Das klappte ja besser als er gehofft hatte. Diese Geschichte klang doch sehr überzeugend. Wie praktisch, dass er Giselas Schönling noch umgebracht hatte, so konnte wirklich kein Verdacht auf ihn fallen. Er erinnerte sich noch, wie überrascht Gisela war, als er plötzlich in ihrem Haus stand. Sicher hatte sie noch ihren Freund für eine große Versöhnungsparty erwartet. Sie hatte kaum Widerstand geleistet, als er ihr mit einer Plastiktüte über dem Kopf die Luft abdrückte. Hinterher hatte er die bewusstlose Frau in die Küche gezerrt, ihren Kopf in den Backofen gelegt und das Gas aufgedreht. Interessiert las er weiter, doch bei den nächsten Zeilen blieb ihm der Mund offen stehen und gab dabei einen unschönen Blick auf sein halbzerkautes Ei frei. Mit zitternder Hand griff er nach seinem Orangensaft, warf jedoch das Glas um.

„Verdammt, verdammt!“ Die anderen Hotelgäste warfen ihm missbilligende Blicke zu, als Leon mit der Faust auf den Tisch schlug. Was er in seiner Zeitung weiter las, machte alle seine Hoffnungen zunichte. Dort stand: „Gisela Hartungs Tochter, Rika Hartung, die gestern ebenfalls auf der Insel angekommen ist, bezweifelt den Freitod der Mutter.“ Leon pfefferte die Zeitung auf den Boden und stürmte aus dem Frühstücksraum. Er musste dringend Luft schnappen. Auf die Idee, dass Gisela ein Kind haben könnte, war er gar nicht gekommen. Aus der Traum. Jetzt würde das Erbe an Rika gehen. Das fehlte noch, wenn die kleine Rothaarige seine Vorgesetzte würde. So niedlich sie auch war mit ihrem kleinen, festen sportlichen Körper, die Firma gönnte Leon ihr deshalb noch lange nicht. Wo war sie noch mal abgestiegen? Leon grübelte. Leider hatte er im Taxi ihrem Geplapper nicht richtig zugehört. Dazu war er zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen. Er musste sie unbedingt wiedersehen. Musste herausfinden, ob sie schon etwas von der Erbschaft ihrer Mutter wusste. Und wenn? Ja, dann müsste er auch sie kalt machen. Das würde sich ergeben.

* * *

Antonio Morales war unzufrieden. Irgendetwas passte nicht an dieser Geschichte. Angewidert verzog er sein Gesicht als er den Rest des kalten Kaffees austrank. Er zertrat den Stummel seiner filterlosen Zigarette auf dem Boden, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und dachte nach. Mit dem Fuß kickte er die Kippe unter den Stuhl seines Assistenten José, denn er wollte nicht den Ärger von Maria auf sich ziehen, die nachmittags immer die Polizeiwache reinigte. Sie konnte ziemlich unangenehm und laut werden und hasste es besonders, wenn der Fußboden als Aschenbecher verwendet wurde.

Da fiel ihm plötzlich ein, was ihn störte. Noch vor drei Tagen hatte er wie üblich auf seinem Rundgang mit Gisela Hartung geplaudert. Diese hatte ihm erzählt, wie sehr sie sich auf den Besuch der Tochter freute. Niemals, nein, niemals hätte Gisela sich umgebracht, schon gar nicht an dem Tag, an dem ihre Tochter kommen sollte. Das passte nicht zusammen. Er zog noch einmal den Bericht des Arztes heraus. Gasvergiftung, die zum Tode geführt hat. Hautabschürfungen, die wohl bei dem Streit mit dem Liebhaber entstanden waren, und eine leichte Beule am Hinterkopf, die noch nicht so richtig ins Bild passte. Antonio schlug mit der Faust in seine offene Handfläche. Irgendetwas war hier oberfaul!

„José!“ raunzte er seinen Assistenten an, der vor Schreck zusammenzuckte. „Bring mir mal die Post, die wir aus dem Hartung-Haus eingesammelt haben.“

José brachte einen großen Umschlag, aus dem mehrere Briefe auf Antonios Schreibtisch purzelten. Dort war auch ein ungeöffneter Brief aus Hamburg dabei. Von einer Kanzlei R. & P. Kahl, Raboisen. Antonio bohrte seinen schlanken gebräunten Finger durch einen kleinen Schlitz in das Kuvert und riss den Umschlag auf.

„Liebe Frau Hartung“, las er, „Wir bedauern sehr, Ihnen mitteilen zu müssen bla, bla, dass Herr Gerd Sievers, Geschäftsführer und Inhaber des Unternehmens Compulog, bla, bla, bla ... verstorben ist. Seinem letzten Wunsch entsprechend nehmen wir hiermit Kontakt mit Ihnen auf, um Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass Sie in Würdigung Ihrer Freundschaft vor 26 Jahren, als Erbin für sein Privatvermögen eingesetzt wurden bla, bla, .... Bitte vereinbaren einen Gesprächstermin mit unserem Büro.“

Versteinert blickte Antonio auf das Papier. Langsam formte sich in ihm ein erstes Begreifen. Gisela war, ohne es zu wissen, Erbin eines größeren Vermögens geworden. War es vielleicht sogar der Vater ihres Kindes Rika, der – ohne zu wissen, dass seine Liebe Folgen gehabt hatte – seinen Besitz der großen Liebe vermacht hatte? Plötzlich ergab alles einen Sinn. Wo viel Geld war, gab es auch immer viele Menschen, die dieses Geld haben wollten. Vielleicht war das die Lösung. Jemand hatte versucht zu verhindern, dass Gisela das Erbe antrat.

„José!!“ Abermals zuckte dieser zusammen. Heute war es ihm wohl nicht vergönnt, einige Minuten Siesta zu halten. „Besorg mir sofort die Passagierlisten der letzten Tage, zuerst aller Maschinen aus Hamburg. Aber Avanti!“ Während José sich in das Telefonbuch vertiefte um die Nummern der Fluggesellschaften herauszusuchen, kickte Antonio einen weiteren Stummel unter dessen Schreibtisch.

* * *

Mit klopfendem Herzen stand Leon vor Giselas Wohnung. Jetzt hing alles von seinem Charme ab. Rika öffnete ihm die Tür. Der Kummer über den Tod ihrer Mutter stand deutlich in ihrem Gesicht geschrieben. Trotz ihrer Bräune war die Haut blass und auch die Augen lagen tief und waren rot gerändert.

„Hi, Rika! Habe gehört, was passiert ist. In der Ducatos Bar haben sie mir die Adresse deiner Mutter gegeben. (Die ich sowieso schon längst kannte), fügte er für sich hinzu. Ich wollte dir unbedingt zur Seite stehen!“ Leon heuchelte Mitgefühl, „hier hat deine Mutter gelebt?“ Leon blickte sich um und tat, als stünde er zum ersten Mal in diesem Zimmer. Weinend warf Rika sich an seine Brust:

„Ich kann es immer noch nicht fassen, Leon. Ich bin auch eben erst aus der Clinica Roca entlassen worden. Ich bin immer noch vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln. Warum hätte meine Mutter das tun sollen? Ich habe doch Samstag noch mit ihr telefoniert und sie steckte voller Pläne für unsere gemeinsame Zeit.“

„Wie gut kanntest du eigentlich deine Mutter, Rika?“ Immer noch wurmte es Leon, dass er bei seinen Nachforschungen überhaupt nicht bedacht hatte, dass Gisela ein Kind haben könnte. „Wo ist eigentlich dein Vater?“

„Ach weißt du“ antwortete Rika „über meinen Vater hat Mutter nicht gerne gesprochen. Sie ist ihm in Hamburg begegnet, als sie 23 Jahre alt war. Ich glaube, sie hat für ihn als Sekretärin gejobbt. Er war verheiratet und hatte auch nie vor, seine Frau zu verlassen. Als sie schwanger wurde hat meine Mutter ihm nichts erzählt und sich von ihm getrennt. Sie wollte ihn nicht bedrängen oder vor die Wahl stellen, denn er hatte damals auch schon einen kleinen Sohn. Ich glaube, es war eine richtig, richtig große Liebe.“

Leon versuchte, seine heftigen Eifersuchtsgefühle zu verdrängen, die plötzlich wie ein dicker Klumpen in seinem Magen lagen. Gerade war ihm klar geworden, dass da seine kleine Halbschwester vor ihm stand, von der niemand etwas wusste und wenn alles gut ging auch niemals jemand etwas wissen würde.

„Ja, hast du denn nie versucht, zu deinem Vater Kontakt aufzunehmen?“ heuchelte Leon Interesse.

„Weißt du, ich glaube, es hat mich aus einer unbestimmten Sehnsucht nach Hamburg verschlagen, weil ich das Gefühl hatte, ihm dort nahe zu sein. Nähere Informationen habe ich aber nie gesucht, denn ich wollte mir nicht die Illusionen nehmen und es wäre Mutter auch nicht Recht gewesen.“

„Du Arme. Aber ich habe mir vorgenommen, dich etwas abzulenken. Du bist ja nur noch ein Schatten deiner selbst. Was hältst du von einem kleinen Ausflug in die Berge? Dort kommst du schnell mal auf andere Gedanken.“

„Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Mutters Papiere ein wenig zu sortieren. Ich dachte, vielleicht geben mir ihre alten Tagebücher ein wenig Aufschluss.“

„Bloß nicht!“, rief Leon „Ich meine, tu dir das doch nicht an. Die Wunden sind doch noch zu frisch.“ Das fehlte noch, dass Rika jetzt noch etwas über ihre Vergangenheit entdeckte.

„Na komm,“ halb musste Leon sie ziehen und lachend gab Rika nach. Sie schnappte sich ihre Windjacke, schloss die Haustür ab und gemeinsam rannten sie zum dem kleinen Peugeot, den Leon sich von einer Autovermietung geliehen hatte.

„Wo soll’s denn hingehen, schöne Frau? Ich schlage eine Tour zum Roque Nublo vor.“

„Okay, wahrscheinlich hast du Recht. Ich bin zu allen Schandtaten bereit. Fahren wir also los.“

* * *

Antonio Morales hatte inzwischen anhand der Passagierlisten etwas entdeckt. Leon Sievers. Sievers. War das nicht der Name des verstorbenen Geliebten von Gisela? Und Leon, vielleicht sein Sohn, war gestern auf Gran Canaria gelandet? Das konnte kein Zufall sein. Mit einer Geschwindigkeit, die man dem ansonsten eher ruhigen Kommissar nicht zugetraut hätte, rannte er zu seinem Mercedes. Die Appartement-Anlage Casa del Paco war als Unterkunft angegeben. Das war nicht weit von hier. Diesen Sievers wollte er sich mal vorknöpfen.

„No, señor Sievers no esta aqui”, teilte ihm die kleine Brünette an der Rezeption mit. Mist! Na dann mal auf zu Giselas Wohnung, dort wollte Rika die nächsten Tage verbringen. Vielleicht war er auf dem Weg dorthin. Denn blitzschnell war es Antonio klar geworden, dass Rika in großer Gefahr schwebte. War der Sohn so entschlossen, sein Erbe anzutreten, dass er vor einem weiteren Mord nicht zurückschrecken würde?

Gequält heulte Antonios zwölfjähriger Mercedes auf, als er das Gaspedal durchtrat. Eine Staubwolke zog hinter ihm her, als er sich in Richtung Cercado de Espino einordnete. Keine zehn Minuten später hielt er abrupt vor Giselas Haus. Er klingelte. Keiner da. Mist! Er klingelte gleich noch einmal und hämmerte zur Bestärkung noch mit der Faust gegen die Tür. Gegenüber öffnete sich ein Fenster.

„Buenos dias, Señor Morales, die Señorita ist nicht da, sie ist mit einem finsteren jungen Mann fortgefahren. Ich hörte zufällig, dass sie zum Roque Nublo wollten mit einem blauen, kleinen Auto,“ informierte ihn die spanische Nachbarin von Gisela, stolz, ihr Wissen anzubringen. „Und das bei dem Wetter. Es ist Sturm aus Nordost angekündigt. Fahren Sie lieber hinterher."

„Nichts lieber als das. Danke Señora“, Morales sprang kurzerhand wieder in seinem Wagen, der abermals aufjaulte und einen Satz vorwärts machte. Die ältere Nachbarin schüttelte wohlwollend den Kopf.

„Ach, diese jungen Leute. Immer so hitzig heutzutage“ meinte sie und schloss das Fenster.

* * *