Motte und Co Band 1: Auf der Spur der Erpresser - Ulrich Renz - kostenlos E-Book

Motte und Co Band 1: Auf der Spur der Erpresser E-Book

Ulrich Renz

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Beschreibung

Der erste Band der Kinderkrimi-Serie "Motte & Co" - jetzt als kostenlose Ebook-Ausgabe! "Ja, du kriegst die Million …" Motte traut seinen Ohren nicht. Was hat Papa da gerade am Telefon gesagt? Um was für eine Million geht es da? Wer ist dieser mysteriöse Anrufer? Ein zufällig belauschter Anruf bringt Motte und seine Freunde auf die Spur einer Erpresserbande. Mit Scharfsinn und Mut kommen sie dem Geheimnis der Verbrecher immer näher. Dabei merken sie nicht, dass sich die Schlinge auch um sie selber immer enger zuzieht ... Ebenfalls erhältlich: "Auf der Spur der Erpresser" in Einfacher Sprache, zum Einsatz im inklusiven Deutschunterricht, ISBN 9783945090015 (Taschenbuch), 9783945090114 (Ebook) sowie Differenzierte Unterrichtsmaterialien zu "Auf der Spur der Erpresser" mit Arbeitsblättern und Kopiervorlagen, ISBN 9783945090466 (broschiert).

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Seitenzahl: 183

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Ulrich Renz

Auf der Spur der Erpresser

„Auf der Spur der Erpresser“ ist der erste Band der Kinderkrimi-Serie „Motte & Co“

www.motte-und-co.de

 

Weitere Bände der Reihe:

Band 2: „Auf der Jagd nach Giant Blue“

Band 3: „Blutspur“

Band 4: „Die Insel der Drogenbande“

Ebenfalls erhältlich:

Ulrich Renz: Auf der Spur der Erpresser – in Einfacher Sprache ISBN 978-3-945090-09-1 108 S., ca. 30 AbbildungenBand 1 der Serie „Motte & Co“ in leicht verständlicher Sprache und leicht lesbarem Schriftbild. Für den differenzierenden Unterricht geeignet.

 

Stefanie Wolf und Irina Bäcker:Unterrichtsmaterialien zu: Auf der Spur der Erpresser von Ulrich Renz ISBN 978-3-945090-46-6 120 S., ca. 60 AbbildungenVorschläge zur Unterrichtsgestaltung. Mit Kopiervorlagen und Klassenarbeit. Für den differenzierenden Unterricht geeignet.

 

Die Originalausgabe erschien 2005 im Verlag Herder, Freiburg im Breisgau.  Bei der vorliegenden Ausgabe handelt es sich um eine überarbeitete Neufassung. 2. Auflage August 2016 © 2014 by Sefa Verlag, Lübeck, www.sefa-verlag.de

 

Umschlaggestaltung: Ponke Grabo, Berlin, www.ponkegrabo.de

Font Coverlogo „Motte & Co“: „Refurbished“, © Billy Argel, verwendet mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

 

ISBN 978-3-945090-11-4

Steckbriefe Motte & Co

Name: Moritz Blohm, genannt Motte

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: eigentlich keine (wie er selber meint)

Name: Simon Böttcher

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: verträumter Naturfreak, Schwarm aller Mädchen, kleines Sprachproblem

Name: Mariekje Marienhoff, genannt MM

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: meerblaue Augen, Mathegenie und Computerfreak

Name: Jochen, genannt JoJo

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: Großmaul mit Übergewicht. Was Kleidung und Frisuren angeht „dem Trend immer einen Schritt voraus“

Name: Ute Blohm

Alter: gerade 12 geworden

Besondere Kennzeichen: Schwester von Motte. Ziemlich frühreif, steht gerne vor dem Spiegel, quasselt alle an die Wand.

 

Steckbrief Autor

Name: Ulrich Renz, genanntU

Alter: mittelalt

Besondere Kennzeichen: liebt schwäbische Spätzle, hat einen Zwillingsbruder, macht gerne Musik, war einmal Arzt, schreibt jetzt Bücher für Kinder und Erwachsene.

 

Mehr unter www.ulrichrenz.de

Inhaltsverzeichnis

Steckbriefe
Der Anruf
Die Million
Die Freunde
Die Lagebesprechung
Die Spur
Der Biertrinker
Das Bild
Der Boss
Der Plan
Die Kammer
Die Stimme
Das Rätsel
Der Koffer
Der Verdacht
Die Drohung
Die Tiefgarage
Die Zugfahrt
Der Schlüssel im Schloss
Die Botschaft
Der Notruf
Der Schuss
Das Ende
Noch ein Ende
Mehr Motte ...
Impressum

1. KAPITEL

Der Anruf

Was für ein Pisswetter. Motte schimpfte leise vor sich hin, während er wie ein begossener Pudel die Stufen zur Haustür hochstapfte. Mit triefnassen Fingern steckte er den Schlüssel in das Schloss. Angeblich war es ja Sommer, aber seit Wochen hatten sie nichts als Regen.

Im Flur streifte er die Turnschuhe ab, hängte die durchweichte Jacke an den Garderobenhaken und ging in sein Zimmer. Dort arbeitete er sich aus seinen nassen Sachen und kramte im Schrank nach trockenen neuen. Er entschied sich für weiße Socken, eine hellbraune Hose und das dunkel-blaue Sweatshirt. Eigentlich genau das gleiche, was er gerade ausgezogen hatte, stellte er beim Anziehen fest. Wahrscheinlich würde seine Schwester Ute wieder ihren Lieblingsspruch ablassen. „Mit diesen verschnarchten Klamotten brauchst du dich nicht zu wundern, dass sich immer noch kein Mädchen für dich interessiert.“ Ute interessierte sich sehr für Jungs und verbrachte ihre Nachmittage damit, in den verschiedensten Geschäften Klamotten an- und auszuziehen.

Motte wusste ja, dass er nicht zu den spektakulärsten Erscheinungen der neueren Geschichte gehörte. Er war weder besonders groß, noch hatte er irgendwelche Ähnlichkeiten mit den Filmstars auf den Postern in Utes Zimmer. Aber egal, er fand sich ganz in Ordnung – von seinen Haaren vielleicht einmal abgesehen. Schon seit er denken konnte, waren sie so struppig und verwuschelt gewesen, dass er mit Kamm und Bürste erst gar nicht anzufangen brauchte. Ein paarmal hatte er es mit Haargel versucht, aber jedes Mal ausgesehen wie Dracula. Jetzt gelte er nur die Haare vorne ein, sodass sie über der Stirn etwas vorstanden. „Frisur mit eingebautem Regenschirm“, zog sein Vater ihn immer auf, „nimm doch Beton, der hält länger!“ Na ja. Papa sollte sich mal lieber seine eigene Frisur anschauen.

Motte machte es sich auf dem weichen Teppich unter seinem Hochbett gemütlich. Es war einfach obercool, dass die Doppelstunde Deutsch ausgefallen war. Wahrscheinlich war Siegwart nach einer seiner nächtlichen Sauftouren mal wieder nicht in die Gänge gekommen. Jetzt konnte er in Ruhe die Mathehausaufgaben erledigen und dann vielleicht noch sein Buch weiterlesen, einen superspannenden Krimi über eine Erpresserbande. Um halb zwei würde Mama nach Hause kommen, und erfahrungsgemäß ging dann wieder die Hektik los – „Kannst du mal den Tisch decken? ... Die Spülmaschine ausräumen? ... Noch schnell den Müll runterbringen?“ Wenn sie schon mit ihrem „Kannst du mal ...“ anfing, wusste er, dass er die nächsten paar Stunden abschreiben konnte.

Er holte das neue Matheheft aus der Schultasche, das er auf dem Nachhauseweg gekauft hatte. Als er es mit „Moritz Blohm, Klasse 7 c“ beschriftete, musste er unwillkürlich grinsen. „Moritz“, das klang so merkwürdig. Seit er denken konnte, nannten ihn alle „Motte“.

Er hatte gerade mit der ersten Aufgabe angefangen, als die Wohnungstür quietschte. Motte entfuhr ein unterdrücktes Knurren. Konnte man in diesem Haus denn keine Minute Ruhe haben? Sicher war bei Ute auch etwas ausgefallen. Natürlich würde sie sich wie immer sofort ans Telefon hängen, und dann durfte er sich wieder Ewigkeiten das Getratsche mit ihren Freundinnen anhören, und zwar volle Lautstärke. Ihr Mundwerk konnte offensichtlich nicht anders. Meist ging es um diese dämlichen Typen aus der Bravo oder irgendwelche Jungs aus der Parallelklasse. Und Klamotten natürlich, ein anderes Thema gab es nicht mehr. Seit sie vor kurzem zwölf geworden war, benahm sie sich, als wäre sie ihrem Bruder in Sachen Lebenserfahrung meilenweit voraus.

Motte wollte gerade schon zur Zimmertür starten, um sie demonstrativ zuzuknallen, als er im Türspalt Vaters weiße Mähne vorbeihuschen sah. – Was? Papa jetzt schon zu Hause? Sonst kam er nie vor vier Uhr nachmittags heim. Motte kam die Erinnerung an das Frühstück hoch, bei dem Papa elend schlecht gelaunt gewesen war, noch schlechter als er es in letzter Zeit sowieso schon war. Er hatte eine Szene gemacht, weil sich Motte angeblich zu viel Marmelade aufs Brot geschaufelt hatte. Nein, Motte hatte keine Lust auf eine Fortsetzung und beschloss, erst einmal auf Tauchstation zu bleiben.

Er saß gerade über der zweiten Matheaufgabe, als das Telefon ging. Schon nach dem ersten Klingeln hatte Papa abgenommen. Als ob er auf den Anruf gewartet hätte, ging es Motte durch den Kopf. Sonst ließ er das Telefon immer ewig klingeln – wenn er überhaupt dranging.

„Hallo! Hier Blohm ...“ Das Zittern in Papas Stimme ließ Motte aufhorchen. Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. Auf dem Flur hörte er Papa unruhig auf und ab gehen. Ansonsten war lange Zeit gar nichts zu hören.

„Du bist ja wahnsinnig geworden, Peter!“, ging es dann plötzlich los. Es klang wie eine Explosion. „Du bist der Abschaum der Menschheit! Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich verachte!“

Darauf folgte wieder eine lange Stille.

Ganz leise drang es dann zu Motte: „Ja, ich habe die E-Mail erhalten. Aber schneller geht es nun mal nicht. Meinst du, ich kann mal kurz so viel Geld lockermachen, und das alles, ohne dass meine Familie etwas mitkriegt?“

Wieder eine längere Pause.

Dann hörte er wie aus weiter Ferne: „Gut ... Du kriegst die Million ... in vier Wochen.“

2. KAPITEL

Die Million

Mottes Herz fing an zu pochen. Angestrengt lauschte er in die Stille. Aber auf dem Flur waren nur noch Vaters Schritte zu hören, die sich langsam entfernten. Mit einem lauten Schlag fiel die Haustür ins Schloss.

Motte saß wie vom Donner gerührt auf seinem Teppich. Immer wieder ging ihm dieser eine Satz durch den Kopf: „Ja, du kriegst die Million.“ – Eine Million? Um was für eine Million ging es da? Wer war dieser Peter? Was hatte er mit Papa zu tun? Und warum sollte der ihm Geld geben? Wie wollte er überhaupt an so viel Geld kommen? Er hatte als Leiter der Stadtbibliothek sicher kein schlechtes Gehalt, und auch Mama verdiente mit ihrem Halbtagsjob im Bioladen noch etwas dazu, aber eine Million? Daran war doch nicht im Traum zu denken! Sie hatten sich gerade erst vor zwei Jahren dieses Ökohaus gebaut und Motte wusste, dass sie immer noch jeden Monat Geld an die Bank zahlen mussten. Jedenfalls war das Papas Lieblingsargument bei den Taschengeldverhandlungen, die Ute regelmäßig anzettelte, wenn sie neue Klamotten und neuerdings auch Schminksachen brauchte. „Wir alle müssen jetzt ein Weilchen den Gürtel enger schnallen“, sagte er dann immer, mit einem munteren Lächeln, mit dem er wohl zeigen wollte, was für einen Spaß Sparen machen kann.

Und jetzt wollte er kurz mal eine Million auftreiben und sie diesem Peter geben? Da war etwas faul. Nein, megafaul.

Jetzt war auch klar, warum Papa die ganze letzte Zeit so komisch gewesen war. Er war ständig schlechter Laune, an allem hatte er etwas auszusetzen. Die gemeinsamen Fernseh- oder Spieleabende gehörten der Vergangenheit an. Jetzt hieß es nach dem Abendbrot immer gleich „Ab ins Bett!“, und zwar in einem Ton, der jede weitere Diskussion überflüssig machte. Motte merkte es Mama an, wie sehr auch sie unter der schlechten Stimmung litt.

Es war, als ob Papa ein anderer Mensch geworden wäre. Eigentlich war er immer ausgesprochen gutmütig und umgänglich gewesen. Er konnte sogar richtig witzig sein, wenn auch manchmal ein bisschen unfreiwillig. Vor allem aber war auf ihn immer Verlass.

Natürlich hatte er auch seine Macken (er nannte sie „Erziehungsprinzipien“). Und leider war sein Geschmack in manchen Dingen ziemlich eigenartig. Beim Fernsehprogramm zum Beispiel: Fußball war so ziemlich das einzige, worauf man sich mit ihm einigen konnte. Ansonsten schaute er sich am liebsten die Kultursendungen auf Arte an. Ein James Bond war in seinen Augen schon ein Gewaltfilm, der verboten gehörte.

Mit Musik war es ähnlich. Alles, was nach den Beatles kam, war für ihn „Krawallmusik“. Papa hörte nur Musik mit Einschlafgarantie: Klassik, Kirchenmusik, allenfalls mal seine alten Hippieschinken.

Er war einfach in den 70er Jahren stehen geblieben, auch in seinem Äußeren. Er trug die Haare fast schulterlang – zumindest die paar, die er noch hatte. Sie waren schneeweiß, schon so lange Motte zurückdenken konnte. „Ein richtiger Späthippie“, sagte Mottes Freund JoJo immer, und das traf den Nagel auf den Kopf. Es hätte bloß noch gefehlt, dass er sich lila Latzhosen und Jesuslatschen angezogen hätte, und man hätte ihn ins Museum stellen können.

Motte stand auf. Unruhig ging er im Zimmer hin und her und blieb vor dem Fenster stehen. Still und traurig nieselte es draußen vor sich hin. Ihn fröstelte. Was sollte er bloß tun? Alles Mama erzählen? – Nein!, schoss es ihm sofort durch den Kopf. Seine Eltern waren immer ein Herz und eine Seele gewesen. Papa musste einen Grund haben, weshalb er die Sache vor Mama geheim hielt.

Sollte er vielleicht mit Ute sprechen? Er verwarf den Gedanken, so schnell er ihm gekommen war. Sie konnte einfach den Mund nicht halten. Am Ende würden alle ihre zwanzig Freundinnen miträtseln.

Während er in den Regen starrte, wurde ihm plötzlich klar, was zu tun war. Wozu hatte man eigentlich Freunde?

3. KAPITEL

Die Freunde

Bleib mal locker. Das kriegen wir in den Griff!“ Als wollte er seine Aussage bekräftigen, nahm JoJo sehr zackig seine Brille ab und attackierte die Gläser mit dem Hemdzipfel.

Von Simon kam ein leichtes Nicken. Er war – ganz im Gegensatz zu JoJo – kein Freund der großen Worte. Er sagte, was es zu sagen gab, aber auch kein Wort mehr.

Der ewige Regen hatte eine Pause eingelegt. Motte und seine Freunde hockten auf dem Geländer des Parkplatzes am Supermarkt, wo ihr gemeinsamer Nachhauseweg von der Schule endete. Hier, neben dem Häuschen mit den Einkaufswagen, saßen sie immer noch ein bisschen zusammen, bevor jeder die letzten Meter zu sich nach Hause ging. Es war nicht gerade das gemütlichste Plätzchen, das man sich als Treffpunkt denken konnte. Einkaufswagen ratterten, kleine Kinder quengelten, Autos parkten ein und aus, und vom Getränkemarkt kam das Geschepper der leeren Kisten. Aber dafür beachtete sie hier keiner groß.

Motte hatte seinen Freunden alles erzählt – die Sache mit dem Anruf, Vaters miese Laune, die schlechte Stimmung zu Hause. Er hatte sich alles von der Seele geredet und war nun so erleichtert, dass er den beiden am liebsten um den Hals gefallen wäre.

JoJo und Simon waren seine besten, genauer gesagt: seine einzigen Freunde. Manchmal wunderte er sich selber, wie er mit zwei so unterschiedlichen Typen befreundet sein konnte. Schon auf den ersten Blick war ein größerer Gegensatz kaum vorstellbar: JoJo war deutlich kleiner als Simon, dafür aber auch deutlich dicker. Eigentlich hieß er Jochen. Böse Zungen behaupteten, dass sein Spitzname etwas mit seiner Körperform zu tun hätte: klein und rund – wie das gleichnamige Spielzeug eben. Die Ursachen für seine Korpulenz (wie er selbst seine Leibesfülle zu bezeichnen pflegte) waren alles andere als rätselhaft. Sein Speisezettel bestand ausschließlich aus Fast Food. Alles andere betrachtete er mit Misstrauen („da könnte ja sonst was drin sein“). Wenn er bei Motte zu Besuch war und dessen Mutter ihre unvermeidliche Biokost auftischte, machte er jedes Mal ein Gesicht, als ob man ihn vergiften wollte. Sein Lieblingsgetränk war der berühmte „Matsch“. Dabei handelte es sich um eine süße Eispampe, die man mit Strohhalmen aus Bechern trank. Es gab sie in knallrot, lila, giftgrün und grellgelb. Das Ganze kam aus einer Maschine in JoJos Zimmer, die seine Mutter ihm gekauft hatte. Er hatte das Zeug einmal im Urlaub auf Mallorca getrunken und danach erklärt, ohne Matsch könne er keine Hausaufgaben mehr machen.

In Sachen Essen und Trinken war JoJo kompletter Selbstversorger. Seine Mutter war nachmittags bei der Arbeit und kam erst spät abends nach Hause, und auch morgens bekam JoJo sie nur selten zu Gesicht, weil sie noch schlief. Sein Vater war sowieso nie da. Er sei zur See, erzählte JoJo herum, aber Motte wusste von seinen Eltern, dass JoJos Vater vor fünf Jahren mit einer anderen Frau nach Hamburg gezogen und seither nicht mehr aufgetaucht war.

Klarer Fall von Erpressung!“, verkündete JoJo jetzt so laut, dass eine vornehme alte Dame, die gerade mit ihrem Einkaufswagen vorbeikam, ihn ganz erschrocken anblickte und dann hastig weitertrippelte.

Etwas leiser fuhr er fort: „Dieser Peter soll sich mal nicht zu früh freuen. Jetzt kriegt er es mit Profis zu tun!“ Er strich sich mit der Hand zärtlich über die gebleichten Spitzen seiner Igelfrisur. Mit seiner Haartracht war JoJo immer „dem Trend voraus“, wie er sagte. Dasselbe galt selbstverständlich auch für seine Klamotten. Da ging der künftige Trend offenbar zu überweiten Jogginghosen, himmelblauen Sneakers und T-Shirts oder Sweatshirts mit irgendwelchen abgefahrenen Sprüchen drauf. Gerade war Ich könnte es dir erklären, aber will dich lieber nicht überfordern dran. JoJo war das geborene Großmaul. Was aber nichts daran änderte, dass er ein richtig guter Kumpel war.

„Ja, JoJo hat recht“, meldete sich Simon mit seiner sanften Stimme zu Wort. Er biss in einen Apfel und kaute erst einmal in aller Seelenruhe, den Blick irgendwo in die Ferne gerichtet.

Seinem braun gebrannten Gesicht war anzusehen, dass er viel draußen war. Es war von langen strohblonden Haaren eingerahmt, die ihm vorne bis in die dunklen Augen fielen. Simon war der Schwarm aller Mädchen in der Klasse, was er neben seinem Aussehen hauptsächlich seinem schüchternen Lächeln Marke Brad Pitt verdankte. Vor allem die schöne Renate – die sie wegen ihrer großzügig bemessenen und ebenso freizügig gezeigten Oberweite untereinander immer Granate nannten –, himmelte ihn richtig an, was er aber gar nicht zu bemerken schien. Ihm waren Mädchen „total egal“, wie er zu Motte einmal gesagt hatte.

Simon warf den Apfelrest mit einem gekonnten Weitwurf in den Papierkorb. „JoJo hat recht, die Sache sieht ganz nach einer Verpressung aus!“

„Erpressung“, korrigierte ihn Motte.

Simons Deutsch war ziemlich aus den Fugen geraten. Sechs Jahre hatte er mit seiner Familie in Texas gelebt, wo sein Vater als Kinderarzt gearbeitet hatte. In den drei Monaten seit ihrer Rückkehr hatte er zwar schon Fortschritte gemacht, steuerte aber in Deutsch trotzdem auf eine Sechs zu – die aber zum Glück für die Versetzung nicht zählte. Die Regelung galt aber nur für das laufende Schuljahr, weshalb Simon seine Freunde gebeten hatte, ihn bei jedem Fehler zu verbessern.

Simon lächelte. „Ja, Erpressung ... Nur, wie kommen wir an die Erbrecher?“

„Verbrecher ...“ Motte musste sich das Lachen verkneifen.

„Als erstes müssen wir diese Mail checken, von der die Rede war“, sagte JoJo. Er hörte sich an wie der Polizeiboss in den Fernsehserien. „Meine Erfahrung sagt mir, dass uns die weiterbringt.“

„Und sagt dir deine Erfahrung auch, wie wir da dran kommen?“, fragte Motte. „Ich mache jede Wette, dass Papas Laptop mit einem Passwort geschützt ist.“

JoJo wischte den Einwand mit einer Handbewegung weg. „Cool bleiben, Mann.“ Er machte eine kleine Kunstpause. „Ich kenne da jemanden, der uns vielleicht helfen kann.“

„Und wer soll das sein?“, fragte Motte misstrauisch.

JoJo ließ ein Räuspern vernehmen, und blickte konzentriert auf seine Schuhspitzen.

„Jetzt rück schon raus!“

JoJo kratzte sich hinter dem Ohr. „MM.“

Motte schaute JoJo prüfend an. Bei ihm wusste man nie. Aber es schien sein voller Ernst zu sein.

MM hieß eigentlich Mariekje Marienhoff, aber da man dabei einen Knoten in die Zunge bekam, nannten sie alle in der Klasse nur „MM“. Manche behaupteten auch, dass MM für „Mathemausi“ stand, seit sie Herrn Freudenthaler einmal vorgerechnet hatte, dass er bei der Umwandlung eines Bruches an der fünften Stelle hinter dem Komma einen Fehler gemacht hatte. MM war die absolute Überfliegerin, nicht nur in Mathe. Motte konnte sich nicht erinnern, dass sie einmal etwas anderes geschrieben hatte als eine Eins. Aber ansonsten wusste eigentlich keiner etwas von ihr. Sie war nach den Sommerferien in die Klasse gekommen, weil sie eine Klasse übersprungen hatte. Keiner hatte bisher ein Wort mit ihr gewechselt. Nicht, dass sie nicht sprechen konnte – wurde sie aufgerufen, kam die Antwort immer wie aus der Pistole geschossen. Aber von sich aus sagte sie nichts. Sie saß einfach nur brav auf ihrem Platz in der ersten Reihe und lauschte den goldenen Worten des Lehrers. In der Pause stand sie alleine herum. Und natürlich spielte sie Geige im Schulorchester.

Motte konnte es noch immer nicht fassen. „Willst du uns verarschen?“

„Nein, Mann. Aber die könnte uns echt weiterhelfen.“

„Wie kommst du denn da drauf?“

JoJo beschäftigte sich wieder mit seinen Schuhspitzen. „Ich hab sie mal angesprochen ...“

„Angesprochen?“ Simon wirkte richtig aus der Bahn geworfen. „Krass.“

JoJo war es sichtlich unangenehm. Er trat von einem Bein auf das andere, als ob er aufs Klo müsste.

„Ich hatte da mal ein Problem mit meinem Computer ... Und da ihr Vater ja so ein Supercrack ist, dachte ich ...“

Jetzt war der Fall klar. Bei der Vorstellung, ein paar Tage ohne Spiele und Internet zu verbringen, war er durchgedreht und hatte Mathemausi angerufen. Ihr Vater war Professor an der Universität. In der Zeitung hatte es einmal einen Artikel über ihn gegeben. Angeblich war er dabei, den schnellsten Computer der Welt zu bauen.

„Selbst die Leute im Computerladen wussten nicht mehr weiter. Also dachte ich, ich versuch es mal bei MM, vielleicht kann sie ja ihren Vater fragen.“ JoJo hatte ganz rote Ohren bekommen. „Sie meinte nur ganz cool: ,Das krieg ich selber hin. Bring die Kiste mal vorbei.‘ Sie hat dann nur kurz reingeschaut und ein Teil ausgetauscht. Ich sag euch, das ist eine richtige Hackertante.“

„Cool“, sagte Simon, „eine Hacktante können wir gut verbrauchen.“

„Gebrauchen“, verbesserte ihn Motte. „Aber ... die ist doch voll komisch, oder?“

JoJo zuckte nur mit den Achseln. „Ist doch egal, wir brauchen sie jedenfalls. Ich check mal, ob sie mitmacht. Wir sollten uns dann alle heute Nachmittag um drei bei dir treffen, zur strategischen Lagebesprechung.“

„Zur was?“ fragte Motte.

„Nun ja ... so heißt das eben bei den Profis.“ Mehr Erklärung hielt JoJo offenbar nicht für nötig.

„Ich muss los“, sagte Simon. „Nala wartet mich.“

Simon mit seiner Nala. Seit er das dreibeinige Rehkitz vor ein paar Tagen auf einem seiner Streifzüge durch die Natur aufgegabelt hatte, entwickelte er richtige Muttergefühle. Er hantierte mit Milchflaschen und Wärmedecken und schlug sich die Nächte um die Ohren, um das verunglückte Tierchen durchzubringen.

Motte schaute auf die Uhr. „Ich muss auch los!“ – Es war höchste Zeit. Beim Mittagessen ließ Mama nicht mit sich spaßen. „Willst du nicht mit zum Essen kommen?“, fragte er JoJo im Gehen.

JoJo machte ein Gesicht, als ob er eine Einladung zum Zahnarzt erhalten hätte. Erschrocken stammelte er: „Ach, lass mal ... ich bin auf Diät.“

4. KAPITEL

Die Lagebesprechung

Was immer JoJo befürchtet haben mochte – es kam noch viel schlimmer. Eine echte Sternstunde des Familienlebens, ging es Motte durch den Kopf, als er zu Hause am Mittagstisch saß. Mama hatte eine ihrer berüchtigten Ökospezialitäten aufgefahren: Grünkernauflauf mit Sellerie, dazu Rettich mit Magerquark. Schon seit Jahren kochte sie nur noch vegetarisch. Fleisch machte ihrer Ansicht nach krank und dumm, und Zucker war das pure Gift. Die Regel war einfach: Je besser etwas schmeckte, umso giftiger war es.

Heute war das Essen ganz besonders gesund. Und als Beilage gab es dazu Vaters schlechte Laune. Während des ganzen Essens kam kein einziges Wort über seine Lippen. Nur ab und zu ließ er ein leises Brummen hören, mit dem er wohl den Anschein erwecken wollte, dass er sich am Gespräch beteiligte. Aber in Wirklichkeit war er weit weg.

Dafür quasselte Ute ununterbrochen. Sie schien gar nicht zu bemerken, wie gedrückt die Stimmung um sie herum war. Munter plauderte sie über ihre Lieblingsthemen: wer in ihrer Klasse in wen verknallt war, und welche Jungs sie süß fand, und was ihre Freundin Melanie wieder für tolle Sachen angehabt hatte und wo die her waren und wie viel sie gekostet hatten. Irgendwann kam natürlich auch wieder ihr Posterboy aus der Bravo dran – was für ein geiles