Mordsfang - Micha Krämer - E-Book

Mordsfang E-Book

Micha Krämer

4,7

Beschreibung

Der zweite gemeinsame Fall von Lotta Weyand und Nina Moretti An einem Sonntagmorgen im Langeooger Hafen hängt der Fischer Olaf Jansen erschlagen in einem seiner Netze. In seinem Mund eine wertvolle Goldmünze aus der Kaiserzeit. Inselpolizistin Lotta Weyand ist verzweifelt. Krischan, ihr Lebensgefährte, soll der Mörder sein. Gemeinsam mit Nina Moretti, der befreundeten Kommissarin aus dem Westerwald, begibt sie sich auf die Suche nach dem wahren Schuldigen.

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Seitenzahl: 399

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Beliebtheit




Inhalt

Titelseite

Impressum

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Epilog

Danksagung

Leseprobe

Kapitel 1

Kapitel 2

Micha Krämer

Mordsfang

ein Ostfrieslandkrimi

 

 

 

 

 

 

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de

© 2017 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln

www.niemeyer-buch.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Carsten Riethmüller

Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com

eISBN 978-3-8271-8327-9

EPub Produktion durch ANSENSO Publishing

www.ansensopublishing.de

Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

PROLOG

8. November 1943, 1:12 Uhr Nordwestlich der Insel Langeoog

Wie weiße Zuckerwatte lag der Nebel über dem Watt. Vereinzelt gellte der Schrei einer Möwe durch die nächtliche Stille. Der Wind wehte mäßig und bewegte die Nebelschwaden so, dass es im Licht der Lampe den Anschein hatte, er wäre nicht allein an diesem einsamen, unwirtlichen Ort. Aber vielleicht täuschte er sich auch gar nicht, und es waren tatsächlich die Geister der Ertrunkenen, die dort im Verborgenen lauernd auf ihn warteten. Dies war gar nicht so unwahrscheinlich. Denn wenn er es recht überlegte, dann war ihm der Tod in diesen Stunden doch wesentlich näher als das Leben. Er ließ den Kegel der Taschenlampe über das Wrack gleiten, das fast bis zur Oberkante des Kanzeldachs im modrigen Schlick steckte. Irgendwo dort unter dem zerborstenen Glas, begraben von Sand und schwarzer nasser Erde, saß noch immer Walter, sein Kamerad und Pilot der Messerschmitt, an sein Steuerhorn geklammert. Walter hatte nicht so viel Glück gehabt wie er. Nein, weiß Gott nicht! Was musste er selbst doch für einen Schutzengel haben, dass er noch lebte! Dass er bei dem Aufprall aus der Maschine geschleudert worden war, ohne sich dabei auch noch das Genick zu brechen. Wobei, war es tatsächlich ein Segen, nachts über dem norddeutschen Wattenmeer notzulanden? Nein, wohl eher nicht. Es sprach lediglich für eine recht sarkastische Ader des besagten Seraphim. Hätte der himmlische Beschützer tatsächlich Mitleid mit ihm gehabt, dann hätte er ihn doch bereits beim Aufprall der Maschine gnädig sterben lassen. Oder nicht? Er schätzte, dass es nun um die ein Uhr in der Nacht war. Um sieben Uhr, also in ungefähr sechs Stunden, würde die Sonne aufgehen. Er konnte nicht sagen warum, aber irgendwie beschlich ihn das Gefühl, dass die Flut nicht mehr so lange warten würde. Das Wasser kam vermutlich bereits wieder. Die Fluten würden ihn holen und mit sich reißen, noch bevor die ersten Sonnenstrahlen den Nebel durchdrangen. Hinaus in die kalte Nordsee. Dorthin, wo schon so viele der Kameraden ihr eisiges Grab gefunden hatten. Nein, je mehr er darüber nachdachte, umso mehr kam er zu dem Entschluss, dass es vielleicht besser wäre, dem Ganzen hier mit einer Kugel aus seiner Pistole ein Ende zu setzen. Es würde schneller und weniger schrecklich sein, als orientierungslos durch die Nacht zu laufen und abzuwarten, bis Poseidon ihn noch lebend holte. Er schluchzte und spürte, wie ihm eine Träne über die Wange lief. Sicherlich war dies die Strafe für seine Taten. Er hatte gesündigt und würde nun dafür bezahlen müssen. Der Traum von einem Leben in Saus und Braus im fernen Skandinavien war endgültig ausgeträumt. Selbst wenn es ihm gelänge, an die Ladung im Bauch der Messerschmitt heranzukommen, würde sie ihm nun nichts mehr nützen. Die Toten brauchten kein Gold mehr, und er würde, wenn nicht ein Wunder geschähe, gleich einer von ihnen sein. Verdammt! Wenn er wenigstens wüsste, in welche Richtung er davonlaufen musste. Er besaß weder einen Kompass noch konnte er Lichter in der Ferne erkennen. Der Kegel der Taschenlampe verlor sich bereits nach fünfzig Metern im Nebel. Auch aus der Luft hatte er in den letzten Minuten, nachdem der Motor ausgefallen war, nichts gesehen, was auf eine Insel oder die Anwesenheit von Menschen deutete. Er glaubte zu wissen, dass das Flugzeug sich beim Aufprall gedreht oder überschlagen hatte, war sich jedoch nicht sicher. Ihr Kurs war Nordost gewesen. Im Süden müsste demnach die deutsche Küste liegen. Nur, wo zum Kuckuck war Süden?

Erneut tasteten seine Finger über die Pistole in seiner Jacke. Er spürte das kalte Metall unter seinen klammen Fingern. Er musste nun eine Entscheidung treffen. Seine Fingerspitzen streiften die goldene Münze, die er die letzten Wochen immer als Talisman bei sich getragen hatte. Entschlossen zog er sie aus der Jacke, betrachtete sie und warf sie nach kurzem Zögern gerade über seinem Kopf in die Luft. Nur Sekunden später hörte er, wie das Geldstück rechts neben ihm auf den harten, nassen Wattboden klatschte. Er wandte sich in die Richtung, hob das im Lampenschein vor seinen Füßen schimmernde Stück Metall auf und steckte es zurück in seine Jackentasche. Dann marschierte er los, immer in die Richtung, die ihm die Münze gewiesen hatte. In den nächsten Stunden würde sich zeigen, wie gut sein Schutzengel war oder ob der ihn bereits verlassen hatte. Kurz kam er in Versuchung, sich noch einmal umzudrehen zu der Stelle, an der seine Träume zusammen mit dem Kameraden im Meeresboden versanken. Doch er widerstand. Für ihn gab es nur einen Weg, und den hatte die Münze ihm klar und deutlich gewiesen. Wenn die Flut kam, würde es sich zeigen, ob es auch der richtige war.

KAPITEL 1

Sonntag, 16. Oktober 2016, 7:32 UhrHafen, Insel Langeoog

Eigentlich war Schifffahren früher ja so gar nicht Lottas Ding gewesen. Sie hatte es in ihrem Leben bisher immer bevorzugt, festen Boden unter ihren zugegebenermaßen recht kleinen Füßen zu spüren. Hätte ihr vor einigen Jahren jemand erzählt, dass sie irgendwann sogar einmal auf einem Schiff leben würde, noch dazu auf einem, das auf der Nordsee vor Anker lag, hätte sie denjenigen sicher laut ausgelacht.

Sie schlug die Augen auf und blinzelte zu dem Bullauge, durch das die ersten Strahlen der morgendlichen Herbstsonne fielen. Sachte schaukelte ihr Zuhause im Takt der Wellen hin und her, deren Plätschern eine beruhigende Wirkung auf sie hatte. Von draußen waren deutlich das Gezeter einiger Möwen und das langgezogene Tuten vom Horn der Fähre zu hören.

Sie schloss die Augen wieder und schmiegte sich an Krischan, der neben ihr in der Koje lag und leise schnarchte. Lotta war rundum zufrieden mit sich und der Welt. Alles war gut so, wie es war. Sie mochte ihre Arbeit bei der Inselpolizei Langeoog; sie hatte hier schnell neue Freunde gefunden, und ihre Beziehung zu Krischan konnte besser nicht sein. Ja, selbst an die vor Jahren noch undenkbare Tatsache, dass sie beide auf einem alten Krabbenkutter lebten, hatte sie sich gewöhnt. Wobei gewöhnt ja noch untertrieben war, da sie es sich eigentlich gar nicht mehr vorstellen wollte, in einer schnöden Wohnung irgendwo in einer Stadt leben zu müssen.

„Hallo!“, hörte sie jemanden rufen. Dann vernahm sie deutlich Schritte auf dem Deck direkt über ihrer Kajüte.

„Hallo, Lotta, bist du da?“, rief erneut eine ihr nur allzu gut bekannte Stimme. Lotta schlug die Bettdecke beiseite und schlüpfte aus der urgemütlichen Koje. Dabei hielt sie kurz inne und rüttelte an Krischans Schulter.

„Krischan, steh auf, Onno ist oben auf Deck.“

„Wieso? Was will der denn? Heute ist doch Sonntag, da musst du doch gar nicht bei die Arbeit“, stotterte Krischan verschlafen und erhob sich mühselig.

Zugegeben, Krischan hatte recht. Heute war tatsächlich Sonntag und Lotta musste nicht zur Arbeit. Sonntags war nämlich frei. Zumindest außerhalb der Saison. Im Sommer, wenn täglich Tausende von Touristen die Insel stürmten, war dies nicht so.

Onno war, genau wie Lotta, Inselpolizist hier auf Langeoog. Genauer betrachtet waren sie beide auch die einzigen ihres Berufsstands auf diesem Eiland in der Nordsee. Sie war schon neugierig, was der am frühen Morgen denn nun von ihr wollte. Hastig zog sie sich einen von Krischans Wollpullis über, der ihr natürlich viel zu groß war, und stolperte dann aus der Kabine heraus, die Treppe hinauf, auf das Deck des rotweißen Kutters.

„Moin“, begrüßte sie der Kollege freundlich, aber kühl, und machte dabei wie so oft ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.

„Is was?“, hakte sie nach, obwohl sie sich mittlerweile an das zuweilen miesepetrige Gemüt des älteren Polizisten gewöhnt hatte. Dennoch beschlich sie heute das Gefühl, dass an diesem schönen Herbstmorgen irgendetwas so gar nicht in Ordnung war.

Onno deutete wortlos hinaus auf die andere Seite des Hafenbeckens. Lotta folgte seiner Geste und hielt dann augenblicklich inne.

An der Kaimauer schräg gegenüber lag die „ROSAMUNDE“, der weißblaue Kutter von Olaf Jansen. Ein sehr hübsches modernes Schiff, das dort friedlich in der Morgensonne dümpelte. Alles gut, hätte man meinen können, wenn da nicht eines der Netze über der Reling ins Wasser hängen würde, aus dem auch noch ein paar Beine herauslugten. Beine, die in gelben Gummistiefeln steckten.

„Autsch“, entfuhr es Lotta bei dem Anblick.

„Ja, das kannst du aber mal laut sagen“, fand Onno und nickte versonnen.

*

Martin von Schlechtinger war in den anderthalb Jahren, die er nun beinahe schon auf dieser Insel lebte, zum Frühaufsteher mutiert. Ja, er liebte es mittlerweile sogar, noch vor Sonnenaufgang aufzustehen, sich auf sein Rad zu schwingen und eine kleine Runde über seine Insel zu drehen. Sein Langeoog, wie er gerne zu sagen pflegte. Klar hatte er auch gelegentlich schon mal Sehnsucht nach seiner alten Heimat Köln-Kalk. Kalker war man ja sein Leben lang, da gab es nichts dran zu rütteln. Dennoch war Langeoog nun seine Heimat. Es hieß doch auch immer: Zu Hause ist da, wo deine Freunde sind. Da war was dran und es traf in seinem Fall zu wie die Faust aufs Auge. Sogar an ein Leben ohne Auto hatte er sich gewöhnt. Natürlich besaß er noch immer seinen geliebten gelben Ford Capri. Ein Prachtexemplar von 1976, mit Frontspoiler, tiefergelegt und mit den sportlichen blauen Rallyestreifen. Da das Wägelchen nicht auf die Insel durfte, wohnte es nun in einer Garage auf dem Festland. Diese gehörte seiner Chefin Annemarie Hansen, bei der Martin mittlerweile auch eingezogen war. Also ... jetzt nicht in der Garage ... sondern natürlich in deren Haus. Genauer gesagt sogar in ihr Schlafzimmer. Er und Annemarie waren ein Paar. Zumindest zwischen achtzehn Uhr nachmittags und acht Uhr am Morgen. Tagsüber war sie allerdings seine Chefin. Privatleben und Geschäft wurden bei ihnen beiden strikt getrennt. Da gab es nichts daran zu rütteln.

Heute war wahrlich ein wunderschöner Herbstmorgen. Außerdem ein Sonntag ... zumindest glaubte er das. Das Gefühl für die Wochentage war ihm, seit er hier lebte, irgendwie abhandengekommen. Im Sommerhalbjahr, während der Saison, gab es von Ostern bis Oktober keine Wochenenden. Dann wurde beinahe rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, nur geschuftet, um den Strömen der inselhungrigen Urlauber Herr zu werden. Anders im Winterhalbjahr, da gab es mangels Touristen jeden Tag immer so etwas wie Wochenende. Eine Sache, an die er sich auch erst hatte gewöhnen müssen. Für Martin begann gerade die zweite Winterpause. Er liebte diese Zeit. Nicht, weil er keine Lust auf Arbeit hatte. Nein, weit gefehlt. Er mochte seinen Job in der Vermietungsagentur für Ferienwohnungen. Doch noch schöner fand er es, den um ein Vielfaches ruhigeren Winter auf seiner Insel zu genießen. Dann, wenn die Strände leerer und das Klima rauer wurden. Wenn die Winterstürme tobten und der Wind über das alte Friesenhaus fegte, dann war hier die schönste Zeit.

Heute Morgen radelte er nicht zum Strand, sondern zum Hafen. Warum er das tat, wusste er nicht. Es war einfach aus einer Laune heraus. Annemarie, seine Chefin und Lebensgefährtin in Personalunion, war, wie jeden Morgen seit über zehn Jahren, zum Joggen am Strand. Laufen war so gar nicht Martins Ding und würde es auch sicherlich niemals werden. Radfahren war okay, weshalb er und Annemarie, seit sie sich kannten, morgens gemeinsam das Haus verließen, um dann bis zum Frühstück jeder seiner Wege zu gehen. Sie zu Fuß, und er drehte seine Runde mit dem Rad.

Am Hafen angekommen stellte er den Drahtesel ab, setzte sich auf eine der Bänke nahe der Abfahrtshalle für die Fähre, packte seine Pfeife aus und begann diese dann in aller Ruhe zu stopfen. Auch so ein Sache ... das Pfeifenrauchen. Dass er sich das auf seine alten Tage einmal angewöhnen würde, hätte er ebenfalls niemals gedacht.

Zuerst hatte er auch ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt, als Onkel Piet Dönges, den hier alle nur den Kapitän nannten, ihm die hübsch verzierte Pfeife aus Meerschaum zum Geburtstag geschenkt hatte. Doch Martin hatte Gefallen daran gefunden. Er zelebrierte das Rauchen förmlich.

Heute Morgen war irgendetwas anders als sonst. Über dem Hafen lag eine seltsame Unruhe. Eine Schwere, die er hier so nicht kannte. Auf dem Deck der ANNE II entdeckte er Onno Federsen und Lotta Weyand, die beiden Inselsheriffs, wie er die zwei immer zu nennen pflegte. Bei ihnen, wie nicht anders zu erwarten, Krischan, der Ziehsohn seiner Chefin. Annemarie hatte den Jungen, der eigentlich der Sohn ihrer Schwester war, aufgezogen, nachdem diese mit einem Urlauber durchgebrannt war. Krischan war ein netter, lieber Bengel. Er arbeitete, genau wie Martin, bei Annemarie in der Vermietung für Ferienwohnungen. Er war dort Mädchen für alles. Darüber hinaus ein Kollege und auch Freund, auf den Martin nichts kommen ließ. Nun gut, Krischan war auf den ersten Blick nicht der hellste Stern am Firmament, aber es konnte ja auch nicht gleich jeder ein Einstein sein. Der Junge besaß das Gemüt eines Kindes und das Herz am rechten Fleck. Er war nicht direkt dumm. Nein, das nicht. Er war ... eben anders als andere. Zum Denken hatte er zum Glück ja auch seine Lotta. Die kleine Polizistin, das musste Martin unumwunden zugeben, war nicht nur äußerst gescheit, sondern auch noch hübsch dazu. Neben Krischan mit seinen einsneunzig wirkte sie allerdings wie ein kleines Mädchen. Egal, es war, wie es war. Die beiden waren ein schönes Paar, und es machte ihn stolz, mit so feinen und wunderbaren Menschen wie ihnen befreundet zu sein.

Auf der anderen Seite des Hafenbeckens entdeckte er die ROSAMUNDE, einen hellblauen Krabbenkutter neueren Baujahres. Martin wusste, dass das Schiff Olaf Jansen gehörte. Den fand er übrigens weniger nett ... also jetzt den Olaf ... und nicht den Kutter. Dass der Jansen ein Depp war, hatte auch der gestrige Abend wieder gezeigt. Gestern hatten sie nämlich in Fidjes altem Bootsschuppen ein bisschen gefeiert. Eine super Party, bis zu dem Moment, als Olaf Jansen begonnen hatte, rumzustänkern. Um was es genau gegangen war, hatte Martin nicht mitbekommen. Wie auch, man verstand die Insulaner ja nicht mehr, wenn die in ihr seltsames Kauderwelsch verfielen. Außerdem war er selbst, als die Rauferei begann, schon ziemlich angetüddelt gewesen. Fakt war aber, dass Jansen irgendwann abgehauen war und Krischans Nase geblutet hatte. Jetzt nicht nur so ein bisschen. Nein, richtig doll. Aber so waren sie hier halt, die Jungs. Wie hieß es in Kölle immer so schön: Pack schlägt sich ... Pack verträgt sich.

Martin kniff die Augen zusammen und betrachtete die ROSAMUNDE genauer. Eines der Netze hing recht schlampig über die Reling hinunter ins Wasser. Er stutzte. War da etwa was drin? Ja, da war tatsächlich etwas, das von hier aussah wie ein riesiger Fisch oder so.

Martin zündete seine Pfeife an, paffte daran und versuchte dann einige Rauchkringel in den Himmel zu blasen. Bei dem Wind wollte dies allerdings nicht wirklich gelingen. Auf dem Kai vor der ROSAMUNDE standen nun schon gut und gerne zwei Dutzend Schaulustige. Die meisten davon Insulaner, aber auch einige der um diese Jahreszeit wenigen Feriengäste. Er erhob sich und schlenderte näher. Zwei der Einheimischen waren nun auf den Kutter gesprungen und versuchten mit vereinten Kräften den dicken Fisch in dem Netz an Bord der ROSAMUNDE zu ziehen. Doch das Mordsvieh schien wirklich extrem schwer zu sein. Wahrlich ein Mordsfang.

Als Martin bis auf wenige Meter an die Kaimauer herangetreten war, musste er heftig schlucken. Er ließ seine Pfeife sinken. Konnte das sein? Der Fisch im Netz trug einen Friesennerz und Gummistiefel. Von der ANNE II her kamen Lotta, Onno und Krischan angerannt. Hinter sich hörte Martin ein markerschütterndes Kreischen, das eindeutig von einer Frau stammte. Er wirbelte herum und sah Elke Jansen, die mit weit aufgerissenen Augen dastand und die Hände vor ihren Mund presste. Ihr Fahrrad schlug derweil laut scheppernd neben ihr auf die Pflastersteine. Dann löste sie sich aus ihrer Starre und begann zu laufen. An Martin vorbei rannte sie zum Schiff ihres Mannes, der ROSAMUNDE. Warum zum Teufel hieß der Kahn eigentlich ROSAMUNDE und nicht ELKE, fiel Martin just in diesem Moment zum ersten Mal auf. Also wenn er, Martin, sich jetzt ein Schiff zulegte ... was er natürlich mit Sicherheit nicht tun würde ... aber mal egal. Also wenn ... dann würde er es doch ANNEMARIE nennen, genauso wie seine Chefin. Ja, das würde er tun. Nun gut, vielleicht hatte der Kutter ja auch schon ROSAMUNDE geheißen, als Olaf Jansen ihn gekauft hatte. Das wäre immerhin möglich. Die ANNE II von Krischan hieß ja auch nicht LOTTA, sondern immer noch ANNE. Der Name ging tatsächlich auf Martins Chefin Annemarie zurück, weil der Kahn früher einmal Heiner Hansen, ihrem verstorbenen ersten Mann, gehört hatte. Der war nämlich bei einem Sturm ertrunken, was aber jetzt ja eine ganz andere Geschichte war.

Elke Jansen stand nun an der Kaimauer und hielt sich eine Hand vor den Mund. Mit der anderen stützte sie sich auf einem der schweren eisernen Poller ab, an denen hier gewöhnlich die Schiffe mit dicken Tauen befestigt wurden. Ihr Blick ruhte auf dem Netz mit dem dicken Fisch, das nun langsam, nachdem auch Krischan und Onno mit anfassten, an der Bordwand emporschwebte. Immer wieder schüttelte Elke Jansen fassungslos den Kopf, dabei schluchzte sie. Wer der Fisch war, bei dem es sich eindeutig um einen Menschen handelte, konnte Martin wegen der Kapuze des Friesennerzes nicht erkennen. Er tippte auf einen Mann. Fakt war allerdings auch, dass der Unglückliche ziemlich tot war, da der ja vermutlich mit dem Kopf schon eine ziemliche Weile unter Wasser gewesen sein musste. So was überlebte keiner lange.

„Na, der hät aber nu och den letzten Furz jelossen“, hörte er sich selbst auf Kölsch sagen und sah sich erschrocken um, ob das jetzt auch bloß keiner gehört hatte.

„Ja, ming Jung, dat kannst du aber mol laut sagen“, meinte Onkel Piet Dönges, der wie aus dem Nichts plötzlich neben ihm stand.

„Nee, besser mal nicht allzu laut. Net dat dat noch enner hüre tut“, flüsterte er dem Alten zu.

Onkel Piet, der Kapitän a. D., war eine Marke für sich. Außerdem besaß der alte Seebär die Gabe, immer und überall da aufzutauchen, wo irgendetwas los war oder wo man ihn gerade überhaupt nicht gebrauchen konnte. Nur zu gut konnte Martin sich an sein erstes Schäferstündchen mit Annemarie erinnern. Gerade in dem Moment, als es ... so richtig nett geworden war, hatte plötzlich Onkel Piet in der Tür gestanden und ihnen die Stimmung verdorben.

„Nee, nee, nee, wenn dat mol kein Unglück bringt“, hörte Martin ihn nun sinnieren.

„Wieso Unglück ... bringt. Dat ist ja doch wohl schon Unglück jenoch, dat der arme Mann do in dem Netz von dem Jansen hängt“, stellte Martin klar.

Der Kapitän schaute grimmig, wackelte mit dem Kopf hin und her, zog seinen Flachmann aus der Jacke und nahm einen Schluck. Dann hielt er Martin die Pulle hin. Martin lehnte dankend ab, weil es erstens gerade mal halb acht morgens war und er sich zweitens bei Piet nicht immer sicher war, was sich in der kleinen Flasche befand. Piet würde vermutlich auch Spiritus oder 4711 Echt Kölnisch Wasser schlucken, wenn es denn sein musste und es ansonsten nichts anderes gab.

„Hhhmmmm, der arme Kerl do ... der sieht ja bald aus wie der Olaf Jansen selber“, stellte Martin derweil fest.

Piet lachte auf.

„Ja, du bist mir ja mol ein Schnellmerker, Maddin. Wat hast du denn sonst gedacht, wer dat da is? Etwa der Klabautermann?“

Nein, das hatte Martin nicht. Außerdem kannte er diesen Herrn Klabautermann auch überhaupt nicht, wobei ... gehört hatte er von dem schon mal.

„Dat ist aber schon ene sehr tragische Unfall, wenn man in seinem eigenen Netz ersaufen tut“, fand Martin und erntete damit erneut nur Gelächter von dem alten Seebären.

„Nee, nee, nee, also wenn du mich fragst, min Jung, dann kann so wat kein Unfall sein“, lallte der Kapitän a. D.

„Sondern?“, fragte Martin, da er nicht glauben konnte, dass einer sich auf diese Art und Weise das Leben nehmen würde.

„Na, ich tät ma sagen, dat den einer abgemurkst hat“, behauptete Piet.

„Abgemurkst? Meinst du? Aber wer tut dann so wat?“, rief er entsetzt.

Piet zuckte mit den Schultern und nippte erst noch einmal an seinem Schnaps.

„Keine Ahnung. Nix Genaues weiß man nicht. Vielleicht der Klabautermann?“, flüsterte er verschwörerisch.

Martin stutzte. Wer zum Kuckuck war bloß dieser ominöse Klabautermann, von dem der Alte da ständig faselte? Er würde es herausfinden! So oder so.

*

Um zu erkennen, dass man Olaf Jansen den Schädel eingeschlagen hatte, brauchte Lotta keinen Gerichtsmediziner zu fragen. Nein, das Loch am Hinterkopf war schlichtweg nicht zu übersehen. Da für sie feststand, dass einer ein solch großes Loch in der Schädeldecke und den damit verbundenen wohl sehr heftigen Schlag nicht überlebte, ging sie jetzt einfach mal davon aus, dass dies wohl die Todesursache war. Wobei ... bei näherer Betrachtung ... Ganz sicher war sie sich nicht. Vielleicht hatte er ja doch noch einen Moment überlebt und war erst gestorben, als der oder die Unbekannten ihn in das Netz gesteckt und ersäuft hatten? Egal! Es war, wie es war. Alleine hatte Jansen sich dies auf keinen Fall angetan. Ein Unfall schied in ihren Augen ebenfalls aus.

„Na, dann ist das wohl das Beste, wir rufen mal bei den Kollegen von der Kripo an“, fand Onno und sprach damit Lottas Gedanken aus.

Sie nickte versonnen und sah sich dabei auf dem Deck des Kutters um. Ihr Blick blieb an Krischan hängen, der sich nach einer leeren Doornkaat-Flasche bückte, sie aufhob und gegen die noch tief stehende Morgensonne betrachtete.

„Du, Lotta, da is ja noch Blut dran“, stellte er fest.

Lotta stockte der Atem.

„Mensch, Krischan, spinnst du? Du darfst hier doch nicht einfach so irgendwas anfassen. Das ist ein Tatort. Das sind alles Beweismittel“, schimpfte sie ihn.

Krischan blickte sie total verdattert mit seinen tiefblauen Augen an und fragte zu ihrem Unmut dann auch noch: „Wieso?“

„Weil da jetzt deine Fingerabdrücke drauf sind, du Knallkopp“, erklärte Onno, zog ein Papiertaschentuch aus seiner Jacke und nahm damit Krischan vorsichtig die Flasche ab. Lotta ging zu ihm, packte ihn unterm Arm und zog ihn mit sich in Richtung der Planke, über die sie das Schiff auch betreten hatten.

„Am besten, du schwingst dich jetzt auf dein Rad und besorgst uns erst mal ein paar frische Brötchen zum Frühstück“, gab sie ihm klare Anweisung, obwohl sie auf den Schreck vorerst sicher eh nichts runterbekommen würde.

Krischan lächelte sie verliebt an und nickte.

„Magst du heute lieber mit Rosinen oder die mit den kleinen Schokostückchen drin?“, erkundigte er sich.

„Beides, Schatz“, antwortete sie, und bevor sie sich versah, war er bereits mit einem Satz auf dem Kai und zwischen der Gruppe mit den Gaffern verschwunden. Zu Lottas weiterem Entsetzen entdeckte sie nun auch noch Elke Jansen, die Frau von Olaf, die sich gerade anschickte, die Planke zu betreten. Ihr Gesicht war gerötet. Tränen standen in ihren Augen.

„Auweia, die hat uns jetzt aber gerade noch gefehlt“, hörte sie Onno hinter sich flüstern und musste ihm recht geben. Entschlossen trat Lotta zur Seite, packte Onno, schob ihn vor sich zur Planke und zischte ihm zu: „Onno, mach du das mal. Du kannst doch immer so gut mit Frauen.“

Er nickte, und Lotta glaubte so etwas wie ein Lächeln, das bestimmt nicht zu diesem doch eher traurigen Anlass passte, zu erkennen. Dann trat er entschlossen der frisch gebackenen Witwe entgegen.

KAPITEL 2

Sonntag, 16. Oktober 2016, 9:44 UhrHafen, Insel Langeoog

Die Kollegen von der Kripo kamen zu Lottas Überraschung mit dem Helikopter.

„Na, bei denen ist wohl der Wohlstand ausgebrochen. Mit dem Heli! Was das nun wieder kostet“, motzte Onno und beäugte die drei Polizisten in Zivil mit eher kritischem Blick.

Das Ermittlerteam, das aus dem Hubschrauber stieg und sogleich damit begann, Unmengen an Koffern und anderem Krempel auszuladen, bestand aus zwei Männern und einer mürrisch dreinblickenden Frau um die vierzig. Es war unschwer zu erkennen, wer von den dreien den Ton angab.

„Guten Morgen, meine Herrschaften. Mein Name ist Hauptkommissarin Franka Berger“, stellte sie sich knapp vor und marschierte dann einfach an Lotta und Onno vorbei in Richtung der ROSAMUNDE. Lotta, die sich zwischenzeitlich umgezogen hatte und nun, wie es sich gehörte, ihre Uniform trug, hatte Mühe, mit der großen Frau Schritt zu halten.

„Also, wenn du mich fragst ... die is nicht von hier“, raunte Onno ihr zu.

Lotta musste ihm recht geben. Die große rothaarige Frau war definitiv keine Friesin. Kein normaler Mensch sagte hier „guten Morgen“. In Friesland hieß das „Moin“, was dann wiederum mit einem „Moin Moin“ beantwortet wurde. Eigentlich recht simpel. Das lernten schon die Lütten in der Schule oder gar noch früher. Selbst der Großteil der Touristen hatte dies nach ein oder zwei Tagen verinnerlicht. Gut ... Unverbesserliche gab es immer. Lotta selbst war auch nicht von hier. Sie stammte aus Hannover, wo sie auch sicherlich immer noch, oder besser gesagt wieder, wäre, wenn sie Krischan nicht getroffen hätte. Lotta hatte sich angepasst. An das Land, die Leute und ihre Eigenarten. Schwer war es ihr nicht gefallen, die Steifigkeit der Hannoveraner abzulegen und eine friesische Inselpolizistin zu werden. Nun gut ... sie hatte es ja auch gewollt.

Vor der Planke, die auf die ROSAMUNDE führte, bremste die Frau Hauptkommissarin ab und verlangsamte ihren Gang. Vorsichtig trat sie auf die Bohle und setzte dann bedächtig einen Fuß direkt vor den anderen. Lotta hatte Mühe, ihr Grinsen zu verbergen. Frau Berger trug eine verwaschene Bluejeans, die vermutlich nicht ganz billig gewesen war und die ihren, wie Lotta fand, extrem dicken Hintern besonders betonte. Die Frau hatte, so von hinten gesehen, etwas von einer Birne mit Beinen dran. Nun gut, für die Figur konnten die wenigsten etwas. Lotta zum Beispiel hatte auch nicht darum gebeten, dass bei ihr selbst das Wachstum bei einsachtundfünzig aussetzte. Alles kein Problem. Aber wenn man schon einen Hintern wie Tönnchen, das Kutschpferd von Ludger Hansen, hatte, dann musste man sich doch nicht noch in eine so körperbetonte Hose hineinzwängen. Lotta drehte sich kurz um und bemerkte, wie Onno über ihre Schulter auf das Hinterteil der Hauptkommissarin glotzte und dabei breit grinste. Onno grinste selten. Wenn er es tat, hieß es allerdings, dass er von dem, was er sah, hellauf begeistert war. Ja, ihm schien tatsächlich zu gefallen, was da vor ihnen beiden die Planke hinaufwankte. Nun gut, die Geschmäcker waren eben verschieden, und dies war auch gut so. Außerdem sah so ein gestandenes Single-Mannsbild wie Onno die Sache vermutlich auch mit ganz anderen Augen als eine Frau.

„Wer hat den Toten gefunden?“, wollte Frau Berger wissen, nachdem sie die Leiche von Olaf Jansen einen Augenblick betrachtet hatte.

Lotta deutet zu Onno, der sich suchend umsah.

„Ähm ja ... das war Onkel Piet ... also ich meine, der Kapitän“, gab Onno Auskunft.

„Der Kapitän? ... Von diesem Schiff ... oder?“, hakte Frau Hauptkommissarin Berger nach und sah zum Ruderhaus am Heck des Schiffes.

„Ähm, ja nee ... jetzt nicht der richtige Kapitän ... also schon ein richtiger ... also ... eben früher mal ...“, stotterte Onno, was ansonsten so gar nicht seine Art war. Diese Frau Berger schien ihn irgendwie aus der Fassung zu bringen.

„Kapitän a. D. Piet Dönges. Ein Kapitän im Ruhestand. Der ist hier so etwas wie eine Institution auf der Insel“, half Lotta dem Kollegen.

„Aha, und wo ist dieser ominöse Kapitän nun?“, fragte Frau Berger.

Lotta blickte sich suchend auf dem Kai um, wo die beiden anderen Kriminalbeamten sich gerade weiße Papieranzüge überstreiften.

„So wie es aussieht, ist der wohl gerade nicht da“, gestand sie.

„Das is aber kein Problem“, fügte Onno schnell an. „Wir sind ja auf einer Insel. Da kommt so schnell keiner abhanden.“

Die Frau Hauptkommissarin nickte wissend und deutete dann zu dem toten Olaf Jansen.

„Und der Tote lag genau so da ... wie jetzt gerade?“

Lotta schluckte, und auch Onno schien die Frage der Kriminalistin nicht zu behagen.

„Ja ... nee ... nur so in etwa ... also, wenn man es genau nimmt, hing der ja in dem Netz“, stammelte er.

„In dem Netz?“, fragte Franka Berger nach und blickte auf das zusammengeknuddelte Fischernetz neben der Leiche.

„Ja, genau in dem“, bestätigte Onno und fügte dann hinzu: „Mit dem Kopf im Wasser.“

Langsam, wie in Zeitlupe begann das Gesicht der Hauptkommissarin rot anzulaufen, und Lotta bekam plötzlich das Gefühl, neben der großen Dame nun auch noch zu schrumpfen.

„Es war ja Eile geboten“, beeilte Onno sich zu erklären. „Immerhin haben wir ja gedacht, er würde vielleicht noch leben.“

„Genau, vielleicht wäre da ja noch was zu machen gewesen. So mit Wiederbeleben und so“, pflichtete Lotta ihm hastig bei.

Die Hauptkommissarin sog scharf die Luft ein. Die erwartete Schimpfkanonade blieb aus. Stattdessen schloss sie kurz die Augen, flüsterte etwas Unverständliches und atmete dann mehrmals tief ein und aus.

„Nun gut, Herr Polizeihauptmeister ...“, sie zögerte und sah Onno fragend an.

„Federsen, Onno Federsen. Aber Sie können gerne Onno zu mir sagen ... so unter Kollegen“, schlug Onno vor.

„Also gut, Herr Federsen. Ich würde sagen, Sie lassen uns dann mal unsere Arbeit machen und suchen in der Zwischenzeit diesen Herrn Kapitän Piet“, gab sie Anweisung und blickte dann Lotta an.

„Ach ja ... und ich fahr dann derweil mal auf die Wache und tipp meine Berichte. Das muss ja auch gemacht werden“, kam Lotta ihr zuvor.

Frau Berger wollte sie und Onno nicht hier haben, dafür brauchte sie keine Brille. Außerdem war es Lotta ganz recht, von hier verschwinden zu können. Sie fühlte sich in Anwesenheit dieser Hauptkommissarin unnütz, dumm und klein. Und dies nicht nur in körperlicher Hinsicht. Nein, da wo Frau Berger war, war kein Platz für jemand anderen, das war Lotta sehr schnell klar geworden.

Sie würde jetzt ins Büro radeln und sich beschäftigen. Egal wie. Dabei war doch heute Sonntag und ihr freier Tag. Aber jetzt einfach Feierabend zu machen, während andere hier auf ihrer Insel einen Mord aufklärten ... nein, das ging überhaupt nicht.

*

Als Martin von Schlechtinger die Stube des alten Friesenhauses betrat, hatte Annemarie bereits den Frühstückstisch gedeckt. Ein wahres Sammelsurium an Düften hing schwer in der Luft. Martin roch frisch aufgebrühten Kaffee, Friesentee, selbst gebackenes Brot und einen Hauch von gekochtem Ei. Aus der Küche hörte er Annemarie einen Schlager pfeifen, bei dem die Melodie ihm zwar bekannt vorkam, dessen Titel er allerdings nicht hätte benennen können.

„Ach, da bist du ja“, begrüßte sie ihn, als sie den Raum mit einem Tablett in den Händen betrat, auf dem sich ein kleines Tee- und ein Kaffeekännchen befanden. An die Sache mit dem Tee konnte er sich irgendwie nicht gewöhnen. Vermutlich, so glaubte er, lag das an seiner Erziehung. Bei seiner Mama in Köln hatte es immer nur Kaffee gegeben. Tee gab es in seiner Kindheit immer nur dann, wenn mal einer krank gewesen war. Anders bei Annemarie. Seine neue Lebensgefährtin bevorzugte den traditionellen Friesentee. Martin fand das Gebräu im Grunde auch nicht schlecht ... aber morgens ... da brauchte er eben seinen Kaffee.

„Du warst aber heute lange unterwegs. Hast du noch jemanden getroffen?“, fragte Annemarie interessiert, aber nicht vorwurfsvoll.

„Ich war am Hafen und hab Onkel Piet gesprochen“, berichtete er.

Annemarie nickte.

„Und? Was weiß Piet so zu berichten? Gibt es irgendwelche weltbewegenden Neuigkeiten auf der Insel?“, hakte sie nach und setzte sich an den Frühstückstisch.

Das mit den Nachrichten und Neuigkeiten war auch so eine Sache, die Martin erst hatte lernen müssen. Auf Langeoog gab es keine Tageszeitung, und die zwei konkurrierenden Blätter, die wöchentlich beziehungsweise einmal im Monat erschienen, waren eher für die Touristen. Man brauchte hier keine Zeitung, um auf dem Laufenden zu bleiben. Nein, es reichte vollkommen aus, wenn man Onkel Piet kannte. Nun gut, warum war ja auch irgendwie klar. Der alte Seebär hatte ja den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als über die Insel zu stromern und seine Nase in Dinge zu stecken, die ihn eigentlich gar nichts angingen.

„Der Olaf Jansen ist ermordet worden“, ließ Martin jetzt einfach mal die Bombe platzen.

Annemarie, die gerade ihr Frühstücksei aufschlagen wollte, ließ das Messer sinken und starrte Martin mit großen Augen an.

„Das ist jetzt ein Scherz, oder? Du, der war doch heute Nacht in Fidjes Bootsschuppen noch quicklebendig? Bist du sicher, dass Onkel Piet dir nicht wieder einen Bären aufgebunden hat?“

„Nee, hab ihn ja selbst gesehen. Irgendwer hat den in sein Netz eingewickelt und direkt von seinem Kutter ins Hafenbecken manövriert. Nu ja, und da is er dann wohl, wie es aussieht, ersoffen“, berichtete er, was er so wusste.

Annemarie schlug die Hand vors Gesicht.

„Oh, mein Gott ... die arme Elke“, stieß sie aus.

„Wieso Elke? Der Olaf ist doch tot“, fragte Martin und hätte sich kurz darauf, als er es bereits ausgesprochen hatte, für den Satz ohrfeigen können. Natürlich war der Tod von dem Olaf für seine Elke eher nicht so schön. Wobei? So, wie die beiden sich immer angeblafft hatten, hätte er da jetzt nicht auf die große Liebe getippt.

„Und weiß man schon, wer der Täter ist?“, hakte Annemarie, zum Glück ohne auf Martins Gequassel einzugehen, nach.

Martin wiegte den Kopf.

„Nichts Genaues weiß man nicht. Onkel Piet meint, da könnte wohl ein Herr Klabautermann dahinterstecken“, gab er sein Wissen preis.

Annemarie verdrehte die Augen und tat, als hätte Martin etwas sehr Dummes gesagt.

„Na, so ein Unsinn. Der Klabautermann. Tzz tzz tzz. Was du immer für Sachen erzählst“, schimpfte sie, stand dann einfach auf und ging zu der Kommode mit dem Telefon.

„Ich ruf mal bei Lotta an. Vielleicht weiß die ja was Genaueres“, meinte sie und begann die Nummer zu wählen, noch bevor Martin sich nach diesem ominösen Herrn Klabautermann erkundigen konnte. Nun gut, er würde schon noch herausfinden, wer dieser Typ war.

*

Lotta saß an ihrem Schreibtisch und kaute gedankenversunken auf ihrem Bleistift herum. Eine sehr, sehr dumme Angewohnheit von ihr, die sie meist selbst nicht einmal bemerkte. Das plötzliche Ableben von Olaf Jansen ging ihr nicht aus dem Kopf. Gestern am Abend hatten sie alle noch mit ihm gemeinsam den Geburtstag von Fidje Pellmann gefeiert, und heute war der einfach so tot. Wobei ... so richtig gemeinsam gefeiert hatte sie mit diesem Ekelpaket ja nun nicht. Vielmehr war es so, dass sie zufällig auf derselben Party anwesend waren. Sie selbst hatte fast den ganzen Abend an einem Tisch mit Annemarie, Martin, Inga Pellmann und natürlich Krischan gesessen und sich unterhalten. Zumindest bis zu dem Moment, als Krischan aufs Klo musste. Er war aufgestanden und hatte beim Hinausgehen Olaf Jansen so dämlich angerempelt, dass der sich sein Bier über die Jacke geschüttet hatte. Dann waren erst böse Worte und ziemlich schnell die Fäuste geflogen. Dumm war, dass Lotta von dem Inhalt eben dieses Streites so gut wie nichts verstanden hatte. Zum einen, weil die Musik doch sehr laut gewesen war und sie zweitens nicht über die nötigen friesischen Fremdsprachenkenntnisse verfügte. Sie selbst war erst eingeschritten, nachdem Olaf Jansen Krischan derart heftig ins Gesicht geschlagen hatte, dass dessen Nase zu bluten begann. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ihr das jahrelange Taekwondo-Training etwas gebracht hatte. Mit nur einem Hebelgriff hatte sie Olaf gepackt und aufs Kreuz gelegt. Danach war der dann fluchend aus dem Bootsschuppen gestürmt. Auch diesmal hatte sie nicht verstanden, was Jansen ihr noch zugebrüllt hatte. Doch vielleicht war dies wichtig? Schließlich ging es um Mord.

Lotta griff zum Telefon und versuchte zum wiederholten Male Krischan zu erreichen. Doch auch dieses Mal ging wieder nur die Mobilbox ran. Genervt legte sie auf. Wofür besaß Krischan dieses Ding eigentlich, wenn er es nie mitnahm? Vermutlich lag das teure Smartphone wieder, wie so oft, auf dem Tisch in der Kombüse der ANNE II. Dabei musste sie dringend mit ihm reden, bevor er bei Hauptkommissarin Berger noch irgendwelches dummes Zeug plapperte. Krischan war eine Seele von Mensch, der sein Herz auf der Zunge trug. Lotta war sich ziemlich sicher, dass diese Hauptkommissarin, wenn sie von dem Streit erfuhr, ihn richtig hart ins Verhör nehmen würde. Dabei war es doch vollkommen ausgeschlossen, dass Krischan etwas mit dem Tod von Olaf Jansen zu tun hatte. Wie sollte er auch! Schließlich war er die ganze Nacht bei ihr gewesen. Sie musste das jetzt klären, wissen, um was es gestern gegangen war, und Krischan instruieren. Entschlossen erhob sie sich, schaltete das Licht aus und verließ die kleine Wache, die sich in unmittelbarer Nähe des Wasserturms befand. Sie würde ihn suchen und mit ihm reden. Gerade als sie den Schlüssel drehte, um zuzusperren, hörte sie drinnen das Telefon läuten. Sie überlegte kurz, noch einmal hineinzugehen und das Gespräch anzunehmen, entschied sich aber dann anders. Krischan würde sie, wenn überhaupt, auf ihrem Handy zurückrufen. Und sowieso war heute ihr freier Tag, da musste sie nicht ans Diensttelefon gehen. Wenn nach einiger Zeit niemand das Gespräch annahm, würde es in die Zentrale nach Wittmund weitergeleitet, wo Tag und Nacht immer jemand Bereitschaft hatte. Wenn es wichtig war, könnten die Kollegen dann auf Lottas oder Onnos Mobiltelefon anrufen. Die Erfahrung hatte allerdings gezeigt, dass es eher selten wichtig war, da hier auf der Insel eben nur selten etwas wirklich Schlimmes passierte. Nun gut, gerade heute gab es einen Mord ... was jetzt aber nicht alltäglich war. Lotta fuhr in Richtung Hafen und hielt dabei nach Krischan Ausschau. Zu Hause, auf der ANNE II, war er nicht. Lediglich sein Handy lag, wie erwartet, auf dem Tisch in der kleinen Kombüse. Vielleicht war er bei seinen Skulpturen in dem kleinen Bootshaus draußen in den Dünen. Ja, das konnte gut sein. Krischan hatte, als sie sich im vorletzten Sommer kennenlernten, ja sogar in dem Schuppen gewohnt. Er hortete dort die Dinge, die er bei seinen Spaziergängen am Strand fand. Teils sehr kuriose Gegenstände, die das Meer auf der Insel anspülte. Für die meisten Menschen war das meiste von dem Zeugs schlichtweg Müll. Nicht so für Krischan. Immer wieder zauberte er aus den alten Brettern, Netzen, Tauen und was er sonst so fand, wunderbare Skulpturen.

Als Lotta sich anschickte, die ANNE II über die Planke zu verlassen, kam ihr mitten auf der schmalen Bohle zu ihrer Verwunderung Hauptkommissarin Berger entgegen. Im Schlepptau hatte sie einen ihrer Hilfssheriffs, von denen Lotta weder Namen noch Dienstgrad kannte.

Lotta trat einen Schritt nach vorne auf den schmalen Steg und versperrte der Frau Hauptkommissarin den Weg. Sie hatte kein Problem damit, wenn Freunde oder nette Menschen ihr und Krischan einen Besuch abstatteten. Auch interessierte Touristen waren immer gern gesehene Gäste an Bord. Doch die Berger war weder ein Tourist noch ein Freund und schon gar nicht nett. Im Gegenteil, Lottas Instinkt sagte ihr ganz klar, dass diese Frau gefährlich und hinterlistig war. Frau Berger blieb also mitten auf der Planke stehen und schien zu warten, dass Lotta ihr Platz machte. Dass der Kriminalbeamtin nicht wohl dabei war, war ihr überdeutlich anzusehen. Immer wieder wanderten ihre Augen nach unten, wo die Wellen zwischen der Kaimauer und der Bootswand plätscherten.

„Ah Frau ...“, begann die Berger.

„Weyand, Polizeimeisterin Lotta Weyand“, half Lotta ihr auf die Sprünge und fragte sich, was die Kripobeamtin wohl von ihr wollte.

„Ja, richtig, Frau Weyand“, meinte die Berger jedoch nur, lächelte gequält und sah erneut nach unten aufs Wasser.

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, erkundigte sich Lotta derweil.

„Nein, eigentlich nicht. Ich wollte zu Herrn Krischan Dönges. Sie wissen nicht zufällig, ob er zu Hause ist?“, säuselte die Frau Hauptkommissarin.

Lotta spürte, wie ihr Puls sich beschleunigte. Hatte sie es sich doch gedacht, dass die irgendwann nach Krischan suchen würden, um ihn zu verhören. „Nein, Herr Dönges ist nicht zu Hause“, antwortete sie selbstsicher und wahrheitsgemäß.

Frau Hauptkommissarin Berger nickte langsam. „Ist er nicht?“ Die Nachfrage schien wohl mehr eine Feststellung.

„Nein, ist er nicht“, bestätigte Lotta ihr noch einmal den Sachverhalt.

„Und Sie wissen auch nicht zufällig, wo er sein könnte?“, wollte Frau Berger nun wissen.

„Nein, keine Ahnung“, log Lotta, obgleich sie sich ziemlich sicher war, dass Krischan in seiner Hütte in den Dünen war.

„Glauben Sie, es würde Herrn Dönges stören, wenn wir uns ein wenig auf seinem Kutter umschauen?“, fragte Frau Hauptkommissarin Berger nun ganz dreist, und Lotta glaubte zuerst, sich verhört zu haben. Sie ballte die Fäuste und holte tief Luft.

„Nein, Frau Hauptkommissarin, vermutlich würde ihn das überhaupt nicht stören. Krischan ist ein sehr offener Mensch. Mich hingegen würde es sehr wohl stören, wenn Sie ohne einen richterlichen Beschluss in meinem Kram herumwühlen“, antwortete sie gereizt.

Frau Hauptkommissarin Berger kniff die Augen zusammen, schielte kurz zum Deck der ANNE hinauf und grinste Lotta dann an.

„Ach so ist das, Frau Weyand. Sie wohnen demnach auch auf diesem rostigen Kahn“, stellte sie mit bissigem Unterton fest.

„Genau, Frau Berger, ich wohne ebenfalls auf diesem hübschen alten Hausboot. Herr Dönges ist mein Lebensgefährte“, fauchte Lotta und erschrak über sich selbst und ihren Tonfall. So war sie doch eigentlich gar nicht. Aber diese Berger, die hatte etwas an sich, das ihr Blut förmlich zum Kochen brachte.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie es nett fänden, wenn ich Ihre Wohnung einfach so betreten würde, wenn Sie nicht zu Hause sind“, polterte sie weiter. „Dass dies, was Sie hier gerade versuchen, den Tatbestand des Hausfriedensbruchs erfüllt, muss ich Ihnen wohl nicht erklären, Frau Hauptkommissarin Berger. Dürfte ich Sie also bitten, mein Heim auf der Stelle zu verlassen“, zischte Lottas Mundwerk, obwohl ihr Kopf ihr sagte, dass das, was sie hier von sich gab, taktisch sicherlich sehr unklug war. Immerhin war Frau Hauptkommissarin Berger eine Kollegin ... so irgendwie.

Die Augen der Berger verengten sich. Die Luft um sie herum schien elektrisch geladen, während Lottas Mut dahinschmolz wie Wachs in der Sonne.

„Vorsicht, Frau Weyand. Sie sollten aufpassen, mit wem Sie sich hier anlegen“, zischte die Berger bösartig, drehte sich dann mit Schwung um und stapfte so entschlossen davon, dass ihr rechter Fuß nicht auf die Planke trat, sondern haarscharf daneben. Nun gut, ob haarscharf oder nicht, war im Grunde ja auch egal. Daneben war daneben. Es platschte heftig, als die Hauptkommissarin mit einem Aufschrei in dem Spalt zwischen der Kaimauer und der Bordwand verschwand. Lotta sah ihr wie versteinert hinterher. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Starre von ihr abfiel und sie zurück aufs Deck rannte, um den Rettungsring zu holen, der an der Wand des Steuerhauses hing.

KAPITEL 3

Montag, 17. Oktober 2016, 8:01 UhrPolizeiwache, Insel Langeoog

„Mensch, Onno, kannst du auch noch mal aufhören zu lachen. Langsam nervt es“, schimpfte Lotta.

„Entschuldige, aber der Anblick gestern war echt so komisch, als du und der kleine, dicke Kollege die Berger aus dem Hafenbecken gefischt habt. Ich sag dir, Lotta, wenn Blicke töten könnten, hätte das im Umkreis von mindestens einhundert Metern keiner überlebt“, japste Onno und hielt sich dann seinen Bauch vor Lachen.

Lotta war nicht zum Lachen. Sie hatte bei der ganzen Angelegenheit ein sehr, sehr dummes Gefühl. Sie und die olle Berger würden in diesem Leben vermutlich keine Freunde mehr werden. Dies war spätestens nach dem gestrigen Vorfall eine unumstößliche Tatsache und nicht mehr zu ändern. Das Kind war im wahrsten Sinne des Wortes bereits in den Brunnen, beziehungsweise ins Hafenbecken gefallen. Viel schlimmer jedoch wog, dass Lotta das Gefühl nicht loswurde, dass die Frau Hauptkommissarin sich irgendwie auf Krischan eingeschossen haben könnte. Allein die Tatsache, dass die ihn gestern Mittag gesucht hatte, ließ bei Lotta die Alarmglocke schrillen. Nun gut, die Fakten machten ihn nun mal zu einem Verdächtigen. Wie es schien, war Olaf Jansen auf seinem Boot erschlagen worden. Die Ermittler der Kripo hatten auf Deck der ROSAMUNDE jede Menge Blutspuren gefunden. Die ANNE II lag keine fünfzig Meter von der ROSAMUNDE entfernt. Krischan hätte, rein theoretisch, in der Nacht hinüberlaufen und Olaf erschlagen können. Natürlich war das totaler Unsinn, da Krischan zu solch einer Tat überhaupt nicht imstande wäre. Wer wusste das besser als Lotta. Das zweite Indiz war die leere Doornkaat-Flasche. Einer der beiden Kriminalisten, die gestern mit der Berger auf der Insel gewesen waren, hatte Onno gesteckt, dass dies vermutlich die Tatwaffe war und dass sie Fingerabdrücke darauf sichergestellt hätten. Abdrücke, die nach Ansicht des Mannes nur vom Täter stammen konnten. Onno hatte dazu aber nichts gesagt, um Krischan nicht noch mehr reinzureiten. Lotta stellte sich jedoch die Frage, ob dieses Schweigen nicht eher kontraproduktiv gewesen war. Sie hätte es besser gefunden, wenn Onno die Herkunft der Fingerabdrücke sofort klargestellt hätte. Nun gut, das konnte man ja noch nachholen. Viel schlimmer aber war in Lottas Augen die Sache mit dem Streit in Fidjes Bootsschuppen am Vorabend. Worum es dabei gegangen war, wusste sie mittlerweile. Krischan hatte es ihr erzählt, als er gestern am Nachmittag von seinem Spaziergang zurückgekommen war. Er war, wie Lotta vermutet hatte, zuerst an seiner Hütte in den Dünen und anschließend noch am Strand gewesen.

Wenn es etwas gab, das Krischan fast noch mehr am Herzen lag als seine Beziehung zu Lotta, dann waren es die Natur und die Tiere. Lotta hatte sehr schnell begriffen, dass sie niemals die einzige große Liebe in Krischans Leben sein würde. Krischan liebte die Tiere der Nordsee, sein Wattenmeer und ganz besonders die Seehunde. Es war ihr nicht schwergefallen, sich damit abzufinden. Im Gegenteil, auch Lotta mochte Tiere. Als Kind hatte sie sich immer einen Hund gewünscht und war ihren Eltern so lange auf die Nerven gegangen, bis die ihr zum zehnten Geburtstag zwar keinen Hund, aber einen Wellensittich schenkten. Sie war darüber so dermaßen enttäuscht gewesen, dass sie es strikt abgelehnt hatte, das Vogelvieh anzunehmen. Ein Wellensittich ersetzte nun mal keinen Hund, da halfen auch all die Einwände ihrer Eltern nicht.

Hansi, wie ihr Vater den Vogel nicht eben einfallsreich getauft hatte, war daraufhin zu Lottas Oma ausquartiert worden, wo er nun seit beinahe fünfzehn Jahren in der Wohnküche umherflatterte.