Beschreibung

Ungarn im Jahre 1610: Drei Jahrhunderte sind vergangen, seit Elyssandria in ihrer Heimatstadt Wien gegen die blutgierigen Strigoi in die Schlacht gezogen ist - selbst für eine Unsterbliche wie sie eine lange Zeit. Die Jahre haben sie hart und grausam gemacht. Längst ist sie jenen gleich, die sie einst mit dem schwarzen Blut infiziert haben. Als ihre alte Freundin Undine sie aufsucht, um ihre Hilfe in einem neuerlichen Krieg der finsteren Mächte zu erbitten, möchte Elyssandria die Hemykine abweisen - doch da wird sie selbst Opfer einer gemeinen Intrige. Von einem Unbekannten vergiftet, verliert Elyssandria ihre Unsterblichkeit und muss plötzlich um Leib und Leben fürchten. Sie muss sich in die Abgründe der Unterwelt begeben und sich übermenschlichen Feinden entgegenstellen. Doch die Zeit ist knapp. Kann sie den Giftmischer finden, bevor die Last ihres langen Lebens sie niederstreckt? Lesen Sie alle Teile der Reihe Schwarzes Blut. Alle Teile sind voneinander unabhängig lesbar: - Maleficus - Mortalitas - Munditia - Wolfswille - Wolfswut - Wolfswahn

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Seitenzahl: 614

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Melanie Vogltanz

Mortalitas

Schwarzes Blut

Bibliografische Information der

Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über

http://dnb.dnb.deabrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oderveröffentlichtwerden.

Copyright©2015 Papierverzierer Verlag

Papierverzierer Verlag, Essen

Covergestaltung, Lektorat, Herstellung: Papierverzierer Verlag

ISBN 978-3-944544-90-8

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www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
Mortalitas - Schwarzes Blut
Impressum
Buch I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Buch II
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Buch III
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Danksagungen
Melanie Vogltanz

1. Buch:

Hyäne von Cséjthe

Manchmal muss man um zu siegen

Freunde morden und verraten,

man muss lügen und betrügen,

man muss säen böse Saaten.

Subway to Sally, »Die Schlacht«

1.

Cséjthe, Königliches Ungarn – 1610 n. Chr.

Zum wiederholten Mal fuhr der Lederriemen auf den weißen Rücken des Mädchens herab. Es öffnete den Mund zu einem lautlosen Schrei. Tränen tränkten seine Schürze und vermischten sich dort mit Schweiß und dem Blut. Beim nächsten Streich – es war der zehnte – kippte es zur Seite, seine Flanken hoben und senkten sich unregelmäßig. Blind glitten seine Hände über den Boden, als suchten sie nach einer Tür, durch die es dem Albtraum entrinnen konnte. Der kleine, krumme Mann mit dem verzerrten Gesicht fletschte die Zähne und hob den Arm mit dem Lederriemen erneut an.

Ruhigen Schrittes trat Elyssandria aus den Schatten, von wo aus sie das Schauspiel bislang unbemerkt beobachtet hatte. Obwohl sie kein Wort sprach, erstarrte der Peitschende wie vom Donner gerührt. Einem Wolf gleich, der die Anwesenheit eines ranghohen Rudelmitglieds spürt, wich er einige Schritte zurück.

Noch immer schweigend betrachtete Elyssandria das zerschlagene Mädchen. Es atmete noch, doch sein Herzschlag war schwach. Sein Rücken war eine einzige große Wunde. Elyssandria ließ sich in die Hocke sinken und berührte das weiße, aufgeplatzte Fleisch.

»Was war das Vergehen dieser Zofe, Ficzkó?«

Obwohl sie nicht in seine Richtung sah, nahm Elyssandria wahr, wie der Bursche hinter ihr beim Klang seines Namens zusammenschreckte. »Katalin hat sie zu mir geschickt, Herrin. Sie meinte, das Gör hätte schlampige Arbeit geleistet und bräuchte dringend ein paar Unterrichtsstunden.« Er ließ den Lederriemen im Handgelenk kreisen. Unter seinen Fingernägeln waren dunkelbraune Ränder zu erkennen, die zu den halbmondförmigen Kratzern im Gesicht des Mädchens passten.

Elyssandria deutete ein Nicken an. »Das hast du gut gemacht, Ficzkó. Aber nun solltest du dich wieder deinem Tagewerk widmen. Schließlich soll niemanddirschlampige Arbeit vorwerfen können, nicht wahr?« Sie verzog die Lippen zu einem humorlosen Lächeln.

»Ja, Herrin. Ich meine, nein, Herrin.« Der Bursche verschränkte seine Stummelfinger wie zum Gebet, senkte ein letztes Mal den Kopf und hastete dann aus dem Raum.

Als er gegangen war, hob Elyssandria das Mädchen behutsam auf ihren Schoß. Sein Blut versickerte in ihrem bestickten Seidenkleid, hinterließ braune Schlieren auf dem wertvollen Stoff. Vorsichtig strich Elyssandria das strohblonde, schweißdurchtränkte Haar zur Seite. Die Lider des Mädchens hoben sich flatternd und gaben den Blick auf graublaue Augen frei.

»Eine Schande«, sagte Elyssandria leise. »Eine zarte Lilie, in voller Blüte stehend, rücksichtlos zertreten.« Behutsam zeichnete sie mit dem Finger die tiefen Kerben im Rücken des Mädchens nach. Es zuckte nur schwach.

»Olga.« Elyssandria hob sein Kinn an, so dass es ihr ins Gesicht blicken musste.

Die Augen der Zofe rollten ziellos in den Höhlen, bis sich ihr Blick förmlich in Elyssandrias Gesicht festkrallte. Langsam öffnete sich ihr Mund, eine rote, klaffende Wunde in ihrem weißen Gesicht. Ihre Glieder vibrierten plötzlich, ihr Herzschlag beschleunigte sich. Blut rauschte sturmflutartig in ihren Venen. Ein uralter Teil im Verstand des Mädchens hatte die Nähe des Todes wahrgenommen.

Zärtlich streichelte Elyssandria die bebende Wange, leckte sich genüsslich über die Lippen. »Olga. Die Zeit, dich aus meinen Diensten zu entlassen, ist gekommen.«

Sehr dunkle Augen starrten ihr aus einem bleichen Gesicht entgegen, eingerahmt von ebenfalls dunklem Haar, dessen Farbe frei von jedem Makel des Alters war. Rote Lippen, zu einem hauchdünnen, hochmütigen Strich zusammengepresst, schienen sie verhöhnen zu wollen.

Zögerlich betastete Elyssandria, die ihren christlichen Namen schon vor vielen Jahren abgelegt hatte, die perlmuttfarbene Gesichtshaut, die einem raffaelitischen Heiligenbild entsprungen sein könnte. »Mehr Puder«, sagte sie.

Gehorsam tauchte die Zofe den Quast in das Schälchen auf der Kommode und trug eine zweite, dicke Schicht auf das blass leuchtende Gesicht im Spiegel auf. Allmählich verschwand der unnatürliche Glanz ihrer weißen Haut. Elyssandria gefiel nicht, was sie sah. Das tat es nie.

»Genug«, befahl sie. »Kämmen.«

Die Dienerin griff nach dem Hornkamm und zog ihn behutsam durch Elyssandrias langes, kastanienbraunes Haar. Das Mädchen, das während der viele Stunden andauernden Prozedur kein einziges Mal Blickkontakt mit Elyssandria aufnahm, war noch nicht mit den Abläufen der morgendlichen Toilette vertraut, doch es lernte rasch. Es fragte nicht, warum Elyssandria so darauf bedacht war, ihren perfekten Teint unter mehreren Schichten von Wismutweiß zu verstecken, oder warum sie darauf bestand, ihr dunkles Haar mit Puder aufzuhellen, so dass es in einem bestimmten Licht beinahe grau erschien. Auf einer tiefer liegenden Ebene seines Bewusstseins schien es bereits begriffen zu haben, dass Elyssandria sich das Alter auftrug, wie andere sich mit Jugend zu beschmieren versuchten.

Nach und nach alterte die Frau im Spiegel, wurde von einer Zwanzigjährigen zu einer Frau Mitte dreißig. Doch um die Jahre widerzuspiegeln, die dieses Gesicht tatsächlich gesehen hatte, hätten alle Kosmetika der Erde nicht ausgereicht.

Wird Zeit unbedeutend, sobald man einen unerschöpflichen Vorrat davon besitzt? Elyssandria war diese Frage schmerzhaft vertraut, die wie ein alter Freund an die Tür zu ihrem Geist klopfte. Seitdem ein gut gezielter Pfeil ihrem sterblichen Leben ein Ende bereitet hatte, war sie nicht mehr von ihrer Seite gewichen und hatte sie in zahllosen dunklen Stunden heimgesucht. Mittlerweile wähnte sie sich in der Lage, diese Frage zu beantworten. Der Wert der Stunden ließ sich nicht an ihrer Anzahl messen. Nein – Zeit war nur dann bedeutend, wenn man sie mit Sinn erfüllte. Bedauerlicherweise hatte Elyssandria dies zu spät begriffen – viel zu spät.

Bei dem Gedanken an all die vergeudeten Jahre verzogen sich ihre Lippen zu einer bitteren Grimasse. Weitere Erinnerungen rieselten in ihren Verstand, legten sich erstickend über ihre Gedanken. Nachdem sie mit Christian von dem Schlachtfeld geflohen war, hatte sie sich in eine triste, nicht existente Zwischenwelt geflüchtet. Sie hatten sich kaum an die Oberfläche gewagt, aus Furcht vor dem, was dort lauern mochte, doch vor allem aus Furcht vor sich selbst. Elyssandria musste sich eingestehen, dass das Erlebnis im zwielichtigen Unterwien sie beide gleichermaßen betäubte. Die Auseinandersetzung mit dem Mortianer Stephanus und seinen Anhängern war erschreckend gewesen, ein Sinnbild der Machtgier. Sie beide spürten, dass das, wogegen sie so erbittert gekämpft hatten, auch in ihnen selbst schlummerte. Aus diesem Grund bevorzugten sie es, sich im Verborgenen zu halten, fernab allen Lebens, das sie zu verbotenen Taten verlocken könnte. Nur manchmal, wenn der Hunger nicht mehr zu ertragen war und Ratten und anderes Getier nicht mehr ausreichten, stahlen sie sich bei Nacht und Nebel aus ihren Unterschlüpfen, plünderten Krankenbetten und frisch ausgehobene Gräber, um ein Stück von dem Leben zu kosten, über das sie so furchtsam einen frühzeitigen Totenschleier gebreitet hatten.

»Gib doch acht!«, zischte Elyssandria, als das Mädchen den Kamm mit einem zu festen Strich durch ihr Haar zog.

»Verzeiht, Herrin«, murmelte die Dienerin.

Elyssandria hob die Hand zum Schlag, ließ sie dann jedoch wieder sinken. Das Mädchen war erst wenige Tage auf der Burg, es wäre fatal gewesen, es bereits so früh zu verschleißen.

Sie schloss die Augen. Die Fehler der Vergangenheit spulten sich hinter ihrer Stirn ab, wieder und wieder. Wie dumm sie doch gewesen waren. Bei dem verzweifelten Versuch, nicht zu Tieren zu werden, hatten sie sich selbst Ketten angelegt. Ihre Menschlichkeit hatten sie sich damit nicht bewahrt. Stattdessen waren sie erst recht zu Getier geworden, zu Ungeziefer, das das Licht scheute und vor jeder menschlichen Stimme floh. Es war geradezu widerwärtig. Gottlob hatte Elyssandria, wenn auch viel zu spät, den Weg verlassen, der sie unaufhaltsam in den Untergang geführt hatte. Natürlich, sie hatte Opfer bringen müssen – schmerzliche Opfer – doch sie hatte erreicht, wonach sie sich immer gesehnt hatte. Endlich musste sie sich nicht mehr für das schämen, was sie war.

Sie schlug die Augen auf. Die Zofe hatte ihre Haare unterdessen kunstvoll hochgesteckt und mit Geschmeide aus Perlen und Gold verziert. Die Frisur betonte die Härte ihres ohnehin spitzen Gesichtes. Nun war das Mädchen eifrig damit beschäftigt, einzelne Strähnen mit Puder zu bestäuben.

»Verehrte Gräfin?«

Elyssandria runzelte missbilligend die Stirn und packte den Arm der Dienerin, um sie in ihrer Arbeit zu unterbrechen. Eine der Wachen hatte ihre Gemächer betreten. Wortlos winkte sie dem Wachmann, näher zu kommen, während sie vergeblich versuchte, sich seinen Namen ins Gedächtnis zu rufen. Sein Gesicht war das von Tausenden, und das Personal wechselte viel zu rasch, als dass sie sich jeden einzelnen Kammerdiener hätte merken können.

»Was gibt es, Wächter?«, fragte sie. »Warum störst du mich zu dieser frühen Stunde?«

»Es tut mir leid, Gräfin«, erwiderte der Wächter verunsichert. Wie ein Großteil des Personals wagte auch er sich nicht näher als ein paar Schritte an Elyssandria heran.

»Vor dem Tor wartet eine Frau. Sie behauptet, sie würde Euch kennen. Ich habe bereits mehrmals versucht, sie fortzuschicken, doch sie lässt sich einfach nicht vertreiben, und ich fürchte, sie wird den Burghof nicht verlassen, ehe ich Euch nicht zumindest von ihrer Anwesenheit in Kenntnis gesetzt habe.«

»Ich erwarte niemanden«, sagte sie.

Der Wachmann zuckte hilflos mit den Schultern. »Vergebt mir, Gräfin, ich habe der Frau bereits sehr deutlich gesagt, dass Ihr sie nicht empfangen werdet. Doch sie pochte so selbstbewusst auf ihr Recht, dass ich dachte, vielleicht … nun, sieseiim Recht.«

»Welchen Namen hat sie dir genannt?«

»Keinen Namen.«

Elyssandria zog die Augenbrauen hoch.

»Aber sie behauptet, sie sei eine Freundin aus Wien«, fuhr der Wachmann hastig fort.

Wien. In den letzten Tagen hatten die Erinnerungen sie ungewöhnlich heftig geplagt. Nun den Namen dieser Stadt aus dem Mund eines anderen zu hören, war wie ein Schlag ins Gesicht für sie. Seit sie nach Ungarn gekommen war, hatte sie Wien mehr als einmal einen Besuch abgestattet, und wenn nur, um ein wenig von dem süßen Wiener Blut zu lecken – doch die Frau, die vor dem Burgtor stand und so unverschämt Einlass verlangte, war keine der blessierten Adeligen, die ihr dort auf den Banketten der Reichen begegnet waren.

Mit einem Mal wusste sie, von wem die Wache sprach.

»Gräfin.«

Die Stimme des Wachmannes riss sie zurück in die Gegenwart. Sie starrte dem Mann ins Gesicht, und etwas, das er in ihrem Blick las, schien ihm Angst einzujagen, denn er wich einen Schritt zurück und seine Hand zuckte zu dem Schwert, das er am Gürtel trug.

»Ja. Wien«, sagte sie langsam. »Ich erinnere mich.«

Für einen Moment schien der Mann nicht zu begreifen. »Ihr … werdet sie empfangen, Herrin?«

Sie deutete ein Kopfschütteln an und wandte sich wieder ihrem Spiegelbild zu. »Ich will sie nicht sehen. Jag sie fort.«

Die Wache beeilte sich, zu nicken, und verließ mit einer Verbeugung das Zimmer. Sobald der Mann Elyssandria den Rücken zugewandt hatte, verdüsterte sich ihre Miene. Nach all den Jahren. Nach all den Jahren holte sie ihre Vergangenheit ein, ausgerechnet jetzt, wo Elyssandria alles erreicht hatte, was ihr Herz je begehrt hatte.

»Du kannst gehen«, informierte sie die Kammerdienerin, die sich stumm in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen hatte.

Sie stand auf und ging in ihrem Frisierzimmer auf und ab, ließ ihre Finger über ihre Tiegel und Puderdosen und Kämme wandern. Als sich nach einigen Minuten des Wartens die Tür öffnete, wandte sie sich nicht um. Das war gar nicht nötig – auch so stieg ihr jener unverkennbare Geruch in die Nase, den sie seit ihrer Trennung von Christian nicht mehr wahrgenommen hatte: der durchdringende Gestank eines Raubtiers, das vergebens versuchte, sich hinter einer Larve aus menschlicher Haut zu verbergen.

»Sind meine Wachen noch am Leben?«, fragte sie gleichgültig.

»Selbstverständlich. Sie denken, ich hätte ihrem Befehl Folge geleistet und den Burghof verlassen. Offensichtlich überrascht es dich nicht, dass ich gekommen bin, obwohl du mich hast abweisen lassen. Hättest du mich nicht ebenso gut offiziell in Empfang nehmen können? Wozu diese Farce, Elyssa?« Obwohl Elyssandria Deutsch gesprochen hatte, antwortete ihre Besucherin auf Ungarisch. Das enttäuschte sie ein wenig. Dadurch wuchs die Distanz zwischen ihnen noch weiter.

Elyssandria drehte sich um. Die Frau, die in ihrem Frisierzimmer aufgetaucht war, schien kaum zwanzig Lenze zu zählen – zumindest für das menschliche Auge. Elyssandrias übernatürliche Sinne verrieten ihr, dass die Besucherin ihr an Jahren glich, sie vielleicht sogar übertraf. Seit ihrer letzten Begegnung hatte die Hemykine sich sehr verändert. Ihre Wangen waren eingefallen, sie war magerer als vor dreihundert Jahren und ihr Haar hatte an Glanz verloren. Außerdem war ihre Gestalt in Lumpen gehüllt, und die Kleider wirkten an ihrem geschmeidigen Körper fehl am Platz.

Elyssandria ließ sich von ihrem heruntergekommenen Äußeren keinen Moment lang täuschen. Unter ihrer unauffälligen Hülle verbarg sich ungezügelte, wilde Kraft, die jederzeit an die Oberfläche brechen konnte.

»Vielleicht wollte ich einfach sehen, wie dringlich die Angelegenheit ist, in der du mich sprechen willst«, erwiderte Elyssandria. »Vielleicht hatte ich auch einfach die Illusion, du würdest ein höflichesNeinakzeptieren. Aber Höflichkeit liegt den Wölfen bekanntlich nicht im Blut.«

Ihre Besucherin verzog ihre spitzen Zähne zu einem ironischen Grienen, das Elyssandria steif erwiderte.

»Es ist lange her, Undine.«

»Es war nicht einfach, dich zu finden.«

Elyssandria setzte sich an ihren Frisiertisch, öffnete eine kleine Schublade und suchte nach in Gold eingefassten Ohrringen, die sie sich mit provozierend langsamen Griffen anlegte. »Wie du dir denken kannst, lege ich nicht viel Wert darauf,gefundenzu werden. Doch das scheint dich nicht davon abgehalten zu haben, mir in den Osten zu folgen. Obgleich es mich doch erstaunt, dass du dreihundert Jahre dafür gebraucht hast.«

Im Spiegel beobachtete Elyssandria, wie Undine näher an sie herantrat. »Ich habe mitnichten dreihundert Jahre nach dir gesucht, Freundin.« Das letzte Wort klang beinahe wie eine Obszönität. »Und ich hätte dich auch die nächsten dreihundert Jahre nicht behelligt, wenn ich einen anderen Weg gesehen hätte.«

»Manchmal ist es besser, die Vergangenheit ruhen zu lassen.«

Undine fuhr fort, als hätte es keine Unterbrechung gegeben. »Doch die Umstände drängten mich dazu, dich aufzusuchen, so ungern ich dich mit meinen Problemen belästige.«

Elyssandria drehte den Kopf prüfend hin und her, stellte fest, dass ihr die Ohrringe nicht gefielen, und legte sie wieder ab und zurück in ihre Schatulle. »Das müssen wahrhaftig ernste Probleme sein, die dich nach all den Jahren aus deinem Loch scheuchen.«

»Ernst sind sie in der Tat, Elyssandria.«

Unvermittelt schlich sich ein lauernder Unterton in Elyssandrias Stimme. »Ich muss mich schon über dich wundern. Du tauchst hier auf, nach all der Zeit, platzt einfach in mein Leben und willst deine Lasten auf meinem Rücken abladen? Ist dir eigentlich bewusst, wie unverschämt dein Benehmen ist?«

Undine blieb ruhig. »Elyssandria …«, setzte sie an, doch Elyssandria unterbrach sie mit einer harschen Geste.

»Hör auf, mich so zu nennen. Das ist nicht länger mein Name.«

Undine nickte. Die Geste wirkte traurig. »Ich hörte bereits, dass du nun in … anderen Kreisen verkehrst und deinen Namen dieser Lebensweise angepasst hast. Erzsébet Báthory«, fügte sie mit leisem Spott hinzu. Sie griff nach einer der Puderdosen, öffnete sie, schnupperte daran und verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse. »Ich verstehe, wenn ein Strigoi mit deiner Macht sich nach Größerem sehnt als das Leben in Dreck und Armut, das die meisten der deinen führen. Aber eine Báthory?« Sie lachte leise. »Es gab Zeiten, in denen du als Tochter eines Schankwirts von der Hand in den Mund gelebt hast, und nun bist du …das!« Sie deutete in einer weit ausholenden Geste auf das Frisierzimmer, ließ das noch immer geöffnete Puderdöschen dabei zu Boden fallen. »Ich frage dich gar nicht, wie dir das gelungen ist. Schließlich lebe ich nun lange genug, um die Regeln zu kennen, nach denen die Welt funktioniert. Doch ich hätte niemals von dir erwartet, dass du deine Herkunft dermaßen verleugnen würdest.Elyssandria.«

Elyssandria presste die Lippen zu einem blutleeren Strich zusammen. »Muss ich mir von einer Bittstellerin die Absolution erteilen lassen?«, fragte sie kalt. »Ich führe das Leben, das ich mir erwählt habe, nicht das, in das ich hineingeboren wurde – wie manch anderer in diesem Raum.«

Undine lachte leise und schüttelte den Kopf. »Du hast dich wirklich sehr verändert. Die Elyssandria, die ich kenne, war stolz auf das, was sie war, und glücklich damit. Und niemals – niemals! – hätte sie mit Gewalt versucht, sich in ein Leben zu pressen, das so eng ist, dass es keinerlei Bewegung zulässt. Ich erkenne dich einfach nicht wieder. Nicht in den Gesichtszügen, die von Puder beinahe unkenntlich gemacht sind, nicht in den Gesten, die hart sind und beherrschend, und nicht in der Stimme, aus der so viel Bitterkeit und, ach, so viel Kälte spricht. Es macht mich traurig, dich sprechen zu hören.«

Mit einem Ruck stand Elyssandria auf und drehte sich zu der Hemykine um. »Ich dachte, du seist gekommen, um mich um einen Gefallen zu bitten, und das wäre dreist. Doch stattdessen bist du hier eingedrungen und beleidigst mich, und das ist unverzeihlich.« Sie durchschnitt die Luft mit der Rechten, als würde sie ein Stück Fleisch teilen. »Ich habe dir einige wertvolle Minuten meiner Zeit gewidmet. Du hast sie verschwendet. Das Gespräch ist damit beendet. Geh jetzt.«

Undines Gesicht verfinsterte sich, und etwas unter ihrer dunklen Haut schien in Wallung zu geraten. Mit einem Mal zogen sich Undines Pupillen katzengleich zusammen. »Offenbar begreifst du nicht, was auf dem Spiel steht! Während du hier von silbernen Löffeln frisst, kämpfen meine Brüder und Schwestern ums nackte Überleben. Du könntest ihnen helfen, wenn du nur wolltest. Es ist deine gottverdammtePflicht!«

Elyssandria nahm diese Ansprache gelassen hin, und obwohl sie registrierte, wie sich Undines Muskeln zum Sprung spannten, zuckte sie nicht einmal mit der Wimper. In den Augen der Wolfsfrau glomm ein tiefer Hass, der die Ozeane ihrer Pupillen zum Brodeln brachte.

»Wachen!«, rief sie mit durchdringender Stimme.

Keinen Herzschlag später öffnete sich die Tür und eine Handvoll bewaffneter Männer drängte in den kleinen Raum. Innerhalb weniger Lidschläge hatten sie Undine eingekreist und ihre Hellebarden auf sie gerichtet. Elyssandria lächelte, als sich Undines Gesichtsausdruck noch weiter verfinsterte.

»Begleitet die Dame nach draußen.«

Undine fletschte die Zähne zu einem dunklen Grollen, doch die krampfartige Bewegung ihrer Muskeln unter ihrer menschlichen Hülle erstarb. »Du begehst einen schweren Fehler, Elyssandria. Du hast mich nicht zum letzten Mal gesehen, das schwöre ich dir!«

Undine hatte die Reihe der Wachen durchbrochen, ehe diese wirklich begriffen, was geschehen war. Einige der Männer gingen zu Boden, als die Hemykine sie im vollen Lauf rammte. Die Wachen, die noch auf den Füßen waren, setzten unverzüglich nach. Elyssandria wusste, dass sie die Hemykine nicht einholen, geschweige denn zu fassen bekommen würden, aber sie ließ sie gewähren. Hätte sie zugelassen, dass Undine sich unbehelligt zurückzog, ohne auch nur den Versuch zu machen, sie aufzuhalten, so hätte sie sich ihre Unterlegenheit eingestanden, und das war vollkommen undenkbar.

Elyssandria sog scharf die Luft durch die Nase ein; noch immer schmeckte sie den scharfen, erdigen Gestank, den die Wolfsfrau im Zimmer hinterlassen hatte. In den Jahrhunderten, die sie mit einem Hemykin zugebracht hatte, hatte sie diesen eigentümlichen Geruch in all seinen Facetten kennengelernt, und lange Zeit hatte sie nicht gewusst, ob sie ihn genoss oder viel eher abstoßend fand.

Bis er sie eines Tages zum Würgen reizte. Die Ausdünstungen der Wolfsmenschen wurden für sie ebenso unerträglich wie der Gestank einer Jauchegrube, und sie begriff einfach nicht, wie sie das all die Jahre hatte ertragen können.

Mit einem angedeuteten Kopfschütteln versuchte sie, diese Gedanken zu vertreiben.

Vergangen. Es war nicht mehr wichtig. All das gehörte einem früheren Leben an. Selbst Undine würde einsehen müssen, dass die Geister der Vergangenheit sich nicht mehr aus ihrem Todesschlaf wachrütteln ließen.

Sie verließ die Kammer. Auf ihrem Weg begegneten ihr nur wenige Bedienstete, und die meisten bewegten sich in gebückter Haltung durch die eiskalten Gänge der Burg, den Blick starr auf den Boden geheftet. Wenn sie der Aufruhr zuvor nervös gemacht hatte, war davon nichts mehr zu spüren. Das Gesinde auf Burg Cséjthe war an allerhand seltsame Ereignisse gewöhnt und daher nicht so leicht aus der Fassung zu bringen.

Elyssandria schenkte ihren Dienern kaum Beachtung, nur einem jungen Mädchen, das gerade aus der Küche gelaufen kam, warf sie einen langen, aufmerksamen Blick zu. Sie war noch keine sechzehn und hatte einen blonden Zopf, der ihr bis an die Hüften reichte. Zweifellos konnte man sie als schön bezeichnen – nur die sackartigen Kleider taten ihrer Anmut einen Abbruch. Ihr Name war Doritze, und den geflüsterten Gesprächen, die in der Stille der Nacht nur zu laut von den Dienstbotenzimmern an Elyssandrias Ohren drangen, hatte sie entnommen, dass sie ebenso zuversichtlich war wie ihre Vorgängerinnen. Sie ließ sich nicht abschrecken von denen, die es besser wussten, war blind für das Böse in diesen Mauern. Elyssandria liebte die Naivität der Mädchen, ihre Unschuld, ihre einfachen Gemüter. Sie zu beobachten, brachte ihr mehr Unterhaltung, als die Schauspieler feiner Theater es je vermocht hatten.

Als Doritze ihren Blick bemerkte, blieb sie mitten im Schritt stehen und vollführte einen hastigen Knicks. »Ihr hattet Besuch, Herrin?«

»Nur eine Verrückte«, erwiderte Elyssandria.

»Oh«, machte das Mädchen und runzelte die Stirn. »Was wollte sie denn?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete sie und berührte das Mädchen flüchtig an der Wange. Wie weich ihre Haut war, und so rosig. Es war die menschliche Dummheit, die die Sterblichen glauben machen ließ, die totengleiche Blässe, die im Laufe der Jahrhunderte Elyssandrias Haut erfasst hatte, sei mit Schönheit gleichzusetzen. Die wahre Schönheit lag in den blutdurchpulsten Gefäßen, den Falten und Schluchten, die das Leben schuf – all das, was für Elyssandria auf ewig verloren war.

»Ich habe sie fortgeschickt, ehe sie mir sagen konnte, was sie begehrte. Es hätte auch gar keinen Sinn gemacht, sie anzuhören, denn ich weiß, was auch immer sie verlangt hätte, ich hätte es ihr nicht geben können.«

»Wie könnt Ihr Euch da so sicher sein?«

Elyssandria schmunzelte. Doritze war anders als ihre Vorgängerin – einfältiger, beinahe dumm, doch ausgesprochen liebenswert. Elyssandria genoss ihre Gesellschaft und hätte Stunden damit zubringen können, ihren unüberlegt sprudelnden Worten zu lauschen.

Und den Fluss eigenhändig zum Versiegen zu bringen …

Doch nein – dafür war es zu früh, viel zu früh. Sie durfte nicht zu gierig werden.

»Hast du denn nichts zu tun?«

Hastig senkte das Mädchen den Kopf. »Doch, ich … verzeiht, Herrin. Ich mache mich sofort wieder an die Arbeit.« Sie vollführte einen weiteren ungeschickten Knicks und huschte an Elyssandria vorbei.

»Doritze?«

Hastig fuhr sie herum. »Ja, Herrin?«

»Ich will nicht, dass du so viel Zeit in der Küche verbringst. Das ist nicht deine Aufgabe.«

Fahrig wischte sich das Mädchen eine lose Strähne aus dem Gesicht. »Sehr wohl, Herrin. Ich werde es Barbara ausrichten.«

Die Köchin. Dieses gerissene, alte Weib. Sie glaubte tatsächlich, sie könnte die Mädchen vor dem Schicksal bewahren, das Elyssandria für sie auserwählt hatte, ein Gedanke, der Elyssandria vortrefflich amüsierte. Nur aus diesem Grund hatte sie die Alte bisher gewähren lassen. Doch vielleicht war es an der Zeit, ihr zu zeigen, wo sie hingehörte. Elyssandria nahm sich vor, sich dieses Problems später anzunehmen, doch heute war ihr nicht mehr nach einer Auseinandersetzung, ganz gleich mit wem. Die Begegnung mit Undine hatte sie mehr aufgewühlt, als sie sich selbst eingestehen wollte. Den Rest des Tages wollte sie Zerstreuung suchen.

Einer ihrer Dienstboten brachte Elyssandria einen einfachen Umhang, unter dem sie die schlichte Bluse und die ledernen Beinkleider verbarg, die sie bei Ausritten zu tragen pflegte. Auf dem Burggelände lag bereits Schnee, und der Himmel war klar, fast stechend blau. Sie blies in die eisige Januarluft und wartete auf das einzelne Dunstwölkchen, das ihrem Atem entsteigen musste, doch ihre Lungen waren ebenso kalt wie der Schnee unter ihren Stiefeln.

Als sie den Stall betrat, schlug ihr eine wohlige Wärme entgegen, die das Stroh in den Verschlägen zum Dampfen brachte. Der süßliche Schweiß der Pferde, vermischt mit dem Duft des Heus, kitzelte ihre empfindliche Nase.

Die beiden Knechte, zwei Burschen von vierzehn und elf Jahren, waren im Stroh eingedöst. Elyssandria weckte sie, indem sie sie im Genick packte und ihre Gesichter in die mit eisigem Wasser gefüllte Pferdetränke drückte. Als die beiden prustend, zitternd und hellwach Haltung vor ihrer Herrin annahmen, wies Elyssandria sie an, ihren Hengst für den Ausritt zu satteln. Der Rappe hatte ihre Anwesenheit bereits gespürt, als sie draußen über das Burggelände gewandert war, und so empfing er die beiden Knechte mit erregt geweiteten Nüstern.

Als Elyssandria aufsaß, tänzelte der Hengst auf der Stelle. Auch Elyssandria spürte die Erregung in ihren Gliedern, die Ekstase der nahenden Bewegung, und sobald das Burgtor geöffnet war, trieb sie dem Rappen die Absätze in die Flanken.

Sie hielt die Zügel locker, ließ das Tier die Richtung bestimmen. Während der eisige Wind ihr wie mit Nadeln ins Gesicht stach, ließ sie den Hengst voranpreschen. Bald lagen Cséjthe und seine beengenden Mauern weit hinter ihr, und der winterliche Wald nahm sie auf. Zweige peitschten ihr ins Gesicht, schlugen Furchen in ihre Haut, die verschwanden, ehe sie wirklich entstehen konnten, und unter ihr schrie der Hengst vor Entzückung und Furcht. Als er das Tempo endlich drosselte, war er in Schweiß gebadet, und weißer, flockiger Schaum quoll ihm aus dem Maul.

Elyssandria sank im Sattel zusammen. Der Rausch der Geschwindigkeit war verflogen, und was blieb, war tiefe Enttäuschung.

Eine Weile trottete der Hengst ziellos über die Ebene. Elyssandria tat ihr Bestes, ihre Aufmerksamkeit voll und ganz dem Spiel der Muskeln unter dem dichten, glänzenden Fell zu widmen, doch so sehr sie auch um Ruhe in ihren Gedanken rang, sie ertappte sich immer wieder dabei, in eine ferne Erinnerung abzutauchen, sich darin zu verlieren. Sie dachte an den Hemykinen mit den vielen Gesichtern – Vergil –, der Stephanus‘ Rachegelüsten zum Opfer gefallen war, dachte an den falschen Geistlichen, dem sie um ein Haar ihr Herz geschenkt hätte, ohne zu wissen, dass er es mit Genuss verspeisen würde … doch am Schlimmsten quälten sie die Erinnerungen an Christian. Damals, als ihre Bekanntschaft noch frisch gewesen war, hatte alles so unglaublich einfach gewirkt. Elyssandria hatte noch nicht gewusst, was es bedeutete, ein Strigoi zu sein, und Christian war weit entfernt davon gewesen, ein Hemykin zu werden. Menschliche Probleme wie Eifersucht und Unsicherheit, das waren die einzigen Steine gewesen, die sich ihnen damals in den Weg gelegt hatten. Welch Glück ihnen zuteil geworden war, ohne dass sie es zu würdigen gewusst hatten …

Mühsam schüttelte Elyssandria die Spinnweben der Vergangenheit ab. Schließlich hatte sie diesen Ausritt unternommen, umnichtüber diesen alten Geschichten zu brüten.

Zum ersten Mal achtete sie bewusst auf den Weg, den der Rappe einschlug. Es schien, als hätte das Tier instinktiv eine ihm vertraute Strecke gewählt – verlängerte man die Route in Gedanken, so mündete sie in einen kleinen, kaum benutzten Handelsweg, der zu einigen der entlegeneren Dörfchen in der Umgebung von Cséjthe führte. Elyssandria kannte sie alle – in den verstreuten Siedlungen hielt sie regelmäßig Ausschau nach neuen Kandidatinnen wie Doritze und Olga, die sie in ihre Dienste stellen konnte. Es war erstaunlich, wie wenig Väter armer Töchter deren Schicksal hinterfragten, solange die Bezahlung stimmte. Andererseits traf Elyssandria auch alle nur erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen, um keinen unnötigen Verdacht aufkommen zu lassen. So bestellte sie niemals mehr als zwei Mädchen aus demselben Dorf zu sich, und selbst diese nur innerhalb eines Abstandes von mindestens sechs Monaten.

Ihre Ausreden für das Verschwinden der Mädchen waren unerschöpflich. Einige ihrer Mägde hatte sie mit einer Empfehlung ins Ausland geschickt – das Geld, das Elyssandria ihren Familien zukommen ließ, bezeugte die Wichtigkeit dieser Position –, andere waren einer siechenden Krankheit zum Opfer gefallen, einem Tier oder einem unvorsichtigen Jäger. In diesem Fall erlaubte Elyssandria sich manchmal sogar, die Leichen vorzuzeigen, von denen einige tatsächlich sehr hässlich anzusehende Wunden aufwiesen. Die meisten aber arbeiteten lange über ihren tatsächlichen Tod hinaus glücklich und zufrieden im Dienste der Gräfin Báthory. Da nur wenige der Mädchen, die Elyssandria wählte, des Schreibens mächtig waren, gab es keine Briefe, die ausbleiben konnten, und bisher hatte noch kein Vater an die Tore von Cséjthe gepocht, um seinem Töchterchen einen Besuch abzustatten.

Es waren vor allem die Menschen gewesen, die es Elyssandria sehr einfach gemacht hatten, dort zu landen, wo sie nun stand.

Sie empfand keine Gewissensbisse – schon lange nicht mehr. Ihr Körper verlangte nach menschlichem Blut, wie der sterbliche Körper nach Wasser schrie, und sie sah keinen Grund, es ihm vorzuenthalten. Das Blut junger Mädchen bevorzugte Elyssandria aus verschiedenen Gründen; es war ihre Unschuld, ihre Reinheit, die sie faszinierte, fast magisch anzog, ebenso wie ihre Zerbrechlichkeit. Wie wunderbar es sein musste, so zart, so vergänglich zu sein … Wie eine Feder im Sturm der Zeit, gepeitscht von den Launen Mutter Naturs, und doch so leichtsinnig und wagemutig, als gäbe es kein Morgen. So würde Elyssandria niemals leben können.

Denn in den vergangenen dreihundert Jahren hatte sie begriffen, dass esimmerein Morgen gab …

Plötzlich scheute ihr Rappe und stieß ein tiefes, fast knurrendes Wiehern aus. Im selben Moment witterte Elyssandria es auch.

Mit einem Ruck zog sie an den Zügeln ihres Reittiers und brachte es zum Stehen. In einer fließenden Bewegung glitt sie aus dem Sattel. Einen kurzen Moment später erfassten ihre Augen, was ihre Nase bereits aus einigen Metern Entfernung gerochen hatte: Beinahe gänzlich von glitzerndem Weiß bedeckt, lag ein steifgefrorener Kadaver auf dem Waldboden, und es war nicht der eines Tieres.

Der Hengst schnaubte leise und stieß Elyssandria mit dem Kopf an. Abwesend klopfte sie ihm auf den schlanken Hals und näherte sich dem Leichnam, um davor in die Hocke zu gehen. Die Schneedecke ringsum war unberührt – offenbar war der Körper bereits vor dem letzten Schneefall hier gewesen, lag hier also schon einige Stunden, wenn nicht Tage. Die Kälte hatte ihn hervorragend konserviert. Der Verwesungsgeruch war so schwach, dass Elyssandria beinahe vorbeigeritten wäre.

Mit bloßen Händen legte sie den Toten frei –dieTote. Ein junges Mädchen. Seine Augen waren halb geöffnet, ebenso die violetten Lippen, die ein schiefes, fast erstaunt wirkendes »O« formten. Jemand hatte ihm den Kehlkopf herausgerissen. Bei einer solchen Wunde hätte normalerweise viel Blut fließen müssen, doch der Schnee unter der Leiche war unbefleckt.

Elyssandria packte das Mädchen unter dem Kinn und drehte seinen Kopf herum, um ihm besser ins Gesicht sehen zu können, was ein knirschendes Geräusch verursachte. Der Tod hatte ihre Züge entstellt, aber Elyssandria erkannte die mandelförmigen Augen und die hohen Wangenknochen wieder; und noch besser erinnerte sie sich an die Kratzspuren in ihrer weißen Pfirsichhaut.

»Olga«, murmelte sie.

»Wo schafft ihr die Leichen hin?«

Der Bursche, der schon lange das Mannesalter erreicht hatte und doch immer noch dieselben beinahe widerwärtig kindlichen Züge besaß, grinste dümmlich. »Aber das wisst Ihr doch, Herrin.«

Widerwillig schüttelte Elyssandria den Kopf. »Ich weiß lediglich,dassihr sie beseitigt, nicht,wie. Wo sind die Mädchen? Was habt ihr mit ihren Körpern gemacht? Ich verlange eine ausführliche Antwort, Ficzkó.«

»Selbstverständlich, Gräfin«, beeilte Ficzkó sich zu sagen, wobei er eine Reihe kleiner, ungelenker Verbeugungen vollführte. Seine kriecherische Art widerte sie an. Es war nicht so, dass sie den Idioten nicht leiden konnte – er war als Kind zu ihr gekommen und nun bereits seit fünfzehn Jahren in ihren Diensten. Seit der ersten Stunde hatte er durch blinde Loyalität geglänzt. Er hätte einen Säugling von der Brust seiner Mutter gerissen und getötet, hätte sie es angeordnet. So sehr es ihr auch widerstrebte, János Ujvári – von allen im Schloss nur Ficzkó genannt – war einer ihrer wichtigsten Untergebenen.

»Die meisten Leichen haben wir verbrannt und die Asche in alle Winde zerstreut.«

»Die meisten?«, wiederholte Elyssandria. »Und was ist mit dem Rest?«

Ficzkó zuckte die Achseln und setzte erneut sein schwachsinniges Grinsen auf. »Zerstückelt und vergraben. An die Hunde verfüttert. In bodenlose Seen geworfen, wo sie von Krebsen und Fischen bis aufs blanke Skelett abgenagt wurden.«

»Hältst du es für möglich, dass Leichen ihren Weg in die Hände neugieriger Dorfbewohner gefunden haben?«

Mehrmals warf Ficzkó seinen großen Schädel von einer Seite zur anderen. »Das kann gar nicht sein. Wir sind äußerst vorsichtig vorgegangen, Herrin.«

Elyssandria trat näher und beugte sich ein Stück herab. Der Geruch von saurem Schweiß biss in ihre Nase. »Wie kommt es dann«, sagte sie betont langsam, »dass ich das letzte Mädchen nicht unweit von seinem Heimatdorf im Wald gefunden habe? Olga. Ich musste sie selbst beseitigen.« Mittlerweile hatte sie ihre Reitkleidung abgelegt und sich in ein elegantes Brokatkleid gehüllt, doch der Gestank nach verbranntem Fleisch hing noch immer in ihrem Haar. Es hatte Stunden gedauert, einen geschützten Ort zu finden und Olgas Überreste zu verbrennen. Als Elyssandria endlich zurück zur Burg gekehrt war, war bereits die Dämmerung hereingebrochen.

Während sie gesprochen hatte, waren Ficzkós Augen größer und größer geworden. Unruhig verkrampfte er seine Hände ineinander, ohne dabei sein dämliches Grinsen abknipsen zu können, das dabei mehr und mehr zur Grimasse geriet. »O-o-olga? Aber sie war … Ich … Herrin …«

»Deine Männer haben schlechte Arbeit geleistet, Ficzkó, und schlechte Arbeit ist nicht akzeptabel. Kannst du dir ausmalen, was es für uns bedeutet hätte, wenn jemand vor mir auf dieses Mädchen gestoßen wäre?«

Der Bursche schrumpfte immer weiter in sich zusammen und presste die Augen so fest zusammen, dass sein Gesicht knitterte wie ein Laken. »Herrin …«

Ihre Stimme senkte sich zu einem gefährlichen Flüstern herab. »Ich bezahle dich und deine Männer nicht dafür, um dann euren Dreck wegzumachen. Und wenn ihr nicht wollt, dass ich baldeureLeichen beseitigen lasse, solltet ihr besser dafür sorgen, dass die Mädchen verschwinden – so spurlos, als hätten sie niemals existiert. Haben wir uns verstanden, Bursche?«

Ficzkó schluckte deutlich hörbar. »Aber ja, Herrin, absolut. Wenn Ihr mir jedoch noch eine Bemerkung erlauben würdet …«

»Was?«, fragte sie barsch.

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, zupfte mit seinen fetten, plumpen Fingern an seinem Kragen. »Meine Quellen besagen, dass in den vergangenen Tagen wiederholt Leichen in den umliegenden Wäldern aufgetaucht sind. NichtunsereLeichen«, fügte er hastig hinzu, als sich Elyssandrias Blick wie ein Eispickel in sein Gesicht bohrte. »Die Dorfbewohner glauben, dass sich Wölfe in der Nähe herumtreiben. Was ich damit sagen will … Ich glaube nicht, dass man eine Verbindung zu uns ziehen würde, wenn man eines der Mädchen tatsächlich findet.«

Elyssandria konnte förmlich spüren, wie ihr vor Zorn das Blut in die Wangen schoss. »Tote in den Wäldern? Warum hast du mich davon nicht schon früher in Kenntnis gesetzt?«, fuhr sie ihn an.

Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab wie ein gefangenes Tier. »Ich … wusste nicht, dass das wichtig ist.«

In ihr tobte das Bedürfnis, den kleinen Wicht zu packen und heftig durchzuschütteln. Stattdessen richtete sich wieder zu ihrer vollen Größe auf und atmete tief durch.

Undine. Offenbar hatte die Wölfin keinerlei Ehre im Leib und wilderte mit ihrem Rudel ungeniert in Elyssandrias Revier. Im Gegensatz zu Ficzkó glaubte sie keineswegs, dass die Dorfbewohner sie nicht mit diesen Todesfällen in Verbindung bringen würden – ganz im Gegenteil. Bauern waren ein abergläubischer Haufen. Würde eine ihrer Dienerinnen unter den Toten gefunden werden, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis diese Tölpel eins und eins zusammenzählten und an ihre Tore pochten.

»Wir werden unsere Vorsichtsmaßnahmen verdreifachen, Herrin«, versprach Ficzkó kleinlaut, den Elyssandrias Schweigen fast mehr zu ängstigen schien als jedes Wort, das sie zuvor gesprochen hatte.

Langsam schüttelte sie den Kopf. »Das werdet ihr nicht. Bis ich sichergehen kann, dass keiner der Landadeligen ringsum den König über diese Angelegenheit unterrichtet und dabei womöglich meinen Namen fallenlässt, wird es keine neuen Mädchen geben.«

»Keine neuen Mädchen, Herrin?«, wiederholte Ficzkó. Er klang enttäuscht.

»Nicht bis ich eine Möglichkeit gefunden habe, unsere Hände von jeglicher Schuld reinzuwaschen.«

Sie hatte keine Angst vor einem menschlichen Gericht, weder weltlich noch göttlich. Schon einmal war sie angeklagt worden, und sie war dem Scheiterhaufen knapp entronnen – und das war gewesen, bevor sie das volle Ausmaß ihrer Kräfte erreicht hatte. Was ihr wirklich Sorgen bereitete, war die Gefahr, dieses bequeme Leben aufgeben und in das alte Elend zurückkehren zu müssen.

»Wir sind fertig, Ficzkó. Geh mir aus den Augen.«

Der Bursche verneigte sich ungelenk und verschwand, noch immer mit diesem dümmlichen Grinsen im Gesicht, das förmlich in seine Züge eingebrannt zu sein schien. Oh, sein Verstand war so traurig wirr, doch er leistete gute Dienste, trotz allem. Für nichts auf der Welt würde sie ihn eintauschen, diesen miesen, schwachsinnigen Kriecher.

Auch Elyssandria machte sich auf den Weg. Über eine verborgene Treppe verließ sie die unterirdischen Gänge der Burg, tauchte wieder ein in das Treiben bei Hofe und genoss die knisternde Anspannung, die um diese Tageszeit ihr Reich erfüllte. Je näher die Nacht rückte, desto unruhiger wurde ihre Dienerschaft. Jeder der Bediensteten ahnte, was auf Cséjthe vorging, und die Dämmerung schien dieses Wissen noch zu vertiefen, es wie mit scharfen Griffeln in die Innenseite ihrer Lider zu ritzen. Wie lächerlich diese Furcht vor der Dunkelheit doch war. Dämonen richteten sich nicht nach einer bestimmten Tageszeit.

Ihr Umhang hing noch über einem Stuhl in ihren Gemächern. Im Unterbewusstsein hatte Elyssandria geahnt, dass sie ihn noch brauchen würde. Im großen Schlafsaal, direkt über ihrem mit seidenen Kissen bestückten Himmelbett, verwahrte sie darüber hinaus ihren kostbarsten Besitz: das Schwert, das ihr vor langer Zeit von in Blut getränkten Händen gereicht worden war. Sie erinnerte sich nicht mehr an den Namen des Mannes, dem sie dieses Vermächtnis zu verdanken hatte, und kaum mehr an die tragische Geschichte, wie dieses Schwert in seinen Besitz gelangt war. Doch der messerscharfe Stahl, sorgsam poliert und von kundiger Hand gewetzt, hatte im Gegensatz zu ihren Erinnerungen all die Jahrhunderte unbeschadet überstanden. Wie viele Feinde hatte sie mit dieser Klinge erschlagen? Wie viele Leben gerettet?

Eine flüchtige Szene nahm vor ihrem inneren Auge Gestalt an: sie, noch ein Mensch und so unschuldig wie all die schönen Mädchen, die sie genommen hatte, und ihr gegenüber Philipp, ihr Cousin, den sie geliebt hatte wie einen Bruder. Das Klingen von Stahl auf Stahl hallte in ihren Ohren wider, vermischt mit dem befreiten Gelächter vergangener Jugendtage.

Ein dunkler Schatten trübte das Bild der Erinnerung, und als Elyssandria die Augen schloss, schob sich eine andere Szene flimmernd über diese Erinnerung: sie, die Philipp in den unterirdischen Gewölben Wiens den Kopf von den Schultern trennte.

Sie vertrieb diese Erinnerungen ebenso entschieden wie alle anderen zuvor und fixierte ihren Blick fest auf die Waffe über ihrem Kopf. Beinahe ehrfürchtig streckte sie die Hände nach dem Schwert aus und hob es aus seiner Halterung. Es erschien ihr viel leichter, als sie es in Erinnerung hatte, und als sie damit einen silbernen Halbkreis in der Luft beschrieb, schien die Waffe jedes Gewicht zu verlieren. Unvermittelt schlug Elyssandrias Herz heftiger, und sie verspürte den unbändigen Drang, sich in ein Gefecht zu werfen, ihre steifen Muskeln geschmeidig zu machen. Die Klinge schrieBlut– dasBluteines Schlachtfeldes, nicht das eines Abendmahls.Blutan ihren Händen, nicht an ihren Lippen.

»Bald«, flüsterte sie bei sich. »Bald.«

Sie vermochte ihre Erregung kaum noch zu zügeln, als sie zum zweiten Mal an diesem Abend die Burg verließ. Sie hatte einen Entschluss gefasst: Sie würde die nahe gelegenen Wälder so lange durchsuchen, bis ihr einer dieser Hunde, die Undine so leichtfertig mitgebracht hatte, über den Weg laufen würde. Die Wölfin war zu weit gegangen – nicht nur, dass sie unerlaubt in Elyssandrias Heim eingedrungen und ihr unter ihrem eigenen Dach Beleidigungen an den Kopf geworfen hatte, nun zog sie auch noch die Aufmerksamkeit der Dorfbewohner auf sich. Was nun folgte, hatte sie sich selbst zuzuschreiben.

Ihr einziger Zeuge bei ihrer Jagd sollte ihr treuer Rappe sein. Er war lange genug von Elyssandrias Witterung umgeben gewesen, um vor den Ausdünstungen der Wolfsmenschen nicht zu scheuen. Natürlich hätte sie einen Reitertross entsenden können, der sich an ihrer statt auf die Suche nach dem Rudel begab, doch sie traute diesem Gesindel nicht. Am Ende wäre alles umsonst, weil irgendeinem Jäger im Suff ihr Name herausrutschte. Dieses Risiko wollte sie nicht eingehen – und außerdem würde sie Freude an der Jagd haben. Ihr Leben bei Hofe mochte bequem sein, aber es war auch eintönig.

Als sie auf das Burggelände hinaustrat, versank sie augenblicklich tief im Schnee. Es schneite, und Elyssandrias Nase verriet ihr, dass ein Sturm im Anzug war.

Elyssandria zerbiss einen Fluch auf den Lippen. Es schien, als würde ihre Jagd noch warten müssen. Wenn das Schneetreiben erst richtig begonnen hatte, würde sie nicht mehr die Hand vor Augen sehen. Selbst sie würde sich in diesem Meer aus Weiß und Kälte hoffnungslos verirren. Ihr blieb keine andere Wahl, als den Sturm abzuwarten und aufzubrechen, sobald der Schnee weit genug geschmolzen war, um ihrem Hengst ein Durchkommen zu ermöglichen.

Sie schloss eine Hand um den Griff ihres Schwertes, so fest, dass das Leder leise knirschte. Sie wollte sich bereits abwenden und zurück ins Innere der Burg kehren, als eine Bewegung hinter dem weißen Vorhang tanzender Flocken ihre Aufmerksamkeit erregte. Für einen Moment erstarrte sie und kniff die Augen zusammen. Die Ställe hoben sich dunkel von dem flirrenden Weiß ab, doch von der Bewegung, die sie zuvor zu sehen geglaubt hatte, war nichts mehr zu erkennen. Elyssandria bezweifelte, dass die Knechte noch bei den Pferden waren; nicht um diese Uhrzeit, und schon gar nicht bei diesen Temperaturen.

Elyssandria schlug die Kapuze ihres Umhangs hoch und ging voran, stapfte durch den tiefen Schnee, in dem sie bis zu den Knöcheln versank. Während sie sich über das Burggelände bewegte, schwoll der Sturm an und pfiff ihr eisig um die Ohren. Es fiel ihr schwer, die Augen offenzuhalten, denn der Wind trieb ihr immer wieder Schneeflocken ins Gesicht, die ihr die Sicht raubten, und so verließ sie sich mehr auf ihr Gefühl als auf ihre Sinne.

Als ihre ausgestreckte Hand suchend gegen das hölzerne Tor stieß, konnte sie ein erleichtertes Aufatmen kaum unterdrücken. Ob Strigoi wohl erfrieren konnten? Bei genauerer Betrachtung würde das sogar Sinn machen, schließlich war auch die Schwester des Eises, das Feuer, eine sichere Methode, ihnen den Garaus zu machen.

Rasch stemmte sie das Tor gegen den wütenden Atem des Sturmes auf und schlüpfte in den Stall. Hier war es nicht merklich wärmer als draußen, doch zumindest war sie vor dem beißenden Wind und dem Schnee geschützt. Noch immer prickelte ihre Haut vor Kälte.

Sie senkte die Hand auf den Griff ihres Schwertes und blickte sich um. Die Pferde in den Verschlägen wirkten nervös – ihre Hufe scharrten unruhig im Stroh, die Ohren zuckten, und ihre Augen huschten immer wieder von einer Seite zur anderen, als suchten sie nach einer Bedrohung, von der sie wussten, dass sie außerhalb ihres Sichtfeldes lauerte. Das Verhalten der Tiere war noch lange kein Beleg für die Anwesenheit eines Eindringlings – es konnte genauso gut Elyssandrias Auftauchen gewesen sein, das die Pferde scheuen ließ, oder der an Kraft zunehmende Sturm versetzte sie in Unruhe. Was Elyssandria jedoch unzweifelhaft verriet, dass sich ein ungebetener Gast in den Ställen aufhielt, war der widerliche, penetrante Gestank, der die Luft erfüllte. Unvermittelt fletschte sie die Zähne zu einer Grimasse.

Dass sie es wagten! Dass sie es wagten, hierher zu kommen, ohne jede Ehrfurcht in ihr Heim einzudringen!

In just diesem Moment nahm Elyssandria eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahr, und ein Körper warf sich gegen ihren Rücken. Obwohl Elyssandria mit einem Hinterhalt gerechnet hatte, reagierte sie trotzdem nicht schnell genug. Bevor sie auch nur dazu kam, ihr Schwert zu ziehen, schnappten die gewaltigen Kiefer des Angreifers nach ihrer Kehle.

Elyssandria brüllte vor Zorn und fegte den Angreifer mit einer weit ausholenden Bewegung beiseite. Ein überraschtes Fiepen erklang, und sie sah, wie sich der Wolf, der sie so feige von hinten attackiert hatte, mit unkoordinierten Bewegungen aufrappelte. Diesmal war Elyssandria es gewesen, die ihren Gegner überrascht hatte.

Mit einem Ruck riss sie ihr Schwert aus der Scheide. Als der Wolf das bemerkte, zögerte er ein weiteres Mal. Seine Körperhaltung drückte Unsicherheit aus, die sich rasch zur Angst steigerte. Allmählich schien er zu begreifen, dass er sich auf einen Gegner eingelassen hatte, dem er nicht gewachsen war.

Dennoch dachte er gar nicht daran, sich zurückzuziehen. Anstatt sein Heil in der Flucht zu suchen, fletschte er die Zähne zu einem Knurren und stürzte sich ein weiteres Mal auf sie. Elyssandria empfing den Wolf mit einer beinahe gelassenen Drehung ihres Schwertarmes, und er musste sich hastig zur Seite werfen, um sich an der scharfen Klinge nicht den Bauch aufzuschlitzen und dabei seine Innereien auf den Holzplanken zu verteilen. Sobald er auf dem Boden aufgekommen war, fuhr er herum und schlug seine Fänge in Elyssandrias schwere Winterstiefel. Der Angriff war hastig und unkoordiniert, und so vermochten die Zähne des Wolfes kaum das Leder zu durchdringen. Elyssandria versetzte ihm einen heftigen Tritt vor die Schnauze, der ihn quer durch den Stall schleuderte und gegen eine der Boxentüren prallen ließ. Das Pferd, das unmittelbar dahinter stand, wieherte schrill und stieg auf die Hinterbeine. Die Hufe trommelten gegen die Wände des Verschlags wie zwei Schmiedehämmer.

Der Wolf schüttelte sich und kämpfte darum, wieder auf die Beine zu kommen, doch diese schienen sein Gewicht nicht mehr tragen zu wollen. Elyssandria kannte kein Mitleid. Mit dem Schwertknauf versetzte sie dem Wolf einen Hieb, der jedem gewöhnlichen Tier die Schädeldecke zerschmettert hätte. Diesem raubte er lediglich das Bewusstsein. Mit einem Winseln brach der Wolf zusammen und rührte sich nicht mehr.

Nun, da Elyssandria Gelegenheit hatte, den Angreifer näher zu betrachten, erkannte sie, wie klein gewachsen und mager dieses Exemplar war. Der Hemykin war kaum größer als ein gewöhnlicher Schäferhund und so ausgezehrt, dass sie mit Leichtigkeit die Rippen unter dem fahlen, grauen Fell zählen konnte. Mit ihren Strigoisinnen witterte sie, wie jung der Wolfsmensch noch war – zwanzig, vielleicht dreißig Jahre alt, also fast noch ein Kind gemessen an anderen seiner Art.

Angewidert rümpfte Elyssandria die Nase. Wie verabscheuungswürdig diese Wesen doch waren – und wie schrecklich dumm. Der unerfahrene Tölpel war ihr direkt in die weit ausgebreiteten Arme gelaufen und hatte ihr viel Arbeit erspart.

Der süße, unverkennbare Geruch nach Blut stieg ihr in die Nase. Zuerst hatte sie ihn nicht weiter beachtet, da sie geglaubt hatte, er würde von dem Wolf stammen, doch je länger sie sich über seinen bewusstlosen Leib beugte, desto mehr wurde ihr klar, dass das nicht stimmen konnte. Der Hemykin zu ihren Füßen hatte nur wenige offene Wunden, und sein Blut roch anders; schärfer und beinahe giftig.

Erst da entdeckte sie das Ausmaß des ganzen Schadens.

Eine Welle heiß lodernder Wut schoss in ihr empor, als sie den noch warmen Kadaver ihres Hengstes in seinem Verschlag entdeckte. Der Eindringling musste das Pferd gerissen haben, kurz bevor Elyssandria eingetroffen war, denn das Blut, das aus der klaffenden Wunde im Bauch des Tieres floss, begann gerade erst, zu gerinnen.

»Bastard«, zischte sie. »Elendiger Bastard.« Sie schmetterte ihren Stiefel in den Brustkorb des Wolfs, der nur schwach zuckte. Mit grimmiger Befriedigung hörte Elyssandria das Knacken von Rippen. In diesem Augenblick wollte sie nichts sehnlicher, als ihre Fingernägel in den Gedärmen dieser Bestie zu vergraben und ihn bei lebendigem Leib auszuweiden. Doch für ihren Plan brauchte sie ihn lebend.

Mit einem letzten, kräftigen Tritt verschaffte sie ihrer Wut Luft, dann rammte sie ihr Schwert in die Scheide. Sie bemerkte erst, wie fest sie den Schwertgriff umklammert hatte, als sie nun versuchte, ihre verkrampfte Hand wieder davon zu lösen.

Sie packte den Hemykin an den Hinterläufen. »Hoffentlich hast du deine Henkersmahlzeit genossen, Wolf«, murmelte sie, während sie den schlaffen Körper über den Boden schleifte.

In seiner menschlichen Gestalt sah der Hemykin ebenso erbärmlich aus wie in dem drahtigen Wolfskörper. Er war ausgemergelt und bleich, als würde seine Haut nicht oft in den Genuss wärmender Sonnenstrahlen kommen, und sein Haar war verfilzt und ungepflegt. Seine Wangenknochen stachen spitz unter seiner Haut hervor. Dass er vollkommen nackt war, ließ ihn noch bedauernswerter aussehen – er fror am ganzen Körper, und seine Zähne klapperten so heftig, dass es ihm kaum gelang, den mordlüsternen Blick aufrecht zu erhalten, mit dem er Elyssandria taxierte, seit er wieder zu sich gekommen war.

Sie konnte gut nachvollziehen, dass er sie nicht unbedingt ins Herz geschlossen hatte. Wahrscheinlich wäre Elyssandria auch nicht gerade glücklich gewesen, wäre sie bewusstlos geschlagen worden und in einem dunklen Kellerverlies wieder zu sich gekommen. Solche Dinge waren ihr schon widerfahren, und sie wusste genau, wie unangenehm einem diese Hilflosigkeit im Angesicht des Feindes war. Auf der anderen Seite des Gitters zu stehen, verlieh ihr dagegen ein gewisses Maß an Befriedigung.

Die Dinge hatten sich vorzüglich entwickelt, viel besser, als sie selbst zu hoffen gewagt hatte. Wenn sie einen von Undines Wolfsmenschen an den Pranger stellte, wären die Gräfin und ihre Dienerinnen rasch vergessen. Nicht nur, dass sie die Morde auf ihre kleingeistigen Gäste abwälzen konnte – das Lamm hatte sich auch noch bereitwillig in die Höhle des Löwen begeben und den Kopf in seinen Rachen gelegt. Sogar den Hemykinen hierher zu schaffen, in die finsteren Gewölbe unter der Burg, hatte sich als überraschend einfach herausgestellt. Anstatt sich mit dem bewusstlosen Wolf erneut durch den Schnee zu kämpfen, hatte sie einen unterirdischen Geheimgang benutzt, der von den Ställen direkt ins schwarze Herz des Schlosses führte. Er war angelegt worden, als sich das Land zum ersten Mal der türkischen Truppen erwehren hatte müssen, und war auch während ihrer Regentschaft instand gehalten worden. Es hätte sich als schwierig erweisen können, ein fünfzig Kilogramm schweres Raubtier unbemerkt in die Burg zu schmuggeln, selbst als Herrin dieses Hauses. Der Weg durch die Hintertür war in diesem Fall eindeutig die bessere Lösung.

Ja, sie hatte in der Tat allen Grund, zufrieden zu sein. Alles lief perfekt – alles, bis auf eine Kleinigkeit. Der Schneesturm machte es ihr unmöglich, sofort aufzubrechen und den Wolfsmenschen dem nächsten Jäger vor die Haustür zu legen. Seit sie die Gewölbe der Burg betreten hatte, hatte sie keinen Blick mehr nach draußen geworfen, doch wenn der Sturm nicht an Kraft verloren hatte, musste die Schneedecke mittlerweile fast einen halben Meter hoch liegen. Vor die Tür zu gehen, noch dazu mit einer Geisel, die Elyssandria in einem unachtsamen Moment die Kehle durchbeißen könnte, wäre blanker Wahnsinn. Sie hatte nicht einmal mehr ein Pferd – zumindest keines, das bei ihrem und dem Geruch des Wolfes nicht in Panik geraten würde.

»Du hast dich also doch entschlossen, mit mir zu sprechen«, stellte Elyssandria fest, während sie den Wolfsmenschen abschätzend musterte. Die Kälte, die in den Gewölben vorherrschte, schien ihm schwer zuzusetzen, und Elyssandria glaubte zu erkennen, wie sich seine Lippen allmählich blau färbten. Er schien tatsächlich stark darauf erpicht, ihr etwas mitzuteilen, wenn er den wärmenden Pelz seiner Wolfsgestalt im Austausch für eine menschliche Kehle opferte.

»K-k-k-k – « Er schien etwas sagen zu wollen, doch seine klappernden Zähne machten seine Worte unverständlich.

»Was sagst du? Du musst schon etwas deutlicher sprechen, Wolfsjunge.«

»M-m-m-ir ist-t-t-t k-k-k-kalt-t-t«, brachte er mühsam hervor.

Anders als Elyssandria sprach er Deutsch. In der Vermutung, dass er ihr Ungarisch nicht verstanden hatte, wechselte sie übergangslos in ihre Muttersprache. »Ja, das kann ich mir vorstellen. Wir haben einen harten Winter dieses Jahr.«

Der Wolfsmann schloss die Augen und erschauerte. »B-b-b-bit-t-t-e«, presste er mit sichtlichem Widerwillen hervor.

Mit demonstrativ langsamen Bewegungen nahm sie ihren Umhang ab und warf ihn durch die Gitterstäbe zu dem frierenden Häufchen Elend. Hastig packte er den Stoff und schlang sich den Umhang fest um den Leib.

Nach einigen Sekunden hob der Mann den Kopf. Da der Umhang vom Schmelzwasser durchtränkt war, konnte er ihm nur wenig Linderung verschaffen, aber zumindest schlugen die Zähne des Hemykins nicht mehr so heftig gegeneinander, dass er Gefahr lief, sich die eigene Zunge abzubeißen. »Danke«, würgte er voller Abscheu hervor, als müsste er an dem Wort ersticken.

»Es wäre eine Lüge, zu sagen, es wäre gern geschehen«, sagte Elyssandria kühl. »Du hast meinen besten Hengst auf dem Gewissen.«

Der Wolfsmann zuckte die Achseln. »Er war der Einzige, der mich nicht zu Tode trampeln wollte. Ein gut erzogenes Tier, das muss man schon sagen. Und sehr schmackhaft.«

»Hüte deine Zunge!«, fuhr Elyssandria ihn an.

Der Hemykin schnaubte abfällig, doch Elyssandria spürte, dass er sie mehr fürchtete, als er zugeben wollte. Er hatte gesehen, wozu sie fähig war, und er würde nicht noch einmal den Fehler begehen, sie zu unterschätzen.

»Was willst du von mir?«, fragte er schließlich. »Du hättest mich mit Leichtigkeit töten können, aber das hast du nicht. Warum? Weshalb hältst du mich hier gefangen?«

»Das hast du dir selbst zuzuschreiben. Du und deinesgleichen, ihr habt es nicht anders verdient. Mit einem Leichtsinn, der alle menschliche Fehler in den Schatten stellt, zieht ihr von einem Ort zum nächsten und mordet munter vor euch hin. Dass ihr damit die Aufmerksamkeit der Leute auf euch zieht, ist euch wohl völlig gleichgültig.«

Der Hemykin lachte rau, doch es klang nicht besonders humorvoll. »Das ist doch wohl unsere Angelegenheit.«

Sie ließ die Hand auf das Heft ihres Schwertes fallen. »Nein, es ist auch die meine! Die Leute reden, und ich kann nicht zulassen, dass irgendjemand auf den Gedanken kommt, eure Leichen auf mein Gewissen zu laden.«

»Auf dein Gewissen?«, echote der Hemykin. Er schüttelte den Kopf. »Ich begreife noch immer nicht, was das mit dir zu tun hat. Ichkennedich nicht einmal!«

Für einen Moment starrte Elyssandria ihn nur wortlos an. Dann brach sie in schallendes Gelächter aus. Der Wolf runzelte die Stirn. »Ich verstehe nicht, wo da der Witz liegt.«

»Natürlich nicht.« Sie schüttelte den Kopf, noch immer grinsend. »Du bist noch viel dümmer, als ich erwartet habe. Ich war sicher, Undine hätte dich geschickt, doch wie es aussieht, vertraut sie nicht einmal ihren eigenen Leuten. Hat sie euch denn nicht gesagt, weshalb sie euch nach Ungarn geführt hat?«

Seine Miene verfinsterte sich. »Hat sie nicht«, gab er mit sichtbarem Widerwillen zu. »Ich war neugierig. Sie war beinahe einen halben Tag lang fort gewesen, und als sie zurückkam, schäumte sie vor Wut. Da sie mir nicht sagen wollte, wo sie gewesen war, bin ich ihrer Fährte hierher gefolgt.«

»Dummer, kleiner Wolfsjunge«, ätzte Elyssandria.

Er schnaubte unwillig. »Dann war sie also hier? Du kennst Undine?«

»Allerdings«, bestätigte sie eisig. »Und das schon beinahe drei Jahrhunderte länger als du. Doch das ist eine Geschichte, die ich dir an dieser Stelle gewiss nicht erzählen werde – vor allem, da ich denke, dass du sie bereits gehört hast, in der einen oder der anderen Form. Wenn du einer von Undines Wölfen bist, musst du sie kennen.«

»Ich bin mehr als das«, sagte der Hemykin. »Ich bin ihr Sohn.«

Das reizte Elyssandria erneut zum Lachen, so heftig, dass ihr Zwerchfell zu schmerzen begann. Dieser jämmerliche Wicht, Undines Sohn? Lächerlich. Wie konnte etwas, das in einem so wunderschönen, engelsgleichen Wesen herangewachsen war, so kümmerlich sein?

»Schluss damit!« Elyssandrias Gelächter schien den Wolf zu beschämen. Vielleicht erahnte er, was sie dachte, vielleicht war es ihm aber auch einfach nur peinlich, in dieser Situation – beinahe nackt und hinter Gittern – auch noch verbal bloßgestellt zu werden.

»Erzähl keine Märchen, Wolfsjunge.«

»Aber es ist die Wahrheit!«, begehrte der Hemykin zornig auf. Es war allerliebst, zu beobachten, wie er über eine solche Banalität die Beherrschung verlor, während er seine Gefangennahme beinahe protestlos erduldet hatte.

»Und mein Name ist nichtJunge. Ich heiße Somnius.«

»Hemykin von Geburt an«, stellte Elyssandria fest. »Undines Sohn.«

»Verdammt, ja!«

Elyssandria grinste weiterhin, doch ihr Grinsen wurde spürbar steifer, während sie diese neue Entwicklung durchdachte. Und zu dem Schluss kam, dass es nicht das Geringste änderte. Elyssandria hätte vielleicht nicht einmal dann von ihrem Plan abgelassen, würde Undine selbst in diesem Verlies sitzen. Sie würde mit Hilfe dieses Welpen die umliegenden Dörfer in Aufruhr versetzen, und dann würde die große Jagd beginnen. Sie wünschte sich nicht den Untergang der Hemykinen, ganz und gar nicht, schließlich hatten sie ihr bereits mehrmals den Hals gerettet. Aber wenn sie ihr geruhsames Leben weiterführen wollte, musste sie Opfer bringen. Das hatte sie schon einmal getan, und sie hatte es bis heute nicht bereut, obwohl das Opfer viel größer und schmerzlicher gewesen war als dieses.

Elyssandria erschauerte unvermittelt unter der Erinnerung. Warum nur musste sie in letzter Zeit ständig an ihn denken? Es musste dieser Geruch sein, dieser grauenhafte, scharfe Raubtiergeruch, den sie damals selbst in ihren Kleidern getragen hatte, bis in die letzte Faser hatte sie ihn durch seine ständige Begleitung in sich aufgesogen …

»Nun weißt du, wer ich bin«, riss Somnius sie aus ihren Gedanken. »Wer aber bist du?«

»In diesem Leben nennt man mich Erzsébet Báthory«, erwiderte Elyssandria. »Einstmals war mein Name Elyssandria … doch das ist lange her. Mir gehört das Land, das du und die deinen so unbedacht mit Blut tränken.«

»Die Blutgräfin!«, entfuhr es Somnius.

»Wie nennst du mich?« Elyssandrias Frage fiel schärfer aus, als sie selbst beabsichtigt hatte.

Dem Hemykin entwich ein dumpfes, zorniges Grollen. »Du beschuldigst uns, rücksichtslose Menschenfresser zu sein, während du in Wahrheit die Wurzel allen Übels bist! Dass ich dir eines Tages gegenüberstehe, du Hexe! Wir beschaffen uns Beute unter Einsatz unseres Lebens, und du, du Verräterin an deiner eigenen Art, lädst dir eine jungfräuliche Hofdame nach der anderen auf dein Schloss und trinkst genüsslich ihr Blut aus kristallenen Bechern! Du bist schuld, dass wir so um unser Leben fürchten müssen, du allein bist verantwortlich für den Aufruhr des Volkes. Unsere Morde fallen auf dich zurück, sagst du? Weißt du, weshalb wir so rücksichtslos handeln und uns nicht mehr verstecken? Weil wir, ganz gleich, ob wir schuldig sind oder nicht, vom Pöbel gejagt werden!«

»Woher weißt du von den Mädchen?«, fragte Elyssandria scharf. »Von deiner Mutter?«

»Undine? Nein, sie hat kein Wort gesagt.« Somnius schnaubte verächtlich. »Die Leute reden über dich. Seit wir hier angekommen sind, reden sie.«

»Und wie nennen sie mich?«, hakte Elyssandria nach. »Blutgräfin?« War das möglich? Stand es bereits so schlecht um ihre Tarnung?

»Sie wissen es! Sie wissen es alle, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich ein Herz fassen und dich vor Gericht zerren. Und dann landest du auf dem Scheiterhaufen!«

Elyssandria verzog verächtlich die Lippen. »Unter anderen Umständen würde ich dir vielleicht recht geben. Doch so, wie die Dinge liegen, ist mir wohl noch ein langes, feuerfreies Leben beschieden. Alles, was diese Menschen suchen, ist jemanden, den sie bestrafen können, einen Sündenbock. Und eben dieser hat sich heute Nacht überraschend bereitwillig in meine Hände begeben.«

Somnius stieß einen wilden, unartikulierten Schrei aus, als er begriff, wovon Elyssandria sprach. »Ich werde ihnen die Wahrheit sagen! Ich werde ihnen sagen, was du in Wirklichkeit bist!«

Elyssandria lachte leise und humorlos. »Sie werden dir nicht zuhören. Du bist nichts weiter als eine Bestie in ihren Augen, ein Ungetüm. Denkst du tatsächlich, du könntest ihnen noch deine Geschichten erzählen, während sie dich mit glühenden Zangen kneifen und dich auf die Streckbank spannen?« Sacht schüttelte Elyssandria den Kopf, und ihre Stimme wurde leiser, verlor sich beinahe in dem hohen Gewölbe. »Sie werden sich so darauf versteifen, deine Artgenossen zu finden und auszumerzen, dass sie völlig vergessen werden, was ich hier im Schatten der Burgmauern treibe. Es wird lange dauern, bis sie sich wieder an mich erinnern. Vielleicht werden sie es niemals tun.«

»Du bist … widerwärtig!«, presste Somnius zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Er zitterte nun wieder am ganzen Leib, diesmal jedoch vor Zorn. »Du wirst meine Familie nicht zugrunde richten, elender Blutsauger! Das lasse ich nicht zu!«

Mit einem Mal war er auf den Füßen und umklammerte die Gitterstäbe seiner Zelle, so fest, dass seine Knöchel weiß unter der Haut hervorstachen. Es überraschte Elyssandria nicht, zu sehen, wie das eiserne Gitter unter seinen übermenschlichen Kräften erzitterte.

»Ich werde dich töten, wenn du uns verrätst!«, schrie er, und es klang mehr denn je wie das Keifen eines hysterischen Hundes. Ein Sprühregen an Speichel begleitete jedes seiner Worte. »Hörst du? Ich werde dich töten! Ich reiße dir deine verfluchte blutgierige Kehle aus dem Hals!«

Elyssandria entblößte die Zähne zu einem Fauchen. So schnell, dass ein menschliches Auge die Bewegung nicht einmal kommen gesehen hätte, fasste sie durch die Gitterstäbe hindurch und umschloss die Kehle des Hemykinen mit eisernem Griff. Somnius´ Augen weiteten sich, und er stieß ein röchelndes Würgen aus. Mit einem Mal verschwand die Wut aus seinem Blick und wich einer tiefen Panik. Seine Hände krallten sich in Elyssandrias Handgelenk und versuchten, ihren Klammergriff zu lösen, doch sie spürte seine Gegenwehr kaum.