Verlag: Knaur eBook Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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E-Book-Beschreibung Mörderhaus - Vanessa Savage

Ein Psycho-Thriller mit Grusel-Atmosphäre - in England ist Vanessa Savage für mehrere Krimi-Preise nominiert! Heimelig und malerisch gelegen oben auf den Klippen an der Küste von Wales: So hat Patrick seiner Frau Sarah und den beiden Kindern das Haus beschrieben, in dem er aufgewachsen ist. Und das er nun für sie alle gekauft hat, damit sie wieder glücklich werden können. Das Haus stand jahrelang leer – seit dort ein Mann seine Familie ermordet hat. Es ist feucht, kalt und baufällig. Das ist jedoch längst nicht das Schlimmste: Der Mörder von damals wurde gerade entlassen, jemand scheint nachts ums Haus zu schleichen. Und dann verändert sich Patrick auf unheimliche Weise ... Ein Psycho-Thriller für die Leser von S. K. Tremayne, Gillian Flynn, Amy Gentry oder Paula Hawkins.

Meinungen über das E-Book Mörderhaus - Vanessa Savage

E-Book-Leseprobe Mörderhaus - Vanessa Savage

Leseprobe zu:

Vanessa Savage

Mörderhaus

Psychothriller

Aus dem Englischen von Christine Gaspard

Knaur e-books

Über dieses Buch

Sweet bloody home:

Heimelig und malerisch gelegen oben auf den Klippen an der Küste von Wales liegt das Haus, in dem Patrick aufgewachsen ist und das er nun für sich und seine Familie gekauft hat. Seine Frau Sarah hat seit dem Tod ihrer Mutter mit psychischen Problemen zu kämpfen, und das Haus bietet den perfekten Rahmen für einen Neustart. Allerdings wirkt es auf den zweiten Blick überhaupt nicht wie ein Traumhaus: Die Räume sind kalt, klamm und baufällig, denn das Haus war jahrelang unbewohnt – seit dort ein Mann eine Familie umgebracht hat.

Sarah versucht alles, um die Geschichte des Hauses hinter sich zu lassen und ihr neues Leben perfekt zu machen. Trotzdem wird sie das Gefühl nicht los, dass etwas ums Haus schleicht und sie beobachtet. Und auch Patrick verändert sich in der neuen Umgebung auf unheimliche, höchst bedrohliche Weise …

Atmosphärischer Psychothrill aus England für die Leser von S. K. Tremayne, Gillian Flynn, Amy Gentry und Paula Hawkins

Inhaltsübersicht

Schlagzeile in »Western Mail«Erster Teil – Vor Januar 2017KAPITEL 1KAPITEL 2KAPITEL 3KAPITEL 4Zweiter Teil – Das MörderhausKAPITEL 5KAPITEL 6KAPITEL 7KAPITEL 8KAPITEL 9KAPITEL 10KAPITEL 11KAPITEL 12KAPITEL 13KAPITEL 14KAPITEL 15KAPITEL 16KAPITEL 17Dritter Teil – ErwachenKAPITEL 18KAPITEL 19KAPITEL 20KAPITEL 21KAPITEL 22KAPITEL 23KAPITEL 24KAPITEL 25KAPITEL 26KAPITEL 27KAPITEL 28KAPITEL 29KAPITEL 30KAPITEL 31KAPITEL 32KAPITEL 33KAPITEL 34Vierter Teil – Der Drache im MenschenkostümKAPITEL 35KAPITEL 36SARAH UND PATRICK – 2000KAPITEL 37SARAH UND PATRICK – 2000KAPITEL 38ANNASARAH UND PATRICK – 2000KAPITEL 39SARAH UND PATRICK – 2000SARAH, ANNA, PATRICK UND JOE – JETZTANNASARAH
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Schlagzeile in Western Mail, Mai 2017:

Zwei weitere Leichen im Mörderhaus gefunden

 

 

Es ist schon so lange her, seit du hier gelebt hast, und alles und nichts in dieser Stadt hat sich verändert. Die Graffiti sind düsterer, schmutziger, der Verfall hat sich tiefer eingefressen, ein hartnäckiger Geruch, ein eiterfleckiger Verband, ein roter Streifen der Infektion, der sich von dem faulenden Herzen des Ganzen davonschlängelt.

Das Haus war schon immer die Eintrittswunde, die sich über der Entzündung schließt, sie einschließt, sodass sie sich unter der Haut weiter ausbreitet, tückisch, weiter schwillt und das gesunde Fleisch ringsum abtötet. Und du, im Zentrum des Ganzen – die schmutzige Nadel, das rostige Messer, die Ursache und die Wirkung.

In meinem Traum, dem einen, von dem ich dir erzählt habe, dem Traum, den ich immer wieder habe, in dem das Haus noch einfach ein Haus ist und noch nicht das Mörderhaus, haben alle Zimmer am Treppenabsatz Türen, und alle Türen sind geschlossen. Sie sind immer geschlossen. Aber letzte Nacht veränderte sich der Traum. Diesmal war der Treppenabsatz länger, ein richtiger Flur, und am Ende war eine neue Tür. Und statt zu rennen, wie ich es sonst immer tue, wegzurennen von dem Drachen im Menschenkostüm, halb zu stürzen auf diese Traumart, die die Welt zum Kippen bringt, und überzeugt davon, dass ich es nie bis ans Ende schaffen werde – diesmal wusste ich, ich würde es bis ans Ende schaffen.

Aber ich will es gar nicht mehr. Es gibt eine Tür dort am Ende, die nicht da sein sollte. Jetzt ist da eine weitere Tür, und sie steht offen.

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Erster Teil – Vor Januar 2017

SARAH

KAPITEL 2

Mia sieht sich irgendwas auf YouTube an, das – dem Schwall von Obszönitäten nach zu urteilen – für den Abendbrottisch vollkommen ungeeignet ist. Joe beugt sich über sein Smartphone, aber ich sehe ihn lächeln, als Mia ihm ihr Gerät zeigt und in Gelächter ausbricht. Ich summe vor mich hin, während ich die Kartoffeln fertig stampfe und die Schüssel zum Tisch trage. Ich habe die beiden seit Wochen nicht mehr so entspannt erlebt.

»Weg mit den Smartphones«, sagt Patrick im Hereinkommen und hält inne, um mir übers Haar zu streichen, bevor er die Manschettenknöpfe aus den Manschetten nimmt und die Ärmel hochkrempelt. Joes Gerät verschwindet augenblicklich in seiner Tasche, aber Mia mault, als sie ihres auf den Tisch legt, und starrt auf den Bildschirm, auf dem gerade ein Text erscheint.

»Smartphones weg«, sagt er wieder, schiebt das Gerät zu ihr hin, verfolgt, wie sie aufsteht und es auf die Anrichte legt. Ich sehe ihr Zögern, als es wieder zu vibrieren beginnt.

»Setz dich hin, Mia«, sagt Patrick, während er das Hähnchen aufschneidet, mehrere Bruststücke an mich weitergibt und Mia und Joe jeweils eine Keule aushändigt. »Die Welt geht nicht unter, wenn du dich mal eine halbe Stunde lang von dem Gerät trennst.«

Er schüttelt den Kopf, als sie seufzt und zum Tisch zurückgestapft kommt. »Jetzt knallt es wirklich bei Tamara und Charlie«, sagt sie zu Joe, während sie sich setzt. Joe zuckt die Achseln, ohne von seinem Teller aufzusehen, aber das hält sie nicht davon ab, sich in eine verworrene Geschichte voller Verrat und Herzschmerz zu stürzen.

»Mia, bitte, lass es mal gut sein. Das ist, als hörte man sich eine Seifenoper an«, sagt Patrick.

»Herrgott, Dad, das meiste hast du gar nicht mitgekriegt.«

»Gut. Ich hoffe, dabei bleibt es auch.« Er sieht zu mir herüber. »So waren wir nie, stimmt’s, Sarah?«

Ich ziehe die Augenbrauen hoch, als ich an die brodelnden Gefühle bei unseren ersten Treffen denke, daran, wie berauscht wir beide davon waren.

Wir zucken allesamt zusammen, als Mias Smartphone summt und dann zu klingeln beginnt.

Patrick legt ihr eine Hand auf den Arm, als Mia nach dem Gerät greifen will, und sie murmelt etwas Unverständliches und wendet den Blick ab. »Ich schwör’s«, sagt sie, »ich weiß nicht, wie ihr Typen das ohne Telefon auf die Reihe gekriegt habt, als ihr jung wart.«

Patrick isst weiter, ohne sich darauf einzulassen. Ich bin diejenige, die antwortet. »Die Dinger gibt es seit zwanzig Jahren, weißt du. Wir waren denen einfach nicht so verfallen wie ihr.«

»Aber wie habt ihr mit Leuten geredet?«

»Na ja, es war sehr seltsam, und vielleicht könnt ihr es euch auch gar nicht vorstellen, aber wir haben der anderen Person tatsächlich richtig gegenübergestanden, wenn wir geredet haben.«

»Haha, wahnsinnig komisch.«

»Es war gut, wirklich«, sagt Patrick und legt die Gabel fort. »Wunderbar. Ich hab in einer Kleinstadt gelebt, und wir haben einander alle gekannt, als wir jung waren. Wirklich gekannt. Das hat es mit sich gebracht, dass ich im Sommer zum Strand runtergehen konnte und mir sicher sein, dass ich ein paar von meinen Freunden treffen würde. Oder wir haben uns auf dem Rummelplatz getroffen. Aber meistens am Strand. Jeder hat Feuerholz und irgendwas zu essen mitgebracht, und wir sind stundenlang dort geblieben, während es dunkel wurde, und haben uns am Feuer gewärmt.«

»Wo wir gerade von der Kleinstadt reden, in der dein Vater aufgewachsen ist …« Meine Stimme verklingt, als Patrick mich ansieht und den Kopf schüttelt. Wir haben uns nicht darüber unterhalten, wie viel wir den Kindern über den Hausbesichtigungstermin am kommenden Tag erzählen sollten, aber Patricks weiß hervortretende Fingerknöchel, als er sein Wasserglas umklammert, sagen mir genug, und ich halte den Mund.

Die Kinder verschwinden nach oben in ihre Zimmer, sobald wir mit dem Essen fertig sind, aber Patrick und ich bleiben noch sitzen.

»Kaffee?«, fragt Patrick, während er aufsteht und zwei Becher aus dem Schrank holt. »Oder nimmst du lieber ein Glas Wein?«

Ich würde gern, aber wenn ich Ja sage, wird er sehen, wie wenig noch übrig ist in der Flasche, die er mir gestern geöffnet hat. Patrick trinkt nicht. Er hat eine Abneigung gegen alles, das ihm das Gefühl geben könnte, die Kontrolle zu verlieren, und es ist unmöglich, ein gelegentliches Extraglas geheim zu halten, wenn man selbst das einzige Familienmitglied ist, das Wein trinkt.

»Nein, danke«, sage ich. »Kaffee klingt gut.«

Er hält mich zurück, als ich beginne, die Teller abzuräumen. »Lass mich das machen – du hast gekocht.«

Er lächelt und beugt sich vor, um mich zu küssen, während er nach meinem Teller greift.

»Warum willst du nicht, dass die Kinder mitbekommen, wo wir morgen hingehen? Ich habe mir überlegt, wir könnten es aufs Wochenende verlegen, dann könnten Joe und Mia mitkommen – den Tag am Meer verbringen, so wie wir es früher gemacht haben.«

Patrick zuckt die Achseln, während er nach meinem Teller greift. »Es ist kein Riesengeheimnis, aber ich möchte, dass du es zuerst siehst.« Er zögert. »Es wird nicht mehr so aussehen wie damals, als ich dort gelebt habe, oder? Es ist lange her, seit es ein glückliches Zuhause war, und ich möchte nicht, dass die Kinder es in diesem Zustand zu sehen kriegen.«

»Ich wünschte, ich hätte dich zu deinen Glückliche-Kindheit-Strandpicknick-Zeiten gekannt«, sage ich zu seinem Rücken, während er sich über die Geschirrspülmaschine beugt.

Er wirft mir über die Schulter einen Blick zu. »So, wirklich?«

»Ich sehe es vor mir, wenn du drüber redest. Meine Teenagerjahre waren nichts als gähnende Langeweile. Man konnte nirgendshin, und es gab nichts zu tun.«

Er klappt die Tür der Spülmaschine zu und dreht sich zu mir um. Ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht deuten.

»Wir hatten nicht immer Picknickwetter«, sagt er.

»Nein, aber du hattest wenigstens die Freiheit, mit deinen Freunden auszugehen. Ich hatte schon Glück, wenn ich tagsüber aus dem Haus durfte, von abends gar nicht zu reden.«

»Deine Mutter hätte einen Tritt in den Hintern brauchen können.«

Ich erstarre. Ich ertrage es nicht mehr, dass meine Mutter zur Sprache kommt – nicht seit sie gestorben ist. Am Ende war Mum von ihren eigenen Ängsten weitgehend ans Haus gefesselt. Aber jedes Mal wenn wir zu Besuch kamen, ging ich in der Hoffnung hin, dass es ihr besser gehen würde, sie kräftiger wäre, dass sie dieses Mal Ja sagen würde, wenn ich vorschlug, dass wir zum Mittagessen ausgehen oder dass sie das nächste Mal uns besuchen sollte. Und jedes Mal wurde ich enttäuscht. Wir saßen im Wohnzimmer des Reihenhauses in der Sozialsiedlung, das sich nicht verändert hatte, seit ich hier gelebt hatte; Joe und Mia zappelten herum, Patricks Augen wurden glasig vor Langeweile, und ich spürte, wie mir die Wangen heiß wurden, während die übliche Mischung aus Frustration und Scham sich in mir breitmachte. Ich war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, sie zu schütteln und anzuschreien, sie sollte sich doch verdammt noch mal zusammenreißen, und dem Bedürfnis, mich an sie zu klammern, denn das Kind in mir sehnte sich danach, von ihr getröstet und beruhigt zu werden. Und irgendwann standen wir auf, um uns zu verabschieden, und ich hasste mich für das Gefühl der Erleichterung, als wir gehen konnten. Ich wollte Patrick sagen, er sollte auf dem Heimweg schneller fahren, aber zugleich wollte ich ihn bitten umzukehren, damit ich es noch einmal versuchen konnte, ein weiteres Mal versuchen, sie gegen allen Widerstand in die Welt zurückzuzerren. Alles zu spät jetzt.

Patrick beobachtet mich, während ich steif aufstehe und den Tisch fertig abräume.

»Es tut mir leid«, sagt er, und seine Stimme klingt sanft. »Das hätte ich nicht sagen sollen. Ich möchte nur, dass du über die Schuldgefühle wegkommst, das ist alles. Du hättest nichts für sie tun können, selbst wenn du da gewesen wärst.«

Die Teller und das Besteck klirren, als ich sie zur Anrichte hinübertrage.

»Ich glaube, das Glas Wein trinke ich jetzt doch noch.« Ich spüre seinen Blick, als ich ein Glas heraushole und es bis zum Rand mit Rotwein fülle, bis die Flasche leer ist.

»Wir sind nicht alle so aufgewachsen wie du«, sage ich nach dem ersten beschwichtigenden Schluck. »Manche von uns müssen trinken, um zu vergessen. Prost.« Ich tippe mit dem Glas seine Kaffeetasse an, aber er erwidert mein Lächeln nicht.

 

»Sie haben gesagt, diesmal können wir uns allein umsehen – das Haus ist leer.«

»Diesmal?«

Er lacht. »Erwischt. Ich hab’s nicht abwarten können, ich war gleich am Montag dort, als ich den Brief gekriegt habe. Es ist so lange her, ich wollte es wiedersehen. Nachher gehen wir essen, machen einen richtigen Tagesausflug draus.«

»Fish ’n’ Chips auf der Seebrücke? Und ein Eis mit Borkenschokolade drin?«

Er grinst. »Na ja, ich hatte ja an ein nettes warmes Restaurant gedacht, aber wenn du im Januar auf der Seebrücke Pommes und Eis essen willst …«

Er hat Jackett und Krawatte abgelegt, das Hemd ist hinten aus der Hose gerutscht, und er hat die Ärmel hochgekrempelt. Wir fahren die Küstenstraße entlang, und nichts von alldem kommt mir wirklich vor.

Ich starre auf das Informationsblatt der Maklerfirma hinunter, das Patrick mir gegeben hat. Ich möchte seine Freude teilen können, seine Erregung. Das Haus meiner Kindheit, mein Traumhaus, hat er gesagt, aber ich kann ein anderes Bild von diesem Haus nicht vergessen, das Foto, das vor fünfzehn Jahren auf den Titelseiten aller Zeitungen war. Jemand hatte die Haustür mit Farbe besprüht, und das war das Bild, das sie alle verwendet hatten: ein Haus, vor dessen Fassade noch das Absperrband flatterte, ein eingeschlagenes und vernageltes Fenster, ein grotesker Slogan, in roter Farbe auf die Haustür gesprüht: Willkommen im Mörderhaus.

Hätten Patricks Eltern das Haus nicht verloren, weil sie die Hypothek nicht zurückzahlen konnten, wäre es nie zu einem Mörderhaus geworden. Patrick und ich hätten Mia und Joe dort aufziehen können – Picknicks am Strand, Ausflüge zum Rummelplatz, Fish ’n’ Chips auf der Promenade, jedes Regal und Fensterbrett beladen mit Muscheln und Treibholz und Glas, rund geschliffen von den Gezeiten. All die Dinge, an die Patrick sich mit so viel Liebe aus seiner Kindheit erinnert, die Dinge, die sich so vollkommen von meiner eigenen Kindheit unterscheiden: endlose Straßen mit Reihenhäusern, winzige grüne Gartenfleckchen, Essensgeruch, der Zwischenmauern, Tüllgardinen und Teppichböden durchdrang, im Flur auszuziehende Schuhe und aufs Eck gesetzte Sofakissen, meine Mutter mit ihren klammernden, erstickenden Armen, die mich im Inneren hielt, mich festhielt hinter der doppelt abgeschlossenen Haustür. Die Agoraphobie, an der nur sie litt, hatte uns beide zu Gefangenen gemacht.

Wir halten am Straßenrand, und ich zwinkere, um das Zeitungsfoto des Hauses aus dem Kopf zu bekommen. Die rote Farbe ist längst übermalt, die zerbrochene Fensterscheibe ersetzt. Ich bin überrascht, wie einladend es aussieht mit dem offenen Gartentor, dem Hängekorb mit Winterstiefmütterchen, der neben der Haustür schaukelt, den glänzenden, frisch geputzten Scheiben.

»Hat hier jemals jemand anderes gelebt?«

»Seit der Familie, die …«

»Hier umgebracht wurde, ja.«

»Das ist das erste Mal, dass es zum Verkauf steht. Warte hier, ich gehe die Schlüssel holen.«

Ich steige aus, überquere die Straße und lehne mich an die Mauer, die den Gehweg vom Strand trennt. Patrick hat mich hierhergefahren, nachdem er mich damals seinen Eltern vorgestellt hatte, und ich merkte ihm an, wie bitter der Kontrast für ihn war. Nachdem das Haus an die Bank zurückgefallen war, waren seine Eltern in einen hässlichen, gemieteten Dreizimmerbungalow gezogen, fünf Meilen von hier entfernt, ohne Garten und ohne Aussicht. Enge kleine Räume, vollgestellt mit zu großen Möbeln aus dunklem Holz. Es war heiß und stickig, aber makellos sauber, und der Fernseher war aufgedreht bis zum Anschlag, weil Patricks Vater schwerhörig war. Seine Mutter folgte uns durchs Haus und schrubbte jede Spur unserer Gegenwart fort, während wir noch anwesend waren. Joe mit zu ihnen zu nehmen war jedes Mal ein Albtraum – er schien seine Milch zu erbrechen oder sich in die Windeln zu machen, sobald wir hereinkamen, und der üble Geruch blieb in der Luft hängen. Ich hatte mir niemals vorstellen können, wie sie sich um einen kleinen Patrick gekümmert hatten – sie sahen den sechs Monate alten Joe an, als sei er ein Außerirdischer, und redeten mit ihm wie mit einem Erwachsenen.

Seine Eltern hatten das Haus verloren, als Patrick Anfang zwanzig gewesen war, nicht lange bevor wir uns kennenlernten. Wochenende für Wochenende hatte er uns an der Küste entlanggefahren, zunächst, als wir miteinander gingen, und auch Jahre später noch, als die Kinder heranwuchsen. Jedes Mal hatten wir in einem anderen Badestädtchen haltgemacht, an einem anderen Strand gepicknickt, zusammengekauert gegen den Wind, Sand in den Sandwiches. Aber manchmal blieb er vor Häusern mit Meerblick stehen, die wir uns im Leben nicht hätten leisten können, und dann wurde er wütend. Die Gelöstheit und der Spaß des Picknicks verflogen, und Patrick wurde angespannt und verbissen und zerstreut, und ich sah ihm eine Frustration an, die ich auch an mir selbst kannte, wenn auch in einer viel schwächeren Version: Er wollte all das, und zwar jetzt gleich, wollte das zurück, was er verloren hatte. Bei mir war es die Sehnsucht nach etwas, das ich nie besessen hatte.

Als wir wegen unserer ersten Hypothek zur Bank gegangen waren und ihm klar wurde, dass ein neues Reihenhaus in einem Vorort alles war, was wir uns würden leisten können, schien er zusammenzuschrumpfen, so als ziehe die Niederlage ihn zu Boden.

»Dies hier sollte mir gehören«, sagte er, als er mir zum ersten Mal das Haus zeigte, in dem er aufgewachsen war – damals, bevor diese arme Familie dort ermordet wurde. Aus den großen Erkerfenstern eröffnete sich ein Panoramablick hinaus aufs Meer, und Patrick erzählte mir von dem Apfelbaum im hinteren Garten, in dem er herumgeklettert war. Wer hatte damals dort gelebt? Waren es bereits sie gewesen, ein junges Paar wie wir, Kinder, kaum aus dem Babyalter heraus, ohne eine Ahnung davon, wie kurz ihr Leben sein würde?

[...]

[...]

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Über Vanessa Savage

Vanessa Savage lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in South Wales am Meer. Ursprünglich Grafikerin und Illustratorin, begann sie zum Zeitvertreib Frauenromane zu schreiben – bis sie realisierte, sie sieht ihren Figuren lieber beim Morden zu als beim Küssen. Für Mörderhaus erhielt sie in ihrer Heimat Wales ein Literaturstipendium, außerdem gewann sie 2016 den Wettbewerb Myriad Editions First Crimes.

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Impressum

Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »The Woman in the Dark« bei Little, Brown UK.

 

© 2019 der eBook-Ausgabe Knaur eBook

© 2019 Vanessa Savage XXX

© 2019 der deutschsprachigen Ausgabe Knaur Verlag

Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit

Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Redaktion: Viola Eigenberz

Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Coverabbildung: © joe daniel price / gettyimages, FinePic® / shutterstock

ISBN 978-3-426-45262-2

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