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Alle haben sie, fast alle sehen sie, und nur wenige schauen hin: die vereinzelten, transparenten und beweglichen Punkte und Fäden im Blickfeld. In der Augenheilkunde werden sie „Mouches volantes“ genannt und als Glaskörpertrübung verstanden. Doch stimmt diese Erklärung? Der Autor, Floco Tausin, folgt in diesem Buch der seherischen Erfahrung, dass Mouches volantes keine Glaskörpertrübung, sondern eine leuchtende Struktur und ein Ausdruck unseres Bewusstseinszustandes sind. In dieser Sammlung von früher veröffentlichten und überarbeiteten Texten bringt der Autor das physiologische, augenheilkundliche und seherische Verständnis der Mouches volantes in Einklang. Mouches volantes werden als Erscheinung des Sehnervensystems verstanden, als Gegenstand der alternativen Augenheilkunde, des Ayurveda und der Traditionellen Chinesischen Medizin beleuchtet, sowie als Ausgangspunkt für eine alternative Herangehensweise an die Migräne herangezogen.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Floco Tausin
Mouches volantes – Glaskörpertrübung oder Bewusstseinslicht?
Visuelles Nervensystem, alternative Augenheilkunde, Ayurveda, Traditionelle Chinesische Medizin und Migräne-Aura
Copyright © Leuchtstruktur Verlag / Floco Tausin 2022
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Einführung
Mitte der 1990er Jahre begegnete ich im Schweizer Emmental einem zurückgezogen lebenden Mann namens Nestor, der einen einzigartigen und provozierenden Anspruch hat: Er sehe seit Jahren dieselbe Konstellation von riesigen leuchtenden Kugeln und Fäden, welche sich in seinem Blickfeld gebildet haben. Diese Kugeln und Fäden würden am Beginn einer durch unser Bewusstsein gebildeten feinstofflichen Struktur stehen, die wiederum unsere materielle Welt hervorbringen würde. Nestor, der sich als „Seher“ versteht, führt seine subjektive visuelle Wahrnehmung auf seine jahrelangen Bemühungen um Bewusstseinsentwicklung zurück, welche eine entsprechende Lebensweise sowie Praktiken für die temporäre wie permanente Steigerung der Bewusstseinsintensität umfassen. Durch diese körperlichen und konzentrativen Praktiken hätten sich jene Kugeln und Fäden, die zunächst klein, weit weg und sehr beweglich gewesen seien, nun vergrössert, seien näher gekommen, hätten zu leuchten angefangen, und er könne sie nun mit seinem Blick festhalten. Dort, im Zentrum des Sehens, gäbe es eine letzte Kugel, die „Quelle“, in die wir Menschen beim Einschlafen und Sterben eingehen würden. Nestor ist davon überzeugt, dass wenn wir Menschen uns schon zu Lebzeiten so weit als möglich dieser letzten Kugel annähern, wir die Möglichkeit haben, mit vollem Bewusstsein in sie einzugehen – und damit den Tod zu überwinden.
Doppelmembranige Mouches-volantes-Kugeln aus der Sicht eines Sehers. Quelle: Floco Tausin.
Glaskörpertrübung oder Bewusstseinslicht?
Meine Lehrzeit bei Nestor habe ich ausführlich beschrieben (Tausin 2010). Als ich diese Punkte und Fäden selbst zu sehen begann, stellte ich Nachforschungen darüber an. Ich fand heraus, dass dieses subjektive visuelle Phänomen nicht nur bekannt, sondern weit verbreitet war. Das gesellschaftliche Verständnis dieser Erscheinung weicht allerdings erheblich von Nestors Aussagen ab. In unserer Kultur liegt die Deutungshoheit über diese Erscheinung seit Jahrhunderten bei der Augenheilkunde. Dort sind die Punkte und Fäden unter dem Begriff „Mouches volantes“ (frz. für „fliegende Mücken“) bekannt. Mouches volantes sind eine entoptische, d.h. vom menschlichen Sehsystem selbst verursachte Erscheinung. In diesem Fall sind es Trübungen im Glaskörper des Auges, welche die Sicht des Patienten beeinträchtigen. Man erklärt diese Wahrnehmung dadurch, dass der Glaskörper mit zunehmendem Alter schrumpft und sich verflüssigt (Syneresis). Teile des feinen Glaskörpergerüstes aus Hyaluronsäure und Kollagen-Fibrillen verklumpen und werfen Schatten auf die Netzhaut, die als vereinzelte bewegliche Punkte und Fäden sichtbar werden. Mouches volantes gelten als harmlos. Der allgemeine ärztliche Rat lautet, sie zu ignorieren. Zur Vorsorge kann auf eine mögliche Netzhautablösung untersucht werden, was insbesondere dann notwendig ist, wenn die Mouches volantes plötzlich von grossflächigen dunklen Wolken („Russregen“) und Blitzen begleitet werden.
Typische Mouches volantes im Blickfeld. Quelle: Floco Tausin.
Viele Menschen können Mouches volantes sehen, wenn sie sich achten. Für die meisten sind sie lediglich eine Kuriosität, die nicht weiter stört. Es gibt aber auch Menschen, die sich durch die Punkte und Fäden in ihrer Sicht derart beeinträchtigt fühlen, dass sie chirurgische Massnahmen erwägen. Bei der Vitrektomie beispielsweise werden Teile des Glaskörpers entfernt. In der Laser-Vitreolyse hingegen wird versucht, einzelne Fäden durch kurze Laserpulse aufzulösen. Solche Behandlungen sind allerdings riskant und werden von den meisten Ärzten zur Entfernung der harmlosen Mouches volantes nicht empfohlen.
Sind Mouches volantes nun eine Glaskörpertrübung, oder sind sie Bewusstseinslicht? Nestor hat die Mouches volantes als erste Erscheinung dessen identifiziert, was er „Leuchtstruktur“ oder auch „Leuchtkugeln“ und „Leuchtfäden“ nennt und als Bewusstseinslicht versteht. Wenn er damit Recht hat, würde dies eine völlig falsche Einschätzung der Mouches volantes durch die heutige Augenheilkunde bedeuten. Wie kann das sein? Tatsache ist, dass Augenärztinnen und Augenärzte die Mouches volantes in den Augen ihrer Patienten nicht immer erkennen können. Dies trifft nicht nur für den Blick ins Auge mittels Spaltlampe zu, sondern auch für aufwändigere Methoden wie die Ultraschalluntersuchung oder die Optische Kohärenztomographie (OCT). Warum können nicht alle Mouches volantes objektiv festgestellt werden? Von ärztlicher Seite hört man zuweilen, dass manche Trübungen zu klein oder zu nahe an der Netzhaut sind, um sie festzustellen. Demnach sind die verfügbaren Methoden und Geräte einfach noch nicht leistungsfähig genug. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass unter dem Begriff „Mouches volantes“ verschiedene Arten von subjektiven visuellen Erscheinungen zusammengefasst werden, und dass eine davon gar keine Glaskörpertrübung ist. Auch wenn tatsächliche Glaskörpertrübungen und die ersten Erscheinungen der Leuchtstruktur auf den ersten Blick ähnlich aussehen, gibt es bei genauerer Betrachtung klare Unterschiede: Erstere werden eher als Schatten, Schlieren oder Flecken beschrieben, als etwas Dunkles und Unscharfes also. Letztere hingegen sind vereinzelte transparente oder leuchtende Punkte und Fäden mit klaren Konturen. Die Punkte enthalten einen Kern, die Fäden sind gefüllt mit solchen Punkten. Erstere können objektiv festgestellt und behandelt werden, Letztere nicht – weil es sich eben nicht um Glaskörpertrübungen handelt. Worum aber handelt es sich dann? Im ersten Kapitel dieses Buches, Glaskörpertrübung oder Nervensystem?, schlage ich vor, die Leuchtkugeln und Leuchtfäden als eine Erscheinung spezieller Zustände des Sehnervensystems zu begreifen, ähnlich der entoptischen Erscheinungen der Phosphene oder der sog. Formkonstanten. Ich vermute dabei, dass Mouches volantes das Resultat einer frühen Bewusstwerdung der neuronalen Signale in der Sehbahn sind – die Bewusstwerdung auf einer Verarbeitungsstufe, auf der die Mouches volantes-ähnlichen Eigenschaften der rezeptiven Feldern von retinalen und kortikalen Nervenzellen sichtbar werden.
Mouches volantes. Quelle: Floco Tausin.
Werden die Leuchtstruktur Mouches volantes als ein Ausdruck des Nervensystems verstanden, erscheint Nestors Behauptung nicht mehr abwegig, dass die Entwicklung von kleinen beweglichen transparenten Punkten und Fäden, den Mouches volantes, hin zur grossen stabilen Leuchtkugeln und Leuchtfäden eine Frage des Bewusstseins und seiner Entwicklung sei. Auf der Grundlage dieser These könnten in der Augenheilkunde neue Ansätze für den Umgang mit störenden Leuchtstruktur Mouches volantes entwickelt werden. Solche Ansätze würden nicht darauf abzielen, eine Trübung im Auge zu beseitigen. Sondern es ginge darum, die Mouches volantes durch eine gesundheits- und bewusstseinsfördernde Lebensweise aufzuhellen und als bedeutungsvolle individuelle Erscheinung in das Leben der Patientin oder des Patienten zu integrieren. Die westliche biomedizinische Augenheilkunde wird allerdings kaum der Ort für eine solche alternative Herangehensweise sein. Doch wie sieht es aus mit anderen augenheilkundlichen Heilssystemen im Westen und im Osten? Im Kapitel Mouches volantes in der alternativen Augenheilkunde frage ich danach, was westliche Sehtrainerinnen und Sehtrainer über Mouches volantes wissen und wie sie sie behandeln. Denn die Methoden der alternativen Augenheilkunde beinhalten oft die Veränderung des Lebensstils sowie geistig-körperliche und sogar spirituelle Übungen um die Sicht der Patienten zu verbessern – hier gäbe es Raum nicht nur für eine alternative Herangehensweise an Mouches volantes, sondern auch für eine ganzheitliche Interpretation des Phänomens. Doch wird dieser Raum auch genutzt? Dieselbe Frage stelle ich dann für die Augenheilkunden in den östlichen Heilssystemen des Ayurveda und der Traditionellen Chinesischen Medizin. Im Kapitel Mouches volantes aus der Sicht des Ayurveda und der Traditionellen Chinesischen Medizin stelle ich mögliche Entsprechungen der Mouches volantes in diesen Systemen sowie die traditionellen Behandlungsansätze vor. Diese Systeme basieren auf den metaphysischen Grundannahmen der indischen bzw. chinesischen philosophisch-spirituellen Weltanschauungen. Auch hier könnten Hinweise zu finden sein, dass Augentrübungen nicht bekämpft, sondern in Bewusstseinslicht transformiert werden – insofern Heilung im Osten die Wiederherstellung der Harmonie und des Gleichgewichts im Körper und zwischen Mensch und Kosmos meint. Das letzte Kapitel, Die spirituelle Dimension der Migräne-Aura, beschäftigt sich mit einer alternativen und spirituellen Herangehensweise an den weit verbreiteten Migräne-Kopfschmerz. Der Ausgangspunkt sind die entoptischen Erscheinungen – unter anderem die Mouches volantes –, die während der Migräne-Auren auftauchen. Diese lassen die Migräne ähnlich wie die schamanische Trance als eine Bewusstseinsintensivierung erscheinen, ohne dass allerdings das psychophysische System der Patienten damit umgehen könnte. Entsprechend werden Übungen und Verhaltensweisen nahegelegt, die seit jeher in spirituellen Traditionen eingesetzt werden, um das Bewusstsein und den Körper zu stärken und den Energiefluss zu regulieren.
