Mortal Kiss - Ist deine Liebe unsterblich? - Alice Moss - E-Book

Mortal Kiss - Ist deine Liebe unsterblich? E-Book

Alice Moss

4,6
9,99 €

Beschreibung

Unsterbliche Liebe, uralte Mächte und zwei Herzen, die schon immer füreinander bestimmt waren Als ihre Blicke sich zum ersten Mal treffen, steht für Faye die Welt still. Ihr Herz erinnert sich an diesen Jungen, scheint ihn seit einer Ewigkeit zu kennen. Dabei sind sie sich nie begegnet ... Doch Finn gibt sich distanziert, geht ihr demonstrativ aus dem Weg. Ganz im Gegensatz zu Lucas, der mit Faye flirtet, als gäbe es kein Morgen. Faye weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Und das ausgerechnet jetzt, wo alles um sie herum aus den Fugen gerät: Unheimliche Wölfe streifen durch die Wälder, eine Motorradgang hält die Stadt in Atem, und die Polizei findet die Leiche eines Fremden im Schnee. Der Tote trug ein Foto bei sich. Ein Foto von Faye ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 422

Bewertungen
4,6 (60 Bewertungen)
42
10
8
0
0



Inhalt

TITEL

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

KAPITEL 45

KAPITEL 46

KAPITEL 47

KAPITEL 48

KAPITEL 49

KAPITEL 50

KAPITEL 51

KAPITEL 52

KAPITEL 53

KAPITEL 54

KAPITEL 55

KAPITEL 56

EPILOG

ÜBER DIE AUTORIN

IMPRESSUM

 

Alice Moss

Ist deine Liebe unsterblich?

Aus dem Englischenvon Anna Serafin

KAPITEL 1

Der erste Tag nach den Ferien

Faye McCarron strich sich eine dunkelbraune, windzerzauste Strähne unter die gestreifte Wollmütze und bückte sich, um ein neues Foto zu machen. Sie wusste nicht, wie lange der Schnee liegen bleiben würde, doch es wäre unsinnig, die Gelegenheit zu verpassen.

»Willst du dich gleich am ersten Schultag verspäten?«, fragte Liz Wilson ungeduldig. »Du weißt doch, wie stinkig du wirst, wenn du zu spät kommst.«

Faye warf Liz einen kurzen Blick zu, streckte ihr die Zunge heraus und schoss das nächste Foto von den Blumen vor der Winter Mill Highschool.

»Es klingelt jeden Moment«, mahnte Liz.

Faye erhob sich seufzend. Sie war etwas größer als ihre Freundin, worüber Liz immerzu jammerte, während Faye den Unterschied nicht erwähnenswert fand. »Liz, schau mal … Die Rosen sind schneebedeckt, obwohl wir erst Anfang September haben!«

»Ist mir schon klar.« Liz schüttelte sich die braunen Locken aus den perfekt geschminkten dunklen Augen. »Seltsam. Einmal Schnee zu dieser Jahreszeit wäre ja noch in Ordnung, aber man könnte meinen, wir haben Weihnachten. Die ganze Stadt sieht aus wie ein Wintermärchen.«

»Genau.« Faye machte ein weiteres Foto. »Darum werden diese Bilder ja auch das große Ding im Miller.«

Liz schnaubte. »Ach ja? Als ob der Schulzeitung nicht gerade jeder Idiot hier Aufnahmen seines echt coolen Schneemanns schicken würde.«

Faye sah ihre Freundin an und wusste, dass Liz sie neckte. »Hast du mich gerade Idiot genannt?«

Es war kurz still. »Also«, wechselte Liz elegant das Thema, »gibt’s endlich Neuigkeiten von deinem Vater?«

Faye schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Und gemailt oder angerufen hat er auch nicht?«

»Nein.«

Nach kurzem Zögern sagte Liz fröhlich: »Na, bestimmt ist er einfach beschäftigt. Wo ist denn seine neueste Ausgrabung?«

Faye schoss ein letztes Foto, richtete sich auf und setzte die Kappe auf das Objektiv ihrer digitalen Spiegelreflexkamera, die sie letzte Weihnachten von ihrem Vater bekommen hatte. Das teuerste Geschenk, was er ihr je gemacht hatte, wohl in der Hoffnung, sie würde ihn, wenn sie erst älter wäre, damit auf seinen archäologischen Expeditionen als Fotopraktikantin begleiten. Sie konnte es kaum erwarten, genau davon träumte sie seit einer Ewigkeit. Es würde unglaublich schön sein, mit ihm all die wahnsinnigen Orte zu besuchen, von denen er erzählt hatte, doch bis dahin wünschte sie, er würde sich von seinen Reisen öfter melden. Manchmal vergingen Wochen ohne ein Lebenszeichen, und Faye war immer besorgt um ihn, gab sich aber alle Mühe, das zu verheimlichen.

»Er ist in Tansania.«

»In Australien?« Liz hob die Brauen.

»Nein, Liz, du meinst Tasmanien.«

»Oh.«

»Tansania liegt in Afrika.«

»Na bitte, vermutlich braucht die Post dort ewig. Und die Internet- und Telefonverbindungen sind ständig kaputt.«

Faye musste unwillkürlich lächeln, zog ihre Freundin zu sich heran und umarmte sie kurz. »Danke, Lizzie.«

»Wofür?«

»Für die Aufmunterung.«

Liz erwiderte die Umarmung. »Wozu hat man Freunde?«

Plötzlich hörten sie den lauten Motor eines Autos hinter sich und zuckten zusammen. Als sie sich umdrehten, sahen sie einen schwarz glänzenden Cadillac einen Meter vor sich halten. Seine Räder gruben tiefe Spuren in den Schnee.

»Oh mein Gott!«, rief Liz aufgeregt. »Das ist bestimmt er.«

»Wer?«

»Der Morrow-Junge! Lucas!«

Die beiden Mädchen sahen die Beifahrertür aufgehen, und ein ungefähr sechzehnjähriger Junge stieg aus. Er war groß und breitschultrig, seine strohblonden Haare fielen ihm in die Stirn und über die strahlend blauen Augen. Er zog einen Rucksack über die Schulter, strich sich die Haare aus dem Gesicht und warf dabei einen Blick auf das Schulgebäude.

»Oh mein Gott«, flüsterte Liz theatralisch. »Der ist ja fantastisch. Mach ein Foto von ihm!«

»Was?«

»Für die Zeitung. Schreib doch eine Geschichte über … über seine Ankunft und das ganze Morrow-Geheimnis.«

»Das Morrow-Geheimnis? Was soll das sein?«

»Die ganze Stadt spricht darüber. Komm schon, Faye, du hast doch bestimmt gehört, dass die Morrows in unsere Gegend gezogen sind?«

Das hatte sie. Alle sprachen darüber, dass Mercy Morrow, eine ungemein reiche Erbin, das alte Anwesen im Wald erworben hatte.

»Ich weiß, die ganze Stadt ist fasziniert davon«, sagte Faye, »aber ich versteh nicht, was daran so geheimnisvoll ist.«

Liz seufzte dramatisch, als könnte sie nicht glauben, was sie da hörte. »Faye. Warum hat Mercy Morrow – eine der reichsten Frauen Amerikas – sich ausgerechnet im ruhigen, alten Winter Mill ein Haus gekauft?«, wollte sie wissen und wiederholte damit, was sich viele in der Stadt fragten. »Sie könnte überallhin, nach Los Angeles, Monaco, Rom, aber sie ist hierher gekommen.« Sie machte eine Kunstpause. »Und niemand weiß, warum.«

»Vielleicht will sie an einem Ort leben, wo keiner über sie tratscht«, meinte Faye sarkastisch.

»Ach komm, Faye, mach einfach ein Foto.«

»Ist ja gut.« Sie nahm die Kappe vom Objektiv und hob die Kamera, doch noch ehe sie ein Bild schießen konnte, öffnete sich die Fahrertür. Ein großer, blasser Mann stieg aus und bellte die beiden mit unangenehmer, rauer Stimme an. Sein schmales, ausgemergeltes Gesicht sah aus wie ein hautfarben bemalter Schädel, die dunklen, grausam wirkenden Augen lagen tief in den Höhlen. Schon sein Anblick gruselte Faye.

»Keine Fotos«, erklärte er schroff.

»Das ist nur für unsere Schulzeitung«, erwiderte Faye.

»Ich sagte: keine Fotos.«

»Schon gut, Ballard.« Lucas Morrow schloss die Beifahrertür. »Ich hab das hier im Griff. Fahren Sie zurück zu Mom.«

Der Mann warf Faye einen kühlen Blick zu und stieg langsam wieder in den Wagen. Im nächsten Moment fuhr der Cadillac davon.

»Wow, meine ersten Einheimischen«, sagte der Junge und trat mit leichtem Lächeln zu den Mädchen.

»Hi«, grüßte Faye, die sich nach dem Zusammenstoß mit Ballard noch etwas durcheinander fühlte. »Du bist also Lucas Morrow. Freut mich, dich kennenzulernen. Ich bin Faye, und das ist Liz.«

Lucas musterte die beiden von oben bis unten. »Ihr seid also so was wie die besten Reporter der Kleinstadtausgabe des National Enquirer?«

Faye kniff die Augen zusammen. »Des National Enquirer?«

Lucas grinste. »Das ist so ein Schundblatt.«

»Ich weiß, was das ist.«

Faye beobachtete genervt, wie Lucas sein bezauberndstes Lächeln anknipste und seine tadellos weißen, ebenmäßigen Zähne blitzen ließ. »Manchmal ist es auch … ganz spaßig.«

Faye wollte sich nicht bezaubern lassen, sie ärgerte sich immer noch über die Schundblatt-Stichelei. »Na klar.«

Nach einer kurzen, verlegenen Pause murmelte Lucas: »‘tschuldigung. Sollte ein Witz sein. Ich bin wohl nervöser, als ich dachte. Heute ist mein erster Tag …«

»Schon in Ordnung«, sagte Faye und schüttelte den Kopf.

Lucas sah sie schelmisch an. »Sicher? Du siehst nicht aus, als wäre alles in Ordnung. Du wirkst verärgert. Deine Augen blitzen.«

»Mach dir da mal keine Gedanken«, mischte Liz sich ein, ehe Faye antworten konnte. »Die sind immer so. Alle in ihrer Familie haben verrückte grüne Augen.«

Lucas hob die Brauen. »Verrückte grüne Augen?«

»Oh nein.« Liz merkte jetzt erst, was sie gesagt hatte. »Ich meinte nicht verrückt! Ihre Augen sind nur, na ja, wahnsinnig grün.«

Lucas lachte. »Gut. ›Verrückte Fee‹ ist nämlich kein so toller Spitzname.«

Faye fand ihre Stimme wieder. »Ich hab keinen Spitznamen. Und vergiss, was meine Freundin gesagt hat. Die ist … nicht ganz dicht.«

Liz schnappte empört nach Luft. »He!«

Lucas lachte erneut. »Seid ihr zwei für diese Schule typisch? Dann dürfte mein Aufenthalt hier interessanter werden als gedacht.«

Faye lächelte honigsüß. »Darf ich dich also für die Schulzeitung aufnehmen?«

Lucas zuckte mit den Achseln. »Vielleicht. Lass uns einen Deal machen: Ich verpass dir einen Spitznamen, und du darfst mich fotografieren.«

Faye schüttelte den Kopf. »Kommt nicht infrage.«

Lucas seufzte bedauernd. »Zu spät. Ich hab schon den perfekten Spitznamen für dich: Flash. Ich glaube, der passt zu dir.«

»Flash?«, wiederholte Faye entsetzt.

»Klar. Wegen deiner grünen Augen und deiner Sucht, Fotos zu schießen. Passt doch perfekt, oder?«

»Der ist wirklich ziemlich gut«, sagte Liz nickend.

Lucas lächelte sie an. »Danke, und das ist nur eine meiner vielen Begabungen.«

Faye stieß Liz den Ellbogen in die Rippen. »Du nennst mich nicht Flash, niemand nenntmich Flash!«

»Ach komm, Flash, sei keine Spielverderberin«, neckte Lucas sie.

»Ich bin keine …«, begann Faye, doch er entfernte sich bereits.

Die Mädchen sahen ihm nach, als er die Winter Mill Highschool durch den Haupteingang betrat.

»He!«, rief Faye plötzlich. »Ich hab noch kein Foto von dir gemacht.«

Der Junge drehte sich grinsend um, blieb aber nicht stehen. Faye hob die Kamera und schoss schnell zwei Bilder, ehe er durch die Tür verschwunden war.

»Oh … mein … Gott!«, flüsterte Liz. »Ist das nicht der süßeste Junge, den du je gesehen hast?«

Faye schüttelte den Kopf und wusste nicht recht, ob sie verärgert oder amüsiert sein sollte. Flash! Er hatte sie Flash genannt! Was für ein schrecklicher Spitzname. »Los«, sagte sie und rannte zur Tür, weil die Schulglocke läutete. »Wir sind spät dran!«

»He, warte!«, rief Liz ihr nach. »Schreibst du nun was über das Morrow-Geheimnis oder nicht?«

KAPITEL 2

Neuankömmlinge

Bei Schulschluss hatte Faye die Nase gestrichen voll von Liz’ dauerndem Geschwätz über den »absolut fantastischen« Lucas Morrow. Sie hatte den ganzen Tag lang von nichts anderem geredet, und das machte Faye allmählich verrückt. Obendrein nannte Liz sie nun bei jeder sich bietenden Gelegenheit Flash. Faye wollte nur selten nicht mit ihr zusammen sein, aber jetzt gerade wäre sie am liebsten allein nach Hause gezogen.

Nach der Schule gingen die Mädchen meistens zum Lernen zu Faye. Liz verbrachte dort so viel Zeit, dass Tante Pam manchmal vorschlug, sie solle bei ihnen einziehen. Fayes Mutter war gestorben, als sie noch klein war, und seither lebten Faye und ihr Vater mit seiner Schwester zusammen. Die Tante besaß die einzige Buchhandlung in Winter Mill und wusste alles über die Stadt und ihre Geschichte. Genau genommen kannte Pam sich in Geschichte und Kultur insgesamt gut aus. Zwischen ihrem zwanzigsten und vierzigsten Lebensjahr war sie viel gereist und hatte sogar einige Jahre in Osteuropa und Indien gelebt, ehe sie nach Winter Mill zurückgekehrt war und die Buchhandlung eröffnet hatte. Faye liebte ihre Tante wie eine Mutter.

»Pam! Wir sind’s«, rief Faye, als sie und Liz die Holztür des Ladens öffneten. Aus dem vollgestopften Geschäft drang kein Laut, doch kaum klopften die beiden ihre schneeverkrusteten Schuhe auf der Matte ab, tauchte Pamela McCarron aus dem Hinterzimmer auf. Sie hatte ein bedrucktes afrikanisches Tuch in ihr rot gewelltes Haar gebunden, und trotz der Kälte trug sie wie stets T-Shirt und einen langen Rock.

»Du brauchst nicht so zu schreien«, sagte sie. »Schließlich wohnst du hier lange genug, um zu wissen, dass ich in der Nähe bin, oder?«

Faye ging auf ihre Tante zu und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Entschuldige. Gibt’s was Neues von Dad?«

Pam drückte ihr kopfschüttelnd den Arm. »Noch nicht, aber mach dir deswegen keine Gedanken.«

Faye nickte, doch ihr Magen zog sich zusammen. Sie hatte ungewöhnlich lange nichts von ihrem Vater gehört.

»Ich weiß, es ist schwer, aber du kennst ihn ja. Bestimmt meldet er sich in ein, zwei Tagen«, sagte Pam herzlich. »Übrigens stehen oben in der Küche frisch gebackene Ingwerkekse. Welche Bücher braucht ihr für die Hausaufgaben?«

Liz umarmte Pam stürmisch. »Gibt’s ein Buch darüber, wie man den Jungen seiner Träume dazu bringt, sich in einen zu verlieben?«

»Was soll das denn heißen?«

»Geh bloß nicht auf sie ein«, seufzte Faye. »Sie redet die ganze Zeit von dem Neuen, seit sie ihn heute Morgen gesehen hat.«

»Ach?«, fragte Pam. »Was für ein Neuer denn?«

»Lucas Morrow. Er ist umwerfend, einfach umwerfend, Tante Pam«, schwärmte Liz. »Er sieht rasend gut aus, er ist klug und lustig …«

»Und nervig«, ergänzte Faye.

Liz verdrehte die Augen. »Faye mag ihn nicht.«

»Was soll das heißen: Ich mag ihn nicht? Ich kenne ihn ja gar nicht. Und außerdem will ich ihn auch nicht kennenlernen.«

»Faye«, mahnte Tante Pam. »Sei nicht so. Er ist neu hier. Du solltest etwas freundlicher zu ihm sein.«

»Er nennt mich Flash!«, kreischte Faye. »Das ist total peinlich! Und Liz nennt mich auch schon so. Wenn die zwei so weitermachen, setzt sich das durch, und dann heiß ich in der ganzen Schule Flash. Wär ich dem bloß nie begegnet!«

Tante Pam versuchte, ernst zu bleiben. »Flash? Ach, weißt du, das ist doch …«

»Jetzt fang du nicht auch noch an«, maulte Faye.

»Wenn ihm nichts Fieseres eingefallen ist, kann er so übel nicht sein«, lachte ihre Tante.

»Hab ich schon erzählt, dass er rasend gut aussieht?«, fuhr Liz fort. »Er hat ganz tolles Haar, das einfach …«

»Grrr!« Faye hielt sich die Ohren zu. »Jetzt bitte nichts mehr über diesen großartigen Neuen. Können wir mal eine halbe Stunde darüber schweigen? Bitte!«

»Na gut«, seufzte Liz. »Komm, ich will einen von diesen Keksen.« Sie hielt inne, weil plötzlich laute Motorengeräusche die Ruhe draußen störten.

»Was ist das denn?«, fragte Faye und öffnete die Ladentür. Liz und Pam waren ihr gefolgt. Gemeinsam spähten sie auf die verschneite Straße.

Sechs riesige, schwarze Motorräder kamen langsam angedonnert und wirbelten den Schnee auf. Sie fuhren in V-Formation und nahmen so viel Platz ein, dass kein Auto an ihnen vorbeikam. Alle Biker trugen schwarze Ledermontur und eine Sonnenbrille, die ihre Augen verbarg. Der Anführer der Meute hatte einen grau durchzogenen Bart und langes, wehendes Zottelhaar.

Entlang der Straße traten überall die Bewohner aus ihren Häusern, vom Dröhnen der Motorräder aufgeschreckt.

»Wow«, sagte Faye laut. »So ein Krach!«

»Was sind das denn für welche?«, gab Liz ebenso laut zurück. »Ich kenne keinen von denen.«

Pam beobachtete die Motorräder genau. »Die sind schon seit einer Weile in der Gegend. Aber jetzt sind sie zum ersten Mal zusammen in der Stadt aufgetaucht. Vermutlich wollen sie sich uns vorstellen. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass sie hier nicht besonders willkommen sind.«

Die Biker glitten langsam an der Buchhandlung vorbei. Faye war fasziniert … eine echte Motorradgang hatte sie noch nie gesehen. Sie kramte nach ihrer Kamera, um ein Foto zu schießen. Die Biker wären ein toller Artikel für den Miller. Beim Blick durch den Sucher merkte sie, dass einer der Männer sie musterte. Er war jünger als die Übrigen, vermutlich kaum älter als Faye. Sein dunkles Haar war so kurz geschnitten, dass es kaum aus dem Helm ragte, und wegen der Sonnenbrille konnte sie seine Augen nicht erkennen. Aber etwas an ihm ließ Faye innehalten und über den Rand ihrer Kamera schauen, während er langsam in der Ferne verschwand.

»Ich glaube, der da war vor einigen Tagen schon hier«, sagte Pam Faye ins Ohr. »Damals sah er nicht so furchterregend aus.«

Faye blickte ihre Tante an. »Das hast du mir gar nicht erzählt!«

Pam zuckte mit den Achseln. »Ich hab nicht mehr dran gedacht.«

»Schaut mal«, sagte Liz. »Da ist mein Vater in seinem Streifenwagen.«

Der dicke Sergeant Wilson, oberster Ordnungshüter von Winter Mill, folgte den Bikern. Statt aber an der Buchhandlung vorbeizufahren, hielt er an, öffnete seine Tür und setzte beim Aussteigen den Hut auf.

»Mitch«, grüßte ihn Pam. »Sieht so aus, als hätten wir neue Leute in der Stadt.«

Sergeant Wilson nickte düster. »Ich bin auch nicht froh darüber, das kann ich Ihnen sagen.«

»Vielleicht heißt das ja, dass sie weiterziehen?«

Er schüttelte den Kopf. »Leider nicht. Sie zelten noch immer oben im Wald. Darf ich reinkommen, Pam?«

»Natürlich. Es ist doch nichts Schlimmes?«

Sergeant Wilson blickte ernst. »Vielleicht doch. Ich muss mit den Mädchen reden.«

KAPITEL 3

Black Dogs

Liz sah zu, wie ihr Vater den Schnee von seinen Schuhen schüttelte. Es war Ladenschluss, Pam sperrte hinter ihm ab und nahm die Geldschublade aus der Kasse. Dann drängten sich alle in die kleine Küche der McCarrons im Obergeschoss. Es begann wieder zu schneien,undgroßeFlockensammeltensichaufdemFenstersims.

Stirnrunzelnd setzte Mitch Wilson sich an den Küchentisch. Liz war beunruhigt und begann zu überlegen, was sie in letzter Zeit ausgefressen hatte. Ihr Vater war ziemlich streng, doch sie hatte keinen Schimmer, was es gewesen sein mochte. Ihr Zeugnis kam ja wohl nicht infrage, da das neue Schuljahr gerade erst begonnen hatte. Liz zwang sich, ruhig zu bleiben, setzte sich Faye gegenüber und nahm einen Ingwerkeks, während Pam aus einer Porzellankanne Tee einschenkte.

»Also, was gibt’s, Dad?«, wollte sie wissen. »Du siehst besorgt aus. Was ist passiert?«

Der Polizist seufzte und fuhr sich zerstreut durchs Haar. »Wir haben oben im Wald eine Leiche gefunden, knapp einen Kilometer vor der Stadt. Einen Mann. Ich kenne ihn nicht, also dürfte er nicht von hier sein. Wir versuchen gerade, seine Identität zu ermitteln.«

»Was?«, rief Liz erschrocken. »Das ist ja furchtbar. Wie ist er gestorben?«

»Das wissen wir noch nicht. Und natürlich darf ich euch nicht viel erzählen, solange die Untersuchung läuft. Aber sagen wir mal, wir schließen zum gegenwärtigen Zeitpunkt nichts aus.«

Liz sah Faye an, die offenbar das Gleiche dachte. »Soll das heißen …? Du glaubst doch nicht, er wurde ermordet, Dad? Hier? In Winter Mill?«

Ihr Vater nahm noch einen Schluck Tee und warf Faye über seine Tasse hinweg einen seltsamen Blick zu. Liz fragte sich, was er bedeutete, doch schon war er verschwunden, und Mitch zuckte erneut mit den Achseln. »Wie gesagt, wir schließen nichts aus.«

»Aber Winter Mill ist doch so friedlich«, erwiderte Faye atemlos und mit großen Augen. »Ich hab nie gehört, dass hier ein Mord geschehen wäre. Du etwa, Tante Pam?«

Pam schüttelte den Kopf. »Seit ich hier wohne, ist nichts dergleichen gewesen, und ich schätze, auch davor ist so etwas schon lange nicht passiert.«

»Tja, noch wissen wir nicht, ob es wirklich Mord war«, mahnte Sergeant Wilson. »Die Todesursache ist noch unklar. Ich muss auf den Befund des Gerichtsmediziners warten, ehe ich die Fahndung einleite. Und um ehrlich zu sein …« Er schüttelte den Kopf. »Bei diesem Wetter wird es schwierig, draußen überhaupt von der Stelle zu kommen. Alle Straßen in der Stadt und außerhalb sind eisglatt und tückisch.«

Liz war beunruhigt. »Meinst du, wenn es weiter so schneit, werden wir von der Welt abgeschnitten? Haben wir für diesen Fall denn genug Vorräte und so?«

»Das dürfte kaum passieren«, sagte Faye. »Die Stadt ist auf so was vorbereitet.«

Sergeant Wilson tätschelte seiner Tochter die Hand. »Faye hat recht. Mach dir keine Gedanken. Wir räumen die Straßen, damit das nicht geschieht. Wir müssen nur dafür sorgen, dass das Streugut nicht ausgeht, und hoffen, dass der Kälteeinbruch nicht lange anhält.«

»Und wenn doch?«, überlegte Liz. »Seit fünf Tagen ist es jetzt schon eisig. Vielleicht schneit es ja weiter so.«

»Das kann doch nicht sein, oder?«, fragte Faye. »Es ist schließlich erst September!«

»Ich habe heute ein wenig recherchiert«, sagte Pam. »In den Annalen unserer Stadt gibt es keinen Hinweis, dass es je so früh so heftig geschneit hat, seit 1680 nicht. Das ist erstaunlich. Ich glaube, dieser Schnee ist einmalig in der Geschichte von Winter Mill und vielleicht von ganz Neuengland.«

»Der Schnee macht mir weniger Sorgen«, sagte Sergeant Wilson. »Mein Problem sind im Moment die Motorradfahrer.«

»Glauben Sie, die haben etwas mit der Leiche zu tun?«, fragte Faye.

»Es gibt keine direkte Verbindung, jedenfalls noch nicht. Das ist nur so ein Gefühl. Diese Leute bedeuten Ärger, und ich glaube nicht an Zufälle. Kaum sind sie aufgetaucht, ermittle ich im ersten ungeklärten Todesfall in Winter Mill seit Jahrzehnten.« Sergeant Wilson schüttelte den Kopf. »Das gefällt mir nicht.«

Pam goss dem Polizisten noch Tee ein. »Beurteilen Sie die Menschen nicht nach dem Erscheinungsbild, Mitch. Einer von ihnen war vorgestern bei mir im Laden. Er war vor allem jung.«

Mitch runzelte die Stirn. »Was hat er hier gesucht?«

»Er hat in einigen Büchern geblättert, wollte aber wohl hauptsächlich aus der Kälte raus. Sein Name ist Finn. Ich sagte ihm, er sei willkommen, doch wenn er es wirklich warm haben wolle, müsse er mir die Heizung reparieren helfen, die seit dem Kälteeinbruch verrücktspielt.« Pam setzte sich an den Tisch. »Und das hat er gut gemacht. Er erschien mir harmlos, Mitch, wenn auch etwas still. Sind Sie sicher, dass die Black Dogs in die Sache verwickelt sind?«

»Die Black Dogs?«, wiederholte Liz verwirrt.

Ihr Vater sah von seinem Tee auf. »So heißt ihre Gang. Sie gehören zu den Leuten, die gern einen guten ersten Eindruck hinterlassen«, fügte er ironisch hinzu.

»Was hat das alles mit uns zu tun, Sergeant?«, fragte Faye. »Sie sagten, Sie müssten mit Liz und mir reden.«

»Ich will einfach nicht, dass ihr Mädchen euch da oben im Wald rumtreibt«, seufzte Sergeant Wilson. »Und nicht nur ihr beide. Ich habe vor, das allen Kindern von Winter Mill zu verbieten. Ich weiß, der Wald lockt wegen des Schnees. Der liegt schon hoch und ist perfekt zum Skilaufen, Schlittenfahren, Snowboarden. Ich möchte kein Spielverderber sein, aber solange die Biker noch in der Gegend sind, und ich nicht weiß, wie dieser Mann gestorben ist …«

Faye nickte. »Wir sind vorsichtig«, versprach sie.

»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen«, pflichtete Liz ihr bei und nahm noch einen Keks. »Wir werden uns nicht mit ihnen anlegen.«

Sergeant Wilsons Handy klingelte, und er warf Pam einen entschuldigenden Blick zu, ehe er ranging.

»Ich muss los«, sagte er nach dem Telefonat, trank seinen Tee aus und stand auf. »Der Gerichtsmediziner ist gerade mit der Autopsie fertig geworden.«

KAPITEL 4

Unnatürliche Ursachen

Liz beschloss, mit ihrem Vater mitzufahren, statt weiter mit Faye Hausaufgaben zu machen. Sie hatte keine große Lust, durch den Schnee nach Hause zu stapfen, und außerdem war sie noch immer verärgert darüber, dass Faye Lucas offenbar nicht mochte. Einerseits war das zwar gut … zumindest wollten sie nicht beide mit ihm gehen, sodass Liz Lucas Morrow für sich allein haben konnte. Andererseits wünschte sie sich, ihre beste Freundin wäre wenigstens nett zu dem Menschen, den Liz bereits als ihren künftigen Freund erwählt hatte. Nicht, dass sie bisher viele feste Freunde gehabt hätte. Die meisten Jungs in Winter Mill hatten zu viel Bammel vor ihrem Vater, um sie zu einem Rendezvous einzuladen.

Sie trottete durch den Schnee auf den allradgetriebenen Streifenwagen zu und betrachtete dabei die gebeugten Schultern ihres Vaters. Sergeant Wilson galt als streng, aber gerecht, und so war auch sein Erziehungsstil. Eigentlich war er mitunter viel zu streng, was sie anging. Er hatte klare Ansichten, und sie wusste, wann sie besser daran tat, keine seiner Grenzen zu überschreiten. Jetzt aber gab es etwas, das sie unbedingt wollte, und es sah ganz danach aus, als würde er vielleicht auf lange Zeit sehr beschäftigt sein. Wenn sie also jetzt nicht danach fragte, wann würde sich wieder eine günstige Gelegenheit ergeben?

Ihr Vater ließ den Motor an, während sie die Tür schloss, und wartete, bis sie sich angeschnallt hatte. Es war Rushhour, die Läden in Winter Mill schlossen gerade, und die verschneiten Straßen der Kleinstadt waren voller Autos.

»Machen dir diese Biker wirklich Sorgen, Dad?«, fragte Liz und spürte, wie die Schneeketten unter ihnen griffen.

»Bisher haben sie mir keinen Grund zur Beruhigung gegeben«, brummte ihr Vater und sah kurz in den Rückspiegel, weil er abbog. »Nach meiner Erfahrung geht man besser auf Nummer sicher.«

»Ich passe auf, versprochen.«

Ihr Vater tätschelte ihr Knie. »Das weiß ich, Schatz.«

Sie fuhren schweigend weiter.

»Dad …?«

»Ja?«

»Ich dachte, jetzt, wo die Schule wieder angefangen hat und das nächste Jahr echt hart wird … und weil ich richtig gut sein will, das weißt du ja …«

»Ja, Lizzie?«

»Na ja, ich hab überlegt«, begann sie, biss sich auf die Lippe und fuhr dann hastig fort, »ich hab überlegt, ob ihr mein Taschengeld nicht erhöhen könnt, du und Mom.«

Ihr Vater seufzte. »Liz …«

»Dad, bitte. Die letzte Erhöhung ist schon ein Jahr her. Und jetzt bin ich älter und brauch echt was Neues zum Anziehen. Du hättest mal die Blicke in der Schule sehen sollen, als ich in der gleichen Jacke aufgetaucht bin wie letztes Jahr. Und falls der Winter wirklich so früh kommt«, setzte Liz unschuldig hinzu, »brauch ich auf jeden Fall neue Sachen, oder? Schöne, warme Sachen, weißt du.«

Als Liz sah, dass ihr Vater ein Lächeln zu unterdrücken versuchte, war ihr klar, dass sie bekommen würde, was sie wollte. Bevor er antworten konnte, umarmte sie ihn schon und küsste ihn auf die Wange.

»Liz, ich sitze am Steuer!«

»Entschuldigung«, sagte sie, als sie vor dem hübschen, verschindelten Haus ihrer Familie hielten. »Und danke, Dad! Oh mein Gott! Das wird so toll. Im Einkaufszentrum hat eine neue Boutique aufgemacht. Ich kann es kaum erwarten, dort zu shoppen!«

»He! Ich hab noch gar nicht Ja gesagt!«

Liz verstummte sofort, saß reglos da und sah ihn mit großen Augen an.

»Okay, okay«, sagte der füllige Polizist und räumte mit einem weiteren Seufzer seine Niederlage ein. »Du bekommst mehr Taschengeld. Aber«, mahnte er, als sie ihn erneut umarmen wollte, »in diesem Schuljahr bringst du nur gute Noten nach Hause, ist das klar?«

»Klar, Dad. Ist doch ein Klacks«, meinte Liz grinsend und in Gedanken schon bei der nächsten Shoppingtour. Beim Öffnen der Wagentür fischte sie nach ihrem Handy, sie musste Faye sofort anrufen! »Danke, Dad. Ich hab dich so lieb!«

»Und denk daran, was ich über den Wald gesagt habe. Wenn ich dich oder Faye dort oben erwische …«

Liz trat in den kalten Schnee. »Ich weiß. Keine Sorge.«

»Und keine Miniröcke! Ich hab dich auch sehr lieb. Gib deiner Mutter einen Kuss von mir, und sag ihr, ich ruf sie an, sobald ich kann.«

Liz wählte bereits Fayes Nummer.

*

Beim Wegfahren beobachtete Sergeant Wilson seine Tochter im Rückspiegel und lächelte, als er sie begeistert telefonieren sah. Seit Wochen hatte sie Andeutungen zum Thema Taschengeld gemacht, doch die hatte er überhört, solange es ging. Wofür sie ihr Geld wohl ausgeben würde? Seiner Ansicht nach besaß Liz schon alles, was sie brauchte, doch wie ihre Mutter zu sagen pflegte: So sind Mädchen in diesem Alter eben. Bloß dass sie dieses Problem mit Poppy, Liz’ älterer Schwester, nicht gehabt hatten …

Als er zum Leichenschauhaus fuhr und den Wagen am üblichen Ort abstellte, dachte er wieder an ernsthaftere Probleme. Winter Mill teilte sich einen Gerichtsmediziner mit drei weiteren Städten im Umkreis.

»Pat«, sagte er nickend, als ein älterer Mann in OP-Kleidung ihm die Tür öffnete. »Tut mir leid, dass ich Sie an so einem Abend aus dem Haus geholt habe.«

»So was duldet keinen Aufschub, Mitch«, erwiderte Pat Thompson und führte ihn zum Obduktionssaal. »Allerdings dürfte ich Ihnen kaum helfen können.«

Die Leiche war schon wieder vernäht und lag grau und reglos auf einer Metallbahre in der Mitte des Saals. Es war kalt, und die schwachen Lampen warfen seltsame Schatten an die weiß gefliesten Wände. Sergeant Wilson schauderte es. Er wollte den Saal schnellstmöglich verlassen.

»Haben Sie die Todesursache ermittelt?«

Pat griff nach seinen Notizen und schüttelte den Kopf. »Ich habe nur einen kleinen Schnitt am Arm gefunden, einen flachen, glatten Schnitt, wohl von einem Messer. Tödlich war der nicht. Ansonsten scheint die Leiche unverletzt.«

»Also ist er eines natürlichen Todes gestorben?«

»Auch das kann ich nicht bestätigen. All seine lebenswichtigen Organe waren gesund, und nichts deutet auf Unterkühlung. Anscheinend ist er quicklebendig herumspaziert und von jetzt auf gleich gestorben. Ein anaphylaktischer Schock scheint mir plausibel, aber was ihn ausgelöst hat, weiß ich nicht.«

Mitch runzelte die Stirn. »Haben Sie herausgefunden, um wen es sich handelt?«

»Ich habe seine Fingerabdrücke abgleichen lassen, aber im Polizeicomputer gab es keinen Treffer.«

»Was ist mit der Röntgenaufnahme seines Gebisses?«

»Auch Fehlanzeige«, antwortete der Gerichtsmediziner und gab dem Sergeant seine Notizen, damit er sich selbst ein Bild machen konnte. »Ich hab nichts gefunden, bis auf eines, was den Fall noch mysteriöser macht.«

»Ach?«

»Schauen Sie mal. Dann verstehen Sie, was ich meine.«

Mitch überflog Pats Zusammenfassung und sah ihn dann mit hochgezogenen Brauen an. »Was? Seine Zahnfüllungen stammen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs? Ist das Ihr Ernst?«

»Vollkommen. Seit 1947 gibt es solche Füllungen nicht mehr.«

»Aber er sieht doch nicht aus, als wäre er …«

»Über dreißig, ich weiß.«

»Was ist mit seinen Sachen?«

»Was soll damit sein? Er war in Lumpen gekleidet, das wissen Sie doch. Und es gab nirgendwo Etiketten.«

Mitch zog sich vor Beklemmung der Magen zusammen. Irgendwas stimmte hier nicht, und das ließ ihn frösteln. »Kann ich das Medaillon noch mal sehen, das Sie in seiner Nähe gefunden haben?«

»Sicher.« Pat wies auf eine Metallschüssel. »Es ist da drin.«

Sergeant Wilson nahm das kleine Schmuckstück in die Hand, ließ die dünne, alte Kette durch seine Finger gleiten und öffnete es dann. Noch immer liefen ihm kalte Schauer über den Rücken. In der Hoffnung, sein Gedächtnis habe ihn getäuscht, sah er sich das Foto darin ein zweites Mal an.

Doch das dunkelhaarige Mädchen auf dem Bild sah zweifellos aus wie Faye McCarron.

KAPITEL 5

Um Antwort wird gebeten

Es schneite noch immer, als Faye die Tür der Buchhandlung McCarron hinter sich schloss. Wie stets hatte sie ihre Kamera dabei, doch schon am Vortag hatte sie ein derart gutes Foto gemacht, dass sie nicht glaubte, je wieder etwas Ähnliches hinzubekommen. Es zeigte, wie ein Nachbar sich abmühte, sein Auto freizuschaufeln, während der dunkle, dramatische Himmel im Hintergrund bereits mit weiteren, für die Jahreszeit ganz untypischen Schneemassen drohte. Tante Pam hatte ihr geraten, das Bild an eine überregionale Zeitung zu schicken, sie war überzeugt, jede Redaktion würde es annehmen, da die Außenwelt sich langsam für das ungewöhnliche Wetter in Winter Mill zu interessieren begann. Faye war Pams Vorschlag gefolgt und hatte das Foto an die NewYorkTimes gemailt, bezweifelte aber, Antwort zu bekommen. Doch einen Versuch war es wert.

Auf dem Weg zur Highschool von Winter Mill dachte sie an ihr Gespräch mit Liz am Vorabend. Kaum eine Viertelstunde, nachdem Liz mit Sergeant Wilson weggefahren war, hatte sie bei Faye angerufen, um ihr die tolle Neuigkeit ihrer Taschengelderhöhung zu berichten. Und es war eine tolle Neuigkeit. Fayes Vater hatte ihr Taschengeld erhöht, bevor er zu seiner jüngsten Ausgrabung aufgebrochen war, und nun konnten die beiden die perfekte Shopping-tour in dem neuen Laden machen. Eigentlich hatten sie fast nur über die Klamotten gesprochen, die sie gern kaufen würden, doch das hatte Faye daran erinnert, wie wichtig ihr Liz als Freundin war. Sie verbrachten so viel Zeit miteinander, dass Faye bisweilen vergaß, wie sehr sie Liz vermissen konnte. Das Letzte, was sie wollte, war, dass ein Junge zwischen sie kam. Deshalb beschloss sie, netter zu Lucas Morrow zu sein. Egal, wie nervig er war …

»Liz zuliebe muss ich tun, als würde ich ihn mögen«, murmelte sie halblaut, als sie das Schultor erreichte. »Und wer weiß? Vielleicht kann ich ihn ja irgendwann leiden.«

»He, McCarron, warte.«

Faye drehte sich um und sah Candi Thorsson einige Schritte hinter sich. Wie immer war das blonde Mädchen gekleidet, als wäre sie gerade einer Modezeitschrift entstiegen. Faye blieb stehen und musterte sie neidisch. Candi sah immer fantastisch aus. Diesmal trug sie tolle braune Lederstiefel und eine umwerfende nerzbraune Jacke mit breitem Kragen, der sich um ihre Schultern schmiegte und ihre eisblauen Augen perfekt zur Geltung brachte. Das war selbst für Candis Verhältnisse ein extravaganter Aufzug, und Faye war sofort klar, dass etwas los sein musste.

»Hi, Candi«, sagte sie. »Du siehst echt klasse aus.«

Candi warf ihr ein strahlendes Lächeln zu. »Danke! Ist das nicht eine irre Jacke? Original Chanel! Mein Dad hat sie mir aus New York geschickt, als Entschuldigung dafür, dass er nicht zu meinem Geburtstag kommt.«

»Er kann am Wochenende nicht? Das tut mir leid.«

Candi zuckte gleichgültig mit den Achseln. »Wenn er käme, würde er doch nur wieder über meine schlechten Noten meckern. Da hab ich lieber die Chanel-Jacke! Sag mal, hast du Samstagabend schon was vor?«

»Noch nicht.«

»Dann komm auf meine Party! Echt, die wird super. Ich hab die Hütte der Mathesons oben auf dem Hügel gemietet. Alle kommen! Und du?«

Candis Partys waren legendär. Bei ihnen war immer für Barkeeper gesorgt, die die besten alkoholfreien Cocktails mischten, und es gab meist eine sagenhafte Band.

Faye lächelte. »Liebend gern! Danke.«

»Prima!« Candi umarmte sie kurz und hielt dann in einer Parfümwolke auf einige andere Schüler zu. »Bis dahin!«

Ehe Faye das Schultor erreichte, hörte sie einen weiteren Ruf hinter sich. Diesmal war es Liz. Ihr Lächeln war so breit wie die Golden Gate Bridge. Also wusste sie bereits von der Party.

»Oh mein Gott!«, rief Liz, als sie Faye erreichte. »Ist das nicht toll? Eine Taschengelderhöhung und eine Party, für die man shoppen gehen kann. Und hat Candi dir erzählt, dass Lucas Morrow auch kommt? Ich sollte auf der Stelle sterben, schöner kann das Leben gar nicht mehr werden!«

»Vielleicht solltest du erst noch auf die Party gehen«, meinte Faye lachend. Sie mochte Liz auch wegen ihrer Begeisterungsfähigkeit. Egal, was vorging, man konnte immer darauf zählen, dass sie mittendrin steckte. Und den meisten Lärm machte!

»Sehr wahr. Jetzt komm, das ist wichtig. Wir müssen einen Shoppingplan aufstellen.«

Faye lachte erneut. »Warum gehen wir nicht einfach nach der Schule ins Einkaufszentrum?«

»Gute Idee. He, wohin willst du?«, fragte Liz, als Faye sich in eine andere Richtung wandte.

»Geh schon vor, ich komm bis zur Anwesenheitskontrolle nach. Ich will nur eben noch ins Zeitungsbüro zu Ms Finch.«

*

The Miller war seit Langem eine Institution an ihrer Highschool. Manche, die als Schüler bei der Schulzeitung gewesen waren, hatten später steile Karrieren als Journalisten gemacht. Ein Mädchen, das erst vor wenigen Jahren seinen Abschluss gemacht hatte, arbeitete inzwischen für das National Geographic, und für Faye klang das nach dem besten Job der Welt. In der Zeitung ging es vor allem um schulische Aktivitäten und um harmlose Storys von lokalem Interesse wie den jüngsten Wintereinbruch. Doch Faye hatte sich vorgenommen, endlich einmal eine richtige Geschichte zu bringen.

»Hi, Ms Finch.« Die stellvertretende Schulleiterin Barbie Finch saß an einem großen Schreibtisch in dem Zimmer, das zugleich die Zentrale des Miller war. Sie war eine steif wirkende Frau in den Fünfzigern und trug stets eng geschnittene Kostüme. Als Faye eintrat, blickte sie auf.

»Guten Morgen, Faye.« Sie warf einen raschen Blick auf die Wanduhr. »Kommst du nicht zu spät zum Unterricht?«

»Ich wollte Sie nur wegen eines Artikels fragen, an dem ich gern arbeiten würde. Für die Zeitung.«

»Ach ja?«

»Haben Sie von der Leiche gehört, die Sergeant Wilson oben im Wald gefunden hat?«

Ms Finch nahm die Brille ab und hob eine Braue. »Eine Leiche?«

»Ja … Es könnte sich sogar um Mord handeln. Und der Sergeant befürchtet, dass es einen Zusammenhang mit dem Auftauchen der Black Dogs gibt.«

»Mit was?«

»Mit dem Auftauchen der Black Dogs. Das sind die Motorradfahrer, die seit Tagen außerhalb der Stadt zelten.«

»Faye, ich bin mir nicht sicher, ob etwas davon in eine Schulzeitung gehört.«

»Aber ja! Unbedingt! Das könnte ein echt investigativer Artikel werden. Wir können in den Randkolumnen Hintergrundinformationen über die Biker bringen. Woher sie kommen, zum Beispiel, und warum sie Black Dogs heißen. Und wir können darüber berichten, wie der Fall sich entwickelt. Und falls es wirklich Mord war und es zum Prozess kommt …«

Ms Finch hob die Hand. »Schluss jetzt, Faye. Ich bewundere deinen Enthusiasmus, aber das ist wirklich kein Thema für die Schulzeitung.«

»Aber Ms Finch …«

»Wie würdest du im Fall der Motorradfahrer denn genau recherchieren? Besitzt deine Tante ein Buch darüber?«

»Über die Black Dogs nicht, aber …«

»Also, wie dann?«

»Na ja, ich könnte einen von ihnen interviewen.«

»Faye McCarron, so etwas wirst du nicht tun.«

»Aber …«

»Keine Widerrede, Faye. Die Black Dogs sind tabu.«

»Na gut, dann beschränke ich mich eben auf die Leiche. Ich kann Sergeant Wilson interviewen.«

»Faye«, seufzte Ms Finch. »Bitte lass die Idee sausen. Die Schule soll nicht mit solchen Dingen in Verbindung gebracht werden.« Als sie Fayes niedergeschlagene Miene sah, schenkte sie ihr ein freundliches Lächeln. »Aber ich wollte dir ohnehin einen anderen Vorschlag machen, und zwar einen guten.«

»Ach?«, fragte Faye, ohne sich etwas Interessanteres vorstellen zu können als die Geschichte, die sie gerade angeregt hatte.

»Ich möchte, dass du ein Interview mit Mercy Morrow machst. Einen lebensnahen Beitrag darüber, warum sie nach Winter Mill gekommen ist. Das wird sicher spannend, vor allem, weil sie und Lucas gerade absolutes Stadtgespräch sind. Sie sind ein echtes Rätsel. Kannst du das machen?«

Faye zuckte leidenschaftslos mit den Achseln. »Sicher.«

»Das wird nicht leicht. Aber ich denke, es lohnt sich. Und es ist besser, als sich in die Gesellschaft dieser Motorradgang zu begeben. Okay?«

Faye brachte ein Lächeln zuwege, unterdrückte einen Seufzer und warf sich die Schultasche über die Schulter. »Gut, Ms Finch, ich werde Sie nicht enttäuschen.«

Doch beim Rausgehen dachte sie unwillkürlich an Lucas’ unheimlichen Fahrer Ballard, und es fröstelte sie. Wenn Mercy Morrow solche Leute beschäftigte, was mochte sie dann für ein Mensch sein?

KAPITEL 6

Shopping Victims im siebten Himmel

Wider Erwarten war Faye etwas aufgeregt, als sie mit Liz zum Einkaufszentrum von Winter Mill unterwegs war. Seit Ewigkeiten war sie nicht mehr shoppen gewesen, und es war höchste Zeit, den Kleiderschrank aufzupeppen.

»Okay«, sagte Liz, als sie auf den Parkplatz bogen, zu ihrer Beifahrerin. »Ich denke mir das so: Candis Party wird garantiert eine der besten der Saison, richtig?«

»Wahrscheinlich«, bestätigte Faye.

»Das schreit nach einem echt neuen Outfit«, verkündete Liz. »Ich denke, ich verprasse mein gesamtes neues Taschengeld bei MK!«

MK war die neueste Boutique in Winter Mills kleinem Einkaufszentrum, und die Mädchen konnten es kaum erwarten, dort zu shoppen. Bei MK hatten sie das Aktuellste von allen führenden Designern im Sortiment, und vor Weihnachten würde es dort vor schicken Kleidern nur so wimmeln. Doch der Betreiber hatte auch eine Abteilung für die jüngere Bevölkerung eingerichtet und angekündigt, sie mit den neuesten Entwürfen der gefragtesten Teenagerlabels zu bestücken. Kurz gesagt: So stellten Faye und Liz sich das Paradies vor.

»Boah«, raunte Liz, als sie den Wagen abstellte, und unterbrach Fayes selige Einkaufsträume. »Schau mal da.«

Am anderen Ende des Parkplatzes standen sechs fette Motorräder in Schwarz und Chrom. Von den Besitzern war nichts zu sehen.

»Wahrscheinlich sind sie drin«, murmelte Faye gaffend. Die Bikes hatten etwas Hypnotisierendes an sich, kraftstrotzend wie riesige, kauernde Tiere, die beim leisesten Anlass über einen herfallen können. Entgegen der Anweisung von Ms Finch wollte Faye noch immer mehr über die Gang erfahren. Sergeant Wilson hatte gesagt, dass die Biker oben im Wald zelteten, und Faye fragte sich, ob sie überhaupt irgendwo sesshaft waren oder ständig von einem Ort zum anderen zogen. Der Junge, den sie gesehen hatte, schien kaum älter als sie. Wie mochte es sich anfühlen, dauernd unterwegs zu sein? Sie seufzte frustriert. Aus diesem Thema ließe sich garantiert ein richtig guter Artikel machen, wenn sie nur daran arbeiten dürfte!

Liz dagegen fröstelte es. »Komm. Du weißt doch, was mein Vater gesagt hat.«

»Ja.« Faye konnte auf dem Weg ins Einkaufszentrum den Blick noch immer nicht von den Bikes losreißen. »Ich weiß.«

*

Das MK war noch viel fantastischer als erwartet. Überall hingen die wahnsinnigsten Klamotten, die die beiden Mädchen unbedingt haben wollten.

»Oh mein Gott!«, sagte Liz, als sie den Laden betraten. »So ein hübsches Strickkleid hab ich noch nie gesehen!«

»Echt hübsch«, bestätigte Faye und strich über das weiche Material. »Aber ob das das Richtige für eine Party im Schnee ist?«

Liz streckte ihr die Zunge heraus und ging weiter. »Und für welchen Style soll ich mich entscheiden?«, fragte sie über die Schulter. »Jung und wild? Oder abgründig und raffiniert?«

»Willst du Lucas Morrow imponieren?«

»Natürlich.« Liz warf Faye einen Blick zu, und ihre Augen wurden schmal. »Du wirst doch nicht wieder damit anfangen, wie sehr er dich nervt, oder?«

Faye hob beschwichtigend die Hände. »Versprochen. Wenn du ihn magst, mag ich ihn auch.«

»Okay, prima. Solange du ihn nicht … du weißt schon … zu sehr magst.«

Faye seufzte und schüttelte lächelnd den Kopf. Dann nahm sie Liz am Arm und schob sie sanft weiter. »Jetzt such dir endlich was aus! Ich brauch nämlich auch neue Sachen.«

Liz grinste. »Ich mach ja schon.«

Faye verschwand zwischen den Ständern. Sie zog das eine oder andere Stück heraus, hielt es sich an und merkte, dass sie überhaupt nicht wusste, was sie suchte.

»Kann ich dir helfen?« Faye sah auf, und eine Verkäuferin lächelte sie an.

»Ich weiß nicht«, gab sie zu. »Ich muss auf eine Party und hätte gern was ganz Neues, aber was?«

»Da werden wir sicher fündig«, sagte die Verkäuferin. »Vielleicht probierst du mal was an, das du sonst nicht trägst?«

Die Verkäuferin führte sie zu einem Ständer am Fenster. »Diese Sachen haben wir gerade von einem neuen Jungdesigner bekommen. Die hat noch kein anderer Laden. Einfach göttlich, finde ich. Seide, hauchdünne, florale Gewebe und jede Menge Verzierungen. Ausdrucksstark und stylish! Sieh dir die mal an. Und probier, was dir gefällt.«

»Danke«, murmelte Faye und strich bereits über ein herrliches, blendend weißes Top mit Strickstreifen aus Angora und einem Saum aus Spitze. So was hatte sie noch nie gesehen. Sie zog das Top vom Ständer, kombinierte es mit einer tollen, hautengen Jeans und taubengrauen Pumps und zischte zur Umkleide.

»Faye, bist du da drin?«, fragte Liz durch den Vorhang. »Ich will sehen, was du anhast!«

»Moment«, rief Faye zurück. »Hast du was gefunden?«

»Du ahnst nicht, was ich aufgetan habe«, erwiderte ihre Freundin theatralisch. »Dieser Laden ist der Wahnsinn!«

Faye lachte. Sie musterte sich im Spiegel und war erstaunt über das, was sie sah. Das Top stand ihr glänzend, und der lose Rollkragen hob ihre Züge vorteilhaft hervor. Das Weiß passte bestens zu ihrem hellen Teint und ließ ihre Augen noch grüner wirken.

Sie drehte sich um, schob den Vorhang beiseite und kam aus der Kabine, während Liz mit dem Rücken zu ihrer Freundin weitersprach.

»Sieh dir das mal an!«, sagte Liz und zog eine graue, mit opulenten Troddeln besetzte Weste vom Ständer. »Die sieht mit Minirock und High Heels bestimmt fantastisch aus. Mit diesem hier vielleicht.« Sie schnappte sich einen hellblauen Rock, der auf der Vorderseite in sich gestreift war. »Was es hier alles gibt!«

»Und was hältst du davon?«, fragte Faye.

Liz drehte sich um und musterte sie von oben bis unten. »Wow!«

»Gefällt’s dir?«

»Ja, das Top ist fantastisch! Es ist wie …«

Etwas lenkte Faye ab, eine Bewegung. Sie sah auf und blickte unverhofft in zwei tiefbraune Augen. Auf der anderen Seite des Fensters stand ein Junge, vollkommen reglos. Alles an ihm war dunkel. Sein Haar war schwarz und zerzaust. Er trug eine schwere, schwarze Lederjacke, eine ramponierte, schwarze Jeans und klobige, schwarze Stiefel.

Und er starrte sie an. Faye konnte den Blick nicht von ihm wenden. Ihr Herz schlug schneller, als sie sah, wie er die Fäuste öffnete und die Hände ans Glas legte, als versuchte er, sie zu erreichen.

Fayes Herz klopfte immer schneller, bis es gegen ihren Brustkorb hämmerte. Sie wollte wegschauen, brachte es aber nicht fertig.

Liz flüsterte ihr zu: »Der gehört zu diesen Black Dogs. Das ist bestimmt der, von dem deine Tante gesprochen hat, dieser Finn.«

Plötzlich drang ein Schrei von draußen herein, und der Junge drehte den Kopf. Ein Mann, Mr Purser vom CD-Laden, kam brüllend auf den Jungen zugerannt. Ohne nachzudenken, stürzte Faye aus dem Laden, um zu sehen, was los war. Liz folgte ihr auf dem Fuße, und die Schritte der Mädchen hallten auf dem gefliesten Boden.

»Ich weiß, was du hier treibst!«, rief Mr Purser wütend. »Was ihr alle treibt. Ihr sucht was zum Stehlen. Ihr wartet, bis wir nicht hinsehen, und dann nehmt ihr, was ihr kriegen könnt! Warum haut ihr nicht ab?«

Aus dem Nichts tauchten die anderen Biker auf und schritten wie eine Naturgewalt an Faye und Liz vorbei. Zum ersten Mal sah Faye sie aus der Nähe. Ihre Kamera hatte sie in der Umkleide gelassen, doch sie versuchte, sich alle zu merken. Der Anführer war enorm groß, und auf seiner Lederjacke prangte das Symbol der Gang: ein Hund oder vielleicht ein Wolf, der den Mond anheulte. Zwei ältere Biker sahen aus wie Brüder, hatten grauhaarige Narbengesichter und trugen die gleiche ärmellose Lederjacke, um ihre muskelbepackten und üppig tätowierten Arme zu zeigen. Nur einer war kleiner als Finn, sogar kleiner als Faye und Liz, glich das aber mit einem furchterregenden Blick aus. Er trug lange, graue Zöpfe, und seine Haare schienen noch nie Bekanntschaft mit einer Schere gemacht zu haben. Dieser Mann nahm seine Sonnenbrille ab, als er zu Mr Purser schritt. Einer nach dem anderen pflanzte sich im Kreis um Finn und den Ladenbesitzer herum auf. Keiner sagte ein Wort, doch ihre Wut ließ die Luft nahezu knistern.

Sekunden später tauchten Leute vom Sicherheitsdienst auf und wollten wissen, was Finn im Schilde geführt habe.

»Moment!«, hörte Faye sich sagen. »Moment, ich glaube nicht …«

»Faye«, fauchte Liz und griff sie am Arm. »Was machst du denn?«

Einer der Wächter kam auf sie zu. »Miss? Haben Sie zu diesem Vorfall etwas zu sagen?«

»Ich hab ihn nichts stehlen sehen«, sagte Faye, spürte seinen Blick noch immer auf sich ruhen und fragte sich, was sie da machte. »Ich glaube nicht, dass er etwas mitgehen lassen wollte. Er stand bloß so da.«

Der Wachmann nickte und wandte ihr den Rücken zu, um mit dem Anführer der Biker zu reden, dem untersetzten Hünen mit grauem Haar und wütendem Blick. »Gut. Aufgepasst! Wir verfolgen die Sache nicht weiter. Diesmal noch nicht. Aber ich will, dass Sie und Ihre Gang verschwinden. Und zwar sofort.«

Es schien kurz, als wollten die Biker widersprechen. Ihr Anführer trat näher, bis er direkt vor dem Wachmann stand, der erfolglos versuchte, seine Angst zu verbergen. »Ich will hier keinen Ärger«, stammelte er.

Der Biker lächelte kalt. »Dann hab ich einen Tipp für Sie: Sorgen Sie dafür, dass Ihre Leute keinen Ärger lostreten. Denn beim nächsten Mal bin ich nicht so friedlich gestimmt. Kapiert?«

Der Wachmann beeilte sich zu nicken. Der Anführer blieb noch kurz vor ihm stehen. Dann wies er mit dem Kopf zum Ausgang. Die Biker zogen ab und gingen nacheinander langsam an Faye vorbei. Alle rochen nach Benzin und Motoröl. Finn ging als Letzter.

»He«, murmelte er, als er sie erreichte. »Danke.«

»K-keine Ursache«, stammelte Faye, erneut über ihr Herzrasen verwirrt.

»Vielleicht sieht man sich mal wieder.«

»V-vielleicht.«

Er musterte sie und strahlte kurz. »Steht dir gut«, sagte er, bevor er seine Sonnenbrille aufsetzte. »Solltest du kaufen.«

Erst als Finn sich abgewandt hatte und zu den anderen nach draußen trottete, begriff Faye, was er meinte. Sie war aus dem MK gerannt, ohne die Sachen, die sie am Leibe trug, bezahlt zu haben!

KAPITEL 7

Der Mann im Dunkeln

He!«, rief eine ärgerliche Stimme hinter ihr. »Was soll das?«

Als sie sich umdrehte, sah sie die Ladenbesitzerin mit ausgestrecktem Zeigefinger auf sich zukommen.

»Tut mir leid!«, rief Faye. »Ich wollte doch nicht … ich hab nicht nachgedacht. Ich musste einfach unbedingt mit den Wachleuten sprechen.«

»Ich hab was gegen Kunden, die meinen Laden verlassen, ohne zu zahlen«, erwiderte die Frau. »Dort, wo ich herkomme, heißt das Diebstahl.«

Faye war schockiert. Noch nie hatte ihr jemand unterstellt, etwas stehlen zu wollen. »Aber ich hab doch nicht … ich würde doch nie…«

»Faye wollte nicht stehlen«, sprang Liz ihr bei. »Sie wollte bloß den Motorradfahrern helfen.«

»Nennt mir einen Grund, warum ich den Wachdienst nicht sofort wieder rufen sollte«, forderte die Ladenbesitzerin. »Gehört ihr zu diesen Männern? War das ein Ablenkungsmanöver von ihnen, damit ihr die Sachen stehlen könnt?«

»Nein«, antworteten beide Mädchen erschrocken wie aus einem Munde.

»Na, ihr habt Glück, dass ihr hier stehen geblieben seid, kann ich nur sagen«, meinte die Frau mit in die Hüften gestemmten Händen. »Wie die Dinge liegen, hängt ihr die Sachen besser gar nicht erst zurück auf den Bügel. Falls ihr sie wirklich kaufen wolltet, dann bezahlt sie sofort.«