Möwe, Meer und Mord - Helen Kampen - E-Book
Beschreibung

Journalistin Amadea König freut sich auf ihren Familienurlaub auf Norderney. Besonders weil sie sich nach langer Elternzeit endlich wieder einer Reisereportage widmen kann. Bei ihrer Recherche zwischen Strandkörben, Meeresrauschen und Möwengeschrei findet sie jedoch nicht das erhoffte Schreibfutter – sondern stößt auf einen mysteriösen Mordfall. Schon bald deckt sie mit ihren Nachforschungen mehr auf, als dem kauzigen Kommissar Alexander de Vries lieb ist.

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Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

©2016 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv vorn: Daniel Schoenen/LOOK-foto Umschlagmotiv hinten: fotolia.com/dispicture Lektorat: Christine Derrer eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-968-4 Urlaubskrimi Originalausgabe

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Für meine Liebsten

PROLOG

Er streifte sich die schwarzen Wildlederschuhe von den Füßen und warf Tweedjacke samt Schal auf seine Seite des Betts. Obwohl es spät war, konnte er jetzt nicht schlafen. Was hatte er getan? Er spritzte sich im Badezimmer Wasser ins Gesicht, wusch seine Hände. Er hatte sich schmutzig gemacht. Doch selbst ein Unmaß an Seife verschaffte ihm keine Linderung.

Mit einem Ruck öffnete er die Balkontür, trat hinaus in die Nacht, die vom Vollmond so erhellt wurde, dass es keiner Lampe bedurfte. Normalerweise legte sich das Wellengeräusch wie Balsam um seine Nerven. Doch dieses Mal hatte die tosende Brandung nichts Beruhigendes. Im Gegenteil. Wie in einem Musikstück, das mit Crescendo auf den Höhepunkt zusteuert, schien sich das unablässige Rauschen des Meeres einen Wettstreit mit dem Klang in seinen Ohren zu liefern. Die Töne waren nunmehr bedrohlich. Beängstigend. Feindselig. Was zum Teufel hatte er getan? Sein Projekt gerettet? Sein Leben zerstört? Wie hatte das passieren können, was nie hätte passieren dürfen?

Alles war perfekt geplant gewesen. Die vergangenen Jahre. Die Gegenwart. Die Zukunft. Alles. Bis auf diesen einen verdammten Moment. Er, der stets beherrschte Sympathieträger, hatte die Kontrolle verloren. Nur für einen winzigen Augenblick. Einen unumkehrbaren Augenblick.

Der Abend hatte begonnen, wie er es sich vorgestellt hatte. Sie hatten gefeiert, gemeinsam auf ihren Triumph angestoßen. Zusammen gelacht. Bis zu jenem Moment.

Seine Insel. Die Idylle hatte Blutflecken bekommen. Blutflecken an einem Ort der Ruhe. Einem Ort, an dem lange weiße Sandstrände ein Schutzschild waren. Einem Ort, der zum Innehalten bestimmt war. Dieser Ort war jetzt gezeichnet. Von Mord. Er hatte das Schicksal herausgefordert und diesem Ort nun eine andere Bedeutung aufgezwungen. Eine Bedeutung, die noch lange haften würde.

Immer wenn er in Zukunft die »Sonnendüne« sähe, würde das schlechte Gewissen ihn plagen wie ein böser Moskitostich.

Er trat zurück in das schützende Zimmer und verzichtete beim Gin auf Tonic und Zitrone. Doch bereits nach dem ersten Schluck überlagerte die Erkenntnis das Rauschen in seinem Gehirn: Der Höhepunkt war vorüber. Die Musik zu Ende

FREITAG

Gummistiefel, Regenjacken, Daunenwesten, Matschhosen, Schaufel, Eimer– was brauchten sie noch für ihren Urlaub auf Norderney? Wie oft hatte sie dort Dinge nachgekauft, die mittlerweile doppelt oder sogar dreifach in den Schränken lagen? Als Amadea überlegte, was sie bisher immer vergessen hatte einzupacken, klingelte das Telefon. War es denn wirklich schon elf Uhr? Sie war mit dem Team vom »Terra-Reisemagazin« zu einem weiteren Telefonat verabredet, um allerletzte Informationen für ihren geplanten Reisebericht auszutauschen. Hastig stopfte sie den Kapuzenpullover ihrer Tochter in den Trockner und hetzte los.

Ihr erstes wichtiges Projekt seit über fünf Jahren. Nachdem sie sich endlich überwunden hatte, ihr altes Netzwerk anzuzapfen, ihre früheren Kontakte aufleben zu lassen. Ein breites Grinsen ließ ihre Mundwinkel in die Höhe schnellen. Sie lief in Richtung Telefon. Zu langsam. Das Klingeln hatte bereits aufgehört, stattdessen vernahm sie ihre eigene Stimme, die fröhlich verkündete, dass Familie König gerade nicht zu Hause sei.

»Hallo? Hallo?«, prustete sie hastig in den Hörer, nachdem sie auf den grünen Knopf gedrückt hatte.

»Hallo, Schatz.«

»Du bist es.« Amadea versuchte erst gar nicht, ihre Enttäuschung zu verbergen. Ihr Mann Georg durchschaute sie sowieso, es war zwecklos, sich zu verstellen.

»Danke. Du hast mich schon mal liebevoller begrüßt. Soll ich wieder auflegen?«, fragte er.

»Nein. Hab ich nicht so gemeint. Ich bin nur etwas nervös wegen dieses Telefonats mit ›Terra‹.«

»Amadea, du bist sechsunddreißig, warst früher eine Topjournalistin. Du schreibst einen kleinen Reiseartikel. Hör auf, dir deswegen Gedanken zu machen. Oder gar aufgeregt zu sein. Nicht nötig.«

»Hoffentlich hast du recht.«

Sie setzte sich auf die blau gestrichene Bank in der Diele und sah in den Spiegel. Von ihren blonden Strähnen war kaum mehr etwas übrig, ihre Haut wirkte fahl. Die Augenringe schienen sich jeden Tag tiefer in ihr Gesicht zu graben. War es die fehlende berufliche Herausforderung in ihrem Leben, die sie hatte älter werden lassen? Oder die ständige Hetzerei und der Spagat zwischen Kita, Kindergarten, Haushalt, Supermarkt und ihrem Vierhundertfünfzig-Euro-Job bei der regionalen Zeitung?

»Amadea? Hörst du mir überhaupt zu?«, fragte Georg.

»Ähm. Nein. Entschuldige. Was hast du gesagt?«

»Es wird spät heute.«

»Sag, dass das nicht wahr ist. Ihr habt einen Mord, stimmt’s? Nicht schon wieder«, bat sie, wohl wissend, dass er es nicht beeinflussen konnte, und verdrehte dabei die Augen.

Wie oft war es in der Vergangenheit bereits vorgekommen, dass Georgs Ermittlerinstinkt gerade dann gebraucht wurde, wenn sie in den Urlaub fahren wollten. Meist war er dann zwar nachgereist, aber bis dahin hatte sie die alleinige Animateurin für ihre beiden Kinder spielen müssen.

»Stopp. Amadea. So ist es nicht«, unterbrach er ihren Gedankengang.

»Was? Nicht?«, fragte sie voller Hoffnung.

»Nein. Es gibt keinen Mord.«

Sie sah ihn vor sich. Wie er grinste, triumphierte, dass er sie mit dieser schon fast ungewöhnlichen Neuigkeit überrascht hatte.

»Puh«, atmete Amadea wie beim Pilates ungewollt laut aus. Dabei zog sie ihren Bauch ein. »Keinen Mord? Das heißt, du fährst wie geplant mit uns nach Norderney?«

»Richtig.«

Amadeas Balance war wiederhergestellt. Sie freute sich einfach nur. »Aber warum wird es dann so spät?«

»Meine Vertretung ist krank. Zum Glück gibt es einen anderen Kollegen, der einspringt. Der kann aber erst heute Nachmittag im Kommissariat sein. Die Übergabe wird sicherlich einige Stunden dauern und sich bis zum Abend hinziehen.«

Das wäre unser erster Urlaub zu viert von Anfang an, jubelte Amadea innerlich.

»Was aber heißt, dass du das Auto allein packen musst, wenn du wieder mal mitten in der Nacht losfahren willst«, fügte Georg hinzu.

»Ach, das kriege ich schon hin«, sagte sie leichtfertig und versuchte dabei ihre letzte Autopackaktion zu verdrängen. »Valentina hilft mir bestimmt.«

»Und Henry wirft noch schneller alles wieder raus«, witzelte Georg. »Achte bitte dieses Mal darauf, dass alles fest gesichert ist und nichts durchs Auto fliegen kann«, mahnte er.

Mit einem Blick auf die Uhr rief Amadea erschrocken: »Es ist gleich elf Uhr. Ich muss Schluss machen. Muss mich auf das Gespräch vorbereiten. Tschüss.«

Sie wartete nicht auf die Verabschiedung ihres Mannes, sondern drückte schnell auf die rote Taste, um die Leitung wieder frei zu machen.

Nachdem sie sich an den Küchentisch aus Nussbaumholz gesetzt hatte, schlug sie ihr Notizbuch auf. Der goldfarbene Einband glänzte noch, hatte Georg ihr das Buch doch erst vor wenigen Tagen zum Wiedereinstieg in den Reisejournalismus geschenkt. Ihr Mann, der sie immer unterstützte. Ihr Mann, der ihre Fähigkeiten kannte und an sie glaubte. Sie las sich ihre Notizen ein weiteres Mal durch. Den Titel zu ihrem Artikel hatte sie bereits formuliert: »Norderney– von der Saisoninsel zum Dauerbrenner«.

Als sie auf die Wäscheberge im angrenzenden Wohnzimmer sah, überkam sie ein Grauen. Sie hatte so viel zu tun. Wie sollte sie das heute alles schaffen? Außerdem wusste sie immer noch nicht, was sie zum Anziehen mitnehmen sollte. Jedes Mal das Gleiche. Amadea sah zwar ein, dass ihre schicken Röcke, Blusen und Kleider an der Nordsee fehl am Platz waren. Tagsüber würde sie gewiss alltagstaugliche Kleidung tragen. Aber wenn sie nun abends essen gingen und sie ihren Lieblingsrock und ihre Stiefeletten nur ein einziges Mal ins Restaurant ausführen konnte, würde sich das Mitnehmen doch bereits lohnen. Oder etwa nicht? Sie wollte im Urlaub nicht nur Jeans und Kapuzenpullover tragen, obwohl sie damit in bester Gesellschaft wäre. Schließlich musste die Kleidung bei dem Wind und der ständig wechselnden Witterung eher praktisch als schick sein.

Pünktlich um elf Uhr klingelte das Telefon erneut. Nachdem Amadea kurz Hallo gesagt hatte, stellten sich die Kollegen nacheinander mit Namen vor. Vorsorglich schrieb Amadea alle mit. Virtuelles Team hin oder her. Sie wollte baldmöglichst in die Redaktion fahren und die Neuen auch persönlich kennenlernen. Für einen kleinen Reiseartikel war das ein ganz schön großer Aufwand. Vertrauten die Kollegen ihr nicht, weil sie schon so lange raus war?

Torben, den sie bereits von früher kannte, begann. »Amadea, wir würden gern die wichtigsten Fakten zusammentragen, bevor du dich Richtung Norden begibst. Es hat sich nämlich eine Änderung ergeben. Minimal. Kaum der Rede wert.«

Die anderen lachten. Amadea sah bildlich vor sich, wie sich die Kollegen über den kleinen schwarzen Kasten in der Münchner Redaktion beugten.

»Was denn für eine Änderung?«, fragte sie, die die Flexibilität quasi erfunden hatte. Jedoch nur bis zu einem gewissen Grad. Nicht, wenn es nun darum ging, statt nach Norderney nach Mallorca zu fahren. Im Journalistenleben war schließlich alles möglich.

»Die Reportage eines anderen Kollegen ist uns kurzfristig weggebrochen. Deshalb benötigen wir einen ausführlichen Reisebericht von dir. Allerdings keinen kleinen Artikel, wie ursprünglich besprochen. Du bekommst die Titelstory. Außerdem brauchen wir gestochen scharfe Fotos. Die Kameraausrüstung schicke ich dir direkt in deine Ferienwohnung. Gibst du mir gleich die Adresse, damit ich den Versand in die Wege leiten kann?«

»Kaiserstraße18«, antwortete sie mechanisch. Sie hatten sich dieses Mal in einem der beiden hässlichsten Hochhäuser der Insel eingebucht. Zwölf Stockwerke Betonfassade standen keine hundert Meter vom Strand entfernt. Mit über dreißig Metern ragten die Häuser in Stahlskelett-Bauweise in schwindelerregende Höhen. Von den Balkonen der schlicht designten Türme wurde man mit einem einmaligen Blick über die Ostfriesischen Inseln und die See belohnt. Und mit einem unverwechselbaren Sonnenuntergang.

»Danke.«

Nach einer kurzen Pause, in der Amadea nicht genügend Zeit hatte, die Neuigkeit zu verarbeiten, hakte Torben nach. »Amadea, was sagst du dazu?«

»Ähm.« War das die richtige Zeit? Schließlich hatten sie eine intensive Familienzeit geplant, in der sie sich jeden Morgen vor dem Frühstück eine halbe Stunde ausklinkte, um diesen kleinen Artikel zu schreiben. Nun würde es stattdessen ein Arbeitsurlaub werden. Sie wusste, was damit auf sie zukäme: endlose Abstimmungsschleifen, die sich bis wenige Minuten vor Drucklegung hinzogen. »Super. Das hätte ich jetzt nicht erwartet«, hörte sie die Worte aus ihrem eigenen Mund sprudeln. »Wow. Ich bin dabei.«

Die Titelstory. Endlich wieder eine Titelstory. Sie begann, das Ausmaß der Nachricht zu begreifen. Für die Kollegen bei »Terra« war sie nicht nur die Mutter zweier Kinder, sondern in erster Linie eine gute Journalistin. Eine, der man vertrauen konnte. Eine, auf die man sich verlassen konnte. Eine, die lieferte, wenn es darauf ankam. Um nicht laut zu juchzen, hielt sie sich die Hand vor den Mund. Sie wollte schließlich so professionell wie möglich bleiben. Zum Glück war sie nicht an diese Videokonferenzen angeschlossen, sodass die anderen sie nicht sehen konnten.

»An wie viele Seiten habt ihr gedacht?«, fragte sie, um das Gespräch in Gang zu halten.

»Mindestens zehn, besser fünfzehn«, antwortete Torben knapp. »Dazu kommen die Fotos. Wir müssen die leeren Seiten füllen. Was meinst du? Schaffst du das?«

»Ehrlich gesagt, das kommt ziemlich plötzlich.«

»Das wissen wir. Und Norderney ist jetzt nicht so speziell, dass die Titelstory gerechtfertigt wäre. Aber es bleibt uns keine Wahl. Oder willst du stattdessen in den Oman fliegen?«

»Um Himmels willen, nein. Aber was soll ich denn so viel über Norderney schreiben? Habt ihr ein spezielles Thema oder einen Aufhänger, der zur Ausgabe passt? Die Menschen, die Landschaft?«, erkundigte sie sich. Es war immer gut, die anderen zum Reden zu bringen. Außerdem verschaffte es ihr Zeit zum Nachdenken, um die Informationen zu sortieren.

»Frau König, Sie haben hier völlig freie Hand«, sagte eine Frau, der Amadea bisher nicht persönlich begegnet war. »Sie haben doch früher auch besondere Reportagen und Geschichten veröffentlicht. Lassen Sie sich etwas einfallen. Etwas Außergewöhnliches, etwas Spannendes.« Sie begann zu husten. »Entschuldigung. Am besten nicht das übliche langweilige Gedöns über Unterkünfte und Restaurants«, fügte sie hinzu. »Wir sind eine moderne Zeitschrift. Wir wollen Norderney nicht den Menschen schmackhaft machen, die ohnehin seit zwanzig Jahren hinfahren.«

Amadea hatte aufmerksam jedem Wort gelauscht, wie früher als Schülerin beim Diktat. Diese Informationen trafen aus ihrer Sicht einfach nicht auf Norderney zu. Außergewöhnlich waren auf Norderney die Frisuren der Menschen, wenn sie ihre winddichten Mützen abzogen. Oder die Klamotten, mit denen sie sich gegen Wind und Wetter wappneten, um die salzhaltige Seeluft so intensiv wie möglich auszunutzen. Als spannend konnte man vielleicht die zahlreichen Neubauten bezeichnen, die mit einer Präzision in die Höhe gebaut wurden, dass die Immobilienpreise in der Zwischenzeit mit denen in München konkurrieren konnten. Seit einigen Jahren schwelte auf der Insel ein Zwist zwischen Norderneyern und Investoren. Während die einen ihre Heimat verlassen mussten, weil die Wohnungen zu teuer geworden waren, kauften die anderen Wohnraum auf, um ihn zu renovieren und renditestark an Feriengäste zu vermieten. Aber war das ein Thema für ein Reisemagazin? Bis auf diese Wohnraumverknappung hielt sich auf Norderney hartnäckig die Konstanz. Eine Beständigkeit, die es in der schnelllebigen Welt kaum noch gab. Eine Vertrautheit, auf die man zurückgriff. Jedes Mal, wenn man in Norddeich die Fähre betrat und für eine Zeit lang Abschied nahm vom Leben auf dem Festland. Waren das sogar die Hauptgründe, warum die Urlauber Jahr für Jahr wiederkamen?

Amadea atmete hörbar aus. »Okay. Norderney ist eigentlich eine Insel der Ruhe. Eine Insel des Friedens. Dort über ein außergewöhnliches oder gar ein spannendes Thema zu schreiben, ist eine echte Herausforderung«, begann sie. »Ich denke mal, dass tratschende Mütter, die während ihrer Mutter-Kind-Kur in Supermärkten die Kassen blockieren, kein Thema für eine umsatzstarke Reportage sind.« Sie lachte. »Ich mache mir meine Gedanken dazu und melde mich Anfang der Woche, wenn ich vor Ort bin.«

Torben antwortete prompt: »Alles klar. Aber denk bitte an den Redaktionsschluss. Der ist nach wie vor nächsten Donnerstag. Soll heißen, allzu viel Zeit hast du leider nicht.«

»Keine Sorge. Ihr könnt auf mich zählen«, sagte Amadea zuversichtlich, bevor sie sich voneinander verabschiedeten.

Sie stand auf und ging aufgeregt in ihrer Altbauwohnung hin und her. Der lange Flur machte es ihr einfach, einige Meter zurückzulegen, um nachdenken zu können. Einerseits freute sie sich und war unglaublich stolz. Nach so vielen Jahren bekam sie aus heiterem Himmel eine Chance, die sie nicht hatte ausschlagen können. Doch andererseits stand sie vor einer Herausforderung, der sie vielleicht nicht gewachsen war. Nicht mehr. Sie war seit Langem nicht mehr phantasievoll gewesen– außer, wenn es darum ging, die Freizeit mit ihren Kindern zu gestalten. Die Artikel, die sie in den letzten Jahren für die regionale Zeitung geschrieben hatte, waren thematisch eng vorgegeben gewesen und hatten dreihundert Wörter selten überschritten. Außerdem hatte sie für die Kurzberichte über den Obst- und Gartenbauverein oder die Gemeinderatssitzungen in ihrem Bezirk ungefähr so kreativ sein müssen wie eine Buchhalterin bei der Steuererklärung eines Auszubildenden. Wie sollte sie sich nun eine außergewöhnliche Story über Norderney aus den Fingern saugen? Eine Story, die die Insel und ihre Bewohner dennoch realistisch darstellte? Und das auch noch in wenigen Tagen.

»Schluss mit dem Bagatelljournalismus. Das ist das Ende der Scheißjobs der vergangenen Jahre«, murmelte sie erleichtert.

Umgekehrte Welt. Nun musste sie nur noch ihrem Mann beibringen, dass dieses Mal sie es war, die im Urlaub arbeitete und weniger Zeit für die Kinder hatte.

***

Als er auf die Uhr schaute, erschrak er. Kurz vor sechs Uhr. Alexander de Vries hetzte aus dem Kommissariat. Für das Abendessen mit langjährigen Freunden brauchte er unbedingt das Dry-Aged-Rindersteak, das er beim Metzger bestellt und bereits bezahlt hatte. Die Abkürzung durch den verkehrsberuhigten Bereich am Stadtrand von Aurich verschaffte ihm kostbare Sekunden. Er parkte seinen Dienstwagen im Halteverbot vor der Metzgerei und beeilte sich, das Ladengeschäft zu betreten.

»So viel Glück wie Sie hat kein Rind auf der Weide«, begrüßte ihn Frau Jansen. »Wir haben noch genau eine Minute geöffnet.«

Er kannte die Angestellte seit Langem und schenkte Frau Jansen ein smartes Lächeln.

»Ohne die Steaks wären Sie bei Ihren Gästen ziemlich aufgelaufen«, stichelte sie, während sie ihm die Tüte mit dem Fleisch in die Hand drückte.

»Danke.« De Vries nickte ihr zu, bevor er sich umdrehte.

»Viel Spaß und gutes Gelingen«, wünschte ihm Frau Jansen und schob ihn mit dem Schlüssel in der Hand zur Tür.

»Wenn die Qualität ist wie immer, mache ich eine Punktlandung.«

»Ist gut. Raus jetzt.«

Er stieg ins Auto und winkte ihr zum Abschied zu, doch sie war bereits damit beschäftigt, die Rollos herunterzulassen.

Als er einen Parkplatz vor dem Häuserblock suchte, in dem er eine Zwei-Zimmer-Wohnung bewohnte, sah er sie bereits. Im Hauseingang stand sie, die Kapuze ihrer dunkelblauen Windjacke eng über den Kopf gezogen. Die Löcher in ihrer Jeans hatten sich seit ihrem letzten Treffen beträchtlich vermehrt. Ihre schwarzen Stiefel erinnerten ihn an die Vertreter, die auf Demonstrationen ihrem Unmut Luft verschafften. Er schaute auf seine Uhr. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, wenn er seinen Gästen wie versprochen um halb acht ein Menü auftischen wollte.

Was machte sie hier? Er schüttelte nachdenklich den Kopf. Hatte er sich bei ihrem letzten Besuch nicht klar ausgedrückt? Für ihn war die Zahlung ein monatliches Pflichtprogramm, das ihn jedes Mal an den größten Fehler in seinem Leben erinnerte. Ungeplant und mit der falschen Frau.

De Vries packte die Tüte mit dem Fleisch und stieg aus. Er vernahm die Basstöne von Meghan Trainor.

Als er sich näherte, schaute sie auf, nahm die Stöpsel aus den Ohren und schaltete die Musik aus. »Hi«, sagte sie, ohne zu lächeln.

»Was willst du?«, entgegnete er, bevor er seine Lippen zusammenpresste.

»Bin abgehauen. Muss irgendwohin.« Sie lehnte lässig an der Hauswand.

Er hasste es, wenn sie ihren Kaugummi zur Schau stellte. De Vries hoffte, sich verhört zu haben. »Was ist los?«

»Ich brauche meine Freiheit. Mama will mich einsperren. Sie spinnt.«

»Warum kommst du damit zu mir?«, fragte er, von dem unerwarteten Besuch überrumpelt.

SAMSTAG

Herrlich. Wie hatte Amadea das vermisst! Fehlten nur noch ein Milchkaffee, ein Stück Sanddornkuchen und ein Babysitter. Wann hatte sie sich eigentlich das letzte Mal zurückgelehnt und einfach nur den Augenblick genossen? »Ah«, brummte Amadea mit einem tiefen Seufzen in der Stimme vor sich hin, während sie sich auf dem breiten Sofa mit dem Salz-und-Pfeffer-Muster niederließ und sich genüsslich streckte. »Das tut gut.«

Die gleißenden Sonnenstrahlen tanzten auf der Wand und verliehen dem Wohnzimmer der Ferienwohnung ein attraktives Licht. Zumindest die Sonne tat ihr Bestes, Amadeas Glücksgefühle zu beflügeln. Der Urlaub könnte perfekt sein. Wäre da nicht dieser enorme Zeitdruck, einen Riesenartikel schreiben zu müssen.

»Was tut gut, Mami?«, fragte Valentina mit ihrer lila-pink-gestreiften Jacke in der einen und der Stoffpuppe in der anderen Hand.

Amadea gähnte. »Sich auszuruhen, Schatz. Ich bin die halbe Nacht Auto gefahren, während ihr alle drei selig geschlafen habt.« Sie lächelte. Obwohl sie sich bei dem monotonen Geräusch des Motors zahlreiche Gedanken über ihre Reportage gemacht hatte, war eine zündende Idee bisher ausgeblieben. »Irgendwie sind wir schließlich hierhergekommen. Oder meinst du, wir haben uns hierhergebeamt wie in Raumschiff Enterprise?«

»Was heißt ›gebeamt‹, Mami?«, fragte ihre Tochter.

»Durch die Gegend fliegen wie Bibi Blocksberg auf ihrem Besen. Nur schneller«, lachte Amadea amüsiert.

»Das stimmt nicht«, entgegnete Valentina mit erhobenem Zeigefinger. »Ich war wach. Ich habe geschaut, dass du in die richtige Richtung fährst. Bei Himmelsrichtungen kennst du dich nicht aus.«

Wie konnte eine Sechsjährige bereits derart vorlaut sein? Von wem hatte sie das eigentlich? Sie strich ihrer Tochter über den Kopf. Henry saß im Gegensatz zu ihr ganz ruhig auf dem Boden und war dabei, die Schublade des Wohnzimmerschranks auszuräumen. Er war ein gemütlicher Junge, der mit wenig zufrieden war und sich auch gern einmal allein beschäftigte. Soweit man das bei einem Kind von eineinhalb Jahren bereits beurteilen konnte.

»Ich helfe dir bei deiner Geschichte. Du bist die Beste.« Valentina drückte Amadea einen Kuss auf die Wange.

»Kannst du Gedanken lesen, oder woher weißt du, dass ich an die Arbeit denke?«

»Du hast so tiefe Falten auf der Stirn. Was soll sonst der Auslöser dafür sein? Von uns hat gerade niemand etwas angestellt. Gehen wir jetzt an den Strand?« Valentina stampfte mit ihrem rechten Fuß auf. »Wo sind meine Gummistiefel?«, fragte sie, während sie auf die beiden Koffer zeigte, die unausgeräumt im Flur standen. Ihre blonden Locken kräuselten sich wie Engelshaar um ihr Gesicht. Bevor Amadea antworten konnte, sagte Valentina bestimmt: »So, wie ich das sehe«, ihr Zeigefinger war erneut erhoben, »sollte ich das Auspacken übernehmen. Wahrscheinlich stecken die Dinger nämlich ganz unten drin. Wie immer.«

Ruhe. Amadea sehnte sich nur nach einer Stunde Ruhe, einfach auf dem Sofa liegen und entspannen. Es schepperte. Ihr Wunsch wurde in diesem Moment nicht erhört. Im Gegenteil. Als sie in die Richtung schaute, aus der das Geräusch gekommen war, sah sie die Ursache. Ihr Sohn hatte sich mit einer Kaffeetasse angefreundet und diese offensichtlich für einen Ball gehalten. Die feinen Stückchen des ostfriesischen Porzellans verteilten sich auf dem braunen Eichenparkett wie Laub unter einem Baum. Henry schien Gefallen daran gefunden zu haben, denn er hatte schon den dazugehörigen Unterteller in der Hand.

»Nein«, schimpfte Amadea, während sie aufsprang, ihrem Sohn das Geschirrteil entriss und ihn auf den Arm nahm. »Was machst du? Du weißt doch, dass du das nicht darfst. Georg, könntest du dich bitte um die Scherben kümmern?«, rief sie ihrem Mann zu, der seelenruhig am Fenster stand und gedankenverloren auf das Meer starrte.

Ein herrlicher Blick, den sie vom Balkon ihrer Ferienwohnung in der ersten Reihe am Meer hatten. Wie gern hätte auch sie sich noch länger dem Ausblick hingegeben, doch die Scherben waren wichtiger. »Nun mach schon. Das Meer ist später auch noch da«, forderte sie ihn ungeduldig auf. Sie wollte Verletzungen um jeden Preis vermeiden.

Henry begann zu schreien.

Ein schreiender Sohn und eine vorwitzige Tochter. Das war’s dann wohl mit Ausruhen. »Bitte«, sagte sie erneut, während sie Georg am Ärmel zupfte.

Endlich wandte er sich Richtung Mülleimer. »Ist gut. Ich erledige das.«

Seine Augen blickten durch sie hindurch. Bereits seit einigen Wochen hatte Amadea das Gefühl, dass ihn etwas belastete, vielleicht sogar lähmte, und ihn handlungsunfähig erscheinen ließ. Burn-out. Zwei Worte, die in aller Munde waren und heutzutage fast schon inflationär benutzt wurden. Doch sie hatte sich informiert. Sämtliche Anzeichen sprachen dafür. Wie übrigens auch seine Reaktion. Jedes Mal, wenn sie ihn auf sein lethargisches Verhalten ansprach, reagierte er abweisend. Bestritt, dass es ein Problem gab. Ob sein Job und der zunehmende Sparzwang, der auch vor Polizeirevieren nicht haltmachte, dafür verantwortlich waren? Oder die tägliche Konfrontation mit dem Bösen? Sie würde später einen erneuten Versuch starten, zu ihm durchzudringen.

»Ich mach das. Ich kann das machen«, rief Valentina und rannte zur Abstellkammer, um gleich darauf mit Kehrschaufel und Besen zurückzukommen.

»Nein, dein Vater kümmert sich darum. Zu gefährlich für dich«, ermahnte Amadea sie.

»Papa«, schluchzte Henry, während er die Arme in die Höhe streckte. »Papa.«

»Nun gut. Da«, sagte Amadea und übergab Georg den blonden Wonneproppen, der ihr auf Dauer sowieso zu schwer wurde. Sie nahm Valentina den Besen aus der Hand und fegte geschickt die Scherben zusammen. Sie ignorierte die Mülltrennung, die auf Norderney peinlich genau durchgeführt und streng kontrolliert wurde. Zumindest, wenn sie die Überwachungskameras im Müllraum der Wohnanlage ernst nahm.

»Okay, erledigt«, sagte Amadea, während sie sich in der offenen Küche die Hände wusch. Auch von hier war der Blick auf das Meer grandios. »Wir sind im Urlaub. Vielleicht schaffen wir es die nächsten Tage ohne weitere unglückliche Zwischenfälle.«

»Wir sind im Urlaub. Du nicht«, erinnerte Georg sie. »Du musst eine Reportage schreiben, von der viel abhängt, zum Beispiel, wie deine Karriere als Journalistin in Zukunft weitergeht.«

»Vor dem Schreiben habe ich keine Angst«, meinte Amadea selbstbewusst. »Wenn ich doch nur schon das Thema wüsste. Das ist wie bei einem Marathonläufer, der seit Jahren aus dem Training heraus ist. Der kann auch nicht aus dem Stegreif zweiundvierzig Kilometer rennen. Der muss erst mit kürzeren Strecken anfangen«, erklärte sie ihre Furcht mehr sich selbst. »Aber was schlägst du vor? Soll ich mich hier einschließen und mir etwas Fiktives ausdenken? Und damit die wertvolle Zeit, die ich mit euch verbringen könnte, mit Tastenklimpern vergeuden? Das will ich auch nicht. Wir müssen raus. Mit den Leuten sprechen. Vielleicht findet sich so auch ein spannendes Thema, an das ich noch nicht gedacht habe. Vielleicht sogar ein Aufhänger.«

»Bist du sicher?« Georg war unschlüssig. »Ich will nicht, dass du wieder die gleichen Fehler machst wie früher und der Stress dich überfällt. Das vertrage ich nicht. Nicht jetzt. Ich brauche auch dringend Erholung. Und zwar so richtig.«

»Ich weiß.« Amadea umarmte ihren Mann. »Lass uns den Urlaub genießen. Notfalls muss ich eben nachts schreiben. Das hat früher auch funktioniert«, fügte sie hinzu, obwohl sie wusste, dass sie diesen Plan heutzutage nur schwer umsetzen konnte.

»Stimmt. Aber damals musstest du nicht mitten in der Nacht Brei kochen und einen Jungen vor dem Verhungern retten.«

Sie straffte die Schultern. »Das Leben ist eben voller Herausforderungen. Lamentieren bringt nichts. Was ist, wollen wir in der ›Sonnendüne‹ ein Stück Kuchen essen?«, schlug sie vor, um die Stimmung ein wenig aufzuheitern. »Die gute alte Tradition erhalten?«

»Ja, Kuchen! Juhu«, jubelte Valentina. »Ich nehme ein großes Stück Schwarzwälder Kirschtorte.«

Georg verzog die Stirn. »Muss das sein? Die haben dort nicht einmal alkoholfreies Bier, und die Preise sind total gesalzen.«

»Ich weiß. Aber die Aussicht von oben ist grandios. Heute ist schönes Wetter. Da können wir bis nach Juist sehen.« Amadea verschränkte die Arme vor der Brust. »Außerdem mache ich das so, seit ich nach Norderney fahre. Seit über dreißig Jahren.«

»Juist sehen wir auch von der Promenade aus«, korrigierte Valentina sie.

»Ach, kommt schon. Mir zuliebe, wie immer ein einziges Mal.« Amadea blinzelte Georg an und gab ihm einen Kuss. »Gib es doch zu, der Frankfurter Kranz schmeckt dir dort am besten.« Sie wandte sich an Valentina. »Und danach gehen wir an den Strand.«

»Also gut«, stimmte er zu. »Aber du, junges Fräulein, bekommst vielleicht einen Schokokuchen, keine Schwarzwälder. Du weißt doch genau, dass die Alkohol enthält.«

»Wenn Oma sie backt aber nicht.« Valentina verzog das Gesicht, bevor sie am Reißverschluss des großen Koffers zerrte, um endlich ihre Utensilien herauszukramen.

Nachdem sie die Fahrräder und den Fahrradanhänger mit den Gummistiefeln, Matschhosen, Schaufeln und Eimern bepackt hatten, spazierten sie die wenigen Meter zur »Sonnendüne« hinüber. Der wolkenlose Himmel und die strahlende Sonne ließen eigentlich einen herrlich warmen Maitag vermuten, doch auf der Promenade angekommen, überfiel sie der Wind, der auf Norderney zu jeder Jahreszeit gegenwärtig war. Amadea zog den Reißverschluss ihrer Daunenweste zu, bevor sie Henry eine Mütze aufsetzte.

Wie sehr hatte sie das Wasser vermisst. Durch das unablässige Rauschen der Wellen verblassten Probleme zu Kleinigkeiten. Einen Moment lang blieb Amadea stehen, um den Augenblick zu genießen. Sie ließ ihren Blick schweifen. Achtete nicht auf die vielen Spaziergänger, die ihr meckernd oder lächelnd auswichen. Entdeckte das Festland, das so ungeheuer weit weg erschien. Schaute nach Juist, das so nah wirkte, als könnte man hinüberschwimmen. Einfach über die sich kräuselnden Wellen hinweg. Schnell zwischen den beiden Bojen hindurch. Hin zum gegenüberliegenden Strand.

Sie atmete die salzhaltige Nordseeluft tief ein und bedächtig wieder aus. Amadea lächelte. Sie war zum richtigen Zeitpunkt hier. Das Meer hatte ihr schon immer ein Gefühl von Freiheit gegeben. Mut. Auftrieb. Enthusiasmus. Sie ballte die Hand in ihrer Daunenweste zu einer Faust.

»Ich bin eine Marathonläuferin. Ich schaffe alles, was ich mir vornehme«, sagte sie laut, doch der Wind verschluckte ihre Worte.

Valentina hüpfte aufgeregt zu Amadea und nahm sie an der Hand. »Es ist so schön hier«, posaunte ihre Tochter aus und sprach ihr damit aus der Seele.

Einige Möwen wackelten die Promenade entlang, andere kreisten über ihnen. Auf der Suche nach etwas Essbarem kamen sie den Spaziergängern gefährlich nahe. Besonders gefährdet waren diejenigen, die sich für die To-go-Variante eines Fischbrötchens entschieden hatten.

Amadea und Georg ketteten ihre Fahrräder an den überfüllten Fahrradständer. Sie stiegen die Treppen zu dem Lokal hinauf, um auf die kleine Anhöhe zu gelangen. Von hier oben war der Ausblick noch gigantischer. Das Meer lag vor ihnen wie ein unterwürfiger Diener, die Spaziergänger ähnelten geschäftigen Boten und unterstrichen damit die herausragende Lage der »Sonnendüne«. Während Cafés und Restaurants anderswo auf der Insel eröffneten und nach wenigen Jahren wieder schlossen oder den Pächter wechselten, hielt sich die »Sonnendüne«, seit Amadea denken konnte. Als Kind war sie mit ihren Eltern in jedem Urlaub mindestens einmal hier hochgekommen. Sie hatte sich auf den Besuch gefreut wie auf Weihnachten, denn auch sie hatte sich schon als kleines Mädchen aus der großen Auswahl ein Stück Kuchen aussuchen dürfen. Diese Tradition hatte sie fortgeführt, seit sie mit ihrer eigenen Familie nach Norderney fuhr.

Sosehr sich andere Gebäude auf der Insel weiterentwickelten oder gar neu gebaut wurden, war die Renovierungsphase bei der »Sonnendüne« noch nicht angekommen. Das Lokal hätte bereits seit Jahrzehnten einen neuen Anstrich vertragen können. An manchen Stellen war die weiße Farbe so stark abgeblättert, dass das braune Holz durchschimmerte. Die salzige Luft tat ihr Übriges. Jedes Jahr sah die Fassade renovierungsbedürftiger aus. Die Fenster waren mittlerweile so blind, dass man das Innere nur erahnen konnte. Aber das alles war Amadea egal. Für sie zählte die Macht der Gewohnheit.

Obwohl es sonnig war, zog Amadea es vor, einen windgeschützten Platz im Innenraum zu suchen. Zunächst ignorierten sie die Tafeln, auf denen mit Kreide die aktuellen Spezialitäten und Tagesempfehlungen angepriesen wurden. Als sie durch die Tür ins Lokal traten, schien es jedoch wie eine Reise in eine andere Welt. Vieles hatte sich verändert, seit sie das letzte Mal hier gewesen waren. Die Vorliebe für Kitsch und Krimskrams überraschte Amadea. In der Zwischenzeit hingen sogar Pferdebilder an der Wand. Vermutlich ein Versuch von Barbara Cuvelier, ihre Pferdezucht in Bordeaux nicht zu vergessen. Doch musste sie ihre Sehnsucht unbedingt an diesem Ort ausleben? Offensichtlich hatte sich Frau Cuvelier, die Tochter des ursprünglichen Pächters Herrn Deckena, mit ihrem Stil durchgesetzt. Jürgen Deckena war vor knapp zwei Jahren bei einem Autounfall verletzt worden und seither an den Rollstuhl gefesselt. Seine Tochter hatte die Einrichtung mit wenigen Investitionen radikal verändert. Wo früher dunkelgrüne Samtvorhänge eine Antikausstellung ins Bewusstsein gerufen hatten, hingen nun geblümte Schals an den Fenstern. Exakt darauf abgestimmte Kissen zierten die noch immer moosgrün bezogenen Stühle. Sie erinnerten Amadea an die Blumenwiese im Jardin du Luxembourg in Paris. Auch auf der Speisekarte fand sich das französische Flair wieder: Statt Schwarzbrot mit Krabben wurde nun Baguette mit geräuchertem Lachs und Kaviarcreme angeboten.

Trotz aller Versuche, das Lokal zumindest optisch zu modernisieren, konnte die stickige Luft im Inneren nicht über die Feuchtigkeit hinwegtäuschen, die sich im Laufe der Zeit eingeschlichen hatte. Auch der rote Teppichboden hatte seine besten Jahre hinter sich und war mittlerweile mit Flecken übersät. Das Dach wurde von mehreren barocken Säulen getragen, doch die abblätternde Farbe komplettierte das Verlangen nach einer Generalsanierung.

Amadea fand einen schönen Platz, von wo aus sie einen Blick nach draußen werfen konnten. Sie setzten sich und warteten auf den Kellner. Amadea breitete eine Fülle an Baggern, Traktoren, Malbüchern und Stiften aus ihrer überdimensionalen Tasche auf dem Tisch aus. Die exklusive Handtasche hatte sie sich selbst zum Dreißigsten geschenkt, erstanden auf einer Dienstreise in einem Designer-Outlet in Barcelona. Valentina begann zu malen. Henry zog es sofort auf den Boden, um durch das Lokal zu wackeln. Dabei nutzte er jeden Stuhl als Gehhilfe und juchzte vor Freude. Die Gäste sahen ihm amüsiert zu. Einzig der Kellner konnte seinen grimmigen Blick nicht verbergen.

Nach einigen Minuten, in denen sich noch niemand um sie gekümmert hatte, stellte sich Amadea an den Tresen. »Haben Sie einen Kinderstuhl für meinen Sohn?«, erkundigte sie sich und suchte die üppige Kuchenauswahl, einen der Hauptgründe für ihren Besuch. Doch statt der klassischen Sanddorntorte entdeckte sie bunte Macarons mit Sanddornfüllung in der Theke.

»Wozu? Sehen Sie hier etwa ein Schild mit der Aufschrift ›Kinder willkommen‹? Nehmen Sie Ihr Kind doch auf den Schoß«, schnauzte der Kellner sie an, bevor er abzog. Der Mann war mindestens Mitte fünfzig, seine Haare waren nach hinten gegelt. Amadea musste bei seinem Anblick an einen Politiker denken, dessen Name ihr partout nicht einfallen wollte. Sein rollendesR passte irgendwie zu seinen markanten Wangenknochen. Sein ganzer Auftritt verriet, dass mit ihm nicht verhandelt werden konnte.

Hatte sie sich gerade verhört? Die guten Kuchen, gepaart mit der tollen Aussicht, waren es bislang immer wert gewesen, die »Sonnendüne« zu besuchen. Doch nun? Amadea hatte den ursprünglichen Pächter sehr gern gemocht. Mit seiner freundlichen Art hatte sich das Lokal in den vergangenen Jahren zu einem beliebten Treffpunkt gemausert.

Hatte Barbara Cuvelier etwa nicht nur die Einrichtung französisch gestaltet, sondern auch die garstige Unfreundlichkeit französischen Personals auf Norderney eingeführt? Was bezweckte sie damit, wo doch ihr Vater sehr lange dafür gebraucht hatte, das Lokal zu dem zu machen, was es war: Ein Ort, an dem man sich heimisch fühlte und gern gesehen war. Doch alles veränderte sich.

Vielleicht war es mittlerweile an der Zeit, sich neu zu orientieren und ihre eigenen Traditionen zu überdenken. Andere Erlebnisse zu ritualisieren. Amadea hatte einen Gedankenblitz. Sie könnte doch die Gastronomie auf Norderney zum Thema ihrer Reportage machen. Im Zuge dessen würde sie nicht über die positiven Erfahrungen auf der Insel berichten, sondern die miserablen Zustände in Restaurants wie der »Sonnendüne« anprangern. Stoff, der in ihrer Phantasie schon fast zu einem Krimi reifte. Sie schüttelte den Kopf und wischte einen Krümel von der Theke. Denn so verlockend ihr die Idee zunächst erschienen war, passte das Thema eher in ein Restaurantmagazin als ins »Terra-Reisemagazin«. Außerdem hatte Torben genau das in der Telefonkonferenz ausgeschlossen.

Der Kellner kam wieder.

»Wir würden gern bestellen«, beharrte Amadea.

Der Kellner schaute sie nicht an, sondern konzentrierte sich darauf, heißes Wasser in ein Teekännchen aus Silber zu füllen. »Warten Sie, bis ich zu Ihnen komme«, entgegnete er mürrisch mit einem Akzent, den sie von ihrer polnischen Nachbarin gut kannte. »Sie sehen doch, dass ich gerade beschäftigt bin.«

Amadea sah sich um. Tatsächlich waren einige Gäste da, jedoch war er nicht der Einzige, der an den Tischen bediente. Auch Frau Cuvelier servierte Kaffee und Tee. Meistens saß der ehemalige Pächter in seinem Rollstuhl an der Tür zur Küche und beobachtete das Geschehen. Heute allerdings war er nicht da.

»Es geht sicher schneller, wenn ich es Ihnen direkt hier sage«, flüsterte Amadea, ohne sich von seiner abweisenden Art anstecken zu lassen. »Wir sind ganz pflegeleicht. Wir hätten gern ein Stück Frankfurter Kranz, ein Stück Schokoladenkuchen und eine Schwarzwälder Kirschtorte. Dazu eine Apfelschorle und zwei Kännchen Kaffee. Bekommen Sie das hin?«, fragte sie unschuldig. Sie zwang sich sogar zu einem Lächeln, obwohl sie ihn am liebsten in seinem heißen Teewasser ertränkt hätte.

»Frankfurter Kranz ist aus. Und Schwarzwälder haben wir schon lange nicht mehr.«

»Dann nehmen wir stattdessen noch einen Schokokuchen und für mich die Macarons mit Sanddornfüllung.«

»Aber nur, weil Sie zwei Kinder dabeihaben und ich will, dass die beiden schnellstmöglich verschwinden.«

»Wir können unseren Kaffee auch anderswo trinken.« Langsam reichte es ihr. Was sollte denn dieser kinderfeindliche Quatsch hier? Das war doch mal ein Thema für eine spannende Reportage. Sie sah den Titel bereits vor sich: »Mit Kindern nach Norderney– wo Sie auf keinen Fall einkehren sollten«.

Als Amadea sich umdrehte, sah sie einen Rollstuhlfahrer. Er steckte neben der Theke zwischen einer Säule und einem Stuhl fest. Barbara Cuvelier sprach aufgeregt mit dem Kellner. Sie schüttelte heftig den Kopf, bevor sie mit dem Zeigefinger auf sich selbst zeigte und nickte. Amadea hätte zu gern den Inhalt des Gesprächs erfahren, doch sie war zu weit entfernt. Sie eilte zu dem Rollstuhlfahrer und befreite ihn, indem sie den Stuhl zur Seite schob.

»Danke. Das ist nett.« Sein ergrauter Vollbart passte perfekt zu seiner bärigen Stimme. Er schaute verwirrt in Barbara Cuveliers Richtung. Er hatte anscheinend gehört, was Amadeas Ohren verschwiegen geblieben war.

»Keine Ursache.« Amadea ging zurück zu ihrer Familie, zwang sich, ruhig zu bleiben. Sie wollte sich ihre Wut nicht anmerken lassen.

Doch Georg war nicht nur ein besonders einfühlsamer Ehemann, sondern als Ermittler darauf spezialisiert, Dinge zu erkennen, die ein anderer nicht bemerkte. Er konnte in den Menschen lesen, ohne dass es irgendwelcher Worte bedurfte.

»Was ist los?«, fragte er und schaute sie liebevoll an.

»Nichts.« Amadea setzte sich und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Liebes, du kannst mir nichts vormachen. Der Kellner?«

»Gegenfrage: Was hältst du davon, wenn ich Kinder zum Gegenstand meines Artikels mache? Also kinderfreundliche Restaurants, Unternehmungen mit Kindern. Ein Rundum-sorglos-Programm für Familien. Ganz ohne arrogante Kellner.« Für ihr gelöstes Lachen erntete sie einen weiteren strafenden Blick von diesem.

»Daher weht der Wind. Ihm passt es nicht, dass hier der Nachwuchs sitzt.« Georg winkte ab. »Ärgere dich nicht. Ist das eine neue Macke von denen hier? Früher war das doch ganz anders.« Er streichelte Valentina über die Wange. »Zu deinem Thema: Das ist eigentlich eine nette Idee. Aber mit spannend und außergewöhnlich hat das nichts zu tun. Das muss dir klar sein.«

Amadea sah sich um. Hinter ihr hatte es sich der Rollstuhlfahrer mittlerweile an einem Tisch gemütlich gemacht und wartete darauf, bestellen zu können. Der Mann wurde von einer hübschen Blondine begleitet. Schneller als erwartet trat Barbara Cuvelier an seinen Tisch und raunte ihm etwas zu, was Amadea leider nicht verstand. Sie rückte mit ihrem Stuhl ein wenig nach hinten und spitzte ihre Ohren.