Mucho Mojo - Joe R. Lansdale - E-Book
Beschreibung

Was ist schlimmer: Das vermüllte Haus eines Messie-Onkels zu erben, mitsamt Kinderleiche im Keller, oder Nachbarn, die dummdreiste Drogendealer sind? Jedenfalls müssen Leonard Pine und sein treuer Kumpel Hap Collins da erst mal richtig aufräumen. Und dann, mit oder ohne Hilfe der Polizei, das Rätsel um die furchtbaren Kindermorde lösen. "Mucho Mojo" ist, nach "Wilder Winter", das zweite Abenteuer des texanischen Desaster-Duos, und auch hier fließen wieder jede Menge Blut, Schweiß und Lachtränen! "Sag mal, der Pfahl mit den Flaschen dran. Was soll das darstellen? Gartenschmuck?" "Das is so 'n Mojo-Scheiß. Schützt vor bösen Geistern. Die sollen in die Flaschen kriechen und sich verfangen. Oder vielleicht werden sie auch in was Harmloses verwandelt, wenn sie drin stecken. Weiß nich so genau. Als kleiner Junge hab ich die Dinger hin und wieder gesehn. Und davon reden gehört. Aber Onkel Chester hat nie an so 'n Müll geglaubt. Der war Realist. Rational wie 'n Scharfrichter." "Es gibt öfter Sachen, die man nich vermutet, Leonard. Selbst bei so engen Freunden wie uns beiden. Mein Gott, wer weiß, vielleicht hör ich zu Hause Polka." Dt. Erstausgabe 1996 unter dem Titel "Texas Blues"

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:391

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Mucho Mojo

Die Originalausgabe ist 1994 bei Mysterious Press/Warner Books, Inc., New York, erschienen.

Die deutsche Erstausgabe erschien im August 1996 unter dem Titel Texas Blues im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, und wurde vom Übersetzer noch einmal durchgesehen.

© 1994 by Joe R. Lansdale

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

© dieser Ausgabe 2015 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Gunter Blank & Robert Schekulin

Korrektur: Heide Franck & Hannes Riffel

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36

12683 Berlin

golkonda@gmx.de

www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-944720-81-4 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-944720-82-1 (E-Book)

Inhalt

Titel

Impressum

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Weitere Bücher im Golkonda Verlag

Phantastik im Golkonda Verlag

Dieses Buch ist in Liebe und voller Respekt und in tiefster Verehrung dem wichtigsten Menschen meines Lebens gewidmet: meiner Frau Karen.

Es gilt einigen Leuten zu danken, die mir bei diesem Unterfangen geholfen haben:

Barbara Puechner, Andrew Vachss, Neal Barrett jr., David Webb und natürlich Jeff Banks. Ein Gruß auch an meine alten Kumpel von den Rosenfeldern, Sam Griffith und Larry Walters, und ebenfalls danken möchte ich meiner »Tante« Ardath sowie meinem Karatelehrer Richard Metteauer.

Ganz egal, wem du gegenübertrittst,

dein Gegner bist immer du selbst.

Nakamura

Kapitel 1

Es war Juli, es war heiß, ich setzte Stöcke und dachte an alles andere als an Mord. Okulieren, Buddeln, alle Jobs auf dem Rosenfeld schlauchen, aber Stöckesetzen, das ist ein richtiger Höllenjob.

Die Stöcke tut man im Spätsommer rein. Das geht so: Man kriegt einen Packen Rosenholz, den nimmt man, lässt einen Seufzer los, dreht sich um und schaut über das Beet, das von da, wo man steht, bis irgendwo hinter China reicht, dann beißt man die Zähne zusammen, beugt sich runter und rammt die Stöcke in die Erdreihen, immer mit einem kleinen Abstand dazwischen. Dabei kommt man nicht hoch, nur wenn es dringend ist, sonst wird man nämlich nie fertig. Die ganze Zeit lässt man den Buckel krumm, rammt die Dinger rein, immer die Reihe runter, in der Hoffnung, dass sie irgendwann endet, wenn es auch nie danach aussieht, und die Sonne von East Texas brennt früh um halb elf wie eine entzündete Blase, aus der der heiße Eiter quillt – was die Sache freilich nicht lustiger macht.

Ich spielte also da draußen mein Mikadospielchen, dachte wie immer an Eistee und schöne, willige Frauen, als mir der Unterboss von hinten auf die Schulter tippte.

Vielleicht ’ne Pause, dachte ich, aber dann sah ich über mir seinen Daumen, der zum Feldrain zeigte. »Hap, Leonard is da.«

»Zum Arbeiten kann der nich hier sein«, sagte ich. »Außer er kriegt die Stöcker mit seiner Krücke rein.«

»Der will dich bloß sprechen«, sagte der Unterboss und ging.

Ich steckte den letzten Stock aus meinem Bündel in die Erde, richtete mich auf und begab mich auf den Weg durch die lange, sandige Furche, vorbei an den krummen, schweißnassen Rücken der anderen.

Ich sah Leonard am anderen Ende, er stand auf seine Krücke gestützt. Auf die Entfernung wirkte er wie aus Pfeifenreinigern und Puppensachen gebastelt. Sein Gesicht, dunkel wie eine Rosine, war mir zugewandt, eine Hitzewelle schoss davon hoch und flimmerte im grellen Licht, Erdstaub schwirrte kurz hindurch und rieselte langsam wieder herab.

Jetzt sah Leonard, dass ich zu ihm schaute, und seine Hand flog in die Luft wie ein abhebender Star.

Auch Vernon Lacy, mein Oberboss, mir geläufig unter dem Kosenamen Old Bastard, obwohl nicht älter als ich, schick rausgeputzt mit gestärktem weißen Hemd, weißen Hosen und gelbbraunem Tropenhelm, sah mich kommen. Er kam auf eine Höhe mit Leonard, und mit einem Blick zu mir kritzelte er langsam und beflissen etwas in sein kleines Notizheft. Meine Auszeit, was sonst.

Nach einer Wanderung, die unwesentlich kürzer dauerte als eine Ägypten-Tour auf einem toten Kamel, erreichte ich das Ende der Furche, staubbedeckt und ermattet vom Waten durch den weichen Boden. »Wollte nur mal fragen, ob du mir fünfzig Cent pumpen kannst«, sagte Leonard grinsend.

»Du lässt mich den ganzen Weg wegen fünfzig Cent latschen? Soll ich mal probieren, ob die Krücke da in deinen Arsch reinpasst?«

»Darf ich bitte erst Gleitcreme nehmen?«

Lacy blickte zu uns rüber. »Das geht alles vom Lohn ab, Collins.«

»Fahr zur Hölle«, sagte ich.

Schluckend zog Lacy ab und sah sich nicht mehr um. »Sauber«, kommentierte Leonard.

»Diplomatie is meine große Stärke. Aber jetzt mal ehrlich, du bist doch nich wegen fünfzig Cent hier.«

»Ich bin nich wegen fünfzig Cent hier.«

Leonards Grinsen war noch nicht gewichen, bekam aber eine leichte Schlagseite wie ein Boot kurz vorm Kentern.

»Was ’n los, Kumpel?«

»Mein Onkel Chester«, sagte Leonard. »Er is nich mehr.«

Ich fuhr in meinem Pick-up hinter Leonards altem Buick her, auf einer Wegpause kauften wir schnell ein paar Bier und Eis. Bei Leonard angekommen, taten wir Eis und Biere in eine Kühlbox und nahmen sie mit auf die Veranda.

Leonard hatte keine Klimaanlage, genau wie ich, und die Veranda war noch der kühlste Ort in der Nähe, solange wir keine Lust hatten, zum Bach runterzulaufen und uns ins Wasser zu legen.

Wir machten es uns auf der altersschwachen Schaukel gemütlich und stellten die Kühlbox zwischen uns. Leonard brachte die Schaukel mit seinem gesunden Bein in Schwung, ich ploppte uns derweil zwei Biere auf.

»Is heute passiert?«, fragte ich.

»Gefunden haben sie ihn heute. War schon zwei, drei Tage tot. Herzinfarkt. Er liegt jetzt im Bestattungsinstitut in LaBorde, total aufgedunsen.«

Leonard schlürfte sein Bier, den Stacheldrahtzaun auf der anderen Straßenseite im Blick. »Hap, siehst du die Spottdrossel auf dem Zaunpfahl da?«

»Wieso? Ringt die grad um meine Aufmerksamkeit?«

»Die is ziemlich fett. Solche fetten sieht man selten.«

»Also ehrlich, die Frage beschäftigt mich schon ’ne Ewigkeit, Leonard. Wieso Spottdrosseln so selten verfetten. Hab schon überlegt, ob ich darüber mal ’ne Abhandlung schreib.«

»War der Lieblingsvogel von meinem Onkel. Ich fand die immer hässlich, aber für meinen Onkel gab’s nichts Tolleres auf der Welt. Meine kleine Spottdrossel, hat er immer zu mir gesagt, als ich noch ’n Kind war, weil ich ihn und alle Leute ständig verarscht hab. Die Viecher erinnern mich immer an ihn. Komisch, hm?«

Ich schwieg. Heftete meinen Blick auf die Dielen am Vorderrand der Veranda, wo sich eine hitzegeplagte Pferdebremse auf siechen Beinen vorwärtsschleppte, erpicht auf das Stückchen Schatten vom Dach der Veranda. Sie kam ins Schwanken und stoppte. Hitzschlag, dachte ich.

»Morgen wird Onkel Chester beerdigt, da will ich hin«, sagte Leonard. »Aber ich weiß nich. Irgendwie is mir dabei nich wohl. Er wär bestimmt dagegen, dass ich hingehe.«

»Nach allem, was du mir über Onkel Chester erzählt hast, mal abgesehen davon, dass er dich enterbt hat, als er hörte, dass du vom andern Ufer bist ...«

»Schwul. Heute sagen wir schwul, Hap. Wann lernt ihr Heteros das endlich. Wenn wir richtig angesoffen sind, sagen wir auch mal Schwuchtel zueinander.«

»Meinetwegen. Jedenfalls bin ich mir sicher, auf seine Art war Chester in Ordnung. Du hast ihn geliebt. Is doch egal, was er wollen würde. Wichtig is, was du willst. Dein Onkel is tot. Der kann nichts mehr entscheiden. Wenn du wegen deiner schönen Erinnerungen zur Beerdigung gehn und dich von ihm verabschieden willst, geh hin.«

»Komm mit.«

»Hey, tut mir ja leid wegen Onkel Chester, wenn er dir was bedeutet hat, aber ich hab doch mit dem nichts zu schaffen. Sieh’s mal so – er stirbt, du kommst zu mir mit deinem Schock, und ich hau einfach vom Rosenfeld ab. Da kann ich meinen Job wohl vergessen. Der Typ hat mir meinen Broterwerb versaut, da erklär mir bitte, wieso ich Bock auf seine Beerdigung haben soll.«

»Weil ich dich drum bitte, und weil du mein Freund bist, und weil du meine klitzekleinen Gefühlchen nich verletzen willst.«

Da hatte er recht.

Es gefiel mir nicht, aber ich sagte Ja. Was war schon so schlimm an einer Beerdigung.

Kapitel 2

Die Beerdigung fand am nächsten Tag um fünfzehn Uhr statt. Also fuhren wir früh in Leonards Auto nach LaBorde und hielten bei J. C. Penney’s.

Da wollten wir uns Anzüge kaufen. So was hatten wir beide seit Jahren nicht mehr im Kleiderschrank. Mein letzter Anzug hatte einen Nehru-Kragen gehabt und ein Peace-Zeichen etwa in der Größe einer El-Dorado-Radkappe. Mit der Kette, an der das Ding baumelte, hätte man fast einen Tanklaster abschleppen können.

Leonards letzten Anzug hatte die Armee geschneidert.

Bei den Penney’s-Anzügen gab’s längst keine Weste mehr dazu, auch keine zweite Hose, jedenfalls nicht bei den tragbaren Modellen, dafür waren die Preise höher als in meiner Erinnerung. Vielleicht gucken wir lieber mal bei K-Mart, dachte ich, ob wir da was in grünem Glanzstoff finden. Was man später als Polsterstoff für den Sessel verwenden kann, wenn’s einem über ist.

Ich entschied mich schließlich für einen dunkelblauen Anzug mit hellblauem Hemd und dunkelblauer Krawatte. Dazu kaufte ich schwarze Schuhe, Socken und einen Gürtel. Ich probierte alles an und sah in den Spiegel. Ein dämlicher Anblick, fand ich. Wie ein großer, trauernder Pitbull auf zwei Beinen.

Leonard nahm einen dunkelgrünen Anzug im Westernstil, ein kanariengelbes Hemd und eine gestreifte Krawatte in Orange, Grün und Gelb. Die Schuhe dazu waren schwarz, spitz zulaufend und hatten einen Reißverschluss an der Seite. Solche, wo man eigentlich gehofft hätte, die Produktion wär schon seit dem Abschiedsalbum der Dave Clark Five eingestellt.

»Du, das is Onkel Chesters Beerdigung«, sagte ich, »und keine Karibikkreuzfahrt. Wenn du in dem Aufzug ankommst, hüpft der glatt aus der Kiste und wirft dir ’ne Decke über.«

»Eifersucht is ganz was Hässliches, Hap.«

»Ja klar. Wenn ich doch nur auch so aussehn könnte wie ’n Frontalcrash zwischen Dolly Parton und Peter Max.«

Wir zogen uns wieder die normalen Klamotten an, und ich zahlte alles, weil ich zu der Zeit als Einziger arbeiten ging, wenn auch nur ab und zu. Außerdem ließ mich Leonard nie vergessen, dass ich an seinem kaputten Bein schuld war. Ständig sagte er so was wie: »Du weißt, das kaputte Bein geht auf deine Kappe«, suchte sich irgendwas Nettes aus, und ich musste bezahlen, weil er nun mal recht hatte. Ohne ihn wäre ich lange vor Onkel Chester beerdigt worden.

Die Totenfeier war in einer kleinen Gemeinde am Stadtrand von LaBorde, und nach einer kurzen Ruhepause daheim zogen wir die Anzüge an und fuhren in Leonards unklimatisierter Schrottmühle los.

Als wir an der Baptistenkirche ankamen, waren unsere neuen Anzüge schon ordentlich nass geschwitzt, und der heiße Wind verpasste meinen Haaren ein Styling, als wären sie mit dem Reisigbesen gekämmt. Insgesamt sah ich aus wie nach einer Prügelei – einer verlorenen.

Ich stieg aus dem Auto, da kam Leonard zu mir rum und sagte: »Scheiße, Alter, du hast immer noch das Preisschild dran.«

Ich hob den Arm, und da war das Schild, es baumelte am Ärmel. Ich kam mir vor wie Minnie Pearl. Leonard holte sein Taschenmesser raus und schnitt es ab, dann stapften wir in die Kirche.

Wir defilierten am Sarg vorbei – natürlich hatte Onkel Chester es sich nicht nehmen lassen, als Ehrengast zu erscheinen. Potthässlich sah er aus, und lebend war er wohl auch nicht viel hübscher gewesen. Er war nicht besonders groß, dafür aber breit, und dass er schon ein paar Tage gelegen hatte, bevor man ihn fand, machte seine Erscheinung nicht frischer. Da hatte der Bestatter auch nichts ausrichten können – nur dass der Leichnam jetzt leicht an eine aufgedunsene Lumpenpuppe erinnerte.

Als alle Lobreden, Gebete, Gesänge inklusive der obligatorischen Heulanfälle und Sargstürze überstanden waren, fuhren wir zu einem kleinen Waldfriedhof. Auf der Stoßstange des uralten schwarzen Leichenwagens, von dem der Sarg abgeladen wurde, prangte ein Aufkleber: BINGO FÜR GOTT.

Weiter ging die Zeremonie unter einem gestreiften Zeltdach am offenen Grab. Der Wind wehte heiß. Irgendwie hatte das alles einen skurrilen, theatralischen Touch. Leonard war wohl der Einzige, dem die Sache wirklich zu Herzen ging. Er schwieg zwar die ganze Zeit, und sein Machotum verbot ihm, vor anderen zu weinen, aber ich kannte ihn zu gut. Ich sah seine zitternden Hände, seine verzerrten Lippen, die zusammengekniffenen Augen.

»Is doch gar nich so übel als letzte Ruhestätte«, flüsterte ich Leonard zu.

»Biste tot, biste tot«, sagte er. »Deine Worte. Nach der Nummer kommt’s dir nich mehr so drauf an, wie’s um dich rum aussieht.«

»Hast recht. Scheiß auf Onkel Chester. Reden wir lieber über Mode. Is dir schon aufgefallen, dass du hier die einzige schwarze Schwuchtelparodie auf Roy Rogers bist?«

Das rang ihm ein Schmunzeln ab.

Während der Marathonrede des Pfarrers über Onkel Chesters Ruhm im Allgemeinen und Speziellen musterte ich ausgiebig eine attraktive schwarze Frau im kurzen, schwarzen Kleid, die dicht bei uns stand. Neben Leonard gehörte sie zu den wenigen Trauergästen, die nicht nach einer Oscar-Nominierung strebten. Sie schaute eigentlich gar nicht traurig drein, nur andächtig. Ab und zu warf sie einen Blick auf Leonard. Ob er davon was merkte, konnte ich nicht ausmachen. Ein Hetero würde so was immer merken, selbst wenn keinerlei Interesse ihrerseits dahintersteckte. Dagegen kann man nichts machen. Ein Hetero-Schwanz wittert jede schöne Frau, ungeachtet der soziokulturellen Bildungsstufe seines Besitzers, und er weist immer stramm nach Norden. Oder vielleicht eher nach Süden, wenn ich’s so überdenke.

Nun beschloss der Pfarrer seine Rede, die im Umfang knapp über der ungekürzten Gesamtausgabe der Encyclopedia Britannica rangierte, und gab das Zeichen zum Absenken des Sarges.

Ein langer Dürrer drückte den Hebel an der Sargwinde, und die Kiste sank hinab, kam ins Schaukeln, richtete sich wieder aus. Einer der Gäste schluchzte auf und verstummte. Eine Frau vor mir, deren Hutgarnitur nur frisches Obst und eine Rolle Stacheldraht zur Vollständigkeit fehlten, schüttelte sich mit lautem Gejammer und wedelte mit einem Taschentuch.

Wenig später war alles vorbei, nur die Totengräber schaufelten noch Erde in die Grube.

Dann wurden ein paar Hände geschüttelt, Worte gewechselt, die meisten Gäste kamen zu Leonard, sprachen ihm ihr Beileid aus, und dabei beguckten sie mich aus dem Augenwinkel, argwöhnisch wegen meiner Hautfarbe, oder vielleicht weil sie mich für Leonards Lover hielten. Schon schlimm genug, dass man eine Schwuchtel in der Verwandtschaft oder Bekanntschaft hatte, aber jetzt bumste die Sau auch noch einen Weißen!

Wir wurden – wenn auch eher zurückhaltend – zu einem anschließenden Beisammensein von Familie und Freunden eingeladen, aber Leonard lehnte ab, und die Trauergesellschaft löste sich auf. Jetzt kam die attraktive Frau in Schwarz heran. Mit einem Lächeln schüttelte sie Leonards Hand und sprach ihm ihr Beileid aus.

»Ich heiße Florida Grange. Ich war die Anwältin Ihres Onkels, Mister Pine«, sagte sie. »Das heißt, ich bin’s noch. Sie sind im Testament aufgeführt. Kommen Sie morgen in meine Kanzlei, dann können wir das Offizielle klären. Hier haben Sie meine Visitenkarte. Und das ist der Schlüssel zu seinem Haus. Dazu kriegen Sie noch ein bisschen Geld.«

Entgeistert nahm Leonard Schlüssel und Karte entgegen. Ich sagte: »Hallo Miss Grange, ich bin Hap Collins.«

»Hallo«, sagte sie und gab mir die Hand.

»Kannten Sie meinen Onkel gut?«, fragte Leonard.

»Nein. Nicht besonders«, sagte Florida Grange und ging. Wir taten dasselbe.

Kapitel 3

Onkel Chesters Haus lag in dem Teil von LaBorde, den manche als den Schwarzenbezirk, einige als Niggertown und alle anderen als East Side bezeichnen.

Vor zehn Jahren hatte der inzwischen heruntergekommene Bezirk noch einigermaßen prächtig ausgesehen. Damals grenzte er nämlich an das weiße Stadtgebiet, aber die Weißen waren weiter nach Westen gezogen. So hatte man die Straßen hier veröden lassen, um dort zu sanieren, wo Geld und Macht gebündelt waren – bei den reichen weißen Bonzenärschen.

Auf der Comanche Street wummerten wir in ein paar Schlaglöcher, für die man durchaus einen Fallschirm hätte brauchen können, dann bog Leonard in eine mit Kohlenschotter und den Zeitungsausgaben der letzten Tage übersäte Auffahrt.

Das Haus dahinter war einstöckig, aber geräumig und im Grunde recht nobel, wenn man über den abblätternden Anstrich und das mit Weißblech und Teer notdürftig geflickte Dach hinwegsah. Die Blechflicken fingen den Sonnenschein ein und warfen seine heißen Strahlen auf die brüchigen Ziegel des Schornsteins und die Äste einer großen Eiche zurück, die über eine Seite des Daches wuchsen, darauf langscharrten und dem Garten Schatten spendeten. Auch der etwa meterhohe Hohlraum zwischen Erde und Fußboden war mit Weißblech abgedeckt.

An der anderen Seite des Hauses stak ein drei Meter hoher, mit Glyzinen bewucherter Pfahl im Boden. Daraus ragten lange Nägel, über die Bier- und Limoflaschen gestülpt waren.

Viele der Flaschen hatte offenbar jemand zerschossen oder mit Steinen und Knüppeln zerdeppert. Rings um den Pfahl häuften sich Glasscherben wie ausrangierter Modeschmuck.

So ein Ding hatte ich vor Jahren schon mal gesehen, im Garten eines schwarzen Tischlers. Was es damit auf sich hatte, wusste ich damals genauso wenig wie heute. Der einzige Name, der mir dafür einfiel, war Flaschenbaum.

Vor der langen Veranda wucherten ungestutzte Hecken im altmodischen Afrolook, dazwischen führten ein paar schiefe Steinstufen zu den ergrauten Dielen, und darauf standen zwei Männer und ein Junge, alle schwarz.

Noch im Auto fragte ich: »Verwandte von dir?«

»Nich dass ich wüsste«, sagte Leonard.

Wir stiegen aus und gingen auf die Veranda hoch. Der Junge sah uns an, während die Männer uns kaum wahrnahmen. Er streifte einen dünnen Gummischlauch von seinem Bizeps, warf ihn weg und rieb sich die Armbeuge. Sein Blick war verwirrt, aber selig, wie nach einem langen, entspannten Schlaf.

Einer der beiden Älteren, ein großer Muskelprotz in T-Shirt und Jogginghose mit einem dünnen, Mohawk-mäßigen Haarkeil auf dem Schädel und einer Injektionsnadel in der Hand, sagte zu dem Jungen: »Wir haben immer was Süßes auf Lager, Kleiner, du kennst den Preis.«

Der Junge ging die Stufen runter, zwischen mir und Leonard durch und auf die Straße. Der Mohawk ließ die Nadel auf die Veranda fallen. Da lagen schon ein paar, zusammen mit dem Gummischlauch.

Der andere Schwarze trug eine hellblaue Duschhaube, ein orangefarbenes T-Shirt und Jeans. Er hatte in etwa die Ausmaße eines Festwagens bei der Rose Parade. Furchtbar genervt blickte er auf uns herab. »O Scheiße, was bist du denn für ein beschissener Paradiesvogel«, sagte er zu Leonard.

»Einer, der am Stock geht«, sagte der Mohawk. »Wer zieht dich denn an, Bruder? Und du, Blasser. Gehste als Pfaffe oder was?«

»Ich verkauf Versicherungen«, sagte ich. »Willst du eine? Hab das Gefühl, du kannst sie gleich brauchen.«

Der Mohawk grinste mich an, als wollte er sagen, so ein Witzbold aber auch.

»Was treibt ihr hier?«, fragte Leonard.

»Scheiße, Mann, wir stehn auf der Veranda«, sagte der Festwagen. »Was treibt ihr ’n hier?«

»Das Haus gehört mir.«

»Aha«, sagte der Mohawk. »Dann biste der Junge von dem durchgeknallten Onkel Tom, hä?«

»Ich bin der Neffe von Chester Pine, falls du den meinst.«

»Okay, Jungs, wir haben hier nur ’n kleines Geschäft abgewickelt«, sagte der Mohawk. »Macht euch nich in die Hosen.«

»Das hier is nich eure Geschäftsstelle«, machte Leonard klar.

Der Mohawk grinste. »Du, da haste recht, aber wir dachten uns, wir könnten vielleicht mal expandieren.« Er trat an den Rand der Veranda und zeigte nach nebenan. »Wir wohnen da drüben. Das is unsre Hauptgeschäftsstelle, Captain Sunshine.«

Ich riskierte einen Blick. Da stand ein großes, verfallenes Haus auf dem Anwesen neben Chester. Eine Horde schwarzer Jungs kam auf die Veranda raus und glotzte rüber.

»’ne Masernimpfung war das nich, was ihr dem Kleinen eben verpasst habt«, sagte Leonard. »Wie alt war der? Zwölf?«

»Keine Ahnung«, maulte der Festwagen. »Wir schicken ihm keine Geburtstagspäckchen. Scheiße, sieh’s einfach so, wir sind freischaffende Ärzte.«

»Für mich seid ihr freischaffende Ärsche«, konterte Leonard.

»Wichser«, sagte der Festwagen.

»Gutmenschen«, sagte der Mohawk. »Wie aus ’m Kino. So was seid ihr Sackgesichter, hab ich recht?«

Leonard sah den Mohawk sehr lange an. »Mach dich von meinem Besitz runter. Sofort. Sonst können dich deine Freunde von nebenan aus dem Arsch von deinem fetten Kumpel hier rauskratzen. Falls sie seine Überreste aus der Duschhaube rauskriegen.«

»Wichser«, sagte der Festwagen.

»Wegen der Haube hab ich mich auch schon gewundert«, sagte ich. »Hast du Wasser laufen lassen? Suchst ’n Handtuch?«

»Wichser«, sagte der Festwagen schon wieder.

»Is deine verbale Tagesration erschöpft?«, fragte ich. »Kannst du nich mehr um Gnade flehn?«

»Huuuh«, machte der Mohawk. »Unser kleines Gespräch könnte Früchte tragen.«

»Vorfreude, schönste Freude«, sagte Leonard.

Und dann legte er los. Seine Krücke schnellte dem Mohawk zwischen die Beine, dann stieß er sie vor und klemmte dem Typen ein Knie weg, sodass er kopfüber von der Veranda stolperte.

Leonard trat zur Seite, und der Mohawk schlug mit dem Kopf auf dem Boden auf. Dem Klang nach eine schmerzliche Landung.

Das war mein Stichwort. Freund Festwagen stapfte gerade von der Veranda, um mitzumischen, da verpasste ich ihm einen Sidekick gegens Bein, voll auf die Kniescheibe. Er landete ebenfalls auf dem Schädel. Die Hände unterm Bauch, wollte er sich hochstemmen, doch ich stoppte ihn durch einen Tritt an die Kehle mit ungefähr einem Drittel meiner vollen Kraft.

Er rollte sich auf den Rücken, hielt sich röchelnd den Hals. Die Duschhaube verrutschte keinen Millimeter. War mir wirklich neu, dass die kleinen Scheißdinger so fest sitzen. Na ja, vielleicht nur die hellblauen.

Derweil hatte Leonard den Mohawk schon wieder auf die Beine geholt und die Krücke weggeworfen, und nun beackerte er ihn mit Linken und Rechten und rammte ihm das Knie in den Bauch, sodass er gar nicht zum Hinfallen kam. Der Mohawk-Körper hopste im Garten rum, als hätte er einen Springstock im Hintern.

»Lass gut sein, Leonard«, sagte ich. »Kriegst nur dicke Knöchel.«

Ein paar Hiebe ließ er noch unter den Brustkorb seines Opfers sausen, aber diesmal blieb er auf Distanz, sodass der Mohawk keinen Halt mehr fand und zischend wie ein Luftballon auf dem Rasen zusammensackte.

Der Festwagen war inzwischen schon auf den Knien. Immer noch hielt er sich sabbernd die Kehle. Ich checkte die Jungs auf der Veranda nebenan. Sie standen ungerührt da. Natürlich in ihren coolsten Gangsterposen.

»Hey, ihr Wichser, wenn ihr auch was wollt, kommt rüber!«, brüllte Leonard.

Keiner wollte was. Fand ich sehr angenehm. Ich wollte mir meinen nagelneuen Penney’s-Anzug nicht zerfleddern.

Leonard hob seine Krücke auf, und mit einem Blick zum Festwagen sagte er: »Seh ich dich oder deinen Kumpel noch mal hier, oder auch nur irgendeinen, der so ähnlich aussieht wie ihr zwei, dann machen wir euch kalt.«

»Reicht’s nich auch, wenn wir ihnen die Frisur versauen?«, schlug ich vor.

»Nein«, sagte Leonard. »Ich will sie kaltmachen.«

»Da hört ihr’s, Freunde«, sagte ich. »Leben oder Tod.«

Der Mohawk hatte sich irgendwie auf allen vieren an den Rand des Gartens geschleppt und versuchte nun unweit vom Flaschenbaum, auf die Beine zu kommen. Sein Freund, der Festwagen, hatte sich jetzt so weit im Griff, dass er sich hochrappeln und zu ihm rüberwanken konnte, um ihm dabei zu helfen. Schnaufend humpelten sie auf das Nachbarhaus zu.

Ein großer Schwarzer auf der Veranda nebenan grölte: »Euer Tag wird kommen, ihr Säcke. Wartet’s ab!«

»Hat mich gefreut, Nachbarn«, sagte Leonard und holte den Schlüssel raus. Wir gingen hinein.

Kapitel 4

Im Haus war es heiß und muffig, der Kamin mit Müll vollgestopft, Spinnweben in allen Ecken. Bei jeder Bewegung wirbelte Staub auf und schwebte im Sonnenlicht, das durch die dick verhängten Fenster leckte. Hinzu kam ein übler Gestank aus den verschiedensten Quellen. Eine musste Onkel Chester höchstpersönlich gewesen sein, da war ich ziemlich sicher. Wenn man in einem Haus stirbt und dort noch ein paar Tage in der Hitze rumliegt, wird man halt etwas überreif, genau wie die Umgebung.

Ich ließ die Haustür offen. Nicht dass es viel genützt hätte. Draußen wehte kein Lüftchen.

»O Mann«, sagte Leonard. »Kann man sich gar nich vorstellen, dass er hier gewohnt hat.«

Angesichts seiner aromatischen Hinterlassenschaft erschien mir das strittig, aber ich sagte nur: »Er war ’n alter Mann, Leonard. Vielleicht hat er sich nich mehr viel bewegt.«

»So alt war er nich.«

»Du hast seit Jahren nichts von ihm gesehn oder gehört. Wer weiß, wie schlecht er drauf gewesen is.«

»Vielleicht war’s so was wie ’n letzter Stich ins Herz, dass er mir das hier vererbt hat. Als Kind hab ich das Haus geliebt. Das war ihm klar. Scheiße, sieh’s dir jetzt an.«

»Ach, vielleicht hat er auf seine alten Tage seinen Frieden gemacht. Die Vergangenheit ruhen lassen. Miss Grange hat doch gesagt, du erbst auch ’n bisschen Geld von ihm.«

»Konföderiertes wahrscheinlich.«

Wir gingen weiter durch das Haus. Die Küche war heillos zugemüllt, im Spülbecken türmte sich verdrecktes Geschirr, und der Mülleimer quoll über vor Papptellern und Fast-Food-Verpackungen. Ringsum stapelten sich Abfälle. Offenbar hatte Chester den Eimer irgendwann nicht mehr rausgebracht und dafür alles in die Ecke drum herum geschmissen.

Darüber kreisten Fliegen als surrende Flugstreife. In einer Fast-Food-Schachtel auf der Küchentheke wuselte etwas in einem grünen Matsch herum, der entfernt an ein Stück Enchilada erinnerte: Maden.

»Also, wenn du mich fragst, hat er todsicher hier gewohnt«, sagte ich.

»Scheiße«, fluchte Leonard. »Die Bescherung is nich in drei Tagen entstanden.«

»Nee. Da hat er ’ne Weile dran gearbeitet.«

Hinter der Küche war ein Schlafzimmer. Wir gingen rein, es war vergleichsweise ordentlich. Auf dem Nachttisch neben dem Bett lag eine abgegriffene Hardcover-Ausgabe von Thoreaus Tagebuch Walden. Das war Leonards Lieblingsbuch, besonders wegen des Kapitels Selbstvertrauen. Ich schaute mich im Zimmer um. Eine Wand war zum größten Teil von einem Bücherschrank mit gläsernen Schiebetüren verdeckt.

Leonard ging zum Vorhang und zog ihn auf. Das Fensterglas war schmutzig gelb und voller Fliegendreck. Der Rahmen war von außen vergittert, dahinter sah man das Haus, wo Mohawk, Festwagen und die anderen Ärsche hausten.

»Der alte Mann hatte Schiss«, sagte ich.

»Der hat niemals vor irgendwas Schiss gehabt«, widersprach Leonard.

»Mit dem Alter muss man irgendwann Schiss kriegen. Mut hängt immer von deiner Größe und körperlichen Verfassung ab, und vom Kaliber deiner Knarre. Manchmal auch davon, wie viel Schnaps, Crack oder Heroin du intus hast.«

»Alter, das war nie ’ne piekfeine Gegend hier, aber jetzt is sie echt total vor die Hunde gegangen.«

»Da sind nich mal mehr die Hunde scharf drauf.«

»Der Mist da drüben. Das is mir echt zu hoch. ’n Crackhaus, sieht doch jeder Blinde mit ’m Krückstock, und was machen die Bullen? Der Kleine auf der Veranda, der hat ’ne volle Ladung Smack gekriegt. Einfach so, vor Gott und der ganzen Welt.«

»Der Schuss war bestimmt gratis«, sagte ich. »Smack is nich billig. Später, wenn er angefixt is, drehn sie ihm Crack an, nur mal so zum Probieren. Das nimmt er, und danach kommt er wieder, weil er drauf is und weil’s billig is. Mit fünf Dollar sind die Kiddies dabei. Dafür müssen sie natürlich geklauten Kleinkram versilbern, aber was soll’s.«

Leonard zog den Vorhang zu, wir gingen auf den Flur, vorbei am Bad und traten in das Zimmer nebenan.

»Großer Gott«, sagte Leonard.

Der ganze Raum war mit vergilbten Zeitungsstapeln vollgestopft, die bis an die Decke reichten. Dazwischen war nur ein schmaler Gang frei. Durch den gingen wir und stießen nach einer Kurve auf eine Öffnung. Dort stand ein Stuhl an einem Tisch, auf dem ein kleiner Ventilator und Zeitungen waren.

Wenn man sich auf den Stuhl setzte und über den Tisch blickte, sah man das Fenster gegenüber, und ohne die Vorhänge hätte ich dort sicher Gitterstäbe und eine verschmutzte Ansicht des Crackhauses gesehen.

Auf dem Schreibtisch lag ein Notizbuch mit Kugelschreiber. Das Buch war aufgeschlagen, ich warf einen Blick darauf. Onkel Chester hatte darin rumgekritzelt. Lauter kleine Rechtecke, jedes mit einer Nummer versehen. Oben, unten und an den Seiten waren mehrere Linien gezogen.

Anscheinend war Onkel Chester nicht ausgelastet gewesen.

Es war heiß, und der Staub, den wir aufgewirbelt hatten, schwebte wie ein Schleier in der starren Luft und um unsere Köpfe herum. Ich konnte kaum noch atmen.

Wir gingen zurück ins Wohnzimmer, retteten uns durch die Haustür an die frische Luft, und erst da fiel uns auf, dass außer dem eigentlichen Türschloss sage und schreibe sechs Schlösser und Riegel auf dem Türrahmen prangten, das juckte einem richtig in den Fingern. Im Einzelnen waren es zwei Kettenschlösser, ein Bolzenschloss, ein Metallriegel, der nach beiden Seiten zuschnappte, sowie zwei Schnappschlösser, eins oben, eins unten.

»In Sachen Sicherheit nahm er’s genau«, sagte ich.

»Bestimmt wegen der Säcke nebenan«, sagte Leonard.

Wir stellten uns auf die Veranda, die Luft war immer noch starr und heiß, aber trotzdem tausendmal angenehmer als die stickige Moderwolke im Haus. In ein paar Stunden würde die Temperatur auf dreißig Grad runtergehen, dann gäbe es vielleicht ein bisschen frischen Wind und man könnte im Haus auch ohne Sauerstoffmaske atmen, wenn man alle Fenster aufmachte und den Ventilator laufen ließ.

Ich schaute zum Crackhaus rüber. Kein Mensch zu sehen. »Für einen mit Krücke warst du gar nich übel.«

»Die Wichser können von Glück sagen, dass ich momentan nich so gut zu Fuß bin. Noch ’ne Woche, und ich geh zur Tanzstunde.«

»Sag mal, der Pfahl mit den Flaschen dran. Was soll das darstellen? Gartenschmuck?«

»Das is so ’n Mojo-Scheiß. Schützt vor bösen Geistern. Die sollen in die Flaschen kriechen und sich verfangen. Oder vielleicht werden sie auch in was Harmloses verwandelt, wenn sie drin stecken. Weiß nich so genau. Als kleiner Junge hab ich die Dinger hin und wieder gesehn. Und davon reden gehört. Aber Onkel Chester hat nie an so ’n Müll geglaubt. Der war Realist. Rational wie ’n Scharfrichter.«

»Es gibt öfter Sachen, die man nich vermutet, Leonard. Selbst bei so engen Freunden wie uns beiden. Mein Gott, wer weiß, vielleicht hör ich zu Hause Polka.«

»So isses wohl. Hör mal, Hap. Ich muss morgen zu der Anwältin. Meinst du, ich kann dich überreden, heut Nacht hierzubleiben?«

»Und wenn ich nich will?«

»Is ’n langer Heimweg zu Fuß.«

»Dacht ich’s mir doch.«

Obwohl wir keine Übernachtung eingeplant hatten, lagen Wechselklamotten im Auto, weil wir vorgehabt hatten, irgendwann nach der Beerdigung unsere Anzüge auszuziehen, einen Happen zu essen und ins Kino zu gehen.

Wir zogen uns um und starteten eine mittelgroße Aufräumaktion. Ich fuhr in die Stadt, Müllsäcke und ein paar Reinigungsmittel einkaufen, und als ich wiederkam, hatte sich Leonard an den Abwasch gemacht.

Derweil zog ich alle Vorhänge auf, öffnete die Fenster, sammelte den Müll in die Säcke und brachte ihn vors Haus.

Inzwischen hatte Leonard fertig abgewaschen und fing mit dem Großreinemachen an. Er fegte, wischte, haute mit dem Besen die Spinnweben weg, rieb die Fenstergitter blank, sprühte Lysol aus.

»Hier drin gibt’s Kakerlaken, die sind so groß, die bräuchten ’n eigenes Haus.«

»Ich weiß. Eine hat mir grad den Müll raustragen geholfen.«

Als wir alles erledigt hatten, was wir für dringend nötig hielten, waren wir verschwitzt und dreckig. Wir gingen nacheinander ins Bad und wuschen uns, so gut es ging. Es gab kein heißes Wasser.

Wir machten das Licht auf der Veranda an, verriegelten Fenster und Haustür, verstauten die Müllsäcke im Kofferraum und auf dem Rücksitz und fuhren weg. Den Müll warfen wir heimlich in einen Uni-Container, dann gingen wir zu Burger King. Danach ins Kino, und als wir wieder am Haus ankamen, war es stockdunkel. Wir machten uns auf einen Überraschungsempfang unserer Freunde von nebenan gefasst.

Aber die grübelten wohl noch über die Abreibung von heute Mittag. Ein Knäuel von ihnen war drüben auf der dunklen Veranda zu sehen, sie glotzten zu uns rüber. Wir sammelten die Zeitungen in der Einfahrt auf, winkten unseren Crackhaus-Kumpels und gingen hinein.

Leonard überließ mir das Schlafzimmer und schlief auf der Couch im Wohnzimmer. Eine Weile lagen wir noch wach und lasen Zeitung, dann hauten wir uns hin. Wegen der Luftzirkulation ließ ich die Schlafzimmertür offen, schob das Fenster hoch und stellte den Deckenventilator an.

Vom Bett aus konnte ich hinter der Tür Leonard sehen, er lag rücklings auf der Couch, den Arm über die Augen gelegt.

»Tut mir leid wegen deinem Onkel«, sagte ich.

»Ja.«

»Jeder muss mal abtreten.«

»Ja. Schade, dass wir uns so schlecht verstanden haben.«

»Er hat dich geliebt, Leonard. Sonst hätt er dir das Haus nicht hinterlassen.«

»Das hätt ich gern von ihm selbst gehört, dass er mich liebt. Manchmal bin ich so bescheuert, da krieg ich Schuldgefühle, weil ich schwul bin. Als ob ich mir aussuchen könnte, wie meine Hormone zusammengemixt sind. Seit Onkel Chester davon wusste, hat er mich wie ’n Perversen behandelt. Als ob ’n Schwuler automatisch ’n Kinderschänder is oder sich an Schwächeren vergeht.«

»Da war er nich anders als viele, Leonard.«

»Ich hab noch keinem irgendwas aufgezwungen, eigentlich mach ich mir überhaupt nichts aus Sex. Mein Problem is, mich ziehn vor allem normale Männer an, aber da läuft nichts. Viele Schwule benehmen sich total schwul, und das nervt mich.«

»Is ja komisch.«

»Nein, genau so geht’s ’ner Menge Schwulen. Ich denk wohl mehr wie ’ne Frau, glaub ich. Ich wünsch mir ’ne Beziehung mit einem Mann, aber die schwulen Männer bringen’s irgendwie nich. Wahrscheinlich hab ich das einfach so gelernt – die sind unnormal, und ich gehör dazu. Zieh dir das mal rein. Ich kann dir sagen, die Natur hat mich ganz schön verarscht.«

»Ha ha.«

»Hap, hast du nich ab und zu ’n komisches Gefühl, dass du mein Freund bist, wo ich doch schwul bin?«

»Daran denk ich eigentlich kaum. Ich mein, du bist ja nich unbedingt der klassische Schwule.«

»Den gibt’s auch nich.«

»Ich mein, ich krieg nich so viel davon mit, und wenn, na, dann kommt’s mir wahrscheinlich komisch vor. Ich kann’s akzeptieren, aber verstehn tu ich’s nich. Für mich sind Schwule nich pervers. Manche ja, manche nein, genau wie Heteros. Aber ich bin nun mal ’n Junge aus East Texas und komm aus ’ner Baptistenfamilie.«

»Ich komm auch aus East Texas und aus ’ner Baptistenfamilie.«

»Ich weiß. Ich mein ja bloß. Manchmal krieg ich’s schon mit. Nich dass es mir was ausmacht, aber ich krieg’s halt mit, und dann bin ich leicht verwirrt.«

»Klar bist du verwirrt. Das Leben wär einfacher, wenn ich normal wär.«

»Sicher, aber du bist’s nich.«

»Verdammt. War mir entfallen.«

»Hast du früher Mein lieber Biber gesehn?«

»Klar.«

»Am Schluss von jeder Folge, so hab ich’s jedenfalls in Erinnerung, da haben die beiden Brüder Wally und Beaver, die lagen vorm Einschlafen zusammen in ihrem Kinderzimmer und haben noch mal geschwatzt, bevor sie das Licht ausknipsten. Dabei wurde die ganze Folge zusammengefasst, alle Probleme, die es an dem Tag gab. In den letzten paar Minuten hat sich alles erledigt und gelöst, und nächste Woche ging’s ganz ohne Ballast von vorne los. Weißt du was?«

»Was?«

»Im wahren Leben läuft’s anders.«

»Da hast du recht. Gut Nacht, Wally.«

»Gut Nacht, Beaver.«

Kapitel 5

Am nächsten Morgen verabredete Leonard telefonisch einen Termin mit Florida Grange, und wir fuhren zu ihr.

Ihr Bürohaus lag zwar Uptown, aber in der billigen Ecke, neben einem ausgebrannten Wohnblock auf einem roten Lehmhügel, durch den sich ein Highway fraß. Der Wohnblock harrte seit drei Jahren seines Wiederaufbaus, und der Lehmboden ringsum rutschte langsam, aber sicher in Richtung Highway.

Wir betraten das Gebäude und fuhren mit dem Fahrstuhl rauf. Eine Frau kam aus einer Tür, die Hand am Unterkiefer. Wir liefen an der Tür vorbei und lasen: Dr. Mallory, Zahnarzt. Florida Grange, Rechtsanwältin, residierte zwischen ihm und einem Kautionsvermittler.

Wir gingen rein. Keine Sekretärin. Kein Empfangsraum. Das Büro hatte in etwa die Größe vom Männerklo beim YMCA und war mit einem Tisch, ein paar Stühlen, Aktenschränken und PC so gut wie voll. An der Wand hingen eingerahmte Diplome und Urkunden, die Florida Granges Fachkompetenz anpriesen.

Florida Grange saß hinter ihrem Schreibtisch. Als wir eintraten, lächelte sie, stand auf und streckte erst Leonard, dann mir die Hand entgegen. Beim Händeschütteln klirrten ihre zwei großen Silberarmreifen aneinander.

Das kurze, schneeweiße Kleid ließ ihre Schokoladenhaut und die lange und schwere krause schwarze Mähne strahlen. Vom Aussehen her schätzte ich sie auf dreißig, vielleicht fünfunddreißig Jahre. Süße Schokolade in einer zartweißen Umhüllung.

Ich stand mit einer gewissen Befangenheit vor ihr, die Sachen am Leib, in denen ich geschlafen hatte. Die Zähne hatte ich mir mit meinem Zeigefinger und Onkel Chesters Zahncreme geputzt.

Wir nahmen Platz, und Florida Grange setzte sich wieder hinter ihren Schreibtisch, griff einen Aktenordner und sagte: »Die Sache ist einfach und schnell geklärt. Aber sie ist privat, Mister Pine.«

Dabei lächelte sie mich an, damit ich ja nicht losheulte.

»So privat bin ich nich mit Hap. Der darf alles hören, was Sie mir zu sagen haben. Sie haben gesagt, ich krieg das Haus und ’n bisschen Geld. Gibt’s noch irgendwas?«

»Es geht um die Menge ... Sie haben recht, Mister Pine. Ich bin ein bisschen melodramatisch.«

»Leonard. Ich werd nich gern Mister Pine genannt. Und er heißt Hap.«

»Sehr schön, Leonard. Bei einem so unkomplizierten Testament macht es Ihnen sicher nichts aus, wenn ich die Formalitäten weglasse?«

»Na, ich weiß nich«, sagte Leonard. »Formalitäten sind mein Leben. ’n bisschen davon brauch ich schon, nich dass ich Depressionen kriege.«

Sie lächelte ihn an. Wenn sie mich doch so angelächelt hätte! »Er hinterlässt Ihnen das Haus und ein bisschen Geld. Einhunderttausend Dollar.«

Vielleicht bekam ich deshalb kein solches Lächeln von ihr. Weil ich keine hunderttausend Dollar hatte.

»Himmel, wo hat der so ’n Haufen Kohle her?«, sagte Leonard. »Der war doch Wachmann vor seiner Rente.«

Sie zuckte die Achseln. »Wenn er eine Weile gespart hat, ist das nicht so ungewöhnlich. Vielleicht hatte er Wertpapiere. Wer weiß, jedenfalls haben Sie diese Summe geerbt. Ich sorge dafür, dass Sie sie erhalten. Und zu guter Letzt hat er Ihnen noch diesen Umschlag samt Inhalt hinterlassen.«

Sie zog einen dicken hellbraunen Umschlag aus ihrer Schreibtischschublade, den sie Leonard überreichte. Er öffnete ihn und schielte rein. Er gab ihn mir. Ich schielte rein. Drinnen steckten massenhaft Zeitungsausschnitte. Einer war eine Rabattmarke über einen Dollar auf eine Pizza. Pizza mochten wir beide.

Ich schüttelte den Umschlag. Etwas Schweres schob sich hin und her. Ich hielt ihn so, dass nur der mysteriöse Gegenstand durch die Ausschnitte auf meine Handfläche rutschte.

Es war ein Schlüssel. Ich gab ihn Leonard.

»Sieht nach ’nem Bankschließfach aus«, sagte er.

»Genau mein Gedanke«, sagte ich.

»Himmelherrgott, Doc!«, hallte es klar durch die Wand. Peinlich berührt sagte Florida Grange, Rechtsanwältin: »Das ist wohl kein sehr guter Zahnarzt. Man hört ständig Schreie.«

»Macht nichts«, gab Leonard zurück. »Wir wollten eh keinen Termin.«

»Ich spiele schon seit einer Weile mit Umzugsgedanken«, sagte sie.

Leonard fragte: »Bei welcher Bank war Onkel Chester, wissen Sie das?«

»Natürlich. In LaBorde, Main Ecke North.«

Leonard nickte und tat den Schlüssel wieder in den Umschlag. »Sie haben gesagt, Sie kannten ihn nich besonders, aber Sie sind seine Anwältin. Sie haben mit ihm geredet. Da muss doch irgendwas hängen geblieben sein.«

»Ich habe ihn etwa vor einem Monat kennengelernt«, sagte sie. »Er kam zu mir und bat mich, seine Angelegenheiten zu verwalten.«

»Kam er Ihnen krank vor?«, fragte Leonard.

»Er wirkte angespannt. Hatte wohl Sorgen. Er dachte, dass er Alzheimer hätte. Mehr hat er nicht gesagt.«

»Und, hatte er?«

»Keine Ahnung. Jedenfalls dachte er das. Er wollte seine Sachen in Ordnung bringen, falls er den Verstand verliert oder nicht mehr lange zu leben hat. So hat er sich ausgedrückt.«

»Also, eigentlich will ich nur wissen, hat er irgendwas über mich gesagt, außer das mit meinem Erbe?«

»Nein. Tut mir leid.«

»Macht nichts«, sagte Leonard, doch es machte ihm sehr wohl etwas aus, das konnte ich sehen.

»Von einer Sache haben Sie vielleicht gehört. Er hat auf ein paar Leute geschossen, vor ein paar Monaten. Angeblich.«

»Was?«

»Er hat aber niemanden getötet. Ich habe das nur aus der Gerüchteküche. Ich komme auch aus der Nachbarschaft. Wo Ihr Onkel gewohnt hat. Meine Mama wohnt noch dort. Anscheinend ist Ihr Onkel mit den Nachbarn aneinandergeraten. Da soll ein Crackhaus gewesen sein.«

»Ist es immer noch«, sagte Leonard.

»Einer von denen hat Dummheiten gemacht, hat Flaschen von einem Pfahl in seinem Garten weggeschossen. Ich glaube, da war die Rede von einem Flaschenbaum.«

»Richtig«, sagte Leonard.

»Ihr Onkel war gerade auf seiner Veranda und hätte wohl fast eine Kugel abbekommen, wie er sagte, deshalb holte er seine Flinte, ging rüber und schoss auf ein paar Männer auf der Veranda. Er hatte nur Spatzenschrot geladen. Die Sache ging dann so zu Ende, dass die Polizei kam und ihn festnahm. Die Männer wurden ins Krankenhaus eingeliefert, um den Schrot rauszupicken. Ihr Onkel wurde wieder freigelassen, und soweit ich weiß, wurde der Vorfall nicht mal in der Presse erwähnt.«

»Klar, weil’s in Niggertown passiert is«, sagte Leonard. »Is dem weißen Mann doch keine Meldung wert, wenn sich Nigger gegenseitig wegblasen. Das erwarten die doch.«

»Wahrscheinlich«, sagte Florida Grange. »Tja, so viel kann ich Ihnen jedenfalls über ihn berichten, aber damit hat sich’s dann auch.«

Und ich konnte berichten, wie zufrieden Leonard insgeheim war. Das passte in sein Bild von Onkel Chester. Stark und aufrecht, über jede Anmache erhaben.

Florida Grange ließ ihn ein paar Formulare ausfüllen, ein paar bekam er mit. Als der Papierkram erledigt war, kreischte nebenan schon der Zahnarztbohrer.

»Tut mir leid«, sagte Florida Grange. »Kommen Sie, wir gehen auf den Flur.«

Wir gingen. Leonard sagte: »Ich glaub, mehr Fragen hab ich eigentlich gar nich, Miss Grange. ’tschuldigung, dass ich Sie hier rausgezerrt hab.«

»Der Bohrer nervt mich sowieso«, sagte sie. »Und wenn Sie Leonard heißen, nennen Sie mich doch Florida.«

»Okay, Florida. Danke.«

»Wenn’s noch irgendwelche Fragen gibt, rufen Sie mich an«, sagte sie.

»Darf ich vielleicht ’ne Frage stellen?«, sagte ich.

»Ja.«

»Sind Sie verheiratet?«

»Nein.«

»Gibt’s gerade irgend ’nen wichtigen Menschen in Ihrem Leben?«

»Nicht in dem Sinne.«

»Hab ich irgend ’ne Chance, Sie zum Essen einzuladen?«

»Ganz bestimmt nicht, Mister Collins.«

»Ich kann toll abwaschen.«

»Das glaub ich gern, aber ich möchte nicht. Danke der Nachfrage.«

Im Fahrstuhl sagte Leonard nur: »Hap Collins, der Ladykiller.«

Kapitel 6

Wir saßen im Auto, Leonard fuhr, und ich sah mir den Umschlag genauer an.

»Irgendwas von Bedeutung?«, fragte Leonard.

»’n Haufen Pizza-Bons. Paar für Burger King. Und falls du richtig großen Hunger kriegst, können wir bei Lupe’s Mexican Restaurant den Einen-für-zwei-Rabatt nutzen.«

»Das is alles? Rabattmarken?«

»Ja.«

»Junge, der muss ja ganz schön abgebaut haben.«

»Na ja, ich weiß nich. Mit solchen Marken spart man ’ne Menge. Ich benutz die auch. Hab mir mal ausgerechnet, für das Geld, was ich dadurch eingespart hab, hätt ich mir ’n gebrauchten Fernseher kaufen können.«

»Farbe?«

»Schwarz-weiß. Aber ich hab’s lieber in Diet Pepsi und Schweinekrusten angelegt.«

»Aber wieso hinterlegt Onkel Chester die Marken für mich bei ’ner Anwältin? Die hätt er doch auf dem Küchentisch lassen können.«

»Vielleicht war er nich mehr klar im Kopf, und die Marken erschienen ihm wertvoll. Außerdem war der Schlüssel dabei.«

»Dazu gibt’s ’n Schließfach, nehm ich an.«

»Das hast du gesagt, Sherlock.«

»Wir werden’s gleich wissen.«

»Leonard?«

»Ja.«

»Ich seh grad, die Marken hier, die sind schon ’n paar Jahre verfallen.«

In der LaBorde First National Bank, Main Ecke North, pflanzte ich mich in einen Sessel. Leonard sprach mit einem Angestellten, der ihn an eine ergraute Dame an einem Tisch verwies. Leonard stützte sich auf seinen Stock und zeigte ihr den Schlüssel und ein paar der Dokumente, die ihm Florida Grange gegeben hatte. Die Dame nickte, gab ihm den Schlüssel zurück, stand auf und führte ihn an eine Gittertür. Ein Wachmann wurde gerufen, der die Tür von innen öffnete, Leonard hereinließ und hinter ihm wieder zuschloss. Wenig später kam Leonard mit einem großen gelbbraunen Umschlag und einem noch größeren braun umwickelten und verschnürten Päckchen heraus.

»Das wird dir gefallen«, sagte er und hielt den Umschlag in die Luft. »Da drinnen steckt eine Taschenbuchausgabe von Dracula, ’ne Handvoll Zeitungsausschnitte und, dreimal darfst du raten ... noch ’n Schlüssel. Ohne irgendeinen Hinweis. Onkel Chesters Gehirn muss völlig durchweicht gewesen sein, wahrscheinlich hielt er seine Eier schon für Haselnüsse.«

»Und was is damit?«, fragte ich mit Blick auf das größere Päckchen.

»Hab ich schon aufgemacht.«

»Das seh ich an der Schnur. Was is drin?«

Leonard zögerte. »Na ja ...« Er legte es auf einen Tisch, knotete die Schnur auf und packte es aus. Es war ein Bild. Ein gutes Bild. Ziemlich düster, mit einem verwitterten zweistöckigen Gotikbau, umgeben von Bäumen – so dicht, dass es aussah, als hielten sie das Haus gefangen.

»Hat dein Onkel gemalt?«

»Nein, ich. Da war ich siebzehn.«

»Im Ernst?«

»Im Ernst. Ich wollte mal Maler werden. Das Bild hab ich Onkel Chester zum Geburtstag gemalt. Vielleicht gibt er’s mir jetzt zurück, damit ich merke, dass nich alles verziehen is.«

»Immerhin gibt er dir noch was anderes. Geld. Und das Haus.«

»Rabattmarken und ’ne Dracula-Ausgabe.«

»Genau. Is das alles? Sonst nichts?«

»Nichts, außer dass du recht hast. Ich krieg das Haus und hunderttausend Dollar, und du nich.«

Na gut, ist Leonard ab jetzt also reicher, dachte ich, warum auch nicht, und wir kehren wieder zur Normalität zurück, nur dass er jetzt nicht mehr auf dem Rosenfeld schuften musste, und ich würde mich wieder nach Hause und auf die Felder machen, falls ich meinen alten Job zurückbekam, oder einen in der Art, während Leonard das Haus von seinem Onkel verkaufsfertig renovierte und von dem Gewinn und seinem Erbe lebte, oder vielleicht steckte er auch ein paar Kröten in ein Geschäft.

Auf der einen Seite tat mir Leonard leid, weil er einen lieben Menschen verloren hatte, aber zum anderen war Onkel Chester meines Wissens ein Stinktier ersten Grades gewesen, so wie er Leonard behandelt hatte. Deshalb freute es mich für Leonard, dass er jetzt ein bisschen Geld und dazu ein Haus zum Verkaufen hatte, und ganz versteckt in meinem Innern war ich froh, dass dieses alte Stinktier tot und begraben und von der Bildfläche verschwunden war.

Und so brachte mich Leonard an jenem Nachmittag nach der Abfuhr der hübschen Rechtsanwältin nach Hause, ließ mich raus und fuhr davon. Wahrscheinlich saß er jetzt bei sich daheim, die Beine hochgelegt, hörte Dwight Yoakam, Hank Williams oder Patsy Cline, rauchte seine Pfeife, Tabak mit Kirscharoma, und las vielleicht in dem Dracula-Taschenbuch seines Onkels, oder er wägte Verlust und Gewinn ab und überlegte, was er mit seinem Geld anfangen sollte.

Mal abgesehen davon, dass auch er irgendwann vertrocknen und sterben würde wie wir alle, hatte er langfristig die tollsten Aussichten, die ich mir denken konnte.

Aber ich hatte nicht mit der schwarzen Schicksalswolke gerechnet.

Kapitel 7

Die schwarze Schicksalswolke kam, wie sollte es anders sein, mit Regen.