Mr. Duckworth sammelt den Tod - Tim Parks - E-Book

Mr. Duckworth sammelt den Tod E-Book

Tim Parks

0,0
10,99 €

Beschreibung

Morris Duckworth ist älter geworden, verheiratet mit Antonella, der dritten und ältesten Trevisan-Schwester, erfolgreicher Vorstand des Familienimperiums und Kunstsammler – von Gemälden, auf denen Gewalt und Tod abgebildet sind. So kann er seine freie Zeit in Betrachtung von Taten verbringen, von denen er hofft, sie niemals wieder selbst verüben zu müssen. Aber als Morris dem Museum der Stadt eine prächtige Ausstellung vorschlägt, um so alles, was er über Mord, Totschlag und Ästhetik weiß, mit der Welt zu teilen, werden ihm Hindernisse in den Weg gestellt, die auch in dem sanftesten Größenwahnsinnigen mörderische Instinkte hervorrufen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 568

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Tim Parks

MISTER DUCKWORTH SAMMELT DEN TOD

Kriminalroman

Deutsch von Ulrike Becker

Verlag Antje Kunstmann

Inhalt

Cover

Titel

ERSTER TEIL

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

ZWEITER TEIL

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

Impressum

ERSTER TEIL

1

MORRIS WÜRDE ZU SPÄT ZU der Feier erscheinen. Das war angemessen für jemand so Wichtiges wie ihn. Immerhin fand sie zu seinen Ehren statt. Aber nicht so spät, dass man es als respektlos empfinden könnte; mangelnder Respekt vor denen, die eine Ehrung vornehmen, mindert den Wert der Anerkennung. Er betrachtete sich im Spiegel, während er mit ruhiger Hand eine Tonbridge-College-Krawatte fest um seinen immer noch straffen, stattlichen Nacken legte. Er würde elegant aussehen, ohne unterwürfig zu wirken; weder zu förmlich noch zu leger. Hier kam es auf die Feinheiten an, und seine diesbezügliche Treffsicherheit und Ungezwungenheit gehörte zu den Vorzügen des Älterwerdens. Ungezwungen: das war es. Morris würde ungezwungen wirken, im Einklang mit der Welt, mit sich selbst, seinem narbigen Gesicht, dem schütter werdenden Haar; im Einklang mit seinem Reichtum, seiner Frau, seiner wunderbaren Familie, seinem prächtigen Palazzo und jetzt, endlich, dieser in extremis gewährten Auszeichnung. Ende gut, alles gut. Du kannst dich glücklich schätzen, Morris Duckworth, sagte er laut zu sich selbst und setzte ein gewinnendes Lächeln auf. Nein, ein Gewinnerlächeln; kein quälender Stachel des Unmuts, keine Spur mehr von dem alten Groll. Danke, Mimi, sagte er tonlos zum Spiegel und bewunderte das Strahlen seiner blauen britischen Augen. Danke, danke, danke!

»Cinque minuti«, flötete eine Stimme von unten. Es hätte das geliebte tote Mädchen selbst sein können!

»Con calma!« rief Morris fröhlich. Schließlich wohnten sie nur einen Steinwurf vom Zentrum der bürgerlichen Macht entfernt. Das einzig Bedauerliche war, dass sie hier nur in Verona waren, in la misera provincia; an der Piazza Bra, nicht der Piazza di Spagna. Andererseits, wenn man bedachte, wie dreckig Rom war. Wie chaotisch. Und wie grau, grimmig und grobschlächtig Mailand. Diese adrette kleine Stadt ist dein Schicksal, Morris. Sei froh.

Als er aus dem Badezimmer kam und mit einer schnellen Handbewegung den Blick auf seine Rolex freigab, stellte er fest, dass es tatsächlich Zeit wurde. Le massime autorità würde schon warten.

Die höchste Obrigkeit! Auf Morris!

»Papá!«, ertönte abermals die Stimme. Die wundervolle, Mimi-beschwörende Flüsterstimme seiner Tochter. Sie war ungeduldig. Dennoch konnte Morris nicht widerstehen und betrat das Kunstzimmer, um noch einen Moment mit seiner neuesten Errungenschaft alleine zu sein.

Der schwere alte Rahmen lehnte an einem Sessel. Morris hatte sich noch nicht entschieden, wo er ihn aufhängen wollte. Er strich mit dem Finger über die Leisten. Wie schnörkellos er war! Die Vergoldung wirkte trüb, sie war eingedunkelt, ohne Zweifel vom Kerzenrauch. Er mochte den Gedanken an düstere alte Interieurs, die durch flackernde Kerzen noch dunkler wirkten. Aber auf dem Bild selbst gingen zwei Frauen eine helle Straße hinunter. Es war im Heiligen Land, vor Jahrtausenden: zwei voluminöse Gestalten, von hinten gesehen, in wallenden Gewändern. Zwischen ihnen trug die rechte Frau einen flachen Korb, den sie mit einer Hand auf ihrer Hüfte fixiert hatte. Er war zum Teil bedeckt, aber das weiße Tuch war verrutscht und entblößte, unbemerkt von den beiden Frauen, die ihres Weges gingen, für das Auge des Betrachters nicht einen Laib Brot oder einen Stapel Wäsche, auch keinen Berg frisch gepflückter Weintrauben, sondern das verzerrte, erstaunt blickende Gesicht eines bärtigen Mannes: General Holofernes! Dem sein assyrischer Kopf abgeschlagen worden war.

»Papá, verdammt noch mal!«

Und dann eine tiefere Stimme: »Morries! Du darfst den Bürgermeister nicht warten lassen.«

Morris runzelte die Stirn; warum nur fühlte er sich so sehr zu diesem Bild hingezogen? Zwei Frauen, die einen abgeschlagenen Kopf trugen. Aber die ganz Szene wirkte so ruhig und das Gebaren der beiden war so entspannt, dass es ebenso gut der morgendliche Einkauf hätte sein können.

»Dad!«

In ihrer Ungeduld verfiel Massimina ins Englische. Morris drehte sich abrupt auf dem Lackleder-Absatz um und ging zu der breiten Treppe. Als er leichtfüßig die Steinstufen hinabsprang und dabei eine frisch gewaschene Hand über die Rundung des glänzenden Marmorgeländers gleiten ließ, präsentierten sich seine beiden Frauen unten in vollem Glanz: Antonella prachtvoll und matronenhaft in sanftem Kastanienbraun; Massimina gertenschlank in Eierschale, alle beide nach bester Trevisan-Tradition mit einer großzügigen Oberweite ausgestattet. Morris lächelte zuerst dem einen, dann dem anderen Gesicht zu, hauchte Küsschen auf die gepuderten Wangen und sah sich in den strahlenden Fenstern der vier nussbraunen Augen gespiegelt. Nur sein Sohn hatte das graue Duckworth-Blau geerbt.

»Wo ist Mauro«, fragte Morris, als er sich von seiner Frau zurückzog. Ihre goldenen Kruzifixe ärgerten ihn noch immer, aber er hatte gelernt, sie gewähren zu lassen. Er war kein Kontrollfreak.

Antonella war schon auf dem Weg zur Tür, wo die alte, bucklige Maddalena den Nerz ihrer Herrin bereithielt. Antonella schob die Arme in die üppigen Ärmel. »Der Kardinal wird auch da sein«, sagte sie, »und Don Lorenzo. Wir sind spät dran.«

»Aber wo ist Mauro? Ohne Mauro können wir nicht gehen.«

Morris verstand nicht, warum seine Frau das Problem nicht ernst nahm. Oder warum das klapprige Hausmädchen nicht, wie extra angewiesen, eine gestärkte weiße Schürze über seinem schwarzen Kleid trug. Schließlich war dies ein Anlass für familiären Stolz.

»Ich glaube, Mausi ist gestern Abend gar nicht nach Hause gekommen«, sagte Massimina.

»Du glaubst es?« Morris blieb auf der Schwelle stehen. »Von wo nicht nach Hause gekommen? Hast du ihn denn nicht angerufen?« Der Gedanke, dass ein Sohn von ihm den Spitznamen Mausi trug, gefiel ihm gar nicht.

»Er kommt bestimmt direkt dorthin«, sagte Antonella nachsichtig. Sie stand jetzt auf dem Innenhof, wo Wasser über die steinernen Pobacken eines jungen Merkur spritzte, der scheinbar im Begriff war, aus einer flachen Schale aus porösem Travertin zu entfleuchen. Überall an den umliegenden Wänden rankten am ockerfarbenen Stuck zwischen den grünen Fensterläden Weinreben hinauf, und gleich unterhalb des Daches nutzte eine Sonnenuhr das knackige Winterwetter, um all jene, die solche Uhren noch lesen konnten, darauf aufmerksam zu machen, dass Morris jetzt wirklich zu spät zu der Feier kam, auf der man ihm die Ehrenbürgerschaft und den Schlüssel der Stadt Verona verleihen würde.

»Er wollte zum Spiel.«

»Was?«

»Brescia, Auswärtsspiel. Ich hab ihn angerufen, aber sein Handy ist aus.«

»Er weiß doch, wann die Feier ist, caro.« Antonella lief schnell zurück und griff nach dem Arm ihres Mannes. »Wir haben gestern noch darüber gesprochen.« Ihr Verhalten, wenn Morris sich die Zeit genommen hätte, darüber nachzudenken, war eine charmante Mischung aus Sorge und Nachsicht. Sie behandelte ihren Mann wie einen ungezogenen Jungen und lenkte damit erfolgreich vom Benehmen ihres aufmüpfigen Sohnes ab. »Bestimmt ist er schon da, wenn wir ankommen. Wir dürfen den Bürgermeister nicht länger warten lassen. Der Einzige, auf den es heute ankommt, bist schließlich du, Morries.«

Das war ein so angenehmer Gedanke, dass Morris sich bereitwillig mitziehen ließ, durch den großzügigen Torbogen hinaus in das von Designermode dominierte Treiben auf der Via Oberdan. Aber dennoch, er hatte nicht bei einer der teuersten Schulen im guten alten England für seinen Sohn eine zweitägige Beurlaubung erbeten und ihm auch noch einen British-Airways-Flug spendiert, damit der Bengel sich eigenmächtig absetzte und den großen Augenblick seines Vaters versäumte. Aus irgendeinem Grund drängte sich der Begriff ›Krönung‹ auf: Morris würde zum König von Verona gekrönt werden. Er runzelte die Stirn, um den Gedanken zu verscheuchen; man durfte sich so etwas nicht zu Kopf steigen lassen.

»Übrigens, wer hat denn gewonnen?«, fragte Antonella. Morris’ Frau strahlte eine gewisse Noblesse aus; sie trug den Nerz zum ersten Mal in diesem Winter.

Massimina hakte sich am anderen Arm ihres Vaters ein. »Brescia, leider«, seufzte sie. »Einziges Tor in der Nachspielzeit.«

Gut aufgehoben zwischen den beiden, auch wenn er es befremdlich fand, dass seine Tochter so groß war, staunte Morris, wie gut seine Frauen über derart triviale Dinge Bescheid wussten. Was genau war eigentlich die Nachspielzeit? Er hatte das nie ganz verstanden. Dad hatte ihn nicht dabeihaben wollen, wenn er ins Stadion an der Loftus Road ging, und sein Sohn hätte sich ohnehin niemals mit einem Mann blicken lassen, der eine grün-weiße Bommelmütze trug.

»Aber wenn er nicht nach Hause gekommen ist«, wandte er ein, »wo war er dann über Nacht? Und warum hat mir keiner etwas davon gesagt?«

Es blieb keine Zeit für eine Antwort, denn als sie von der Via Oberdan auf die weite Freifläche eines der größten Plätze Italiens hinaustraten, mussten sie feststellen, dass die Piazza Bra im Augenblick alles andere als eine Freifläche war. Ausgerechnet an diesem Vormittag hatte man angefangen, die Stände für den Mercatino di Santa Lucia aufzubauen. Verdammt. Vom majestätischen römischen Amphitheater über die ganze Breite des Liston, vorbei an Viktor Emanuel auf dem bronzenen Pferd bis hinüber zur österreichischen Uhr, die schwach beleuchtet über dem Torbogen der Porta Nuova hängt, wimmelte es auf dem gesamten kopfsteingepflasterten campo von fahrenden Händlern, extra-comunitari und allerlei exotischen Gestalten aus der Poebene, die aus Fertigteilen zahllose Stände für den Verkauf von überteuerten torroni, Zuckerwatte und anderen volkstümlichen Süßigkeiten zusammenzimmerten. Es war das Gelobte Land der Zahnärzte, was Morris flüchtig daran denken ließ, dass dies ein weiteres Gebiet war, auf dem sich sein Sohn als teure Investition erwiesen hatte.

Durch die Schwaden von Diesel-Abgasen der Lastwagen, von denen Krimskrams und Weihnachtsschmuck aller nur erdenklichen Art abgeladen wurde, vom Aufbau eines Karussells ganz zu schweigen, wirkte der Palazzo Barbieri, ehrwürdiger Sitz der Veroneser comune, auf der anderen Seite des Platzes plötzlich unerreichbar weit weg. Morris wäre beinahe in Panik verfallen. Und wenn sie nun die Veranstaltung absagten? Oder sein verspätetes Eintreffen als absichtliche Brüskierung missdeuteten? Der Verkehr ließ sich kaum als Ausrede benutzen, wenn man nur dreihundert Meter entfernt in einer Fußgängerzone wohnte. Morris ging schneller, zog anfangs noch seine beiden Frauen mit sich, befreite sich dann aber aus ihrem Griff, um zwischen einer Wand aus panettoni und deren anzüglich grinsendem Verkäufer hindurchzutauchen. Der Mann war eine von diesen untersetzten, dunkelhäutigen Figuren, die man mit Schwarzmärkten auf der ganzen Welt in Verbindung bringt. Es war eine Schande! Er würde den Bürgermeister darauf ansprechen.

»Da-ad!«, beschwerte sich seine Tochter. »Wieso musst du es immer so eilig haben?« Erst jetzt bemerkte Morris, dass das Mädchen für den Weg über ein Meer aus Kopfsteinpflaster Schuhe mit zehn Zentimeter hohen Absätzen angezogen hatte. Die erste Massimina, die nur halb so groß war wie sie, hätte es besser gewusst. Und er hatte seine erste Liebe für dumm gehalten!

Antonella lachte. »Hier entlang, Mr. Nonchalant«, sagte sie und zog ihren Mann nach links, weg von der Menge und in die kleine Straße hinter dem Amphitheater hinein. Hier hatten sie fast sofort freie Bahn, und obwohl der Umweg die Strecke um etwa hundert Meter verlängerte, wurde Morris schnell klar, dass alles gut gehen würde. Gott sei Dank hatte er eine praktisch veranlagte Frau geheiratet! Viel vernünftiger als ihre lieben dahingeschiedenen Schwestern. Trotzdem ging er forschen Schrittes weiter, vorbei an Bettlern und Maroni-Verkäufern, ehe sich womöglich noch etwas anderes zwischen ihn und den längst überfälligen Lohn seiner Bemühungen drängte. Seine Selbstgefälligkeit von vor zehn Minuten kam ihm jetzt vor wie ein Wolkenkuckucksheim, und Morris wusste aus bitterer Erfahrung, dass jeder Versuch, sie wiederzuerlangen, sinnlos war. Um eine derart positive Stimmung zu festigen, brauchte es Wochen der Sorglosigkeit und den Erwerb wichtiger Kunstwerke; oder zumindest einen traumhaften Nachmittag mit Samira.

Während sie auf der einen Seite an einem Café vorbeigingen, das heiße Schokolade mit Schlagsahne anpries, und auf der anderen am Kartenbüro des Amphitheaters, wo die weltweit größte Ausstellung mit Bildern der Geburt Christi versprochen wurde – Werke von den Philippinen bis zu den Färöer Inseln! –, bemühte sich Morris unwillkürlich einen Augenblick lang, zwei scheinbar weit auseinanderliegende, sich aber gleichermaßen aufdrängende Gedankengänge zusammenzubringen: erstens die Erinnerung daran, wie er dreißig Jahre zuvor durch genau diese Straßen getrottet war, als erbärmlicher Sprachlehrer, der mit gesenktem Kopf von einer Privatstunde zur nächsten hastete und nach der Pfeife knauseriger Leute tanzen musste, die reicher und dümmer waren als er selbst (die liebe Massimina gehörte auch dazu, das musste leider gesagt werden); und zweitens die Überlegung, dass sein Sohn zu einem Fußballspiel an einem Winterabend wohl kaum seine Tonbridge-Schuluniform getragen haben dürfte; selbst wenn der Junge also an diesem Vormittag bei der Feierlichkeit auftauchte, nachdem er sich die Nacht über mit irgendwelchen Schlägertypen in einem dubiosen Vorort herumgetrieben hatte, dann würde er mit Sicherheit keine gestreifte Krawatte in Bordeauxrot und Schwarz tragen, die zu seiner eigenen passte. Erst jetzt, während er noch im Schatten des römischen Amphitheaters neben der keuchenden Antonella voranschritt, die sich in ihrem Pelzmantel alle Mühe gab, mit ihm Schritt zu halten, wurde Morris bewusst, wie sehr er sich auf diese kleine Zurschaustellung einer Komplizenschaft zwischen Vater und Sohn gefreut hatte; es war die Art von vielsagendem Detail, von dem er gerne annahm, dass ein modebewusstes Veroneser Publikum es mit einem kleinen Stich des Neids bemerken würde: Stil mochten die Italiener im Überfluss besitzen, aber nicht die nüchterne Gediegenheit einer großen britischen Bildungsanstalt. Was, wenn man es sich recht überlegte, bedeutete, dass der undankbare Junge gar nicht erst zu der Zeremonie zu erscheinen brauchte. Vielleicht sollte ich ihn aus Tonbridge herausnehmen, überlegte Morris, mir die Siebzigtausend im Jahr sparen und den Jungen zwingen, sich als Englischlehrer durchzuschlagen, so wie ich es damals musste. Na bitte! Morris erkannte, dass die beiden Gedankengänge schließlich doch noch einen offensichtlichen und zweckmäßigen Link gefunden hatten – sein verwöhnter Sohn musste dringend auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden –, und war plötzlich wieder sehr zufrieden: was auch an diesem Vormittag geschehen würde – oder auch an einem beliebigen anderen Vormittag –, er besaß immer noch seinen scharfen Verstand und seine geistige Wendigkeit. Immerhin hatte er, Morris Duckworth, es von der Acton High auf die Cambridge University geschafft – als erster und höchstwahrscheinlich auch letzter Schüler aller Zeiten. Sollte Mauro Muttersöhnchen Duckworth es doch genauso machen!

»Ich habe dich gefragt, ob du eine Rede vorbereitet hast?«, sagte Antonella gerade. »Morries! Ey, pronto? Hörst du gar nicht zu?«

Sie waren unten an der großen Treppe angekommen. Vor ihnen erhob sich die Säulenfassade.

»Natürlich«, sagte Morris, dem sogleich auffiel, dass er sie zu Hause vergessen hatte: drei Seiten DIN A4 auf der Fensterbank neben dem Klo. Er hatte sich von Judith und Holofernes ablenken lassen.

Seine Frau strich die Revers seines Jacketts glatt. Wie nebenbei sagte sie: »Pass einfach auf, dass du nichts Dummes sagst.«

Morris war verblüfft.

»Wie damals im Rotary Club.«

Der englische Ehemann spürte eine gefährliche Hitze in seinen Lenden aufsteigen. »Alles wird gut«, sagte er kurz angebunden.

»Ich mein’s ja nur gut«, erklärte sie und wischte einen Krümel von seiner Schulter. Aber er wusste, sie lachte ihn aus.

»Ich war betrunken«, beharrte er.

»Ich weiß«, sagte sie lächelnd.

»Der Punsch war zu stark. Man hätte sie wegen Vergiftung ins Zuchthaus stecken sollen.«

»Wir sind spät dran, Morries«, sagte sie ruhig. »Lass uns reingehen.«

Richtig. Aber wo war jetzt seine Tochter? Sohn hin oder her, wenigstens könnten sie doch zu dritt die Treppe zum Rathaus hinaufsteigen. Morris drehte sich um, entdeckte Massimina aber nirgends. Der alberne Veroneser trenino fuhr gerade vorbei, ein Zug mit einer knallroten elektrischen Dampflok-Imitation und einem offenen Waggon, in dem stumm dasitzende Touristen herumkutschiert und mit ohrenbetäubender Weihnachtsmusik berieselt wurden. »Hark the Herald.« Wie man auf die Idee kommen konnte, die jahrhundertealte Schlichtheit der historischen Piazzas der Stadt durch eine derart grauenvolle Beleidigung für Auge und Ohr zu verschandeln, war Morris unbegreiflich. Hatte in Italien je jemand »Hark the Herald« gesungen? »Late in time behold him come!« Und siehe, er kommt spät. In der Tat. Gerade als Morris eine flüchtige Erinnerung an seine Weihnachtslieder singende Mutter abschüttelte (er selbst hatte einmal als Solist »Once in Royal« in der St.-Bartholomew-Kirche in Acton gesungen), fuhr der Zug ruckelnd und klingelnd weiter, und dahinter tauchte Massimina auf und überquerte mit einem beeindruckenden Hüftschwung die Straße, wobei sie, wie Morris bemerkte, von drei Flegeln in Motorradkluft, die vor der Tür des Weinlokals an der Ecke standen und rauchten, eingehend beäugt wurde. Das Mädchen war entschieden zu attraktiv, seine Präsenz und Lebendigkeit viel stärker als ihm guttat. Diese Absätze mussten mindestens vier oder sechs Zentimeter flacher werden. Überzeugt, dass seine Tochter trotz allem noch Jungfrau war, denn wenn nicht, hätte er das sicher mitbekommen, streckte Morris eine Hand aus, wie um sein Kind zu sich heranzuziehen. Sie würden eine gute Figur machen, wenn sie Seite an Seite das Zentrum der Macht betraten. Aber jetzt reckte ihm eine alte Romafrau auf dem Bürgersteig die Hand entgegen – grazie, grazie bettelte sie –, sie musste geglaubt haben, der ausgestreckte Arm des wohlhabenden Mannes wolle ihr ein paar Münzen als milde Gabe reichen. Verärgert wollte Morris das alte Weib davonscheuchen, als er hörte, wie seine Frau scharf einatmete. Sie befanden sich genau im Blick eines Dutzends von Würdenträgern und Pressefotografen, die oben an der Treppe unter dem Portikus standen. Morris griff in seine Jackentasche und holte das Fünfzig-Cent-Stück hervor, das man für solche Gelegenheiten stets bei sich haben sollte, denn seine Brieftasche zu zücken war immer ein Fehler.

Die folgende Viertelstunde hätte man sich kaum erfreulicher vorstellen können. An der Tür wurden sie von dem getreuen Don Lorenzo begrüßt, seit vielen Jahren geistlicher Beistand der Familie, der sie in den ersten Empfangssaal führte, um Kardinal Rusconi zu begrüßen, der umwerfend aussah in dem förmlichen Scharlachrot. Morris küsste eine aufgedunsene Hand und stimmte zu, dass Weihnachten bei allem kommerziellen Rummel nie seinen Zauber verlor, während Antonella die Notwendigkeit ansprach, in den ärmeren Vororten das Aufstellen von Krippen finanziell zu unterstützen, weil die Kamele und die Hirten dort ganz wesentlich zur notwendigen feierlichen Stimmung beitragen könnten. Alle hatten Sektgläser in der Hand, und niemandem schien aufgefallen zu sein, wie verspätet sie eingetroffen waren, und Morris war sich nicht sicher, ob er das wunderbar oder ärgerlich finden sollte. Er hätte genauso gut pünktlich kommen können, was auf jeden Fall mehr seiner Natur entsprach, denn dann hätte er sein Gefühl der Überlegenheit gegenüber den Zuspätkommenden auskosten können. Ein Radioreporter bat ihn, noch einmal die Umstände zu erläutern, die zu der heutigen Ehrung geführt hatten, aber unter dem wohlwollenden, wenn auch leicht überheblichen Blick des Prälaten und während er einem Freund aus dem Rotary Club zunickte, beschied Morris dem Schleimer brav, dass es ihm wohl kaum zukam, sein eigenes Loblied zu singen: der Bürgermeister, sagte er, würde zweifellos in seiner Rede die motivazione darlegen. Massimina, bemerkte er aus einem stets wachsamen Augenwinkel, plauderte mit Beppe Bagutta, Sohn des Mannes, der die Messe von Verona leitete, und ein paar andere Dinge auch noch; passable Ergebnisse auf der Kunstakademie waren schön und gut, aber es brauchte doch ein bisschen mehr, wenn das Mädchen der Welt den Duckworth-Stempel aufdrücken wollte. Wichtiger war im Moment jedoch das angenehme Gesäusel gegenseitiger Beglückwünschung, als der asketische Don Lorenzo dem korpulenten Kardinal sagte, wie gut ihm dessen Artikel »Eine zeitgemäße Eucharistie« gefallen habe – er und Antonella hätten ihn gemeinsam gelesen, sagte er –, und der Kardinal tatsächlich geruhte, Morris zu fragen, wie Italien seiner Meinung nach die derzeitige Finanzkrise überwinden könne; vielleicht eine subtile Art, ihm eine Spende zu entlocken. Warum sonst hätte sich ein so bedeutender Mann die Mühe machen sollen, bei einer Feier ohne jede religiöse Bedeutung zu erscheinen? Alte Bekannte und Geschäftsfreunde, Galeriebesitzer und Bauherren winkten Morris zu, aber Morris entschied, dass er sich den größten Gefallen tat, wenn er sich in der Nähe des kirchlichen Rots aufhielt, das, so schoss es ihm plötzlich durch den Kopf, dem des Weihnachtsmannkostüms sehr ähnelte, das Dad immer angezogen hatte, wenn er am Weihnachtsabend Halbliterflaschen mit Teacher’s Whisky an befreundete Arbeiter verteilte. Ob Samira hier war? Ein aufregender Gedanke. Er hatte sie nicht eingeladen, aber man konnte nie wissen. Das Mädchen war eindeutig in ihn verknallt. Oder gar die Inspektoren Marangoni und Fendtsteig aus alten Zeiten? Das wäre ebenfalls seltsam aufregend. Aber die aufdringlichen Polizisten dürften längst im Ruhestand sein, überlegte Morris. Das war auch besser so bei all dem DNS-Hokuspokus, dessen man sich neuerdings bediente. Er lächelte dem Kardinal zu, der das Lächeln erwiderte, als wären sie seit Jahren gute Freunde, und dann, gerade als Morris das Durcheinander in seinem Kopf durchwühlte, auf der Suche nach etwas, um das er den Prälaten bitten konnte, bevor dieser ihn um das bat, worum er ihn zu bitten vorhatte, was immer das auch sein mochte, ertönte ein Trompetenstoß und vier bersaglieri mit extravagantem Federschmuck erhoben feierlich vier Flaggen, um damit vor der Tür rechts von ihm zu seinen Ehren ein Spalier zu bilden: da war die europäische Flagge mit dem Kreis aus verzankten Sternen, Italiens bürokratische Trikolore, der gute alte marktschreierische Union Jack und schließlich, Weiß auf Rot, die Leiter des Cangrande della Scala, dem ehemaligen Herzog von Verona. Morris senkte den Kopf, als er durch diese stolzen Symbole hindurch in den großen Sala delgi Arazzi schritt und damit in die Welt der altehrwürdigen Tradition eintrat, nach der er, in seiner äußerst eigenwilligen Duckworth-Manier, immer gestrebt hatte.

Er war daher leicht verärgert, als er beim Betreten des Allerheiligsten feststellen musste, dass der Bürgermeister nicht einmal eine Krawatte trug. »Ich fürchte, wir müssen uns beeilen«, sagte der jüngere Mann und eilte zwischen den eleganten Stühlen hindurch, um Morris die Hand zu schütteln und sie sofort wieder wegzuziehen. Er trug ein weißes Hemd mit offenem Kragen, einen schwarzen Blazer und Jeans, und hätte er nicht die rot-grüne Bürgermeisterschärpe über der Brust getragen, hätte man sich fragen müssen, was er überhaupt in einer so feierlichen Umgebung machte. Um elf Uhr werde eine Delegation arabischer Geschäftsmänner erwartet, erklärte er. Die Araber dürfe man nicht warten lassen. »Unsere neuen Herren, leider Gottes!«

Morris hatte die Lega Nord immer verabscheut und schalt sich selbst, weil er von Veronas Lokalhelden, dem ersten separatistischen Bürgermeister dieser so wunderbar italienischen Stadt, mehr erwartet hatte.

»Wir haben noch auf meinen Sohn gewartet«, sagte er kühl. »Ich fürchte, sein Flug hat Verspätung.«

Sie nahmen an einem glänzenden Tisch Platz, während die etwa siebzig Zuschauer die Stuhlreihen unter Paolo Farinatis riesigem Gemälde Sieg der Truppen von Verona über Barbarossa besetzten, das die halbe linke Wand bedeckte, ein großartiges Schlachtgewusel in Öl, mit Leichen, Blut und Heroldskunst und obendrein noch ein paar edlen Gewändern und auf Hochglanz polierten Waffen inmitten von wiehernden Pferden und seidenen Bannern. Ach, hätte man doch einen Palazzo, der groß genug für solchen Glanz war, dachte Morris. Ein ganzer Krieg im eigenen Wohnzimmer! Aber der Bürgermeister sprang bereits mit unangemessener Eile auf und schnappte sich eines der Mikrofone vom Tisch.

»Buon giorno a tutti!«, fing er an, noch ehe alle Platz genommen hatten. »Wie Sie wissen, sind wir hier zusammengekommen, um einen Mann zu ehren, der seit vielen Jahren unter uns lebt, der genau genommen in dem Jahr in unsere Stadt kam, als unser aller geliebter Hellas Verona den Scudetto gewonnen hat. Sie haben uns Glück gebracht, Miester Dackwört!« Der Bürgermeister blickte lächelnd auf seinen Gast hinab. »Dafür sind wir Ihnen sehr dankbar.«

Diese peinliche und anbiedernde Eröffnung, die sofort einen Beifallssturm auslöste – selbst Antonella und Massimina klatschten begeistert –, entsprach eigentlich nicht der Wahrheit, denn Morris war 1983 nach Verona gekommen, nicht ’85. Aber die Leute von der Lega Nord, erinnerte er sich, waren ausnahmslos Hellas-Fans, anmaßend und ungehobelt, die Möchtegern-Banditen der Stadt. Mauro gab sich hoffentlich nicht mit der Lega ab, dachte Morris. Selbst die Kommunisten zogen sich besser an.

»Leider ein Erfolg, den wir so schnell nicht wieder erleben werden«, fügte der Bürgermeister mit gespielter Trauer hinzu, »jedenfalls nicht, wenn die Vorstellung von gestern Abend ein Maßstab ist.«

Das Publikum seufzte.

»Obgleich die Tumulte nach Brescias spätem Tor, wenn ich das hier in Klammern hinzufügen darf, und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich war dabei, eindeutig nicht von Hellas-Fans ausgingen.«

»Verissimo!«, rief jemand von hinten.

Was um alles in der Welt, fragte sich Morris, hatte das alles mit der Ehrung von cittadino Duckworth zu tun?

»Eigentlich«, sagte der junge Bürgermeister lachend, »glichen die Tribünen eine Zeit lang unserem alten Gemälde hier.« Er zeigte auf die erhobenen Schwerter, scheuenden Pferde und zertrampelten Leichname in Farinatis Sieg. »Obwohl ich persönlich selbstverständlich unbewaffnet war.«

Erneutes Gelächter. Es war zum Aus-der-Haut-Fahren. Aber Morris hatte im Laufe der Jahre gelernt, ruhig zu bleiben, wenn auch nicht direkt gelassen, vor allem wenn er sich im Lichte der Öffentlichkeit aufhielt. Er saß angespannt da, sein Körper schwitzig vor Wut, und tröstete sich mit dem Gedanken, dass er vermutlich der Einzige in diesem Raum war, der je den Mut aufgebracht hatte, im Zorn eine Waffe zu erheben und einen Mann zu töten, oder auch eine Frau (an exakt dem Wochenende, als Verona Meister geworden war, wenn er sich nicht täuschte), und daher auch der Einzige, der das Feuer, das Entsetzen und die wilde Euphorie nachempfinden konnte, die in Farinatis grandiosem Gemälde festgehalten waren. Was war schon ein Handgemenge bei einem gewöhnlichen Fußballspiel im Vergleich zu echtem Mord und Totschlag? Sein Wissen ging tiefer als das ihre, sagte sich Morris, mehrere stählerne Zentimeter tiefer, obwohl er, wenn er es sich recht überlegte, nie ein Messer benutzt hatte.

»Abgesehen von dieser großartigen Leistung«, der Bürgermeister hielt kurz inne – er hatte ein energisches Kinn, eng stehende, fröhliche Augen und käsige Haut –, »der Tatsache, dass Verona, und ich werde niemals müde werden, darauf hinzuweisen, die letzte Provinz-Mannschaft aller Zeiten war, die ITALIENISCHERMEISTER geworden ist« – wieder wartete er, bis der gehorsame Applaus verebbt war –, »abgesehen, wie gesagt, von diesem leider nicht wiederholbaren Husarenstreich« – er wandte den Kopf, um seinem Gast ein selbstgefälliges Lächeln zuzuwerfen –, »waren Miester Dackwörts erste Jahre in Verona keine sehr glücklichen, denn traurigerweise war er peripher in die mörderischen Tragödien verwickelt, die zwei hoch geschätzte, alteingesessene Familien unserer Stadt ereilt haben, die Trevisans aus Quinzano und die Posenatos aus San Felice.

Wieder gab es Applaus, diesmal jedoch verhalten, denn viele der Anwesenden dürften sich wohl an den gewaltsamen Tod dreier prominenter Bürger erinnert haben, nicht ahnend natürlich, dass es genau diese Anlässe waren, bei denen Morris gezwungen gewesen war, die todbringenden Fähigkeiten zu erwerben, die Paolo Farinati auf dem großartigen Gemälde neben ihnen zelebrierte. Während er an seinem Glas Wasser nippte, begann der Engländer sich langsam zu fragen, ob es wirklich klug gewesen war, diese Einladung anzunehmen, und sah, als er zu Antonella hinüberschaute, dass sie den Kopf gesenkt hielt, vielleicht um ein paar Tränen um ihre toten Schwestern zu vergießen, oder gar, so unangebracht es auch schien, um ihren ersten Ehemann, während der Mann zu ihrer Rechten ihr mit erstaunlicher Vertrautheit tröstend auf die Schulter klopfte. Morris war plötzlich auf der Hut. Das war doch nicht etwa Stan Albertini? Stan hatte Verona doch schon vor Jahrzehnten verlassen.

»Hinzu kam noch, Freunde der Familie werden sich erinnern, ein unerfreulicher Zwischenfall mit einem Dobermann, der das rosige Gesicht unseres englischen Freundes ein bisschen, ähm, umgestaltet hat, wie man so schön sagt, sodass er hinfort gezwungen war, sich auf seinen Scharfsinn statt auf seine Schönheit zu verlassen!«

Wie unentschuldbar tollpatschig und unsensibel diese Worte waren! Aber da Morris’ alte Narben just in diesem Moment an Wangen und Schläfen zu stechen und zu brennen angefangen hatten, war der englische Gast (Gast, nach dreißig Jahren!) froh über jede angebliche Peinlichkeit, hinter der er sich verstecken konnte. Wenn es einen Menschen gab, der genug Informationen hatte, um ihm den Garaus zu machen, sofern es dem Trottel je in den Sinn kam, eins und eins zusammenzuzählen, dann war es Stan.

»Aber die Engländer sind unverwüstlich«, fuhr der Bürgermeister fort, »wie wir Italiener leidvoll erfahren mussten.« Er sprach ohne Vorlage, hob und senkte immer wieder das Mikrofon und bewegte wie ein Stand-up-Comedian schwungvoll die Schultern hin und her. Sein Publikum fand ihn ganz offensichtlich toll, denn es wurde fleißig gekichert. »Kurzum, es gibt viele gute Gründe für uns, Miester Dackwört heute auszuzeichnen.« Wieder blickte er wohlwollend auf seinen Gast hinunter, als sei der fünfundfünfzigjährige mehrfache Mörder soeben unter einem leuchtenden Kometen in einem Stall geboren worden. »Nach seiner Heirat mit der wunderschönen Antonella Trevisan, eindeutiger Beweis seines ausgezeichneten Geschmacks« – die geschmacklose Bemerkung erntete stürmischen Jubel; wenn es etwas gab, was Antonella nicht besaß, dachte Morris, und nie auch nur im Entferntesten zu besitzen behauptet hatte, dann war es Schönheit; es sei denn, man empfand eine mustergültige Frömmigkeit als schön –, »verwandelte Miester Dackwört das traditionelle alte Weingut der Familie quasi im Alleingang in eine der größten Wirtschaftskräfte unserer Stadt und schaffte Arbeitsplätze für zahlreiche Veronesen und eine noch größere Zahl afrikanischer und slawischer Immigranten, die, das muss gesagt werden, ohne die wertvolle Ressource bezahlter Arbeit sehr wohl zu einer Gefahr für unsere Gemeinschaft hätten werden können.«

Der Bürgermeister hielt inne; er war sich der Tatsache, dass man seine Bemerkung als beleidigend empfinden könnte, ganz offensichtlich nicht bewusst. Diesmal gab es keinen Applaus. »Mit großer Cleverness erschloss er die älteren Weinberge, um an den Hängen oberhalb von Parona ein neues, luxuriöses Wohngebiet zu errichten – Villaggio Casa Mia –, und gab damit vielen unserer jungen Leute die Gelegenheit, ihr erstes Eigenheim zu erwerben. Und gemeinsam mit seiner wunderbaren und sehr veronesischen Ehefrau ist er seit vielen Jahren großzügiger Sponsor der Universität, der schönen Künste und der Kirche, allzeit bereit, zu helfen, wenn ein lohnenswertes Projekt in finanzielle Nöte gerät.«

Wieder hielt der Bürgermeister inne, wieder reagierte die Menge nicht. Aber jetzt schien der Mann die Stille zu genießen, als hätte er genau das erreichen wollen. Er hatte nicht erwähnt, fiel Morris auf, dass Fratelli Trevisan SRL auch regelmäßig alle politischen Parteien, die bei den Wahlen auf mehr als fünf Prozent der Wählerstimmen kamen, unterstützte, ganz zu schweigen von einer bunten Palette kleiner und sogar hoher Beamter in der Zoll- und Steuerbehörde. Erst jetzt kam Morris jedoch die Erkenntnis, dass die Organisation, die er unter der derzeitigen Regierung wirklich hätte sponsern sollen, der Fußballverein Hellas Verona war.

»Der unmittelbare Anlass für unsere Entscheidung, Miester Dackwört diese Ehre zuteilwerden zu lassen« – der Tonfall des Bürgermeisters wurde unvermittelt bedächtig und feierlich, so als wäre die ganze Vorrede über Meisterschaften, mysteriöse Morde und Morris’ erstaunliche unternehmerische Fähigkeiten bloß leeres Geplapper gewesen, um das Publikum einzustimmen –, »ist seine großzügige und spontane Reaktion auf den gemeinen Medienangriff, der auf unsere Stadt und insbesondere auf ihre Verwaltung gestartet worden ist.«

Es folgte ein großes Gemurmel und Stühlerücken. Nichts, das hatte Morris sehr wohl verstanden, wurde in Verona ernster genommen als der gute Ruf der Stadt, national wie international. Weitaus wichtiger als die konkrete Realität war das, was die Leute von einem hielten.

»Wie Sie wissen, reichen die Bemühungen, unsere schöne Stadt als einen Pfuhl der Rückständigkeit und des brutalen Autoritarismus hinzustellen, bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Republik von Salò zurück. Dieser völlig unbegründete Vorwurf ist Teil eines schmutzigen Spiels politischer Beeinflussung, mit dem unsere neiderfüllten Rivalen – und ich brauche hier keine Namen zu nennen – uns in diesen schweren Zeiten von der ohnehin sehr spärlich fließenden staatlichen Förderung für die Stadtentwicklung abschneiden wollen.«

Das zustimmende Gemurmel setzte erneut ein.

»Aber wenn dieser Propagandakrieg bisher schon schlimm genug war, so ist er jetzt noch aggressiver geworden, seit die Lega Nord die Regierung der Stadt übernommen und endlich Ordnung in das Chaos und die Vetternwirtschaft gebracht hat, die hier viel zu lange geherrscht haben. Es ist klar, dass selbst unsere angeblichen politischen Verbündeten in Rom und erst recht die unverbesserliche Bande von Exkommunisten, die eben diese Verwaltung bis vor nicht allzu langer Zeit besetzt und missbraucht hat, eine Schmierenkampagne gestartet haben, die inzwischen sogar von der nationalen auf die internationale Presse übergeschwappt ist und in dem verleumderischen Artikel kulminierte, der erst vor einem Monat in einer britischen Zeitung erschienen ist. Ich werde die abscheulichen Anschuldigungen, die darin gemacht wurden, nicht wiederholen. Sie werden niemals meine Lippen besudeln.«

Jetzt brach ein so stürmischer Applaus los, dass der Bürgermeister, der peinlich oft auf seine Armbanduhr schaute, die Arme heben musste, um die Menge zur Ruhe zu bringen. »Stattdessen möchte ich, als einziges und ausreichendes Motiv für die Verleihung des Stadtschlüssels von Verona« – an dieser Stelle nahm der Bürgermeister eine Pergamentrolle und ein offenes marineblaues Kästchen mit einem großen silbernen Schlüssel darin vom Tisch auf –, »den Brief vorlesen, den unser vorzüglicher Freund als Antwort auf diese Anschuldigungen geschrieben und in der gleichen Zeitung veröffentlicht hat. Und ich werde ihn, amici miei«, er hob das energische Kinn und grinste, »auf Eengliesch lesen, jawohl, um unsere neidischen Nachbarn – ihr Name wird niemals genannt werden – an den Bildungsstand zu erinnern, der in dieser unserer stolzen Provinz herrscht.«

Morris war entsetzt. Der Mann wollte seinen Brief an The Telegraph vorlesen. Auf Englisch! Dabei konnte er noch nicht einmal Duckworth richtig aussprechen! Morris hätte ihm am liebsten das Mikrofon aus der Hand gerissen und den Text selbst vorgelesen, wenn es schon sein musste, obwohl er sich jetzt allmählich fragte, ob der versnobte Schmierfink mit dem Doppelnamen, der diesen üblen Verriss über die traditionsreiche Stadt verfasst hatte – den beleidigenden Artikel mit dem Titel »Verona: Capital of Kitsch«, auf den Morris geantwortet hatte –, womöglich gar nicht so unrecht hatte. Denn endlich ging ihm auf, dass man diese Feier gar nicht inszeniert hatte, um Morris Duckworth als ehrenwerten Bürger der Stadt auszuzeichnen, sondern dass es sich um eine bloße PR-Veranstaltung der Lega Nord handelte. Die Separatisten hatten einen britischen Intellektuellen auf ihrer Seite!

Der Bürgermeister schwenkte einen Zeitungsausschnitt und fing an, mit grauenhaftem italienischem Akzent den englischen Artikel vorzulesen.

»Anleik jor mendeyschuuus korriespondent hu pabliescht VERONA, CAAPIETALOFKIIITSCH …«

Angefangen hatte alles einige Monate zuvor in Samiras Wohnung. Sie und Morris hatten sich auf die übliche überschwängliche Art auf der Matratze unter dem ockerfarbenen Wandteppich geliebt, und dann, während Samira einen von ihren ausgezeichneten Kräutertees zubereitete – und das Weihrauchstäbchen in der Ecke noch rauchte –, war ihr Bruder aus seinem Zimmer gekommen und hatte von seinen Plänen gesprochen, in London ein Masterstudium der Wirtschaftswissenschaften zu absolvieren. Tarik war ein äußerst höflicher junger Mann und zeigte nichts von der Missbilligung, die man von einem eifersüchtigen, in einer rückwärtsgewandten muslimischen Gemeinschaft aufgewachsenen Bruder hätte befürchten müssen, was allerdings auch daran liegen mochte, dass Morris die nicht gerade geringe Miete der Geschwister bezahlte. Aber wozu zynisch werden? Was zwischen Morris und Samira vor sich ging, hatte nichts mit Bunga Bunga zu tun, es war echte Zuneigung, und natürlich würde das Mädchen jetzt, nachdem Morris ihm ein sechsmonatiges Praktikum in der Abteilung für kulturelles Erbe der Stadtverwaltung besorgt hatte, für ihn weit mehr als den Preis seiner Zweizimmerwohnung in San Zeno wert sein. Nicht zuletzt hatte sie dort Zugang zu den Akten über alle Gemälde in der Provinz, die sich im Kirchenbesitz befanden.

Immer hilfsbereit, und um einem Freund einen kostspieligen Fehler zu ersparen, hatte Morris seinen MacAir aus seiner Armani-Aktentasche gezogen und sich mit den beiden jungen Libanesen an den Glastisch gesetzt. Sie hatten die Webseiten einiger Unis aufgerufen, Lehrpläne und Zugangsanforderungen verglichen und überlegt, ob es klüger war, sich gleich zu bewerben, ehe Tarik sein Studium in Verona abgeschlossen hatte, oder zu warten, bis er das italienische Diplom in der Tasche hatte, auch wenn das eventuell ein Jahr Wartezeit bedeutete. »Ich könnte dir einen Job geben«, hatte Morris lächelnd gesagt, »wenn du die Zeit überbrücken musst. Einen cleveren jungen Mann kann ich immer gebrauchen.« Morris wollte Tarik zeigen, dass seine Zuneigung zu Samira sich auch auf ihre Lieben erstreckte, ja geradezu zu ihnen überschwappte. Tarik runzelte die Stirn und bat den Wohltäter seiner Schwester, ihm noch einmal die mysteriösen Abläufe bei UCAS, der Studienplatzvergabestelle in Großbritannien, zu erklären, denn er sprach zwar ausgezeichnet Italienisch, aber sein Englisch ließ noch zu wünschen übrig, und als Morris hin und her klickte und seine erworbene Expertise in bürokratischen Angelegenheiten genoss, wurde er sich urplötzlich der drei Beinpaare unter der stilvollen gläsernen Tischplatte heftig bewusst: links die wundervoll jungen, zarten Beine von Samira, die ihre honigfarbenen Schenkel in dem schwarzen Morgenrock geistesabwesend öffnete und wieder schloss; seine eigenen kräftigen, standfesten Beine in nüchternem grauen Flanell, und rechts von ihm, in ausgefransten Jeans und mit leger übereinandergelegten nackten braunen Knöcheln, die Beine des gut aussehenden jungen Arabers. »Ich liebe sie beide«, sagte sich Morris unvermittelt im Geiste. »Ich liebe die Schwester und den Bruder!« Und ihn durchfuhr dabei ein Schwall von Energie und Erregung, wie er ihn seit mindestens zwanzig Jahren nicht mehr gespürt hatte.

Dann, um Tarik zu zeigen, wo er die Wirtschaftsnachrichten in der englischen Presse lesen konnte, öffnete Morris die Homepage des Telegraph, und da war es. »Verona: Capital of Kitsch«, von Boris Anderton-Dodds. Wer war das denn? Es war so außergewöhnlich, eine englische Zeitung aufzumachen und gleich auf einen Artikel über die kleine italienische Stadt zu stoßen, in der sie lebten, dass das Dreiergespann sofort zu lesen begann. Nicolas Sarkozy wolle mit seiner schwangeren Carla in der Stadt von Romeo und Julia Ferien machen. Ein typisches Beispiel für den miserablen Geschmack des französischen Präsidenten. In den letzten Jahren sei der früher so eleganten Stadt im Veneto zur Lösung ihrer wirtschaftlichen Probleme nichts Besseres eingefallen, als Italiens albernes Disneyland der romantischen Schmierenschmonzetten zu werden. Die Touristen würden schon am Flughafen oder am Bahnhof von nervtötenden Führern abgeholt, die ihnen Liebestouren zu Romeos Haus oder Julias Balkon aufschwatzten, wo Kohorten koreanischer Geschäftsleute sich fotografieren ließen, wie sie die Hände auf die Brüste einer bronzenen Nymphe legten, ehe sie zu Karaoke-Abenden geschleppt würden, auf denen man ihnen O sole mio und Santa Lucia beibrachte, nicht gerade veronesische Lieder. Aus dem Renaissance-Palazzo, in dem Julia begraben lag – obwohl natürlich niemand wisse, ob es wirklich Julias Grab sei, ebensowenig wie man wisse, ob es wirklich Julias Balkon sei –, sei ein äußerst gefragtes Standesamt geworden, das sentimentalen Trotteln aus allen fünf Kontinenten mit überteuerten Zeremonien und drittklassigem Modeschmuck das Geld aus der Tasche ziehe. Es sei die Globalisierung des Vulgären; wo man auch hinschaue, überall stoße man auf billige Klischees, die Hotels böten ›Vollziehungssuiten‹ (und Bettwäsche!) für Hochzeitspaare, und der Bürgermeister höchstpersönlich diene sich für einen Spezialpreis als Standesbeamter an, um die Kuh bis zum letzten Tropfen zu melken. Und zwar derselbe fremdenfeindliche Lega-Nord-Bürgermeister, der eine rassistische Politik gegen Kebab-Buden betreibe, den Muslimen den Bauplatz für eine Moschee verweigere und faschistische Gesetze erlasse, die das Schlafen auf Parkbänken oder das Essen von Sandwiches auf der Treppe vor öffentlichen Gebäuden verboten, und das in einer Stadt, in der die Kirche sich wohltätig gebe, tatsächlich aber lieber Hunderte von Wohnungen leer stehen lasse (ohne dafür Grundsteuer zu bezahlen), als sie an arme Afrikaner zu vermieten. Jedes Jahr zum Valentinstag würden Liebende auf der ganzen Welt eingeladen, einen Brief an Julia, alias den Stadtrat, zu schreiben, und dem Verfasser, dem die beste Hommage an die Liebe gelinge, winke ein Preis. Und wer entschied über die Preisvergabe?, wollte Boris Anderton-Dodds wissen. Was wussten die städtischen Beamten von der Liebe? Wenn sie auch nur einen Funken Respekt vor dem Mythos der romantischen Liebe besäßen, dann würden sie der Stadt ihre historische Würde zurückgeben und sich darauf besinnen, dass die Eigenschaft, die der Liebe am fernsten lag, die Gier war, und die, die ihr am nächsten kam, die Wohltätigkeit. Eine moderne Version von Romeo und Julia würde sich nicht um die Montagues und Capulets drehen, auch nicht um die Sarkozys und Brunis; es wäre vielmehr die vereitelte Liebe zwischen dem Sohn eines Lega-Nord-Funktionärs und der Tschador tragenden Tochter eines dunkelhäutigen Kebabverkäufers.

Was für ein bigotter Blödsinn! Morris war sprachlos, dass eine seriöse britische Zeitung, eine, die, das würde er nie vergessen, vor über dreißig Jahren mindestens drei Bewerbungen eines gewissen Morris Arthur Duckworth abgelehnt hatte, sich für eine so schändliche Fehldarstellung hergab. »Aber Verona ist eine tolle Stadt!«, rief er; der Gedanke, dass es durchaus möglich war, dass sein UKIP wählender Vater diesen Unsinn las und sich auf Morris’ Kosten darüber amüsierte, war ausgesprochen unerquicklich. Dann bemerkte er, dass seine jungen Freunde lächelten.

»Was gibt es da zu grinsen?«, wollte er wissen.

»Die Stadt ist wirklich rassistisch«, sagte Samira.

»Und ob«, stimmte Tarik zu.

»Was hat das denn damit zu tun? Bloß weil ein Ort rassistisch ist, heißt das noch lange nicht, dass er die Hauptstadt des Kitschs ist. Verona ist vermutlich eine der schönsten Städte der Welt. Die Engländer haben rein gar nichts zu vorzuweisen, das ihr auch nur ansatzweise das Wasser reichen könnte.«

»Das kann ich nicht beurteilen«, sagte Tarik. »Ich finde, der Rassismus-Vorwurf ist das Entscheidende. Wen kümmert es schon, ob man die Stadt kitschig findet oder nicht.«

»Mich kümmert es«, fauchte Morris. »Rassismus gibt es überall. Glaubst du etwa, Mailand ist nicht rassistisch? Oder Rom? Glaubst du, London ist nicht rassistisch? Warum gibt es denn die ganzen Aufstände? Die Schwarzen in London machen ständig Terz. Aus gutem Grund. Eine Stadt rassistisch zu nennen bedeutet nur, das Kind beim Namen zu nennen, oder zu sagen, das Gras ist grün. Aber sie geschmacklos zu nennen, obwohl sie einer der schönsten Orte auf der Welt ist, das ist purer Neid. Das ist Vandalismus! Stellt euch doch mal vor, wie viele Leute ihren Job verlieren würden, wenn die Briten wegen so eines kriminellen Artikels nicht mehr nach Verona kämen. Denkt mal an die Museen, die man schließen müsste. Die Restaurants und Hotels, die Leuten ohne Papiere oder Genehmigungen Arbeit geben. Albaner, Pakistani, Marokkaner.«

»Also echt, Mo, Schätzchen«, sagte Samira lachend und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. »Du nimmst das viel zu ernst.« Morris bemerkte, wie sie ihrem Bruder zuzwinkerte, direkt vor seiner Nase. Buchstäblich.

»Wie werdet ihr beide denn diskriminiert?«, verlangte er zu wissen. »Sagt es mir. Habt ihr Schwierigkeiten, einen Kebab zu kaufen? Nein. Ich würde selbst welche essen, wenn ich nicht Vegetarier wäre. Braucht ihr eine Bank, auf der ihr schlafen könnt?«

»Es gibt keine Moschee, in der wir beten können«, sagte Samira.

»Mein Gott, ihr seid schließlich in einem christlichen Land.«

»Wir haben Probleme, einen permesso di soggiorno zu bekommen«, sagte Tarik, »und einen Vermieter zu finden, der an Muslime vermietet.«

»Aber ich habe euch die Aufenthaltsgenehmigungen besorgt! Und ich habe euch eine Wohnung gemietet!«

Morris dachte an gewisse junge Immigranten in der Vergangenheit, die für seine Hilfe dankbarer gewesen waren.

»Aber wenn es diese Einwanderungsgesetze nicht gäbe, dann bräuchten wir nicht …« Tarik hielt inne und hielt sich die Hände vors Gesicht.

»Ich werde darauf antworten«, verkündete Morris großkotzig. »Wäre ja noch schöner, wenn die ungeschoren davonkämen!«

Er öffnete Word und fing an zu tippen. Er hatte eine Mordswut auf die Kids, war sich aber zugleich der Tatsache bewusst, dass er die Antwort zumindest teilweise schrieb, um sie zu beeindrucken, um ihnen zu zeigen, dass Morris Duckworth ein Mann war, der sehr wohl den Wald vor lauter Bäumen sehen und dabei auch noch seinen Namen in die Zeitung bringen konnte. Schließlich waren sie noch jung; wie Mauro musste man ihnen noch das eine oder andere beibringen.

»Sehr geehrte Herren«, tippte er.

»Im Gegensatz zu Ihrem verlogenen Korrespondenten und Verfasser des Artikels »Verona: Hauptstadt des Kitschs«, lebe ich tatsächlich …«

»Was bedeutet verlogen?«, fragte Samira.

»Jemand, der nur Lügen erzählt. Mendace.«

»Ach so.«

Tarik sagte ein paar Worte auf Arabisch, und beide brachen in Lachen aus.

»Und was ist jetzt schon wieder so komisch?« Morris war erbost. Er mochte sie. Mochte sie beide. Er liebte ihre feinen, jungen Züge, die schwarzen Augen und die schlangenweiche Haut. Aber nicht, wenn sie sich zusammentaten und ihn wie einen komischen alten Kauz behandelten.

»Sei nicht so empfindlich, Mo.«

»Aber was habt ihr gesagt?«

»Tarik hat gesagt, du solltest mal nach Tripolis kommen, wenn du echte Schönheit sehen willst.«

Morris glaubte keine Sekunde lang, dass er tatsächlich das gesagt hatte; wie konnte Tripolis eine italienische Stadt auch nur annähernd an Schönheit übertreffen, und warum hätte so eine Bemerkung so viel Gelächter auf seine Kosten erzeugen sollen? Aber er ließ es auf sich beruhen. Oder vielmehr, er ließ die Wut durch seine Fingerspitzen abfließen:

Im Gegensatz zu dem verlogenen Korrespondenten, der seinen Namen unter Ihren Artikel »Verona: Hauptstadt des Kitschs« gesetzt hat, lebe ich tatsächlich in dieser Stadt, und das schon seit fast drei Jahrzehnten; nun, ich kann Ihren Lesern versichern, dass Verona immer noch eine der schönsten und elegantesten Innenstädte der ganzen Welt besitzt und eine zukunftsorientierte und lebhafte Stadt ist, in der die Legende von Romeo und Julia nur das wohlige Hintergrundgemurmel von einer uralten Romanze darstellt, das dieselben Touristen anlockt, die in London anstehen, um den Dungeon oder den Exekutionsort von Anne Boleyn zu besuchen; offen gesagt erscheint mir Amour, Klischee hin oder her, doch dem blutrünstigen Glamour der angelsächsischen Obszönitäten überlegen zu sein.

Speckchips, Bier trinkende Randalierer, Rassenunruhen, Fußballhooligans, vollgekotzte Straßenecken und stinkende Pissoirs, das sind die Beispiele für den englischen Charme, der dem klugen Reisenden auf den schattigen Piazzas und in den stuckverzierten Straßenzügen dieses Kleinods der Renaissance erspart bleiben. Kein Wunder, dass die romantische Liebe hier glaubwürdig erscheint. Ihr Artikel, das journalistische Äquivalent, wenn ich das sagen darf, zu einem Auftragsmord (denn Mr Anderton-Dodds hat eindeutig nicht mehr als ein verschwommenes Bild seines Opfers gesehen, ehe er abdrückte), stellt Ihre Zeitung in eine Reihe mit den Feinden großer Gefühle, die einst das Leben von zwei jungen Liebenden in die Tragödie getrieben haben. Sie sollten sich schämen! Sie sollten sich schämen, die Arbeitsplätze derer aufs Spiel zu setzen, die in Veronas Tourismusbranche ehrlich schuften und Tausenden Arbeit geben, viele davon Flüchtlinge aus der Dritten Welt, Menschen, die kaum fassen können, dass sie das Glück haben, in diesem italienischen Paradies zu leben. Alle Macht an Präsident Sarkozy und seine wunderbare italienische Signora, denn sie haben sich den perfekten Ort ausgesucht, um ihre Liebe zu erneuern, ehe für sie die lange Plackerei der Elternschaft beginnt.

Morris Arthur Duckworth

Die Duckworth Foundation

Via Oberdan

Verona

Einfach so! Es war einfach so aus ihm herausgeströmt: Die Duckworth Foundation! Ohne darüber nachzudenken, ohne jede Vorwarnung. Genau das bedeutete es, dachte Morris, kreativ zu sein. Urplötzlich, aus dem Nichts, entstand eine Idee. Er hätte unbedingt Schriftsteller werden sollen, Künstler. Er kopierte den Text aus Word und fügte ihn in das Kommentar-Kästchen unter dem beleidigenden Artikel ein. Dann, noch nicht zufrieden, denn es war wirklich ein äußerst gut geschriebener Brief, mailte er ihn auch noch an die Herausgeber. Zum Teufel mit ihnen. Sie sollten sehen, wer der bessere Polemiker war, Mr Anderton-Dodds (Boris!) oder Morris Arthur Duckworth. Es war Jahre her, dass er etwas mit seinem vollen Namen unterzeichnet hatte; er war immer besorgt gewesen, dass jemand das offensichtliche Akronym sehen würde. Aber diesmal kam es ihm passend vor. Wenn der Telegraph einen Mann in Verona brauchte, dann war MAD immer noch besser als BAD.

»Morries!«, hauchte Samira.

Morris war von der Eloquenz seiner Empörung so gefangen gewesen, dass er die wachsende Ungläubigkeit der beiden jungen Leute neben ihm gar nicht bemerkt hatte.

»Ich wusste gar nicht, dass du so romantisch sein kannst!«

Der Engländer lächelte und drehte den Kopf, um seine Freundin auf die dunklen Lippen zu küssen.

»Was ist denn die Duckworth Foundation?« Tarik fragte vorsichtig, und mit neu erwachtem Respekt, so hoffte Morris. Der reiche Liebhaber schüttelte eine sehr vielversprechende Erklärung aus dem Ärmel, und vier Tage später erhielt er einen Anruf aus dem Rathaus. Der Stadtrat wünschte, seiner Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen.

»… die lanngee Plaaker-ei der Älternschaaft begiint«, schloss der Bürgermeister mit einer schwungvollen Geste. »Morries Artour Dackwört! Se Dackwört Faundayschun!«

Es folgte ein kurzes verwirrtes Schweigen aufseiten der Zuhörer, die nur verstanden hatten, dass sie zustimmen sollten. Niemand schien sicher zu sein, ob die Lesung beendet war oder nicht, bis die Person mit dem schütteren Haar rechts von Antonella den kalifornischen Jubelschrei »Gut gemacht, Morris, alter Junge!« ausstieß und anfing, wie ein Wilder in die Hände zu klatschen. Es war tatsächlich Stan. Morris brach der Schweiß aus, und Schauer liefen ihm über den Rücken. Himmel! Warum? Während die ahnungslosen Italiener brav ihren Beifall spendeten und seine Frau und seine Tochter, wie er feststellte, ihn mit der besorgten Versunkenheit betrachteten, mit der man einen deutlich sichtbaren Schimmelpilz auf einem Bidet-Handtuch anschaut, sprang der neue Ehrenbürger Veronas auf und entwand das Mikrofon unaufgefordert dem Griff des überraschten Bürgermeisters.

»Grazie, grazie!«

Vor so vielen Leuten fühlte er sich ein bisschen wackelig auf den Beinen. Die Tonbridge-Krawatte schien sich um seinen Hals zusammenzuziehen. Der Bürgermeister, unschlüssig, ob er sich setzen sollte oder nicht, war so dreist, unverhohlen auf seine Armbanduhr zu klopfen. Morris ging gar nicht darauf ein. Nutze den Tag. Die Geschicke der Menschen sind Gezeiten unterworfen. Er zögerte, schaute über die wohlfrisierten Köpfe der applaudierenden Oberschicht der Stadt hinweg durch das Fenster auf die Piazza draußen, wo er gerade so den Balkon erblickte, von dem aus Garibaldi vor hundertfünfzig Jahren die Devise »Roma o morte!« ausgerufen hatte. Auf seinen Wangen und über dem einen Auge hatten die Narben, die ihm seine jugendliche Schönheit geraubt hatten, ihr Lied zu einem erbitterten Diskant gesteigert. Vielleicht war es auch ein Schlachtruf. Sein Gesicht pulsierte. Einmal mehr musste sich Morris unter den ungünstigsten Umständen ins Gefecht stürzen.

»Signore e signori.«

Das Klatschen brach abrupt ab und ein interessiertes Schweigen senkte sich über die Menge; die meisten kannten Morris als respektablen und stillschweigend unterwürfigen Geschäftsmann, beinahe italienischer als die Italiener selbst in seinem Verständnis von dem, was ausgesprochen werden und was ungesagt bleiben musste, was bezahlt werden musste, ob offen oder unter der Hand, und was es mit unerschütterlicher Gelassenheit zu unterschlagen galt; ein Mann, der innerhalb von zwanzig Jahren aus einer kleinen, familienbetriebenen Winzerei einen riesigen Weinkonzern gemacht hatte und zu einer zentralen Figur der lokalen Unternehmervereinigung und, nicht zu vergessen, im Rotary Club geworden war. Aber jetzt blitzte im Gesicht dieses bedächtigen Mannes ganz kurz Angst auf, etwas Wildes und womöglich gar Bedrohliches hatte sich durch die dunklen Narben und blass glänzenden Augen einen Weg an die Oberfläche gebahnt, während seine seltsam verkrampfte und instabile Haltung die Wachsamkeit eines gejagten Tieres verriet, die einige der Anwesenden vielleicht daran erinnerte, dass dieser Mann einmal des Mordes angeklagt gewesen war.

Aber natürlich haben sich alle Anschuldigungen als haltlos erwiesen, und der Moment ging vorüber. Er richtete sich auf, füllte seine Lungen und lockerte seine Schultern. Sein Gesicht entspannte sich zu einem breiten Lächeln. Reiß dich zusammen! Sprich dein bestes Italienisch. Stan war bloß ein alter Freund, der noch einmal die Stätten seiner Jugend besuchte. Nicht der Mann, der ihn ins Zuchthaus bringen wollte.

»Signori, grazie. Um ehrlich zu sein, hatte ich eine lange, wohlwollende Rede vorbereitet, in der ich ein Loblied auf die Stadt Verona singe, eine Stadt, der ich, um es ganz unverblümt zu sagen, alles verdanke, was ich habe. Aber lassen wir das. Sie haben meinen kleinen Brief bereits gehört, rührend vorgetragen von unserem wunderbaren Bürgermeister. Meine Gefühle dürften mehr als deutlich geworden sein, selbst für die wenigen, die mich nicht als Geschäftspartner oder Mitglied einer der vielen Organisationen kennen, denen wir alle angehören. Man hat mir gesagt, dass wir spät dran sind und der Bürgermeister gleich eine Delegation arabischer Geschäftsmänner empfangen muss, und ich möchte auf gar keinen Fall eine Gelegenheit vereiteln, neue Investoren für unsere Stadt zu gewinnen.«

Beifälliges Gemurmel. Morris sah Antonellas erleichtertes Lächeln und genoss den Gedanken, dass er, wenn es wirklich darauf ankam, den Ton immer hundertprozentig traf. Noch dazu in perfektem Italienisch.

»Also möchte ich Ihnen allen einfach danken, dass Sie heute hergekommen sind. Und es ist mir eine besondere Freude, unter Ihnen ein Gesicht zu sehen, das ich seit über zwanzig Jahren nicht gesehen habe. Herzlich willkommen zurück in Verona, Stan Albertini!«

Morris’ Edelmut kannte offensichtlich keine Grenzen. Stan stand natürlich auf und verbeugte sich unter Gelächter und Applaus. Es lag an dem beinahe kahlen Kopf des Mannes und dem nicht mehr vorhandenen Spitzbart, fiel Morris nun auf, dass er ihn nicht gleich erkannt hatte.

»Dennoch möchte ich, wenn Sie gestatten, diese Gelegenheit nutzen, um eine Sache zu erklären. Am Ende meines Briefes hat der Bürgermeister die Unterschrift vorgelesen, Morris Arthur Duckworth, die Duckworth Foundation.«

Der Bürgermeister, der sich im Vertrauen darauf, dass sein Gast sich kurzfassen würde, gesetzt hatte, griff nach den Armlehnen seines Stuhls und erhob sich wieder halb. Morris sprach weiter:

»In dem Moment, als ich diese feige Schmähschrift in der britischen Zeitung las und mir klar wurde, wie viel Verona mir bedeutet, erkannte ich auch, dass ich etwas zurückgeben muss. Dieses Etwas, das weit über irgendeinen Brief hinausgeht, ist die Duckworth Foundation. Ihr Kapital setzt sich zum Teil zusammen aus der beträchtlichen Kunstsammlung, die ich im Laufe der Jahre das Glück hatte aufbauen zu können und die aus circa achtzig Gemälden besteht, die bei meinem Tod als Zeichen meiner Dankbarkeit den städtischen Museen zufallen sollen.«

Während die Menge applaudierte, ging rechts eine Tür auf und ein älterer Beamter kam eilig herein und drückte sich an der Wand entlang zu dem polierten Tisch, um dem Bürgermeister etwas ins Ohr zu flüstern.

»Um das zu feiern«, fuhr Morris fort in dem Bestreben, in der äußerst kurzen Zeit, die ihm zur Verfügung stand, so viele Pluspunkte wie möglich zu sammeln, »habe ich dem Castelvecchio eine große Sommer-Ausstellung dieser Gemälde zusammen mit anderen alten Meistern aus der ganzen Welt vorgeschlagen, die sich, ich freue mich, das ankündigen zu können, mit dem Thema …«

Hier hielt Morris kurz inne, denn er fragte sich, ob er tatsächlich den Mut haben würde, den Gedanken auszusprechen, der ihm buchstäblich in diesem Augenblick in den Sinn gekommen war. Er zögerte. Das war der reine Wahnsinn. Was für eine Schnapsidee! Das Publikum wartete. Der Bürgermeister zappelte ungeduldig. Sollte er? Oder lieber nicht? Im Grunde genommen waren es, egal wie genau Morris plante, immer nur die unvermittelten genialen Eingebungen, die ihn weitergebracht hatten beziehungsweise ihn mit dem unglücklichen Schicksal, seines Vaters Sohn zu sein, ausgesöhnt hatten – hilf dir selbst, so hilft dir Gott, dachte er –, »eine Ausstellung, wie ich schon sagte, mit dem Titel: Der gemalte Tod: die Kunst des Mordens von Caravaggio bis Damien Hirst. Eine innovative Ausstellung, signori e signore, die die Stadt Verona auf die Landkarte der Postmoderne katapultieren und unsere Kritiker auf Jahre zum Schweigen bringen wird. Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren, danke.«

Beim Hinsetzen – mein Gott, er hatte gerade mal zwei Minuten geredet – schaute Morris freundlich lächelnd in die erschrockenen Augen seiner Frau in der ersten Reihe.

Der Bürgermeister war aufgestanden.

»Ich fürchte, wir müssen uns jetzt verabschieden, meine Damen und Herren. Unsere arabische Delegation ist eingetroffen. Es gibt Wichtiges in Sachen Handel und Investitionen zu besprechen. Lassen Sie mich nur noch eines sagen, denn ich habe soeben interessante Neuigkeiten erhalten: es gibt ein Mitglied der Familie Dackwört, das heute nicht bei uns sein konnte. Ich weiß jetzt, warum. Man hat mich soeben darüber informiert, dass der junge Mauro Dackwört, Sohn von Morries und ein großer Hellas-Verona-Fan, zu denen gehört, die gestern Abend unerhörterweise und ohne guten Grund nach dem Spiel gegen Brescia verhaftet worden sind. Ich möchte bei dieser Gelegenheit der Familie Dackwört versichern, dass sie unser aufrichtiges Mitgefühl hat und wir alles Erdenkliche tun werden, um die schnelle Freilassung ihres mutigen Sohnes aus der ungerechtfertigten Haft zu erwirken. Denn auch das ist Teil der unerbittlichen Hasskampagne gegen unsere glückliche Gemeinschaft.«

Damit drehte der junge Bürgermeister sich um und umarmte den erzürnten Engländer, der sich ungelenk von seinem Stuhl erhob, mit echter Herzlichkeit.

2

MÄCHTIGE MÄNNER SIND IMMER VERWUNDBAR.

»Stimmt doch, Mimi, oder?«

Morris betrachtete Cecil Doughtys Der Tod des Julius Caesar. Da sitzt Caesar in seiner weißen Toga, den Lorbeerkranz auf dem Kopf, bereit, über ein wichtiges Anliegen zu beratschlagen, über anderer Leute Leben, Ehefrauen, Hab und Gut zu entscheiden, und ehe er sichs versieht, hat er ein Messer im Rücken. Er tastet nach seinem eigenen Dolch, lässt ihn fallen, kann nicht sehen, dass Cassius direkt hinter ihm die Klinge bereits zum nächsten Streich erhoben hat. Eine Abteilung der Ausstellung, überlegte Morris und tippte eine kurze Notiz in sein iPad, könnte vielleicht Zum Töten bereit heißen. Ja. Jan de Brays Judith und Holofernes, zum Beispiel, oder Poussins Abraham und Isaak. Gentileschis Jaël und Sisera. Verschiedene Amnons und Abels. Thomas Becket, David Rizzio. Es gab so viele. Und die Geste war immer die gleiche: Die Hand mit der Waffe ist hoch erhoben, die Spitze einer Klinge bereit, den oberen Bildrahmen zu durchstoßen, das konzentrierte Gesicht des Mörders beschwört den Tötungswillen, und das Opfer liegt ausgestreckt, schläft oder kehrt ihm, wie in Caesars Fall, frohgemut den Rücken, geht wie gewohnt seiner Beschäftigung nach, bis der erste Streich trifft. Morris bewunderte Doughtys Werk vor allem wegen der hellroten Säume an den eleganten weißen Togen der römischen Patrizier, die so wirkten, als habe er das kommende Blutvergießen schon andeuten wollen. Die kultivierte Zivilisation war drauf und dran, in die Barbarei zurückzufallen.

»Du hast mich auch von hinten erschlagen«, murmelte Mimi.

»Ich weiß, Liebes«, antwortete Morris sanft.

»Vermutlich ist es so rücksichtsvoller«, gab Mimi wehmütig zu. »Ich meine, ich bin froh, dass ich es nicht habe kommen sehen.«

»Ich auch«, sagte Morris lächelnd. »Zu schade, dass es überhaupt nötig war.«

»Ich habe mir Camuccinis Caesar angeschaut und gedacht, wie viel schlimmer es sein muss, wenn man Zeit hat, zu begreifen, was geschieht.«

»Das war auch immer mein Gefühl«, stimmte Morris zu.

Sie sprach aus der anderen Ecke des Zimmers. Sie war Lippis Madonna, vor vielen Jahren von Forbes kopiert. Oder vielmehr, Lippis Madonna war Mimi. Ihr Ebenbild. Seit ihrem Tod hatte sie Englisch gelernt, etwas, dass sie lebendig nie geschafft hätte. Dazu noch ein Baby bekommen und ein beeindruckendes Wissen über Kunstgeschichte erworben. In Camuccinis Gemälde, beziehungsweise der ausgezeichneten Kopie, die Morris besaß, begegnet Caesar seinen Mördern in majestätischem Rot und erhebt den nackten Arm, um sich gegen ein Dutzend zustoßende Messer zu verteidigen.

»Er hat mehr gelitten als ich«, seufzte sie.

»Manche Leute finden es allerdings feige«, sinnierte Morris. »Sich von hinten anzuschleichen.«

»Was sein muss, muss sein«, sagte sie.

»Wär’s abgetan, so wie’s getan, wär’s gut, ’s wär schnell getan«, zitierte Morris.

Zurzeit waren sie meistens einer Meinung. Sie pflegten einen beruhigend regelmäßigen und vorhersehbaren Austausch, fast wie ein Ehepaar. Obwohl Mimi eindeutig nicht für Der gemalte Tod war. Das teilte sie Morris sofort und unumwunden mit, als er den Raum betrat. Nicht so sehr wegen des Risikos, das er einging, wenn er die Aufmerksamkeit auf sein Interesse am Töten lenkte, sondern weil sie das Gefühl hatte, dass dadurch etwas Intimes zwischen ihnen beiden den Blicken der Öffentlichkeit ausgesetzt würde. Sie befürchtete, ihre täglichen Gespräche im Kunstzimmer, wo die Madonna mit Kind über ein Kompendium von Blutbädern wachte, könnten ihre innige Vertrautheit verlieren. »Das hier ist mein Zimmer«, erklärte sie ihm. »So habe ich das immer empfunden, Morris. Dass du dieses Zimmer für mich eingerichtet hast.« Sickerts Camden Town Murder war ihr Lieblingsbild. Sie mochte die düstere Büßerpose des Mannes, der neben der nackten Mädchenleiche saß, den Kopf gesenkt, wie um anzudeuten, dass der Mord sie letztendlich beide vernichtet hatte.

»Nicht dass ich der Meinung wäre, du seiest vernichtet, Morris«, versicherte ihm die junge Mutter.

Morris stellte sich gerne vor, seine erste, aber nie wirklich ehemalige Freundin sei irgendwie zur Muttergottes geworden. Gab es eine bessere Entschädigung? Er selbst fand Sickerts Bilder ziemlich morbide. Es war doch krank, dachte er, seine Models als ermordete Huren posieren zu lassen, noch dazu aus der untersten Unterschicht und in Slumunterkünften. Die Gemälde hätten von gehobeneren Interieurs mit Sicherheit profitiert. In diesem Fall allerdings kam es nicht infrage, Kopien mit Veränderungen in Auftrag zu geben, da er bereits zwei Originale besaß.

»Weißt du« – es war wichtig, ihr seinen Standpunkt darzulegen –, »ich habe das Gefühl, wenn ich den Menschen etwas zu bieten habe, ich meine, auf dem Gebiet der Kunst, dann ist es eine neue Sicht auf Mord und Verbrechen: warum, wozu, mit welchen Folgen, verstehst du?« Ein Teil der Ausstellung, entschied er, könnte auf jeden Fall Das Nachspiel heißen, mit Bildern der gemetzelten Leichen und dem entsetzten Ausdruck des Begreifens auf den Gesichtern der Umstehenden: Botticellis Die Auffindung des enthaupteten Holofernes zum Beispiel, wo der Hals des Generals tranchiert ist wie ein Sonntagsbraten, erstaunlich blutleer, wenn man es sich recht überlegte, die Bettwäsche noch sehr weiß, als hätte man den Körper aus der Gefriertruhe geholt, um ihn auszustellen. Es war ein seltsames Bild.

»Und wie gesagt, alles führt immer wieder zur Frage der Verwundbarkeit zurück, Mimi. Alle großen Männer sind verwundbar. Vielleicht ist Verwundbarkeit sogar ein Zeichen von Größe. Es kommt mir mehr und mehr so vor.«