Mörder bleiben unter sich - Theodor Horschelt - E-Book

Mörder bleiben unter sich E-Book

Theodor Horschelt

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Beschreibung

Krimi von Theodor Horschelt   Der Umfang dieses Buchs entspricht 184 Taschenbuchseiten. Weil sein Vater, der steinreiche Geschäftsmann Holford T. Innes aus San Francisco, von Unbekannten per Telefon bedroht und terrorisiert wird, bittet sein Sohn Cyril seinen Freund, den erfolgreichen Privatdetektiv Lester Crane, um Hilfe. Denn obwohl die Drohanrufe für den herzkranken Unternehmer lebensgefährlich sind, weigert sich der starrsinnige Despot, sich an die Polizei wenden. Deshalb bewirbt sich der Detektiv unter falschem Namen in Innes House als Privatsekretär. Schnell wird Crane klar, dass einige Familienmitglieder etwas zu verbergen haben und fast jeder ein Motiv hätte, den Millionär in den Tod zu treiben …

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Theodor Horschelt

Mörder bleiben unter sich

Schwarze Krimi-Reihe 3 - Cassiopeiapress

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Mörder bleiben unter sich

Krimi von Theodor Horschelt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 184 Taschenbuchseiten.

 

Weil sein Vater, der steinreiche Geschäftsmann Holford T. Innes aus San Francisco, von Unbekannten per Telefon bedroht und terrorisiert wird, bittet sein Sohn Cyril seinen Freund, den erfolgreichen Privatdetektiv Lester Crane, um Hilfe. Denn obwohl die Drohanrufe für den herzkranken Unternehmer lebensgefährlich sind, weigert sich der starrsinnige Despot, sich an die Polizei wenden. Deshalb bewirbt sich der Detektiv unter falschem Namen in Innes House als Privatsekretär. Schnell wird Crane klar, dass einige Familienmitglieder etwas zu verbergen haben und fast jeder ein Motiv hätte, den Millionär in den Tod zu treiben …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover by Stasyuk Stanislav/123RF mit Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

Prolog

Ich hatte den Fall gern übernommen, denn er führte mich in meine frühere Wahlheimat Frisco und in das Haus eines sehr reichen Mannes — Holford T. Innes —, aber was ich dort erlebte, gehört wohl zum Merkwürdigsten meiner ganzen Laufbahn.

Ein skrupelloser Verbrecher denkt sich einen teuflischen Plan aus, um einen unbequemen Nebenmenschen zu ermorden. Und der zu Ermordende macht es ihm aus Eigensinn und Starrköpfigkeit auch noch leicht. Das war keine gute Bühne für das Stück, in dem mir eine Hauptrolle zugedacht war. Noch gab es keinen Toten, aber es ist manchmal viel schwerer, einen geplanten Mord zu verhindern, als ein bereits begangenes Gewaltverbrechen aufzuklären.

Als ich meine Tätigkeit aufnahm, sah ich weder einen Hinweis auf die Person des Täters noch eine Spur zu seinem Motiv. Dazu kam als schweres Handicap, dass der Hauptleidtragende meine wahre Identität nicht kennen durfte.

Die Atmosphäre, die Innes House erfüllte, war unglücklich und gereizt. Der große alte Herr wollte nicht einsehen, dass einmal etwas nicht nach seinem harten Kopf gehen sollte. Seine dreißig Jahre jüngere Frau war zu bedauern, denn sie war unglücklich und isoliert, und das nur zu einem geringen Teil aus eigenem Verschulden. Auch Debby, die Frau des älteren Innes-Sohnes, fühlte sich in ihrer Haut nicht gerade wohl. Sie schien mir zwar nur ein harmloses Schäfchen zu sein, aber man hätte sie trotzdem nicht wie ein dummes Kind behandeln dürfen.

Mein Freund Cyril, der jüngere Sohn, war mir keine Hilfe. Eine solche hatte ich auch von ihm, dem versnobten Kunstbanausen, gar nicht erwartet. Als er dann aber meine Geduld wie ein unzerreißbares Gummiseil zu strapazieren begann, ließ ich ihn einfach links liegen und mischte die Karten selbst. Leider verdiente ich mir damit alles andere als frenetischen Beifall.

Holford T. Innes war zweifellos ein überragend kluger und energischer Mann. Trotzdem handelte er dort wo glühende Eifersucht und krankhaftes Misstrauen im Spiel waren, wie ein dummer junge und machte dem Bock zum Gärtner. Er schaufelte sich eifrig sein eigenes Grab und sah rot, so oft ich ihm die Schaufel aus der Hand nahm.

Denn einen Mord konnte ich nicht verhindern, aber immerhin das Schlimmste verhüten. Nüchtern betrachtet kamen wir alle – ohne Ausnahme – mit einem blauen Auge davon. Das war nur zu einem sehr kleinen Teil meiner Tüchtigkeit zu verdanken, und zu einem sehr großen dem Umstand, dass wir mehr Glück als Verstand hatten.

1

Ich fuhr nicht bis Mount Davidson Gardens, sondern stieg schon am Portola Drive aus. Ein stellenloser Sekretär, der im Taxi vorfährt, wäre den Innes vielleicht in die falsche Kehle gestiegen.

„Macht drei neunzig, Kamerad!“, sagte der Driver. Ich gab ihm einen Fünfer. „Stimmt so!“ Zuerst wollte er das Trinkgeld nicht nehmen, aber ich redete ihm gut zu wie die Mutter dem kranken Kind, und dann tat er's doch. Für mich besaß seine Reaktion das Gewicht eines psychologischen Tests. Er hatte mich „Kamerad“ genannt und das Trinkgeld nicht nehmen wollen, und wenn er mich für den hielt, für den mich die Innes halten sollten, würden auch die Innes keinen Argwohn schöpfen.

Irgendwie behagte mir der neue Job, denn ich hatte früher einmal längere Zeit in San Francisco gewohnt. Aufatmend sah ich mich um. Rechts führte eine Allee in vielen Serpentinen zum Mount Davidson hinauf. Ganz oben konnte ich die berühmte Kapelle sehen, und im Norden dahinter schälten sich die beiden pittoresken Kegel der Twin Peaks aus dem Dunst, der über der Stadt lag. Das Februar-Ende war in Frisco eine verdammt harte Angelegenheit und — wie soll ich mich ausdrücken? — so gar nicht kalifornisch. Vom Golden Gate strich eine kalte Brise nach Süden. Ich schlug fröstelnd den Kragen hoch und zog den Trenchcoat enger um die Hüften. Sekundenlang hatte ich Sehnsucht nach meinem komfortablen Bungalow in Los Angeles, nach der frühlingsahnenden Wärme meiner zweiten Heimat, nach den naiv treffenden Bemerkungen meines Freundes Sammy und nach Heloise. Damned, man sollte Millionärssprössling sein; aber auch dann wäre ein Haar in der Suppe, schätze ich. Nicht weich werden, Lester Crane, sprach ich mir selbst gut zu wie einem kranken Gaul, nicht an die hunderttausend denken, denen es besser geht als dir, sondern an die Millionen und Abermillionen Menschen auf der Welt, die sich alle zehn Finger nach deinen Lebensumständen ablecken würden. Außerdem: merk dir endlich, dass du Pete Chamber heißt; Pete Chamber. Hast du's jetzt endlich kapiert?

Ich machte mich seufzend auf den Weg. Die Straße hatte große Ähnlichkeit mit einer ausrangierten Berg- und Talbahn und führte sanft aufwärts zu einem vornehmen Wohnviertel aus der Zeit zwischen den beiden Kriegen. Hier standen keine winzigen Bungalows auf Miniaturgrundstücken, hier knisterte es nicht drei Wochen nach Schlüsselübergabe in Wänden und Gebälk, hier herrschte unaufdringlicher, organisch gewachsener Reichtum, und die Bewohner der Villen ringsum zeigten davon nur gerade so viel, wie sich nicht vermeiden ließ. Sie hatten es nicht nötig, dick zu tun und anzugeben.

Holford T. Innes' Haus war ein viereckiger Kasten mit flachem Dach, Veranden, die sich um das ganze Gebäude zogen, und einem eingeschossigen Anbau, dessen Parterre in vier Garagen aufgeteilt war. Das Grundstück zog sich in fünf Terrassen nach oben und war durch eine weiß verputzte Mauer von den Gärten der Nachbarn abgeteilt. In der warmen Jahreszeit mochte der nach englischer Manier linear angelegte Garten eine Augenweide sein, im Augenblick war davon nicht viel zu spüren, aber die Fichten auf dem zweiten Absatz taten dem Blick auch in der tristen Spanne zwischen winterlicher Erstarrung und neuer, knospender Hoffnung wohl. Das geschmiedete Gittertor der Parkmauer stand offen. Schräg gegenüber parkte ein schwarzer Lincoln — er hatte seine besten Jahre längst hinter sich — und ich merkte mir unwillkürlich die Nummer 2 F4417. Hässliche Angewohnheit, überall Übles zu wittern, aber sie wird einem in meinem Beruf zur zweiten Natur.

Neben der asphaltierten Zufahrt führte ein sauber mit Platten belegter Fußweg zum Portal, und an den beiden Säulen, die das Vordach trugen, sah ich handgetriebene Leuchten aus glänzendem Kupfer, Nachbildungen venezianischer Galeerenlaternen aus dem späten Mittelalter.

Als ich etwa zwei Drittel des Weges hinter mich gebracht hatte, tauchte an der Taxushecke links neben dem Pfad eine Frau auf und winkte mir zu.

„Was soll es denn sein?“, fragte sie misstrauisch. „Wir kaufen nichts. Staubsauger, Waschmaschine, Mixer, Geschirrspülautomat, Televisionstruhe — alles vorhanden. Sie bemühen sich vergebens ...“

Ich trat rasch näher und blickte in ein paar freundliche Augen. Sie gehörten zu dem rundlichen, sympathischen Gesicht einer vollschlanken Frau von etwa fünfzig Jahren, das von einer Fülle blondgefärbter Locken eingerahmt wurde. Das graue Jerseykleid, das sie trug, war gehobene Konfektion.

„Guten Tag!“, sagte ich höflich. „Ich verkaufe nichts dergleichen ...“

„Also was dann?“, unterbrach sie mich schnell.

„Mich selbst“, erklärte ich schlicht und ließ dabei meinen Blick über ihre ganze Erscheinung gleiten, über die volle Brust, die erstaunlich schmale Taille und die rundlichen Hüften. Mein Urteil stand fest: sympathisches Hausmütterchen mit viel Gemüt und gut funktionierenden Tränendrüsen.

„Sie sind hier nicht im Museum!“, rief sie, meine Blicke wohl bemerkend. „Und sprechen Sie gefälligst wie ein normaler Mensch!“

„Will ich tun, wenn's auch schwerfällt“, konterte ich. „Pete Chamber, mein Name, ich komme auf Empfehlung von Mr. McPherson wegen der freien Sekretärsstelle, Madam.“

„Nix Madam“, korrigierte sie stirnrunzelnd, „ich bin Miss Powers, die Haushälterin. Kommen Sie, Chamber, ich werde Sie zu Mr. Innes führen.“

Ich ging mit ihr die paar Schritte zum Haus hinauf, schlenderte neben ihr über vier Steinstufen zum Portal und betrat eine dämmerige, mit Plüschmöbeln eingerichtete Diele. Dort blieb ich wie angewurzelt stehen, denn es ist mir immer wieder peinlich, wenn ich einen Mann und eine Frau in einer verfänglichen Situation überrasche, und das war hier offenbar der Fall. Ein schwarzhaariger, breitschultriger Gentleman und eine tizianrote Sexbombe fuhren rasch auseinander. Sie hatten ein so gutes Gewissen wie die Katze, die eben die Familiensonntagssteaks verschnabuliert hat. „Er“ markierte einen Hustenanfall und enteilte durch eine Seitentür, „sie“ folgte ihm eilig, stolperte in ihrer Verwirrung über die Schwelle und wäre um ein Haar gestürzt.

Miss Powers zitterte und war totenbleich.

„Lieber Gott, nein — das nicht!“, murmelte sie mit zuckenden Lippen. Sie schien etwas gegen eheliche Zärtlichkeiten zu haben, aber das war schließlich ihre Sache.

Über eine teppichbelegte Treppe stiegen wir in die erste Etage hinauf.

„Seitdem Mr. Innes immer wieder von seinen Herzattacken gequält wird, hält er sich von der Arbeit etwas zurück“, sagte Miss Powers unvermittelt. „Schließlich hat er zwei tüchtige Söhne: Charles X. und Cyril.“

„Dann war also das Paar, das wir eben in der Diele sahen, Charles X. Innes und Frau?“, klopfte ich auf den Busch.

Sie blieb einen Augenblick stehen, wandte sich halb zu mir und sagte mit verkniffenen Lippen:

„Nein, Chamber, hinsichtlich Charles X. stimmt Ihre Vermutung, aber die Dame war nicht seine Frau, sondern Mrs. Laura, die zweite Gattin seines Vaters.“

„Hoppla!“, murmelte ich unbewegt. „Hier scheinen verwickelte Familienverhältnisse zu herrschen.“

„Gewiss — aber Sie geht das nichts an!“

Sie führte mich in der ersten Etage durch einen langen, lichtdurchfluteten Korridor bis zur letzten Tür rechts und bat mich zu warten; sie wolle mich bei Mr. Innes anmelden.

Was wusste ich schon von Holford T. Innes?

Er war Selfmademan und heute Alleininhaber der INNES TELEPHONE PRINTERS, OAKLAND, ein Mann von fünfundsechzig Jahren und zum zweiten Male mit einer dreißig Jahre jüngeren Frau verheiratet. Zwei Söhne aus erster Ehe lebten im Haus, der verheiratete Charles X. und der unverheiratete Cyril. Holford T. Innes war herzleidend, nicht gerade in besorgniserregendem Maße, aber er hatte eben doch Ruhe und Schonung dringend nötig. Und gerade die schien ihm jemand nicht zu gönnen. Er wurde seit rund drei Wochen durch mysteriöse Anrufe, die zu allen möglichen und unmöglichen Tageszeiten kamen, bedroht und beunruhigt, und Cyril, der jüngere Sohn, befürchtete eine ernsthafte Schädigung seiner Gesundheit. Der Hausarzt hatte gemeint, die ständigen Aufregungen würden Mr. Innes' Gesundheit unterhöhlen und könnten— wenn eines Tages eine ganze Reihe ungünstiger Umstände zusammenträfe — zu einer Katastrophe führen. Cyril Innes fand die Situation so sehr besorgniserregend, dass er mich kurzentschlossen engagierte und mir den Vorschlag machte, unter einem angenommenen Namen einen Job als Sekretär in Innes' Hause anzunehmen. Außer Cyril Innes und Gordon McPherson, einem langjährigen Freund des Hauses, auf dessen Empfehlung ich eingestellt werden sollte, kannte niemand meine wirkliche Identität.

Nachdem ich etwa fünf Minuten hatte warten müssen, trat Miss Powers wieder auf den Korridor und ließ die Tür offen stehen.

„Mr. Innes lässt bitten“, sagte sie. „Ich drücke Ihnen die Daumen.“

„Sehr liebenswürdig, Miss Powers“, murmelte ich höflich und betrat einen großen, länglichen Raum, der halb als Bibliothek, halb als Wohnzimmer eingerichtet war.

Ein hochgewachsener, breitschultriger Mann erhob sich bei meinem Eintritt aus dem Klubsessel neben dem Rauchtisch. Er trug eine graue Flanellhose, Slipper und Rauchjoppe und darunter ein am Kragen offenstehendes Hemd aus gelblicher Honanseide. Ich schätzte seine Größe auf etwa eins achtzig. Er war fünfundsechzig, wie ich wusste, und ich wäre in diesem Augenblick jede Wette darauf eingegangen, dass er vor seiner Erkrankung zehn Jahre jünger gewirkt habe. Das asymmetrisch hässliche Gesicht verriet seine kleinbäuerliche Abstammung, aber es war trotzdem sympathisch und machte einen energischen, dynamischen Eindruck, obwohl die Krankheit pastöse Schwellungen verursacht hatte. Sein dichtes Haar war schlohweiß, und die grünlichen Augen blickten hell und durchdringend wie bei einem jungen Mann. Falten in der — jetzt — ungesund verfärbten Haut machten seine Züge nur noch gewinnender, eine randlose Brille fügte sich dem Gesamteindruck harmonisch ein.

Er musterte mich eine ganze Weile schweigend, gab sich aber, im Gegensatz zu mir, keine Mühe, das zu verbergen. Er war der typische Geschäftsmann, der einen neuen Angestellten engagiert, weil er sich von ihm Nutzen verspricht, und der ohne schwächliche Sentiments einen armen Teufel an die Luft setzt, der seinen hohen Anforderungen nicht gewachsen ist.

Plötzlich begann er zu lächeln, was ihn verjüngte und noch sympathischer machte.

„So — Sie kommen also auf direkte Empfehlung meines guten alten Freundes McPherson“, sagte er mit sonorer Stimme, „und Sie bewerben sich um den Job eines Sekretärs?“

„So ist es, Sir“, antwortete ich respektvoll. „Mein Name ist Pete Chamber, Sir.“

Wieder traf mich sein prüfender Blick, aber er behielt sein Lächeln bei, als er fortfuhr:

„Mit neueren Zeugnissen können Sie nicht aufwarten, wie ich hörte, aber Sie sollen ein guter Federhalterathlet sein ...“

„Ich glaube, das behaupten zu können, Sir“, versicherte ich eifrig, „ohne unbescheiden zu sein. Ich war früher Bankbeamter, habe danach ein Versandhaus aufgemacht und später ...“ Ich sprach nicht weiter, senkte den Blick und machte ein unglückliches Gesicht.

„ ... und später — nein: zu spät — merkten Sie, dass es nicht mehr weiterging“, führte er belustigt den von mir begonnenen Satz zu Ende. „Kurzum, das Geschäft platzte. Ist doch immer wieder dasselbe mit euch Burschen: Tausend Dollar eingenommen, zwölfhundert ausgegeben, das lustige Leben zwölf Monate fortgesetzt — und schon hat man die ersten Schulden auf dem Buckel. Nur sieben Prozent der erwachsenen Bevölkerung der USA sind für die Gründung eines eigenen Geschäftes geeignet, aber die Hälfte der restlichen 93 Prozent sieht es zu spät ein. — Hören Sie gut zu, Chamber: Ich will Sie probeweise einstellen, aber Sie müssen zunächst meiner Frau an die Hand gehen. Später habe ich dann genügend Beschäftigung für Sie. Sie erhalten fürs Erste fünfzig Dollar die Woche und dazu Kost und Logis. Einverstanden?“

„Durchaus einverstanden, Sir!“, sagte ich rasch. „Ich werde mir die allergrößte Mühe geben, Ihr Vertrauen zu rechtfertigen.“

„Sie werden es nicht glauben“, konterte er augenzwinkernd, „aber das sagt jeder neue Angestellte. Wir werden ja sehen! — Was ich doch noch sagen wollte ... — Ja richtig: Über der Garage rechts ist ein Anderthalb-Zimmer-Appartement frei, das können Sie haben. Sind Sie ein guter Autofahrer?“

„Das kann ich voll bejahen, ohne anzugeben“, erwiderte ich prompt.

„Sie werden nämlich manchmal den Jaguar meiner Frau fahren müssen ...“

„Ihre Gattin fährt nicht selbst?“, wagte ich mich zu erkundigen.

„Zumindest so lange nicht, wie sie keinen Führerschein hat“, meinte mein neuer Chef trocken.

Ich fragte nichts mehr, ich wusste bereits genug. Da ich mich entlassen fühlte, wollte ich mich zurückziehen, blieb aber auf eine herrische Geste hin stehen. Im gleichen Augenblick klingelte das Telefon. Innes griff zum Hörer und meldete sich. Als er die ersten Worte des Anrufers gehört hatte, lief sein Gesicht tiefrot an. Er machte eine unbeherrschte Bewegung, und ich dachte schon, er werde den Hörer in die Glasvitrine schleudern, doch er beherrschte sich dann wieder, während sein Gesicht zusehends eine sattere, noch dunklere Farbe annahm.

„Sie ...!“, brüllte er. „Ach ... Sie verdammter, schmutziger, gemeiner, ordinärer ...!“ Der Hörer entglitt seinen Händen und fiel polternd zu Boden, während Innes mit einem röchelnden Stöhnen in den Sessel zurücksank und ganz den Eindruck eines Sterbenden machte.

„Notiztisch ...!“, lallte er.

Ich sah mich verzweifelt um und bemerkte im Mittelteil des großen Büchergestells einen hoch gestellten Klapptisch mit einer Medizinflasche, einem sauberen Glas und eine Wasserkaraffe. Auf dem Etikett der achteckigen Flasche las ich: „Tinctura strophanti — Gift! — Höchstens 20 Tropfen“.

Ich entkorkte das eckige Fläschchen und maß zwanzig Tropfen in das Glas ab. Danach schüttete ich etwas Wasser dazu und wandte mich wieder zu dem von heftiger Atemnot gefolterten Innes um. Ich stützte ihn mit der linken Hand unter der Schulter, drückte ihn hoch und setzte ihm das Glas in die bläulichen Lippen. „Da — trinken Sie!“, befahl ich ihm, jedes Wort betonend. „Trinken Sie!“

Er trank die verdünnte Medizin und wenige Minuten später wurde es ihm schon besser. Sein Gesicht nahm wieder eine hellere Farbe an, und ein weinerliches, zitterndes Seufzen entrang sich seiner Brust; er wurde wieder der Alte.

„Danke!“, murmelte er und musterte mich erlöst. „Danke, Chamber! Ab heute haben Sie bei mir einen besonderen Stein im Brett. Nicht jeder hätte so schnell reagiert wie Sie!“

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Cyril Innes trat ein. Ich kannte ihn schon lange. Er war achtundzwanzig Jahre alt, untersetzt — aber keineswegs unelegant — und brünett. Er geriet wohl mehr seiner Mutter nach, der längst verstorbenen Mrs. Holford T. Innes, und galt im Freundeskreis als ein genialer, künstlerisch interessierter Mensch — zu mehr reichte es allerdings nicht. Wenn er sich im künstlerischen Beruf seine Brötchen hätte verdienen müssen, wären diese bestimmt knapp gewesen und an sieben Wochentagen ohne Aufstrich geblieben.

„Wieder dieser ... ?“, wollte Cyril beginnen, verstummte aber unter einem herrischen Wink seines Vaters. Der brünette, sympathische Playboy hatte im Augenblick nicht daran gedacht, dass sein Vater doch von Pete Chambers wahrer Identität nichts ahnte, und sich unbeherrscht gehen lassen.

Innes deutete auf mich. „Das ist Pete Chamber, unser neuer Haus-Sekretär; McPherson hat ihn warm empfohlen. Du könntest ihn gleich mitnehmen und ihm seine Wohnung zeigen, das freie Appartement über der Garage ...“

*

Der Raum, den Mr. Innes etwas großspurig als Appartement bezeichnet hatte, war hübsch möbliert: eine Bettcouch, zwei Tischchen, einige billige, aber trotzdem stabile Polstersessel — grün, rot und gelb bezogen, ein Blumenständer mit Kakteen, zwei Einbauschränke, ein Knüpfteppich auf dem Kunststofffußboden, ein Rundfunkempfänger und ein Fernsehapparat. Ein Büchergestell gab es auch und eine Hausbar — beide waren leer.

„Na, jetzt hast du es gleich selbst miterlebt, Lester ...“, sprudelte Cyril heraus.

Er war, wie gesagt, achtundzwanzig, ein netter Boy mit einem runden, hübschen Gesicht, kurz geschnittenem brünetten Haaren und feurigen Augen. Er trug eine schwarze Glencheck-Hose und dazu ein grau gesprenkeltes Tweedjackett. Für den Preis seines Seidenhemdes hätte ein geplagter Familienvater einen kompletten Anzug von der Stange bekommen. Um seine künstlerischen Ambitionen auch äußerlich zu betonen, trug er an Stelle einer Krawatte ein Plastron aus schwarzem Samt.

„Einen Augenblick, Mr. Innes“, sagte ich kühl. „Sie scheinen mich zu verwechseln. Ich kenne keinen Lester! Mein Name ist Pete, Pete Crane, und ich bin Sekretär von Beruf — damit Sie es nur wissen!“

Cyril hatte auf der Couch Platz genommen, und die Beine nicht gerade gentlemanlike auf den Rauchtisch gelegt. Ich mochte ihn, ich mochte ihn sogar sehr gern, aber er war als Mann nicht all zu viel wert; kein stabiler Charakter, wenig Energie, aber ein guter Bursche. — Leider sind es gerade die guten Burschen, die nur zu gern bereit sind, die Augen zu schließen, wenn sie etwas Hässliches nicht sehen wollen. Dadurch haben sie schon viel Unheil in der Welt angerichtet. Aber vielleicht war ich in seiner Beurteilung doch ein wenig ungerecht — schließlich hatte gerade Cyril Innes angesichts der Not seines Vaters die Augen nicht verschlossen, sondern gehandelt und mich engagiert.

Cyril präsentierte mir sein goldenes Zigarettenetui.

Ich nahm mir eine Camel, und er griff zu einer Simon Arzt.

„Well, Sie kleine Knechtseele — ganz wie Sie wollen!“

„Was sein muss, muss sein!“, fiel ich ihm ins Wort. „Sie dürfen nie aus der Rolle fallen, Mr. Innes. Allerdings kann ich auch jetzt nur wiederholen, was ich Ihnen schon bei unserer ersten Unterredung sagte: Ich kann die Schweinerei nur dann abstellen, wenn wir Ihren Vater ins Vertrauen ziehen!“

Er machte eine entsetzte Geste und schnitt mir ganz einfach das Wort ab. „Na, haben Sie eine Ahnung! Gegen Detektive, ganz gleich, ob beamtete oder nicht beamtete, hat mein Querkopf von Vater eine unerhörte Abneigung. Sobald er die Wahrheit erführe, würden Sie in hohem Bogen gefeuert — und ich gleich mit dazu. Nein, nein, Sie müssen sich schon etwas anderes einfallen lassen!“

„Wie Sie meinen, Mr. Innes. Schließlich müssen Sie Ihren Herrn Vater am besten kennen. Erzählen Sie mir bitte etwas über die Bewohner von Innes House.“

Er ließ langsam die Hand mit der Zigarette sinken und starrte mich überrascht an. „Was ...?“

„Alles!“

„Sie haben's ja gut vor!“ Innes kratzte sich ungeniert am Hinterkopf und nahm eine noch bequemere Lage ein, ehe er begann:

„Da wäre zunächst der 'Große Alte', wie wir ihn alle nennen. Durch Begabung, Tüchtigkeit und eisernen Fleiß hat es mein Vater vom bettelarmen Bauernjungen zum Millionär gebracht; noch höher rechne ich ihm an, dass er dabei ein anständiger Mensch geblieben ist. — Hm, ich glaube, dass seine Ehe mit meiner Mutter sehr glücklich war. Ich habe keine rechte Erinnerung mehr an sie, denn sie starb sehr früh — ich war damals acht Jahre alt. Mit dem Eisberg Laura ist er seit 1956 verheiratet.“

„Wo und wie hat er sie kennengelernt?“

„Sie war damals als Staubsaugervertreterin tätig. Sie hatte sich's damals in den hübschen Kopf gesetzt, ausgerechnet Vater einen Staubsauger anzudrehen. Als ihr das nicht gelang, drehte sie sich ihm ganz einfach selbst an ...“

Ich beugte mich interessiert vor: „Sie sagen das so bitter — sind Sie mit Mrs. Laura nicht einverstanden?“

„Nein! Sie ist dreißig Jahre jünger als Vater. Von himmelstürmender Liebe kann also ganz gewiss nicht die Rede sein, aber sie kannte den Altersunterschied ja schließlich vorher. Laura könnte sich zumindest in den Rahmen einfügen, das sollte ihr nicht allzu schwer werden, denke ich, denn sie kommt aus guter Familie und ist ein gebildeter, kultivierter Mensch.“

Ich nickte verständnisvoll. „Ich kann es Ihnen nicht verdenken, dass Sie Lauras Flirt mit Ihrem Bruder missbilligen.“

In seiner grenzenlosen Überraschung nahm er die Beine vom Tisch und richtete sich steil auf. „Woher ... woher wissen Sie denn das schon wieder?“

„Sie kennen schließlich meinen Beruf, Mr. Innes.“

„Stimmt“, bestätigte er dumpf. „Ja, Laura und Charles — ach, zum Teufel, man sollte gar nicht davon reden!“

„Ist Charles X., Ihr älterer Bruder, nicht selbst verheiratet?“, bohrte ich weiter.

„Mit Debby; sie arbeitete als Angestellte bei der Firma, als sich Charles in sie verliebte. Die beiden heirateten 1954. Vater billigte die Wahl — er kennt keine Standesvorurteile — und Debby ist wirklich ein goldiges Ding ...!“

Nanu, sein etwas arrogantes, reserviertes Wesen hatte sich sofort verändert, als die Rede auf seine Schwägerin kam. Er sprach von Debby wie ein verliebter Junge von der Dame seines Herzens; das ließ tief blicken ...

„Wer lebt sonst ständig im Hause?“, bohrte ich weiter.

„Von den Nebenpersonen ist Cora Powers die Hauptperson“, fuhr er mit einem Versuch, kurz zu sein, fort. „Cora ist in ihrem Fach ein Genie. Sie arbeitet schon fünfundzwanzig Jahre in Innes House, und ich sage dir, Lester ...“ — er biss sich auf die Lippen und verbesserte sich sofort — „... ich sage Ihnen, Chamber, ohne sie würde innerhalb eines Tages der Haushalt zusammenbrechen. Und das bei meines Vaters ausgeprägtem Sinn für gepflegte Häuslichkeit!“

„Trotz Laura und Debby?“

„Laura versteht so viel von der Führung eines Haushalts wie Debby ...“ — er grinste — „... null plus null ist gleich null, klarer Fall.“

„Okay, Mr. Innes, ich verstehe.“

„Cora ist ganz einfach eine Perle, und ich hab' sie gern!“

Ich fand ihn nett, wie er das so sagte.

„Die übrigen Hausgeister sind herzlich uninteressant“, sprach Cyril weiter. „Der Diener-Butler William Obsorniton ist ebenfalls ein Menschenalter im Hause und uns Innes treu ergeben. Das möchte ich von Egil Young, dem Gärtner-Chauffeur, nicht uneingeschränkt behaupten, aber Papa kommt gut mit ihm aus — und das ist die Hauptsache. Sarah, das Dienstmädchen, und die Köchin, Mrs. Cochrane, zählen nicht; — tja, das wäre schon alles, schätze ich ...“

Cyril erhob sich. „Jetzt muss ich gehen, sonst fällt meine lange Anwesenheit in Ihrem Zimmer auf. Haben Sie Ihr Gepäck schon mitgebracht?“

„Nein, ich werde es am Abend holen; es steht noch am Flugplatz“.

Er reichte mir die Hand. Seine Miene war ernst. Ein tief besorgter Ausdruck stand in seinen Augen, als er sagte: „Pete, Sie sind meine große Hoffnung — ich verlasse mich auf Sie! Doktor Morrison sagte früher immer, Vater könne trotz seines kranken Herzens noch an unser aller Beerdigung teilnehmen, aber seitdem diese Anrufe kommen, ist er mehr als besorgt. Wenn eben einmal alles ungünstig zusammenpasst — Sie verstehen schon —, kann so ein Anruf die Katastrophe auslösen, und das muss verhindert werden ...“

„Ja, richtig — die Anrufe“, unterbrach ich ihn schnell und fixierte ihn scharf. „Um was geht es dabei überhaupt? Wer ist der Anrufer, ein Mann oder eine Frau?“

„Manchmal ein Mann, manchmal eine Frau“, murmelte er unschlüssig. „Na ja, Pete, der Lebensweg eines Mannes von Vaters Schlag ist mit Kämpfen und Schwierigkeiten gepflastert. Dabei geht es nicht immer vornehm und christlich-milde zu, das liegt in der Natur der Sache. Auf solche Dinge scheint der Anrufer anzuspielen. Genaueres weiß ich leider selbst nicht, aber ich habe den Eindruck, dass man meinem Vater einen lange zurückliegenden Geschäftserfolg vorhält. Ich bin ziemlich sicher, dass sich mein Vater nie ein Vergehen oder gar Verbrechen strafrechtlicher oder handelsrechtlicher Art hat zuschulden kommen lassen. Dagegen kommen Schachzüge und Tricks immer wieder im geschäftlichen Leben vor, die eine jungfräuliche Seele als moralisch verwerflich betrachten würde ...“

„Wenn es so ist“, sagte ich aufgebracht, „kann man doch ohne Schwierigkeiten Tabula rasa machen! Ich schlage vor, entweder die Polizei einzuschalten, oder doch wenigstens ganz offiziell einen Detektiv ins Haus zu nehmen.“

„Dazu sind ja jetzt Sie da!“