MÜLLER GEWINNT - Hans Kolodziejczyk - E-Book

MÜLLER GEWINNT E-Book

Hans Kołodziejczyk

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Beschreibung

Nach einem gratgewanderten, doppelten Koma-Erwachen und im Duett erträumten universellen Erkundungsflügen will Müller mithilfe seines Bettnachbarn Berti die Welt retten. Da Umweltretten bereits deutlich abgegrast ist, entscheiden sie sich fürs Overkill-Killen, weil sie es für richtig halten und imstande sind, es zu tun. Mit ihren Frauen, die sie aufgrund von Komaspätfolgen nicht mehr voneinander unterscheiden können, einem zum Sackhüpfen animierenden Professor und dessen Pfleger Jockel schmieden sie in einer namhaften Klapse Pläne für ihr Vorhaben. Um es zu erreichen, dass Atombomben nicht mehr zünden, kommen sie trotz höchster technischer nuklearkundiger Versiertheit und mit Zauberstab-Wanzen-Bastel-Fertigkeiten sowie des Bereisens der Welt nicht umhin, Milky-Way-Brain MWB in ihr Unterfangen mit einzubinden. Zusammen mit Andromeda-Brain AB mischen sich Milky mit einer piepsigen Babystimme und AB mit einer tiefst möglichen Antibabystimme ungefragt und fett in den Kontext des Textes ein. Der Professor weiß, wie ein galaktischer Dialog möglich ist – will die Methode dafür aber nur verraten, wenn er im Sackhüpfrennen besiegt wird.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 369

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ähnliche


Hans Kolodziejczyk

MÜLLER GEWINNT

MIT SACKHÜPFEN ZUM OVERKILLKILLEN

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

҈

KAPITEL 01

KAPITEL 02

KAPITEL 03

KAPITEL 04

KAPITEL 05

KAPITEL 06

KAPITEL 07

KAPITEL 08

KAPITEL 09

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

Impressum neobooks

҈

per Ornella

Je höher, desto Platsch

gilt auch für Waffensysteme!

Erwischen wir keinen Giftpilz

und werden

von einem Atompilz nicht erwischt,

sind wir Glückspilze!

KAPITEL 01

NASEN SO SCHÖN,

WIE DAS PFERD

VON PLATON

»Moin! Ich bin weder Nord- noch Südkoreaner, sondern ‒ weil seit Kurzem an Corona erkrankt ‒ ein Coronaner und de facto krankenhausbettlägerig ‒ soll witzig sein! Das weiß ich. Was ich nicht weiß, ist, wie ich hierher komme. Zu ihnen? Sie sind doch Frau Müller? ‒ Nein?«

Keine Antwort!

»Eine Frau? In der Männerabteilung?«, frage ich und beruhige mich mit, »Aber heutzutage ist ja alles möglich!«

Eine bleiche, schlanke, wohlgeformte Nase, die nur einem Kind oder einer Frau gehören kann, spitzelt unter einer Bettdecke hervor.

Armlange, blonde Haare quellen zwischen Matratze und Bettdecke hervor, hängen über die Bettkante und Rapunzeln bis hinunter auf den Krankenzimmerfußboden. Das Laminat des Bodens wurde garantiert zu intensiv gebohnert, denn es wird erstaunlicherweise zunächst durchsichtig und löst sich dann auf wie Eis im Warmen.

Der komplette Boden wird ‒ peu à peu ‒ inexistent. Mein Bett und Nachbarbett durch-schweben ‒ samt Inhalt ‒ den Fußboden und Picosekunden später befinden sie sich außerhalb der irdischen Biosphäre auf dem Weg zum Mond. Die dunklen Weiten des Kosmos tun sich wie selbstverständlich vor mir auf. Ich kann mich nur noch vage an den Namen erinnern, der auf einem am Fußende des Nachbarbettes angebrachten Schild geschrieben stand: Müller! „Dann muss es wohl die Müllerin sein, welche in meinem Parallelbett liegt!“, murmle ich tonlos.

Die frisch bezogenen ‒ jetzt ‒ Raumschiffbetten riechen nach einer Mischung aus Desinfektionsmittel und einem Wäsche-Weichspüler, dessen Markenwortklang mich an einen Tenor denken lässt. Beides sind höhenverstellbare, am Kopf- und Fußende klappbare, mit weiß lackierten Metallrohrrahmen versehene 1-A-Klinikbetten, die auch gerne intensiv genutzt werden.

»Ja!«, antwortet eine nasal schwächlich klingende Fistelstimme mit einem nachhaltigen Röcheln, das ‒ selbst bei dem einsilbigen Wörtchen ‘Ja’ ‒ zuhörends in ein zirpendes Stakkatohusten übergeht.

»Müller! Stimmt! Nennen Sie mich ruhig Müller! Bei der Arbeit dürfen wir uns auch immer nur mit dem Nachnamen ansprechen!«

»Gestatten? Berti! Nennen Sie mich bitte Berti. Es ist mein Spitzname. Alle meine Freunde nennen mich Berti! Nennen Sie mich ruhig auch so!«

»Gern, Herr oder Frau Berti!«

»Nein! Nein! Nein! Sie dürfen mich natürlich auch duzen! Das ist doch klar!«

»Okay! Gern! Berti! Dann musst du mich aber auch duzen!«

»Und wie?«

»Müller!«

»Müller und was?«

»Nur Müller!«

»Nur Müller?«

»Ja!«

»Sagen sie bei deiner Arbeitsstelle, hey Müller, wie war dein Wochenende zu dir?«

»Ja!«

»Komisch? Aber gut! Sei’s drum! Also gut! Müller! Mir solls recht sein!«

Ich höre mich kichern und höre, wie Müller kichert. Ich habe aber zuerst gekichert. „Nachäffen? Oder was?“,

denke ich, sage aber nichts.

Vehement ziehe ich mich mit beiden Armen an meiner über meinem oberen Bettkopfende angebrachten Galgenstange hoch und versuche im schwerelosen Weltall eine Rechtskurve zu fliegen. Müller folgt mir. »Müller! Spürst du auch, wie es uns nach links drückt?«

»Ja!«

»Das ist die Fliehkraft! Sie wirkt stets zur Kurvenrichtung entgegengesetzt!«

»Das ist mir nicht neu! Berti! Du darfst gern auch Querbeschleunigung dazu sagen!«

»Oh! Holla! Wir sind wohl vom Fach? Wie?«

»Eigentlich nicht! Ich fahre nur gern schneidig Auto! Und in unserem MS-Rallyeklub heißt das nun mal so! Wir sprechen beim Gasgeben und Bremsen von Längsbeschleunigungen und beim Kurvenfahren von Querbeschleunigung!«

»Ja! Ja! Müller! Sehr gut! Besserwisser? Oder was? Und was bedeutet MS?«

»Motorsport!«

»Ach ja! Klar! Jetzt, wo du’s sagst!«

Ich schaffe es per händischen Galgendruckprovokationen mein Bett auf Geradeausflug zu trimmen: »Müller! Sag’ mir lieber mal, wie wir die Dinger bremsen können?«

»Wer bremst, verliert! Sagen wir immer im Klub! Ha! Ha! Ha!«

»Witzig! Ja! Ja! Hier! Ich hab’s! Es ist dieser rote Druckknopf an diesem Hängeschalter. Wenn du ihn betätigst, wird es langsamer!«

Die Nase im Nachbarbett wackelt und deutet damit ein Kopfnicken an. Mühselig kriecht ein an einem Handgelenk verkabelter Arm auf dem Haar-Wasserfall über dem Bettlaken hervor und ertastet mit Daumen und Zeigefinger einen baugleichen Druckknopf-Handschalter.

Frau Müller und ich betätigen lange und kräftig unsere Roten-Knöpfe, bis sie in die ungedrückte Schaltposition zurückspringen.

Ich spüre, und ich denke, Müller spürt auch eine uns lähmende Längsbeschleunigung. Die Betten werden schneller. Nach mehreren fehlerfrei geflogenen Loopings mit Geradeausflug-Fading drücken wir auf mein Kommando wieder auf die Roten-Knöpfe. Eine Längsverzögerung setzt ein, unsere auf unseren Startpunkt bezogene Bettreisegeschwindigkeit wird verlangsamt. Das Weltall-Off beginnt zu grummeln. »Es spricht!«

»Was?«, fragt die Stimme von nebenan.

»Hörst du nicht? Das sind doch Worte, die da zu hören sind?«

»Mag sein?«

»Im Weltall gibt es keine Luft, also auch kein Trägermaterial für Schallwellen! Wie also können Töne ins Weltall kommen?«

Die Nase nickt.

»Hörst du? Müller? Jetzt ist es wieder still!«

»Ja!«, erklingt es zwischen Bettlaken und -decke hervor.

»Ach? Schön, diese himmlische Ruhe? Nicht wahr?« Schwärme ich. Die Nase nickt dreimal.

»Du hast eine schöne Nase!«

»Du auch!«

»Woher willst du das wissen? Du kannst sie doch in deiner Lage überhaupt nicht sehen?«

»Das macht nichts! Wenn du meine schön findest, finde ich deine auch schön!«

»Wie muss denn eine Nase aussehen, damit sie als schön gilt?«

»So wie: Dass Platon sein Pferd gefällt!«

»Wie bitte?«

»Ach, nichts!«

»Also! Los! Komm! Obwohl? Das kann ich aber so nicht stehen lassen! Bei einer Basisgeschwindigkeit von 70 Prozent der Lichtgeschwindigkeit sausen wir jetzt mit Überlichtgeschwindigkeit durchs Weltall und du erzählst mir was vom Pferd? Das geht ja gar nicht!«

»Klar! Geht gar nicht!«, gurrt Müller.

»Wir könnten aus dem Bett fallen?«

»Ach so? Das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm! Verzeih mir bitte!«

»Nein! Kein Ding! Schon gut! Nicht der Rede wert!«

Es riecht nach Essen.

»Müller?«

»Ja?«

»Meinst du, wir träumen?«

»An einem gemeinsamen Traumort?«

»Ja!«

»Wohl kaum! Obwohl? Warum nicht? Kann sein! Ich denke, wir sind im Universum!«

»Klar, wo sonst?«

»Im Universe Number 9!«, konkretisiert Müller lautstark seine Vermutung.

»Ja?«

»Ja!«, krächzt Müller, »Ich hörte vor geraumer Zeit ständig die englischen Worte, NUMBER NINE ‒ NUMBER NINE ‒ REVOLUTION NUMBER NINE! Endlos lange! Als würde ein defekter Tonträger an einer Endlosschleife verschleißen! Und ich verstand es als die Hausnummer unseres Universums!«

»Jetzt, wo du’s sagst! Sieh mal! Da vorn! Diese Hunderte von Kumuluswolken! Hier! Zwischen Mond und Sonne? Das ist unmöglich! Wasserdampfwolken? Hier? Außerhalb des Orbits? Unmöglich!«

»Eventuell sind es gar nicht unsere Sonne und unser Mond? Wie sehen denn die Wolken aus?«

»Sie sind wunderschön. Sie strahlen prall und weiß vor dem pechschwarzen Hintergrund des Weltalls!«

»Das Weltall kann nicht unendlich groß sein! Sonst müsste an jedem nur denkbaren Punkt des Himmels ein Stern zu sehen sein und der Himmel wäre nicht schwarz, sondern strahlend weiß!«

»Nicht nur weiß? Sondern strahlend weiß?«

»Yes!«

»So! Müller! Aber jetzt wirst du gleich platt sein! Pass auf! Die Kumuluswolken sind wie Buchstaben geformt!«

»Sag bloß?«

»Ja! In riesigen Lettern stehen hier eine Ziffer, ein Satzzeichen und zwei Worte geschrieben: 6 ‒ ON ‒, ‒ ESREVINU!«

»Sechs on ESREVINU?«

»Ja!«

»Was soll denn das heißen?«

»Flieg’ näher ran! Berti! Hörst du? Du musst näher ran! Dann werden wir herausfinden, was es bedeutet!«

»Also gut!« Ich nehme meinen Daumen vom Bremsenknopf. Wir nehmen Fahrt auf. »Müller, nimm den Druck von deinem Druckknopf!«

»Aye, aye!«

Wir beschleunigen.

»Wir beschleunigen! Müller! Spürst du es?«

»Ja! Aber wo sind wir?«

»Keine Ahnung? Jedenfalls nicht in unserem Universum! So viel steht fest. In unserem Universum wären wir ohne Schutzkleidung längst geplatzt, erfroren, zumindest aber erstickt! Und auch mit stabilsten Raumanzügen ausgestattet, würden wir permanent von schnellen Protonen durchsiebt! Ja?«

»Na! Prost! Mahlzeit!«, Frau Müller zieht sich mit einer hageren, jedoch sehr kräftig erscheinenden Hand ihre Bettdecke über die Nase, »Zu riechen gibt es ja sowieso nichts!«

‘Vielleicht ist sie Pianistin‘, denke ich in Anbetracht ihrer muskulösen, keinesfalls dicklich wirkenden Hand.

»Aber sehen? Müller? Aber sehen kannst du hier ungeheuer viel! Wir müssen uns außerhalb einer Galaxie bewegen, denn es gibt nur hier ‒ mit freier Sicht ‒ alle möglichen Formen von Galaxien auf einmal zu sehen! Runde elliptische, welche mit Spiralarmen und welche ohne Spiralarme! Es funkelt und glänzt. Es entzückt mich mehr als das Diamantenfunkeln, das ich einmal bei einer Sonderausstellung in der Auslage eines Juwelierladens bestaunen konnte! Sieh doch! Kannst du nicht dein Kopfkissen von deiner Stirn nehmen?«

»Nein! Das geht leider nicht! Es ist nicht mein Kopfkissen. ‒ Ich habe einen Kopfverband!«

»Ach so! Sorry! Sorry! Mensch Müller? Ich lasse aber kein Fettnäpfchen unbetreten!«

»Kein Ding! Berti! Konntest du nicht wissen! Macht nichts! Wirklich! Ich hab’ selbst auch schon viel verpeilt im Leben!«

»Trotzdem! Blöd! Hätte ich mir denken können, dass du nicht freiwillig darauf verzichtest, das bombastischste Schöne vom Schönen, was es zu sehen gibt, sehen zu wollen!« »Meinst du nicht, dass strahlende Gesichter und harmonische Körper von Menschen, Tieren oder Erscheinungsformen von Pflanzen und ästhetischen Dingen schöner sind als das, was du gerade siehst?« »Klares Nein! Weil wir es hier mit einer absoluten Schönheit zu tun haben!«

»Wie, meinst du das?«

»Perfekt hübsche Gesichter von uns Menschen werden schneller vergessen als diejenigen, die sich durch antisymmetrische Besonderheiten auszeichnen! Das steht in einem gewissen Widerspruch dazu, dass wir zur Erhöhung unserer Lebenslust stets jedes Non-plus-Ultra-Event verinnerlichen sollen, was aber nicht funktioniert, wenn wir es als langweilig abtun und es nicht als permanent abrufbares Wissen in einem gut sortierten Langzeitspeicher unseres Cortex ablegen!«

»Und?«

»Und? ‒ Bei Galaxien ist das anders. Du verinnerlichst sofort ihre Form, merkst dir ihre zarten Farbtöne und wünschst dir nichts sehnlicher als näher an sie heranzukommen, um sie noch genauer betrachten zu können! So ist das! Bei absoluter Schönheit! Sie verzaubert dich für immer!«

»Weißt du, Berti, was du sagst, macht mich traurig!«

»Wieso?«

»Weil ich mir bis dato noch nie in meinem Leben die Mühe gemacht habe, unsere Nachbargalaxie Andromeda durch ein Fernrohr anzusehen!«

»Ach? Das kannst du doch jederzeit nachholen! Wenn ich wüsste, in welche Richtung ich fliegen muss, würde ich uns zu ihr hinlenken und sie dir aus unterschiedlichen Perspektiven heraus betrachtet, detailliert beschreiben!«

»Berti?«

»Ja?«

»Ich liebe dich!«

»Was?«

Ich höre, wie Müller leise schluchzt.

»Du kennst mich doch überhaupt nicht näher?«

»Ist aber so! Du bist so lieb zu mir! Und wie du mit mir redest! Ich denke, du liebst mich auch!«

Sie hat recht. So schön es hier in einem warmen Universum auch sein mag, nagt an mir die schreckliche Angst des Ungewissen. Und dagegen hilft nichts mehr als eine wahre Liebschaft.

»Würdest du mit mir auch körperliche Liebe praktizieren wollen?«, frage ich. »Oder wärst du auch mit so ’nem Platon-Ding zufrieden?«

Müller kichert heiser: »Du meinst Sex? Wie soll denn das gehen? Du liegst rund um die Uhr regungs- und geräuschlos im Bett, auf dem Rücken nehme ich an? Und ich bin auch nicht gerade das, was als gut mobil bezeichnet werden könnte? Wie sollte denn das möglich sein? Und solange ich blind bin, kann ich nicht einmal sagen: „Mal sehen, ob wir das mit dem Sex für die Zukunft ins Auge fassen können?“.«

Ich muss lau lachen und moderat husten. Sie hat völlig recht. »Ja! Du hast recht! ‒ Ich liebe dich auch!«

KAPITEL 02

RAUMKRÜMMUNG

INVERTIERT

FLIEHKRÄFTE

»Habe zwar noch keine Ahnung, wie ich das meiner Familie erklären soll, aber so ist es nun einmal! Nicht wahr?«

Die gut aussehende Nase hört auf zu schniefen. »Wahrscheinlich lächelt sie in sich hinein?«, denke ich und sage: »Meinst du, dass wir tot sind?«

»Nein! Wir reden doch miteinander! Wie kommst du denn darauf? Wenn du tot bist, kannst du nicht mehr reden!«

Ich bin tonnenschwer erleichtert. »Ich würde dich gern umarmen und küssen!«

»Komm! Und mach’s doch! Aber falle ja nicht aus deinem Bett!«

»Zu dir hinüberspringen? Nein! Zu gefährlich!«

»Das würde ich aber auch sagen, Berti!«

»Spürst du das auch?«

»Was? Erotische Gefühle?«

»Nein! Eine Querbeschleunigung?«

»Ja! Wir fliegen eine Linkskurve! Ich fühle mich nach rechts gedrückt!«

»Das ist es ja gerade! Wir fliegen keine Kurve! Wir fliegen lasergerade geradeaus!«

»Wie soll das funktionieren?«, sagt Frau Müller, atmet im Sekundentakt und ist sich auf einmal ihrer Untotheits-Vermutung nicht mehr hundertprozentig sicher.

»Die Lösung ist einfach!«, doziere ich, »wir tangieren eine Raumbeule!«

Stimmen im Wind!

Wenn wir im ungekrümmten Raum eine Linkskurve fliegen, drückt es uns nach rechts. Und wenn wir eine Rechtskurve fliegen, nach links. Dieses Fliehkraft-Feeling kennt jeder Kosmo- und Astronaut (w/d/m) aus seinem Berufsleben, ebenso wie es alle Rallye-Fahrenden kennen, die einen Verkehrskreisel unschnittig, spurverfolgend und zünftig angehen. Geraten Geradeaus-Bewegende in gekrümmte Räume, ist alles anders herum. Ist eine Raumbeulen-Schnittkurve, die wir visuell unsichtbar verfolgen, linksgekrümmt, dann drückt es uns auch nach links, ist sie rechtsherum verbogen, drückt es uns nach rechts. Hier also: Gleich und gleich gesellt sich gern! Etwas muss ja schließlich anders sein! Wenn wir jetzt noch berücksichtigen, dass sogenannte reine Materiemassen für Raumkrümmungen verantwortlich zeichnen, ist es einfach nachzuvollziehen, dass es stets so aussieht, als würden Massen von Massen magisch angezogen, sobald sie sich in die Quere kommen. Wie funktioniert diese Massenanziehung im Stillstand, können wir fragen? Antwort: Genauso! Denn einen Stillstand gibt es im Weltall nicht. Der Kosmos dreht sich! Und alles Massige ist fliehkraftsensibel! ‒ Ja?«

»Ja!«

»Und? Wer sagt das?« Meiner Bettnachbarin Nase rümpft sich und wird hochgezogen.

»Ich nicht! Ich dachte du? Wie dem auch sei? Jedenfalls durchfliegen wir gerade eine Raumbeule, die garantiert von einem Heavy-Metall-Himmelskörper verursacht wurde, den wir entweder sehen oder nicht sehen. Wenn er so massiv ist, dass selbst Lichtteilchen ‒ erst einmal eingefangen ‒ ihn nicht wieder verlassen können, dann ist er für uns unsichtbar und wir sehen schwarz!«

»Schwarze Löcher?«

»Löcher? Na ja? Himmelskörper! Mehrere Sonnenmassen-schwere, schwarze Brocken in einem schwarzen Universum! Unsichtbar? Ja! Löcher? Nein! Sie sind irgendwie vierdimensional, unterirdisch, alle miteinander verbunden? Ebenso wie auf unserer 3-D-Erde Europa unterirdisch mit Australien verbunden ist!«

»Also, ich weiß ja nicht?«, ertönt es, als spräche die Nase, »was machen die Kumuluswolken?«

»Sind alle noch da! ‒ Wenn wir an ihnen vorbeifliegen, drehen sie sich mit uns!«

»Komisch?«

»Ja! Kosmisch komisch!«

Die Müllersche Nase spannt ihre Flügel und wirft rechts und links ihres Beins Falten.

»Müller, da fällt mir etwas ein! Es soll ja 42 Universen geben, habe ich gehört! ‒ Und das Zweiundvierzigste soll mit dem Ersten identisch sein!«

»Das bedeutet, wir existieren doppelt?«

»Demgemäß? Ja!«

»Irre!«

»Finde ich auch!«

Ich schwitze. Wir fliegen an einem Stern vorbei, der so aussieht wie unsere Sonne. Mein Bordthermometer misst eine Oberflächentemperatur von 6543,21 Grad Celsius oder 6816,36 Grad Kelvin. Wahrscheinlich wurde die Luft in unseren Bettzeugen erwärmt, sodass wir jetzt aufsteigen. Wir fliegen an der klippengleichen Kumulus-Wolkenmauer empor und sie beginnt, sich zu drehen.

»Müller, stell dir vor! Wenn wir an der Wolkenmauerfront parallel zu ihr senkrecht hochfliegen, beginnt sie sich zu drehen!«

»Wahnsinn! Berti, gib Gas!«

»Gleich haben wir es! Das glaubst du nicht! Aus 6 wird 9 und aus ON wird NO und aus ESREVINU wird: UNIVERSE!«

»Universe No. 9! Englisch natürlich! War ja klar!«, zischt es ärgerlich aus der Müllerin Nase heraus, »die meistgesprochene irdische Sprache ist immerhin Chinesisch. In Chinesisch sollte das mindestens auch dastehen!«

»Tut es auch: Di 9 yŭ zhõu!«

»Und wie kam es so schnell dahin?«

»Keine Ahnung! Sobald du etwas von Chinesisch sagtest, stand es da!«

»Oh je! Das ist nicht unsere Welt!«

»Das sag ich dir!«

»Jedes Universum, auch das unsere, ist ein vierdimensionales Gebilde! Das können wir an der Kumuluswolkenwand sehen, oder sagen wir besser erkennen. Du, Berti, kannst es sehen. Ich ‒ tumorbedingt ‒ nicht. Aber es verhält sich doch, wenn ich dich richtig verstanden habe, so, wie wenn du dich auf der Erde ohne Umweg vom Nordpol zum Südpol bewegst und die Erde sich immer nur dann dreht, wenn du dich bewegst. Bleibst du stehen, bleibt sie auch stehen! Ja? Wenn du dich rückwärts bewegst, dreht sie sich auch rückwärts. Und bewegst du dich vorwärts, dreht sie sich auch vorwärts! Ja?«

»Mensch! Müller! Guter Vergleich! Respekt! Gratulation!«

Müllers Nase zieht Luft ein und schnieft zufrieden: »Ich höre leise Musik und Stimmen!«

»Was hörst du?«, frage ich neugierig.

»Es hört sich an wie der fünfzig Jahre alte Song von den Beatles “Across The Universe”, in den permanent Stimmen reinquatschen!«

»Was für Stimmen?«

»Eine Pieps- und eine Bassstimme. Bei Ersterer könnte es sich auch um eine Kinderstimme handeln?«

»Und, was sagen sie?«

»Sie reden über Trennung und Vereinigung! Hier, ich habe es auf meinem Smartphone mitgeschnitten! Dass du das nicht gehört hast?«

»Musste mich sehr aufs Fliegen konzentrieren! Spiel ab!«

»Also hör mal Milky! Ich hatte schon einmal geheiratet! Is’ schon ‘n Weilchen her! Aber in ein paar Milliarden Dot-Jährchen werden wir uns vereinigen. Es sei denn, wir fahren noch eine Kursänderung?«

»Ach? Andro! Darüber machst du dir jetzt schon Gedanken? Das ist echt süß von dir! Klar, freue ich mich! Du hast mir ja schon öfter vorgeschwärmt, wie kosmisch schön diese Vereinigungsgefühle sind, die bei so einem Akt entstehen!«

»Freut mich zu hören! Mein Liebes! Hier im zweiundvierzigsten oder dem ersten Universum ‒ egal ‒ haben wir uns auch ein niedliches Eckchen ausgesucht! Nicht wahr?«

»Ja klar! Aber nebenan im Neunten hätte es mir auch gefallen. Da haben sie alle durchschnittlich gesehen bis zu zehnmal mehr Sternchen mit Planetchen! Heißt es!«

»Reichen dir deine 123 Milliarden nicht? Ich habe 321 Milliarden! Dieselbe Größenordnung?«

»Doch! Doch! Reichen mir!«

»Es liegt halt alles an der Zahl Z. Sie lautet nun mal seit eh und je 5,392317422778761 und hat zwar unendlich viele Stellen, doch diese hier reichen uns!«

»Oh Yes! Mit ihrem Bandnamen The 5th Dimension waren die Up-Up-And-Away-Singers dicht dran an der Wahrheit! Was?«

»Ja! Und Zwei und vier? Sind wohl klar! Oder?«

»Kapier’ ich nicht!«, sage ich, »Ich hörte aber auch Musik! Kam mir so vor, als schallte sie auch vom Ersten hier rüber ins Neunte! Eine Männerstimme sagte, “Das war Ben Dolič. Er will mit dem Song ‘Violent Thing’ den ESC erreichen!” Und dann: “Und jetzt kommt ‘Luciano’ mit dem Rap-Titel ‘Eiskalt’”. Nach einem Kinderlied-Melodie-Keyboard-Intro sang eine Männerstimme unter anderem: “Die Seele gefroren ‒ ‘isch’ bleib eiskalt”, und mir wurde kalt!«

»Du hörtest ein Radioprogramm! Denke ich? Und die zwei sonderbaren Stimmen? Waren das nicht die Stimmen der Milchstraße und Andromeda, unserer Nachbargalaxie? Was meinst du, Berti?«

»Ja? Warum nicht? Alles ist möglich, sagen die in der Autowerbung! Aber die Zwei und die Vier sind mir nicht klar!«

»Habe ich drüber nachgedacht! Die Zwei und die Vier sind ganz besondere Ziffern, sie verkörpern gewissermaßen ein zweiteiliges Ganzes! Zwei plus zwei ergeben ebenso vier wie zwei mal zwei und zwei hoch zwei. Und? Weißt du, was ich ausgerechnet hab’?«

»Nö? Sag!«

»Du weißt ja sicher, dass Zwei-hoch-fünf beziehungsweise präziser Zwei-hoch-plus-fünf gleich 32 ist, und Zwei-hoch-plus-sechs, 64, oder?«

»Klar! Weiß ich das! Zwei hoch plus zehn sind 1024. Noch was?«

»Wenn du die Zwei mit 5,392317422778761 potenzierst, erhältst du hinreichend genau 42. Krass? Was?«

»Allerdings! Könnte bedeuten, der Kosmos hat knapp 5,4 Dimensionen und folglich 42 Universen?«

»Ja! Könnte doch sein?«

»Und, was haben wir davon? Müller?«

»Nichts! Aber das ist es ja gerade! Das Vollkommenste, was es gibt, ist das Nichts!«

»Ach? Jetzt hör aber mal auf! Jetzt wirds mir zu bunt-akademisch!«

»Es ist doch wahr, dass wir uns hier, wo wir beide momentan existieren, in einem Universum befinden! Ja?«

Ich nicke. Müller hört es an dem Knistern meines Kopfkissens.

»Du stimmst zu? Prima! Universen sind nicht unendlich groß, sonst gäbe es blendende Firmamente! Ja?«

Ich nicke.

»Dreidimensional betrachtet, können wir nicht sagen, dass ein Universum begrenzt ist, denn was wäre dann draußen und was drinnen! Ja?«

Ich nicke.

»Ergo muss es so sein wie bei der zweidimensionalen Erdoberfläche, die sich gekrümmt über die dreidimensionale Erdvollkugel erstreckt. Du kannst zigmal um die Erde wandern und schwimmen, niemals wirst du eine Grenze finden, doch die Erde ist nicht unbegrenzt groß, sondern nur 510 Millionen Quadratkilometer!«

Ich nicke: »Und?«

»Ja, mit dem Universum oder den Universen ist es genau so, nur auf einer höherdimensionalen-Ebene!«

»Müller! Halt! Stopp! Jetzt wollen wir aber Singular und Plural nicht vermischen! Universum-Universen?«

»Wieso? Es reicht, wenn wir ein Universum nicht wirklich verstehen können, du kannst dann alle anderen ruhig im Kapierkeller vermodern lassen!«

»Ha! Ha! Witzig! Vermodern!«, stimme ich zu und nicke laut vernehmbar mithilfe meiner Bettwäsche.

Es riecht nach Kaffee. »Es riecht nach Kaffee! Müller? Riechst du das auch?«

»Ja!«

»Es heißt doch«, frage ich, »ein Universum habe eine Urknallvergangenheit und dehne sich dann ‒ je weiter draußen, je schneller ‒ bis zum Gehtnichtmehr aus?«

»Gerüchte! Kann sein? Kann nicht sein? Womöglich macht das hie und da mal ein Universum auf Kosten eines anderen, was aber garantiert zu Streitereien führt! Nein, das Universum ist eine Art Oberfläche des Kosmos, beide drehen sich um mehrere Achsen, um ungefähr 5,4 ‒ um genau zu sein!«

»Aber aussehen tut es schon so, als würde es sich ausdehnen? Oder?«

»Ja! Aber es sieht halt nur so aus, als würde es das tun! Stelle dir mal vor, du peilst von einem Sandstrand oder einer Kaimauer aus ‒ egal von wo ‒ die Mastspitze eines Segelbootes mit einem superteuren Fernglas an! Welche Hälfte des Mastes ‒ die obere oder die untere ‒ versinkt schneller hinter dem Horizont? Was denkst du?«

Ich überlege fünf Minuten, dann sage ich mit einer Zuversicht ausstrahlenden Stimme: »Die obere, also die später versinkende Hälfte, weil das Boot gewissermaßen dann bereits etwas steiler hinter dem Horizont hängt, als es zuvor, während der Zeit des Versinkens der unteren Masthälfte der Fall war!«

»Genau! Die Perspektive machts!«, lobt mich Müller, »Du siehst, die Mastspitze wird schneller, je weiter draußen sie sich bewegt! Und was sich bei dem Übergang vom Zwei- zum Dreidimensionalen offenbart, wird bei einem Dimensionssprung höher, also vom Drei- ins Vierdimensionale nicht anders sein! Du weißt ja: Never touch a running system! Okay?«

Ich nicke und denke: „Ich nicke, damit sie Ruhe gibt! Ich bin müde!“, sage aber: »Yes! Sollten wir nicht auch mal ans Schlafen denken, Müller? Was meinst du! Schließen wir unsere Augen?«

»Meine sind schon geschlossen!«

»Ich stelle mir vor, wie du aussiehst?“

Frage ich tuschelnd.

»So? Wie denn?«

»Schön! Natürlich!«

»Ich bin ein Hungerhaken! Das haben bereits meine Eltern ständig zu mir gesagt!«

KAPITEL 03

MANN-MANN-MANN

ODER

FRAU-FRAU-FRAU

»Aber dickes Haar ist dir gegeben? Was? ‒ Mir fallen meine Locken langsam aus!«

»Hab’ ich von meiner Mama geerbt! Danke, dass du sagst, dass sie dir gefallen! Viele Menschen waschen sich zu häufig den Kopf mit Haut und Haar! Darum trocknet ihr Kopfhaut-Acker meistens aus!«

»Ach ja? Wusste ich nicht?«

»Die Haare bitte nicht jeden Tag beim Duschen mit waschen! Keinesfalls! Höchstens einmal pro Woche!«

Mit einem lang gezogenen “Hm”, stimme ich zu und gelobe meine Haare nur noch sonnabends zu waschen. »Nach jedem Joggen also nur lauwarm abspülen? Müller?«

»Ja! Genau! Aber mehr lau als warm!«

Nach einer Nachdenklichkeitsminute räuspere ich mich ebenso lang. Doch dann fasse ich mir ein Herz und oute mein Aussehen.

»Ich bin zu dick!«, traue ich mich, traurig zu hauchen:

»Liebst du mich jetzt immer noch?«

»Klar! Das hat doch damit überhaupt nichts zu tun!«

»Sondern?«

»Damit, dass wir uns so gut verstehen! Und uns beide gleichermaßen stark für unsere interstellare Heimat interessieren! Kannst du mir noch etwas vom Weltall erzählen, bevor ich einschlafe? Vielleicht wache ich nie mehr auf. Mein Tumor soll‒ den Ärzten nach ‒ ein ganz schöner Kaventsmann sein! Vielleicht überlebe ich die OP, bin aber für immer blind? Liebst du mich jetzt immer noch?«

»Klar! Wieso nicht?«

»Wenn du mich wirklich liebtest, müsstest du ja eigentlich auch dazu bereit sein, gegebenenfalls meinen Blindenhund zu spielen? Nicht? Ja?«

»Ich liebe dich bis in den Tod! Gern mime ich den Blindenhund für dich! Aber ich habe Familie! Das gilt es zu bedenken. Den ganzen Tag habe ich dann auch keine Zeit für dich! Aber was solls? Vielleicht ersticke ich ja noch? Ich war jedenfalls noch bis vor Kurzem verschleimt bis über beide Ohren? Deshalb kannst du mich akustisch gesehen, bestimmt kaum verstehen! Oder?«

»Es geht!«

»Du bist ehrlich! ‒ Ich fühle mich ungeheuer stark zu dir hingezogen!«

»Ich auch zu dir! ‒ Aber mir ist es egal, ob du ehrlich bist oder nicht! Wahrscheinlich ist es die Angst davor, allein sein zu müssen, beim Sterben! Bestimmt sehne ich mich deshalb so nach dir? Nach deiner Stimme? Nach deiner ganzen Art? Kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal so starkes Verlangen nach jemandem empfunden habe!«

Die “Müller“ weint.

Mit: »Das Weltall ist so gut wie leer!«, will ich Frau Müller aufmuntern. »Keiner zu Hause!«

»Ach?« Sie schnäuzt sich einhändig und mit hektischem Tempo in ein Papiertaschentuch und wiederholt ihre Verwunderung mit einem “Ach ja?”

»Wenn unser Sonnenstern! ‒ Ja? ‒ Unsere Sonne ist ein Stern! Und stell’ dir vor, mein behandelnder Oberarzt war verdutzt, als er das von mir erfuhr?«, lästere ich und hole tief Luft, »Wenn also unser Stern, ‒ unsere Sonne ‒ an dem wir in echt immerhin bis auf eine achtminütige Lichtlaufzeitdistanz nahe dran sind, so klein aussieht wie ein Senfkorn, weil wir uns mit unseren Betten so weit von ihm entfernt haben, dann siehst du seine Nachbarsterne ‒ in diesem Maßstab betrachtet ‒ erst in mehr als zehn Kilometer Entfernung!«

Müller schnieft: “Ein Senfkorn auf meiner Nase und ein weiteres erst zehn Kilometer weit weg?”

»Oder noch weiter! Ein so weit entferntes Senfkorn kannst du nur sehen, wenn es im Dunkeln leuchtet! Dafür sorgen natürliche Fusionsreaktoren im Inneren der Sonnensterne! Das nukleare Brennen fast perfekt runder Glühbirnen bringt Licht in die Bude!«

“Das weiß ich noch vom Schulunterricht, Berti!”

»Die sonnige Unrundheit beträgt ‒ bei 1,4 Millionen km ‒ nur etwa 10 km! Das entspricht 1 mm bei einer 140 m großen Billardkugel!«

“Aha!”

»Ja! Aber warte ab! Das, was ich dir jetzt sage, weißt du noch nicht! Ich flog mit unseren Betten noch weiter raus, bis mir unser Sonnenstern als ein Staubkügelchen erschien, das nur so dick war wie ein Spinnenfaden, dann offenbarte sich mir die Milchstraße in der Größe Europas. Die Verhältnisse waren bei den anderen Galaxien ähnlich. Ich flog weiter und weiter, bis mir die Galaxien nur noch so groß erschienen wie Pfefferkörner. Alle naselang ein Pfefferkorn! Jedes Mal, wenn ich ungefähr einen Kilometer geflogen war, stieß ich auf die Kumuluswolkenmauer, und zwar gleichgültig, in welche Richtung ich flog! Das ist doch seltsam? Oder?«

»Das bedeutet unser Einser- oder 42er-Universum ‒, was ja dasselbe ist ‒, hat in diesem Maßstab, in dem die Galaxien in Pfefferkorngröße erscheinen, einen Durchmesser von zwei Kilometern?«

»Yes! Sein sichtbarer Teil jedenfalls! Eine super Fantastik!«

»Was meinst du mit sichtbarem Teil?«

»Es verhält sich ‒ in analoger Weise ‒ so, wie wenn du auf einem Leuchtturm stehst und die gesamte Erdoberfläche überschauen möchtest! Selbst wenn der Leuchtturm unendlich hoch wäre, könntest du nur eine Hälfte sehen!«

»Und, was ist mit den Planeten? Hast du auch Planeten gesehen?«

»Nun! Die Pfefferkorn-Galaxien hatten durchschnittliche Abstände voneinander, die meistens unter zehn Zentimeter lagen, also dicht bei dicht liegen, kannst du sagen! Bestimmt Billionen! Ganz anders innerhalb der Galaxien. Da sind zwar auch Milliarden Sterne drin, aber so dünn verteilt, dass du zufällig kaum einem direkt begegnest, es sei denn, du steuerst ihn gezielt an! Die meisten Sterne haben Planetchen, die sie umkreisen. Unsere Erde umkreist unsere Senfkornsonne mit zeigefingerlangem Abstand und ist über hundertmal kleiner als sie. Und alles ist so lieblich anzusehen. Siehst du es, dann machen sich zuckersüße Glücksgefühle mit rabiater Vehemenz in dir breit! Du fühlst plötzlich, dass du ewig in dieser Position verharren oder sterben möchtest!«

»Mann! Mann! Mann!«

»Ja! Oder? Frau! Frau! Frau! Dieser Anblick betört alle Personen gleichermaßen! Glaube mir!«

»Was kannst du denn über Universum Nr. 9 sagen?«

»Es schimmerte bläulich! Hinter der Wolken-Mauer waren keine Himmelskörper zu sehen. Ich vernahm leise Musik, Klassik und Pop und Stimmen in allen Sprachen der Welt! Ein Sprachen-Wirrwarr! Aber eine Art Werbeslogan ‒ oder so ‒ konntest du in jeder Sprache heraushören: Lets kouk! Oder so ähnlich! Und dieser Galaxien-Small-Talk zwischen Milky und Andro? Unglaublich! Wir müssen bereits im Neuner geflogen sein, welches eine Atmosphäre innehat? Wie sonst, bitte schön, hätten wir atmen können? Erinnerst du dich? Ich sah die Wolkenschrift zuerst von hinten! Und dann diese fantastische und entzückende Bläue!«

»Ach? Hör auf!«

»Wenn ich’s dir sage! Die Bläue variierte mit der Tonhöhe der Geräusche von Blassblau bis dunkelblau, selbst schwarze und weiße Sphären taten sich auf. Es kam mir vor, als sollte ich die Frage beantworten‚ ‘welches Blau‘ mir am besten gefällt?«

»Und hast du?«

»Nein! Ich konnte mich nicht entscheiden!«

»Schlaf mal drüber!«

»Gute Idee! Gute Nacht! Müller!«

»Gute Nacht! Berti! Vielleicht werden wir künstlich beatmet?«

Plötzlich wird es gleißend hell! Ich erschrecke zur Totenstarre!

»Moin, Herr Müller! Sieht ganz gut aus bei Ihnen! Wenn Sie wollen, können wir Ihren Verband abnehmen!«

»Wieso, Herr? Müller ist doch ‘ne Dame?«, moniere ich.

»Und sie sind auch überm Berg!«, wendet sich ein weißer Kittel mit rosigem Kugelkopf ohne Lippenbewegungen an mich, »Ihre künstliche Beatmung haben wir bereits vergangene Nacht runtergefahren!«

»Wegen meiner langen Haare? Etwa? Ich habe sie auch für eine Frau gehalten, weil sie immerzu nur piepsten, wenn sie etwas sagen wollten!«, weiß die Nase.

»Verschiedengeschlechtlich belegte Krankenzimmer haben wir noch nicht, meine Herrn! Ja?«

Kaum ist der Boss-Arzt verschwunden, betreten zwei Frauen, die sich äußerlich außerordentlich ähneln, das Krankenzimmer, nähern sich den Fußenden der Betten und legen ihre Hände symmetrisch auf die unteren Bettrahmenrohre. Eine Frau davon ist meine. „Die andere ist dann wohl die wahre Frau Müller?“, denke ich.

Meine Frau löst ihre Barrenturn-Startposition auf, nähert sich mir von Backbord und küsst mich auf meine ausgetrocknete Oberlippe. »Na? Mein Liebster? Gerade noch mal die Kurve gekriegt?«

Ich nicke.

»Wie geht es dir?«

“Prima!”, antworte ich eine Nuance zu schnell. Zwei Augenpaare und Müllers Nasenspitze sind auf mich gerichtet. Ich relativiere lügend: »Den Umständen entsprechend! Serviere mir die nächsten Jahre aber bitte keine Haferschleimsuppe mehr! Ja?«

Meine Frau trägt ein blaues Kleid mit V-Ausschnitt, den ich noch nie so intensiv wahrgenommen habe. Da ich sie mit T-Shirt und Jeans bekleidet in Erinnerung habe, erfreue ich mich mit moderater Lüsternheit an diesem Anblick. “Beim Friseur war sie auch!”, bemerke ich.

Die wahre Frau Müller hat sich lautlos an Herrn Müllers Bett bis zur dessen Mitte herangeschlichen und sich deutlich zu knapp auf seine Matratze gesetzt. Sie beugt sich zu ihm, berührt mit ihrer Nase die seine und beginnt kaum wahrnehmbar zu weinen. Ununterbrochen tastet sie den Körper ihres Mannes nach freiliegenden Hautpartien ab, die sie streicheln kann. »Ich habe Angst«, flüstert er, »wenn die mir den Verband abnehmen? Und es ändert sich nichts? Lieber würde ich ihn drauflassen wollen! Hoffnung ist mir allemal lieber als Schiffbruch!«

»Die haben deinen Tumor mit sogenannten Schwerionen aus einem Teilchenbeschleuniger beschossen und ihn so Kubikmillimeter für Kubikmillimeter unschädlich gemacht!«, spricht Frau Müller mit zweimaligem Nase hochziehen. »Er hat jetzt echte Wachstumsstörungen«, versucht sie zu kichern. »Wenn er wirklich stagniert, holen sie ihn dir raus! Das sei kein Problem! Sagen sie!«

Herr Müller schweigt. »Bestimmt denkt er wieder an dieses Warten und Hoffen?«, vermute ich.

»Ich hätte mich nicht so oft röntgen lassen sollen. Keine Ahnung, wie oft mich mein Zahnarzt schon geröntgt hat? Fünfzig Mal?« Frau Müller wischt sich mit den Oberseiten ihrer Handgelenke, ausgewachsene Tränen von den Wangenknochen!«

»Erst mal abwarten und Ostfriesentee trinken!«, rufe ich in die Runde, so gut es meine Aus-dem-Urlaub-zurück-Stimmbänder vermögen.

Ein mildes Gelächter echot im Krankenzimmer umher und klingt synkopenhaft und stakkato-holprig widerwillig aus.

Es wird mehrstündig nur von Tee-Pausen unterbrochen, miteinander gesprochen als wäre die Welt neu geboren worden. Erst, als unser Sonnenstern versinkt, küssen uns unsere Frauen überreichlich und verlassen uns mit feuchten Augen. Mir scheint, dass sie sich darüber freuen, sich kennengelernt zu haben und ein erstes Date planen.

Müller und ich liegen in unseren Betten. Die Krankenzimmerfenster sind gardinenfrei. Nacht-Schwestern und -Pfleger durchkreuzen den Nachthimmel.

»Ja! Ja! Wir haben genug zu trinken!«

Die Nacht ist klar. Lange liege ich wach. Ob Müller schläft, weiß ich nicht. Andromeda lässt sich mit viel Ehrgeiz baräugig erahnen! Ich schlafe ein.

Ihre Flügel maximal gespreizt stehen beide Zimmerfenster jetzt offen. Der Himmel ist makellos blau. Kein flugzeugursächlicher Kondensstreifen durchkreuzt ihn. Der der Sonne gegenüberliegende Teil des Himmels ist dunkelblau! »Das schönste Blau meines Lebens!«, brumme ich und wünsche mir Kaffee: Schwupps! Es stehen urplötzlich zwei Kaffeetassen auf dem Nachttisch, neben meinem hochgestellten Bettkopfende. Wie hergezaubert! Denke ich, wende mich dem Blau zu und bleibe mit meinen Sicht-Strahlen daran kleben. Das Blau dringt zwischen meine Gehirnwindungen ein, ich glaube es fühlen zu können, und nimmt mein Schädelinneres vollständig in seinen Besitz. Müller ist nicht zu hören. Das Blau lässt mich nicht los. Tränen kullern mir über die Wangen und versuchen, mich an meinen Mundwinkeln zu kitzeln. Wie kann ein Blau nur so schön sein? Die Bläue ist die Verbindung zwischen Erde und Weltall. Sie ist von außen als Blue-Dot und von innen als Himmelsbläue von unseren Hirnen als Farbe der Farben registrierbar. Erst als die Sonne um den linken Fensterrahmen lugt, wird das Dunkelblau zusehends ausgebleichter. Ich folge dem Farbton und verliebe mich in Hellblau. Träume ich?

»Berti?«

»Mensch Müller? ‒ Oder?«

»Oder was?«

KAPITEL 04

NEANDERTALERINNEN

WANDERTEN

TÄGLICH

»Ich frage mich, was das soll? Das Ganze?«, keuche ich.

»Was meinst du?«, keucht Müller zurück.

»Na! Das Ganze halt? Unser Leben hier und jetzt! Universell gesehen? Was wir machen und so? Was uns gefällt und nicht gefällt! Was uns implizit sein lässt und was uns implizit ist!«

»Also holla? Jetzt steigst du aber tief ein?«

»Mag sein? Noch ‘ne Runde?«

»Gut! Aber nicht mehr! Ich bin schon fix und alle!«

»Kurze Pause!«, befehle ich. Müller nickt.

Ich setze mich mit ihm auf eine Bank am Ufer eines Baggersees, die so positioniert ist, dass ihre Sitzrichtung vom See weg auf eine langweilige Kartoffelackerlandschaft weist. „Gleichgültig, wann wir um den See joggten“, denke ich, „kamen wir an dieser Bank vorbei, war sie unbesetzt“. Ich rekel‘ mich. Müller fläzt sich rechts neben mich und streckt seine Beine so weit von sich, als würde er sich gern von seinen Füßen trennen.

Seit unserer gemeinsamen Krankenhausentlassung vor einigen Wochen treffen wir uns jeden Mittwoch und Sonnabend an meinem Baggersee im hannöverschen Umland. Ich wohne annähernd ebenso weit westlich der Landeshauptstadt wie Müller östlich.

»Über dreißig Jahre lang bin ich regelmäßig um diesen See gelaufen, und trotzdem hat es mich erwischt?«, konstatiere ich. Müller streift sich mit seinen Handrücken den Schweiß von der Stirn.

»Corona? Meinst du?« Ich nicke.

»Ach? War doch gut so, sonst hätten wir uns garantiert nicht kennengelernt?«

Ich muss lachen: »Immer alles positiv sehen? Müller? Ja? “Nicken Sie mal”, antwortete der Henker sich auf seiner frisch benutzten, rasiermesserscharfen Axt aufstützend, seinem Delinquenten auf die Frage: “Is’ ja gar nichts passiert?”.«

Müller kichert: »Genau! Wo hast du denn den her?«

»Alter Witz!«

Wie zeitlich abgestimmt schlagen wir uns mit geöffneten Händen auf unsere Oberschenkel und sagen: »Na, dann wollen wir mal!«, und »Heute fällt mir das Laufen schwerer als sonst! Weiß auch nicht?«

Wir laufen so langsam los, dass sich unser Lauf vom Schnellgehen nur insofern unterscheidet, als dass bei jedem unserer Schritte, die wir mühselig absolvieren, im Durchschnitt jedes Beinpaar gleichzeitig einen Millimeter weit seinen Kontakt zur blanken Erde für eine Millisekunde verliert. »Milli und Milli! Höchstens!«, schnaufe ich unhörbar.

»Es ist doch gut, wie die zwei Männer sich bemühen, den See mehrmals zu umrunden? Milky, was meinst du?«

»Ja! Würde ich auch machen, wäre ich eine Blue-Dotterin oder ein Blue-Dotter! Wichtig ist es, es moderat zu machen, denn nur so bringt die Verstärkung ihrer inneren Moleküldynamik eine Erhöhung ihrer durchschnittlichen Lebenserwartung! Übertreiben sie es, führt ein übertriebener Sauerstoffumsatz zur Lebensverkürzung!«

»Also, Milky-Way-Brain! Wo liegt denn deiner Meinung nach das Optimum?«

»Nun, Andromeda-Brain! Bei den Menschen ‒ wie sie sich ja selbst nennen ‒ ist es banal! Sind sie zu dick, laufen sie zu wenig! Sind sie zu dünn, laufen sie zu viel! Ihre alten Neandertalerinnen und Neandertaler legten jeden Tag 30 Kilometer zurück, die Jägerinnen und Jäger unter ihnen: 42!«

»Ja, aber nicht in Rekordzeit! Sie konnten ja ihre Tage und Nächte vollumfänglich ausnutzen?«

»Aber nur, wenn die Nächte nicht schwarz waren!«

»Und das Licht des Feuers? Half ihnen nicht?«

»Doch schon? Aber im Regen? ‒ Jedenfalls übertrieben sie es mit dem Körperlichen und unterließen ihr Gehirnjogging! Sie aßen alle Mammuts und Säbelzahntiger restlos auf, und starben somit mit ihnen aus!«

Eine Seeumrundung war vor der Uferrenaturierung drei und ist jetzt dreikommasechs Kilometer lang. Müller und ich brauchen dafür eine Stunde. Im See spiegeln sich unsere Oberkörper. Müller ist der Dünnere, ich bin der Dickere von uns beiden. Wir haben dichtes Haar, Müller langes, hellgraues und ich, kurzes, dunkelgraues.

»3600 Meter pro Stunde? Vor meinem Koma war ich schneller!«

»Ach, wieso? Ein Meter pro Sekunde ist doch gut! Hauptsache, wir schaffen es, zu laufen und nicht nur: Nur zu gehen! Also bei jedem Schritt noch einen Luftsprung hinzukriegen! In diesen Augenblicken sind wir jedes Mal echt schwerelos! Das gefällt mir! Ist zwar anstrengender als Gehen! Aber gefällt mir! Und ein Meter pro Sekunde? Ist immerhin noch schneller als ein Igel? Oder? Berti?«

»Aber nur, wenn er sich nicht auf der Mäusejagd befindet!«, belehre ich.

Müller lacht.

Nach 55 Minuten keuche ich: »So da vorn! Unsere Bank! Gleich geschafft! Endspurt?«

Das Wort Endspurt war noch nicht verklungen, da erhöhte Müller seine Geschwindigkeit ‒ von jetzt auf gleich ‒ von einem Meter pro Sekunde auf zwei. Ich tue es ihm gleich. Da Müller eine Sekunde früher als ich mit seinem Endspurt startet, komme ich eine Sekunde später an der Ziel-Bank an.

Müller zauberte eine Wasserflasche herbei und trinkt sie halb leer, reicht sie mir, ich vollende das Begonnene und gebe sie ihm zurück.

»Zurück?« Wir nicken.

Eine weiße Sonne steht im Zenit. Das Himmelsblau schimmert dunkel. »Schönstes Frühlingswetter?«

»Was gibt es Schöneres?«

Es müssen sanfte Fliederduftschwaden sein, die sich windgetrieben über den See hinweg zu unseren Heidesand-Feldern verirrt haben und die nun dafür sorgen, dass sich Müllers und meine Mundwinkelenden zeitsynchron und raumsymmetrisch nach oben verbiegen. Von der leeren Bank ausgehend, entfernen wir uns vom Baggersee und tippeln auf den Seeuferparkplatz zu. Dort angekommen steigen wir in mein schwarzes Luxus-Coupé, das mit seinem Modellnamen ‒ wie Müller öfter zu scherzen pflegt ‒ auffällig an das mittelamerikanische Land Panama erinnert. Ich sitze am Steuer und fahre im Igeltempo über eine schlaglochübersäte Mondlandschaft.

»Dein Außenspiegel hier bei mir wurde abgeknickt!«

Das berührt mich nicht: “Tand!”, lächle ich und taste mich an das Auffahrts-T einer frisch asphaltierten Landstraße heran. Vom Schritttempo ausgehend beschleunige ich innerhalb eines Atemzuges auf Achtzig. Müller wird widerwillig in seinen Schalensitz gedrückt.

»Warum fährst du eigentlich so eine große Kiste?«

»Abschiedsgeschenk von meinem Chef!«

»Dann muss er dich aber sehr wertgeschätzt haben?«

»Ach, wie Chefs halt so sind. Mit den Jahren kamen wir uns näher. Als geschäftsführender Unternehmenseigentümer hatte er immer viel um die Ohren. Ich half ihm, richtige Entscheidungen zu treffen, wo ich nur konnte. Dann hat er bei meiner Entlassungsfeier zu mir gesagt: “Nimm dein Auto mit, wenn du willst? Abgeschrieben ist es!” Und ich tat es.«

»’Ne tolle Karre, ist das schon, aber meiner Frau wäre etwas Kleineres lieber! Steht ja doch nur die meiste Zeit über in unserer Garage. Und ob da ein Größeres oder ein Kleineres drin steht, macht den Pfälzer Bundeskanzler a. D. auch nicht mehr dick?«

Müller grinst nachdenklich, nickend und erwidert: »Kohl und Fett! Heißt es! Mein Lieber! Ein Kleinwagen böte eventuell vorteilhaftere Einstiegsmöglichkeiten?«

»Stimmt!«, stimme ich zu, »Schau dir mal meine Türkanten an!«

Im Autoradio gibt es den Song “Violent Thing” zu hören.

»Hab’ ich schon mal gehört!«, sage ich.

Müller dreht lauter: »Das ist Ben Dolic, der Michael Jackson Europas, er sollte uns beim ESC 2020 in Rotterdam vertreten!«

»Und? Wird er gewinnen?«

»Nein!«

»Warum?«

»Weil der Eurovision Song Contest corona-bedingt gecancelt wurde. Eigentlich sollte er am 16. Mai stattfinden!«

»Ein Aprilscherz? Nicht wahr?«

»Nee! Leider nich’!«

Müller schaut mich abwartend von der Seite an.

»Falsche Entscheidung!«, protestiere ich. »Weil sich der Teilnehmer bereits zweifelsfrei qualifiziert hatte! ‒ Nicht mein Genre! Aber egal! Falsche Entscheidung!«

Müller versucht, einen Themenwechsel herbeizureden, weil er wohl merkt, dass ich zusehends verdrießlicher dreinschaue.

»Komisches Jahr ‒ dieses Jahr! Ein Schaltjahr! Unser Flug durchs Weltall fand in der Nacht zum 29. Februar statt. Als sie mir meinen Kopfverband abnahmen, sah ich als Erstes das Datum, 29.02.20 auf meinem Radiowecker.

»Ach? Ja? Ich hatte gleich so ein Seltenheits-Charakter-Gefühl bei der ganzen Geschichte! ‒ Dennoch! Nichtsdestotrotz! Würden in einem Unternehmen vergleichsweise falsche Entscheidungen getroffen, könnte es gegenüber seinen Wettbewerbern nicht lange bestehen!«

»Wie, meinst du das?« Müller wendet sich mir zu.

Meine Tachonadel zeigt 90 km/h an.

»Mit 90 fahren wir mit einer Geschwindigkeit von 25 Metern pro Sekunde! Hartes Faktum! Kannst du ja mal nachrechnen! Gehirnjogging!«

Müller grinst mit vielsagendem Blick.

»Wenn du etwas Klärendes ‒ zu schnell für die Ortschaft, zu langsam für die Autobahn ‒ zu einer Entscheidungsfindung ausrechnen oder konkret messen kannst, hast du es immer einfach. Geht es dabei jedoch um weiche Parameter, die nicht richtig greifbar sind, auf deren Grundlage aber eine Entscheidung dringend gefunden werden muss, ist das allemal schwieriger. Gleichgültig, wie kompliziert die Angelegenheit ist, du darfst dabei auf keinen Fall Regeln brechen! Hat eine Person eine Qualifikation bestanden, muss dies auch honoriert werden, sonst ist das gesamte Unterfangen mehr als fragwürdig. Ein ESC-Studio, bei dem die Vortragenden vom Kamera-Personal Corona-isoliert posieren, hätte doch möglich sein müssen?«

»Ja! Ja! Seh’ ich auch so! Würde ein Bandleader mir ein bereits zugesagtes Gitarrensolo wegnehmen, würde ich die Band verlassen! ‒ Aber weißt du, dass sie mich im Krankenhaus in einen Taucheranzug gesteckt haben, um mich von dir zu isolieren?«

»Was?«

»Rede mal mit der Müllerin, die weiß mehr darüber!«

Ich will nachhaken, doch Müller ist schneller.

»Ich denke, dein Chef hat dir diesen Schlitten nicht so unüberlegt angeboten?«

»Du warst bestimmt ein guter Technischer-Leiter!«

»Ach kann sein, kann nicht sein? Im Krankenhaus hatte er mich jedenfalls nicht besucht! Und wegen des Autos? Dazu kann ich nur sagen: Fahrspaß und Neidattacken halten sich die Waage!«

»Dein Chef konnte dich gar nicht besuchen, wir standen doch unter Quarantäne!«

»Ja, ja! Er hatte sich bei meiner Frau erkundigt, ob er mich besuchen könne, und sie verneinte! Ich weiß! Ist mir vorhin nur so rausgerutscht. Selbst war ich auch lange Chef! Meine Mitarbeiter habe ich nie zu Hause oder im Krankenhaus besucht, nur zu Beerdigungen ging ich selbstverständlich hin!«

»Na? Immerhin!«

»Die Chefin oder der Chef im Kuhstall ist die Bäuerin oder der Bauer. Im Schweinestall ist es auch nicht anders! Die Tiere erkennen sie. Sie versorgen und töten sie oder lassen sie töten. Die Tiere wissen das und hoffen jeden Tag auf Ersteres und verdrängen Letzteres, wenn sie ihrem Boss ‒ männlich oder geschlechtsneutral oder weiblich ‒ begegnen! Überall dasselbe!«

»Ach, heutzutage ist das wieder anders!«

»Jetzt im Ruhestand, bin ich mein eigener Chef!«, frohlocke ich: »Gefällt mir besser! Fast hätte es ‒ Corona-bedingt ‒ nicht geklappt!«

Ich durchquere eine Hofeinfahrt vor einem alten, putzigen Fachwerkhaus.

»Dein Schloss ist schön!«, sage ich anerkennend.

Müller nickt sanft und öffnet die Autotür. Während des Aussteigens sagt er: »Ich war schon seit jeher mein eigener Chef!«, und lacht, »Warte mal, ich hole Klebeband für deinen Außenspiegel!«

»Oh! Danke! Das ist lieb von dir!«

Müller bandagiert das Außenspiegelgehäuse, bis aus dessen Schwarz ein blasses Ocker entstanden war und winkt mir mit seiner freien Hand ‒ dabei rufend ‒ zu: »Bis nächsten Samstag? Ja?«

»Um zwölf?«

»Yes!«, antwortet er und winkt immer noch.

Ich winke zurück und rolle allradgetrieben in Zeitlupe vom Hof.

Nach 12 von Müller und mir hochbefriedigend verbrachten Faulenzertagen ‒ sechs von jedem ‒ rolle ich nun mit einem klavierlackschwarzen Zwillingscoupé ebenso gemächlich auf Müllers Vorhof, wie ich ihn vor einer Woche verlassen hatte.