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Wenn Hochzeitsgäste vergiftet werden und nur der Bräutigam unter Verdacht steht …
Ein weiterer mysteriöser Fall für die cleverste Privatdetektivin in der englischen Küstenstadt Brighton
Als Clara Fitzgerald der Einladung zur Hochzeit ihres Cousins Andrew folgt, ahnt sie nicht, dass sie mehr Privatdetektivin als Gast sein wird. Denn etwas an der bevorstehenden Trauung stimmt ganz und gar nicht. Nicht nur, dass weder der Bräutigam noch seine Familie Interesse an den bevorstehenden Feierlichkeiten zeigen, es taucht auch eine Frau auf, die behauptet, bereits mit Andrew verheiratet zu sein. Nicht lange nach ihrer Ankunft ist die vermeintliche erste Ehefrau tot – vergiftet, ebenso wie ein unliebsamer Onkel, den sowieso keiner dort haben wollte. Mit Andrew als dem Hauptverdächtigen und einem Giftmörder, der es auf die Hochzeitsgesellschaft abgesehen hat, muss Clara so schnell wie möglich die Geheimnisse der Familie lüften. Dabei braucht sie alle Hilfe, die sie kriegen kann und die Zeit läuft ihr davon …
Alle Bände der Ein Fall für Miss Fitzgerald-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.
Erste Leser:innenstimmen
„Ein sehr spannender Cosy Crime mit einer cleveren Heldin!“
„Dieser historische Krimi hat alles, was man von einem guten Cosy Crime erwartet: eine interessante Ermittlerin, eine verworrene Familiengeschichte und jede Menge Charme!“
„Die Mischung aus mysteriösen Todesfällen, Familienintrigen und Claras cleveren Ermittlungen macht diesen Cosy Krimi zu einem humorvollen Leseerlebnis.“
„Clara ist eine sympathische und kluge Detektivin, die man sofort ins Herz schließt.“
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Seitenzahl: 389
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Als Clara Fitzgerald der Einladung zur Hochzeit ihres Cousins Andrew folgt, ahnt sie nicht, dass sie mehr Privatdetektivin als Gast sein wird. Denn etwas an der bevorstehenden Trauung stimmt ganz und gar nicht. Nicht nur, dass weder der Bräutigam noch seine Familie Interesse an den bevorstehenden Feierlichkeiten zeigen, es taucht auch eine Frau auf, die behauptet, bereits mit Andrew verheiratet zu sein. Nicht lange nach ihrer Ankunft ist die vermeintliche erste Ehefrau tot – vergiftet, ebenso wie ein unliebsamer Onkel, den sowieso keiner dort haben wollte. Mit Andrew als dem Hauptverdächtigen und einem Giftmörder, der es auf die Hochzeitsgesellschaft abgesehen hat, muss Clara so schnell wie möglich die Geheimnisse der Familie lüften. Dabei braucht sie alle Hilfe, die sie kriegen kann und die Zeit läuft ihr davon …
Alle Bände der Ein Fall für Miss Fitzgerald-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.
Deutsche Erstausgabe Oktober 2024
Copyright © 2026 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98998-248-2 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98998-470-7 Hörbuch-ISBN: 978-3-98998-266-6
Copyright © 2014, Red Raven Publications Titel des englischen Originals: Murder in Mink (A Clara Fitzgerald Mystery 3)
Übersetzt von: Lennart Janson Covergestaltung: Emily Bähr unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © Pedal to the Stock, © Peter Zijlstra, © Wirestock Collection, © KathySG, © merrymuuu Korrektorat: Katrin Ulbrich
E-Book-Version 03.03.2026, 14:19:18.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
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Wenn Hochzeitsgäste vergiftet werden und nur der Bräutigam unter Verdacht steht …Ein weiterer mysteriöser Fall für die cleverste Privatdetektivin in der englischen Küstenstadt Brighton
Clara war zu dem Schluss gekommen, dass Automobile ein überaus unerfreuliches Fortbewegungsmittel waren; insbesondere, wenn sie offen waren, sodass man seinen Hut mit aller Kraft festhalten musste. Außerdem zog sie es vor, die Augen geschlossen zu halten, für den Fall, dass sich irgendein Tier auf die Straße verirrte. Vor einigen Kilometern hatte ein Landarbeiter den Zorn des Fahrers auf sich gezogen, weil er so dreist gewesen war, auf der Straße zu laufen. Diese rüpelhafte Reaktion hatte Clara verblüfft, doch es kam ihr so vor, dass alle „Automobilliebhaber“ so fuhren und alle anderen Menschen auf der Straße so behandelten. Sie fragte sich, wie es eine solche unbeseelte Maschine schaffte, die schlimmsten Wesenszüge der Menschen zum Vorschein zu bringen.
Claras Bruder Tommy saß neben dem Fahrer und beobachtete jeden Schaltvorgang und jede Lenkradbewegung mit der Aufmerksamkeit eines Mannes, der sich ein eigenes Automobil wünschte. Tommy war als Krüppel aus dem Krieg zurückgekehrt, doch was er alles tun würde, wenn er nur seine Beine benutzen könnte! Er liebte Automobile, dachte Clara. Wenn er doch nur diesen Arzt aufsuchen würde, der glaubte, ihm helfen zu können!
Sie nahmen eine scharfe Kurve und erreichten ein Dorf. Der Fahrer war nicht älter als achtzehn, davon war Clara überzeugt, und er hupte laut, als müsse jeder erfahren, dass er da war. Einige Menschen traten zur Seite, während andere ihm böse Blicke zuwarfen. Clara versuchte, sich an seinen Namen zu erinnern. Jimmy oder Timmy, auf jeden Fall irgendetwas, das auf „y“ endete. Er hatte sie vom Bahnhof abgeholt, entsprechend der Anweisung seiner Arbeitgeber, der Familie Campbell (zu der auch Claras und Tommys Cousins gehörten). Mit dem Automobil sollten sie dann zum Landsitz der Campbells gebracht werden. Clara hatte so etwas schon befürchtet, da sie vernommen hatte, dass die Campbells etwas für moderne Dinge übrighatten und mindestens zwei Automobile besaßen.
Sie schloss die Augen, während das Fahrzeug im Zickzack den schmalen Weg zwischen zwei Cottages entlangraste. Der Durchgang konnte gar nicht breit genug für das Automobil sein, doch Jimmy oder Timmy wurde kaum langsamer.
Die ganze Angelegenheit hatte Clara sehr beschäftigt, seit vor zwei Wochen der Brief angekommen war. Abgesehen vom traditionellen Austausch von Weihnachtskarten hatte sie seit Jahren nicht mehr an die Familie Campbell gedacht. Ihr Großvater hatte eine Schwester Namens Rosalie gehabt, die Josiah Campbell geheiratet hatte, den Erben eines erfolgreichen Kohleförderunternehmens. Rosalie war zusammen mit Josiah in den Norden gezogen und hatte zwei Söhne zur Welt gebracht, während ihr Bruder etwas zurückhaltender gewesen war und nur ein Kind gezeugt hatte – Claras Vater. Um 1900 hatte Josiah Campbell die aufsteigenden Probleme in der Kohleindustrie kommen sehen und seine Mine für eine absurde Summe verkauft. Ein großer Glücksgriff. Binnen weniger Jahre war der Kohlemarkt eingebrochen und der Krieg hatte weitere Katastrophen mit sich gebracht: Die Preise fielen, Arbeiter mussten entlassen werden und Kohleminen wurden schnell von der goldenen Gans zu nutzlosem Besitz, der nur Geld verschlang.
Josiah Campbell hatte seine Entscheidung nie bereut. Das Geld hatte er investiert und es erst verdoppelt und dann verdreifacht. Es gab Gerüchte über zwielichtige Geschäfte während des Krieges, doch man hatte ihm nie etwas nachweisen können. Als Josiah 1918 gestorben war – in dem Wissen, dass seine drei Enkelkinder den Krieg überlebt hatten – war er Multimillionär gewesen. Seine Söhne hatten das Vermögen gerecht unter sich aufgeteilt. Jetzt, zwei Jahre später, stand eine Hochzeit ins Haus: Das älteste Enkelkind Andrew würde am Samstag heiraten und zu diesem Anlass mussten sämtliche Familienzweige versammelt werden, selbst die entfernten Cousins und Cousinen.
Natürlich war Clara ein wenig angespannt. Hogarth Campbell war der jüngere von Josiahs Söhnen und hatte Kontakt zu Claras Vater gepflegt, da die beiden in ihrer Kindheit mal einen Sommer zusammen verbracht hatten.
Nach dem Tod von Claras Eltern war ein überschwänglicher Brief von Hogarth eingetroffen, in dem er den Verlust bitterlich betrauert hatte. Sie hatte ihn und seine Frau Glorianna wohl bei der Beerdigung ihrer Eltern zum letzten Mal gesehen. Dann waren da noch die Kinder gewesen: Andrew, Penelope (Peg) und Susan. Clara erinnerte sich dunkel daran, sie am Ende des Trauerzugs gesehen zu haben. Andrew hatte Uniform getragen, da er auf Heimaturlaub gewesen war, während Peg und Susan zueinander passende, schwarze Kleidung getragen hatten und noch wie Schülerinnen gewirkt hatten. Sie mussten jetzt achtzehn und zwanzig sein. Clara fragte sich, ob sie sie wiedererkennen würden.
Das Automobil fuhr zwischen zwei steinernen Torpfosten hindurch, die mit brüllenden Löwenköpfen verziert waren. Der Fahrer trat aufs Gas, sodass sie Kies aufwirbelten, während sie die Zufahrt hinauffuhren. Clara traute sich, einen Blick in die Gegend zu werfen. An beiden Enden des Rasens standen dekorative Kiefern, unter denen Stühle aufgestellt worden waren, und in einer Ecke hatte man alles für eine Partie Krocket aufgebaut und dann zurückgelassen. Vögel trällerten in den Baumkronen, doch Clara fiel auf, dass es keine Blumenbeete gab, was sie enttäuschte. Der April war dem Mai gewichen und es war die Zeit der Blüten. Ein so großer Garten ohne Blumen kam ihr eigenartig vor.
Ein Haus im neoklassischen Stil ragte vor ihnen auf. Der Fahrer lenkte das Automobil um die enge Kurve der Auffahrt und hielt vor der Haustür. Clara sprang hinaus, noch ehe er die Handbremse angezogen hatte, da sie nicht davon überzeugt war, dass er nicht auf der Stelle weiterrasen würde. Ein Butler kam die Vortreppe herunter, um sie in Empfang zu nehmen.
„Miss Fitzgerald?“
„Ja.“
Der Butler hob eine Hand und zwei junge Männer kamen heran, um das Gepäck aus dem Fahrzeug zu holen.
„Mein Bruder braucht Hilfe.“
Der Butler lächelte ihr wissend zu, ging persönlich um das Automobil herum, holte den Rollstuhl heraus und half Tommy hinein.
„Danke, alter Junge“, knurrte Tommy, während man ihm in den Stuhl half.
„Sehr gern, Sir. Düfte ich Sie bitten, mir zu folgen? Mir wurde aufgetragen, Sie in den Sommersalon zu führen, wo die Familie auf Ihr Eintreffen wartet.“
Clara wurde zunehmend nervös. Normalerweise machte sie sich keine großen Sorgen um ihr Auftreten, doch sie hatte den eigenartigen Wunsch, bei ihren Cousins einen guten Eindruck zu machen. Sie fasste sich einem Automatismus folgend an den Hut, strich ihren Rock glatt und richtete den Stoff, der an ihrer Hüfte heraufgerutscht war und beinahe verriet, dass sie eine gute Figur hatte. Leider war sie nicht davon überzeugt, dass sie gut genug war.
„Hier entlang, bitte.“ Der Butler hüstelte höflich, während er dabei war, Tommy in seinem Rollstuhl die Treppe heraufzuziehen.
Jimmy oder Timmy der Fahrer fuhr mit dem Automobil davon. Jetzt gab es kein Entkommen mehr. Clara wappnete sich und ging dem Wiedersehen mit ihren Cousins entgegen.
„Tommy, du siehst prächtig aus!“ Glorianna Campbell kam in extravaganten, hochhackigen Schuhen und einem Kleid, das Clara jüngst in einer Werbeanzeige für Harrods gesehen hatte, über den Teppich gefegt. Sie war schon über vierzig, doch sie war die zweite Ehefrau, was ihr eine Ausrede gab, um Kleider zu tragen, die an ihren Stieftöchtern angemessener ausgesehen hätten.
Sie kam heran, die Arme in einer theatralischen Geste weit ausgebreitet, und umarmte Tommy mit falscher Begeisterung, wobei sie ihm einen Kuss auf die Stirn gab und dort mit ihrem Lippenstift einen Fleck hinterließ.
„Oh, Clara, du siehst toll aus! Die längeren Haare stehen dir gut!“
Clara wurde auf die gleiche Weise umarmt und mit einem Kuss auf beide Wangen bedacht. Gloriannas Augen leuchteten ein wenig zu hell.
„Es freut mich so sehr, dass ihr es einrichten konntet. Es ist schon viel zu lange her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich sagte schon zu Hogarth, dass nie wieder so viel Zeit ohne einen Besuch vergehen darf! Drinks?“
„Nur einen Gin Tonic … mit wenig Gin“, sagte Clara.
„Oh, mach doch einen Cocktail daraus!“ Glorianna strahlte. „Peg mixt vortreffliche Getränke. Peg, wie hieß dieser neue Cocktail, den du vergangenes Jahr aus Amerika mitgebracht hast? Ein Mississippi? Ein New York?“
„Ein Boston Belle.“ Peg hatte lässig am anderen Ende des Raumes am Kaminsims gelehnt und kam jetzt zu ihrer Stiefmutter herüber.
Clara hätte sie auf den ersten Blick überhaupt nicht erkannt. Das Schulmädchen gehörte definitiv der Vergangenheit an. Peg trug eine Hose und ihr Haar war so kurz geschnitten, dass es gerade so ihre Ohrläppchen erreichte. Sie war auffällig androgyn in ihrem Auftreten und strahlte nicht ein bisschen Weiblichkeit aus, wie sie so in ihren absatzlosen Schuhen dastand; doch als maskulin hätte man sie nun auch nicht beschreiben können.
„Ich werde ihn mixen“, bot Peg an, während sie Clara und Tommy zulächelte. „Glory vertut sich immer bei den Mengen.“
„Ich dachte, unsere amerikanischen Freunde hätten Alkohol verbannt?“, merkte Tommy an.
„In der Tat. Seit Januar gibt es die Prohibition. Ich war allerdings von Oktober bis Dezember dort, so sind mir diese Schrecken erspart geblieben. Mir tun all diese armen Trinker leid. Was sollen sie nur tun?“ Peg grinste schalkhaft.
„Ich schätze, ihr habt Peg nicht mehr gesehen, seit sie ein kleines Mädchen war, oder?“ Glorianna verzog ganz leicht das Gesicht, doch das mochte auch Zufall gewesen sein.
Clara warf Tommy einen Blick zu, der sich kein bisschen an Pegs Äußerem zu stören schien.
„Peg, bist du eine dieser modernen Frauen, die Männer nicht ausstehen können?“, fragte er so direkt, dass selbst Clara davon überzeugt war, er müsse damit einen Fauxpas begangen haben.
Glorianna verspannte sich, wodurch die Konturen ihres Kleides deutlich gerader wurden. Peg hingegen lachte laut los.
„Sei nicht albern, Tommy. Ich mag Männer, solange sie nicht von mir erwarten, sie zu heiraten.“ Sie hielt ihm ein Glas mit einer klaren Flüssigkeit hin. „Wie steht es mit dir?“
„Geht mir genau so.“ Tommy grinste.
Die angespannte Situation war entschärft und niemand schien sich beleidigt zu fühlen. Tatsächlich bekam Clara den Eindruck, dass Tommy bereits Gefallen an Peg gefunden hatte.
„Du warst also in Amerika?“
„Nur kurz. Es hat mir nicht gefallen. Dort laufen zu viele Gangster herum, ohne dass sich die Polizei daran stören würde. Allerdings wissen die Amerikaner, wie man gute Cocktails macht.“
„Gangster?“
„Amerikaner!“
Clara nippte vorsichtig an ihrem Getränk. Der Cocktail schmeckte recht süß und hatte einen leicht bitteren Nachgeschmack. Welcher Alkohol auch immer darin sein mochte, er war gut versteckt, was vermutlich bedeutete, dass es sich um ein überaus berauschendes Getränk handelte.
„Hogarth? Willst du nicht Hallo sagen?“ Glorianna winkte einen dicken Mann heran, der sich zu ihrer Rechten im Hintergrund gehalten hatte, bis sich der Wirbel um Peg gelegt hatte.
Jetzt trat er gut gelaunt vor.
„Clara, meine Liebe! Sieh dich nur an! Ich habe dich noch als kleines Mädchen vor Augen. Du hast eine Puppe im Kinderwagen herumgeschoben und dich geweigert, deine Karotten zu essen. Jetzt bist du erwachsen!“
Hogarth war so übergewichtig, dass sich die Ärzte gewiss Sorgen machten und ihm Flüssignahrung und körperliche Ertüchtigung verschrieben. Er war sehr breit, hatte ein gerötetes Gesicht und schwitzte leicht, nur weil er seinen massigen Körper herumschleppen musste. Doch er war freundlich und gab sich einladend. Er umarmte Clara und sie roch nichts als Seife und Rasierwasser. Sein Blick wirkte heiter und er schien sich aufrichtig über ihre Anwesenheit zu freuen.
„Dein Vater wäre sehr stolz.“ Er schob sie auf Armlänge von sich, um sie besser betrachten zu können, und in seinem Augenwinkel hing eine Träne. „Der arme Albert.“
„Hogarth, mach dich nicht unglücklich. Dies ist ein heiterer Anlass.“ Glorianna tätschelte liebevoll seinen Arm. „Du erinnerst dich noch an Andrew und Susan, oder, Clara?“
Hogarths andere Kinder verschwanden beinahe hinter seiner breiten Figur. Andrew war groß und schlank; das genaue Gegenteil seines übergewichtigen Vaters. Er wirkte ein wenig hochmütig und lächelte nicht, als er Clara die Hand gab. Für einen Bräutigam wirkte er nicht allzu begeistert. Susan war quirlig und ihrem Vater recht ähnlich. Sie packte Claras Hand und betonte immer wieder, wie sehr sie sich freute … über alles; die Hochzeit, Claras Besuch, die Feiern, das Essen, die Kleider … einfach alles. Clara vermutete, dass einem schwindelig werden konnte, wenn man zu viel Zeit in Susans Gesellschaft verbrachte. Da alle im Raum einander begrüßt hatten, widmete sich Glorianna wieder ihren Aufgaben als Gastgeberin.
„Ihr werdet jetzt gewiss auf eure Zimmer gehen wollen, um euch vor dem Abendessen frisch zu machen. Wir essen um sieben, aber um sechs gibt es Cocktails. Wir erwarten heute Abend auch noch Onkel Eustace. Erinnert ihr euch an ihn?“
Clara konnte sich den älteren der Campbell-Brüder nicht ins Gedächtnis rufen; sie war der Meinung, dass er nicht bei der Beerdigung ihrer Eltern gewesen war.
„Das macht auch nichts. Ihr werdet ihn bald kennenlernen. Wir sind beim Essen nicht allzu förmlich. Oh, beinahe hätte ich es vergessen. Die gute Laura wird auch hier sein. Sie ist die Braut.“
Clara und Tommy wurden zu ihren Zimmern geführt (die sich Tommy zuliebe im Erdgeschoss befanden), und waren nach dieser Begegnung mit den Campbells ein wenig benommen. Peg hatte die Ehre, ihnen ihre Zimmer zu zeigen, und schob Tommy dabei vor sich her, als würde sie ihn schon seit Ewigkeiten kennen.
„Was hältst du von uns?“, fragte sie.
Clara hob den Blick.
„Wie bitte?“
„Nun, du bist eine Detektivin, nicht wahr? Eine tolle Sache, übrigens. Aber da musst dir doch deine Gedanken machen, wenn du diesen Haufen siehst.“
Clara wollte das nicht bestätigen, doch Tommy war etwas redefreudiger.
„Clara lässt sich nicht gern in die Karten schauen, aber ich nehme an, du hast dir eigene Gedanken gemacht, Peg.“
„Ich denke so Einiges, aber ich glaube, das liegt daran, dass ich so lange in Amerika war und mich an Orten aufgehalten habe, wo Gangster ihr Unwesen treiben. Ihr müsst wissen, dass man da drüben sehr vorsichtig sein muss, da man nie weiß, wer der Böse ist. Doch man spürt ständig die unterschwellige Spannung. Und als ich nach Hause kam, nun ja, ich weiß auch nicht, aber hier schien ich die gleiche Spannung wahrzunehmen.“
„Das liegt vermutlich nur an der Hochzeit“, entgegnete Clara. „Bei einem solchen Anlass wird jeder nervös.“
„Nun ja, du bist noch nicht lange hier. Mit der Zeit wirst du sehen, was ich meine.“ Peg blieb vor ihren Zimmern stehen. „Irgendetwas ist hier faul. Vielleicht plant einer von ihnen einen Mord!“
Peg lachte lauthals los, doch Clara wusste nicht, was daran amüsant sein sollte. In den vergangenen Monaten war sie in zwei Mordfälle verwickelt worden, einer aktuell und einer aus der Vergangenheit. Und an diesen Fällen war absolut gar nichts amüsant gewesen.
„Nun, wir sehen uns am Abend wieder. Wiedersehen.“ Peg winkte und überließ es ihnen, sich in ihren Zimmern umzusehen.
Clara schob Tommy in seinen Raum.
„Ich hoffe, diese Sache, die man über Polizisten sagt, trifft nicht zu; dass sie niemals Urlaub haben, weil ihnen die Arbeit immerzu folgt“, sagte Tommy.
Clara schaute in neugierig an.
„Warum?“
„Weil das auch auf Detektive und Detektivinnen zutreffen könnte.“
„Ach, sei nicht albern.“ Clara verdrehte die Augen. „Wir besuchen eine Hochzeit. Es gibt nicht viel, was Mordgedanken ferner sein könnte. Wir müssen nur das Wochenende überstehen, dann können wir nach Hause zurückkehren.“
„Ja, du hast recht.“ Tommy schüttelte seine düstere Stimmung ab. „Peg hat eine ganz eigene Art, nicht wahr?“
„Ich vermute, dass sie andere gern schockiert.“
„Das bezweifle ich nicht. Aber wenigstens ist sie lebhaft.“ Tommy schaute sich in seiner Unterkunft um. „Hast du dich je gefragt, wie es wäre, wenn unser Großvater derjenige mit dem Vermögen gewesen wäre?“
Clara warf einen Blick auf die grünen Vorhänge und nahm den schwachen Geruch nach frischer Farbe wahr, der noch in der Luft lag.
„Ich versuche, es zu vermeiden. Das Leben ist mit Geld viel komplizierter.“
Laura Pettibone verfügte über etwas zu viel Geld und nicht über genug gesunden Menschenverstand. Sie tauchte in einem paillettenbesetzten Kleid zum Abendessen auf, das eher einem Unterkleid glich und in Falten über ihre unnatürlich flache Brust fiel. Ihr hübsches, blondes Haar war kurzgeschnitten und eine Locke hing ihr neckisch in die Stirn. Sie drehte sich, um auf Hogarths Wunsch hin ihr Kleid zu präsentieren, woraufhin der alte Mann schallend loslachte und sich laut fragte, was nur aus der Welt geworden sei. Die lebhafte Susan begrüßte Laura wie eine lange verschollene Schwester. Sie konnte nicht an Lauras Glanz heranreichen, dafür war sie viel zu unscheinbar, doch sie hatte ihr Bestes gegeben, mit grünem Samt und Perlen.
Laura kicherte und gab jedem die Hand, bis sie ihren Verlobten erreichte, der sie mit einem zärtlichen Kuss auf die Wange begrüßte. Gleichzeitig lächelte er zum ersten Mal an diesem Abend.
Clara beobachtete Laura aus sicherer Entfernung – ihr Glanz war ein wenig überwältigend – und fragte sich, was dieses ungleiche Paar zusammengebracht hatte. Andrew musste bestimmt zehn Jahre älter sein als seine Braut, zumindest nach Claras Einschätzung. Er passte so gut zu Laura wie eine Maus zur Katze. Doch als Laura aufgetaucht war, hatte sich etwas in ihm verändert. Seine Muskeln hatten sich entspannt, sein Gebaren war lockerer geworden und er wirkte jetzt beinahe menschlich.
„Was hältst du von ihr?“ Peg kam mit Tommy zu ihr. Sie war ihm den ganzen Abend nicht von der Seite gewichen, als wäre Tommy ein Schild gegen die ungebändigte Weiblichkeit, von der sie umgeben waren. Selbst Glorianna hatte Mascara aufgetragen.
„Sie ist nicht ganz das, was ich erwartet hatte“, gab Clara zu.
„Viel Schein, wenig Sein“, sagte Peg unverblümt.
„Macht das etwas aus?“ Tommy grinste sie beide an.
Peg und Clara tauschten einen Blick.
„Typisch Mann.“
„Ich weiß.“
„Wollen wir mal sehen, was all der Glanz bringt, wenn die erste Krise ins Haus steht.“ Peg schüttelte den Kopf. „Manchmal verzweifle ich am weiblichen Teil der Menschheit.“
„Es ist genug Platz in dieser Welt, für glanzvolle Frauen und stumpfere Exemplare wie uns, Peg.“ Clara lächelte.
„Warte nur ab, bis du dich ein wenig mit ihr unterhalten hast!“ Peg ging sich noch einen Cocktail machen.
„Du hast eine neue Freundin gefunden.“ Clara grinste Tommy an, sobald die Luft rein war.
„Peg ist gute Gesellschaft. Wusstest du, dass sie einen Rennwagen hat?“
„Wirklich?“
„Ja, oben an der Rennstrecke Brooklands. Andrew besitzt auch einen. Übrigens: Sie würde es zwar nicht zugeben, doch Peg ist schrecklich eifersüchtig auf all diesen Hochzeitstrubel.“
Das überraschte Clara.
„Ich hätte nicht gedacht, dass sie sich daraus etwas macht.“
„Anscheinend doch. Peg ist ein komplexes Wesen, und trotz ihres Auftretens ist sie immer noch eine Frau.“
Sie wurden von dem Butler zum Essen geführt, der sie auch bei der Ankunft begrüßt hatte. Die frühen Cocktails waren Clara etwas zu Kopf gestiegen und ihr war ein wenig schwummrig, als sie neben Andrew Platz nahm; beinahe direkt gegenüber seiner zukünftigen Ehefrau.
„Ich bin so froh, dass Sie der Hochzeit beiwohnen werden, Clara“, sprudelte es aus ihr heraus, kaum dass alle saßen. „Als wir mit der Hochzeitsplanung anfingen, befürchtete ich schon, dass wir überhaupt keine Gäste haben würden. Mein Vater hat nicht mehr viele Verwandte, die noch am Leben sind, oder irgendetwas anderes als steinalt. Und Freunde hat er auch keine. Ich muss mich darauf verlassen, dass Andrew die Kirche mit Gästen füllen kann.“
„Wer ist Ihr Vater?“, fragte Clara höflich, während sie erleichtert feststellte, dass eine leichte Suppe in kleinen Schüsseln serviert wurde. Sie wusste wieder, warum sie so selten Alkohol trank.
„Meinem Vater gehört die neue Gummifabrik. Und, nun ja, davor hat er auch noch andere Dinge gemacht. Aber seit 1918 ist er im Gummigeschäft. Er macht Reifen; dadurch habe ich Andrew kennengelernt. Mein Vater führt seine Reifen in Brooklands vor.“
„Und Ihre Mutter?“ Clara traute sich, einen Löffel von der Suppe zu kosten.
„Die ist mit einem Handelsreisenden durchgebrannt, als ich noch ein Kind war. Das hat mir zumindest mein Vater so erzählt. Sie schreibt mir nie.“
Diese direkte Antwort ließ Clara kurz zögern. Laura schien die Wirkung ihrer Offenheit gar nicht zu bemerken. Sie schien sich nicht darüber bewusst zu sein, wie ungewöhnlich es war, so unverblümt zu sprechen.
„Mein Vater verwöhnt mich nach Strich und Faden, weil sie fort ist. Er wird mich sehr vermissen, wenn ich mit Andrew ein neues Leben anfange. Ich habe ihm versprochen, dass wir ihn oft besuchen kommen. Ich glaube, sonst würde er das nicht aushalten.“
Andrew hatte während dieser gesamten Unterhaltung geschwiegen und seine Suppe gelöffelt. Jetzt hob er den Blick.
„Er wird bestens zurechtkommen, Laura. Seine Fabrik wird ihn beschäftigt halten.“
„Aber wir werden ihn besuchen, oder?“
„Gelegentlich. Zu Weihnachten und ähnlichen Anlässen.“
Laura schien ein wenig in sich zusammenzusinken. Sie rührte eine Weile in ihrer Suppe herum und die Unterhaltung erstarb, sodass Clara hören konnte, was am anderen Ende des Tisches vor sich ging.
„Penelope, meine Liebe, du wirst am Samstag ein Kleid tragen, und einen hübschen Hut“, sagte Glorianna.
„Das ist doch verdammter Unsinn! Warum sollte ich bei einer Hochzeit ein Kleid tragen müssen? Ich bin nicht die Braut!“
„Achte auf deine Wortwahl, junge Dame“, grummelte Hogarth in seine Suppe. „Du wirst tun, was deine Mutter sagt.“
„Bitte bezeichne Glory nicht als meine Mutter.“ Peg klang eher genervt als wütend.
„Sie ist so gut wie deine Mutter. Abgesehen davon geht es am Samstag um deinen Bruder, nicht um dich.“
Die wütende Unterhaltung verebbte, als Laura gerade wieder zum Leben erwachte.
„Peg sagte, dass Sie eine Detektivin sind, Clara. Stimmt das?“
„Das stimmt.“ Clara legte ihren Löffel ab, obwohl sie die Suppe kaum angerührt hatte.
„Sie ermitteln bei Verbrechen? Wie in den amerikanischen Romanen?“
„Manchmal. Aber ich suche auch verschwundene Katzen, verschollene Verwandte und kläre alle möglichen banalen Probleme. Vergangene Woche hat eine Dame mich angeheuert, um ein Strickmuster ausfindig zu machen, das sie haben wollte.“
„Das klingt recht langweilig“, warf Andrew ein und Clara hörte den spöttischen Unterton.
„Nur teilweise. Ich helfe eben gerne Menschen, und manche von uns müssen ohne reichen Vater auskommen.“ Sie bereute die Worte, noch während sie sie aussprach. Sie biss sich reumütig auf die Zunge. Ihr Temperament würde eines Tages noch ihr Untergang sein. Es meldete sich besonders dann, wenn andere ihre Arbeit schlechtredeten.
„Ich bin mir sicher, dass es ein interessanter Beruf ist.“ Laura schaltete sich als Friedensstifterin ein. „Mussten Sie je einen Mörder finden?“
„Ja. Schon zweimal.“
„Siehst du? Das ist doch aufregend!“
Plötzlich hämmerte jemand gegen eine Tür und alle Gäste schauten auf. Das Geräusch schien aus der Eingangshalle gekommen zu sein, und kurz darauf konnten sie hören, wie die Haustür geöffnet wurde und jemand eintrat.
„Ist das …“ Glorianna wurde blass. „Ich dachte, er hätte zugestimmt, erst nach dem Abendessen zu kommen.“
„Du weißt, wie Eustace mit Zeitvorgaben ist. Aber irgendwann musste er so oder so auftauchen“, sagte Hogarth beschwichtigend.
Clara blickte sich neugierig am Tisch um, in der Hoffnung, jemand würde die plötzliche Anspannung im Raum erklären. Sie begegnete kurz Pegs Blick, doch falls sie im Sinn gehabt hatte, etwas zu sagen, wurden diese Pläne durchkreuzt, als die Tür des Speisezimmers aufflog und ein Riese von einem Mann hereingestürmt kam.
Onkel Eustace war über zwei Meter groß und hatte Hogarths Dimensionen, wenn auch nicht im gleichen Extrem. Er war außerdem cholerisch und trank oft zu viel. Das war die besten Eigenschaften, an die Clara sich noch aus seltenen Anmerkungen erinnern konnte, die sie zu Hause aufgeschnappt hatte. Er blickte sich wie ein rasender Irrer im Raum um.
„Ihr habt ohne mich angefangen?“
„Eustace! Was für eine Überraschung!“ Glorianna erhob sich und bedeutete Hogarth, einen weiteren Stuhl zu holen. „Ich hatte dich nicht vor neun Uhr erwartet.“
„Das weiß ich. Deshalb bin ich früher gekommen. Ich wusste, dass ihr ohne mich essen würdet. Was ist los, Glorianna? Schämst du dich für mich? Willst du nicht, dass ich an deinem prächtigen Esstisch sitze und vielleicht etwas Peinliches sage?“
Glorianna lief tiefrot an, fächelte sich verlegen mit einer Hand Luft zu und warf ihren Gästen ein angespanntes Lächeln zu.
„Unsinn, Eustace, ich dachte nur an die Zugfahrpläne, mehr nicht.“
„Du warst noch nie eine gute Lügnerin, Glorianna.“ Eustace kam mit schweren Schritten in den Raum. Als er an Clara vorbeikam, nahm die eine Bierfahne wahr. „Es ist mir eigentlich egal, weißt du? Ich bin es gewohnt. Mein Vater hat sich auch immer für mich geschämt.“
„Vielleicht wäre das anders, wenn du nicht ständig stinken würdest wie eine Brauerei“, knurrte Hogarth, während er seinen Bruder zu einem Stuhl scheuchte, den er rasch zwischen sich und seine Ehefrau gestellt hatte.
„Ich hatte einen kleinen Drink, bevor ich in den Zug gestiegen bin.“ Eustace ließ sich unter besorgniserregendem Knarren auf den Stuhl sinken. „Ich hasse es, zu warten. Mit ein oder zwei Bier lässt sich die Zeit vertreiben.“
„Oder fünf.“ Andrew zog eine Grimasse.
„Andrew! Hogarth!“ Glorianna warf den beiden Männern ernste Blicke zu. „Eustace ist unser Gast und ich will nichts mehr von eurem Gerede hören.“
„Die gute, alte Glory … immer versucht sie, den Frieden zu wahren. Man hätte dich im Krieg nach Frankreich schicken sollen. Es hätte einige unserer Männer gerettet, wenn du die verdammten Hunnen hättest beschwichtigen können.“ Eustace lachte herzlich, doch niemand am Tisch stimmte ein.
„Suppe, Eustace?“ Glorianna bedeutete einem der Bediensteten, ein zusätzliches Gedeck zu bringen.
„Wenn es dir nichts ausmacht, nehme ich gleich das richtige Essen.“ Eustace zwinkerte den Gästen theatralisch zu, dann landete sein Blick auf Peg. „Wer ist dieser Kerl? Ich habe ihn noch nie zuvor gesehen.“
„Das ist Penelope“, sagte Hogarth mit unverhohlener Wut.
„Ich dachte, Penelope wäre ein Mädchenname.“
„Das ist er.“
Clara begegnete Tommys Blick. Er war von Onkel Eustaces Auftritt halbwegs amüsiert, doch der Rest der Familie offensichtlich nicht.
„Wo ist die zukünftige Braut?“ Eustaces Blick wanderte um den Tisch herum und blieb kurz an Clara hängen, bis Laura sich selbst vorstellte.
„Ich bin die Braut!“ Sie kicherte und streckte eine Hand aus, die Eustace über den Tisch hinweg nur unter Anstrengung erreichte. „Schön, Sie kennenzulernen, Onkel Eustace. Ich bin Laura.“
„Na, du bist vielleicht ein Augenschmaus, was?“ Eustaces Augen waren groß geworden. „Wie in aller Welt hast du dir die geschnappt, Andrew?“
Glorianna versuchte, alle mit dem eintreffenden Hauptgericht abzulenken, doch Eustace hatte sich auf Laura eingeschossen.
„Wirklich erstaunlich. Warum willst du diesen alten Quengler heiraten? Du solltest dir einen lebenslustigen Mann suchen.“
„Oh, aber Andrew ist lebenslustig!“
Eustace brach wieder in dröhnendes Gelächter aus.
„Hör sich das einer an.“
„Eustace, unterlasse es, meine Kinder zu beleidigen!“, blaffte Hogarth.
„Aber schau sie dir an, Mann! Sie ist eines dieser modischen Mädchen. Nichts als Gekicher und Beine. Sie ist nicht Andrews Typ!“
„Ich glaube, ich kann selbst entscheiden, wer mein ‚Typ‘ ist, danke“, antwortete Andrew geringschätzig, womit er sich als genau so ernst und langweilig darstellte, wie es ihm sein Onkel vorgeworfen hatte.
„Wenn du das sagst, Andrew. Ich bin nicht hier, um Ärger zu machen.“ Eustace nahm einen Teller mit Ente in Orangensoße entgegen und für einen Moment breitete sich Frieden an der unruhigen Tafel aus.
Clara stocherte in ihrer Ente herum. Mit dem Essen ließ die Wirkung des Cocktails nach, doch ihre Gedanken rasten zu sehr, als dass sich Appetit hätte einstellen können. Eustace war ganz anders als sein Bruder Hogarth. Er war rüpelhaft, ungehobelt und derb. Sein Bruder gab den freundlichen, aufmerksamen Gastgeber, während Eustace wirkte, als wolle er jeden in seiner Nähe verärgern. Clara wusste nicht, ob er schon immer so gewesen war, oder ob Spannungen innerhalb der Familie ihn zu diesem mit Beleidigungen um sich werfenden Mann gemacht hatten. Sie wusste, wie große Familien waren: Üblicherweise brodelte irgendetwas unter der Oberfläche. War Eustace das schwarze Schaf, weil er den Mund nicht halten konnte, oder hatte Missgunst ihn so werden lassen?
Sie warf einen verstohlenen Blick zum anderen Ende des Tisches. Eustace war damit beschäftigt, mit seinen Kartoffeln Soße aufzuwischen. Glorianna wirkte angewidert davon und spielte nur mit ihrem eigenen Essen. Hogarth versuchte angestrengt, seinen Bruder zu ignorieren.
Clara widmete sich wieder ihrer Ente, doch Laura begegnete ihrem Blick.
„Ist er immer so?“
Clara zuckte mit den Schultern, doch Andrew hatte mitgehört.
„Immer“, spöttelte er. „Deshalb hat mein Vater das Anwesen geerbt, obwohl Eustace der ältere Bruder ist. Eustace verprasst all sein Geld in London.“
Lauras Augen wurden groß und sie schaute mit neuem Verständnis zu Eustace, doch es lag nicht unbedingt Abscheu in diesem Blick. Clara hatte den Eindruck, dass sie einigermaßen fasziniert von ihm war. Außerdem stellte Clara fest, dass sie sich ebenfalls fragte, was Laura in ihrem zukünftigen Ehemann sehen mochte, auch wenn sie solche Gedanken im Gegensatz zu Eustace niemals laut aussprechen würde.
Das Abendessen endete mit Eis und Kaffee. Sobald Andrew es sich erlauben konnte, verließ er die Versammlung, indem er anführte, sich zum Rauchen auf die Terrasse zurückzuziehen. Laura schaute ihm mit einem eigenartig gereizten Blick hinterher. Glorianna schlug vor, dass sich die Damen in den Salon zurückziehen sollten. Peg protestierte, doch ein Blick ihrer Stiefmutter brachte sie zum Schweigen. Dieser Abend war nicht die richtige Zeit für kleinliche Streitereien. Clara zog sich zusammen mit Laura zurück, wobei sie Tommys missmutigen Blick bemerkte, als er mit dem übergewichtigen und mittlerweile stark schwitzenden Eustace zurückblieb.
„Und wer bist du?“, bellte Eustace Tommy entgegen, als die Damen hastig zum Salon flohen.
Als sie dort angekommen waren, nahm sich Glorianna eine Zigarette aus einer Schachtel auf dem Kaminsims und entzündete sie ungeduldig.
„Mach uns bitte Cocktails, Peg; irgendetwas Starkes“, flehte sie.
„Für mich nicht“, fügte Clara rasch hinzu. „Ich vertrage Cocktails nur in kleinen Mengen.“
„Bei Dickens, das war furchtbar.“ Glorianna lief vor dem Kamin auf und ab und rauchte, wie es ihr unterbewusstes Verlangen einforderte. „Was ist nur in ihn gefahren, so früh hier aufzutauchen?“
„Er wollte Ärger machen.“ Peg lief zu einem Tablett mit Drinks hinüber. „Du weißt, wie er ist.“
„Ich kann ihn nicht ausstehen!“ Glorianna nahm ein Glas entgegen und stürzte beinahe den gesamten Inhalt herunter. „Wie kann dieser Mann mit Hogarth verwandt sein?“
„Mach dir einfach nichts aus ihm, Glory“, sagte Peg, während sie ihren eigenen Cocktail nahm.
„War er schon immer so? Oder liegt es an mir? Hasst er mich?“
„Onkel Eustace war schon immer eigenartig. Ich weiß nicht mehr, seit wann genau er nicht mehr im Haus willkommen war, doch ich war damals noch ein kleines Mädchen.“
„Er hat dich doch nicht durcheinandergebracht, oder, Laura?“ Susan packte das Handgelenk ihrer Freundin.
„Sei nicht albern!“ Laura grinste in die Runde. „Ich fand das alles recht unterhaltsam. Dinnerpartys können so langweilig sein. Oh, abgesehen von deinen natürlich, Glorianna.“
Glorianna wischte die unbeabsichtigte Beleidigung mit einer Handbewegung weg.
„Also …“ Clara entschied, dass sie an der Reihe war, Fragen zu stellen. „Was muss ich über Eustace wissen?“
„Er ist ein Trunkenbold und Tunichtgut“, sagte Glorianna unverblümt.
„Er kommt nicht gut mit meinem Vater aus, und wie ich hörte, war das schon immer so“, fügte Peg hinzu. „So wie ich das verstehe, sind die beiden praktisch verfeindet. Eustace hält sich üblicherweise fern. Wir sehen ihn vielleicht mal zu Weihnachten oder bei Anlässen wie diesem, doch sonst bleibt er in seinem Club in der Stadt.“
„Verabscheut er diese Tatsache? Also, dass er aus dem Haus seiner Familie verbannt wurde?“
„Falls ja, kann er sich wohl kaum darüber beklagen. Es ist seine eigene Schuld.“ Peg zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, es klaffte ein tiefer Graben zwischen ihm und meinem Großvater. Er wurde nur deshalb nicht enterbt, weil mein Vater sich für ihn eingesetzt hat. Eustace sollte dankbar sein.“
„Das sehen betroffene Menschen nicht immer so“, merkte Clara an.
„Nun, er irritiert mich sehr.“ Glorianna drückte ihre Zigarette aus. „Ich bin froh, wenn ich ihn nach der Hochzeit wieder los bin. Ich werde ihn nicht einladen, länger zu bleiben. Ich versuche, nett zu sein, aber ihr seht ja, wie er dem armen Hogarth das Leben schwermacht.“
„Andrew ist eindeutig wütend“, sagte Laura, beinahe mit einem Hauch von Schadenfreude.
„Oh, Andrew kennt seinen Onkel“, versicherte Peg ihnen allen. „Er wird darüber hinwegkommen.“
„Ich weiß nicht, ob ich das auch schaffen werde.“ Glorianna holte eine weitere Zigarette aus der Schachtel. „Ich bringe ihn um, wenn er Andrews und Lauras Hochzeit ruiniert.“
Clara wünschte sich, die Menschen würden so etwas in ihrer Gegenwart nicht sagen. Solche Kommentare brannten sich ihr auf höchst unangenehme Weise in den Verstand.
Clara nahm die Einladung vor allem aus Neugier an. Warum sollte Laura Pettibone sie ausgerechnet am Tag vor ihrer Hochzeit zu sich bitten? Sie beschloss, niemandem aus der Campbell-Familie von der Einladung zu erzählen, und machte sich auf den Weg über das Anwesen, in Richtung des Dorfes, in dem Laura wohnte. Es war ein schöner Frühlingstag. Bald würde der Sommer folgen und die willkommene Wärme würde alle nach dem feuchten, kalten Winter wiederbeleben. Clara schlenderte den Weg entlang und genoss die Freiheit, abseits der Spannungen im Haus. Was sollte sie von alledem halten? Würde Eustace die Hochzeit ruinieren? Nein, so unsensibel wirkte er nicht auf sie. Er neigte bloß dazu, sich bemerkbar zu machen, indem er sich so grob und aggressiv wie möglich gab. Hogarth würde ihn gewiss in Schach halten.
„Guten Morgen.“
Clara wurde aus ihren Gedanken gerissen und sah, dass der örtliche Vikar seinen Hut hob, um sie zu grüßen. Sie lächelte ihm zu. Ihre Wege kreuzten sich und er lief an ihr vorbei in Richtung der Kirche oben auf dem Hügel. Sie nahm an, dass sie am folgenden Tag mehr von ihm zu sehen bekommen würde.
Der Weg wand sich hinunter ins Dorf und führte Clara an einem kleinen Süßwarenladen und einer Apotheke vorbei, in deren Schaufenster längliche Glasgefäße mit einer blauen Flüssigkeit standen. Sie erreichte das Postamt und ging kurz hinein, um nach einer Wegbeschreibung zu Lauras Haus zu fragen. Kurz darauf war sie wieder unterwegs, bog am Pub rechts ab und merkte plötzlich, dass sie auf ein großes, graues Gebäude zuhielt. Es war nicht so verschwenderisch wie die Campbell-Residenz, aber alles andere als bescheiden. Die Haustür befand sich unter einem Säulenvorbau und zu beiden Seiten gab es eine Reihe von Fenstern mit Blick auf die Zufahrt. Ein Lieferant entfernte sich gerade, als Clara das Tor durchschritt, und das Haus wirkte geschäftig, als wäre es selbst lebendig und sehr beschäftigt. Sie nahm die beiden Stufen vor der Haustür und klingelte.
Ein Dienstmädchen führte sie in Lauras Wohnzimmer im oberen Stockwerk. Die zukünftige Braut hatte es sich in einem seidenen Morgenmantel auf einem weißen Sofa gemütlich gemacht und ihr Haar hing in federnden Locken oberhalb ihrer Schultern. Sie legte ihre Filmzeitschrift beiseite, als Clara eintrat, und streckte die Arme aus.
„Ist es schon elf Uhr?“, fragte sie träge.
„Schon kurz nach.“
Laura erhob sich grazil vom Sofa und umarmte Clara. Für Clara, die eher reserviert war, wenn es um die Bekundung von Zuneigung ging, kam die plötzliche Umarmung einer beinahe Fremden sehr überraschend.
„Ich bin so froh, dass du kommen konntest. Möchtest du mein Hochzeitskleid sehen?“ Laura nahm sie am Arm und zog sie ins benachbarte Schlafzimmer.
Der Raum war ganz in cremefarben und weiß gehalten, sodass Clara beinahe geblendet wurde. In einem anderen Haus hätte er leer gewirkt oder gar kahl, doch die Stapel von Kleidern in sämtlichen Regenbogenfarben, die überall verteilt lagen, wirkten dem entgegen. Schuhe waren wahllos auf dem Teppich abgestellt worden und Schals und Schultertücher hingen in einer Reihe am Bettgestell. Clara fühlte sich in diesem Zimmer eingeengt, obwohl alles so hell war, und sie fragte sich, wie man hier schlafen konnte.
„Das ist es.“ Laura griff nach einem weißen Kleid, das im Gegensatz zur restlichen Kleidung im Raum fein säuberlich an einem Kleiderbügel hing. Es war genau die Art Kleid, die Clara sich für Laura vorgestellt hatte. Gerade geschnitten, mit tiefer Taille, einer Schärpe an der Hüfte und der Rock war mit geraden Plisseefalten versehen. Das Kleid würde kurz über den Knöcheln enden und den Blick auf die weißen Kalbslederschuhe mit breiten Absätzen und Bändern statt Schnürsenkeln freigeben.
„Das hier ist der Schleier.“ Laura zog sich eine enge Haube über den Kopf, die ihren kurzen Bob beinahe verschwinden ließ, und ließ den langen, breiten Schleier vor sich fallen.
Clara trat vor und half ihr, den Stoff zu richten.
„Sehr hübsch.“
„Findest du?“
„Definitiv, und das Kleid wird dir ausgezeichnet stehen.“
„Ich finde es fantastisch.“ Laura legte den Schleier ab und hängte das Kleid wieder weg.
Clara fragte sich, ob sie nur dafür hergebeten worden war; um das Kleid zu begutachten und ihr Urteil dazu abzugeben. Oder steckte noch ein anderes Motiv hinter dieser dringenden Einladung? Denn falls Laura sich einen Mutterersatz wünschte, wäre Glorianna Campbell gewiss die bessere Wahl.
„Mir ist das Kleid aufgefallen, das du gestern Abend getragen hast.“ Laura hatte sich an ihre Frisierkommode gesetzt und kämmte sich das Haar. „Ich finde, es stand dir gut.“
Clara hoffte, dass dieser Kommentar als Kompliment gemeint war. Ihr Dienstmädchen Annie hatte dieses Kleid geschneidert, nach dem Schnittmuster aus einer Frauenzeitschrift. Sie konnte nicht vorgeben, dass es die Klasse eines Designerkleides hatte, doch sie fand, es hatte Flair.
„Trägst du Lippenstift?“, fragte Laura.
„Manchmal.“ Clara holte eine runde Hülle aus ihrer Handtasche und präsentierte den purpurroten Inhalt.
„Aber kein Mascara? Das solltest du ändern. Es würde deine Augen betonen. Hier, ich zeige es dir.“
Clara setzte sich auf einen anderen Stuhl am Frisiertisch und Laura holte eine Dose mit schwarzem Mascara und einen feinen Pinsel hervor.
„Falls es dir zu teuer ist, den Mascara zu kaufen, lass ihn dir von deiner Köchin aus Vaseline und Kohlenstaub herstellen. Das funktioniert ebenso gut. Auch ich habe schon in Notfällen darauf zurückgegriffen.“
Clara ließ sich darauf ein, ihre Augen schminken zu lassen. Sie war sich immer noch sicher, dass es bei dieser Einladung Hintergedanken gegeben hatte, und die könnte sie womöglich aufdecken, wenn sie sich kooperativ gab. Außerdem konnte sie schweigen, solange ihre Augen geschminkt wurden, während Laura weiterplauderte.
„Ich trage seit vergangenem Jahr Mascara. Mein Vater fand es zunächst grässlich, doch er hat sich daran gewöhnt. Andrew hat nie etwas dazu gesagt. Ich weiß nicht, ob es ihm überhaupt aufgefallen ist.“
Es lag ein Zögern in dieser Aussage, das Clara für bedeutsam hielt, auch wenn sie gerade nach oben an die Decke starrte, damit Laura unterhalb ihrer Augen schminken konnte.
„Hast du einen festen Freund, Clara?“
„Nicht wirklich.“
„Es ist nicht leicht, dieser Tage. Ich weiß, dass sich viele meiner Freundinnen über den Mangel an jungen Männern beschweren. Ich schätze, das ist diesem schrecklichen Krieg anzurechnen. Schau dir nur Peg an. Sie hat offensichtlich aufgegeben. Doch ich kann es auch ihr nicht vorwerfen, sich wie ein Mann kleiden zu wollen. Die haben es immer noch am besten, nicht wahr?“
„Aber du hast es geschafft, einen Mann zu finden, den du heiraten willst.“
„Oh, ja! Ich meine, als Andrew um meine Hand anhielt, habe ich die Gelegenheit gleich ergriffen. Wer weiß, ob ich eine weitere Chance bekommen hätte, und ich will nicht als alte Jungfer enden.“
Clara fragte sich, ob hier der Grund für die Einladung lag.
„Wie lange warst du schon mit Andrew zusammen, bevor er den Antrag gemacht hat?“
„Gar nicht.“ Laura hielt inne. „Er war mir eigentlich kaum aufgefallen, wenn ich ehrlich bin. Doch dann fragte er mich, ob ich ihn heiraten wolle, einfach so. Das war 1919 und er sah in seiner Uniform sehr schneidig aus. Ich dachte nur: Warum nicht? Bis zu diesem Zeitpunkt hatten meine Aussichten hoffnungslos gewirkt.“
„Hat es dir keine Sorgen gemacht, dass du ihn gar nicht kanntest?“
Laura legte den Mascara ab.
„Vermutlich schon, oder? Nur ein wenig?“
„Und?“
Laura wischte die Bürste an einem Tuch ab.
„Wie findest du es?“, fragte sie und meinte damit die Schminke.
Clara betrachtete ihr Spiegelbild. Zu ihrer eigenen Überraschung gefiel es ihr, dass der Mascara ihre Augen größer wirken ließ.
„Nicht schlecht.“
„Noch ein wenig Lippenstift dazu, dann ist es perfekt.“ Laura räumte den Tisch auf. „Würdest du einen Mann heiraten, den du kaum kennst, weil du schreckliche Angst davor hast, allein zu sein?“
„Nein“, sagte Clara geradeheraus, doch sie wusste, dass Laura sich nach einer ehrlichen Antwort verzehrte.
„Auf keinen Fall?“
„Einsamkeit macht mir weniger Angst als die Vorstellung, mein Leben mit einem Fremden zu verbringen. Hast du Zweifel, Laura?“
„Oh, nein!“ Laura erhob sich rasch und lief durch den Raum. „Zumindest keine großen.“
„Ich denke, vor einer Hochzeit macht sich jeder Sorgen“, sagte Clara. „Du hast Andrew mittlerweile kennengelernt. Magst du ihn?“
„Oh, Clara, ich liebe ihn!“ Dieser Ausbruch war so leidenschaftlich, dass Clara ihn nur als wahrheitsgemäß akzeptieren konnte.
„Aber?“
„Was hältst du denn von Andrew?“
„Ich kenne ihn kaum.“
„Aber du bist eine Detektivin. Ich war ganz aufgeregt, als Glorianna mir davon erzählte. Die Vorstellung, dass die Cousine meines Ehemannes ein weiblicher Ermittler ist! Selbst Peg war beeindruckt.“
„Das bedeutet nicht, dass ich eine Person auf den ersten Blick einschätzen kann. Du bist es, die Andrew am besten kennt.“
„Das ist das Problem. Ich kenne ihn nicht wirklich; nicht so. Ich denke, er versteckt einiges von sich vor mir.“ Laura ließ sich auf das Bett sinken. „Manchmal verstehe ich ihn nicht. Ich habe keine Angst vor ihm, oder so etwas. Ich begreife nur nicht ganz, wer er ist. Ich glaube, er hat Geheimnisse.“
„Das trifft auf die meisten Menschen zu.“
„Ich möchte alles über ihn wissen, doch er lässt mich nicht an sich heran, und manche Leute …“ Laura presste die Lippen zusammen und starrte ins Nichts. „Was war dein erster Eindruck von ihm? Ganz ehrlich.“
„Ganz ehrlich?“
„Absolut.“
Clara hatte das Gefühl, sich auf gefährlichem Terrain zu bewegen, und beschloss, vorsichtig vorzugehen. Ehrlichkeit hatte eine niedrige Toleranzschwelle.
„Ich halte Andrew für klug, dominant und vom Militär geprägt. Er ist vielleicht ein wenig reserviert; versteckt seine Gefühle. Ich bezweifle, dass er Narren toleriert, doch ich habe keinen Anlass, ihn für grausam zu halten. Ich vermute, dass er wie viele Männer, die im Krieg waren, aus verschiedenen Gründen Schmerzen mit sich herumträgt, die wir nie ganz werden begreifen können.“
„Ja. Ja, das ist Andrew. Siehst du? Ich wusste, dass du klug genug bist, um ihn gleich richtig einzuschätzen!“
Laura klatschte begeistert in die Hände.
„Und denkst du, dass er einen guten Ehemann abgeben wird?“
Das war wirklich gefährliches Terrain.
„Das gilt für die meisten Männer; mit der Zeit. Hat jemand etwas Gegenteiliges verlauten lassen?“
Laura schien in sich zusammenzusinken.
„Susan … Susan scheint zu glauben, dass ich die Sache überstürze.“
„Andrews Schwester?“
„Ja. Sie meint, dass ich kaum genug Gelegenheit hatte, ihn kennenzulernen, um zu wissen, ob ich seine Ehefrau sein will. Sie sagt, dass mir eine herbe Enttäuschung bevorstehen könnte. Aber Susan ist nicht wie ich. Susan möchte ein Leben und eine Karriere haben. Sie kann gut tippen und lernt gerne Dinge. Ich tauge zu gar nichts, außer vielleicht dazu, mich schick zu machen.“ Laura deutete auf einen der Kleiderstapel. „Susan meint es gewiss gut, doch das macht mir schwer zu schaffen.“
„Das kann ich mir vorstellen. Aber es ist ganz und gar deine Entscheidung. Nur du kannst mit Gewissheit sagen, was du von Andrew und der Hochzeit hältst. Wenn du ihn heiraten möchtest, und bereit bist, alles zu akzeptieren, was das Eheleben mit sich bringt, dann sollte niemand versuchen, dich umzustimmen. Susan hat ihre eigene Sichtweise aufs Leben, doch das bedeutet nicht, dass sie weiß, was für dich am besten ist.“
Lauras Stimmung verbesserte sich.
„Du bist wirklich weise. Hast du je eine Ehe in Betracht gezogen, Clara?“
Hatte sie, doch sie verbannte diese Gedanken in eine dunkle Ecke ihres Verstandes, da ihr eine Hochzeit wie eine ferne Hoffnung vorkam.
„Ich habe darüber nachgedacht. Aber du weißt, dass nicht jeder heiraten kann. Manche finden einfach nicht die richtige Person dafür.“
„Oh, ich weiß. Deshalb schätze ich mich sehr glücklich, seit ich Andrew gefunden habe. Manchmal frage ich mich, ob Susan eifersüchtig ist. Sie hatte nie einen Lebenspartner, und Peg hat ihren im Krieg verloren.“
„Wirklich?“
„Das wusstest du nicht? Die beiden waren schon verlobt. Ich glaube, es war 1918. Damals hat sie angefangen, sich wie ein Mann zu kleiden.“
„Es tut mir leid, das zu hören. So viele haben auf diese Weise geliebte Menschen verloren.“
„Ich hatte das große Glück, dass Andrew in einem Stück zurückkam.“ Laura nahm sich ein Türkisarmreif und ließ ihn gedankenverloren in ihrer Hand kreisen. „War Tommy im Krieg?“
„Ja. Seitdem kann er seine Beine nicht mehr benutzen.“
„Das ist traurig. Ich hatte keine Gelegenheit, mich mit ihm zu unterhalten, aber er wirkt nett. Mag er Automobile?“ Laura war plötzlich von ihrem Bett aufgesprungen und wühlte in einer Schublade herum. „Hier, ich habe lange darauf gewartet, die richtige Person hierfür zu finden. Brooklands veranstaltet am Sonntag ein Renntreffen. Es ist eine informelle Veranstaltung, aber es werden viele Rennfahrer dort sein. Andrew auch. Wir verschieben die Flitterwochen, damit er Rennen fahren kann. Stell dir das nur vor. Ich halte mich deswegen für sehr verständnisvoll.“
Laura erwartete Bestätigung und Clara stimmte ihr rasch zu: „Oh, ja, sehr verständnisvoll.“
