Mrs Dalloway - Virginia Woolf - E-Book

Mrs Dalloway E-Book

Virginia Woolf.

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Beschreibung

Virginia Woolfs weltberühmter Roman über einen Mittwoch in London im Juni 1923: Die äußeren Ereignisse – Clarissa Dalloways Vorbereitung ihrer Abendgesellschaft sowie Besuche und Streifzüge durch Westminster – stecken in dieser Geschichte vor dem Innenleben der Protagonisten zurück. Im Zentrum stehen die psychischen Prozesse, Assoziationen und Wahrnehmungen der Beteiligten. -

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 336




Virginia Woolf

Mrs Dalloway

 

Saga

Mrs DallowayOriginalMrs DallowayCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1925, 2020 Virginia Woolf und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726643053

 

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

 

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

 

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Mrs. Dalloway sagte, sie wolle selber gehn und die Blumen kaufen.

Denn Lucy hatte alle Hände voll zu tun. Die Türen würden ausgehängt; und die Männer von Rumpelmayer kämen. Und was für ein Morgen, dachte Clarissa Dalloway, – so frisch, wie Kindern auf einem Strand beschert.

Was für ein Spaß! Was für ein Kopfsprung! Denn so hatte sie es immer empfunden, wenn sie in Bourton die Glastür, deren leises Quietschen in den Angeln sie jetzt noch hören konnte, aufstieß und sich förmlich in die Luft hinausstürzte. Wie erfrischend, wie still, ruhiger als hier, natürlich, die Luft am frühen Morgen gewesen war; wie der Klaps einer Welle; wie der Kuß einer Welle; frostkühl und scharf und doch (für eine Achtzehnjährige, die sie damals war) feierlich, denn sie hatte, während sie in der offenen Tür stand, das Gefühl, es bereite sich etwas Ehrfurchtgebietendes vor; während sie auf die Blumen auf die Bäume blickte, von denen sich der leichte Nebel loswand und die Krähen aufflogen, um sich gleich wieder niederzulassen; während sie stand und schaute, bis Peter Walsh sagte: »Mit den Gedanken im Gemüse?« – das? – oder: »Mir sind Menschen lieber als Kohlköpfe« – das? Er mußte es einmal nach dem Frühstück gesagt haben, als sie auf die Terrasse hinausgegangen war, – Peter Walsh! Er sollte dieser Tage aus Indien zurückkommen, im Juni oder Juli, sie hatte vergessen wann, denn seine Briefe waren schrecklich öde; seiner Aussprüche, deren erinnerte man sich; seiner Augen, seines Taschenmessers, seines Lächelns, seiner Brummigkeit und, wenn doch Millionen Dinge versunken und vergessen waren, – wie sonderbar! – einiger Aussprüche wie dieses über Kohlköpfe.

Sie straffte sich ein wenig auf dem Randstein, während sie wartete, bis Durtnall’s Lieferwagen vorbei wäre. Eine reizende Frau, so fand Scrope Purvis (der sie kannte, wie man Leute kennt, die in Westminster Tür an Tür mit einem wohnen); hatte etwas von einem Vogel, von einem Häher, etwas Schillerndes, Beschwingtes, Lebhaftes, wenngleich sie über fünfzig und fast weiß geworden war seit ihrer Krankheit. Dort stand sie, sehr aufrecht, wie zum Wegfliegen bereit, sah ihn gar nicht, wartete, bevor sie über die Straße ging.

Denn wenn man in Westminster wohnte – wie viele Jahre schon? mehr als zwanzig – fühlte man sogar mitten im Straßenverkehr oder wenn man nachts aufwachte – Clarissa war dessen gewiß – eine ganz eigene Stille oder Feierlichkeit; eine unbeschreibliche Pause; ein erwartungsvolles Innehalten (doch das mochte ihr Herz sein, das angegriffen war, hatte man ihr gesagt, seit der Grippe), bevor Big Ben zu schlagen begann. Da! Jetzt dröhnte er los. Erst eine Ankündigung, eine musikalische; dann, unwiderruflich, die Stunde. Die bleiernen Ringe zergingen in der Luft. Solche Narren sind wir, dachte sie, die Victoria Street querend. Denn der Himmel allein mochte wissen, warum man es so liebte, wieso man es auf diese Weise sah, es ausspann, es um sich herum aufbaute, umwarf, es jeden Augenblick von neuem erschuf! Doch die wahrsten Vogelscheuchen, die niedergeschlagensten Jammergestalten, die auf Türstufen saßen (und ihr Heruntergekommensein schlürften), taten dasselbe; aus ebendiesem Grund konnte man da auch nichts, davon war sie überzeugt, mit Parlamentsbeschlüssen ausrichten; sie liebten das Leben. In den Augen der Menschen, in dem Schwung, dem Schreiten und Schlurren; in dem Gelärm und Getriebe; den Kutschierwagen, Autos und Omnibussen, den Lieferwagen, den Plakatmännern, den wandelnden und wackelnden; den Blechmusiken; den Drehorgeln; dem Jubilieren und Klingeln und dem seltsamen hohen Singsang eines Flugzeugs hoch oben – in alledem war, was sie liebte: das Leben; London; dieser Augenblick des Juni.

Denn es war Mitte Juni. Der Krieg war vorbei, außer für jemand wie Mrs. Foxcroft, im Embassy gestern abend, die ihr Herz verzehrte, weil der nette Junge gefallen war und der alte Herrensitz nun auf diesen Vetter übergehn würde; oder für Lady Bexborough, die, so erzählte man sich, einen Wohltätigkeitsbasar eröffnet hatte, das Telegramm in der Hand: John, ihr besonderer Liebling, gefallen. Aber der Krieg war vorbei; gottlob – vorbei! Es war Juni. Der König und die Königin weilten im Buckingham Palace. Und überall, obzwar es noch so früh war, regte es sich: ein Klopfen von galoppierenden Hufen, ein Klappen von Schlägern; Wettspiele auf Lord’s Kricketplatz; Rennen in Ascot; Polo im Ranelaghklub; und alles übrige. Eingehüllt in das weiche Gewebe der graublauen Morgenluft, die, während der Tag sich entfaltete, alles auswickeln und auf die Rasenplätze und Grundlinien die federnden Ponys hinstellen würde, deren Vorderfüße den Boden grade nur berührten, und schon sprangen sie wieder hoch; die wirbelnden jungen Männer; und lachende junge Mädchen in ihren hauchdünnen Musselinkleidern, die trotz einer durchtanzten Nacht jetzt schon ihre drolligen wolligen Hunde spazierenführten; und jetzt schon, um diese Stunde, ließen sich diskrete alte adelige Witwen von ihren Limousinen geheimnisvollen Zielen zutragen; und Ladeninhaber rückten in den Schaufenstern ihren Straß und ihre Diamanten zurecht, ihre wunderschönen, alten meergrünen Broschen in Barockfassungen, die die Amerikaner in Versuchung führen sollten (aber man mußte sparen, durfte nicht unüberlegt etwas für Elizabeth kaufen); und sie selbst, auch sie, die das alles mit einer absurden und anhänglichen Leidenschaft liebte, ein Teil davon war, da ihre Vorfahren einst, zur Zeit der Hannoveraner, im Hofdienst gestanden hatten, auch sie würde heute, an diesem Abend, Lichter aufsetzen und leuchten lassen; sie gäbe ihre Gesellschaft!

Doch wie seltsam, wenn man den St. James’s Park betrat, diese Stille; der Morgendunst; der ferne Lärm; die sich glücklich fühlenden, bedächtig umherschwimmenden Enten; die aufgeplustert dahinwatschelnden; und wer anders kam da einher, sehr passend den Rücken den Ministerien zugekehrt, unterm Arm eine Depeschentasche mit dem eingeprägten königlichen Wappen, wer anders als Hugh Whitbread? Ihr alter Freund Hugh – der untadelige Hugh!

»Einen schönen guten Morgen, meine liebe Clarissa«, sagte Hugh, ein wenig zu überschwenglich, denn sie hatten einander schon als Kinder gekannt. »Wohin des Wegs?«

»Ich gehe so gern in London spazieren«, sagte Mrs. Dalloway. »Wirklich, viel lieber als auf dem Land.«

Sie seien eben erst in die Stadt gekommen – leider um Ärzte zu konsultieren. Andere Leute kamen, um sich Bilder anzusehen; in die Oper zu gehn; ihre Töchter auszuführen; die Whitbreads aber kamen, »um Ärzte zu konsultieren«. Unzählige Male hatte Clarissa in irgendeiner Privatklinik Evelyn Whitbread besucht. Sei Evelyn denn wieder krank? Ach, Evelyn gehe es gar nicht besonders, sagte Hugh und deutete an, durch etwas wie ein Vorschieben oder Schwellenlassen seines sehr gut gepolsterten, männlichen, äußerst stattlichen, vollendet tapezierten Körpers (er war fast immer zu tadellos gekleidet, aber mußte das wohl sein, seines Pöstchens bei Hof wegen), seine Frau habe ein inneres Leiden, nichts Ernstes – was, das werde eine alte Freundin wie Clarissa Dalloway schon verstehn, ohne daß er es näher zu bezeichnen brauche. Ah ja, natürlich verstand sie – wie lästig! Sie war voll schwesterlichen Mitgefühls und war sich gleichzeitig wunderlich ihres Huts bewußt. Nicht ganz der richtige Hut für den frühen Vormittag – war das der Grund? Denn Hughwie er rührig so neben ihr herschritt, den Hut etwas übertrieben lüpfte und ihr versicherte, sie sehe aus wie eine Achtzehnjährige und selbstverständlich käme er heute abend auf ihr Fest, darauf bestehe Evelyn, nur werde er sich vielleicht ein wenig verspäten nach dem Empfang bei Hof, auf den er einen von Jims Jungen mitnehmen müsse, – Hugh ließ sie sich immer ein bißchen dürftig vorkommen neben ihm; wie ein Schulmädchen; aber sie konnte ihn gut leiden, teils, weil sie ihn schon so ewig lange kannte, aber auch, weil sie ihn für einen auf seine Weise sehr netten Kerl hielt, obzwar er Richard fast rasend machen konnte, und Peter Walsh, der hatte ihr bis zum heutigen Tag nicht verziehen, daß sie ihn gern hatte.

Ein Vorfall nach dem andern in Bourton fiel ihr ein; wie wütend Peter gewesen war; und wie Hugh ihm natürlich in keiner Weise gewachsen, aber durchaus kein so vollkommener Schwachkopf war, wie Peter behauptete; kein bloßer Haubenstock; wenn Hughs alte Mutter wollte, er solle heute die Jagd sein lassen und mit ihr nach Bath fahren, so tat er das ohne Murren; er war wirklich selbstlos; und wenn Peter ihn als einen herzlosen, einen hirnlosen Menschen bezeichnete, der bloß die guten Manieren und die Erziehung eines englischen Gentleman besitze, so bewies das nur, wie eklig ihr lieber Peter manchmal sein konnte; und er konnte, weiß der Himmel, unerträglich sein, konnte sich ganz unmöglich benehmen; aber was für ein bezaubernder Begleiter er wäre an einem Vormittag wie diesem!

(Der Juni hatte jedes Blatt aus den Bäumen hervorgelockt. Mütter in Pimlico säugten, auf den Türstufen sitzend, ihre Jungen. Meldungen von der Flotte trafen im Marineministerium ein. Die Arlington Street und Piccadilly schienen gradezu die Luft im Park warm zu halten und seine Blätter erhitzt und glitzernd zu heben, auf Wellen dieser göttlichen Lebensfreude, die Clarissa so liebte. Tanzen, Reiten, sie hatte das alles mit Begeisterung getan!)

Denn sie hätten ebensogut schon Hunderte von Jahren getrennt sein können, sie und Peter. Sie schrieb ihm nie, und seine Briefe waren dürres Holz. Aber dann, ganz plötzlich, kam es wieder über sie: Wenn er jetzt bei ihr wäre, was würde er sagen? – Manche Tage, manche Anblicke brachten ihn ihr zurück, auf eine stille Weise, ohne die Bitterkeit von einst; was vielleicht die Belohnung dafür war, daß man sich einmal etwas aus Leuten gemacht hatte. Sie kamen zu einem zurück, mitten im St. James’s Park, an einem schönen Morgen – wahrhaftig, das taten sie. Doch Peter – so herrlich der Tag auch sein mochte und die Bäume und das Gras, und das kleine Mädelchen in Rosa – Peter merkte nie das geringste. Er würde die Brille aufsetzen, wenn sie es ihm sagte; er würde umherblicken. Aber die Weltlage, die war, was ihn interessierte; oder Wagner, Popes Gedichte, immer und ewig die Charaktere von Leuten und die Mängel ihrer eigenen Seele. Wie er sie abkanzelte! Und wie sie sich beide ereiferten! Sie werde noch einmal einen Premierminister heiraten und oben am Kopf einer Treppe stehn. Die perfekte Gastgeberin, so hatte er sie genannt (sie hatte geweint deswegen, in ihrem Schlafzimmer), ja, sie habe die Anlage zur perfekten Gastgeberin, hatte er gesagt.

Und so fand sie sich jetzt, hier im St. James’s Park, immer noch mit sich selbst im Streit, gelangte immer noch zu demselben Schluß, daß sie recht gehabt hatte – weiß Gott, recht gehabt hatte! – ihn nicht zu heiraten. Denn in der Ehe muß es immer auch ein wenig Ungebundenheit geben, ein wenig Unabhängigkeit zwischen Menschen, die tagaus, tagein im selben Haus miteinander leben; und die ließ Richard ihr, und sie ihm. (Wo war er heute vormittag zum Beispiel? In irgendeiner Komiteesitzung; sie fragte nie, in was für einer.) Aber mit Peter mußte alles gemeinsam geschehn; alles erklärt werden. Und das war unerträglich gewesen, und als es zu jener Szene kam, in dem kleinen Garten, bei dem Springbrunnen, hatte sie mit ihm brechen müssen, sonst hätten sie einander zerstört, einander zugrunde gerichtet, davon war sie überzeugt. Wenn sie auch jahrelang, wie einen Pfeil im Herzen, den Schmerz, den Gram mit sich umhergetragen hatte; und dann der entsetzliche Augenblick, als ihr irgendwer bei einem Konzert erzählte, er habe geheiratet, eine, die er auf der Überfahrt nach Indien kennenlernte! Nie würde sie das alles vergessen können! Kalt, herzlos, prüde hatte er sie genannt. Nie werde sie verstehn, wie er sie liebe. Aber diese Damen in Indien, die verstanden es offenbar – alberne, hübsche, unbedeutende Gänschen! Und sie verschwendete ihr Mitleid. Er sei recht glücklich, hatte er ihr geschrieben – vollkommen glücklich; obzwar er nichts von alledem je getan hatte, wovon sie immer gesprochen hatten; sein ganzes Leben war verfehlt. Es machte sie heute noch zornig.

Sie war jetzt ans Parktor gelangt. Sie stand einen Augenblick und sah auf die Omnibusse in Piccadilly.

Sie würde von keinem Menschen auf der Welt mehr sagen, er sei dies oder das. Sie fühlte sich sehr jung; dabei unsagbar bejahrt. Sie schnitt wie ein Messer durch alles hindurch; stand gleichzeitig außerhalb, sah zu. Sie hatte, während sie die Taxis vorüberfahren Heß, unaufhörlich die Empfindung, weit, weit draußen auf dem Meer zu sein, und allein; sie hatte immer die Empfindung, es sei sehr, sehr gefährlich für sie, auch nur einen einzigen Tag zu durchleben. Nicht, daß sie sich für gescheit hielt oder gar für außergewöhnlich. Wie sie weitergekommen war im Leben mit den paar Brocken Wissen, die ihnen von Fräulein Denzler gereicht worden waren, begriff sie nicht. . . Sie wußte nichts; konnte keine Sprachen, keine Geschichte; kaum, daß sie jetzt gelegentlich ein Buch las, außer Memoiren, abends im Bett; und dennoch nahm alles dies sie völlig gefangen; alles dies; die vorbeifahrenden Taxis; und sie wollte nie wieder von Peter, sie wollte nie wieder von sich selbst sagen, ich bin dies, ich bin das.

Ihre einzige Gabe war es, Leute beinahe instinktiv einschätzen zu können, dachte sie im Weitergehn. Wenn man sie zusammen mit jemand in ein Zimmer steckte, schon machte sie einen Buckel wie eine Katze; oder sie begann zu schnurren. Devonshire House, Bath House, das Haus mit dem Porzellankakadu dort, sie hatte jedes schon einmal hell erleuchtet gesehn; und Sylvia fiel ihr ein, Fred, Sally Seton – so eine Unmenge von Leuten; und durchtanzte Nächte; und die Gemüsekarren, die, zum Markt unterwegs, vorbeistapften; und die Heimfahrten durch den Hyde Park. Sie erinnerte sich, wie sie einmal einen Schilling in den Serpentine-Teich geworfen hatte. Doch jeder Mensch hatte seine Erinnerungen; was sie so liebte, war hier, dort, da vor ihr; die Dicke in dem Taxi. Machte es dann etwas aus, fragte sie sich, zur Bond Street gehend, machte es etwas aus, daß sie einmal unvermeidlich aufhören würde zu sein? Daß dies alles ohne sie weiterginge; bedauerte sie das? Oder war es nicht eher ein tröstlicher Gedanke zu glauben, daß der Tod das absolute Ende bedeutete? – daß aber irgendwie aufden Londoner Straßen, auf dem Ebben und Fluten der Dinge, hier, dort, sie weiterleben, Peter weiterleben, sie eins im andern weiterleben würden? – daß sie, dessen war sie gewiß, ein Teil sei von den Bäumen daheim, dem Haus dort, dem unschönen, weitläufigen, winkeligen; ein Teil von Menschen, denen sie nie begegnet war; wie ein Nebelstreif aufgebahrt läge zwischen Leuten, die ihr am vertrautesten waren, die dann auf ihren Ästen sie zu sich emporheben würden, wie sie Bäume den Nebel zu sich emporheben gesehn hatte; aber wie weit es sich überallhin ausbreitete, ihr Leben, ihr Selbst! Wovon träumte sie eigentlich, während sie hier in Hatchards’ Schaufenster blickte? Was versuchte sie wiederzuerhaschen, welches Bild einer weißlichen Morgendämmerung auf dem Land, während sie in dem aufgeschlagenen Buch da las:

Fürchte nicht mehr Sonnenglut,

Noch des Winters grimmen Hohn!

Diese jüngste Epoche des Weltgeschehens hatte in ihnen allen, Männern und Frauen, einen Brunnen von Tränen gegraben. Tränen und Kummer; Tapferkeit und Erdulden; ein standhaftes, stetiges Ertragen. Man brauchte bloß an die Frau zu denken, die sie am meisten bewunderte, an Lady Bexborough, wie sie den Wohltätigkeitsbasar eröffnet hatte.

Da lagen Surtee’s Jorrocks’ Jaunts and Jollities und Mr. Sponge; Mrs. Asquith’ Memoirs; und Big Game Shooting in Nigeria; alle hier im Schaufenster aufgeschlagen. So viele, viele Bücher, aber keins, das ihr das richtige schien, um es Evelyn Whitbread in die Klinik mitzubringen. Keins, dem es gelänge, diese unbeschreiblich vertrocknete kleine Person zu unterhalten, damit sie einen, wenn man eintrat, auch nur einen Augenblick lang warm und herzlich ansah; bevor sie beide sich in das übliche, endlose Gerede über Frauenleiden verankerten. Wie sehr sie es sich wünschte – daß Leute erfreut dreinsähen, wenn sie hereinkäme, dachte Clarissa und wandte sich und ging zur Bond Street zurück, ärgerlich, weil es albern war, immer andere Gründe zu haben, etwas zu tun. Viel lieber wäre sie einer von diesen Menschen wie Richard gewesen, die alles um der Sache selbst willen taten, während sie, dachte sie und blieb stehn, bevor sie die Fahrbahn überschritt, die Hälfte der Zeit Dinge nicht einfach nur tat, sie nicht um ihrer selbst willen tat, sondern damit Leute sich dies oder jenes dächten; komplett idiotisch, das wußte sie (da hob der Polizist die Hand), denn niemand ließ sich davon auch nur eine Sekunde lang täuschen. Ach, wenn sie nur ihr Leben nochmals leben könnte! dachte sie und betrat drüben den Gehsteig, wenn sie wenigstens anders aussehn könnte! Dann wäre sie vor allem dunkelhaarig, wie Lady Bexborough, mit einer Haut wie genarbtes Leder und schönen Augen. Sie wäre wie Lady Bexborough, gelassen und stattlich; etwas üppig; mit einem Interesse für Politik wie ein Mann; Besitzerin eines Landhauses; sehr würdevoll, sehr freimütig. Statt dessen sie eine schmächtige Staketengestalt hatte; ein komisches kleines Gesicht hatte, geschnäbelt wie das eines Vogels. Allerdings, sie hielt sich sehr gerade; hatte hübsche Hände und Füße; und kleidete sich gut, wenn man bedachte, daß sie wenig dafür ausgab. Doch öfters kam ihr jetzt dieser Körper, mit dem sie umherging (sie blieb stehn, um sich ein Bild anzusehn, einen Niederländer), dieser Körper mit allen seinen Fähigkeiten kam ihr vor wie nichts, überhaupt nichts. Sie hatte die ganz sonderbare Empfindung, unsichtbar zu sein; ungesehen; ungekannt; als gäbe es, da das Heiraten hinter ihr lag und das Kinderkriegen, nur dieses erstaunliche und fast feierliche Weiterziehen mit allen den andern, die Bond Street entlang; nur dieses Mrs. Dalloway-Sein; nicht einmal mehr Clarissa; nur dieses Mrs. Richard Dalloway-Sein.

Die Bond Street faszinierte sie immer; die Bond Street an einem frühen Vormittag in der Season; die wehenden Flaggen; die Schaufenster; nichts Grelles; nichts Glitzerndes; ein einziger Tweedballen in dem Laden, wo ihr Vater sich fünfzig Jahre lang seine Anzüge hatte machen lassen; ein paar Perlen; ein Stück Lachs auf einem Eisblock.

»Das ist alles«, sagte sie mit einem Blick in die Fischhandlung. »Das ist alles«, wiederholte sie, vor dem Schaufenster eines Handschuhmachers stehnbleibend, wo man, vor dem Krieg, fast die vollkommenen Handschuhe kaufen konnte. Und ihr alter Onkel William hatte immer gesagt, die Dame erkenne man an ihren Schuhen und Handschuhen. Eines Morgens hatte er sich in seinem Bett zur Wand gedreht, mitten im Krieg, und gesagt: »Ich hab’ genug.« Handschuhe und Schuhe; sie hatte eine Schwäche für Handschuhe; doch ihre eigene Tochter, ihre Elizabeth, die machte sich aus beiden nicht das geringste.

Nicht das geringste, dachte sie und ging weiter, die Bond Street entlang, zu einem Laden, wo man ihr Blumen reservierte, wenn sie eine Gesellschaft gab. Elizabeth lag eigentlich am meisten an ihrem Hund. Das ganze Haus hatte heute morgen nach Teer gerochen. Immerhin, lieber der arme Grizzle als Miss Kilman; lieber die Staupe und Teer und alles übrige, als eingekäfigt in einem stickigen Schlafzimmer zu sitzen, mit einem Gebetbuch. Lieber, was immer es auch wäre! hätte sie beinahe gedacht. Vielleicht war es nur eine Phase, wie Richard meinte, eine Phase, wie alle jungen Mädchen sie durchmachten. Eine Art von Verliebtheit vielleicht. Aber warum ausgerechnet Miss Kilman? Die freilich vom Leben schlecht behandelt worden war; das mußte man berücksichtigen, und Richard fand, sie sei sehr tüchtig, habe wirklich Geschichtssinn. Jedenfalls, die zwei waren unzertrennlich, und Elizabeth, ihre eigene Tochter, ging zur Kommunion; und es war ihr ganz schnuppe, wie sie angezogen war, wie sie sich zu Gästen benahm, die zum Lunch kamen; aber sie, Clarissa, wußte erfahrungsgemäß, daß religiöse Exaltiertheit (auch Begeisterung für eine »Sache«) Leute dickfellig machte; sie abstumpfte; denn Miss Kilman tat zwar Gott weiß was für die Russen, sie hungerte den Österreichern zuliebe, im stillen aber konnte sie einem wahre Folterqualen bereiten, so empfindungslos war sie, lief immerzu in ihrem grünen Wasserdichten herum. Jahraus, jahrein trug sie diesen Mantel, und sie schwitzte; sie war keine fünf Minuten in einem Zimmer, ohne einen ihre Höherwertigkeit fühlen zu lassen – deine Minderwertigkeit; wie arm sie war; wie reich du warst; daß sie in einem Elendsviertel wohnte, ohne ein Kissen, ohne Bett, ohne einen Teppich, ohne, was immer es sein mochte; ihre ganze Seele zerfressen von dem Groll, der darin stak; weil sie von der Schule entlassen worden war während des Kriegs – das arme, verbitterte, unglückselige Geschöpf! Denn nicht sie selbst haßte man, sondern die in ihr verkörperte Idee, die zweifellos eine Menge von dem in sich aufgenommen hatte, was nicht zu Miss Kilman gehörte; die zu einem dieser Gespenster geworden war, mit denen man nachts ringt; einem dieser Gespenster, die rittlings über einen gebeugt stehn und einem das halbe Lebensblut aussaugen, Herrschsüchtige und Tyrannen; denn zweifellos, wären die Würfel anders gefallen, das Schwarze zuoberst und nicht das Weiße, hätte sie Miss Kilman geliebt! Aber nicht auf dieser Welt. Nein!

Es machte sie jedoch wund, in ihrem Innern dieses brutale Ungeheuer sich regen zu spüren! Zweige knacken zu hören und Hufe sich eindrücken zu fühlen im Dickicht dieses von abgefallenem Laub überschichteten Waldes, der Seele; nie war sie ganz zufrieden oder ganz geborgen, denn jeden Augenblick konnte das Ungeheuer sich wieder zu regen beginnen, dieser Haß, der, besonders seit ihrer Krankheit, die Macht besaß, sie sich wundgescheuert fühlen zu lassen, am Rückgrat verletzt; sie körperlich schmerzte und alle Freude an Schönheit, an Freundschaft, an Wohlbefinden, Geliebtwerden und am entzückenden Ausgestalten ihres Heims erschütterte, zum Schwanken brachte, als wühlte tatsächlich ein Ungeheuer an den Wurzeln, als wäre ihre ganze Rüstung von Zufriedenheit nichts als Eigenhebe. Dieser Haß!

Unsinn! Unsinn! rief sie sich zu und stieß die Schwingtür zu Mulberrys Blumenladen auf.

Sie trat ein, leichten Schritts, schlank, sehr aufrecht, und wurde sogleich von der knopfgesichtigen Miss Pym begrüßt, deren Hände stets knallrot waren, als hätten sie zusammen mit den Blumen in kaltem Wasser gestanden.

Ja, da waren Blumen: Rittersporn, wohlriechende Wikken, Sträuße von Flieder; und Nelken, eine Unmenge Nelken. Rosen waren da; Schwertlilien waren da. Ah, ja – so atmete sie den erdigen Wohlgeruch ein, während sie stand und mit Miss Pym sprach, die ihr viel verdankte und sie für gütig hielt, denn das war sie zu ihr gewesen, vor Jahren; sehr gütig, aber sie sah gealtert aus dieses Jahr, wie sie so den Kopf von einer Seite zur anderen wendete zwischen den Schwertlilien und den Rosen und den nickenden Fliederdolden, mit halbgeschlossenen Augen den Duft einatmete nach dem Trubel der Straßen, den herrlichen Duft, die köstliche Kühle. Und wie frisch, als sie die Augen öffnete, die Rosen aussahen: wie berüschte Wäsche, soeben in flachen Weidenkörben geliefert. Und dunkel und ein wenig steif, den Kopf hochtragend, die roten Nelken; und die aus den bauchigen Vasen quellenden Wicken, violette, weiße, blaßrosa getönte – als wäre es Abend und junge Mädchen in Musselinkleidern kämen ins Freie heraus, um Wicken und Rosen zu pflücken, nachdem der wundervolle Sommertag mit seinem beinahe schwarzblauen Himmel, seinem Rittersporn, seinen Nelken und Aaronsstäben vorbei war; als wäre es der Augenblick zwischen sechs und sieben, wenn alle Blüten – Rosen, Nelken, Schwertlilien und Flieder – erglühen: weiß, violett, rot, orangegelb; jede Blüte in den verdämmernden Beeten von innen her zu brennen scheint, mild und rein; und wie sie die grauweißen Nachtfalter liebte und ihr Schwärmen und Schwirren über den Sonnenwenden, den Nachtröschen!

Und während sie mit Miss Pym von Vase zu Vase zu gehn begann und auswählte, Unsinn, Unsinn! sagte sie sich da, sagte es immer sanfter, als wären diese Schönheit, dieser Duft, diese Farben, als wäre Miss Pym mit ihrer Zuneigung und ihrer vertrauensvollen Anhänglichkeit eine Woge, die sie über sich hinfluten und diesen Haß, dieses Ungeheuer, begraben ließ, ihn ganz und gar begraben ließ; und die Woge hob sie höher und höher, als – oh! ein Revolverschuß draußen auf der Straße!

»Du meine Güte, diese Autos!« sagte Miss Pym und ging zum Fenster nachsehen und kam dann zurück, die Hände voller Wicken, mit einem abbittenden Lächeln, als wäre sie an diesen Autos, diesen Autoreifen schuld.

 

Der heftige Knall, der bewirkte, daß Mrs. Dalloway zusammenzuckte und Miss Pym zum Fenster ging und sich entschuldigte, kam von einem Auto, das am Randstein, genau gegenüber Mulberrys Schaufenster, hielt. Vorübergehende, die selbstverständlich stehnblieben und gafften, konnten grade nur den flüchtigen Anblick eines Gesichts von allergrößter Bedeutung vor der taubengrauen Polsterung erhaschen, bevor eine Männerhand den Vorhang schloß und nichts mehr zu sehen war als ein Viereck von Taubengrau.

Doch augenblicklich begannen sich Gerüchte zu verbreiten, von der Mitte der Bond Street bis zur Oxford Street nach der einen Seite, zu Atkinsons Parfümerieladen nach der andern; sich unsichtbar, unhörbar zu verbreiten, geschwind wie Nebelschleier über Hügel, ja sich mit etwas wie der jähen Nüchternheit und Stille einer Wolke auf Gesichter zu senken, die eine Sekunde zuvor noch völlig chaotisch dreingeblickt hatten. Nun aber hatte etwas Geheimnisvolles sie mit seiner Schwinge gestreift; sie hatten alle die Stimme höchster Autorität vernommen; der Geist frommer Anbetung ging um, mit dicht verbundenen Augen und weit offenem Mund. Doch niemand wußte, wessen Gesicht gesehen worden war. Das des Prinzen von Wales, der Königin, des Premierministers? Wessen Gesicht war es gewesen? Niemand wußte es.

Edgar J. Watkiss, eine Rolle Bleirohr um den Arm, sagte vernehmlich und, selbstverständlich, humoristisch: »Dem Prömjehminister sein Wagen.«

Septimus Warren Smith, der sah, daß er nicht vorbeikonnte, hörte ihn.

Septimus Warren Smith, so um die dreißig, mit blassem Gesicht, einer Hakennase, braunen Schuhen und einem abgetragenen Überzieher, mit haselnußbraunen Augen, die diesen argwöhnischen Blick hatten, der völlig Unbekannte auch argwöhnisch macht. Die Welt hat ihre Peitsche erhoben; wo wird sie niedersausen?

Alles war zum Stillstand gekommen. Das Pochen der Motoren klang wie ein unregelmäßig durch einen ganzen Körper hämmernder Pulsschlag. Die Sonne schien auf einmal außerordentlich heiß, weil das Auto vor Mulberrys Schaufenster stehngeblieben war; alte Damen auf dem Oberdeck von Omnibussen spannten ihre schwarzen Sonnenschirme auf; hier öffnete sich ein grüner, dort ein roter mit einem kleinen Puff. Mrs. Dalloway, den Arm voll wohlriechender Wicken, trat ans Fenster, blickte mit ihrem kleinen, rosigen, forschend zusammengekniffenen Gesicht hinaus. Alles schaute auf das Auto. Septimus schaute. Botenjungen sprangen von ihren Fahrrädern. Der Verkehr staute sich. Und da stand das Auto, mit geschlossenen Vorhängen, und auf ihnen ein merkwürdiges Muster wie ein Baum, dachte Septimus, und dieses allmähliche Sichzusammenziehen auf einen Mittelpunkt da vor seinen Augen, als wäre etwas Grauenhaftes beinahe bis an die Oberfläche gekommen und würde sogleich in Flammen ausbrechen, das entsetzte ihn. Die Welt schwankte und bebte und drohte in Flammen auszubrechen. Ich bin es, der den Weg versperrt, dachte er. Sahen ihn nicht alle an und wiesen auf ihn? War er nicht zu einem Zweck hier festgerammt, festgewurzelt auf dem Gehsteig? Aber zu welchem Zweck?

»Gehn wir weiter, Septimus!« sagte seine Begleiterin, ein kleines Ding mit großen Augen in einem blaßbräunlichen, spitzen Gesicht; eine Italienerin.

Aber auch Lucrezia konnte nicht anders als auf das Auto zu schauen und auf das Baummuster des Vorhangs. Saß dort drin die Königin – die Königin, die Einkäufe machen wollte?

Der Chauffeur, der irgend etwas geöffnet, an irgend etwas gedreht, irgend etwas geschlossen hatte, stieg wieder auf seinen Sitz.

»So komm doch!« sagte Lucrezia.

Ihr Mann aber – denn sie waren seit vier, fünf Jahren verheiratet – zuckte zusammen, schritt aus und sagte: »Schon recht!«, sagte es ärgerlich, als hätte sie ihn unterbrochen.

Es mußte den Leuten auffallen; sie mußten es bemerken. Den Leuten, dachte sie mit einem Blick auf die Menge, die das Auto begaffte; den Engländern mit ihren Kindern, ihren Pferden, ihrer Art, sich zu kleiden, den Engländern, die sie doch auch wieder bewunderte; jetzt aber waren sie Leute für sie, weil Septimus gesagt hatte: »Ich werde mich umbringen!« Entsetzlich, so etwas zu sagen. Wenn sie es gehört hätten! Sie schaute auf die Menge. Hilfe, Hilfe! hätte sie am liebsten den Fleischerjungen zugerufen und den Frauen. Hilfe! Vergangenen Herbst erst hatten sie und Septimus auf dem Themsekai gestanden, beide in denselben Mantel gehüllt, und weil Septimus eine Zeitung las, statt mit ihr zu reden, riß sie ihm die weg und lachte dem alten Mann, der ihnen zusah, ins Gesicht! Doch Mißerfolg verbirgt man. Sie mußte Septimus wegführen, in irgendeinen Park.

»Gehn wir jetzt hinüber!« sagte sie.

Sie hatte ein Recht auf seinen Arm, auch wenn der gefühllos war. Er würde ihr, einer so einfachen, so impulsiven, erst Vierundzwanzigjährigen, die keine Freunde in England und um seinetwillen Italien verlassen hatte, bloß ein Stück Knochen reichen.

 

Das Auto mit seinen geschlossenen Vorhängen und einem Air unergründlicher Reserviertheit fuhr jetzt langsam gegen Piccadilly, noch immer angestarrt, noch immer die Gesichter zu beiden Seiten der Straße mit demselben dunkeln Hauch von Verehrung kräuselnd, ob für Königin, Prinz oder Premierminister, das wußte niemand. Das Gesicht war nur sekundenlang von drei Leuten erblickt worden. Sogar über sein Geschlecht gab es jetzt Meinungsverschiedenheiten. Doch es konnte gar keinen Zweifel darüber geben, daß Erhabenheit im Innern saß; Erhabenheit fuhr verborgen die Bond Street hinunter, nur eine Handbreit entfernt von gewöhnlichen Leuten, die sich jetzt, zum ersten- und letztenmal, in Sprechweite der Majestät Englands befinden mochten, des dauernden Sinnbilds des Staates, das wißbegierigen Altertumsforschern bekannt sein wird beim Sichten der Ruinen der Zeit, wenn London ein grasüberwachsener Fleck sein würde und alle, die heute, an diesem Mittwochmorgen, die Gehsteige entlangeilten, nur noch Gebeine wären mit ein paar unter ihren Staub gemengten Eheringen und den Goldplomben unzähliger verfaulter Zähne. Das Gesicht in dem Auto aber wird dann bekannt.

Es ist wahrscheinlich die Königin, dachte Mrs. Dalloway, als sie mit ihren Blumen aus Mulberrys Laden trat; die Königin. Und eine Sekunde lang trug sie eine Miene außerordentlicher Würde, wie sie so vor dem Blumenladen im Sonnenschein stand, während das Auto im Fußgängertempo mit geschlossenen Vorhängen weiterfuhr. Die Königin, die ein Krankenhaus besucht; die Königin, die einen Wohltätigkeitsbasar eröffnet, dachte Clarissa.

Das Gedränge war gewaltig für diese Tageszeit. Kricket auf Lord’s Platz, Rennen in Ascot, Polo in Hurlingham, was war wohl heute los? fragte sie sich, denn die Straße war verstopft. Die britischen Mittelständler, die da im Profil auf dem Oberdeck der Omnibusse saßen, mit ihren Päckchen und Schirmen, manche Frauen sogar im Pelz an einem Tag wie diesem, sie alle waren wahrhaftig, so dachte sie, lächerlicher und unwahrscheinlicher als irgend etwas, das man sich vorzustellen vermochte; und die Königin selbst wurde aufgehalten; die Königin wurde am Weiterfahren gehindert. Clarissa war auf der einen Seite der Brook Street zum Warten gezwungen; Sir John Buckhurst, der alte Richter, auf der andern, mit dem Auto da zwischen ihnen (Sir John hatte seit Jahren verkündet, was recht war, und fand Gefallen an einer gutgekleideten Frau), als der Chauffeur, sich kaum merklich zur Seite neigend, dem Polizisten etwas sagte oder zeigte; der salutierte und hob den Arm und brachte mit einer Kopfbewegung den Omnibus auf die Seite, und das Auto fuhr hindurch. Langsam und fast lautlos setzte es seinen Weg fort.

Clarissa erriet; Clarissa begriff natürlich; sie hatte etwas Weißes, etwas Zauberkräftiges, Kreisrundes in der Hand des Bedienten gesehen, ein Scheibchen mit einem Namen darauf – dem der Königin, des Prinzen von Wales, des Premierministers – welcher sich kraft seines Glanzes seine Bahn brannte (Clarissa sah das Auto kleiner werden, verschwinden) und heute abend, im Buckingham Palace, inmitten von Kandelabern, glitzernden Ordenssternen, Fräcken, steif von goldenem Eichenlaub, Hugh Whitbread und allen seinen Amtsbrüdern, den Kammerherren Englands, erstrahlen würde.

Und auch sie, Clarissa, gäbe ein Fest. Sie straffte sich ein wenig; so würde sie oben am Kopf der Treppe stehn.

Das Auto war verschwunden, doch es hatte ein leichtes Wellengekräusel hinterlassen, das durch die Handschuhläden und die Hutläden und die Schneiderläden zu beiden Seiten der Bond Street floß. Dreißig Sekunden lang waren alle Köpfe in dieselbe Richtung gewendet, auf das Fenster. Beim Auswählen eines Paars Handschuhe – sollten es welche bis zum Ellbogen sein oder höher hinauf, zitronengelbe oder blaßgraue? – hielten die Damen inne; als der Satz ausgesprochen war, hatte sich etwas ereignet, etwas in den Einzelfällen so Unbedeutendes, daß kein Meßinstrument, fähig, Erdbebenstöße in China zu registrieren, seine Schwingungen hätte verzeichnen können; im ganzen jedoch war es etwas Gewaltiges und in seiner allgemeinen Wirkung Gemütbewegendes; denn in allen den Hutläden und Schneiderläden blickten Unbekannte einander an und gedachten der Toten, der Flagge, des Empire. In einer Kneipe in einem Hintergäßchen sagte ein Mann aus den Kolonien etwas Beleidigendes gegen das Haus Windsor, was zu einem Wortwechsel, zertrümmerten Biergläsern und einem allgemeinen Radau führte, der über die Straße her seltsam in den Ohren junger Mädchen widerhallte, welche sich weiße, von schneeweißen Bändern durchzogene Unterwäsche für ihre Hochzeit bestellten. Denn die oberflächliche Erregung über das vorbeifahrende Auto rührte im Einsinken an etwas sehr Tiefes.

Das Auto glitt über Piccadilly und bog in die St. James’s Street ein. Hochgewachsene Männer von robustem Aussehn, elegant gekleidete, in ihren Cutaways mit weißem Westenvorstoß, das Haar zurückgekämmt, die aus schwer zu beurteilenden Gründen im Runderker von White’s Club standen, die Hände hinter den Rockschößen verschränkt, blickten hinaus und gewahrten instinktiv, daß Erhabenheit vorüberkam, und der blasse Schein einer unsterblichen Gegenwart fiel auf sie, wie er auf Clarissa Dalloway gefallen war. Sogleich standen sie noch aufrechter, entschränkten die Hände und schienen bereit zu sein, ihrem Herrscher, wie es schon ihre Vorfahren getan, wenn es sein mußte, bis vor die Mündungen der feindlichen Kanonen Gefolgschaft zu leisten. Die weißen Büsten im Hintergrund und die Tischchen mit den Heften des Tatler und den Sodawasserflaschen schienen zuzustimmen, schienen die wogenden Kornfelder und die stattlichen Herrensitze Englands zu versinnbildlichen; und das schwache Summen der Autoräder zurückzuwerfen, wie die Wände einer Flüstergalerie eine einzelne Stimme zurückwerfen, die sich ausbreitet und volltönend wird durch die Mächtigkeit einer Kathedrale. Moll Pratt in ihrem Schultertuch, mit ihren Blumen auf dem Gehsteig, wünschte dem lieben Jungen alles Gute (es war ganz gewiß der Prinz von Wales) und hätte den Preis eines Krugs Bier – einen Strauß Rosen – mitten auf die St. James’s Street hingeworfen, rein aus Leichtsinn und Verachtung fürs Armsein, hätte sie nicht das Auge des Verkehrspostens auf sich gerichtet und die Untertanentreue einer alten Irländerin entmutigen gesehn. Die Wachen vor dem St. James’s Palace präsentierten das Gewehr. Königin Alexandras Polizist war mit ihnen zufrieden.

 

Unterdessen hatte sich vor den Toren des Buckingham Palace eine kleine Menschenmenge angesammelt. Teilnahmslos und doch zuversichtlich warteten sie, lauter arme Leute; blickten zum Palast auf, von dem die Standarte wehte; zu Königin Viktoria, die sich auf ihrem Marmorhügel bauschte, bewunderten ihre Terrassenbecken fließenden Wassers, ihre Geranien; erwählten sich unter den durch die Mall kommenden Autos bald dieses, bald jenes; zollten ihre Gefühle fälschlich Bürgerlichen, die da spazierenfuhren; nahmen ihren Tribut wieder zurück, um ihn unvergeudet zu bewahren, während dieses und jenes Auto vorbeifuhr; und ließen die ganze Zeit Gerüchte sich in ihren Adern sammeln und die Nerven in ihren Schenkeln zum Vibrieren bringen bei dem Gedanken, daß ein Blick aus königlichen Augen sie träfe; die Königin den Kopf neigen, der Prinz die Hand an den Mützenschild legen würde; beim Gedanken an das himmlische, Königen von Gott bescherte Leben; an die Stallmeister und tiefen Hofknickse; an das alte Puppenhaus der Königin; an Prinzessin Mary, daß sie einen Engländer geheiratet hatte, und an den Prinzen – ah! der Prinz, daß er, wie es hieß, so prächtig dem alten König Eduard nachgeriet, aber so viel schlanker war. Der Prinz wohnte im St. James’s Palace; doch er käme vielleicht am Vormittag vorbei, seine Mutter besuchen.

So sagte Sarah Bletchley, ihr Kleines im Arm, und wippte mit der Fußspitze wie auf ihrem Kaminvorsatz daheim in Pimlico, behielt dabei aber die Mall im Auge, während Emily Coates den Blick über die Fenster des Palasts schweifen ließ und an die Hausmädchen dachte, die unzähligen Hausmädchen, und die Schlafzimmer, die unzähligen Schlafzimmer. Die wartende Menge vergrößerte sich um einen älteren Herrn mit einem Aberdeen-Terrier und Männer ohne Beruf. Der kleine Mr. Bowley, der ein Appartement im Albanyklub hatte und oberhalb der tieferen Quellen des Lebens mit Wachs versiegelt war, jedoch plötzlich, ganz unpassenderweise, sentimentalerweise entsiegelt werden konnte von so etwas – wie da arme Weiber darauf warteten, die Königin vorbeifahren zu sehen, arme Weiber, liebe kleine Kinder, Waisen, Witwen, der Krieg, – tja, ja – er hatte wahrhaftig Tränen in den Augen. Ein Lüftchen, das gar warmherzig durch die Mall wanderte, durch die dünnbelaubten Bäume, an den bronzenen Heldengestalten vorbei, blähte die Flagge in der britischen Brust Mr. Bowleys, und er lüpfte den Hut, als das Auto in die Mall einbog, und hielt ihn in der erhobenen Hand, während es näher kam, und Heß die armen Mütter aus Pimlico sich dichter an ihn drängen und stand sehr aufrecht da. Das Auto kam heran.

Plötzlich sah Mrs. Coates zum Himmel auf. Das Geräusch eines Flugzeugs bohrte sich der Menge ominös in die Ohren. Dort kam es über die Bäume, stieß hinten weißen Rauch aus, der sich schlängelte und ringelte, ja wahrhaftig irgend etwas schrieb! Buchstaben an den Himmel schrieb! Alles blickte hinauf.

Jäh schoß das Flugzeug herab, stieg wieder kerzengerade hoch, machte eine Schleife, raste weiter, sank, stieg, und was immer es tat, wohin immer es flog, flatterte ein dicker, welliger Balken von weißem Rauch hinten hervor, der sich am Himmel zu Buchstaben wand und schlang. Aber welchen Buchstaben? Waren’s ein A und ein C? ein E, dann ein L? Nur einen Augenblick lang blieben sie still; dann bewegten sie sich und zergingen und waren ausradiert dort oben am Himmel, und das Flugzeug raste weiter und begann von neuem, auf einem frischen Stück Himmel, zu schreiben, ein K, ein E, ein Y vielleicht?

»Glaxo«, sagte Mrs. Coates mit gepreßter, ehrfürchtiger Stimme, während sie senkrecht zum Himmel hinaufsah, und ihr Kleines, das steif und weiß in ihrem Arm lag, sah auch senkrecht hinauf.

»Kreemo«, murmelte Mrs. Bletchley wie eine Schlafwandlerin. Den Hut völlig regungslos in der ausgestreckten Hand, blickte Mr. Bowley zum Himmel auf. Die ganze Mall entlang standen die Leute und schauten zum Himmel auf. Und während sie schauten, verstummte die ganze Welt völlig, und ein Möwenschwarm flog über den Himmel, zuerst von einer, dann von einer andern Möwe angeführt, und in diese außerordentliche Stille und diesen Frieden, diese Helle, diese Reinheit, schlugen Glocken elf Mal, und die Klänge verhallten dort oben zwischen den Möwen.

Das Flugzeug wendete und raste weiter und kurvte, wo es ihm paßte, flink und frei, wie ein Schlittschuhläufer –

»Das ist ein E«, sagte Mrs. Bletchley – oder ein Tänzer –

»Eine Toffeereklame«, murmelte Mr. Bowley –

(und das Auto fuhr durch das Tor des Palasts und niemand sah hin), und den Rauch absperrend sauste das Flugzeug davon, und der Rauch verblaßte und sammelte sich um die großen weißen Wolkengebilde.

Es war weg; es war hinter den Wolken; es war nicht mehr zu hören. Die Wolken, an die sich die Buchstaben E, G oder L gehängt hatten, zogen frei dahin, als wären sie zu einer hochwichtigen Mission von West nach Ost bestimmt, die nie enthüllt werden durfte, und dennoch war es ganz gewiß so – eine Mission von allergrößter Bedeutung. Dann plötzlich kam, wie ein Eisenbahnzug aus einem Tunnel, das Flugzeug wieder aus den Wolken hervorgeschossen, der Lärm bohrte sich allen Leuten in der Mall, im Green Park, in Piccadilly, in der Regent’s Street, im Regent’s Park in die Ohren, und der Rauchbalken krümmte sich hinter ihm, und es flog hinab und hinauf und schrieb einen Buchstaben nach dem andern – aber welches Wort schrieb es?

Lucrezia Warren Smith, die neben ihrem Mann auf einer Bank im Regent’s Park, im Broad Walk, saß, blickte auf.

»Schau doch, schau, Septimus!« rief sie. Denn Dr. Hymes hatte ihr gesagt, ihr Mann (dem gar nichts Ernstliches fehle, der nur eben nicht ganz gut beisammen sei), solle ein Interesse an Dingen außerhalb seiner selbst nehmen.

Aha, dachte Septimus und blickte auf, sie signalisieren mir. Allerdings nicht in wirklichen Wörtern, das heißt, er konnte die Sprache noch nicht lesen; doch sie war deutlich genug, diese Schönheit, diese erlesene Schönheit, und Tränen füllten seine Augen, während er auf die am Himmel verweilenden und vergehenden Rauchwörter blickte, die ihn in ihrer unerschöpflichen Barmherzigkeit und heiteren Güte mit einer Gestalt nach der andern von unvorstellbarer Schönheit beschenkten, ihm ihre Absicht signalisierten, ihn gratis, auf immer, fürs bloße Hinsehen mit Schönheit, mit immer mehr Schönheit zu versorgen! Tränen Hefen ihm über die Wangen.

Toffee; eine Reklame für Toffee, sagte ein Kindermädchen zu Rezia. Miteinander begannen sie zu buchstabieren: T..o..f. . .