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Eine ermordete Frau wird neben den S-Bahngleisen entdeckt. Bei ihrer Obduktion wird ein Hinweis gefunden, in dem der Mörder ein Spiel ankündigt. Hauptkommissar Werner Ketting beginnt mit seinem Team die Ermittlungen aufzunehmen. Schnell wird klar, dass es bei dem Spiel um Leben und Tod geht. Gelingt es Werner nicht, die hinterlassenen Hinweise an den Tatorten rechtzeitig zu entschlüsseln, wird der Mörder sein Spiel gnadenlos fortsetzen. Eine Hetzjagd quer durch Berlin beginnt und droht in einem persönlichen Alptraum für Werner zu enden.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Das Warnsignal ertönte, bevor sich die Türen des S-Bahnwaggons schlossen. Er hatte sich wie immer ganz nach hinten in die Ecke gesetzt, um das Abteil gut überblicken zu können. Genau dreizehn Mal ist er die Strecke gefahren, immer zur gleichen Zeit, nachts um halb eins. Er wusste, dass es die beste Zeit ist, weil dann kaum noch ein Mensch mit der Bahn fährt.
Die S-Bahn setzte sich in Bewegung und verließ den Bahnhof Westkreuz. Er wusste, dass sie am nächsten Bahnhof einsteigen wird, das hat sie die letzten acht Male auch gemacht. Und da sie als einzige den Waggon betreten wird, war sie für ihn das beste Anfangsopfer. Er vermutete, dass sie lange arbeiten musste und nach einem anstrengenden Tag einfach nur nach Hause wollte. Einmal hatte sie sich entgegengesetzt der Fahrtrichtung hingesetzt und ihn lange angeguckt. So konnte er ihr Gesicht betrachten. Er schätzte sie auf Anfang dreißig, vermutlich Osteuropäerin. Irgendwie erkennt man das immer. Da sie ihn gedankenverloren angeschaut hatte, war er sich sicher, dass sie ihn nach zwei Minuten auch schon wieder vergessen hatte und das war auch gut so.
Der Zug rollte in den Bahnhof Grunewald ein.
Jetzt darf bloß keiner mit ihr einsteigen, dachte er.
Als der Zug zum Stillstand kam, öffnete sich eine Tür und eine dunkelhaarige Frau betrat das Abteil. Sie setzte sich in Fahrtrichtung an einen Fensterplatz.
So wie immer, mittlerer Waggon und in Fahrtrichtung. Perfekt.
Er wartete angespannt, ob sich eine weitere Tür öffnete und irgend so ein Penner seinen Plan damit am heutigen Abend vernichten würde.
Das Warnsignal ertönte wieder und die von der Frau geöffnete Tür schloss sich.
Jetzt braucht die Bahn genau etwas über acht Minuten bis zum nächsten Bahnhof. Lange genug für ihn. Genau aus diesem Grund hatte er sich diese Bahnlinie ausgesucht.
Die Bahn fuhr los und verließ den Bahnhof Grunewald.
Jetzt ist es endlich soweit.
Der Mann stand auf und ging langsam zu der Frau. Kurz bevor er sie erreicht hatte, fasste er in seine Jackentasche, um sich nochmal zu vergewissern, dass sein Werkzeug griffbereit war. Ein leichter Freudenschauer überlief seinen Rücken. So viel Vorbereitungen und nun endlich kann das Spiel beginnen.
Berlin zeigte sich langsam wieder von seiner schönen Seite. Das nasse, ungemütliche Wetter wurde durch den herannahenden Frühling verdrängt. Es war für Mitte April schon ungewöhnlich warm und die Berliner dankten dem Wetter mit guter Laune.
Kriminalhauptkommissar Werner Ketting saß in seinem Dienstwagen und fuhr die Heerstraße in Richtung Land Brandenburg. Er hasste diese sechsspurige Straße. Egal, wann er dort entlangfuhr, diese Straße war immer voll. Und dank seiner Exfrau durfte er diesen Weg regelmäßig fahren. Er hatte nie verstanden, warum sie nach der Trennung so schnell aus Berlin raus musste. Kaum hatte er die gemeinsame Wohnung verlassen, musste es ja gleich ein Reihenhaus mit Garten sein. Aber gut, ihr Neuer verdiente ja nicht schlecht. Ein Haus konnte er ihr mit seinem Gehalt bei der Berliner Kriminalpolizei nicht bieten. Zumindest konnte ihr gemeinsamer Sohn Tobias in einem Haus mit Garten aufwachsen.
Wenn Werner über die gemeinsame Ehe manchmal so nachdachte, dann erschien ihm Tobias als das einzig Positive der gesamten Zeit.
Dank eines weißhaarigen Daimlerfahrers musste Werner abrupt bremsen, sodass beinahe die gute „Benjamin Blümchen“ - Torte vom Beifahrersitz gerutscht wäre. Tobias hat heute seinen neunten Geburtstag und fast hätte Werner die Torte vergessen. Man kann ja schließlich nicht auf dem Geburtstag seines eigenen Kindes auftauchen ohne einen Kuchen. Also besorgte Werner noch schnell die Torte aus dem Tiefkühler eines Supermarktes. Mit Sorge beobachtete er beim Fahren den langsam immer größer werdenden Wasserfleck auf seinem Beifahrersitz, welcher sich unter der auftauenden Torte bildete. Als er an einer roten Ampel halten musste, betrachtete er den Fleck auf dem Beifahrersitz und spürte, wie er innerlich seiner Exfrau die Schuld daran gab.
Ist das bei allen geschiedenen Männern so?
Diese Frage stellte er sich oft. Seit der Trennung gab er für fast alles die Schuld seiner Exfrau, Maria.
Vermutlich war es auch ihr zu verdanken, dass er auf dieser beschissenen Heerstraße bei jeder Ampel halten musste.
Er schaute auf die Uhr und stellte fest, dass er wieder mal viel zu spät dran war. Das hatte ihm Maria schon immer vorgeworfen. Sie hatte es nie verstanden, dass er aufgrund seines Berufes selten pünktlich Feierabend hatte.
Als Werner dann zum Leiter der vierten Mordkommission ernannt wurde, dachte er, dass Maria die Früchte seiner Arbeit erkennen würde.
„Na dann wirst du ja wohl jetzt erst recht nie pünktlich sein und auch mal an deine Familie denken“, war ihr einziger Kommentar dazu.
Als die Ampel auf „grün“ umschaltete und Werner losfuhr, klingelte sein Handy.
Ausgerechnet jetzt, dachte Werner.
Er hasste es, während der Fahrt mit dem Handy zu telefonieren. Wenn ihn ein Streifenwagen der Polizei deswegen anhalten würde und er die Strafe dafür bezahlen müsste, hätte er sich tagelang dafür in den Arsch gebissen.
Also vollzog Werner seinen einstudierten Rundumblick, ohne den vorderen Verkehr aus den Augen zu lassen und ging an das Telefon.
„Ketting“, meldete sich Werner.
Keine Antwort.
„Hallo? Jetzt ist der Zeitpunkt eines Telefonats, wo sie reden sollten.“
Nachdem sich wieder keiner meldete und die Verbindung auch nicht unterbrochen wurde, beendete Werner den Anruf und legte auf.
„Vollidiot“, brummelte Werner, fuhr die Heerstraße weiter in Richtung stadtauswärts und überlegte, ob das, was er am Telefon gehört hatte, ein leises Kichern oder Stöhnen war.
Er parkte seinen Dienstwagen vor dem Reihenhaus, in dem sein Sohn mit seiner Mutter und dem neuen Stiefvater Michael wohnten. Er selbst hatte sehr lange große Probleme damit gehabt, dass jetzt ein anderer Mann die Vaterrolle für seinen Sohn Tobias im Haushalt übernommen hatte. Ihm kam mehr als einmal der Gedanke, Michael aufzulauern, um ihm die Fresse zu polieren. Als dann ein Gespräch zwischen Michael und Werner in einer Bar mit einer Flasche Wein stattfand, musste Werner sich selbst eingestehen, dass Michael eigentlich gar kein schlechter Kerl war.
Nachdem Werner an der Haustür geklingelt hatte, öffnete Maria die Tür. Sie schaute ihn mit der gleichen Verachtung an, die er schon aus den letzten Zügen ihrer Ehe kannte.
„Na Mensch, da freuen wir uns aber, dass der gnädige Herr und Vater doch mal den Weg gefunden hat.“
„Tut mir leid, aber die Straßen waren sehr voll und eine grüne Phase bei den Ampeln scheint es auch nicht mehr zu geben.“, sagte Werner.
Ich brauch mich doch nicht mehr zu entschuldigen, dachte er und spürte wie er anfing, sich über sich selber zu ärgern.
„Du kommst immer als Letzter!“, sagte Maria.
„Das war in unserer Ehe doch auch schon immer so“, erwiderte Werner und spürte nun innerlich eine große Freude, dass ihm diese Antwort so spontan eingefallen war.
Werner ging ins Wohnzimmer und stellte fest, dass alle früheren gemeinsamen Bekannten anwesend waren. Wie bei jeder Trennung, entscheiden sich die gemeinsamen Freunde meistens für eine Seite der getrennten Partner. Und da sich hier alle Anwesenden für Maria entschieden hatten, wusste Werner, dass er sich hier nicht viel unterhalten wird. Maria hatte das nötige Händchen für Schmücken und Dekorieren. Und genauso sah auch das Wohnzimmer aus. Es war mit vielen Luftballons und Girlanden geschmückt. Halt so, dass ein Neunjähriger sich an seinem Geburtstag richtig wohlfühlt.
Werner stellte die nun fast komplett aufgetaute Benjamin Blümchen Torte, samt Verpackung, auf eine Kommode. Da die Torte in ihrem jetzigen Zustand nun bestimmt nicht mehr so gut schmeckte und auch alles andere als ansehnlich war, hoffte er, dass die völlig durchnässte Verpackung erst gefunden wird, wenn er schon weg ist.
Während die herumstehenden Gäste Werner mit einem Kopfnicken begrüßten, versuchte er zwischen den herum tobenden Kindern seinen Sohn zu finden.
Werner ging in Richtung Terrassentür, da er vermutete zwischen dem Kindergeschrei, welches aus dem Garten ertönte, seinen Sohn zu finden.
„Hallo Werner, Hunger?“, fragte Michael.
Er stand auf der Terrasse am Grill und hielt mit einem Lächeln eine Grillzange mit einem Stück Fleisch hoch.
„Hallo Michael,“ erwiderte Werner. „Nein, danke. Aber einen Kaffee würde ich nehmen.“
„Kaffee und Kaltgetränke stehen auf dem Tisch dort drüben. Setz dich ruhig in den Gartenstuhl. Die hab ich neu gekauft. Die sind total bequem.“
Neu gekauft, natürlich, dachte Werner, scheinst ja genug Geld zu haben.
Als er sich in einem der neuen Gartenstühle niederließ, musste er neidvoll und erstaunt feststellen, dass der Stuhl tatsächlich total bequem war.
Gerade als Werner sich einen Kaffee eingießen wollte, hörte er die Stimme, die ihm jedes Mal ein Lächeln in sein Gesicht zauberte.
„Hallo Papa, endlich bist du da“, rief Tobias und kam aus dem Wohnzimmer auf die Terrasse zu Werner gerannt und sprang ihm auf den Schoß. Beide drückten sich fest und innig und in diesen Momenten wollte Werner seinen Sohn nie wieder los lassen.
„Alles Liebe und Gute zu deinem Geburtstag.“
„Danke Papa. Ich durfte acht Freunde einladen und alle haben mir ein Geschenk mitgebracht. Hast du auch eins für mich?
„Na glaubst du im ernst, ich komme zum Geburtstag und bringe kein Geschenk mit? Es liegt noch im Auto. Kommst du gleich kurz mit raus okay? Ich trink noch einen Kaffee und dann geht es los.“
„Okay Papa, dann sag Bescheid, ich bin wieder bei den Anderen“, sagte Tobias, hüpfte vom Schoß und verschwand im Wohnzimmer zwischen den anderen Kindern, die jetzt offensichtlich planten, Verstecken zu spielen.
Werner hatte das Geschenk mit Absicht im Auto gelassen. Einen besseren Grund, das Haus einfach wieder zu verlassen, gab es nicht.
„Wo ist denn Bosko? Ich hoffe, der ist nicht bereits zu Matsch getrampelt.“, fragte Werner Michael.
„Nein, der ist oben im Schlafzimmer. Wäre auch bisschen zu viel, wenn der jetzt hier auch noch rum rennen würde.“, antwortete Michael.
Bosko war der süßeste Golden Retriever, den es auf der Welt gab, empfand Werner.
Vor fünf Jahren hatte Werner zusammen mit Tobias den Hund aus dem Tierheim Berlin geholt. Bosko war ein halbes Jahr alt und beide hatten sich sofort in ihn verliebt. Maria war zwar nicht begeistert, aber das war Werner ja gewöhnt. Von was war sie schon begeistert, wenn Werner mal was entschieden hat.
Den Namen „Bosko“ hatte dann Tobias ausgesucht.
Am nächsten Tag am Frühstückstisch machte er den Vorschlag. Er hätte den Namen mal im Fernsehen bei einem Indianerfilm gehört.
„Ich habe Tobias einen ferngesteuerten Hubschrauber gekauft. Vielleicht könntest du die ersten Male mit ihm zusammen das Ding starten lassen. Ich denke, alleine kommt er zum Anfang nicht so ganz zurecht damit“, sagte Werner zu Michael.
„Oh, das ist aber ein schönes Geschenk. Klar, mach ich. Vorausgesetzt, ich komm damit klar.“
„So schwer ist das nicht.“
Nachdem Werner den Kaffee ausgetrunken hatte, entschied er, jetzt die Flucht zu ergreifen. Die Terrasse füllte sich langsam mit den Gästen. Irgendjemand hatte wohl bekanntgegeben, dass das Grillfleisch in Kürze fertig sein würde. Und da Werner keine Lust verspürte, mit all den anderen zusammenzusitzen, stand er auf und verabschiedete sich von Michael.
„Ich wünsche euch noch viel Spaß, bis demnächst.“
„Mach‘s gut Werner, danke, dass du gekommen bist. Nächstes Mal hab ich mehr Zeit, dann können wir bisschen quatschen.“, sagte Michael.
Eigentlich bist du ganz in Ordnung, aber leiden kann ich dich trotzdem nicht so richtig
Mit diesen Gedanken ging Werner zurück ins Wohnzimmer und versuchte erneut, Tobias zwischen all den anderen zu entdecken.
Wenn ich jetzt hier herauskomme, ohne Maria zu begegnen, dann wäre es perfekt.
Er entdeckte Tobias an der Garderobe.
„Komm Tobias, wir gehen kurz zum Auto.“
Ungesehen von Maria gelangten beide zum Auto. Werner holte das Geschenk aus dem Wagen und gab es seinem Sohn.
„Das ist aber groß, danke Papa“, sagte Tobias mit einem breiten Grinsen und leuchtenden Augen.
„Ich wünsche dir noch einen ganz tollen Geburtstag. Pack das Geschenk mal lieber drinnen aus.“
„Mach ich. Gehst du jetzt wieder?“
„Ich muss noch arbeiten. Aber ich komm die Woche vorbei und dann gehen wir beide ein riesiges Eis essen, ok?“
„Ist gut, können wir machen.“
Werner nahm Tobias in den Arm und hielt ihn fest. Er wusste nicht genau warum, aber diese Momente waren für Werner immer sehr sentimental.
„Tobias, kommst du bitte wieder rein.“
Marias Aufforderung beendete abrupt den schönen Moment. Tobias gab Werner einen Kuss und rannte zurück zum Haus.
„Hab dich lieb“, rief Werner seinem Sohn hinterher, aber Tobias war schon im Haus verschwunden.
„Dein Sohn mag kein Eis. Das solltest du als sein Vater eigentlich wissen.“, hörte Werner Maria sagen, als er gerade die Fahrertür seines Wagens öffnete.
In solchen Momenten spürte Werner, wie ihm schlagartig die Wut durch den Körper schoss. Er drehte sich um und atmete dabei zweimal tief ein und aus. Doch bevor er etwas Passendes sagen konnte, war Maria im Haus verschwunden und die Eingangstür verschlossen.
Werner setzte sich ins Auto und fuhr die Zugangsstraße hoch in Richtung Berlin. Er merkte, wie sein Herz deutlich zu schnell schlug. Früher hatte er jeden, der ihm blöd kam, einfach mal eine verpasst. Das hatte Werner zwar in der Vergangenheit eine Menge Ärger bereitet, aber er konnte einfach nicht anders.
Was würde ich jetzt für eine Zigarette geben, dachte Werner.
Warum musste ich auch aufhören zu rauchen, ich Vollidiot.
Als Werner die Bundesstraße erreichte und es nach Angaben des Verkehrsschildes noch achtundzwanzig Kilometer bis Berlin waren, erhöhte er die Geschwindigkeit auf die erlaubten einhundertzwanzig. In diesem Moment klingelt wieder Werners Handy.
Oh ja, super Moment für ein Telefonat.
Er holte das Handy aus der Innentasche und ging nach seinem Rundumblick an das Telefon.
„Ketting!“
„Werner, hier ist Matthias. Wo steckst du gerade?“
„Hallo Chef, ja danke mir geht es gut. Fahre gerade zurück nach Berlin. War kurz beim Geburtstag von Tobias.“ „Fahr bitte gleich durch zur Invalidenstraße und komm in die Gerichtsmedizin.“
„Warum das denn?“
„Es wurde eine Leiche gefunden.“
Werner schaute weiter nervös in die Rückspiegel, um nach Streifenwagen Ausschau zu halten. Er hoffte, dass das Gespräch bald beendet ist. Allerdings wusste Werner, dass sein Vorgesetzter ihn nicht anrufen würde, wenn es nicht wichtig wäre.
Eine Leiche, meine Güte, das ist doch nun wirklich nichts Besonderes.
„In Berlin sterben täglich Menschen. Warum soll ich mir ausgerechnet diese Leiche jetzt und sofort anschauen. Hat das nicht Zeit bis morgen?“
„Normalerweise schon. Aber nicht, wenn die Leiche einen eingeschlagenen Schädel hat.“
„Na, wenn sie einen eingeschlagenen Schädel hat, dann frag ich mich, warum ich zur Gerichtsmedizin kommen soll und nicht zu einem Tatort.“
„Es sah erst nach einem Suizid aus. Aber jetzt stellen sich die Tatsachen doch ein wenig anders dar.“
„Ok, ich beeile mich.“
Obwohl ich das nicht so ganz verstehe.
Werner wollte das Gespräch gerade beenden.
„Werner, da ist noch etwas. Noch ein Grund, warum ich gerade dich wegen der Leiche anrufe.“
„Aha, und was soll das sein?“
„Es wurde bei der Leiche eine Nachricht gefunden.“
„Eine Nachricht?“ fragte Werner ungläubig. „Bei der Leiche war eine Nachricht?“
„Naja, nicht direkt bei der Leiche. Mehr in der Leiche.“
Werner überlegte kurz, ob er seinen Chef richtig verstanden hatte.
„Und was ist das für eine Nachricht?“
Kurze Stille in der Leitung.
„Eine persönliche Nachricht. Eine Nachricht für dich, Werner.
Komm einfach schnell her. Wir besprechen alles weitere dann.“
Sein Chef beendete das Gespräch. Werner hielt noch einen Moment das Handy ans Ohr und dachte darüber nach, ob er das alles gerade richtig verstanden hat. Schließlich warf er das Handy auf den Beifahrersitz und drückte das Gaspedal durch.
Werner lenkte seinen Wagen auf den Parkplatz der Gerichtsmedizin. Ihm ging während der Fahrt das Gespräch mit seinem Chef noch einmal durch den Kopf. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal so nervös gewesen war.
Was hatte das zu bedeuten?
Eine persönliche Nachricht?
Nachdem Werner auf einem Stellplatz seinen Wagen geparkt hatte, lief er im Laufschritt Richtung Eingang. Dem Pförtner im Eingangsbereich zeigte er seinen Dienstausweis und ging den langen Gang in Richtung Untersuchungsräume weiter. Ihm stieg der unverkennbare, süßliche Geruch in die Nase, den man wahrscheinlich nie wieder aus dem Gebäude bekommt. Jedem Polizeibeamten ist dieser Geruch bekannt. Der Geruch des Todes.
Werner war schon unzählige Male in diesem Gebäude, aber er hatte nie verstanden, warum die Säle, in denen Leichen aufgeschnitten werden, „Untersuchungsräume“ genannt werden. Passt irgendwie nicht.
Werners Chef, Matthias Runge, wartete bereits auf ihn im Behandlungsraum 2.
Matthias wurde vor sechs Jahren zum Kriminaldirektor befördert und seitdem ist er Werners Vorgesetzter. Werner hielt von Matthias eine Menge und schätzte ihn als seinen Vorgesetzten. Matthias war seit zweiundvierzig Jahren bei der Kriminalpolizei und liebte jede Minute davon. Werner wusste, dass er sich immer auf ihn verlassen konnte und Matthias bei brenzligen Situation immer hinter ihm stand.
Allerdings war der Gesichtsausdruck von Matthias neu für Werner. Er zeigte große Besorgnis.
„Da bist du ja. Bist ja wirklich zügig hier.“
„Hör zu, Werner. Das hier hab ich in all meinen Jahren noch nicht erlebt. Höre dir erst mal alles in Ruhe an.“
„Erklärt mir hier bitte endlich was los ist“.
„Das mache ich sehr gerne, Herr Ketting“.
Dr. Dr. Hans-Werner Pluschka betrat den Behandlungsraum und ging auf direktem Wege zum Waschbecken und wusch sich die Hände, um sich gleich im Anschluss Gummihandschuhe anzuziehen. Werner wunderte sich nicht darüber, dass die normale Höflichkeit wie ein Händedruck zwischen Dr. Dr. Pluschka und ihm ausblieb.
Beide haben nie darüber gesprochen, aber jeder wusste, dass er den anderen nicht leiden konnte. Trotzdem gingen beide miteinander mit dem nötigen Respekt um. Dr. Dr. Pluschka war eine Ikone auf seinem Gebiet. Autor diverser Fachliteratur, eine der wenigen Gerichtsmediziner, die mehrere Monate auf der Bodyfarm in Amerika die Verwesung des menschlichen Körper studiert hatte und auf kaum einer Podiumsdiskussion fehlte. Werner konnte in der Vergangenheit immer auf das vertrauen, was ihm Pluschka diagnostizierte.
Trotz allem ein arroganter Schnösel
„Ja danke, mir geht es gut. Hoffe ihnen auch. Ich bin sehr gespannt, was Sie mir zu sagen haben, Herr Pluschka“.
Der Mediziner ignorierte die Spitze von Werner und begab sich zu dem silbernen Tisch mit integriertem Abfluss für Blut und sämtlichen anderen Körperflüssigkeiten, auf dem offensichtlich ein mit einem weißen Tuch bedeckter Körper lag. Dr. Dr. Pluschka zog das Tuch weg und Werner blickte auf eine Frauenleiche. In seinem Kopf begann sofort die typische kriminalistische Arbeit. Wie immer, wenn er auf eine Leiche gucken musste. Werner schätzte die Frau auf Anfang dreißig, osteuropäischer Herkunft. Eine vermutliche Todesursache konnte er nicht einschätzen, da die Obduktion bereits durchgeführt wurde. Werner starrte auf den in Ypsilonform zugenähten Körper, als ihn die Stimme vom Mediziner aus den Gedanken riss.
„Wenn sie jetzt nichts dagegen haben, würde ich sie gerne auf den aktuellsten Stand der Obduktion bringen.“
„Bitte,“ erwiderte Werner.
„Am besten, ich erkläre dir erst mal die Auffindesituation“, schaltete sich Matthias ein. Dr. Dr. Pluschka zog etwas beleidigt die Augenbrauen nach oben und gab mit einer Handbewegung zu verstehen, dass Matthias fortfahren soll.
„Also Werner, die Leiche wurde neben den S- Bahngleisen der Linie 6 gefunden. Zwei Streckenkontrolleure haben sie heute Morgen gegen sieben Uhr gefunden.
Nach ersten Vermutungen ist sie durch den Sturz aus dem Zug zu Tode gekommen. Die Kollegen vom Tatorttrupp waren vor Ort und haben, wie gewohnt, den ersten Angriff vorgenommen. Matthias schaute, während er sprach, Werner ununterbrochen in die Augen. Werner spürte die Nervosität bei seinem Chef und das besorgte ihn sehr. Er hatte Matthias noch nie so erlebt. Aber auch bei Werner stieg die Anspannung.
„Hier in der Gerichtsmedizin“, fuhr Matthias fort, „wurde dann unverzüglich die Obduktion vorgenommen, damit schnell die Todesursache ermittelt werden kann.“
Matthias schaute nun in Richtung Pluschka. „Herr Pluschka, wenn sie möchten dann können sie nun fortfahren.“
„Danke, mal sehen wie weit ich diesmal komme“, sagte Pluschka und warf Matthias einen scharfen Blick zu.
„Die Tote hat sich bei dem Sturz erhebliche Verletzungen zugezogen, von denen einige tödlich waren. Es kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass sich die Bahn während des Sturzes in voller Fahrt befunden hat.“
„Ist zu erkennen, ob es vorher einen Kampf oder Ähnliches gegeben hat?“ fragte Werner. „Oder können wir Fremdverschulden ausschließen?“
„Dazu komme ich gleich.“
„Und wo ist die Nachricht, von der du gesprochen hast?“
„Darüber reden wir zum Schluss“, antwortete Matthias, „bitte Herr Pluschka. Fahren sie fort.“
„Danke. Und um gleich ihre Frage zu beantworten, Herr Ketting, nein es gab keinen Kampf.“
„Also hat sie sich suizidiert? Sehr ungewöhnlich.“
„Nein, Herr Ketting, hat sie nicht.“
„Na, einfach so aus einem fahrenden Zug geschubst zu werden, ist nicht möglich.“
„Ich verstehe ihre Gedanken. Aber eine entscheidende Sache spricht gegen einen Selbstmord.“
„Und das wäre?“
„Eine tote Frau kann nicht aus dem Zug springen.“
„Bitte?“
Nach einer längeren Pause, um seine weiteren Ausführungen zu unterstreichen, fuhr Pluschka fort.
Als sie aus dem Zug fiel, war sie bereits tot. Ihr wurde vorher diese Wunde zugefügt.“
Pluschka deutete auf eine tiefe, aufklaffende Wunde am Hinterkopf.
„Ihr wurde durch einen Schlag mit einem Gegenstand diese tödliche Kopfverletzung zugefügt. Die Form und Tiefe schließt aus, dass sie durch den Sturz aus dem Zug entstanden ist.“
„Ok, dann können wir von einem Kapitalverbrechen ausgehen“, sagte Werner.
„Korrekt, Herr Ketting.“ Pluschka deutete auf Matthias. „Wenn sie möchten, Herr Runge, dann können sie jetzt weitermachen“.
Matthias wendete sich zu Werner. „Also Werner, wir wissen, dass die Frau ermordet wurde. Wir wissen nicht womit und auch nicht warum. Jetzt kommst du ins Spiel.“ Matthias holte eine Beweistüte aus der Jackentasche, in der sich ein Zettel befand.
„Dieser Zettel wurde gefunden. Und er ist für dich.“
Werner starrte auf die Tüte. „Wo habt ihr den denn gefunden?“
„Im Anus der Leiche“, antwortete Pluschka.
„Was?“ Werner starrte verwirrt auf die Tüte mit dem Zettel darin.
„Was steht drauf?“ fragte Werner.
„Nun Werner“, sagte Matthias „es ist ein Hinweis darauf, dass du die Ermittlungen leiten sollst. Herr Pluschka, würden sie das Digitalbild zeigen, bitte.“
„Natürlich.“ Pluschka ging zum Computer und öffnete die Datei mit dem Bild, das er, wie bei allen Beweismitteln, die bei einer Obduktion von Bedeutung sein könnten, mit einer Digitalkamera gemacht hatte.
Werner ging an den Schreibtisch und starrte auf den Monitor.
Scheiße
„Das Spiel beginnt Werner Ketting. Ermittle gut!“
„Der Zettel wurde mit einer Art Kapsel, vermutlich nach dem Tod, in den Anus eingeführt. Anschließend wurde sie dann aus dem Zug geworfen.“
Werner starrte Matthias an. Er versuchte, alle Fakten in seinem Kopf zu sammeln. Das hatte er nicht erwartet. Werner wusste, dass er jetzt erst mal Ruhe braucht, um einen klaren Kopf zu bekommen.
„Ich weiß Werner, dass die Dienstvorschrift es nicht vorsieht, dass in einem persönlichen Fall ermittelt werden darf. Aber bis jetzt sehe ich noch nichts, was so persönlich wäre, dass ich dir den Fall nicht übertragen dürfte.“
Er reichte Werner den Beweisbeutel mit dem Zettel darin. „Es ist dein Fall.“
Werner nahm den Beutel.
„Ok. Herr Pluschka, bitte schicken sie mir den Obduktionsbericht in mein Büro. Ich werde mein Team telefonisch alarmieren. Gibt es noch etwas Wichtiges, was ich wissen müsste?“
„Sie hatte Currywurst zum Abendbrot“, sagte Pluschka, der noch immer am Computer saß.
„Was?“
„Ihre letzte Nahrung war Currywurst. Nach der Zersetzung im Magen her zu urteilen, hat sie die Wurst ungefähr knapp zwei Stunden vor ihrem Tod verspeist.“
„Vielen Dank, Herr Doktor.“
Werner nickte zum Abschied Matthias zu und verließ den Untersuchungsraum. Er merkte, wie ihm langsam übel wurde. Er wusste nur nicht, ob es am Formaldehydgeruch lag, welcher gegenwärtig im ganzen Gebäude wahrzunehmen war oder an dem Zettel im Beweisbeutel, der jetzt in seiner Tasche lag.
Auf dem Parkplatz blieb Werner stehen, guckte in den blauen Himmel und atmete tief durch. Er spürte, wie sich sein Magen beruhigte.
Matthias erschien neben ihm und blickte ebenfalls in den Himmel.
„Ich weiß nicht wohin das führt Werner, aber ich hab bei dem Gedanken echt Magenschmerzen.
Ermittele genauso, wie du es immer gemacht hast. Und wenn es doch zu persönlich wird, dann sag mir Bescheid. Ich halte dir den Rücken frei, aber wenn ich es nicht mehr vertreten kann, nehme ich dir den Fall weg.“ Er reichte Werner einen Din A4 Umschlag. „Hier ist der bisherige Sachstand. Tatzeit, Tatort, welche Bahnlinie und wer sie gefunden hat. Steht alles da drin.“
„Danke dir, Matthias. Schauen wir mal, wo uns das hinführt.“ Werner lächelte und lief zu seinem Wagen.
Schöneberg ist einer der Stadtteile von Berlin, in dem es kein Problem ist, mitten in der Woche nachts um halb zwei einen Cocktail zu bekommen. An fast jeder Ecke befinden sich Bars, deren Gäste aus den verschiedensten Ländern stammen, die alle die schöne und geschichtsträchtige Hauptstadt kennenlernen wollen. Multikulti eben.
Und genau aus diesem Grund wählte Werner diesen Stadtteil aus, als Maria und er eine gemeinsame Wohnung suchten. Nach ihrem Auszug blieb er in der Wohnung weiterhin wohnen. Das lag allerdings nicht nur an dem Stadtteil, sondern wahrscheinlich auch daran, dass Werner die vertraute Wohnung, in der er seinen Sohn aufwachsen sah, einfach nicht aufgeben wollte. Obwohl er sich immer öfter fragte, ob er diese große drei Zimmerwohnung wirklich benötigte. Wenn er sich unschlüssig war, dann ging Werner jedes Mal in das ehemalige Kinderzimmer von Tobias. Er brauchte nicht viel Fantasie, um seinen Sohn lachen oder auch weinen zu hören. Wie oft hat er mit ihm getobt oder ihn getröstet in diesem Zimmer.
Immer dann, wenn ich nicht im Dienst war. War ich zu oft weg, um Verbrecher zu jagen?
Diese Frage beschäftigte Werner, seit er alleine wohnte, sehr oft.
Er hatte sich vorgenommen, das Zimmer in ein Büro umzugestalten. Dieses Vorhaben rief er sich jedes Mal erneut in den Kopf, wenn er in dem leeren Zimmer stand und auf die blau gestrichenen Wände mit den aufgeklebten Elefanten starrte.
Werner saß in seinem griechischen Lieblingsrestaurant und trank mit einem Zug einen Ouzo aus.
Er nahm sein Handy aus der Hosentasche und wählte Marias Nummer. Nach kurzem Klingeln meldete sie sich mit einem genervten Ton.
„Hey Maria. Ich bin es Werner. Wollte nur mal nachfragen wie der Geburtstag noch so war.“
„Wie soll er gewesen sein. Tobias hatte einen schönen Tag und ich habe die ganze Arbeit.“
Warum rufe ich überhaupt an?
„Du bekommst das schon hin, lass dir von Michael helfen. Gib mir doch mal Tobias.“
„Der ist Gassi mit Bosko und Michael.“
„Ach echt, Michael muss auch Gassi? “Werner lachte über seinen eigenen Witz. Er fand das Wortspiel köstlich.
„Sehr witzig, Werner. Werde erwachsen. Ich sag Tobias, dass du angerufen hast.“ Maria beendete das Gespräch und legte auf.
Werner legte kopfschüttelnd sein Handy auf den Tisch und grinste immer noch.
Den wahren Charakter deiner Frau lernst du erst bei der Scheidung kennen.
Werner bestellte sich einen weiteren Ouzo und zog die Blätter aus dem Umschlag, den ihm Matthias gegeben hatte. Er hatte sich die Unterlagen bereits durchgelesen, bevor er sein Team telefonisch über alles unterrichtet und die ersten Aufgaben verteilt hatte.
Die Vergangenheit hatte Werner gelehrt, dass es immer von Vorteil ist, sich die Akten immer und immer wieder erneut durchzulesen. Kleinste Details können von größter Wichtigkeit sein und sind zum Anfang leicht zu überlesen.
Die S-Bahnlinie S6 endet in Potsdam. Die Leiche wurde zwischen den Bahnhöfen Charlottenburg und Wannsee gefunden. Eine sehr lange Strecke dazwischen. Der Täter hatte genug Zeit, die Frau zu erschlagen, den Zettel einzuführen und sie aus dem Zug zu schmeißen. Werner hat Sven den Auftrag gegeben, die beiden Bahnhöfe aufzusuchen, um die Überwachungskameras auszuwerten. Bei der S-Bahn werden die Bahnhöfe videoüberwacht. Leider nicht die Züge.
Sven war ein erfahrener Kriminalbeamter, der sich perfekt mit Computern auskannte und ein absoluter Verhörspezialist war.
Costa, der Kellner, brachte Werner den Ouzo und stellte ihn auf den Tisch.
„Na mein Freund, alles gut bei dir?“ fragte der Kellner.
Werner mochte die leichte und lockere Art der Griechen.
„Ja, danke dir. Bin ja hier mit meinem Freund Ouzo.“
Costa lächelte.
„Der geht aufs Haus.“
Werner nickte dankend und wendete sich wieder den Akten zu.
Welche S-Bahn fuhr in der Nacht? Wenn sie jetzt immer noch fährt, ist die Chance Spuren zu finden, gleich null. Er hatte diese Aufgabe Sascha und Tanja zugeteilt. Die Beiden sind sehr zuverlässige Beamte. Sascha hat den Körper eines Superathleten. Er würde jede Tür mit seiner Schulter einrammen, wenn es sein müsste. Mit seinem „Surferboy-Aussehen“ brach er so einige Frauenherzen. Werner staunte manchmal nicht schlecht darüber, was für Frauen vor dem Dienstgebäude auf Sascha warteten.
Deswegen passten Sascha und Tanja auch so gut zueinander. Tanja war eine extrem hübsche und sportliche Frau. Allerdings sollte man sie nicht reizen. Werner wurde einmal Zeuge davon, wie sie einem aufdringlichen Freier bei einer Bordellrazzia die Nase mit nur einem gezielten Schlag gebrochen hat.
Es gab einmal Gerüchte darüber, dass zwischen Sascha und Tanja mehr lief, als es normalerweise üblich ist, zwischen zwei Kollegen. Aber da die beiden ein unschlagbares Duo waren, entschied sich Werner seinerzeit dafür, nicht weiter nachzufragen und die Sache auf sich beruhen zu lassen.
Werner nippte am Ouzo und nahm sich wieder die Bilder vor. Er nahm sich das Bild von der Großaufnahme der ermordeten Frau.
Wer ist die Tote?
Eine weitere Frage, die Werner schnell lösen musste. Es ist von großer Bedeutung, schnell die Identität zu klären. Werner war der Grundsatz durchaus bekannt. Vielleicht muss er mit dem Bild an die Öffentlichkeit.
Gerade, als er einen weiteren Schluck vom Anisgetränk nehmen wollte, klingelte sein Handy. Auf dem Display konnte er erkennen, dass ihn eine unbekannte Nummer anrief.
„Ketting“, meldete sich Werner.
Die Leitung blieb stumm.
„Hallo!“
Hatte ich das heute nicht schon einmal?
„Ich habe keine Zeit für solche Scherze“, sagte Werner genervt und legte auf.
Werner wählte die Nummer von Tanja.
„Hallo Werner“, meldete sie sich.
„Habt ihr was erreicht?“ fragte Werner.
„Nein, noch nichts. Wir haben jetzt beide Bahnhöfe abgeklappert und die Zugabfertiger befragt. Allerdings hatten sie letzte Nacht keinen Dienst. Wir haben uns aber die Namen geben lassen.“
„Ok, gebt die Namen an Sven weiter und konzentriert euch auf den Zug. Ich will wissen, wo der jetzt ist. Das ist schließlich unser Tatort.“
„Dir ist aber schon klar, dass da mittlerweile hunderte von Menschen ein - und ausgestiegen sind und sämtliche Spuren im Eimer sind.“
„Ja, Tanja, ist mir klar. Trotzdem brauchen wir das Abteil.“
„Wir geben unser Bestes. Wir fahren jetzt zum Rangierbahnhof in Spandau. Da ist die zuständige Stelle für die Einteilung der Züge. Mal gucken, was wir da erreichen können. Wo bist Du gerade?“
„In meiner Denkzone.“
Tanja lachte.
„Na, wenn es einen Ort gibt, wo du die Fälle löst, dann da. Bis später, Chef. Wir melden uns.“
„Alles klar.“
Werner legte sein Handy auf den Tisch und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Wenn er ehrlich war, hatte er keine guten Gedanken, was den Fall betrifft.
Als er sein Ermittlungsteam vor knapp drei Stunden im Büro über den Fall in Kenntnis setzte und die nächsten Schritte einteilte, spürte er, dass dieser Fall anders war, als die anderen in der Vergangenheit. Es gab meistens Namen der Opfer und Angehörige. Die Befragungen konnten schnell durchgeführt werden und er war in der Lage, erste Ermittlungsergebnisse Matthias vorzulegen. Während eines Verhörs von Verdächtigen konnte man sehr häufig Widersprüche erkennen. Und so war Werner in der Lage, Ergebnisse vorzuzeigen. Aber dieses Mal mussten diese Alibiergebnisse wohl noch warten. Und abgesehen davon, hatten die Opfer in der Vergangenheit noch nie eine Nachricht für Werner in irgendeiner Körperöffnung. Warum diese Nachricht?
Werner verstand einfach nicht, warum der Täter ausgerechnet für ihn eine Nachricht hinterlassen hatte. Offensichtlich will der Täter, dass Werner in den Fall integriert wird. Aber mit welchem Hintergedanken? Werner war klar, dass er seine Konzentration nicht hauptsächlich auf diesen Zettel lenken darf. Die Nachricht war ausgedruckt, nicht handschriftlich geschrieben. Er vermutete schon jetzt, dass die Analyse von dem Druck und dem Papier keine Ergebnisse erbringt.
Ich brauche den Zug!
Sascha parkte den Zivilwagen vor dem Gebäude der Deutschen Bahn.
„Wir sind da. Hier ist die Leitung der S-Bahn von Berlin.“
Er schaute zu Tanja auf dem Beifahrersitz. Sie starrte aus der Frontscheibe.
„Hallo? Bist du noch anwesend?“
„Entschuldige“, sagte Tanja und rieb sich die Augen.
„Ich war nur gerade in Gedanken. Ich meine, stell dir doch mal vor, dass eine Leiche gefunden wird, die ermordet wurde und dann findet der Gerichtsmediziner eine Nachricht im Körper der Toten für dich. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen würde.“
„Ich glaube, wenn du das verarbeitet hast, dann setzt dich das ganz schön unter Druck.“
„Werner tut mir irgendwie leid. Er war bei der Besprechung vorhin auch anders als sonst.“
„Na, das ist ja wohl verständlich. Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen würde. Ist ganz gut, dass Werner in seiner „Denkzone“ sitzt. Da kommen ihm die besten Ideen“, sagte Sascha mit einem Lächeln.
„Trotzdem, ein absoluter Alptraum.“
„Na, dann lass uns dafür sorgen, dass der Alptraum schnell endet“, antwortete Sascha, öffnete dabei die Tür und stieg aus.
Tanja folgte ihm und beide gingen zum Haupteingang. Sie betraten durch eine große Glastür die Empfangshalle. Ein Pförtner schaute grimmig von seinem Computer hoch und starrte Sascha und Tanja an.
„Sie wünschen?“, fragte der Pförtner, alles andere als höflich.
„Hey“, antwortete Tanja mit einem freundlichen Grinsen. “Wir möchten gerne zum Leiter der Zugeinteilung.“
„Warum wollen sie das?“
„Wir haben ein paar Fragen an ihn.“
„Haben sie einen Termin?“
„Den brauchen wir nicht“, sagte Sascha in einem schärferen Ton.
„Ohne Termin brauch ich da oben in der Chefetage gar nicht erst anzurufen. Tut mir leid.“
Tanja zeigte ihren Dienstausweis.
„Die Chefetage wird und muss für uns Zeit haben! Und jetzt nehmen sie den Hörer in die Hand und rufen da an. Sofort.“
Schlagartig änderte sich Haltung und Stimmung des Pförtners.
„Na, warum haben sie mir den nicht gleich gezeigt?“
Er nahm den Hörer und wählte eine Nummer. Er meldete sich mit Namen.
„Beminski, vom Eingangsbereich. Hier sind zwei Beamte von der Polizei, die zu Herrn Bollmann möchten.“
Er hörte angestrengt zu, was ihm am anderen Ende der Leitung gesagt wurde.
„Ok, mach ich. Danke.“
Beminski legte den Hörer auf.
„Sie können nach oben. Nehmen sie den Fahrstuhl und fahren sie in die vierte Etage. Im Zimmer 412 melden sie sich dann bitte.“
„Danke sehr.“ sagte Tanja und folgte Sascha, der bereits am Fahrstuhl stand.
Die Tür zum Zimmer 412 stand offen und Tanja und Sascha betraten das Büro. Am Schreibtisch saß eine sehr gepflegt aussehende Dame, die schon vom Äußeren erkennen ließ, dass sie eine sehr gewissenhafte Sekretärin war.
Nicht so wie der schmuddelig wirkende Beminski.
„Guten Tag, mein Name ist Munske, ich bin die Vorzimmerdame von Herrn Bollmann. Was kann ich für sie tun?“, sagte sie in einem bestimmenden Tonfall.
„Guten Tag, Frau Munske. Mein Name ist Müller und das ist mein Kollege Zepplin. Wir ermitteln in einem sehr wichtigen Fall und haben ein paar Fragen an Herrn Bollmann.“
Beide hielten der sehr neugierig wirkenden Frau Munske ihren Dienstausweis hin. Sie setzte ihre, an einer Kette vor der Brust hängenden Brille, auf die Nase und studierte gewissenhaft die Ausweise. Als Sascha schon fragen wollte, ob sie den Inhalt der Ausweise auswendig lernt, nahm sie ihre Brille wieder von der Nase und lies sie an der goldenen Kette vor der Brust baumeln.
„Worum geht es?“
„Das bereden wir dann lieber doch persönlich mit Herrn Bollmann.“, gab ihr Tanja, dieses Mal in einem bestimmenden Tonfall, zu verstehen.
Die Sekretärin hob die Augenbrauen und es war deutlich zu erkennen, dass sie es nicht gewohnt war, dass jemand in diesen Räumen so mit ihr redet. Die meisten scheiterten in ihrem Vorzimmer mit irgendwelchen Wünschen.
Widerwillig ging sie zurück zu ihrem Schreibtisch, nahm den Hörer und drückte die „eins“.
„Herr Bollmann, hier sind zwei Kriminalbeamte, die sie gerne sprechen möchten. Natürlich wird das ohne Termin kaum möglich sein, das habe ich.....“, sie stockte beim Reden und spitzte ihren Mundwinkel. Sie schaute empört den Hörer an und legte ihn wieder auf das Telefon.
Anschließend setzte sie sich an den Schreibtisch und sagte mit dem Blick auf irgendeine Akte gerichtet:“ Herr Bollmann lässt bitten.“ Dabei zeigte sie auf die Tür am hinteren Ende des Sekretariats.
Nachdem Tanja sich ein im freundlichen Tonfall übertriebenes „Dankeschön“ nicht verkneifen konnte, betraten Beide, nach einem kurzen Anklopfen, das Büro des Leiters der Zugeinteilung.
Der Schichtleiter und Verantwortliche Markus Bollmann war ein etwas fülliger, aber sehr freundlich wirkender, kleiner Mann. Er stand sofort von seinem Schreibtisch auf, als Tanja und Sascha das Büro betraten. Nachdem sie sich vorgestellten hatten, bat er sie an einen kleinen runden Tisch, der offensichtlich für größere Besprechungen diente, Platz zu nehmen.
„Ich hoffe, Frau Munske war nicht zu unfreundlich. Sie meint es gar nicht so. Hat eine spezielle Art, die gute Frau, aber ist die beste Sekretärin, die ich je hatte.“
„Kein Problem.“ antwortete Sascha.
„Was kann ich denn für sie tun? Ist ja total aufregend, zwei Polizisten vor sich zu haben. Hatte ich noch nie.“
„Herr Bollmann, wir ermitteln in einem Mordfall. Daher ist es von großer Bedeutung, dass sie uns helfen“, erklärte Sascha.
„In der vergangenen Nacht wurde in einem Nachtzug der Linie 6 in Richtung Wannsee eine Frau ermordet. Wir müssen davon ausgehen“, fuhr Tanja fort, „dass es sich bei dem Zug um den Tatort handelt. Daher ist es von großer Wichtigkeit, dass wir diesen Zug sehen können, um mögliche Spuren sichern zu können.“
Bollmann starrte Tanja an und vermittelte das Gefühl, jedes Wort in sich aufzusaugen.
„Das ist ja unglaublich. Wie im Tatort.“
Sascha beugte sich nach vorne.
„Herr Bollmann, das hier ist kein Film. Sagen sie uns wo sich der Zug befindet. Die Tatzeit war etwa zwischen Mitternacht und ein Uhr.“
Bollmann lehnte sich in seinem Stuhl zurück und versuchte sichtlich, das alles zu verarbeiten.
Nach wenigen Sekunden fasste er sich wieder.
„Natürlich. Es ist für mich sehr ungewöhnlich, bei einem Mordfall auf einmal offensichtlich wichtige Hinweise zu geben, aber selbstverständlich werde ich alles in meiner Macht stehende tun, um ihnen zu helfen.“
Bollmann stand von seinem Stuhl auf, ging zu seinem Schreibtisch und griff nach dem Telefonhörer.
„Ich benötige die Zugnummer von der Linie 6 vergangene Nacht in Richtung Wannsee um etwa ein Uhr. Und möglichst schnell, Frau Munske.“
Er legte auf, guckte nachdenklich zu Tanja und Sascha.
„Es ist durchaus möglich, dass der Zug sich im Stellwerk Wannsee befindet, zur Reinigung. Dort werden die Waggons komplett alle vier Monate grundgereinigt. Andererseits könnte es auch sein, dass der Zug die Linie durchgängig weitergefahren ist oder die Waggons wurden getrennt und mit neuen Waggons gekoppelt.“
Alle drei Möglichkeiten sind für eine Spurensuche nicht gerade von Vorteil, dachte Sascha.
Das Telefon auf Bollmanns Schreibtisch klingelte. Bollmann nahm den Hörer ab.
„Ja, Frau Munske. 36185. Ich danke ihnen.“
Er legte auf und tippte auf seinem Laptop, der auf dem Schreibtisch stand, etwas ein. Er lehnte sich zurück, rieb sein Kinn.
„Wie ich vermutet hatte. Der Zug steht seit 01.53 Uhr letzter Nacht im Stellwerk und wartet auf seine Reinigung. Er ist sogar noch im kompletten Zustand. Ich nehme an, das ist gut für sie?“
„Sind sie sicher, dass er noch nicht gereinigt wurde?“, die Stimme von Tanja klang auf einmal sehr nervös.
„Natürlich bin ich das. Ich sehe hier alles in dem System. Ich bin der Chef.“
Bollmann gab zu verstehen, dass er solche Nachfragen als sehr unpassend empfand.
Sascha und Tanja standen auf und begaben sich Richtung Tür.
„Haben sie vielen Dank, Herr Bollmann. Wir müssen den Zug unbedingt sehen. Könnten sie bitte veranlassen, dass der Zug nicht gereinigt wird?“
Natürlich, wie gesagt, ich bin der Chef.“
Tanja und Sascha verabschiedeten sich und liefen eilig in Richtung Fahrstuhl. Als sie das Gebäude verlassen hatten und in ihren Dienstwagen stiegen, holte Tanja ihr Handy aus der Tasche und wählte Werners Nummer.
Werner stand auf dem Gehweg vor dem griechischen Restaurant. Er spürte wieder einmal das Verlangen nach einer Zigarette und ärgerte sich das Rauchen vor sieben Monaten aufgegeben zu haben.
Er versuchte zu verstehen, warum jemand eine Frau ermordet und so viel Wert darauf legt, dass Werner die Ermittlung leitet. Er hatte das ungute Gefühl, dass es nicht die einzige Nachricht vom Mörder sein wird. Er hat sich vorgenommen, schneller als sonst mit einem Bild an die Öffentlichkeit zu gehen, falls die Identität des Opfers nicht anders geklärt werden konnte. Es ist wichtig, schnell zu erfahren, wer die Tote ist, damit ihr Umkreis befragt werden kann. Der Zettel war in einer kleinen Kapsel eingerollt und dem Opfer dann eingeführt worden.
Werner ging davon aus, dass in dem Obduktionsbericht stehen wird, dass an dem Opfer Verletzungen im Anusbereich festgestellt werden konnten. Wie viel Zeit braucht man dafür, einem Menschen die Hose runter zuziehen, um dann so eine Kapsel einzuführen? Während er versuchte einzuschätzen, wie lange so ein Vorgang dauert, klingelte sein Handy.
Er nahm es aus der Tasche und drückte auf „Gespräch annehmen“, ohne auf das, was auf dem Display steht, zu achten.
„Pass auf, du Pfeife. Ich hab keine Nerven für deine Anrufspielchen. Such dir einen anderen aus, ansonsten lasse ich deine Nummer ermitteln und komm dich besuchen, mein Freund!“
„Werner? Hier ist Tanja.“
Werner schaute auf das Display und stellte erschrocken fest, dass da „Tanja Handy“ stand.
„Tut mir leid, Tanja. Aber ich bekomme heute ständig anrufe, wo sich niemand meldet. Was gibt es?“
„Wir haben den Zug, Werner. Er steht im Stellwerk Wannsee für eine Reinigung. Wir haben veranlasst, dass er nicht gereinigt wird und sind jetzt auf dem Weg dahin.“
„Sehr gut. Ich fahr ebenfalls gleich dahin. Bis gleich.“
Werner steckte das Handy wieder in seine Tasche und lief zu seinem Auto.
Man braucht auch mal ein bisschen Glück
Sascha und Tanja trafen als erstes am Stellwerk ein. Sie parkten den Dienstwagen vor dem Eingang der riesigen Halle, in denen die Züge rangiert werden können. Damit sie nicht alle zwei Meter gefragt werden, was sie hier zu suchen haben, zogen sie sich ihre grüne Weste mit der Aufschrift „Polizei“ an.
Der Zugang zur Halle führte zu einem Tor aus Maschendrahtzaun, hinter dem ein Mann vom Sicherheitsdienst mit einem Klemmbrett stand.
