Mr. Duckworth wird verfolgt - Tim Parks - E-Book

Mr. Duckworth wird verfolgt E-Book

Tim Parks

0,0
10,99 €

Beschreibung

Tim Parks’ Krimitrilogie: Der Aufstieg eines skrupellosen Hochstaplers in Verona. Morris Duckworth ist von seiner eigenen Genialität und moralischen Untadeligkeit felsenfest überzeugt. Wenn er also ein Durchschnittsleben auf unterstem ökonomischen Niveau führen muss, sind andere schuld. Um reich zu werden und in die gute Gesellschaft Veronas aufzusteigen, schreckt er vor nichts zurück. Erpressung und Entführung, Mord und Totschlag sind manchmal einfach unvermeidlich. Morris Duckworth wollte Massimina Trevisan nicht umbringen. Es war nur eine dieser Unvermeidlichkeiten. So ist es für ihn eine große Erleichterung, als er merkt, dass der Geist des Mädchens überaus lebendig ist, immer noch verliebt in ihn und bereit, ihm zu helfen, seinen rechtmäßigen Platz an der Seite ihrer Schwester einzunehmen. Endlich ist er in der Familie Trevisan und damit in der guten Gesellschaft Veronas angekommen. Nach allem, was sie durchgemacht haben, ist keiner zimperlich, wenn es darum geht, Hindernisse zu beseitigen, die ihnen im Weg stehen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 494

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Tim Parks

MISTER DUCKWORTHWIRD VERFOLGT

Kriminalroman

Deutsch von Sabine Lohmann

Verlag Antje Kunstmann

Inhalt

Cover

Titel

ERSTER TEIL

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

ZWEITER TEIL

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

DRITTER TEIL

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

VIERTER TEIL

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

Impressum

Leseprobe

»An mir, dem Unnennbaren, zersplittert das Reich der Gedanken, des Denkens und des Geistes.«Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum

ERSTER TEIL

1

MORRIS STRICH MIT DEN FINGERSPITZEN über die seidige Glasur der kaffeebraunen Kacheln. In der ganzen Wohnung war dies fast der einzige Raum, der ihm wirklich gefiel; vor allem die Halterungen aus poliertem Nussbaum mit der fleischfarbenen Seifenschale und den flauschigen weißen Handtüchern, die sich so wohltuend von den zerschlissenen Rubbellappen seiner Jugend unterschieden. Außerdem drang das allgegenwärtige Radio- oder Fernsehgedudel und das schrille Gezänk aus der Nachbarwohnung kaum je bis in dieses Refugium durch – ein dankenswerter Nebeneffekt moderner Baumethoden, ein nicht eingeplantes Stückchen Wohnkomfort, sozusagen. So konnte man sich hier in aller Ruhe rasieren und die markanten Konturen seiner Kinnpartie bewundern, die straffen Wangen, gerade im idealen Stadium zwischen Jugend und Reife, die gepflegte, immer noch dichte blonde Haartolle über klaren blauen Augen … und dabei von einem Leben träumen, in dem man klügere Entscheidungen getroffen hätte.

Denn Paola war natürlich ein Fehler gewesen.

Er rückte den Schlips unter dem frisch rasierten Kinn zurecht und ging um die versenkte Marmorwanne herum zu dem Schallschutzfenster, das geschmackvoll mit rötlichem Fichtenholz gerahmt war. Ganz der stolze Hausherr, genoss er täglich von Neuem diese einfachen Rituale, das Gefühl des kühlen, schnörkellosen Stahlgriffs unter den Fingern, den Geruch von harzigem Holz und frischer Farbe, wenn er das Fenster aufmachte und den Fensterladen entriegelte. Doch was war das? Rostflecken auf der matt lackierten Metallumrandung? Da war aber eine saftige Beschwerde bei der Baufirma fällig. Angewidert kratzte Morris mit seinen manikürten Fingernägeln an den aufgeplatzten Schwären herum. Also nein, kaum freute man sich ein bisschen an den luxuriösen Details seines neuen Domizils, schon machte sich irgendein kleiner Makel bemerkbar, der einem alles wieder vermiesen konnte. Morris sah sich das Ärgernis genauer an. Offensichtlich hatte die Baufirma hier minderwertiges Material von einem Billiglieferanten bezogen im Vertrauen darauf, dass der Käufer bei den paar kurzen Besichtigungen, die man ihm zugestand, die Mängel schon nicht bemerken würde. Aber dann gleich bar bezahlen, presto, presto, ehe der Nächste einem das Objekt vor der Nase wegschnappte! Klarer Fall von Beschiss. Er, Morris, hatte sich wie ein Gimpel von so einem miesen Provinzmafioso reinlegen lassen. Aber wenn man sich schon bescheißen ließ, musste man es sich wenigstens auch eingestehen, die Schlappe mannhaft einstecken. Man durfte sich nur nicht vormachen, es sei alles in Ordnung, wenn dem nun mal nicht so war.

Das mit Paola war absolut nicht in Ordnung.

Der zurückgeklappte Fensterladen gab den Blick frei auf eine winterlich trübe Morgendämmerung, in der sich vage die anspruchslose Silhouette der benachbarten »Luxusvilla« abzeichnete – von derselben Immobilienfirma just an der Stelle hochgezogen, wo ihnen noch vor sechs Monaten eine unverbaubare Aussicht garantiert worden war. Morris schauderte in dem kalten Luftzug, zwang sich aber, weiter hinzusehen, diese kleine Niederlage auszukosten, die ihm so deutlich seine Unfähigkeit bescheinigte, die italienische Mentalität zu begreifen. Denn es genügte nicht, ein Vermögen ergattert zu haben: Man musste auch lernen, es sich nicht so leicht abjagen zu lassen. Sicherlich freute dieser schmierige kleine Immobilienhai sich jedes Mal diebisch, wenn er auf der Straße an ihm vorbeifuhr; sicher weidete der Lump sich geradezu an seiner Niederlage!

Nun, jedenfalls war es das angemessene Wetter für Allerseelen: eisig, grau und verhangen. Gut so. Heute musste man sich in Schale werfen, was er immer gern tat; dann die große Familienzusammenkunft, die feierliche Wagenprozession zum Friedhof, die Blumen, der schmerzliche Anblick von Massiminas Foto auf dem Familiengrab. Morris hatte viel für diese Rituale übrig. Sie verliehen der Lebenserfahrung doch erst einen Rahmen, gaben ihr einen Rhythmus. Bestimmt hatte Vater niemals mehr den Rosenbusch besucht, neben dem Mutters Asche beigesetzt war. Wenn er das nächste Mal nach Hause fuhr, musste er dort aber wirklich vorbeischauen, um dem Alten zu zeigen, wie man sich als zivilisierter Mensch zu benehmen hatte.

Morris schloss das Fenster und hielt im Vorbeigehen noch einmal kurz vor dem Spiegel inne: die Wolljacke von Armani, der Schlips von Versace, das Hemd von Gianfranco Ferré – alles von höchster Eleganz, keine Frage. Aber jetzt, da man das alles hatte, merkte man, dass es nicht genug war. Man wollte mehr. Man wollte Kunst und Kultur und Lebensstil, und man wollte mit Leuten zusammen sein, die diese Werte zu schätzen wussten. Deshalb war seine Heirat ja so ein tragischer, so ein törichter Irrtum gewesen. Wenn ihm heute Nachmittag Zeit blieb, würde er Forbes besuchen …

»Paola!« Morris trat in den Flur hinaus. »Paola, es ist schon nach halb neun!« Keine Antwort. Er schaute ins Schlafzimmer. Seine Frau rekelte sich noch genüsslich unter der Steppdecke. Ihre kastanienbraune, für teures Geld gewellte Haarpracht ringelte sich über rosa Kissen. Doch es war nichts von der Mädchenhaftigkeit, der strahlenden Unschuld und süßen Naivität an ihr, die ihre Schwester Massimina besessen hatte. Außerdem war Massimina in dem kurzen Wonnemonat ihrer heimlichen Liebesaffäre immer zu einer vernünftigen Zeit aufgestanden.

Er setzte sich auf die Bettkante und starrte auf dieses Wesen nieder, mit dem er so überstürzt den Bund fürs Leben geschlossen hatte. Irgendwann würde er sich mal durchsetzen müssen. Sonst wurde man womöglich noch zu einem dieser Pantoffelhelden, die immer nur das nötige Kleingeld heranzuschaffen hatten, damit ein kicherndes Weibsbild sich einen schönen Lenz machen konnte. Schließlich fragte Paola, ohne die Augen zu öffnen: »Gehst du denn heute nicht zur Arbeit, Mo?«

Er mochte es nicht, wenn man ihn Mo nannte.

»Sono i morti«, sagte er. »Totensonntag.«

»Giusto. Aber wieso bist du dann schon auf? Wir brauchen doch erst gegen elf auf dem Friedhof zu sein. Komm wieder ins Bett, ein bisschen schmusen.«

»Ich muss noch die Blumen für Massimina abholen«, sagte Morris steif. »Und du? Hast du morgen nicht deine wichtigste Prüfung?«

»Ach herrje, nun sei doch nicht so ein Langweiler! Komm schon, komm ins Bett, Mo, und tu, was du gestern Nacht getan hast. Ich kann’s gar nicht erwarten.« Sie wand sich lasziv und machte eine eindeutige Handbewegung.

Er versuchte, seiner Stimme einen wohlwollenden, aufmunternden Klang zu geben: »Am Tag vor einer Prüfung zählt jede Stunde. Morgen wirst du’s bereuen.«

Die junge Frau setzte sich abrupt auf, in einem elfenbeinweißen Nachthemd aus so hauchdünner Seide, dass die darunter durchscheinenden Brustwarzen ihn unweigerlich an die Schokoladenplätzchen erinnerten, die seine Mutter ihm vor zwanzig Jahren zu Weihnachten immer zugesteckt hatte. Ihre Brüste waren kleiner als Massiminas, wirkten aber frecher und irgendwie moderner. Schmollend langte sie über das Bett nach einer Schachtel Rothmans und steckte sich mit ihrem silbernen Feuerzeug eine an. Neben den Diskotheken, den punkigen Talmifummeln und dem unterbelichteten, wenn auch gut situierten Freundeskreis war ihre Qualmerei eine weitere blöde Angewohnheit, fand Morris, die mit seiner inspirierenden Vision eines besseren Lebens ganz und gar nicht in Einklang zu bringen war.

Sein Vater hatte ebenfalls Rothmans geraucht.

»Na, was ist?«

»Ach, ich glaube, ich lass es lieber bleiben.«

Aber ob sie ihre Karrierechancen denn einfach über Bord werfen wolle, hielt er ihr entgegen, bloß weil sie Angst vor diesem allerletzten Examen habe?

»Tja, weißt du, Mo, ich hab mir eh schon überlegt, was soll ich überhaupt mit so einem Architekturdiplom anfangen?« Sie legte den Kopf schräg. »Schließlich haben wir doch schon genug Geld. Und Mama wird Mimi sowieso bald unter dem alten Engel Gesellschaft leisten. Dann bist du der Boss in der Firma, und alles läuft wie von selbst.«

Der Engel war eine Anspielung auf das reichlich pompöse Monument auf dem Familiengrab.

Im Stillen von ihrer Pietätlosigkeit angewidert, gab Morris zu bedenken, dass ein Architektenjob ihr abgesehen von dem Geld, das immer ein Pluspunkt war, auch ganz andere Möglichkeiten der Selbstverwirklichung eröffnen würde.

»Ach, Morris, du bist ja so ein Langweiler!« Sie lachte laut auf, ihr heiseres, herablassendes Lachen, und zugleich fiel ihm auf, dass es nicht so sehr das Rauchen war, was ihn nervte, sondern die Art, wie sie rauchte: mit der dreisten Selbstsicherheit, sagte er sich, der verfluchten Arroganz von stilvollen Filmschauspielerinnen. War sein Vater deshalb so von ihr angetan gewesen, als sie ihn in England besucht hatten? Er hoffte inständig, dass er selbst sich eine derart einschüchternde Ausstrahlung niemals vorzuwerfen haben würde.

»Ich hab’s dir schon mal gesagt«, fuhr sie fort. »Ich bin eigentlich nur an die Uni gegangen, um aus diesem spießigen Elternhaus rauszukommen, so weit weg wie möglich von Mama und dem ewigen Mottenkugelmief. Und Architektur hab ich nur studiert, weil das in Verona nicht angeboten wird, so konnte ich wenigstens vier Tage pro Woche nach Padua verschwinden und ein bisschen Spaß haben. Na los, nun zieh schon die albernen Klamotten aus und komm in die Falle.«

Wieder fühlte Morris sich unangenehm berührt von dieser Derbheit, obwohl er sich in letzter Zeit weit Schlimmeres hatte anhören müssen. Wenn sie miteinander schliefen, zum Beispiel, was er immer noch ziemlich genoss und zu seiner Verwunderung auch gut hinkriegte (obwohl er es hinterher immer eilig hatte, unter die Dusche zu verschwinden) – ja, beim Sex also brachte sie die erstaunlichsten Obszönitäten hervor, Ausdrücke, von denen er nie geglaubt hätte, dass man sie tatsächlich gebrauchen könnte. »Aber Paola, mein Liebling«, protestierte er – er hörte sich gern ›mein Liebling‹ sagen –, »du schienst dich zu Hause doch sehr wohlzufühlen, ich meine, damals, als ich euch zum ersten Mal besucht habe und ihr, du und Antonella, darüber gejammert habt, wie schlecht Massimina in der Schule war.«

Paola kugelte sich förmlich vor Lachen. »Alles Schau!«, giggelte sie. »Was ich da immer für eine Schau abgezogen habe! Die arme Mimi war ja so eine Niete. Ich hab immer gewusst, dass es ein böses Ende mit ihr nehmen würde.«

Nein, das war wirklich zu schmerzhaft. Er wechselte schnell das Thema: »Du willst also deine berufliche Zukunft an den Nagel hängen?«

Sie prustete wieder los. »Ich hatte sowieso nie eine, du Dummerchen. Die Prüfungen hab ich alle nur mit Abschreiben bestanden. Du weißt doch, wie das hier ist. Ich hab nie kapiert, wieso Mimi es nicht auch so gemacht hat.«

Zu seiner eigenen Überraschung hörte Morris sich sagen: »Na gut, dann lass uns ein Kind bekommen. Ich hab mir schon immer einen Jungen gewünscht.«

Doch wieder wollte sie sich vor Lachen ausschütten.

»Nemmeno per sogno, Morris! Das kann noch gut fünf Jahre warten.«

»Und was willst du in der Zwischenzeit tun? Ich meine, wir haben das ja bisher noch nie besprochen.«

»Einfach Spaß haben.« Sie blies einen Rauchring aus und sah ihn mit einem schelmischen Lächeln aus dem Augenwinkel an. Wahrhaftig alles andere als das Inbild still gefasster Trauer, das ihn am Tag von Mimis Begräbnis so unwiderstehlich zu ihr hingezogen hatte. »Ich hab das Gefühl, mein Leben fängt gerade erst an.«

»Während ich mich in der Firma abschufte?«

»Ich dachte, du wolltest es so. Du bist vor Freude doch fast aus dem Anzug gesprungen, als Mama den Schlaganfall bekam.«

Er starrte sie an.

»Gut, also wenn du dich partout nicht aufraffen kannst, dann geh ich jetzt unter die Dusche.«

Sie stieg aus dem Bett und verpasste ihm im Vorbeigehen einen Nasenstüber. »Mein dummer kleiner Mo«, lachte sie und rauschte mit demonstrativem Gewackel ihres Hinterteils in einem winzigen weißen Tangaslip aus dem Zimmer.

Morris schloss gepeinigt die Augen.

Ein paar Minuten später stand er draußen vor seinem schmucken und ausgesprochen kostspieligen Eigenheim. Die Kälte war schneidend. Unter dem grauen Nebel war alles mit Raureif überzogen. Eine stattliche Zypressenreihe ragte starr und weiß empor. Die Lorbeerhecke neben dem Tor hing voller vereister Spinnweben. Morris hatte einen Blick für solche Dinge.

In einen dezenten grauen Wollmantel und einen fliederfarbenen Kaschmirschal gehüllt, fuhr er in seinem kleinen weißen Mercedes stadteinwärts. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er natürlich lieber eine Wohnung mitten in der Altstadt gekauft und sich gar keinen Wagen angeschafft. Aber Paola hatte unbedingt vermeiden wollen, dass ihre Mutter ständig unangemeldet bei ihnen hereinschneite, wie sie es nämlich bei ihrer Schwester Antonella und ihrem Schwager Bobo zu tun pflegte; daher hatte sie es ratsamer gefunden, in eins dieser schicken neuen Apartmenthäuser am Stadtrand zu ziehen, weitab vom Schuss. Und in seiner törichten Euphorie, endlich – zumindest in legaler Hinsicht – Einlass in die Familie gefunden zu haben, war Morris mit allem einverstanden gewesen.

Angesichts der dramatischen Verschlechterung von Mamas Gesundheitszustand während der letzten Monate, war dies vermutlich eine Fehlentscheidung gewesen, so viel war Morris nun klar. Zumal niemand so recht wusste, wie die Firma nach ihrem Ableben aufgeteilt werden sollte. Hätten sie mehr in ihrer Nähe gewohnt, wären sie eher in der Lage gewesen, ihr Mitgefühl und Respekt erweisen zu können und so ihr Verantwortungsbewusstsein zu demonstrieren. Antonella und Bobo waren darin jedenfalls höchst beharrlich. Er hätte das vorhersehen müssen, fand Morris; er hätte Paola nicht so einfach ihren Willen lassen dürfen. Doch er war unerfahren in Sachen Ehe, hatte sich mit den besten Absichten darauf eingelassen, und außerdem war man hinterher immer klüger. Wenn Morris aus seinen Erfahrungen eins gelernt hatte, dann war es, nicht zu streng mit sich selbst zu sein.

Während er in zügigem Tempo fuhr, griff er zum Autotelefon und rief Forbes an. »Pronto?«, meldete sich eine kultivierte Stimme, in deren Akzent der typische Anspruch auf britische Überlegenheit mitschwang. Morris, der so stolz war auf seine mühsam errungene Fähigkeit, wie ein Italiener zu klingen, fand es trotzdem immer wieder faszinierend, wie sein älterer Freund sich jeglicher Anpassung verweigerte – einerseits zwar demonstrativ für die italienische Kunst und Lebensart schwärmte, andererseits aber stur an seinem Außenseiterstatus festhielt. Morris’ chamäleonhaftes Tarnungsbedürfnis schien er in keiner Weise zu teilen, ja, nicht einmal nachempfinden zu können.

Morris nannte seinen Namen und entschuldigte sich, falls er den alten Herrn geweckt haben sollte.

»Ach, Morris, Ihnen würde ich noch ganz andere Dinge verzeihen.« Die sonore Pensionärsstimme nahm sofort einen jovialen Tonfall an.

»Ich wollte nur sagen, ich war gerade am Überlegen, ob ich am Wochenende nicht nach Florenz fahren soll. Möchten Sie vielleicht mitkommen? Ich würde mir gern ein bestimmtes Bild ansehen. In den Uffizien.«

»Eine hervorragende Idee.«

»Ich dachte nämlich, wenn Sie dabei sind, könnten sie mir ein bisschen was erklären. Hoffentlich finden Sie das nicht anmaßend von mir. Mit der Frührenaissance kenne ich mich nicht so besonders aus.«

»Kein Problem, das mache ich doch gern.«

»Und unterwegs könnten wir über das Geschäft reden, das Sie mir neulich vorgeschlagen haben.«

»Wenn Sie tatsächlich eine Möglichkeit sehen, das nötige Kapital aufzutreiben«, sagte Forbes demütig. »Ich fürchte, bei meinem bescheidenen Einkommen …«

»Eventuell lässt sich da was einrichten«, entgegnete Morris, in bewusster Anspielung auf die Tatsache, dass er in eine schwerreiche Familie eingeheiratet hatte. Es war ihm immer wieder eine Genugtuung, diesen Trumpf in petto zu haben, der einen Mann wie Forbes dazu bringen konnte, ihm etwas von seiner Zeit zu opfern. Allerdings bestand die Gefahr, dass er es diesmal vielleicht übertrieben hatte.

»Gut, also dann komme ich Sie am Samstagmorgen abholen, so gegen neun?«

»Ähm, sagen wir doch lieber halb zehn, Morris, wenn’s Ihnen recht ist. Ich bin nicht so ’n Frühaufsteher.«

»Abgemacht.«

Sie beendeten das Gespräch. Aber es machte ihm solchen Spaß, bequem zurückgelehnt in diesem schnellen Wagen zu telefonieren, es unterstrich so perfekt seinen wohlverdienten Erfolg, dass er, wie so oft in letzter Zeit, einfach weiterplauderte, obwohl die Leitung tot war.

»Pronto?«, fragte er lässig. »Massimina, kannst du mich hören? Die Verbindung ist leider nicht sehr gut. Hörst du mich? Heute ist Allerseelen, weißt du.«

Er stellte sich vor, wie sie mit ihrer vertrauten, ein bisschen kurzatmigen Mädchenstimme Ja sagte. Oder vielmehr si. »Si, Morri, si.«

Der Nebel verdichtete sich plötzlich und wirbelte nun in Schwaden um den Wagen.

»Weißt du, was? Ich hab ein Gemälde von dir gesehen. Doch, wirklich. Ich hab mir gleich gedacht, dass du’s mir nicht glauben wirst.« Er sprach äußerst lässig in den eleganten weißen Hörer, während er in voller Fahrt bei null Sichtweite dahinbrauste. Irgendwie schien es ihm unerlässlich, sich diesen Risiken auszusetzen. Als würde es jedes Mal Glück bringen, wenn man wieder heil davongekommen war. »Ich hab in einem meiner Kunstbände geblättert, und da warst du plötzlich. Ja, ganz recht, es war Fra Lippis La Vergine incoronata. Aber ich hatte das Gefühl, das bist du. Genau dein Gesicht. Und da dachte ich mir, weißt du, wenn der dich dreihundert Jahre vor deiner Geburt malen konnte, Mimi, dann bist du vielleicht jetzt auch noch irgendwie am Leben, vielleicht bist du die heilige Jungfrau, immer wieder in neuer Inkarnation, für eine incoronazione nach der anderen.«

Du lieber Himmel, was für ein haarsträubender Unsinn, dachte Morris. Er hatte gar nicht gewusst, dass er so schräges Zeug im Kopf hatte. Andererseits freute es ihn auch, wie er sich immer wieder selbst zu überraschen vermochte; es bestärkte ihn in der Überzeugung, dass er im Grunde seines Wesens doch künstlerisch veranlagt war. Er war noch nicht alt und ausgelutscht, er nicht! Im Gegenteil, seine Gedankengänge wurden immer gehaltvoller.

Der Nebel drückte von oben nieder, schien im Vorbeifliegen wie mit Geisterarmen nach dem Wagen zu greifen.

»Also kann ich dich in Wirklichkeit auch gar nicht getötet haben, nicht wahr, Mimi?«

Keine drei Meter vor ihm tauchten plötzlich zwei verschwommene rote Lichter auf. Morris trat hart auf die Bremse und schaltete hastig zurück. Aber das reichte nicht. Um den Aufprall zu vermeiden, scherte er blind nach links aus, ins graue Nichts, wo Sekunden später prompt Scheinwerferlicht aufblinkte. Der entgegenkommende Bus schleuderte frontal auf ihn zu. Unter wildem Protestgehupe quetschte Morris sich mit knapper Not an einem Fiat 126 vorbei.

Er nahm den heruntergefallenen Hörer vom Beifahrersitz auf. »Und ich hab mir gedacht, Mimi, wenn du mir doch nur ein Zeichen geben könntest oder so was, ich meine, dass du in irgendeiner Weise noch da bist, das würde mir viel bedeuten. Einfach irgendein Zeichen. Wenn ich nur weiß, dass es von dir kommt. Und dass du mir verziehen hast.«

Morris runzelte die Stirn. Denn was ihn so tief getroffen hatte, als er sie in der Madonna dieses Renaissancemalers wiedererkannte, war natürlich die Erinnerung daran, dass sich bei der Obduktion herausgestellt hatte, dass sie schwanger war. Mimi war schwanger gewesen, und er hatte sein eigenes Kind umgebracht, die Frucht ihrer Liebe, einen Erlöser womöglich. Diese fürchterliche Erkenntnis konnte ihn immer noch von Zeit zu Zeit aus dem Hinterhalt anspringen, und jedes Mal zog es ihm den Boden unter den Füßen weg. Obwohl das irgendwo auch wieder sein Gutes hatte, denn sonst hätte man sich vielleicht mangelnde Sensibilität vorwerfen müssen. Erfahrungsgemäß war diese Schwäche ja weiß Gott weit verbreitet.

»Wirst du das für mich tun, Mimi? Mir ein Zeichen geben? Egal, in welcher Form, es muss nur deutlich genug sein.«

Wieder stellte er sich vor, wie sie in ihrer nachgiebigen Art »Si, Morri, si« sagte. Massimina hätte ihn niemals Mo genannt oder mit kruden Worten zum Bumsen aufgefordert. Sex war für sie etwas Heiliges gewesen. Hätte er das Glück gehabt, Mimi zu heiraten, wäre sie nie so selbstsüchtig gewesen, keine Kinder kriegen zu wollen. Plötzlich fiel ihm etwas ein, das ihn unwillkürlich kichern ließ. Was bin ich doch für ein alberner Esel, dachte er. Ich muss Paola gegen ihren Willen schwängern, das ist es. Dann hat sie wenigstens eine Aufgabe im Leben. Bevor sie endgültig zum modesüchtigen Parasiten verkommt. Sie wird mir später noch mal dankbar dafür sein. War das denn nicht Sinn und Zweck der Ehe, wie es bei der Trauung geheißen hatte?

In solcherlei halb unbewusstes Gegrübel versunken, folgte Morris ganz plötzlich einer jener spontanen Eingebungen, auf die sich zu verlassen er im Lauf der Jahre gelernt hatte. Statt direkt zum Blumenladen zu fahren, um den bestellten Kranz abzuholen, bog er nach rechts auf die Schnellstraße in die Hügel ab, wo die Familie ihr Weingut hatte.

Knapp oberhalb von Quinto kam er aus dem Nebel heraus und fuhr in zügigem Tempo bis Grezzana durch. Im winterlichen Grau wirkte das Tal eher hässlich mit seinen Industriebauten und sterilen Wohnblocks, die genauso auch in England hätten stehen können. Das war nun wirklich nicht das italienische Ambiente, das er sich ersehnt hatte, als er beschloss, in eine der reichen Familien des Landes einzuheiraten. Er hatte das alles lang und breit mit Forbes durchgesprochen: Die lateinische Rasse war offensichtlich degeneriert. Zwar produzierte und schätzte man hier nach wie vor schöne Dinge, und das war Morris sehr wichtig, konnte er sich doch kaum einen anderen Lebenssinn vorstellen. Aber es schien den Leuten egal zu sein, ob sie dabei ihre Landschaft verhunzten; Schönheit war für sie ein Konsumartikel, kein spiritueller Wert. Was zählte, war die richtige Kleidung, allenfalls noch eine stilvolle Einrichtung. Viele hatten überhaupt keine Ahnung von ihren historischen Kunstschätzen und ihrem kulturellen Erbe. Eine wahre Schande, dachte Morris, während er in einen Kiesweg einbog und nach einigen Kehren bei den drei flachen Wirtschaftsgebäuden anlangte, wo der Wein der Familie Trevisan gekeltert, auf Flaschen gezogen und gelagert wurde.

Er angelte in seinem Handschuhfach nach der passenden Fernbedienung, und das lange, niedrige Eisentor öffnete sich rasselnd. Der neue Hund begann wie wild zu bellen, wie er Morris jedes Mal anbellte und überhaupt jeder Hund es tat, so weit Morris zurückdenken konnte. Er musste Bobo wirklich mal klarmachen, dass es vollkommen unsinnig war, so eine Bestie zu halten; wenn hier jemand einbrechen wollte, würde es ihm wohl kaum Schwierigkeiten bereiten, den Köter zu erschießen. Niemand würde den Schuss hören, denn außerhalb der Arbeitszeit waren diese tristen Gewerbegebiete ohnehin menschenleer. So etwas musste man eben bedenken.

Es sei denn, Bobo hatte genau solche Besuche wie den seinen jetzt vermeiden wollen. Aber das grenzte ja an Verfolgungswahn. Er gehörte doch jetzt zur Familie. Und wenn man einmal zur Familie gehörte, dann voll und ganz.

Er fuhr durch das Tor und stellte den Motor ab. Der große Dobermann, oder was immer das für ein Vieh sein mochte (denn Morris interessierte sich nicht die Bohne für Tiere), sprang zähnefletschend an der Wagentür hoch. Unheimlicherweise schien er genau zu wissen, auf welcher Seite Morris aussteigen musste. So ein Mist aber auch! Mit diesem Problem hatte Morris nun gar nicht gerechnet. Aber es wäre doch zu dumm, deswegen gleich aufzugeben.

Er ließ den Motor wieder an und fuhr durch Schotter und Pfützen zu dem Büroeingang in dem Anbau hinter der Lagerhalle. Dort parkte er eine Handbreit vor der Tür, und während der Hund hechelnd und jaulend versuchte, sich durch den engen Zwischenraum zu zwängen, ließ Morris die Fensterscheibe herunter, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn zweimal um. Dann fuhr er weiter, im Schritttempo um den Block, womit er das dumme Tier dazu verleitete, an abgestellten Lieferwagen und Flaschenkisten vorbei hinter ihm herzutraben. An der letzten Hausecke gab er plötzlich Gas und gewann so die paar Sekunden Vorsprung, die er brauchte, um aus dem Auto in das Gebäude zu hechten. Er schlug die Tür hinter sich zu. Der Hund war außer sich vor Wut. Morris ebenfalls. Und er nahm sich auf der Stelle vor, das Vieh zu vergiften.

2

IN DER GEGEND UM VERONA gibt es drei größere Weinbaugebiete: Valpolicella im Norden und Westen; Soave zwanzig Kilometer weiter nach Osten und dazwischen die Valpantena-Region, die sich vom östlichen Stadtrand nach Norden erstreckt. Die beiden ersteren sind weltweit bekannt. Morris konnte sich erinnern, dass sogar sein Vater gelegentlich einen »Suave« kaufte, um irgendeins der Weiber zu beeindrucken, mit denen er sich nach Mutters Tod abgab. Und er selbst hatte damals in Cambridge auf Künstlerfeten so manches Glas Valpolicella geleert, ohne jede Vorstellung davon, wo das Anbaugebiet eigentlich lag. Hätte das Weingut der Familie Trevisan sich in einer dieser beiden Regionen befunden, dann wäre es ein Leichtes gewesen, die Expansionspläne zu verwirklichen, die Morris sich so gern ausmalte (frei nach dem Prinzip, dass man alles, wozu man sich herabließ, und ganz besonders Geschäftliches, am besten in großem Stil anging).

Aber dieses Valpantena … tja, die Lage war eindeutig nicht von erster Güte. Es war schwierig, eine DOC-Qualifikation zu bekommen. Der Boden war zu lehmig. Der Wein hatte einen niedrigen Alkoholgehalt, wenig Körper und noch weniger Aroma. Schlimmer noch, er galt einfach allgemein als billiger Tafelwein. Mit dem Ergebnis, dass der Absatz stetig zurückging, da der Markt im Zuge des neuen Snobismus und aggressiver Werbestrategien mehr und mehr zu hochwertigen Produkten tendierte. Die wackere, trinkfeste Bauernschaft dagegen, traditionsgemäß das Gros der Abnehmer, ging an Leberzirrhose oder an der Mickrigkeit eben jener EG-Zuschüsse zugrunde, die doch gerade darauf abzielten, die Landbevölkerung in ihrer angestammten Umgebung zu halten, und versackte in den Tausenden von verräucherten Dorfkneipen, wo der Valpantena bei endlosen Briscolapartien in Strömen floss.

Was wäre wohl gewesen, fragte Morris sich oft, wenn statt Massimina Trevisan eine der Bolla-Töchter mit ihm durchgebrannt wäre? Dann hätte er der hoch geachtete Exportmanager eines Großunternehmens mit internationalem Vertriebsnetz werden können. Er wäre als Sponsor von kulturellen Veranstaltungen hervorgetreten, hätte Theaterworkshops, Etruskerausstellungen und das Werk ambitionierter Kunstfotografen unterstützt. Oder mal angenommen, er hätte als Englischlehrer in der exklusiven Mailänder Gesellschaft Fuß gefasst (und warum auch nicht, bei seinem Bildungsstand?) – was sich da nicht alles für Möglichkeiten ergeben hätten! Die Berlusconis, die Agnellis, die Rizzolis, schier unermesslicher Reichtum und signorilità … Wenn es ihm schon gelungen war, die misstrauischen und äußerst unzugänglichen Trevisans zu verschaukeln, war es da so undenkbar, dass er es auch bei der weitaus großzügigeren Geldaristokratie hätte schaffen können? Und vielleicht immer noch schaffen konnte. Wenn er sich nur entsprechend anstrengte.

Aber das war ja das Problem. Es lag ihm nicht, sich anzustrengen, höchstens in Notfällen, und oft genug nicht einmal dann. Er überließ sich lieber seinen ästhetischen Betrachtungen, verlor sich in allerlei ausufernde Spekulationen. Seine Gedankenwelt war unendlich produktiv und vielfältig, doch eher exotisch als von praktischem Nährwert. Er war stolz auf seinen Assoziationsreichtum, seine Beobachtungsgabe, schaffte es allerdings nie, mehr als einen oder zwei Tage im Voraus zu planen. (Hätte er die Geschichte mit Massimina jemals in Gang gesetzt, wenn er auch nur ansatzweise vorhergesehen hätte, wie sie enden musste? Sicher nicht. Das war ihm gerade erst wieder erschreckend klar geworden.) Er war wie ein Romanautor, der ständig sein Handlungskonzept aus den Augen verliert, oder, genauer gesagt, ein armseliger Opportunist, der auf gut Glück Fortunas Brosamen vom Boden aufliest.

War es mit seiner Heirat nicht genauso gewesen? Die Gelegenheit hatte sich von selbst ergeben; es war Paola gewesen, die ihm das Angebot gemacht hatte, wie es auch Massimina gewesen war, die ihn vor zwei Jahren angesprochen hatte, nicht er sie. Und Morris war unfähig gewesen, sich zurückzuhalten und auf einen höheren Trumpf zu warten; unfähig zu begreifen, dass er für Besseres geschaffen war.

Allerdings gab es für den zweiten Lapsus auch mildernde Umstände: die Euphorie über den glimpflichen Ausgang der polizeilichen Ermittlungen hatte da sicher eine Rolle gespielt. In seiner übermütigen Stimmung damals war die überraschende Einladung, Mimis Schwester nach England zu begleiten, ihm fast wie ein Wink des Schicksals erschienen. Sodass er bereitwillig zugestimmt hatte, zumal auch ein eigenartig perverser Reiz darin lag, durch den weiteren Umgang mit der Familie so nah am Schauplatz des Verbrechens zu bleiben. Angeblich hatte Paola diesen längeren Urlaub nötig, um besser über den Todesfall hinwegzukommen, und auch dieses Pathos hatte Morris fasziniert, es schien ihm voll nobler Seelengröße und würdevoller Trauer. Doch bald genug hatte sich herausgestellt, dass sie die Englandreise nur unternahm, um ihren Freunden aus dem Weg zu gehen, bis sie die Kränkung überwunden hatte, von ihrem langjährigen Verlobten, diesem affigen Zahnarzt, verlassen worden zu sein.

Jedenfalls hatte sie ihm, als sie am Flughafen angekommen waren und im Taxi saßen (es war übrigens die erste Taxifahrt in seinem Leben), ganz offen vorgeschlagen, mit ihr in die teure Wohnung in Notting Hill zu ziehen, die Freunde der Familie ihr zur Verfügung gestellt hatten. In seiner verständlichen Aufregung über den neu gewonnenen Reichtum (Wertpapiere über 400 Millionen Lire in seinem Koffer), noch leicht benebelt von dem exquisiten Barolo, den sie zu ihrem Imbiss im Flugzeug getrunken hatten, und keineswegs abgeneigt, die sexuellen Experimente fortzusetzen, die seinem Abenteuer mit Mimi eine so pikante Note verliehen hatten, suchte Morris gar nicht erst nach einem Vorwand, das Angebot auszuschlagen. Er fühlte sich wie ein Surfer auf dem Wellenkamm. Er konnte gar nichts falsch machen. Und es war ihm ein besonderes Vergnügen gewesen, seinen grobschlächtigen, proletenhaften Vater eines Nachmittags in dieses schicke Feriendomizil einzuladen und ihn mit einem Ambiente von Perserteppichen und Designermöbeln zu verblüffen, das selbst so ein alter Sturkopf wie Mr. Duckworth als deutlichen sozialen Aufstieg würdigen musste.

Selbst ziemlich durchtrieben, hatte Paola bald eine fatale Zuneigung für Morris’ spezielle Form von Gerissenheit entwickelt, seine seltsame Förmlichkeit und Zurückhaltung, die sie »irre antörnend« fand (und wahrscheinlich typisch englisch, in ihren Augen also exotisch, ohne zu begreifen, was Morris nur allzu schmerzlich bewusst war, dass die Angelsachsen von Natur aus nämlich ein ungehobelter und gewalttätiger Haufen waren). Drei, vier, fünf Monate lang hatten sie also in London zusammengewohnt und in vollen Zügen eine Sexualität genossen, die ebenso gewagt wie angenehm frei von emotionalen Komplikationen war. Paola hatte kein Wort Englisch gelernt und einen Haufen Geld ausgegeben. Im Gegensatz zu Mimi teilte sie seine Schwäche für kostspieliges Essen und Trinken, was bedauerlicherweise dazu führte, dass Morris ständig mehr oder minder vom Alkohol benebelt war und die weniger attraktiven Seiten ihres Wesens kaum zur Kenntnis nahm.

Als sie im Frühling des darauffolgenden Jahres nach Italien zurückkehrten, trafen sie die Familie mitten in hektischen Hochzeitsvorbereitungen an: Aufgrund einer ungeplanten Schwangerschaft verheiratete man die ältere Schwester Antonella nun in aller Eile mit ihrem Bobo, dem Erben der Legebatterien Posenato, von Paola geringschätzig Pollo (Hühnchen) Bobo genannt (eins der Dinge, die Morris an Paola wirklich mochte, war ihr Hang zu geistreichen Bosheiten). Das Ganze wurde natürlich in extravagantem Stil arrangiert. Mama Trevisan war hochbeglückt über diese standesgemäße Verbindung, deren gesellschaftliche und materielle Vorteile weit mehr ins Gewicht fielen als die zweifelhaften Umstände, unter denen sie zustande gekommen war. Fröhlich wurden Unsummen verjubelt. Eine schöne Wohnung war bereits gekauft, die Brautgarderobe bei einem renommierten Modehaus in Auftrag gegeben worden. Für den Hochzeitsempfang hatte man das Due Torri gebucht, das teuerste Hotel in Verona.

Angesichts all dieser pompösen Festlichkeit fühlte Paola sich begreiflicherweise von ihrer viel faderen, eher hausbackenen Schwester in den Schatten gestellt. Und Morris, der sich in London schon öfter überlegt hatte, ob er sich nicht als der Mann in der Familie etablieren könnte, sah sich in seiner Antipathie gegen Bobo erst recht bestärkt. Hatte dieser arrogante Schnösel mit seiner Neugier und seinen Nachforschungen nicht dafür gesorgt, dass Morris’ anfänglicher Versuch, Massimina auf traditionelle Weise für sich zu gewinnen, von der Familie unterbunden wurde, und ihn dadurch letztlich gezwungen, zum Kriminellen zu werden? Und war es nicht verdammt ungerecht, dass so ein verdruckster, pickliger Miesepeter mit derartig viel Macht und Reichtum ausgestattet war? Diese Ironie des Schicksals weckte in Morris stets maßlosen, unversöhnlichen Groll. Gut, er hatte jetzt selbst einiges Geld, es reichte vielleicht, um zwei oder drei Wohnungen zu kaufen (warum nur hatte er nicht mehr gefordert, als er das Messer in der Hand gehalten hatte?), aber das war nichts gegen die miliardi, die Pollo Bobo und seinesgleichen zur Verfügung standen; außerdem musste Morris immer noch penibel darauf achten, dass niemand mitbekam, wie er sein Geld ausgab – dessen Vorhandensein er niemals würde rechtfertigen können. Wie ein Trottel musste er sich immer noch als Habenichts ausgeben, auch wenn er längst keiner mehr war. Es war zum Heulen. Weil man nämlich nicht wirklich reich war, wenn man nicht auch über die Produktionsmittel zur Herstellung von Reichtum verfügte, da hatte der alte Marx recht gehabt. Mit bloß ein paar Hundert Millionen (Lire!) in Wertpapieren war man ja kaum gegen die Inflation gesichert. Und so hatte er auch keinerlei Widerspruch angemeldet, als Paola eines Abends ganz sachlich bemerkte, dass man die anderen doch wunderbar ärgern könnte, indem man das Fest einfach zu einer Doppelhochzeit umfunktionierte. Sie müssten sowieso aufpassen, meinte sie; es bestand die Gefahr, dass Pollo Bobo, der von seinem Vater und seinem älteren Bruder noch aus dem Familienbetrieb herausgehalten wurde, sich mehr und mehr bei Mama einschmeichelte, um sich das Weingut der Trevisans schließlich ganz unter den Nagel zu reißen. Wenn sie aber sofort heirateten, würde Mama ihm, Morris, ebenfalls eine Stellung geben müssen, in der er seinen Einfluss geltend machen könnte.

Natürlich sah Morris jetzt, im Rückblick, was für ein trauriger, armseliger Opportunismus ihn bewogen hatte, sich auf so was einzulassen: seine Privatsphäre unbedacht einem Geschöpf auszuliefern, das er außerhalb des Bettes kaum kannte und meist in mehr oder weniger beduselter Verfassung erlebte (weil sie nämlich auch auf Marihuana stand); sowie sein beträchtliches intellektuelles Potenzial für die Vermarktung ziemlich minderwertiger Weine einzusetzen, obendrein (denn das war unumgänglich, wenn er sich im Hause Trevisan behaupten wollte) mit einem derart läppischen, verwöhnten, kinnlosen Schwachkopf als Geschäftspartner, der zum Gegner ebenso wenig taugte wie zum Mitarbeiter.

Aber letztlich war man nun mal der, der man war. War es nicht diese Einsicht, die Morris seinem Vater seit nunmehr fünf Jahren auf unzähligen Diktafonkassetten mitzuteilen versucht hatte? Man war der, der man war. Charakter als Schicksal. Dies war eben die Art und Weise, wie Morris Duckworth handelte (immer noch von der Sorge getrieben, in der Gosse zu enden, trotz jener 400 Millionen). Und wenn er inzwischen die Hoffnung aufgegeben hatte, sich seinem Vater begreiflich zu machen, dann vor allem, weil er sich darüber klar geworden war, dass sein Vater ja aus genau demselben Grund – Charakter, Schicksal – niemals verstehen würde, was Morris ihm mitzuteilen versuchte. Der grobe alte Bock war ein grober alter Bock, und damit Schluss. Wie konnte man erwarten, dass er sich änderte? Morris war Morris, und so, wie er war, würde er auch bleiben, eingesperrt in seinen eigenen Schädel, seine eigene Unzulänglichkeit, bis zum bitteren Ende: ein verzweifelter, immer seinen Ansprüchen hinterherhinkender Möchtegern. Weisheit bedeutete, das ein für alle Mal zu akzeptieren.

Obwohl er das Leben manchmal auch ganz anders empfand. Manchmal kam es ihm so vor, als könnte nichts ihn aufhalten. Oder als könnte er sich wenigstens nach Kräften amüsieren, wenn er sich schon nicht zu ändern vermochte.

Alles war glattgegangen wie in einer Seifenoper. Die Wohnung war gekauft worden (mit seinem Geld und auf seinen Namen – worauf ihm kaum noch zweihundert Millionen blieben, aber so könnte ihn seine Frau auch nie gegen Lösegeld als Geisel halten). Morris hatte einen Katechismuskurs für Erwachsene absolviert und war Katholik geworden (bezeichnenderweise war er hier zum ersten Mal auf jene leidgeprüften Dritte-Welt-Abkömmlinge gestoßen, deren Schicksal ihm dieser Tage oft zu denken gab). Die Hochzeit wurde auf ein Datum im Sommer festgesetzt. Alles schien nach Wunsch zu laufen. Aber all seinen heroischen Bemühungen, sich den hiesigen Gepflogenheiten anzupassen, zum Trotz, hatte Paola es sich mit typischer Sprunghaftigkeit plötzlich anders überlegt und im letzten Moment beschlossen, doch lieber auf dem Standesamt zu heiraten, das so romantisch, wenn auch etwas unheimlich, an der Stelle stand, wo man Julias Grab vermutete. Mit diesem Sinneswandel wollte sie ihrer Mutter eins auswischen, zur Strafe dafür, dass die Signora sich dem ganzen Posenato-Klan gegenüber immer so einschmeichelnd verhielt, während sie für Morris nichts als kühle Reserviertheit übrighatte.

Wie sich herausstellte, war die Idee ein Geniestreich. Nicht nur, dass Mama sich schrecklich aufregte (weil die Posenatos so eine popelige Standesamt-Hochzeit natürlich empören würde), nein, besser noch, Morris konnte sich bei der alten Dame in günstigeres Licht setzen (und ebenso bei der bigotten, wenngleich schwangeren Antonella), indem er sich in der Rolle des bedächtigen, reservierten Briten präsentierte, der sich vergeblich abmühte, die unreife, kapriziöse Paola zur Vernunft zu bringen. Genau genommen funktionierte die List so prächtig, dass Mama vor lauter Ärger, ihre Wünsche derart missachtet zu sehen, noch während der Zeremonie von einem Gehirnschlag getroffen wurde – just in dem Augenblick, als Morris sich nach dem Unterschreiben der Heiratsurkunde umwandte, um der kleinen Festgesellschaft zuzulächeln (zu der sonderbarerweise auch Paolas Verflossener, der Zahnarzt, gehörte).

Mama brach also zusammen und wurde per Rettungswagen zur rianimazione abtransportiert. Während der letzten Kleideranprobe für ihre eigene Trauung später am Nachmittag von der Hiobsbotschaft überrascht, war Antonella über ihre Schleppe gestolpert, als sie überstürzt die Treppe hinabrannte, und nach reichlich Panik, Krankenwagen rufen und Klinikeinweisung stellte sich schließlich heraus, dass sie ihr Kind verloren hatte. Morris versuchte zwar, Bobo sein ehrliches Mitgefühl zu bekunden (immerhin hatte er sogar die Flugbuchung für seine Hochzeitsreise auf die Azoren storniert!), doch dieser unangenehme Veroneser stierte ihn nur mürrisch an, als wollte er ihm das Gefühl geben, das alles sei irgendwie seine Schuld. Aber die Sehnsucht der Menschen nach einem Sündenbock, sagte sich Morris, war eben maßlos. Großmütig beschloss er, es dem Jungen nicht weiter übel zu nehmen. Mit der Zeit würde es ihnen vielleicht trotzdem gelingen, sich halbwegs anzufreunden, da sie doch nun mal verschwägert waren.

Nach drei Monaten intensiver Behandlung war Mama immer noch halbseitig gelähmt. Ohne jegliche entsprechende Vollmacht riss Bobo kurzerhand die Geschäftsführung der Firma an sich, und nur dem heftigen Einspruch vonseiten Paolas war es zu verdanken, dass er Morris wenigstens anbot, eine kleine Geschäftsvertretung in der Stadt zu eröffnen. Natürlich hätte Morris dies rundweg ablehnen müssen. Fürs Handelsgewerbe war er nun wirklich nicht geschaffen. Als feinsinniger Ästhet, von seinem ganzen Wesen her eher künstlerisch veranlagt, war er den Umtrieben der kommerziellen Welt in keinster Weise zugeneigt. Fotograf hätte er werden sollen oder Modezeichner oder Theaterkritiker. Doch aus purem Opportunismus sah er sich genötigt, die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Vielleicht hatte er unbewusst immer derjenige sein wollen, der er nicht war, hatte es seinem machohaften Vater ebenso recht machen wollen wie seiner sanften, lieben Mutter. Und nun wollte er so schrecklich gern Italiener sein, vollwertiges Mitglied einer echten italienischen Familie, weshalb er sich sogar zu dem mürrischen Bobo so seltsam hingezogen fühlte. Entweder, er schaffte es noch, den Jungen für sich einzunehmen, oder er würde es ihn büßen lassen.

Zunächst jedenfalls bekam er ein zellenähnliches Büro im Stadtzentrum zugewiesen, wo er Kunden für eine Firma gewinnen sollte, über die er so gut wie nichts wusste. Das war vor sechs Monaten gewesen.

Morris schlug dem bellenden Köter die Tür vor der Nase zu. Er stand jetzt in einem kleinen grauen Büroraum, dessen Hässlichkeit durch nichts gemildert wurde – gewiss nicht durch die billigen Metallschreibtische, die abgewetzten alten Aktenschränke, den klobigen Computer, die schmutzigen Fenster mit ihrem tristen Ausblick auf zwei unter staubigen Bäumen geparkte Lastwagen, die Regale voller Handbücher über Winzerei und Reklamebroschüren für die Trevisan-Weine (1973 gedruckt und bei Weitem noch nicht aufgebraucht). Gleich nach seinem Eintritt in die Firma hatte er einmal spaßeshalber die englische Übersetzung jener Broschüre durchgeblättert, die dem arglosen Käufer versicherte: »Auf primitive Böden und berühmte Rebstöcke gewachsen, kann dieser Nektar der Voralpen nie verfehlen, dem anspruchsvolle Gusto an harmonische Aroma durch feine Duftnoten zu bezaubern.« Sein Vorschlag, den Text ein bisschen umzuformulieren, war auf Skepsis gestoßen. Die Firma habe ohnehin nur eine Handvoll Auslandskunden, und keinen davon in England, das lohne die Druckkosten nicht. Also verstaubten die Prospekte ungenutzt in den Regalen. Der einzige Farbfleck im Raum war ein billiger Pornokalender, ein Werbegeschenk der Flaschenhersteller Fratelli Ruffoli, auf dem das Produkt der Firma in intimer Nähe zu gewissen Körperteilen gezeigt wurde, die den meisten Männern wohl als Ziel aller Wünsche erschienen. Dem Kalender gegenüber hing ein kleines Plastikkruzifix oberhalb der Tür, die zur Abfüllanlage führte. Morris fand beide Dekorationsobjekte gleichermaßen abstoßend.

Etwa eine halbe Stunde, schätzte er, blieb ihm noch für sein Vorhaben. Er schaltete den Computer an und schob nach und nach die Disketten ein, die er in der Schreibtischschublade gefunden hatte. Leider hatte er keine Erfahrung mit Computern und auch keine Lust, sich diesbezügliche Kenntnisse anzueignen, sodass er nicht in der Lage war, die Datei aufzurufen, als er schließlich auf die richtige stieß. Salari e stipendi, 1990. Es war wirklich zu ärgerlich, besonders, da es sich genau um die Art von Information handelte, die jedem Familienmitglied frei zugänglich hätte sein sollen. Eine andere Datei versprach außerdem, etwas über Fornitori – uva/vini mitzuteilen, doch wieder gelang es ihm nicht hineinzukommen. Allein schon der Name »Lieferanten – Trauben/Weine« klang verdächtig. Morris starrte auf die unangenehm flimmernden grünen Buchstaben, das irritierende Blinken des Cursors, das einen eher zu hypnotisieren als zum Denken anzuregen schien. Lieferanten?

»Ciao«, sagte eine Stimme.

Morris schwang auf seinem Drehstuhl herum. Der blasse junge Mann stand in der Tür.

»Ciao«, sagte Morris herzlich. »Benvenuto. Wie geht’s?«

»Heute ist Feiertag«, sagte Pollo Bobo. »Und das ist nicht dein Büro.«

»Ich mach einfach ein bisschen Hausaufgaben«, sagte Morris. »Es ist schwer, was zu verkaufen, wenn man nicht genug weiß. Ich hab diese Woche was von einem Riesenauftrag gehört und wollte wissen, ob wir noch genügend auf Lager haben.«

»Dann frag mich doch«, sagte Bobo. Er hockte sich auf die Schreibtischkante, griff herüber und schaltete den Computer aus. Es überraschte Morris, dass der Junge nervös war, ja sogar ein bisschen zitterte. Das stimmte ihn gleich etwas freundlicher.

»Ich wollte nicht so dumm dastehen«, sagte er. »Weißt du, dauernd mit blöden Fragen angerannt kommen. Du hast schon genug am Hals.« Dann wiederholte er noch einmal kurz, was er schon früher gesagt hatte: wie beeindruckt er von Bobos Geschäftstüchtigkeit sei, dass es ihm sicher geholfen habe, in einem Familienunternehmen aufzuwachsen, während er, Morris, sich immer noch mit dem kleinen Einmaleins der Betriebswirtschaft abplagen müsse. Bobo schien sich ein wenig zu entspannen. »Wie groß war denn der Auftrag?«

»Viertausend Kisten«, sagte Morris ruhig. »Für Doorways, eine englische Ladenkette.«

»Viertausend. Das schaffen wir unmöglich.«

»Ich weiß«, stimmte Morris zu. »Aber wir könnten was zukaufen.«

»Das machen wir grundsätzlich nie.«

Morris warf dem Jungen einen amüsierten, milde forschenden Blick zu und ließ ihm eine halbe Minute Zeit, sich eines Besseren zu besinnen.

»Ah«, seufzte er. Aber der Wunsch, die Sympathie des anderen zu gewinnen, überwog schließlich doch; warum sollten sie nicht Freunde sein – waren sie denn wirklich so verschieden? Recht offenherzig (aber manchmal empfand er sich ganz gern als offenherzig, als naiv großzügig) begann er also, seinen Plan zu erklären. Ob Bobo sich eigentlich darüber im Klaren sei, dass es in der Stadt nur so von illegalen Einwanderern wimmelte? Ja? Und diese Leute seien ja keineswegs kulturlos, sondern durchweg ganz manierlich, besonders die Senegalesen; ehrlich, fleißig, nicht unintelligent, gehörten sie in ihrem Land wahrscheinlich sogar der oberen Mittelschicht an. Wenn die Firma nun ein paar dieser braven Burschen unter der Hand als zusätzliche Arbeitskräfte einstellte, um den spottbilligen Landwein abzufüllen und zu verpacken, der sich leicht in jeder gewünschten Menge zusammenkaufen ließ – das ganze Land schwamm ja förmlich in Wein, den kein Mensch trinken wollte –, dann würde er, Morris, garantiert auch genug Abnehmer auf dem britischen Markt finden. Mal ehrlich, die Banausen dort würden doch eh nicht merken, ob der Fusel, den sie bisher gesoffen hatten, sich von dem unterschied, den sie von jetzt an saufen würden. Und wenn irgendwas schiefgehen sollte, dann hätten sie wenigstens keine nennenswerten Auslagen gehabt, und die Schwarzarbeiter wäre man im Nu wieder los.

Mitten in seinem kleinen Exkurs merkte Morris schon, dass Pollo Bobo dachte, er wolle ihm einen Bären aufbinden. Der Ausdruck auf seinem wachsbleichen Jungengesicht war eine Mischung aus Ungläubigkeit und Misstrauen.

»Aber du hast sie doch auch in den Straßen gesehen?«, fragte Morris.

»Certo. Überall lungern die rum und wollen einem ihre blöden Feuerzeuge und raubkopierten Kassetten andrehen.«

»Ich wollte denen halt gern irgendwie helfen«, sagte Morris aufrichtig. Und in absichtlicher Anspielung auf ihre erste Begegnung, als Mimi ihn als zukünftigen fidanzato zu den Trevisans mitgenommen hatte, setzte er unvermittelt hinzu: »Ich meine, ich weiß, wie man sich als Außenseiter fühlt, wenn alle Welt einem mit Argwohn begegnet.«

Er schaute seinem reichen Schwager geradewegs in die fischigen Glubschaugen. Ein Blick voll purer Herausforderung, wie Bobo sehr wohl registrierte.

3

SIGNORA TREVISAN SASS IN IHREM ROLLSTUHL, mit diesem unansehnlichen Zucken um den Mundwinkel, das von dem Schlaganfall zurückgeblieben war. So musste Morris sich entscheiden, ob er sie lieber schieben sollte oder den mächtigen Blumenkranz schleppen, den er gekauft hatte. Aber würden sie womöglich meinen, Paola hätte den Kranz besorgt? Morris wusste, dass die Unaufmerksamkeit der Leute keine Grenzen kannte. Manchmal war das ganz praktisch, manchmal auch nicht.

Der Nebel war mittlerweile in Regen übergegangen, und der Parkplatz vor dem Friedhof war überfüllt. Antonella mühte sich verzweifelt mit dem Bremspedal des Rollstuhls ab; sie schaffte es nicht, das Ding ins Rollen zu bringen. Bobo durchsuchte die Taschen seines Maßanzugs hektisch nach der offenbar verschusselten Fernbedienung für die Türschlösser seines Audi 100. Morris trat hilfsbereit vor. »Dürfte ich mir erlauben …?«, fragte er und reichte Signora Trevisan den Kranz. »Ich dachte, den würden Sie vielleicht gern eigenhändig auf Mimis Grab ablegen.« Ohne abzuwarten, ob der schief verzogene Mund eine abwehrende Grimasse oder ein Lächeln andeutete, bückte er sich, um das Bremspedal zu lösen. Wenn diese starrsinnige Alte ihn von Anfang an in die Familie aufgenommen hätte, nicht wahr, dann wäre Mimi jetzt nicht tot, und es hätte auch keine standesamtliche Trauung gegeben, denn Mimi hätte gewiss auf einer feierlichen Zeremonie im Duomo bestanden; so wäre ihrer Mutter der Schlaganfall und ihnen allen dieser Friedhofsbesuch erspart geblieben. In friedlicher Eintracht hätten sie Arm in Arm hierherspazieren können, um Signor Trevisan, der vor fünfzehn Jahren das Zeitliche gesegnet hatte, pietätvoll ein paar Chrysanthemen aufs Grab zu legen.

Eine beachtliche Menschenmenge strömte jetzt durch das Friedhofstor, an den düster verhüllten Statuen vorbei, über denen sich die in Stein gemeißelte, zuversichtliche Inschrift RESURRECTURIS wölbte. Tadellos gewandete Trauergäste schritten feierlich unter Regenschirmen einher, begrüßten einander mit sittsam gesenkten Stimmen und murmelten angemessene Kondolenzfloskeln. Im Innern der Friedhofsanlage boten die Arkadengänge eine präzise Geometrie gedämpfter Farbenpracht. Die Grabnischen an den Mauern waren mit Blumen geschmückt, und das leise Klicken teurer Ledersohlen hallte von den uralten Steinfliesen wider.

Morris war augenblicklich von stiller Zufriedenheit erfüllt. Die rituelle Förmlichkeit all dessen war so beglückend, so richtig. Wo würde man im schmuddeligen, pragmatischen alten England jemals eine so exquisit ausgewogene Gemeinschaft der Lebenden mit den Toten finden, eine so sinnliche Mischung von extravaganten Pelzen und weinwarmem Marmor, ein ganzes Volk, das auszog, um seine arbeitsamen Ahnen zu ehren, die diesen ganzen Reichtum hervorgebracht hatten, um dann in Anstand und Würde dahinzuscheiden? Morris, ganz der fürsorgliche Schwiegersohn, manövrierte den Rollstuhl der Signora die Travertinstufen hinab zu den pompöseren Familiengruften, die sich gegenseitig an Alabastermadonnen, steinernen Schutzengeln und Kreuzigungsgruppen übertrafen. Plötzlich fühlte er sich so sehr mit sich und der Welt im Reinen, dass er sich umdrehte, um Pollo Bobo vertraulich zuzulächeln und sich diebisch über die Verwirrung zu freuen, die dem Jungen unter der Maske des Gleichmuts deutlich anzusehen war. Dachte er vielleicht, Morris hätte eine homosexuelle Zuneigung zu ihm gefasst, oder was?

Die fromme Antonella fing das Lächeln auf und erwiderte es mit wehmutsvoller, sittsamer Zurückhaltung, die blässlichen Gänsewangen unverkennbar von den Tröstungen der Religion angehaucht. Konnte sie schon wieder schwanger sein? Ein Erbe für das Vermögen der Trevisans in Sicht? Das wäre allerdings höchst ungünstig. Neben ihm unter dem Regenschirm strich Paola über die linke Seite ihres Pelzmantels, um zu prüfen, ob er auch nicht nass wurde. Nun gut, er war zehn Millionen Lire wert, da musste man sich schon vorsehen, aber es gab doch Momente, da ein bisschen Sinn für Höheres angebrachter gewesen wäre. Morris versetzte seiner Frau einen tadelnden Rippenstoß, während er mit dem Rollstuhl in die schmale Kiesallee einschwenkte.

NON FORTUNA, SED LABOR stand in hohen, goldgerandeten Lettern auf dem Grabstein aus weißem Carrara-Marmor, und der Engel, der seine Schwingen darüberbreitete, war auch nicht gerade billig gekommen. Labor hatte es hier zweifellos reichlich gegeben. Trotzdem war es Signor Trevisan offenbar nicht geglückt, der sicher wohlverdienten Leberzirrhose zu entkommen. Nun starrte sein Konterfei düster aus ovalem Rahmen von dem Marmorblock herab, ein Biedermann mit eckigem Kinn, gestärktem Kragen und festgezurrter Krawatte. Die Familie hatte wohl ein Schwarz-Weiß-Foto gewählt, damit die Säufernase nicht so auffiel. Morris musste über seinen Scharfsinn grinsen. NON CALAMITAS, SED VINUM wäre da wohl passender gewesen. Er ließ das Bremspedal einschnappen, trat unter Paolas Schirm hervor, zog das rote Ziertüchlein aus der Brusttasche und wischte sorgfältig die Regentropfen von dem Bild seines verblichenen Schwiegervaters. Wenn selbst dies ihm kein anerkennendes Nicken von der alten Hexe einbrachte, dann konnte er seine Bemühungen wirklich einstellen. Die arrogante Bande hatte eben nichts Besseres verdient.

Doch Morris wusste, dass sein Herz nur deshalb so heftig pochte, weil Massimina auf der anderen Seite lag. Die einzige Frau, die ihn je geliebt hatte, die er je geliebt hatte. Und das schnöde Leben hatte ihn gezwungen, sie zu … nein, er durfte nicht daran denken. Er durfte sich nicht von der Vergangenheit einholen lassen, nicht über verschüttete Milch weinen. Aber was sollte man denn sonst mit verschütteter Milch tun, wenn nicht darüber weinen?

Einen Augenblick lang fürchtete er sich fast, ihrem Bild gegenüberzutreten. Warum war ihm das vorher nicht in den Sinn gekommen? Diese Konfrontation, mit all den anderen ringsum. Würde man ihm etwas anmerken? Würde er sich irgendwie verraten? Vielleicht gar in Tränen ausbrechen? Er hätte längst schon mal allein herkommen sollen, um sich das Ganze mal anzusehen, zu schauen, welches Foto von ihr sie ausgewählt hatten. Und doch genoss er seine Angst zugleich auch. Morgen, in den Uffizien, konnte er Mimis Antlitz in zeitlose Kunst verwandelt sehen. Heute würde er den unmittelbaren Effekt ihres Fotos ertragen müssen. So sei es denn.

Signora Trevisans Mundwinkel hatte beim Anblick ihres toten Mannes noch heftiger zu zucken begonnen. Krampfhaft versuchte sie, ein paar Worte hervorzustammeln. In den Arkaden hinter ihnen stritten zwei Frauen sich lauthals um eine Trittleiter, die sie beide brauchten, um Blumen an den höhergelegenen Grabnischen anzubringen. Anscheinend war Paola nicht die Einzige, der es an Gespür für den Moment fehlte. Antonella bückte sich und begann, den mitgebrachten Strauß in der Vase neben dem Foto ihres Vaters zu arrangieren. Ihre kleinen blassen Hände zupften die langen Stiele schnell und geschickt aus der Zellophanhülle. Morris, der wieder hinter den Rollstuhl getreten war, beobachtete sie dabei, um sein Herzklopfen zu besänftigen. Welch ein vollendetes Bild der Ergebenheit sie doch abgab: der gebeugte Rücken im hellen Seehundmantel vor dem regennassen Grabstein, die flinken Hände zwischen den wippenden Blumenköpfen. Ihre Finger waren ebenso pummelig, mit schmal zulaufenden, rosigen Spitzen, wie Massiminas gewesen waren. Vielleicht hatte er Antonella bisher zu kritisch beurteilt, überlegte sich Morris. Vielleicht waren diese Gesten doch keine reine Heuchelei, sondern vielmehr Ausdruck ihrer kulturellen Wurzeln, ein Zeichen von wahrem Seelenadel. Als intelligenter Mensch war man schließlich fähig, seine vorgefassten Meinungen zu revidieren, n’est-ce pas? Paola flüsterte ihm ins Ohr: »Cristo santo, Mo, nun schieb Mama schon zur anderen Seite rüber, leg den Kranz ab, und dann aber nix wie weg, mich gruselt’s hier.«

Die Räder knirschten auf dem Kies. Der Regen wurde immer heftiger. Es war das erste Mal, dass sie Mimi alle zusammen besuchen gekommen waren. Letztes Jahr waren er und Paola zu Allerseelen noch in London gewesen. Und seltsamerweise dachte Morris jetzt mehr an Mimi denn je zuvor. Weit mehr. Als hätte seine wahre Trauer gerade erst begonnen. Erst jetzt verspürte er wirklich den Wunsch, ihr Grab zu sehen. Erst jetzt war er bereit, sich die Wahrheit einzugestehen: dass er Massimina geliebt und verloren hatte, dass er das Leben durch seine Finger hatte rinnen lassen, ja unbedacht weggeworfen hatte. Manchmal war das Mädchen in seinem Inneren noch so präsent, dass er sich auf die Zunge biss und die Nägel in die Handballen grub. Und Morris ahnte, dass dieser neue, sonderbare Geisteszustand nur ein Hinweis auf Kommendes sein konnte. Im Moment jedenfalls war er entsetzlich aufgeregt. Was sie wohl für ein Foto genommen hatten? Wie würde er darauf reagieren? Aus dem Augenwinkel sah er Bobo einen verstohlenen Blick auf die Uhr werfen.

Sie warteten noch, bis ein alter Mann am Stock vorbeigetappt war, dann schob Morris den Rollstuhl auf die andere Seite des Grabsteins. Doch er schaute absichtlich nicht auf die Stelle, wo das Foto angebracht sein musste. Stattdessen hob er die Augen zu dem Engel darüber. Ein kitschig-süßliches, etwas unbeholfenes Machwerk, als hätte der Bildhauer nicht recht gewusst, wie er Federn und Fleisch in halbwegs glaubwürdiger Wiedergabe vereinen sollte. Morris hörte Antonella murmeln: »Vielleicht war sie zu gut für diese Welt.« Ein tiefer Seufzer. »Sie war immer so unschuldig.« Bobo äußerte seine Zustimmung mit einem männlich wortkargen Grunzen. »Povera Mimi«, pflichtete Paola mechanisch bei. Signora Trevisan weinte nur still vor sich hin, was sehr zu ihren Gunsten sprach, wie Morris fand.

So standen sie im Regen, eine öffentliche Geste der Ehrerweisung für die Verstorbene, während andere Leute gemessenen Schritts vorbeispazierten. Morris ließ den Blick langsam zu der Inschrift hinabgleiten. DER HERR HAT’S GEGEBEN, DER HERR HAT’S GENOMMEN. Das gefiel ihm eigentlich ganz gut. Paola warf ihm zwar ständig vor, er sei zu kritisch, aber das traf nun ganz und gar nicht zu. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen: Wenn man sich diese einfache Wahrheit vor Augen hielt, konnte von Schuldgefühlen keine Rede mehr sein.

Ein Knistern von Zellophanpapier machte ihm bewusst, dass Signora Trevisan versuchte, den Blumenkranz von ihrem Schoß zu heben. Noch immer bemüht, das Foto mit keinem Blick zu streifen, ging Morris um den Rollstuhl herum, nahm ihr den Kranz aus den Händen, stieg über die niedrige Absperrung, die dazu diente, Passanten in respektvollem Abstand zu halten, und kauerte sich vor dem Grab nieder.

So sah er Massimina denn aus nächster Nähe, sozusagen Auge in Auge, während sein eigenes Gesicht von den anderen abgewandt war. Es war das erste Mal, dass er ihrem Blick wiederbegegnete, seit er den Briefbeschwerer auf diese Stirn geschmettert hatte, die ihm doch so lieb und wert war.

Sie hatten das gleiche Foto gewählt, das sie nach ihrem Verschwinden auch in der Zeitung veröffentlicht hatten: das rabenschwarze Haar, der strahlend frische, leicht von Sommersprossen gesprenkelte Teint, die großen braunen Augen, das offene, gewinnende Lächeln. Sofort fühlte er die alte Verschworenheit wieder aufleben. Sie waren ein Liebespaar, und der Rest der Familie war dagegen. Das Band zwischen ihnen war nicht zerrissen. Von einer plötzlichen Gefühlsaufwallung übermannt, spürte Morris mit schockartiger Klarheit, was für eine tragische Figur er war. Er hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Wenn sie ihm doch nur irgendwie andeuten könnte, dass sie ihm verziehen hatte!

»Ich mache mir manchmal richtige Vorwürfe«, hörte er Bobo salbungsvoll verkünden. »Ich hätte voraussehen müssen, dass so etwas passieren könnte.«

»Caro«, sagte Antonella. »Jetzt quäl dich doch nicht unnötig. Wie hätte man so was denn ahnen sollen?«

Morris lehnte den Kranz behutsam an den Stein, so, dass die Blüten fast ihre Wangen streiften. Er wollte sich gerade aufrichten, als das tote Mädchen ihm plötzlich zublinzelte.

Er erstarrte. Aber er hatte sich nicht geirrt. Es war das gleiche Blinzeln, mit dem sie ihn einst als Schülerin in seiner Klasse geneckt hatte, wenn ihre Blicke sich trafen. Die einzige Schülerin, die ihm je zugeblinzelt hatte. Oder auch später, in Sardinien, wenn sie ihm mit diesem Augenzwinkern zu verstehen gab: »Komm, lieb mich, Morri, per favore.«

Da! Jetzt tat sie es noch mal. Aus dem gediegenen, goldschimmernden Oval des Fotorahmens, der in den Marmor eingelassen war, unter dem ihr anbetungswürdiger Körper schon in seinem Sarg verfault sein musste, blinzelte sie ihm zu.

»O Dio santo!«, kreischte eine Frauenstimme hinter ihm.

Also hatten sie es auch gesehen! Morris fuhr herum. Unvermittelt durchströmte ihn eine heftige Hitzewelle; am Prickeln seiner Wangen spürte er, wie er errötete. Sein ganzer Körper spannte sich in Verteidigungsbereitschaft. Und als er sich umwandte, begegnete er dem grauenhaft starren Blick der Signora, die zusammengesackt in ihrem Rollstuhl röchelte, den Kopf unnatürlich zur Seite verdreht.

»Un dottore!«, schrie Antonella. »Bobo, un dottore!«

Doch weder der verbiestert dreinschauende Erbe riesiger Hühnerfarmen noch die elegante Paola neben ihm rührte auch nur einen Finger. Nein, es blieb dem englischen Schwiegersohn Morris Duckworth überlassen, durch die Arkaden zu rennen und um Hilfe zu rufen, von der vielleicht alle hofften, dass sie zu spät kommen würde.

4

MORRIS VERSUCHTE, FORBES DIE SACHE mit den Immigranten zu erklären. Der Ältere lehnte entspannt im weißen Lederpolster des Beifahrersitzes, die Augen halb geschlossen vor der gleißenden Wintersonne auf der Autostrada. Zuerst, erzählte Morris, sei er ihnen im Katechismuskurs begegnet, wo sie wohl hinkamen, um sich in der Hoffnung auf eine kircheneigene Unterkunft beim Gemeindepfarrer einzuschmeicheln. Danach wieder in den Warteschlangen auf dem Amt, das für die Krankenversicherung von Ausländern zuständig war. Beide Male war Morris entsetzt gewesen zu sehen, wie abschätzig die Schwarzen behandelt wurden, und hatte sich auch darüber beschwert. Es war die selbstgefällige Arroganz der Beamtentypen, die ihn so verärgerte. Die Art, wie sie ihre gesicherte Position und ihren relativen Wohlstand den weniger Begünstigten gegenüber als naturgegebene Überlegenheit ausspielten. Ganz ähnlich wie dieser Pollo Bobo, mit dem er zusammenarbeiten musste: ein Wichtigtuer, der sich allein seiner Herkunft wegen für was Besonderes hielt, ohne die geringste fachliche Qualifikation. Aber es war ja nicht nur das. Wie sollte er es erklären? Man spürte eben, dass diese Leute niemals ernsthaft gelitten hatten, ja nicht einmal die charakterlichen Voraussetzungen dazu besaßen. Manchmal kam es einem wirklich vor, als hätten sie gar kein Recht zu leben. Wenn sie morgen verschwinden würden, wäre die Welt ein besserer Ort. Die Ghanaer und Senegalesen dagegen, die er getroffen hatte, besaßen eine stille, unaufdringliche Würde. Sie hatten so viel auszuhalten und beklagten sich doch nie. Sie trugen ihr schweres Los mit der erhabenen Resignation, wie man sie bei den ausgemergelten, um Essen anstehenden Gestalten in Äthiopien sah oder in einer Kreuzigungsszene von Giotto. Es war schlicht ergreifend.

»Und deshalb würde ich ihnen gern irgendwie helfen«, meinte Morris abschließend.

Forbes verzog keine Miene. Er trug seinen üblichen grauen Anzug, ein weißes Hemd und eine breite, geblümte Krawatte. Sein unbewegtes, hochgerecktes Gesicht wirkte wie holzgeschnitzt, mit tiefen Längsfalten, in denen sich der Staub fangen musste. Sein Haar war seidig und silbergrau, vielleicht sogar parfümiert.

»Wissen Sie, ich hab mir immer gedacht, wenn ich mal zu Geld käme, würde ich es dafür verwenden, Leuten zu helfen.«

Wie ein Echo hörte Morris die Stimme seiner Mutter in seinen Worten, ihren endlosen Einsatz für kirchliche Wohlfahrtsaktivitäten, den sein Vater natürlich verachtete, obwohl er dem alten Schweinehund den Freiraum gewährte, sich mit anderen Weibern zu amüsieren, während sie unterwegs war, um Blinden und Behinderten beizustehen. Auch Massimina hatte sich bei den Giovani cattolici engagiert, Kleider für die Armen gesammelt und so weiter. Ja, Massimina war ein fleißiges, gutherziges Mädchen gewesen. Massimina hätte nicht den halben Tag im Bett herumgelegen und Rothmans gepafft, statt für ihr Abschlussexamen zu lernen. Morris spürte, wie ihn plötzlich der Zorn packte, auch wenn seiner Stimme nicht das kleinste Beben anzumerken war.

»Ich meine, ich gebe ihnen immer ein paar Tausend Lire, wenn sie mir an der Ampel die Scheibe putzen, das versteht sich von selbst. Aber so ein Trinkgeld hilft ihnen ja auch nicht viel weiter, oder?«

Nicht mal ein paar Millionen, dachte er bei sich. Was sie brauchten, war ein Job, ein geregeltes Einkommen. Und seine Frau schlug mutwillig die Aussicht auf ein gutes Architektengehalt in den Wind! Er hatte gar nicht gewusst, wie wütend er auf sie war.

»Also hab ich mir überlegt«, fuhr er in ruhigem Ton fort, »ob wir diese armen Teufel nicht irgendwie in Ihr kleines Projekt integrieren könnten.«

Forbes öffnete endlich die Augen und richtete sich ein wenig in seinem Sitz auf.

»Entschuldigung, Morris, ich, ähm …«

Doch in einer spontanen Eingebung hatte Morris schon nach dem Autotelefon gegriffen und die Wahlwiederholungstaste gedrückt.