Mörderwelt - Wolfgang Quest - E-Book

Mörderwelt E-Book

Wolfgang Quest

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Beschreibung

Der ehrgeizige Fernsehreporter Benny Paulsen will auf eigene Faust eine Mordserie an Prostituierten aufklären. Dazu erschleicht er sich das Vertrauen eines Bordellkönigs. Geschmeichelt von dessen väterlicher Zuneigung erkennt er erst im letzten Moment, wie sehr er der Faszination des gefährlichen Machttypen erlegen ist.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ähnliche


Wolfgang Quest

Mörderwelt

Thriller

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Impressum neobooks

Kapitel 1

Reporter Benny Paulsen beobachtete die Wespe, die zwischen ihren Köpfen hin und her sauste. Genauso vorwitzig wie ich, dachte er. Baranoff schien sie nicht zu stören. Dann machte die Wespe den Fehler und setzte sich auf seine Rennzeitung. Der Hoteldetektiv hob die Faust und schlug zu.

„Was wollen Sie denn anlegen?“, sagte Baranoff und kratzte mit dem Daumnagel den Rest der toten Wespe vom Papier.

„Was meinen Sie mit anlegen?“

„Schwer von Begriff? Pinke-Pinke, Asche, Mäuse, Knete …“

Paulsen lehnte sich an die Theke und blickte auf die borstigen Brusthaare, die aus Baranoffs zerknitterten Hemdkragen ragten.

„Und was soll damit sein?“

„Ganz einfach. Für ‘n Hunderter könnt ihr das Bett filmen. Mit Blutspritzern drauf. Auf sowas seid ihr doch scharf.“

„Uns interessieren Fakten, keine schmutzige Bettwäsche.“

„Hauen Sie nicht so aufn Putz. Ich kenn euch Brüder doch.“

Paulsen blickte sich um. Das Foyer des Hotels Prärieblume lag im Dämmerlicht trüber Stehlampen, an den Wänden altertümliche Jagdbüchsen, Sattelzeug und historische Fotografien aus der amerikanischen Pionierzeit. Die Empfangstheke, aus groben Holzplanken gezimmert, ähnelte dem Vorbau einer Blockhütte. Von der Decke baumelte ein Holzschild mit zwei gekreuzten Colts und darunter in geschnörkelter Westernschrift: Reception. Mit dem imitierten Western-Look hätte das Hotel besser in einen Vorort von Las Vegas gepasst als ins beschauliche Aachen, dachte Paulsen.

„Gibt’s in Ihrer Westernhütte auch einen Sheriff?“ Statt zu antworten knurrte Baranoff etwas Unverständliches und vertiefte sich wieder in die Pferdezeitung mit den letzten Rennergebnissen. Paulsen wandte sich zum Ausgang.

„Viel Glück beim Wetten.“

Ein Räuspern von Baranoff.

„Nicht mal einen Blick reinwerfen?“

Paulsen blieb stehen und wandte sich um.

„In die Rennzeitung?“

Der Witz schien Baranoff zu gefallen. Er grinste. „Ins

Gruselkabinett.“

„Wenn’s nichts kostet.“

Baranoff faltete die Rennzeitung zusammen und schob sie in die Tasche.

„Na schön, ich weiß nicht warum, aber ich mach’ heute mal

’ne Ausnahme.“

Er ging voran, wobei er das rechte Bein nachzog und leicht hinkte. Sie passierten eine halbhohe Schwingtür und kamen zu einem altertümlichen Lift mit vergittertem Schacht.

„Der hat mit ’nem Hackebeil gewütet.“

„Wer?“

„Das wüssten alle gerne.“

„Hat keiner was gehört?“

Baranoff hämmerte mit der Faust auf den Türknopf und spähte nach oben in den Schacht.

„Ich jedenfalls nicht, ich hab’ an der Matratze gehorcht.“

Als er den fragenden Blick des Reporters sah, fügte er hinzu:

„War krank und hatte ’ne Schlaftablette eingeworfen.“

Der Aufzug kam heruntergerumpelt, und sie stiegen ein. Paulsen, dicht neben Baranoff, blickte in dessen schwammiges, rot geflecktes Gesicht, mit Poren auf der Nase wie kleine Bombentrichter.

„Wohnen Sie hier im Hotel?“

„Wo denn sonst? Meinen Sie, ich mach’ den Job ferngesteuert mit Drohnen?“

Er lachte rasselnd, das Lachen ging über in Husten und verbreitete einen säuerlichen Biergeruch.

„Wer hat das Mädchen gefunden?“

„Die Putzfrau.“

Oben angekommen ließ Baranoff den Reporter am Aufzug warten, er wolle erst nachschauen, ob die Luft rein ist. Was er damit meinte, war nicht ersichtlich. Eine Minute später kam er zurück.

„Alles klar, Zimmer sieben. Gehen Sie schon rein. Ich muss noch mal kurz nach unten.“

Damit verschwand er im Treppenhaus. Paulsen tappte den düsteren Flur entlang und fragte sich, was er im Zimmer der Ermordeten überhaupt wollte. Sie war gestern Morgen entdeckt worden, und er würde nichts finden, was die Spurensicherung nicht schon gefunden hatte. Doch irgendetwas zog ihn dorthin.

Die Tür stand sperrangelweit auf. Die Fenstervorhänge waren geschlossen und er schaltete das Licht ein. Das Bett noch nicht abgezogen, das zerwühlte Laken gesprenkelt mit getrocknetem Blut, auf Sesseln und Teppichboden ein Dutzend rostbrauner Flecken, markiert mit Kreidezeichen.

„Was machen Sie hier?“

Paulsen wandte mich um. Die scharfe Stimme kam von einem dürren, etwa fünfzigjährigen Mann mit hagerem Gesicht und tiefen Falten um den Mund.

Paulsen trat zurück auf den Flur.

„Regio TV. Hab’ nur einen Blick reingeworfen.“

Der Mann trug Jeansanzug, schwarzes Hemd mit

Schnürsenkel-Krawatte und auf Hochglanz gewichste Cowboystiefel, fehlte nur der Sheriff-Stern. Mit leicht gespreizten Beinen stand er da wie ein Westernheld vor seinem Duellpartner.

„Und das Polizeisiegel aufgebrochen.“

Er deutete auf den Türrahmen, wo ein zerrissenes, graues Band mit Polizeistempel baumelte.

„Die Tür war offen.“

Der Cowboy lachte trocken. „Glaub nicht, dass die Polizei

Ihnen das abnimmt.“

„Darf man mal erfahren, wer Sie sind?“, sagte Paulsen.

„Kohlhammer. Der Chef vom Laden. Schätze, Sie sitzen ganz schön in der Tinte.“

Klang nach John Wayne.

„Richtig, falls ich das Siegel geknackt hätte. Aber als ich kam, war die Tür schon weit offen. Ihr Hausdetektiv hat mich reingeschickt.“

Kohlhammer runzelte die Stirn.

„Baranoff?“

„Ich weiß nicht, was Ihr Detektiv mir in die Schuhe schieben will, aber ich bin mal gespannt, wessen Version die Polizei eher glaubt.“

Damit ließ er den Cowboy stehen und ging zum Treppenhaus.

Am Hoteleingang kam ihm das Kamerateam entgegengetrottet. Kameramann Lippe und Assistent Wisch. Sie sahen nicht gerade einsatzfreudig aus, dafür waren sie beim Sender auch nicht bekannt, eher dafür, dass sie am liebsten jeder

Anstrengung aus dem Weg gingen. Kurz besprachen sie die

Lage. Lippe maulte wegen der strahlenden Sonne und harten Kontraste und filmte unter Vorbehalt die Außenfassade des Hotels.

Paulsen wollte jemand finden, der bereit war, ein paar Fragen zu beantworten, doch Inhaber Kohlhammer lehnte ab, sein Faktotum Baranoff war nicht aufzutreiben, und den anderen Angestellten hatte Kohlhammer offenbar einen Maulkorb verpasst.

Paulsen und sein Team packten ihre Sachen, fuhren zum

Polizeipräsidium, um eine Stellungnahme von Pressesprecher Hugo Lambert einzuholen. Für die Aufnahme postierten sie ihn dekorativ am Eingang vor einer Reihe geparkter Polizeiwagen. Lambert erzählte wenig Neues. Im Hotel Prärieblume sei eine junge Frau tot aufgefunden worden, eine Angestellte habe die Leiche am Sonntagmorgen gegen acht Uhr fünfzig entdeckt, die Frau stamme aus Nigeria, die genaue Identität noch ungeklärt.

„Können Sie schon sagen, ob Mord oder Selbstmord?“

Lambert räusperte sich. „Wir gehen davon aus, dass ein

Fremdverschulden vorliegt.“

„Also Mord?“

„Kann man wohl von ausgehen, wenn jemand enthauptet worden ist.“

„Gut, dass Sie es nochmal erklärt haben.“

Sie verabschiedeten sich so herzlich, wie das Gespräch verlaufen war. Auf dem Weg zum Fernsehstudio überlegte Paulsen, ob der Mord an der jungen Nigerianerin das Zeug zu einer größeren Story hatte. Was seine Fantasie anheizte, waren weniger die spärlichen Fakten als die merkwürdigen Umstände am Tatort – samt dubiosem Detektiv und schrägem Hotelbesitzer. Als sie in den Hof von Regio TV einbogen, beschloss er, seinem Bauchgefühl zu folgen, es sagte ihm, dass es sich lohnen würde, Zeit und Energie in den Fall zu investieren. Davon musste er allerdings noch Redakteur Krohnke überzeugen.

Krohnkes Reich lag am Ende eines fensterlosen Flurs. Ein kleines, hässliches Büro mit grauen Metallschränken wie

Bundeswehr-Spinde, einem olivbraunen Teppich und einem Resopal-Schreibtisch mit Chrombeinen. Aus dieser unscheinbaren Klause heraus steuerte er das Nachrichtengeschäft.

Krohnke war ein Mann voller Gegensätze. Der dynamische Kurzhaarschnitt passte nicht zu dem müden Knautschgesicht, und er kombinierte modische Jeans mit ärmellosen Pullovern. Gewöhnlich muffelte er hier in seiner Bude herum, und man wagte kaum, ihn anzusprechen, dann wieder konnte er unerwartet nett und freundlich sein. Was seine Laune auf jeden Fall aufbesserte, war ein Schlagabtausch – am besten deftig oder fintenreich wie ein Duell.

Kapitel 2

„Da haben Sie sich ein echtes Ei gelegt, Paulsen“, empfing er Paulsen. Eine Spur Schadenfreude war nicht zu überhören.

Paulsen nahm einen Stuhl, schob ihn an den Schreibtisch. „Freut mich, wenn ich Ihren tristen Büroalltag ein bisschen aufheitern kann.“

„Menschenskind, Paulsen, ausgerechnet jetzt, wo die

Medien so im Fokus stehen. ‚Lügenpresse’ und so weiter …“

„Hört sich an wie Feigheit vor dem Feind.“

„Im Ernst, Paulsen, diesmal kann ich Sie nicht decken.“

Paulsen schlug die Beine übereinander und lehnte sich zurück. „Sagen Sie doch erst mal, warum Sie so aus dem

Häuschen sind.“

„Vor ein paar Minuten kam ein Anruf von der Polizei …“

Krohnke legte eine Pause ein, als wollte er ihn auf die Folter spannen. Es funktionierte. Paulsen überkam ein mulmiges Gefühl. Dann fuhr Krohnke mit boshaftem Lächeln fort.

„Pressesprecher Lambert hat uns einen freundlichen Tipp gegeben. Wir sollen bloß nicht auf die Idee kommen,

Aufnahmen vom Tatort zu verwenden.“

„Von dem Zimmer haben wir gar keine Aufnahmen.“

„Und wieso nicht?“, rutschte es Krohnke heraus. Der Reflex des alten Jagdhundes.

„Sie meinen, wir hätten im Zimmer drehen sollen?“

„Ach, Quatsch, ich meinte … was habt ihr denn gedreht?“ „Hotel außen und Statement vom Lambert.“

„Aber vorher waren Sie im Hotelzimmer, das steht ja nun mal fest. Trotz der Absperrung. Das kann Sie teuer zu stehen kommen. Beschädigen eines Dienstsiegels.

Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr.“

Paulsen war nicht in Stimmung für Rededuelle, aber Krohnke ließ sich am ehesten mit frechen Antworten beeindrucken.

„Juckt mich nicht“, sagte Paulsen.

„Mich allerdings auch nicht. Wäre vielleicht gar nicht schlecht, wenn Sie mal ’ne Zeitlang aus dem Verkehr gezogen würden. Dann könnten Sie sich mal in Ruhe besinnen.“ Er lachte, stand auf und blickte auf die Straße, wo ein Polizeiwagen mit Geheul vorbeiraste.

„Obwohl ich bezweifle, dass ein Resozialisierungsversuch bei Ihnen Erfolg hätte.“

Paulsen belohnte Krohnkes Scherz mit einem Lächeln.

„Wenn Sie es genau wissen wollen: Ich bin reingelegt worden.“

Krohnke setzte sich wieder. „Sie? Wo Sie doch sonst immer so gewitzt sein wollen?“

„Im Ernst. Ich weiß nicht, was in der Absteige für ein

Spiel getrieben wird, aber ich gehe davon aus, es war kein Zufall, dass sein Angestellter mich in das Mordzimmer hat rennen lassen. Keine Ahnung, warum er mich reinlegen wollte, ich weiß nur eins: Wir sollten der Sache nachgehen.“

„So, meinen Sie? Jetzt sag ich Ihnen mal, was ich meine.

Wegen Ihnen haben wir schon Ärger genug am Hals. Ich will von dem Mist nichts mehr hören.“

„Ich bin überrumpelt worden und will herausfinden warum.“

„Wir bezahlen Sie nicht als Hobby-Detektiv.“

Paulsen kannte Krohnke lange genug und wusste, er durfte jetzt nicht klein beigeben. Krohnke war aus hartem Holz geschnitzt, aber von ganzem Herzen Reporter, jederzeit bereit, für eine gute Story Kopf und Kragen zu riskieren. „Ich habe den Geruch von Trüffeln in der Nase“, lockte Paulsen ihn.

„Pilze sammeln können Sie in Ihrer Freizeit.“

„Ich rede von Trüffeln, um die uns alle anderen beneiden werden.“

„Klingt nach einem Ihrer berüchtigten investigativen

Anfälle.“

„Ich sag nur: Quotenhit.“

„Ja, ja.“ Krohnke winkte ab. „Mit Speck fängt man Mäuse.“ „Geben Sie mir ’ne Chance.“

„Wie ich Ihre Anfälle so kenne, haben Sie auch schon eine

Idee.“

„Wenn das okay heißen soll, verrate ich Sie Ihnen: Laut

Polizei stammt das Mädchen aus Nigeria.“

„Ja und?“

„Wieso wohnte sie in einem Hotel?“

„Was weiß ich, vielleicht auf Urlaubsreise.“

„Mit achtzehn Jahren und ohne einen Cent in der Tasche?“

In Krohnkes Augen erschien ein verträumter Blick. „Früher sind wir auch ohne einen Pfennig losgetrampt. Isomatte gepackt und –“

„Und unter Brücken geschlafen, ich weiß.“

„Jawohl, unter Brücken geschlafen.“ Krohnke war eingeschnappt. „Haben Sie sonst noch was Spektakuläres auf der Pfanne?“

„Ja, der angebliche Hoteldetektiv. Ein dubioser Typ. Dem sollten wir als erstes auf den Zahn fühlen.“

„Das wird die Polizei schon machen. Dafür ist sie ja da.“

„Wir könnten schneller sein.“

Krohnke starrte aus dem Fenster und schien zu überlegen.

Paulsen legte nach. „Ich habe nämlich nicht nur eine Idee, sondern auch schon einen Plan. Könnte fast von Ihnen sein.“

„Das werde ich eidesstattlich bestreiten.“

„Lassen Sie sich überraschen.“

Krohnke setzte sich, nahm die Computermaus und klickte auf dem Bildschirm herum.

„Verdammt, ich glaube, ich werde alt und milde. Ich gebe Ihnen eine Woche, Paulsen. Aber wenn Sie bis dahin nicht mit was Brauchbarem angetanzt kommen, wird es ungemütlich für Sie, ist das klar?“

„Habe ich Sie schon jemals enttäuscht?“

„Hauen Sie ab, bevor ich anfange, ernsthaft darüber nachzudenken.“

Krohnke hackte mit zwei Fingern in die Tasten, als spiele er ‚Hänschen klein‘ auf einem Keyboard.

Als Paulsen am nächsten Morgen zur Prärieblume kam, hockte hinter der Rezeption ein schnauzbärtiger Jüngling in dunklem Kapuzen-Shirt. Mit bleichem Gesicht und geröteten Augen verfolgte er auf dem Computerbildschirm ein Videospiel und fummelte zur gleichen Zeit an einem iPod herum. Auf dem Namensschild stand: Tilman Aschhoff, Nachtportier.

Paulsen fragte nach Baranoff.

„Hä?“

Paulsen deutete auf die Stöpsel in seinen Ohren. Aschhoff nahm sie heraus und musterte ihn wie einen lästigen Eindringling. Paulsen wiederholte seine Frage, und Aschhoff ließ sich zu einer Antwort herab.

„Dritte Etage, linke Hand, letztes Zimmer“. Mit mürrischer Miene stöpselte er die Ohren wieder zu.

Paulsen nahm das Treppenhaus. Hier war vom Western-Stil nicht mehr viel zu sehen, die Wände waren mit Holz imitierender Tapete beklebt, als sei dem Hotelbesitzer das Geld für Historisches ausgegangen.

Im dritten Stock klopfte Paulsen an die Tür mit dem Schild Detektivbüro Baranoff. Keine Reaktion. Er versuchte es noch mal dezent, dann hämmerte er mit der Faust. Von drinnen Poltern, Fluchen und schlurfende Schritte, die Tür öffnete sich einen Spalt, und Baranoffs aufgedunsenes Katergesicht blickte ihn an.

„Was wollen Sie?“

„Ein paar Takte reden.“

„Dann kommen Sie zu meinen Bürozeiten.“

Baranoff zog die Tür zu. Im letzten Moment stellte Paulsen den Fuß dazwischen.

„Ich scheiße auf Ihre Bürozeiten.“

„Die Haxen weg!“

Baranoff trat nach Paulsens Fuß. Paulsen drückte mit dem Ellenbogen gegen die Tür und versuchte, sich hineinzuzwängen.

„Ich lasse mich nicht gerne reinlegen.“

Baranoff ließ die Tür los und schaute sich um, als suche er etwas, mit dem er Paulsen eins über den Schädel ziehen könnte. Er fand nichts Geeignetes.

„Was wollen Sie? Kommen hier mir nichts, dir nichts reingeschneit … “

„Wegen Ihnen habe ich womöglich eine Anzeige am Hals. Was sollte die Tour mit dem Zimmer?“

Baranoff spielte den Empörten. „Ich habe gesagt, Sie sollen schon mal vorgehen, und nicht, dass Sie einbrechen sollen.“ Dabei sah er Paulsen frech in die Augen.

Paulsen trat auf ihn zu, als wolle er ihn an den Kragen gehen.

„Ich will wissen, was das Ganze soll.“

Baranoff wich zur Seite aus.

„Okay, okay, ich kann's erklären.“ Er beugte sich zur Tür und blickte in den Hotelflur. „Mein Gott, müssen Sie gleich so ’n Alarm machen? Wir haben Gäste im Haus.“

„Ich mache gleich noch mehr Alarm. Vielleicht hilft Ihnen das auf die Sprünge.“

Baranoff machte eine beschwichtigende Geste. „Warten Sie unten, ich komme runter.“

„Ich gebe Ihnen fünf Minuten.“

Als Paulsen die Treppe hinunterging, klapperte auf der zweiten Etage ein Eimer. Er traf auf eine kleine, grauhaarige Frau, die einen Handwagen mit Besen und Putzzeug hinter sich herzog. Auf seine Frage bestätigte sie, ja, sie habe die Tote am frühen Morgen gefunden, an Details können sie sich aber nicht mehr erinnern, die seien wie ausgelöscht. Sie habe das Hotelzimmer geöffnet, die Leiche erblickt und sei sofort davongelaufen. Das Einzige, was sich in ihr Gedächtnis gebrannt habe, sei der blutüberströmte Körper. Er drückte ihr ein Trinkgeld in die Hand, und sie zuckelte mit ihrem Reinigungswagen weiter.

Im Foyer, gegenüber der Empfangstheke, gab es eine Sitzecke mit Wildwest-Flair: drei mit Büffelleder-Imitaten bezogene Sessel und als niedriger Tisch ein dunkelbraun gebeiztes Wagenrad unter Glas, vor der Wand ein Piano im Honky-Tonk-Stil.

Paulsen rückte den Sessel so zurecht, dass er Aufzugtür und Treppenhaus im Auge hatte, falls Baranoff sich aus dem Staub machen wollte. Auf der anderen Seite der Sitzgruppe, hinter einem Spalier Bambuspflanzen, saß ein Mann in hellem Anzug, anscheinend ein Hotelgast, und las Zeitung. Nach zehn Minuten rasselte die Aufzugtür, und Baranoff erschien, eingezwängt in den gleichen verschwitzten schrumpeligen Anzug wie gestern. Ächzend ließ er sich in den Büffel-Sessel plumpsen.

„Ist alles ein Missverständnis.“

„Was heißt Missverständnis? Die Tür stand offen und das

Siegel war aufgebrochen.“

„Tatsache?“ Baranoff grinste. „Na ja, auch wenn es die

Bullen nicht tun, ich glaube Ihnen.“

„Hören Sie auf, Sie wussten doch, dass das Zimmer

offenstand.“

Baranoff kratzte an seinem Speckbauch. „Vielleicht war’s ja auch eine der Putzfrauen. Ich werde der Sache noch mal selbst nachgehen.“

Nicht zu fassen, wie unverfroren er war, aber Paulsen ging es um etwas Anderes.

„Vorschlag zur Güte, wir lassen die Geschichte erst mal beiseite. Ich bin nämlich noch aus einem anderen Grund hier.“

Baranoff merkte, dass sich die Lage für ihn entspannte, hatte sofort wieder Oberwasser und setzte eine geschäftsmäßige Miene auf.

„Dann lassen Sie mal die Katze aus dem Sack. Meine Zeit ist begrenzt.“

Paulsen blieb freundlich und ignorierte den unverschämten Ton.

„Wir planen eine Reportage über den Beruf des

Privatdetektivs.“

„Prima. Und was geht mich das an?“

„Ganz einfach: Sie sind unser Mann.“

Baranoff glotzte verständnislos.

„Bei der Reportage geht es um Folgendes. Wir wollen ein paar Fragen nachgehen: Was macht ein Privatdetektiv? Wie kommt er an seine Aufträge? Wie geht er dabei vor? Was unterscheidet ihn von den Privatdetektiven, wie man sie aus den Krimis kennt? Man könnte auch sagen, wir vergleichen

Mythos und Realität des Detektivberufes.“ Baranoff starrte Paulsen an.

„Wollen Sie mich verarschen?“

„Keinesfalls. Überlegen Sie doch mal, Sie könnten dazu beitragen, das schlechte Image des Berufs zu verbessern. Sie wissen, das Bild in der Öffentlichkeit ist heutzutage mies. Die Leute halten Privatdetektive für Spanner, die in der schmutzigen Wäsche anderer Leute schnüffeln und es mit dem Gesetz nicht so genau nehmen.“

„Weil die Leute bekloppt sind.“

„Sie haben es in der Hand, das Bild zu korrigieren.“ Baranoff rutschte auf dem Sessel herum.

„Sonst noch was?“

„Erstmal alles.“

„Für so ’n Quatsch habe ich keine Zeit.“

Er erhob sich und hinkte in Richtung Aufzug. Hatte

Paulsen sich in ihm getäuscht? Er war davon ausgegangen, Baranoff würde aus Großmannssucht nicht nein sagen können, wenn er die Chance hatte, ins Fernsehen zu kommen. Offenbar hatte er ihn falsch eingeschätzt.

Nach ein paar Schritten blieb Baranoff stehen und drehte sich um.

„Ich bin für ein Hotel mit dreißig Zimmern verantwortlich. Wissen Sie überhaupt, was das heißt? Das heißt, Tag und Nacht in Bereitschaft sein. Ich hab’ genug um die Ohren, auch wenn hier nicht jeden Tag einer abgemurkst wird.“

„Ah, der Baranoff!“

Der Zeitungsleser von nebenan kam hinter den Bambuspflanzen hervor. Ein stutzerhafter Typ von Mitte vierzig mit Gel im Haar, heller Leinenanzug, altrosa Hemd und blau gepunktete Krawatte. Breit lächelnd ging er auf Baranoff zu.

„Gut, dass ich Sie mal antreffe.“

Baranoffs blickte ihm misstrauisch entgegen.

„Ich habe den Eindruck, dass irgendwas mit der

Telefonanlage nicht in Ordnung ist.“

„Wieso?“

„Sie macht so merkwürdige Geräusche.“

„Ich bin hier nicht der Hausmeister.“

„Aber Sie kennen sich doch hier aus. Vielleicht können

Sie sich die Sache mal kurz anschauen.“

Er warf einen Blick auf Baranoffs ausgetretene Latschen. „Bei der Gelegenheit zeig ich Ihnen auch gern mal meine neuste Schuhkollektion.“ Er lachte und wandte sich zum Ausgang.

Baranoff blickte ihm nach, wie er mit dynamischen

Schritten, die Aktentasche schwingend, hinausging.

„Fühl dich ruhig in Sicherheit, Freundchen“, rief er ihm halblaut nach, dann wandte er sich zu Paulsen. „Den Windhund hab’ ich schon lange aufm Kieker. Meffert, Schuhvertreter – angeblich.“

Ehe Paulsen nachfragen konnte, was Baranoff mit ‚angeblich’ meinte, sagte der: „Was soll denn dabei rausspringen?“

„Wobei?“

Baranoff warf einen kurzen Blick zur Rezeption, als wollte er sich vergewissern, dass niemand zuhörte, und kam zurück zur Sitzecke.

„Bei der Reportage.“

Paulsen brauchte einen Moment, bis er Baranoffs 180-Grad-Wende begriffen hatte.

„Finanziell nichts. Aber was Sie nicht unterschätzen dürfen: Für Sie wäre es kostenlose Werbung.“

Baranoff setzte sich, legte den Kopf in den Nacken und blickte zum Kristallleuchter an der holzgetäfelten Decke, als müsse er das Angebot überdenken.

Paulsen tat so, als hätte er aufgegeben. „Tja, tut mir leid, dass ich Ihnen kein lukrativeres Angebot machen kann.“

„Darum geht’s nicht.“ Baranoff kratzte sich am schlecht rasierten Kinn. „Meine Honorarsätze könnt ihr sowieso nicht löhnen. Wenn ich mitmache, dann nicht wegen der Mäuse, sondern aus ’nem anderen Grund.“ Er machte eine Kunstpause.

„Und der wäre?“

„Pflichtgefühl.“

Paulsen blickte ihn an – ehrlich verblüfft.

„Pflichtgefühl unserem Berufsstand gegenüber. Die Pflicht, ein so bestialisches Verbrechen aufzuklären. Man könnte auch sagen, ich tue es im Namen aller Detektive. Besonders für die armen Schweine, die wie ich im Hotelgewerbe arbeiten. Und wenn das unter den Augen der Öffentlichkeit geschieht, umso besser.“ Er krabbelte aus dem Sessel.

„Ich werde die Bestie jagen, und dann könnt ihr hautnah miterleben, wie man so was anpackt.“

Er ging geschäftig los, als wollte er gleich mit der Jagd beginnen. An der Tür drehte er sich noch einmal um.

„Von wegen Mythos und Realität!“

Paulsen muss sich eingestehen: So viel Ironie hatte er Baranoff nicht zugetraut. Er nahm es als Warnung, ihn nicht zu unterschätzen.

Kapitel 3

Noch am gleichen Abend quartierte Paulsen sich ins Hotel ein. Portier Tilman Aschhoff hing wie am Morgen hinter der Rezeption und starrte auf den Bildschirm. Erst als Paulsen an das Empfangspult trat, bemerkte er ihn und nahm die Stöpsel aus den Ohren. Musik schepperte.

Paulsen tippte auf Hot Chili Peppers. Aschhoff warf ihm einen anerkennenden Blick zu. Anders als am Morgen schien er ihn jetzt für einen vollwertigen Menschen zu halten.

Paulsen ließ sich ein Zimmer geben, und sie plauderten eine Weile. Paulsen erfuhr, dass Aschhoff den Portiers-Job nur vorübergehend machte, da er Medizin studieren wollte und auf einer Warteliste stand.

„Wartezeit mindestens fünf Jahre.“

„Dann musst du ja noch jede Menge Nachtschichten runterreißen.“

„Macht nichts.“ Aschhoff lachte und deutete auf den Bildschirm. „Wird jedenfalls nicht langweilig. Hab’ ja meine RPGs.“

„RPGs?“

„Role-Playing-Games.”

Er nannte die Rollenspiele, für die er sich begeisterte – für Paulsen allesamt böhmische Dörfer. Nach ein paar Nachfragen lenkte er das Gespräch auf den Mordabend, dabei stellte sich heraus, dass Aschhoff an diesem Tag Dienst gehabt hatte.

„An dem Tag ist aber niemand gekommen. Kein Gast, kein

Besucher, kein nix. Habe ich auch der Polizei gesagt.“ „Kein Besucher? Haben die Gäste denn hier öfter Besucher?“

„Kommt schon mal vor“, sagte Aschhoff zögernd, als sei er plötzlich vorsichtig geworden. Doch warum? Markierte er den loyalen Angestellten, der den Eindruck vermeiden wollte, die Prärieblume sei ein Stundenhotel? Paulsen nahm in stärker ins Visier.

„Ist es auf irgendeine Weise möglich, ungesehen ins Hotel zu gelangen? Vielleicht über einen Notausgang?“

„Es gibt nur einen zum Hof. Die Tür lässt sich aber nur von innen öffnen. Wenn jemand zur Tür gegangen wäre, hätte ich das sicher bemerkt.“

„Mit Stöpseln im Ohr?“

„Stöpsel machen nicht blind.“

„Du warst also den ganzen Abend und die ganze Nacht hier an der Rezeption?“

„Ja, klar, wo denn sonst?“

„Ist das nicht langweilig so die ganze Nacht?“

„Nicht unbedingt. Computerspiele, Musik hören … ab und zu einen durchziehen.“ Aschhoff grinste.

„Und das fällt keinem auf?“

„Wenn ich mir einen Joint drehe, mach ich das in der

Abstellkammer. Falls doch mal jemand kommen sollte.“

„Und Samstagnacht hast du auch einen durchgezogen?“

„Sicher.“

„Einen, zwei oder vielleicht drei?“

„Kann sein, weiß nicht mehr so genau.“

„Das heißt, du warst also mindestens ein oder zwei Mal in der Abstellkammer?“

„Könnte hinhauen.“

„In der Zeit hätte jemand reinkommen können.“

„Theoretisch ja. Aber das habe ich den Bullen natürlich nicht auf die Nase gebunden. Wäre cool, wenn du’s auch nicht tun würdest.“

„Versprochen. Was war mit Baranoff? Er behauptet, er sei krank gewesen.“

„Baranoff krank?“ Aschhoff überlegte einen Moment, dann kehrte anscheinend seine Erinnerung zurück. „Besoffen war der. Ich hab’ ihn doch auf sein Zimmer geschleppt.“

Besoffen oder krank, dachte Paulsen, kam fast auf das Gleiche hinaus.

„Und was weißt du über die Tote?“

„So gut wie nichts. Die hat man nie zu Gesicht bekommen.“

„Unter welchem Namen hat sie sich denn eingetragen?“

„Die hat sich nirgendwo eingetragen.“

„Ist das nicht Vorschrift?“

„Das wird hier nicht so eng gesehen.“

„Wie viele Gäste gab es sonst noch in der Nacht?“

„Nur einen. Den Schuhvertreter in der zwoten.“

„Und wie viele Gäste habt ihr im Moment?“ „Einen. Den Schuhvertreter in der zwoten.“

Paulsen bezog das Zimmer 20 auf der zweiten Etage, direkt unter Baranoffs sogenanntes Detektivbüro. Ein schlauchartiger Raum mit schmucklosem Kleiderschrank, kleinem Tisch, schmalem Bett und einer altertümlichen eisenbeschlagenen Truhe, auf dem ein mickriger Fernseher stand. Auch hier sah es so aus, als habe der Hotelbesitzer seinen Traum nur noch halb verwirklichen können. Der

Western-Stil war auf ein Indianer-Poster geschrumpft.

Es roch muffig. Paulsen öffnete das Fenster. Schwüle Luft strömte von draußen herein, und der Straßenlärm ließ das Zimmer noch ungastlicher erscheinen.

Er packte ein paar Sachen, Hemden, Socken und Wäsche, in den Schrank, legte sich aufs Bett und drückte auf der Fernbedienung herum. Der Fernseher muckte sich nicht.

Paulsen schleuderte die Tastatur weg und traf genau in den Papierkorb. Das erste Erfolgserlebnis des heutigen Tags.

Er hatte Hunger, aber keine Lust, aufzustehen. Eine Weile lag er nur da, beobachtete die Licht- und Schattenreflexe, die über die Zimmerdecke wanderten, und ließ die Gedanken schweifen. Konnte man Baranoff wirklich einen Mord zutrauen? War er nur ein angeberisches Großmaul, ein harmloses Original? Oder ein gefährlicher Irrer? Vom Original zum Spinner war es manchmal nur ein kleiner Schritt, und von einem Spinner zum Irren ein noch kleinerer. Paulsen versuchte, die Ereignisse der letzten Tage zu ordnen, doch schon bald wirbelte alles durcheinander und versank im Nebel. Das Schnarren des Telefons weckte ihn. Er schaltete die Nachttischlampe an und nahm den Hörer ab. Baranoffs krächzende Stimme ertönte.

„Besprechung bei mir im Büro. Wir warten.“

Ehe Paulsen nachfragen konnte, wen er mit ‚wir‘ meinte, hatte Baranoff aufgelegt. Was wollte er mitten in der Nacht besprechen? Vielleicht war er wirklich ein Irrer.

Vor Baranoffs Zimmer blieb Paulsen stehen und hielt das Ohr an die Tür. Gedämpfte Stimmen. Er öffnete leise. Baranoff saß am Schreibtisch, Schuhvertreter Meffert stand in der Mitte des Zimmers vor einem niedrigen Tisch mit einem Musterkoffer voller Schuhmodelle und hielt einen dick besohlten Schnürschuh in die Höhe.

„Obermaterial aus zweifarbigem Nubukleder, Einlegesohle anatomisch geformt und Fußschweiß absorbierend, die

Zehenschutzkappe aus Stahl mit rutschhemmender Keramiksohle

…“

Baranoff bemerkte Paulsen und winkte ihn herein. Paulsen setzte sich in den freien Sessel.

„…öl-, benzin- und säurebeständig“, fuhr Meffert fort. „Besonders bei schwierigen Einsätzen von Vorteil. Eine andere Variante wäre –“

„Schluss damit!“ Baranoff schnappte wie ein Reptil mit dem Kopf nach vorne.

„Wo waren Sie Samstagnacht?“

Meffert blickte irritiert. „Was soll das?“

„Wo Sie waren, möchte ich wissen.“

„Ich habe meine Aussage schon bei der Polizei gemacht.“

„Wir führen hier eigene Untersuchungen“, blaffte Baranoff ihn an.

„Wer ist ‚wir’?“

„Die Detektei Okulus.“

„Aha“, sagte Meffert, „ist die eventuell auch für die manipulierte Telefonanlage verantwortlich, mit der die Gäste hier abgehört werden?“ Er blickte Beifall heischend zu Paulsen, der sich eine Reaktion verkniff.

Baranoff ließ sich nicht beirren.

„Ich frage noch mal: Haben Sie das Mädchen gekannt?“

Meffert schnaufte verächtlich. „Sie können mich mal.“ Er wickelte den Schuh in ein Seidenpapier und verstaute ihn im Koffer.

„Sie müssen sie gekannt haben! Sie waren mindestens einmal bei ihr.“ Baranoff schlug ein kleines Notizbuch auf. „Hier, am Freitag, den sechzehnten. Sie haben bei ihr geklopft und gerufen: Mach auf, ich weiß, dass du da bist!“

Meffert tat gelassen. „Möglich. Kann sein, dass ich sie irgendwas fragen wollte.“

„Um zwei Uhr nachts?“

Meffert setzte eine listige Miene auf. „Mal angenommen, ich war an ihrer Tür. Aber woher wissen Sie das?“

Baranoff blickte einen Moment bedeppert. Dann fing er sich.

„Ich stelle hier die Fragen. Also, was wollten Sie von dem Mädchen?“

Meffert trat dicht an den Schreibtisch.

„Erst beantworten Sie mir meine Frage: Woher wissen Sie, dass ich an ihrer Tür war?“

Baranoff fummelte an seinem Hemdkragen, als sei er ihm zu eng geworden und sagte wie ein trotziges Kind: „Ich habe zuerst gefragt.“

Meffert zeigte mit dem Finger auf ihn.

„Ich will Ihnen sagen, woher Sie das so genau wissen.

Weil Sie bei dem Mädchen im Zimmer waren.“

Baranoff lehnte sich schnaufend im Sessel zurück.

„Blödsinn!“

„Also frage ich Sie: Warum waren Sie in ihrem Zimmer?“

Baranoffs Augen verengten sich. „Packen Sie ihren Ramsch zusammen und verschwinden Sie.“

Meffert lachte. „Sie sind noch nicht aus dem Schneider, Baranoff.“ Er klappte den Musterkoffer zu, klemmte ihn unter den Arm und ging hinaus.

Baranoffs Halsadern schwollen an.

„Sie schon lange nicht“, schrie er ihm nach. „Halten Sie sich für weitere Ermittlungen zur Verfügung.“ Der Vertreter knallte die Tür zu.

Kapitel 4

„Unglaublich!“

Baranoff zog ein großes schmuddeliges Taschentuch hervor und wischte sich den Nacken. Dabei schielte er zu Paulsen, als wollte er sich vergewissern, wie er das Ganze aufgenommen hatte. Paulsen verzog keine Miene.

„Wenn der Meffert glaubt, er könnte sich mit irgendwelchen Tricks herauswinden, dann hat er sich geschnitten. Mich legt der nicht rein. Auf meiner Liste bleibt er ganz oben. Cognac?“

„Ich hatte vor, schlafen zu gehen.“

„Einen zum Feierabend. Ich habe unten in der Küche noch einen guten Tropfen in petto.“

Paulsen hatte eine Idee und gab nach. Als Baranoff das Zimmer verlassen hatte, sah er sich um. Die Behausung war eine Kombination aus Büro, Küche und Wohnzimmer. Zur Büroabteilung gehörten Schreibtisch, Aktenregal und an der Wand darüber ein gerahmtes Detektiv-Diplom, ausgestellt auf Baranoffs Namen von einem ‚Council of International Investigation‘ aus den USA. Vermutlich im Internet gekauft. Als Küche diente eine Anrichte mit Elektroplatte neben einer kleinen Spüle, in der sich schmutziges Geschirr stapelte. Gegenüber der Kochnische führte eine Tür ins Nebenzimmer, eine spärlich eingerichtete Kammer mit Schlafcouch und zerwühltem Bettzeug. Der Boden mit leeren Flaschen übersät.

Vom Flur ertönten Schritte, Paulsen schloss die Tür und setzte sich zurück in den Sessel. Baranoff kam mit einer Flasche Cognac zurück, goss zwei bauchige Schwenker bis zum Rand voll und prostete ihm zu.

„Auf den ganzen Ärger!“

Er kippte den Cognac runter wie Wasser und schenkte sofort wieder nach.

Paulsen lehnte sich zurück, streckte die Füße unter den

Couchtisch und stieß dabei auf etwas Hartes. Er hob einen Schuh auf – ein auf Hochglanz poliertes Musterexemplar.

„Gehört dem Mörder“, sagte Baranoff.

„Welchem Mörder?“

„Dem Meffert. Der Irre mit den Schuhen. Hast du gesehen, wie ihm die Nerven geflattert haben? Und weißt du, warum? Der Klinkenputzer handelt nicht nur mit Schuhen, er hat noch anderes im Sortiment – nämlich Koks.“

„Und was hat das mit dem Mädchen zu tun?“

„Kann ich dir sagen: Der hat sie abgefüttert mit dem Zeug, und sie stand bei ihm bis über beide Ohren in der

Kreide.“

„Und deshalb soll er sie umgebracht haben?“

„Hundertprozentig. Für mich war es so: Sie schuldet ihm ein paar Riesen, er will das Geld aus ihr rausprügeln, gerät in einen Blutrausch und macht sie kalt.“

„Irgendeinen Beweis dafür?“

Er sah Paulsen mit listen Augen an. „Noch nicht. Aber morgen weiß ich mehr. Dann blas ich zum Halali. Wenn

Meffert den Libanesen trifft.“

„Welchen Libanesen?“

Baranoff grinste und gab zu, dass er über die Hausanlage Mefferts Telefongespräche abgehört hatte. Dabei habe er was von einer Verabredung mit einem Libanesen am Bahnhof mitbekommen, und er sei sich sicher, dass es um einen größeren Drogendeal gehe.

„Vielleicht will er nur Schuhe verkaufen.“

Baranoff lachte. „Unfallverhütungsschuhe, wie? Die können sie im Libanon vielleicht gut gebrauchen, aber ich glaube nicht, dass die heimlich im Bahnhof übergeben werden müssen.“

Allmählich spürte Paulsen den Alkohol, die Augenlider wurden schwer, und er hatte Mühe, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Die Gedanken schwirrten. War Baranoff ein Schwätzer, oder wollte er ihn auf eine falsche Fährte locken? Woher wusste Baranoff überhaupt, dass Meffert … Paulsen musste ihn danach fragen, am besten sofort.

Er zuckte zusammen und öffnete die Augen. Wie lange hatte er geschlafen? Er setzte sich auf und blickte zu Baranoff.

Der lag mit dem Kopf auf der Sessellehne und schnarchte.

Als Paulsen am Morgen in seinem Zimmer erwachte, drang schwüle Luft durch das offene Fenster herein. Von der kümmerlichen Buche, dem einzigen Baum im Hinterhof, erklang dünnes Vogelgezwitscher. Paulsens Schädel pochte schmerzhaft. Zehn Uhr, u noch über eine Stunde bis zu Baranoffs geplanter Drogenjagd im Hauptbahnhof. Unter der Dusche ließ er die Nacht Revue passieren. Baranoff hatte versucht, aus dem Schuhvertreter eine Art drogensüchtigen ‚Jack the Ripper‘ zu machen. Selbst wenn es ein Hirngespinst war, Tatsache blieb, dass Meffert und das ermordete Mädchen auf irgendeine Weise Kontakt gehabt hatten.

Einigermaßen erfrischt machte Paulsen sich auf zum Bahnhof, gespannt, ob Baranoff und Meffert tatsächlich auftauchten. Auf dem Weg nach unten rief er Sascha an, seinen Whistleblower vom Polizeirevier Mariental, die verlässliche Quelle, wenn er schnell und unbürokratisch eine Information brauchte. Paulsen bat ihn nachzuforschen, ob es etwas über Winfried Baranoff im Polizeicomputer gab.

Unten im Foyer traf Paulsen auf Hotelchef Kohlhammer, den knorrigen Westernhelden. Mit den scharfen Mundfalten und tief in den Höhlen liegenden wässrigen Augen wirkte er heute Morgen noch magenkranker als bei der ersten Begegnung. Vielleicht hatte ihn die Aufregung im Haus mehr mitgenommen als ein raubeiniger Sheriff zugeben durfte. Diesmal trug er ein Holzfällerhemd mit groben rot-schwarzen Karos, ordentlich in die Jeans gestopft.

„Moment Zeit?“

Paulsen blickte auf die Uhr. „Bin gleich verabredet.“

„Nur kurz.“

Kohlhammers Büro lag in einem flachen Anbau hinter dem Foyer. Sie passierten eine hölzerne Hängebrücke über einen Bach, der auf den Boden gemalt und von blank geputzten Kieselsteinen umsäumt war. ‚Sheriff's Office‘ verkündete das Schild an der Bürotür. Entsprechend war das Büro eingerichtet: ein antiker Waffenschrank mit Winchesterbüchsen, ein altertümlicher dunkelgrüner, mannshoher Tresor, ein Schaukelstuhl und auf einem Beistelltisch eine Lampe in Form eines Planwagens. Über dem dunkel gebeizten Schreibtisch hing das Foto des Indianerhäuptlings Sitting Bull. Mit strenger Miene blickte er auf die eintretenden Bleichgesichter.

Kohlhammer setzte sich hinter den Schreibtisch.

„Hat sich das mit dem Siegelbruch geklärt?“

„Da gab’s nichts zu klären. Ich hatte nichts damit zu tun.“

Kohlhammer rieb sich die Stirn. „Was Baranoff angeht … was zum Teufel ist so interessant an dem Kerl, dass er ins Fernsehen soll?“

„Es geht um die Arbeit eines Hoteldetektivs. Baranoff hat sicher eine Menge zu erzählen.“

„Hoteldetektiv? Na ja, sagen wir mal Hauswart. Und wegen dem haben Sie sich hier einquartiert?“

Paulsen nickte. „Um ihm bei der Arbeit über die Schulter zu schauen.“

Kohlhammer musterte ihn argwöhnisch. „Und was ist mit dem …“ Er zögerte, als scheute er sich, das unheimliche Wort auszusprechen. „Also, mit dem, was hier im Haus passiert ist? Wie denken Sie darüber?“

„Das wollte ich Sie eigentlich fragen.“

Kohlhammer blickte zu Sitting Bull, als suchte er bei ihm Rat. Nach einer Weile schien er ihn bekommen zu haben und tat ihn in gesetzten Worten kund:

„Das Leben ist ein kurzer Schatten, der über das Gras huscht.“

„Für Fayola Mafuto ein besonders kurzer Schatten“, sagte Paulsen. „War Ihnen die Ermordete eigentlich bekannt?“

„Nein.“

„Haben Sie keinen Überblick, wer hier im Hotel übernachtet?“

„Ich kümmere mich um andere Sachen.“

„Was ist mit Baranoff?“

„Baranoff arbeitet seit knapp einem Jahr bei uns.“

„Wenn ihn jemand verdächtigte, was würden Sie dazu sagen?“

Kohlhammer überlegte einen Moment, dann sagte er:

„Über einen Mann kann man nicht urteilen, bevor man nicht in seinen Mokassins gegangen ist.“

Paulsen ließ die Indianerweisheit eine Weile nachklingen, als müsse er darüber nachdenken.

„Anders gefragt: Könnte man Baranoff so etwas zutrauen?“

„Fragen Sie ihn selbst. Für mich zählt das Wort eines Mannes noch etwas.“

Paulsen gab es auf. „Wie bei den Indianern, meinen Sie, stimmt’s.“

Kohlhammer blickte ihn forschend an, schien zu überlegen, ob er ihn auf den Arm nehmen wollte, dann nickte er.

„Ja, wie bei den Indianern.“ Er deutete auf das Poster. „Wie er. Er hat zu seinem Wort gestanden. Zum Dank haben sie ihn abgeknallt.“

Paulsen nickte. „Den Sieg am Little Big Horn hat man ihm nie verziehen.“

Kohlhammer betrachtete ihn, und etwas wie Wohlwollen leuchtete in seinen Augen auf.

„Sie interessieren sich für die Geschichte der Indianer?“

„Ich weiß zumindest, dass es ’ne Tragödie war.“

Kohlhammer stand auf.

„Ich zeig Ihnen mal was.“

Er trat an das Poster und deutete auf Sitting Bulls Brust.

„Sehen Sie mal genau hin.“

Sein Finger fuhr über ein paar dunkle Punkte auf dem mit Perlenketten behängten Hirschlederhemd.

„Was sehen Sie da?“

Paulsen wusste nicht, worauf er hinauswollte.

Kohlhammer gab die Erklärung selbst. „Einschusslöcher. In dem Moment, als er ins Freie trat und die Deckung verließ, haben sie ihn erschossen.“

Für Paulsen sahen die Punkte aus wie schadhafte Stellen auf der alten Fotografie, behielt es aber für sich.

„Sie meinen, das Foto ist in den Moment gemacht worden, als er erschossen wurde?“

Kohlhammer nickte. „Dabei wollte er nur verhandeln.“

Er setzte sich zurück in den Sessel.

Paulsen dachte, Zeit, das Irrenhaus zu verlassen. Er deutete auf seine Uhr. „Muss leider los.“

Kohlhammer nickte gnädig. Paulsen hatte die Tür fast erreicht, da hörte er ihn sagen: „Wann wollten Sie denn mit der Reportage anfangen?“

Überrascht blickte Paulsen sich um.

„Wenn es geht, noch in dieser Woche.“

„Geben Sie Ihr Bestes“, sagte Kohlhammer und blickte zu seinem Häuptling.

„Danke“, sagte Paulsen mit letztem Blick auf den alten Kauz, der traumverloren dasaß, als ritt er durch die Weiten der Prärie – 140 Jahre zurück nach Little Big Horn.

Paulsen ging hinaus. In dem alten Salonspiegel neben der Tür sah er, wie Kohlhammer ihm nachblickte. Für einen Moment schien es, als ob er grinste.

Kapitel 5

Paulsen hatte den Bahnhofsvorplatz erreicht, als das Handy klingelte.

„Dein Freund hat so einiges aufm Kerbholz“, meldete sich Sascha.

„Vorstrafen?“

„’ne ganze Latte. Hausfriedensbruch, Urkundenfälschung, Erpressung, Einbruch und Amtsanmaßung.“

„Anscheinend ein unternehmungslustiger Typ.“

„’ne große Leuchte als Detektiv scheint er jedenfalls nicht zu sein. Als er mal einen jugendlichen Ausreißer zurückholen sollte, hat er versucht, daraus einen Entführungsfall zu konstruieren. Hat Schwein gehabt, dass er nicht im Knast gelandet ist.“

„Was hat er früher gemacht?“

„Bei ’ner Sicherheitsfirma gearbeitet, Überwachung von Gebäuden. Hat den Job aber vermasselt, ist entlassen worden, weil er betrunken auf Patrouillendienst mit einem Schäferhund war, dabei über den Hund gestolpert und schwer gebissen worden ist. Ins Bein.“

„Ah, daher das Hinken.“

Sascha lachte. „Das könnte natürlich auch an seinem Pferdefuß liegen.“

Ganz unwahrscheinlich kam Paulsen die Vermutung nicht vor.

Im Bahnhofsbistro suchte er einen Platz an der Theke, von wo er gute Sicht über die Halle hatte, und bestellte Sandwich und Kaffee. Die Schwüle war kaum auszuhalten. Ab und zu brach ein Sonnenstrahl durch das Hallenfenster, wurde vom verchromten Tresen reflektiert und stach ihm in die verkaterten Augen. Drei Kaffee später war er überzeugt, dass Baranoff ihm einen Bären aufgebunden hatte. Er bezahlte, wollte gerade gehen, als ihm ein Bahnschaffner auffiel, ein kleiner Dicker in dunkelblauer Uniform, mit Schirmmütze und roter Krawatte. Irgendetwas stimmte an dem Kerl nicht. Er stand mitten in der Halle vor einem Glaskasten, tat so, als studiere er die Fahrpläne, und beobachtete auffallend unauffällig die Leute ringsherum. Letzte Zweifel, um wen es sich handelte, schwanden, als er hinkend den Standort wechselte.

Kurz darauf tauchte Schuhvertreter Meffert auf, kam quer durch die Halle und blieb in Höhe des Lebensmittelladens stehen. Paulsen schlenderte vom Bistro zur Buchhandlung neben dem Service-Center und betrachtete die Auslagen im Schaufenster. In der Spiegelung beobachtete er, wie sich ein dunkelhäutiger sportlicher Typ in hellem Leinenanzug näherte und an Meffert vorbei spazierte. Meffert folgte ihm in einigem Abstand. Auch Baranoff auf der anderen Seite der Halle schien die beiden bemerkt zu haben und marschierte los. Noch hatte er nicht ganz die Hallenmitte erreicht, als zwei Uniformierte der Bundespolizei auf ihn zutraten und ihn anhielten.

Unterdessen waren Meffert und der Libanese am Automaten angelangt, wo sie Getränke zogen, ohne sich gegenseitig zu beachten. Von seiner Position aus konnte Paulsen nicht erkennen, ob sie irgendetwas übergaben oder austauschten.

Dann ging Meffert hinüber zu den Schließfächern, öffnete eine Box, entnahm einen schmalen Aktenkoffer und verschwand damit in den Toiletten. Der Libanese blieb in der Nähe stehen und wartete. Wenn es tatsächlich um Drogen ging, überprüfte Meffert vermutlich die Ware. Nach einer Weile kam er zurück und ging wortlos an dem Libanesen vorbei in Richtung Ausgang. Das Geschäft schien gelaufen.

Paulsen verfolgte Meffert bis zum Parkplatz gegenüber dem Bahnhof, wo er in einen grauen VW Passat stieg. Paulsen nahm ein Taxi und fuhr ihm nach. Meffert fühlte sich offenbar sicher, jedenfalls unternahm er nichts, um die Verfolger abzuhängen, fuhr ohne Umwege zum Frankenberger Park, hielt vor dem Hochbunker und verschwand, den Koffer unter dem Arm, im Eingang.