Mörder Quote - Thomas Hermanns - E-Book

Mörder Quote E-Book

Thomas Hermanns

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7,99 €

  • Herausgeber: Goldmann
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Der Krimi für alle, die Castingshows lieben – oder hassen

„Music Star 3000“ ist die beliebteste Castingshow im deutschen Fernsehen. Es läuft bereits die sechste Staffel, und jeder kennt die Rituale, jeder kennt die Abläufe. Dann aber nimmt ein Mörder den Rauswahl-Mechanismus selbst in die Hand und bringt Woche für Woche einen Kandidaten um – mitunter vor laufender Kamera. Ist der Mörder einer der Kandidaten? Oder ein Jury-Mitglied? Die Einschaltquoten schießen jedenfalls ins Unermessliche. Denn das Motto der Show „Es kann nur einer übrig bleiben!“ wurde noch nie so ernst genommen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 325

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Buch

Tanya, attraktive Blondine und toughes Exmodel, ist seit sechs Staffeln Mitglied der Castingshow-Jury von »Music Star 3000« und hat den gigantischen Erfolg von Deutschlands beliebtester TV-Show mitbegründet. Langsam wird sie aber des Show-Zirkus müde und möchte aussteigen. Diese Staffel wird auf jeden Fall ihre letzte sein, was außer ihr allerdings keiner weiß. Doch diese Staffel wird sowieso anders als alle bisherigen, denn plötzlich stirbt in jeder Folge ein Showkandidat. Schon bald ist klar, dass die Tode alles andere als natürliche Ursachen haben. Verdächtige gibt es genug, denn eine Castingshow ist kein Ponyhof – es wimmelt nur so von dunklen Motiven und halbseidenen Gestalten, auch jenseits der inzwischen üblichen Kandidaten-Ansammlung von Exkriminellen, Stangentänzerinnen, Gothic-Prinzessinnen und Rap-Proleten. Auch im Umfeld der Show gibt es hemmungslose Typen wie zum Beispiel skrupellose PR-Chefs, brutale Paparazzi und klatschsüchtige Maskenbildner.

Als die Öffentlichkeit von den Morden erfährt, steigen die Einschaltquoten und die Werbeschaltungen der Sendung ins Unermessliche. Hat der Sender jetzt nicht die Pflicht, die Show zu stoppen? Ist ein Menschenleben nicht wichtiger als die Mörderquote? Nicht, wenn die Kandidaten selber weitermachen wollen – bis zum bitteren Ende. Und so kommt es zum größten Showdown der Fernsehgeschichte.

Autor

Thomas Hermanns ist Showmacher und Experte für Popkultur. Er erfand den Quatsch Comedy Club, moderiert die gleichnamige TV-Show und zahlreiche große TV- und Live-Events. Er ist unter anderem Gewinner der Goldenen Kamera in der Kategorie »Comedy« und bekam zweimal den Deutschen Comedy-Preis verliehen. 2011 schrieb er sein erstes Musical »Kein Pardon«.

Von Thomas Hermanns außerdem bei Goldmann lieferbar:

Das Tomatensaft-Mysterium. Fliegen in der Comedy Class (47262)

Thomas Hermanns

Mörder Quote

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. 1. Auflage

Originalausgabe September 2012

Copyright © 2012

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München

Umschlagfoto: © Getty Images/Ryan McVay

und © shutterstock/Stephanie Swartz

Autorenfoto: © Stephan Pick

Redaktion: Christiane Düring

BH · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-07660-3V002

www.goldmann-verlag.de

Für Magdalena und Petra,

die Krimifans!

Zehn Wochen Castingshow.

Neun Leichen.

Ein Gewinner.

WOCHE 1:

GET THE PARTY STARTED

KAPITEL 1

Tanya schaltete das grelle Neonlicht in ihrer Garderobe ein und schob todesmutig ihr Gesicht näher an den Spiegel. Da waren sie. Drei kleine Falten unter dem linken Auge. Noch sehr klein, noch nicht tief, aber unübersehbar. Es war so weit.

Seufzend ließ sie sich in ihren Schminkstuhl zurückfallen und betrachtete sich. Sonst noch alles gut – eine blonde Frau mit perfektem Haar, perfekter Figur und perfekten Zähnen schaute kritisch zurück. Ehemaliges Model, eindeutig eine Schönheit. Offiziell 35. In Wahrheit 41. Und ab heute offiziell faltig. Es war zum Mäusemelken.

Tanya goss sich ein Glas stilles Wasser ein und versuchte sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Heute war der erste Liveshow-Tag der siebten Staffel der Hit-TV-Show Music Star 3000, wie immer mit ihr, Tanya Beck in der Jury. »Deutschlands immer noch aufregendste Blondine«, wie die BILD nicht aufhörte zu betonen.

Als ob die Zeitung ihren baldigen dramatischen Fall aus dieser Kategorie schon jetzt vorbereiten würde. Und sie würden sich nicht lange gedulden müssen, falls aus den Faltenspuren tiefere Gräben würden. Es sei denn, sie ging freiwillig, wie sie es sich eigentlich schon letztes Jahr vorgenommen hatte, ehe sie sich doch noch einmal überreden hatte lassen – eine Staffel mehr, eine Runde mehr auf diesem bekloppten, schrill-bunten Karussell, für das gute Geld, für den Ruhm, die Annehmlichkeiten, den besten Tisch im Restaurant, die Freikarten zu den Veranstaltungen, das Gefühl, wer zu sein.

Warum auch nicht?

Sie warf einen letzten strengen Blick in den Spiegel. Darum nicht!

Weil sie es schon lange müde war und man das jetzt immer deutlicher sehen konnte. Weil Veranstaltungen, beste Tische und Freikarten sie schon lange nicht mehr interessierten. Weil sie genug Geld hatte – und weil sie auch ohne Kameras jemand war. Das hoffte sie jedenfalls jeden Tag.

Tanya seufzte und griff nach den Unterlagen der neuen Staffel, sorgfältig aufbereitet von all den fleißigen, unbezahlten Medienpraktikanten, die Jahr für Jahr aufs Neue leicht panisch durch die Studiogänge schwirrten wie frisch gewaschene Dackel.

Die zehn Folder enthielten jeweils ein großes Foto von dem Kandidaten und eine sehr kurze Zusammenfassung seines bisherigen Lebens. Die Zusammenfassungen waren deswegen sehr kurz, weil erstens die meisten Teilnehmer einer TV-Gesangs-Castingshow in ihrem Leben noch nicht viel erlebt hatten und zweitens die Autoren der Show schon im Vorfeld festlegten, welche Rolle der oder die Einzelne auf der Bühne der jeweiligen Staffel einnehmen würde.

Manchmal konnte man sogar anhand der Texte spüren, wer ein möglicher Gewinner sein würde – oder wen die Autoren der Sendung auf jeden Fall so sahen. Vor zwei Staffeln war es sonnenklar gewesen: »Der charmante 20-Jährige aus Minden jobbt neben seinem Hauptberuf als Step-Aerobic-Lehrer noch in einem Heim für krebskranke Kinder, wo er auch die Theatergruppe leitet und mit selbstkomponierter Musik versorgt.« Spätestens nach der Weihnachtsfolge, mit all den todkranken Kindern im Publikum, war die Sache entschieden gewesen.

Dieses Jahr war es schwieriger. Schon bei den sogenannten »Vorrunden« hatte Tanya niemanden gesehen, der ihr auf Anhieb wie ein Gewinner oder eine Gewinnerin vorkam. Aber vielleicht war sie dieses Mal auch schon viel zu angeekelt gewesen von den endlosen Provinz-Turnhallen, dem Geruch von Angst und Pickelcreme, den Sprüchen ihrer Mitjuroren und den vielen Bekloppten, die in den letzten Jahren immer länger abgefilmt wurden als die normal begabten oder einfach nur netten Kids.

Der Hang dieses TV-Karussells zur Geisterbahn war unübersehbar – und so auch in den Bildern und Leben deutlich zu erkennen, die jetzt vor ihr lagen:

Zehn junge Leben voller Träume und voller Hoffnung auf das Preisgeld von 100.000 Euro und den Plattenvertrag. Zehn junge Menschen, die der nächste Michael Jackson oder die nächste Madonna werden wollten und nun die Chance bekamen auf die nächste Kelly Clarkson oder den nächsten Mark Medlock (nicht zynisch werden, dachte Tanya, sonst stehst du die Staffel nicht durch. Deine letzte!). Zehn mögliche Superstars von morgen – oder wie sie es jetzt eigentlich schon in- und auswendig konnte:

– Die Schlampe

– Die Türkin

– Der Engel

– Die Transe

– Die Teufelin

– Der Schwiegersohn

– Der Schwule

– Der Rocker

– Der Verbrecher

– Der Freak

Lauter nette junge Leute.

Besonders den Freak dieser Staffel fand Tanya extrem. Hatte früher ein normaler Therapiefall gereicht, wie zum Beispiel Hans-Jörg aus der dritten Staffel mit der Babypuppen-Sammlung oder Kristina aus der fünften Staffel mit dem Waschzwang, war es den Castingleuten dieses Mal gelungen, »Mephisto« zu finden, einen Mann um die 40, der schon bei den Vorrunden nur mit einer silbernen Teufelsmaske auftrat. Niemand in der Show jenseits der Chefetage kannte seine wahre Identität, und er hatte sogar die Sondererlaubnis erhalten, verkleidet aus dem Nichts direkt zu den Proben und den Liveshows zu kommen.

Tanya tippte darauf, dass sich unter dem dämonischen Getue ein ganz normaler Michael oder Jürgen verbarg, der sich wichtigmachen wollte, eine Art Castingshow-Sido. Im schlimmsten Fall war es ein Enthüllungsreporter, der die Geheimnisse hinter den Kulissen der Castingshow aufdecken wollte.

Das wäre wenigstens mal eine Abwechslung, dachte sie und musste grinsen. Günther Wallraff sang als Teufel verkleidet live »Born to be wild«. Jedenfalls konnte es nicht schaden, »Mephisto« ab und zu ein gutes Juryurteil zukommen zu lassen.

Sie blätterte weiter durch die Papiere. Nun musste sie nur noch die Vornamen der Kandidaten (wie immer hatte niemand in dieser Castingshow einen Nachnamen) zu den Showfunktionen zuordnen. Obwohl – im Kopf der Zuschauer waren inzwischen die »Rollennamen« der Akteure definitiv »echter« als die Namen in den jeweiligen Personalausweisen. Das Finale wäre sicher eher »Die Transe gegen den Rocker« als – und jetzt musste sie doch wieder nachsehen – »Chantal gegen Uwe«.

Das Publikum liebte die Labels, die die Presse und die Script-Autoren den einzelnen Teilnehmern verpassten und die sie – was sie alle noch nicht wussten, nicht mal die jungen, ach so medienerfahrenen Mitglieder der Twitter- und Facebook-Generation – nie wieder loskriegen würden. In jedem Lokal in Deutschland, Österreich und der Schweiz würde es heißen: »Guck mal, da sitzt der Freak aus MS 3000« oder »Mensch, da geht doch die Schlampe aus MS«.

Wichtig war: Der Name der Sendung würde dabei immer gesagt werden. Chantal oder Uwe eher selten. Das war der Preis, den die netten jungen Leute für acht Millionen Zuschauer zahlen mussten, und das war die Basis des Erfolgs der Sendung, die Tanya bisher schon zwei Eigentumswohnungen eingebracht hatte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

»Schatzi, machst du dich wieder selber?«, schrillte es plötzlich durch die aufgerissene Garderobentür. Tanya hasste es, wenn Leute nicht anklopften. Auch hier in dieser sogenannten »VIP-Garderobe« (die aus der immer gleichen Mischung aus grauem Teppichboden, roten Kunstledersofas, quadratischen Beistelltischen und EINEM Kleiderständer bestand und in die dauernd Leute reinkamen – meistens einer der neuen Dackel mit treuem Blick und der Frage »Brauchen Sie noch etwas?«) erwartete Tanya mindestens das Benehmen ihrer sechsjährigen Nichte: Klopfen, dann ein »Herein« abwarten.

»Sag mal, Schatzi, hörst du mich nicht, ich hatte dich etwas gefragt!«

Tanya versuchte einen huldvollen Blick, drehte sich in ihrem Sessel und warf ihn auf Manfred »Mausi« Schmitz, den ewigen und scheinbar unkündbaren Hauptmaskenbildner der Show, der wie immer mit einer seelischen Mischung aus Beyonce und Inge Meysel dramatisch und permanent beleidigt in der Tür lehnte.

»Ja, Mausi, mache ich«, gab sie knapp zurück und sah an den noch tiefer sinkenden Mundwinkeln in seinem verbrannt braunen Gesicht, dass sie damit ihr sowieso schon angeschlagenes Verhältnis nicht verbessern würde.

»Dann mach ich aber noch das Finish. Ich muss dich sehen, bevor du rausgehst, das hab ich im Vertrag«, maulte die Diva, gefangen im Körper eines Puderpinsels, und schloss die Tür mit einem zu lauten Klacken, wie auf der Bühne eines Boulevardtheaterstückes. Tanya musste grinsen. Punkt für sie.

Wenn sie sich jetzt von Mausi hätte schminken lassen, sähe sie aus wie in der allerersten Staffel der Show: wie eine Transe mit zwei überraschend echt aussehenden Brüsten. Apropos – sie schob die Hände unter ihre Brüste, hob sie an und ließ sie wieder sinken. Bei »Sandy und Danny« war noch alles in Ordnung. Sie hatte ihre Brüste selber so getauft, denn: einmal Grease-Fan, immer Grease-Fan! Sie summte »We go together like whop bamalama be bop bam boom«, während sie sich geschickt an einigen Stellen so wieder abschminkte, dass die späteren zu dicken Puderschichten der blöden Mausi ihrem Gesicht im TV-Bild keinen Schaden antun konnten. Sie war, was sie war, und sie blieb, was sie blieb: Deutschlands IMMERNOCH aufregendste Blondine!

KAPITEL 2

Sascha klappte den leeren Koffer zu und sah sich in dem kleinen Hotelzimmer um. Es war okay, kein Luxus, aber auch keine Absteige. Und vor allem war er froh, dass er nicht mit den anderen Kandidaten zusammen in einem sogenannten »Haus« wohnen musste, wie es in anderen Castingshows üblich war, sondern abends eine Hoteltür hinter sich zumachen konnte. Er hatte absolut keine Lust auf all den Psychokram, der in solchen »Häusern« für die Einspieler in der TV-Show sorgte. So was wäre nur schlecht für seine Konzentration. Er stellte den Koffer in eine Ecke, setzte sich aufs Bett und fixierte seine drei Motivationsbilder, die auf dem Nachttisch eine Diagonale bildeten. Diese Mädels würden ihn zum Sieg führen – da war er ganz sicher. Die Heilige Dreifaltigkeit seines jungen Popfan-Lebens: Madonna, Britney, Gaga. Oder, wie sein Kumpel Angelo es immer formulierte: »Drei Schlampen und kein Halleluja!«

Als er an Angelo und die Gang dachte, wurde er einen Moment lang sentimental. Der gestrige Abend in ihrer gemeinsamen Stammkneipe, dem Rainbow, war einfach der Hit gewesen. Zu lustig die »Better the devil you know«-Choreografie, die die Jungs für ihn aufgeführt hatten, zu innig die Blicke, die der süße Barkeeper ihm am Ende des Abends noch zugeworfen hatte und die er – Profi, der er ab heute war – nicht mit einer Runde Wildsau-Schnäpsen beantwortet hatte.

»2 qte!«, hatte Angelo ihm heute Morgen zusammen mit einem Handyfoto vom Barkeeper gesimst, und Sascha stimmte ihm zu. Aber er musste sich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren. Auf den Wettbewerb. Auf die nächsten zehn Wochen. Denn er war sich sicher, dass es auch wirklich zehn Wochen werden würden, nicht drei und nicht sieben. Er würde am Schluss im Finale stehen. Darauf hatte er sich ein Leben lang vorbereitet, seit er zum ersten Mal mit sechs Jahren unter dem Weihnachtsbaum »Last Christmas« vorgesungen hatte.

Das Foto vom Barmann speicherte er trotzdem. Wenn er als Popstar ins Rainbow zurückkäme, würde es definitiv statt »Wildsau« Champagner geben. Und wer weiß, was noch …

Es klopfte an der Tür. Sascha sprang auf, checkte seine Haare im Spiegel über dem Waschbecken und öffnete. Einer dieser niedlichen Orga-Typen stand vor ihm mit der unumgänglichen Cargohose plus Baseballkappe auf dem Kopf, also hetero. »Hi! Der Shuttle wäre dann da. Herr Schmitz erwartet Sie in der Maske.«

Sascha warf seinen drei Mädels am Bett einen Blick zu. »Ladys, habt ihr das gehört? Shuttle! Maske! Und ich werde gesiezt – ich denke, wir vier sehen uns demnächst bei den MTV-Awards!« Er strahlte den Cap-Typen mit seinem perfektesten Showstar-Lächeln an. »Ich bin gleich da, Herr …?«

»Frank.« Der Typ grinste und schob dabei die Kappe etwas weiter hoch, sodass eine blonde Locke wie zufällig herausrutschte.

Sascha strahlte auf 1000 Watt zurück und schloss die Tür etwas zu sanft. Vielleicht doch nicht so ganz hetero … Im Showgeschäft war ja alles möglich.

Auch Tanyas nächster Besuch polterte einfach ins Zimmer, dieses Mal allerdings mit der Masche, erst kurz und hart zu klopfen und dann ohne Aufforderung hereinzukommen.

So machten das Menschen mit Macht, dachte sie. Menschen, wie PR-Chef Peter de Bruyn, der sich wie üblich ohne jede Begrüßung in eines der Sofas fallen ließ und sie lange und wortlos aus seinen engen kleinen Augen anstarrte, als ob er sie für eine Auktion einschätzen müsste.

»Auch dir einen guten Morgen, Peter! 13 Uhr ist bei dir doch noch Morgen, nicht wahr?« Sie hob leicht royal eine Augenbraue. »Was kann ich für dich tun?«

Peter de Bruyn fuhr sich mit der Zunge über die schmalen Lippen, holte einmal Luft und dann schoss es hektisch aus ihm heraus, als ob er Koks genommen hätte, was vermutlich auch der Fall war. »Die PR-Möglichkeiten der Staffel, Tanya. Was können wir wem anbieten und wann. Was gibt es in deinem Bereich, was die Leser der größten deutschen Tageszeitung interessieren könnte und warum? Was kannst du zum Erfolg der Show in dieser Staffel beitragen außer deinen alten Playboy-Fotos und deinem hübschen Dekolleté im Bild? Gibt es Neuigkeiten, alte Sünden, neue Affären, Ex-Boyfriends, die uns interessieren, neue Boyfriends, die wir dir besorgen können, Süchte, Ängste, Krankheiten? Eine siebte Staffel ist immer schwer, ich brauch da deine volle Kooperation!« Als Tanya das erste Mal den PR-Mann so erlebt hatte, war sie überzeugt davon, er wolle sie verarschen. Sie dachte, er würde ihr eine Persiflage vorspielen aus irgendeinem B-Movie, in dem der böse Presseagent das verschüchterte Starlet zu Indiskretionen drängt, derentwegen sie dann schließlich draufgeht und er tief gebrochen aus der Branche aussteigt.

Aber nach ihrer ersten ganzen Stunde war ihr klar geworden, dass der aalglatte Mittdreißiger de Bruyn das alles, inklusive seiner englischen Maßschuhe und seiner navyblauen Hemden, wirklich ernst meinte. Das ganze Konzept Peter de Bruyn war sogar äußerst bitterer Ernst. Und als er dann ihre alten Gymnasiums-Zeugnisse mit den schlechten Mathenoten ausgegraben hatte und an die Presse unter der Überschrift »Sind Blondinen sogar zu doof für eine Casting-Jury?« weitergegeben hatte, mit der Absicht eine »kontroverse Debatte« anzuzetteln, hatte sie begriffen, welche Rolle der Mann nun in ihrem Leben spielen würde. Sie hatte daraufhin aufs Gründlichste ihre Vergangenheit durchforscht, bevor er es – immer im Dienst der Show natürlich – selber tun würde.

Leider gab es aus ihrer alten Profimodel-Zeit noch einige hässliche Agentur-Bilder, die sie nicht ganz verstecken konnte – aus den Jahren, als ihr Portfolio noch aus Privat-Schnappschüssen vom Strand auf Ibiza bestanden hatte sowie den sehr schönen Fotos mit 80er-Jahre-Katzenpullovern und den entsprechenden Laura-Branigan-Haaren vor dem Weihnachtsbaum im elterlichen Reihenhaus.

Aber ganz Schlimmes war Gott sei Dank nicht dabei. Keine Schönheits-OPs, keine Drogen, keine Magersucht, keine Pornos. Auch die Änderung ihres bürgerlichen Namens von Tanja Becker zu Tanya Beck war in der Modelwelt normal. Wobei sie sich damals vielleicht beim Nachnamen etwas mehr hätte anstrengen können, um all diesen Bier-Gags zu entgehen.

Blieb nur die Sache mit ihrem Alter – aber das war heutzutage nun wirklich keine Schlagzeile mehr wert. »TV-Moderatorin schummelt bei ihrem Alter« würde genauso wenig Zeitungen verkaufen wie »Pole schmelzen weiter«. Es war trotzdem amüsant zu beobachten, wie oft diese »holländische PR-Cruise-Missile« (O-Ton Produzent) versucht hatte, einen Blick auf ihren Personalausweis zu werfen, indem er zum Beispiel plötzlich im Flughafen am Schalter neben ihr auftauchte und sogar einmal von ihr erwischt worden war, als er ihre Handtasche durchsuchen wollte – nach einem Tempotaschentuch, wie Peter damals behauptet hatte. Warum ausgerechnet ihm in so einer Situation keine bessere Lüge eingefallen war, fragte sich Tanya noch heute. Wahrscheinlich war sein Koks gerade ausgegangen und sein Gehirn deshalb auf Stand-by gestellt.

Apropos Stand-by – sie musste sich wieder konzentrieren. »Leider gibt es nichts Neues«, flötete sie scheinheilig und betrachtete dabei seinen zu engen schwarzen Designeranzug, der sich an der Hüfte schon etwas beulte. »Du weißt, ich bin die Nonne der Show! Frag doch mal deinen lieben Freund Marco.«

Sie musste lächeln. Beim Namen des Jury-Obermotz zuckte sogar Peter zusammen wie der Teufel beim Weihwasser. Der Juryboss und eigentliche Chef der Show, Ex-Musikproduzent mit Sternzeichen Bulldogge und Aszendent Stalin, bestehend aus 85 Kilo reinem Testosteron, war der einzige Mensch, vor dem Peter Angst hatte. Wie übrigens jeder in der Show außer Tanya: Kandidaten, Mitarbeiter, Stargäste. Tanya nannte Marco Deutz heimlich »Hitlers unsympathischeren kleinen Bruder«. Nur das Publikum liebte ihn bedingungslos – besonders für seine »Sprüche«, wenn er wieder mal ein hilfloses minderjähriges Kandidatenhühnchen grillte und in aller Öffentlichkeit zerlegte wie einen Truthahn an Thanksgiving …

»Mies, mieser, Marco!«, war sein berühmtester Spruch, den es inzwischen auch auf T-Shirts und Kaffeetassen gab. Für den guten Morgen an einem bestimmt sehr fröhlichen Frühstückstisch, dachte Tanya und schlug aus dramaturgischen Gründen elegant die Beine übereinander.

»Ich hab Marco schon gefragt, der hat auch nichts«, schnaufte Peter fast kleinlaut. »Seine Neue ist eine thailändische Schönheitskönigin … aber das ist jetzt ja nicht so wahnsinnig überraschend …«

So konnte man es auch formulieren, dachte Tanya, während sie sich ein stilles Wasser nachgoss. Marcos Frauenverbrauch und seine Vorliebe für stumme wunderschöne Asiatinnen waren in der deutschen Medienlandschaft schon Folklore. Seine Dreimillionen-Euro-Jacht, die jedes Jahr nach der Staffel vor Bangkok auslief, hieß im Medien-Volksmund der »Lotus-Pflücker«. Und so gab es auch dieses Jahr wieder eine neue bildschöne, schüchterne junge Frau, die mit Louis-Vuitton-Taschen behängt in zu kurzen Kleidchen durch die Studiogänge irrte und die Schrift der Hinweisschilder nicht lesen konnte. Tanya hatte sie schon am Morgen gesehen, sie hatte das Herrenklo mit dem Produktionsbüro verwechselt.

»Vielleicht ist sie ja dieses Mal ein Mann – das kommt öfter in Thailand vor …«, frotzelte sie. Langsam machte ihr Peters Besuch Spaß. Denn größer als dessen Angst vor Marco war höchstens noch sein oft erwähnter Ekel vor allen sexuellen Zwischenstufen. Er war bekannt dafür, den schwulen Kandidaten verzweifelt Affären mit weiblichen Kandidatinnen zu verordnen, um so sein Gewissen und seine eigenen Ängste zu beruhigen.

»Ich glaube nicht, dass sie ein Mann ist«, sagte Peter nachdenklich. »Wäre super gewesen!«

Tanya warf ihm einen verblüfften Blick zu. Peter war wohl wirklich auf Entzug. »Na, dann bleibt nur noch Pitterchen«, sagte sie. »Da geht doch immer was.«

Das sogenannte »Pitterchen« war der Dritte im Jurybunde, ein älterer Komiker aus Köln, der für bunte Hemden und hysterische Lachanfälle in der Show bekannt war sowie für seinen Hauptspruch »Isch kann ni mi!« – was so viel hieß wie »Ich halte es nicht mehr aus«.

»Vielleicht hat er bei einer seiner Tourneen wieder seinen Wagen zersäbelt«, schlug sie vor und bemühte sich um einen konstruktiven Gesichtsausdruck. »Du weißt doch, wer fährt nach einer halben Flasche Wodka immer noch selber nach Hause … das Pitterchen!« Tanya hatte nicht vor, so zynisch zu klingen wie Peter, aber sie wollte ihn jetzt loswerden. Und es klappte.

De Bruyn stand auf und schlängelte sich zur Tür. »Gut, ich frag ihn. Aber ich sage es dir noch mal, Tanya …« – wie sie diesen Satz hasste – »jede siebte Staffel einer TV-Hit-Show ist schwierig. Es besteht immer die Gefahr, dass es langweilig wird, dass sich die Formel überholt hat. Wir brauchen in dieser Staffel Drama! Ohne Drama keine Quote! Ohne Quote keine dritte Eigentumswohnung. Denk dran, du bist für mich eine Teamplayerin – nicht nur die Titte in der Mitte!«

Mit diesen Worten verließ der PR-Chef den Raum, ohne die Tür zuzumachen. Tanya stand wütend auf und schloss sie. »Die Titte in der Mitte« – wenn sie Pech hatte, würde das auf ihrem Grabstein stehen.

Sie setzte sich wieder hin und atmete durch. Eine Staffel noch! Um sich abzulenken, nahm sie wahllos einen Brief aus der Kiste ihrer Fanpost. »Liebe Tanya!« Er war sauber mit dem Computer geschrieben und ausgedruckt. »Vergeben Sie Ihre Stimme richtig! Es hat nur eine Person verdient zu gewinnen. Alle anderen sind hinfällig!«

Der Brief war weder unterschrieben, noch hatte er eine Adresse. Einen kurzen Moment kam ihr das Wort »hinfällig« komisch vor. Es war eigentlich zu hochtrabend für ihre Fanpost. Aber in dieser Show war Wortwahl auf jeden Fall der geringste exotische Faktor. Tanya legte den Brief weg und warf einen letzten Blick in ihren Spiegel.

Mehr Drama, dachte sie. Wir brauchen viel mehr Drama!

KAPITEL 3

Sascha saß nervös in seinem Schminkstuhl im Make-up-Raum, starrte auf die Wand voller Autogrammkarten vor sich (wer oder was war »Captain Jack«?) und wartete auf das Kampfkommando Mausi Schmitz, das neben ihm schon schnaufend zugange war. Nicht nur um seinen Look machte er sich Sorgen – er hatte sich immer selber geschminkt, seit er live auftrat, und wusste genau, was ihm stand und was nicht –, sondern mehr noch ärgerte ihn, dass ausgerechnet dieser ewig betrunkene Stammgast des Rainbow gleich auf ihn einpudern würde. Wie oft hatten er und seine Gang sich schon über diese »alte Kölsch Krähe« mokiert, die immer am gleichen Platz am Tresen thronte, immer hackedicht und immer bösartig. Und wie viele Spitznamen hatten sie ihr schon gegeben – »Alexis Zombie« zum Beispiel oder »Karin Kruger – Freddies hässliche Mutter«. Und nun das: Ausgerechnet Mausi musste an Saschas wichtigstem Karrieremoment mitarbeiten. Dafür oder dagegen, das blieb abzuwarten.

Im Moment arbeitete er an der »Teufelin«, Gothic-Prinzessin Xena direkt neben Sascha. Das hieß, er rollte die Augen in Richtung der Styropor-Decke und betrachtete das blauschwarz gefärbte Haar mit Abscheu. »Schatzi, das ist kein Haar mehr, das ist Restmüll!«, schnaubte er in Richtung Spiegel, während er die Haarwurzeln sorgfältig mit dem Stielkamm und einem ekelverzerrten Gesicht freilegte. »Was sollte das hier mal werden? Amy Winehouse goes Manga?« Sascha warf einen Blick auf Xenas Gesicht. Es blieb völlig ausdruckslos. Stumm ging sie in ihrem Handy ihre SMS durch. Sie hatte sich wohl nicht zur »Princess of Darkness« beim letzten Bloody Sunday Goth-Festival in Herne wählen lassen (Sascha hatte natürlich alle Homepages aller Mitkandidaten genau studiert), um sich jetzt von einer Friseurhusche nerven zu lassen.

»Das ist mein Style«, presste sie nur knapp durch ihre blau geschminkten Lippen und erwischte dabei Saschas Blick im Spiegel. »Take it or piss off!«

Mausi gab einen zischenden Laut von sich, griff zur Spraydose und streckte den Arm weit aus wie zum Aufschlag beim Tennis und nebelte Xena minutenlang mit Haarspray ein. Sie bewegte immer noch keinen Mundwinkel.

»Fertig!«, verkündete der Maskenbildner erschöpft. »Geh mir aus den Augen!« Xena stand auf, schob ihren alten Kaugummi wieder von der Stuhllehne zurück in den Mund und schlurfte kauend aus dem Raum.

»Na, wen haben wir denn da!«, tönte es einen Moment später über Saschas Kopf wie ein tuntiges Gottesgericht. »Das kleine Mäuschen aus dem Rainbow. Spielst du immer noch Rühr-mich-nicht-an, oder hast du inzwischen einen echten Kerl an deinen Schniedelwutz gelassen?«

Sascha schloss die Augen. Na großartig! Er hatte sich noch nicht mal entschieden, ob er die Show als Pseudo-Hete bewältigen oder sich schon in der ersten Liveshow stolz und hoffentlich punktewirksam outen würde, da wurde er bereits in der Maske vor seinen Gegenkandidaten enttarnt, und zwar von einem ältlichen James-Bond-Girl in Marc-Jacobs-Trainingsanzug.

Er schielte nach links. Dort saß inzwischen das Blondchen Lilly samt ihrer Eiskunstlaufmutti. Beide starrten hoch konzentriert in den Spiegel. Rechts von ihm saß dieser Mittdreißiger Rocker-Typ und spielte mit einem Taschenmesser an seinen Fingernägeln herum. Und in der Ecke hinter ihm machte sich Stangentänzerin Ayleen für ihr erstes Backstage-Interview warm, indem sie sich dehnend im Spagat ihre üppigen Brüste auf ihre Knie legte.

Es hätte kaum schlimmer laufen können, dachte Sascha und korrigierte sich sofort. Doch, es hätte schlimmer laufen können, – Ayleens Kamera hätte schon eingeschaltet sein können, und damit wäre Mausis Outing gleich mal auf Chip gebannt worden – für zukünftige redaktionelle Zwecke und für die Youtube-Ewigkeit.

»Ich glaub, ich mach dich erstmal ein bisschen weniger schwul …«, schallte es von oben herab.

Sascha atmete noch einmal tief durch. Einfach buddhistische Ruhe bewahren. Wie Lady Gaga im Video. Einfach nur »Poker Face«.

Als Tanya den Schminkraum betrat, bemerkte sie gleich, dass etwas nicht stimmte. Die aktuellen Schwingungen im Raum ließen den Gazastreifen eher wie Tropical Island erscheinen. Irgendwo wurde hier Krieg geführt, und zwar mit scharfen Waffen.

Mausi hatte gerade den Tochter-Teil der Mutter/Tochter-Nummer in Arbeit, die sie schon bei den Vorrunden zum Wahnsinn getrieben hatte. Ehrgeizige Mütter waren bei Music Star 3000 nichts Ungewöhnliches, aber dieses Modell mit der Figur einer 30-Jährigen und den Händen einer 60-Jährigen war doch außergewöhnlich anstrengend gewesen. Wenn die Tochter nicht so talentiert, ruhig und hübsch gewesen wäre, hätte die Produktion sie nie in die Show aufgenommen. Aber das Mädchen erfüllte das Profil »blonder Engel« einfach perfekt – und Tanya war sich sicher, dass sie genau darauf schon ein Leben lang von Mami gedrillt worden war.

Tanyas Blick wanderte weiter. Die Stangentanz-Schlampe gab gerade ihr erstes Interview. Sätze wie »Ich zeige meinen Körper gerne, da ist doch nichts dabei« und »Ich steh zu meiner Brust-OP. Ich mag meine Möpse!«, prasselten im breitesten Thüringisch in die willige Kamera, und Tanya war sich sicher, dass die Autoren die Provinzstripperin Ayleen aus Erfurt spätestens in der dritten Folge ein Duett mit der streng religiösen Muslima Fatima singen lassen würden. Offiziell zur Völkerverständigung, inoffiziell zum Showdown »Arsch gegen Allah«. Wahrscheinlich würde es wieder mal eine Coverversion von »We are the World« werden.

Selbst der selbstbewusste kleine Schwule vor dem Schminkspiegel sah panisch aus. Tanya mochte ihn schon seit seinem ersten Vorsingen (In Celle? In Oberhausen? In Trier?). Er war zwar übertrieben ehrgeizig wie alle seine Altersgenossen, aber er hatte dabei immer noch eine gewisse kindliche Unschuld, als ob die Fernsehwelt ein großer Abenteuerspielplatz wäre und er gerade dabei, auf den höchsten Baum zu klettern. Und sie mochte seine Stimme – ein schöner Poptenor, der ihn sicher in der Show zusammen mit seiner »Oh-wie-süß«-Optik bei den anrufenden Girlies weit nach vorn bringen würde. Wenn er keine Fehler machen würde. Und gerade im Moment sah er so aus, als hätte er einen großen Fehler gemacht.

Den vierten Kandidaten, der neben dem Kleinen saß und vor sich hinstarrte, hätte sie fast übersehen, und sie kannte auch den Grund dafür. Uwe, der »ehrliche Rocker«, war ihr von Anfang an unheimlich gewesen. Nicht nur, dass sie sich jetzt schon musikalisch vor seinen Bon-Jovi-Versionen fürchtete, auch sein Lebenslauf, die Realschule, die lange Arbeitslosigkeit, die Hartz-IV-Spirale und seine Hobbys »Bier« und »Kumpels« hatten ihn Tanya nicht sympathischer gemacht. Aber die Produktion wollte unbedingt einen ehrlichen Ossi aus Meck-Pomm »mit dem Herz am richtigen Fleck«.

»Mausi, ich muss raus!« Tanya sah ungeduldig zu Madame-Dreiwettertaft hinüber, aber die schien zur Abwechslung mal begeistert zu sein.

»Moment, Tanya Schatz, ich muss bei dem Mädel hier nur noch brushen! Schau, ich mache in null Komma nichts aus einem blassen, blonden Teenie eine Göttin! Eine junge Marilyn Monroe gekreuzt mit Madonna in ihrer ›True-Blue-Phase‹!«

»Was ist denn brushen?« Der Mutti-Designerfummel-Drachen beugte sich misstrauisch vor, eine Art Amanda Lear in Ruhrgebietsformat – geliftet, gebräunt und in Tiger-Leggings und Versace-Shirt so schick wie eine russische Puffmutter auf Ballermann-Besuch.

»Brushen kommt von Air Brush«, belehrte Mausi nun gnädig sie und den restlichen Raum – »der Teint wird mit einer Art Sprühpistole aufgetragen und verschließt so die Poren viel gleichmäßiger. Der Effekt ist ein glatteres Gesichtsbild, als wenn ich mit der Hand auftrage.«

»Aber ist das nicht ein bisschen – puppenhaft?«

Tanya musste grinsen. Respekt, die Tante wich im ersten und bestimmt nicht letzten Kampf »Mutti gegen Mausi« keinen Zentimeter.

Ihr Kontrahent schnaufte. »Puppenhaft ist nicht der richtige Ausdruck«, schoss er scharf zurück. »Schauen Sie, bei Ihnen – da hat vielleicht die Mischung aus ägyptischer Erde und Schönheitschirurgie zu einer gewissen optischen … Starre … geführt. Aber meine Methode macht aus Ihrer kleinen Prinzessin ein singendes Topmodel!«

Eins zu null für Mausi! Die Tigertante zog sich schmollend zurück, und ihre kleine Prinzessin sah weiterhin ausdruckslos und geduldig in den Spiegel. Tanya fiel auf, wie klaglos sie die ganze Prozedur über sich ergehen ließ.

»Lilly, du kannst los!« Mausi richtete sich auf und betrachtete sein Werk im Spiegel. Und, fast gnädig: »Schatzi, du siehst göttlich aus!«

Ein paar Minuten später hatte Tanya nun endlich auch ihr »Finish« erhalten und innerlich schon wieder abgeschminkt. Bevor sie den Raum verließ, beschloss sie, eine kleine aufmunternde Rede für die Kandidaten zu halten, um sich selbst für ihre Juryurteile in der Sendung ein bisschen aufzuwärmen. Die Backstage-Kamera war mittlerweile ausgeschaltet, und Ayleen hatte ihre Weisheiten über die uralte Kunst des Stangentanzes (»Macht Frauen selbstbewusster und erotischer!«) zu Ende gebracht.

»Ich wollte euch allen für die heutige Show viel Glück wünschen«, sagte Tanya. »Ich weiß, das erste Mal live ist das schwerste. Aber ihr schafft das schon. Toi, toi, toi.«

Sie sah in ihr Testpublikum. Dem Schwulen, dem blonden Engel und der Stangenschlampe hatte sie ein Lächeln abringen können. Bei dem Rocker und natürlich bei Mausi hatte diese kleine Soap-Opera-Rede nichts gebracht. Mist! Das hieß, sie musste sich in der Liveshow mehr Mühe geben.

Mehr Herz, sagte sie sich. Mehr Charme, mehr Wärme. Die Titte in der Mitte sollte dringend noch ein bisschen Oprah Winfrey channeln. Mit diesem Vorsatz verließ Tanya schnell den Schminkraum und machte sich auf den Weg zum Tonraum.

Als Tanya gegangen war, herrschte einen Moment lang eine merkwürdige Stille im Raum, wie in einem Zoo ohne Wärter. Mausi trat hinter Uwe und wollte ihm gerade in die Haare fassen, als der Rocker plötzlich sein Messer mit einer ruckartigen Bewegung direkt in den Schminktisch donnerte. Mausi war kurz davor, sich aufzuspulen, aber als er Uwes Gesicht im Spiegel sah, verstummte er. Und auch Sascha, Ayleen und Lilly konnten von ihren Plätzen aus den Satz lesen, den Uwes Lippen im Spiegel formten: »Pass auf, du Schwuchtel, sonst bist du tot.«

KAPITEL 4

Eine halbe Stunde später stand Sascha zum ersten Mal in den Kulissen des riesigen Studios und beobachtete jedes Detail, als ob sein Leben davon abhängen würde. Hinter einem schwarzen Vorhang gab es ein Warteareal für die Kandidaten, und durch ein kleines ausgerissenes Guckloch im Stoff beobachtete er die sogenannte »Pre-Show«, also die Vorbereitung der Sendung.

Das riesige Studio war rappelvoll, über 800 Zuschauer plus Crew. Ausverkauft. Diese Karten waren äußerst beliebt. Diese Show war äußerst beliebt. Und er war mittendrin.

Sascha war neben seiner inneren Popdiva durchaus auch Kerl genug, um Fan technischer Abläufe zu sein. Er beobachtete fasziniert, wie gerade ein Kameramann mit einer ziemlich großen Kamera in einem Gestell auf der Schulter um ein Stehpult rasante Kreise zog. Ein anderer Typ führte ihn, damit er nicht von der Bühne fiel oder in andere Kameras hineinknallte. Das Ganze hatte etwas von einer Tanzchoreografie. Oder von Kinderspielplatz, wenn man so wollte, eine Art Blinde Kuh mit Steuermann.

Auch die Scheinwerfer, die hoch oben über der Bühne montiert waren, begeisterten Sascha. Hunderte von Lampen hingen an verschiedenen Stangen in zehn Metern Höhe, dazu Ventilatoren, Discokugeln in verschiedenen Größen und Meter um Meter Kabel. Es gab Windmaschinen, die eine Art dünnen Nebel durch den Raum schossen, damit so die Streifen aus Licht über dem Geschehen besser sichtbar wurden, die die Scheinwerfer im Rhythmus der Musik abfeuerten. Das hier war keine Provinzdisco, das war Hollywood. Auf dem schwarz glänzenden Boden spiegelte sich das Licht, und gerade in diesem Moment, kurz vor der Show, wischten zehn Putzleute ein letztes Mal über den Boden. Ein hektischer, dicklicher Mann mit weinrotem Jackett sprang ohne Applaus auf die Bühne und riss trotzdem beglückt die Arme hoch. Und am Rand putzte eine Frau kniend dem wartenden Moderator mit einem Lappen die Schuhsohlen, während der seine Karten studierte.

Sascha konnte es nicht lassen. Er steckte den Kopf weiter durch den Vorhang, um einen Blick auf das Publikum zu werfen. Schon jetzt hielten viele ihre Schilder hoch. Auf einem Schild stand »Sascha, we love you!«.

Sascha wurde endgültig aufgeregt. Endlich. Es war so weit.

Tanya stand wie immer perfekt im Timing backstage hinter der Auftrittstür der Jury und beobachtete auf einem Monitor, wie der Warm-Upper das Studiopublikum einpeitschte. Nach all den Jahren in der Branche hatte sie sich trotzdem noch nicht an den immer gleichen Vorgang gewöhnt, wie aus einer Gruppe freundlicher, normaler Studiobesucher in einer Viertelstunde ein Hexenkessel geschmiedet wurde. Mit abwechselnd mauen Scherzen und harten Drohungen wurde dem Publikum dabei klargemacht, was die Fernsehproduktion jenseits des bezahlten Eintritts von ihm erwartete: Harte Arbeit! Völliger Einsatz! Totale Verausgabung! Irgendetwas zwischen drittem Weltkrieg und Marslandung. Und das Ganze noch mit Choreografie: In Wellen wurde aufgestanden, hingesetzt, »spontane« Ovationen geprobt auf verschiedenen Levels. Level 1 »Franz Beckenbauer ist da!«, Level 2 »Der Dalai Lama ist da!!« und Level 3 »Osama bin Laden ist wieder da, und wir zünden seinen Bart an!!!«.

Der Aufwärmer arbeitete heute Abend zur ersten Sendung besonders hart an dieser speziellen Mischung aus WM-Finale und Reichsparteitag und hatte schon Schweiß auf der Stirn und unter den Achseln vor lauter persönlicher Begeisterung über dieses Ereignis. Denn das war ja diese Sendung ohne Zweifel, dachte Tanya ironisch: ein Ereignis von nationaler Bedeutung! Zehn junge Leute würden Lieder singen, drei Menschen würden etwas dazu sagen, dann würden Menschen anrufen, wobei der Sender an diesen Anrufen jede Menge Geld verdiente, und dann würde ein junger Mensch ausscheiden. Ein einmaliges, unfassbares, nie wiederkehrendes Ereignis – dagegen war das Ende Roms ein privates Grillfest gewesen!

Tanya winkte die Kostümassistentin weg, die mit einer Fusselbürste an ihr herumgewischt hatte, und warf einen letzten prüfenden Blick in den bodenlangen Spiegel, der von einem der freundlichen Dackel gehalten wurde. Das Kleid der ersten Folge war eigentlich ein Stehkleid, das hieß, die geheime Konstruktion unter dem pinken Chiffon-Nichts war so kompliziert, dass ein Hinsetzen fast nicht möglich war, ohne die Gefahr des Bruchs einzelner Beck’scher Rippen oder des Herausfallens einzelner Brüste. Aber Tanya wäre nicht Tanya gewesen, wenn sie nicht mithilfe eines genau platzierten Klettverschlusses und in Absprache mit der Regie nach ihrem Gang zum Jurypult (für den das Kleid einfach perfekt war!) im Umschnitt auf den Moderator kurz diesen Verschluss lösen konnte. So würde sie sich ans Pult setzen können, ohne dass irgendetwas implodierte oder aufsprang. Dass sie allerdings danach nicht wieder würde aufstehen können, stand auf einem anderen Blatt, aber das war in dieser Show auch nicht vorgesehen.

»Tanya Schatz, ich hab dich so vermisst!«, sabberte es hinter ihr.

Ohne hinzusehen, erkannte Tanya an der Alkoholfahne und dem weinerlichen Tonfall sofort ihren Mitjuror, das fröhliche Pitterchen, kölsches Original, Karnevalsgröße und Witzeerzähler, dessen Deftigkeiten und Zoten in der Jury seit Jahren nur getoppt wurden von seinem Wodkaverbrauch und seinem Selbstmitleid. Wie immer war sie fasziniert von seinem Offstage-Gesicht – die Mundwinkel depressiv herunterhängend, der Bauch wabbelig und unförmig über den zu bunten Anzughosen – und dann dem Wechsel, wenn sein Name genannt wurde und er mit breitem Grinsen und aufrechtem Gang seinem Applaus entgegenschritt. Um schließlich – jedes Mal – nach drei Schritten scheinbar über eine Stufe zu stolpern, sich auf den Boden fallen zu lassen und zum ersten Mal (von sehr vielen Malen) am Abend auszurufen: »Isch kann ni mi!« – was dann immer zu noch tosenderem Applaus führte. Zirkus blieb Zirkus, egal in welchem Jahrtausend.

»Ich habe dich nicht so sehr vermisst, Peter, aber trotzdem schön, dich zu sehen!«, gab Tanya wieder eine Spur zu ehrlich zurück (Achtung, Tanya, es ist erst die erste Show …), während sie Pitterchen mitsamt seinem streng riechenden Atem auf den nötigen Abstand brachte. Warum dachten eigentlich immer alle Männer, dass man Tanya Beck ungefragt auf die Wange küssen dürfte? Na gut, wenn sie die Rocklänge im Spiegel betrachtete, war die Antwort nicht ganz so schwierig. Ein so kurzer Saum war kein Grenzzaun, eher eine Landebahn.

»Oh, Madame T ist wieder zickig heute«, ertönte es, und Marco Deutz höchstpersönlich stand plötzlich hinter ihr, samt seiner drei Assistentinnen, die ihm Scripte trugen, Wasserflaschen brachten und wahrscheinlich nach jedem Klogang noch den kleinen Marco abwischten. »Länger nicht richtig durchgenudelt worden, liebe Tanya? Oder, Pitterchen, was meinst du?«

»Marco, isch jrüsse disch!« Das alte Pitterchen kicherte devot.

»Dir auch einen schönen Abend, Marco«, gab Tanya zurück und zog sich auf ihre alte Königinnen-Strategie zurück. »Wie man bei dir sieht, macht viel Durchnudeln auch nicht charmant!«

»Und jetzt ist es so weit, liebes Publikum.« Der Warm-Upper erlöste Tanya aus der Warteschleife und von den Sprüchen ihrer Mitjuroren. »Begrüßen Sie nun die drei, auf die Sie alle gewartet haben, das Trio Infernale des deutschen Fernsehens, die drei von der Gag-Tankstelle, die drei Fragezeichen, die keine Fragen offenlassen, die härteste Jury jenseits von Guantanamo …«

Tanya rollte mit den Augen – der Mann ließ wirklich keine Panne aus.

»Hier sind Tanya Beck, das Pitterchen und natürlich der einmalige Marco Deutz!« Der Lautstärke-Level im Studio war nun endgültig bei Fliegeralarm angekommen.

Wie immer hielt Marco ihr scheinbar charmant den schwarzen Abhang auf, durch den sie auftraten. »Denk daran, Madämmchen«, zischte er durch die cool grinsenden Lippen, »vor deinem Namen steht in dieser Show nicht das Wort ›einmalig‹. Schlampen wie dich gibt es jede Menge!« Und damit ging der berühmte Marco Deutz direkt in die Studiomitte, reckte die Arme wie ein siegreicher Boxer, wartete ab, bis Pitterchen gefallen war, half ihm dann scheinbar auf, um ihn dann zur großen Belustigung aller noch einmal fallen zu lassen. »’n Abend, ihr Pfeifen!«, brüllte er in die Menge, während Tanya schnurgerade und lächelnd wie auf einem Laufsteg direkt zum Pult ging und sich dort ihren Applaus abholte. Auf jeden Fall klatscht ihr für das Kleid, dachte sie. Das Kleid klappte. Und natürlich wie immer Sandy und Danny.